Epistemisch, wasn das?

Ich hab ja neulich bei Medienelite gelesen, dass Wikipedia schnell und einfach dabei hilft, rauszufinden, was epistemische Gewalt ist. Das wollte ich mal ausprobieren, und das ist jetzt nicht als Seitenhieb gedacht, sondern einfach nur aus Interesse, um zu schauen, ob das wirklich so leicht ist. Ich wusste nämlich auch nicht, was epistemische Gewalt ist.

Also habe ich “Epistemisch” bei Wikipedia eingegeben. Dann kam eine Seite, auf der stand,

Bild 1

Das Wort epistemisch (von griechisch επιστήμη, epistími, altgriechisch epistḗmē ausgesprochen; „Wissenschaft“) bezieht sich auf
* einen Begriff in der Epistemologie (Erkenntnistheorie), zu unterscheiden von dem theoretisierenden epistemologisch
* das Wissen; beispielsweise epistemische Autorität oder epistemische Logik
* epistemische Modalverben in der Grammatik, welche zum Ausdruck des Wissens um die Sicherheit oder Unsicherheit einer stattfindenden Handlung eingesetzt werden

Hm. Ich habe dann “Epistemologie” angeklickt. Da steht, Epistemisch wäre nicht das selbe wie espistemologisch, also ist es eigentlich quatsch, “Epistemologie” anzuklicken, aber was soll ich sonst anklicken? Einfach “Wissen”?
Also, erstmal “Epistemologie”. Da klickte ich und da steht:

Die Erkenntnistheorie oder Epistemologie ist ein Gebiet der Philosophie, welches sich mit Fragen der Art befasst, wie Wissen zustande kommt, welche Erkenntnisprozesse denkbar sind, wie Wissen unter den verschiedenen Voraussetzungen begründet ist, und woran man erkennt, dass Wissen tatsächlich aufgrund von Erkenntnis angeboten wird. Von Interesse ist hier vor allem, welche Art von Zweifel an welcher Art von Wissen grundsätzlich bestehen kann.

Hm. Also, das wäre Epistemologie. Ein Fach, das klärt, wie Wissen und Erkenntnis funzt. Epistemisch ist aber was anderes. Das stand ja auf der vorigen Seite. Was ist es denn nun? Da kommt jetzt ein ellenlanges Inhaltsverzeichnis, wo steht, was die Epistemologie an Entwicklung vom antiken Griechenland bis zu heutigen Zeigen durchgemacht hat. Auf der vorigen Seite stand, epistemisch sei ein Begriff in der Epistemologie. Wahrscheinlich kriege ich nicht raus, was es heisst, wenn ich stattdessen die Geschichte der Epistemologie durchlese. Ausserdem hab ich nicht soviel Zeit und werde bald müde. Also seh ich mich um, über dem Artikel steht:

Dieser Artikel behandelt die philosophische Disziplin Erkenntnistheorie bzw. Epistemologie, in der es um die Bewertung und Begründbarkeit von Erkenntnis geht. Siehe auch den grundlegenden Artikel Erkenntnis, sowie den Artikel Épistémologie für die französische Strömung des 20. Jahrhunderts, die sich eingehender mit historischen Wissenformationen, „Epistemen“, befasste.

Aha! Episteme sind “historische Wissensformationen! Jedenfalls in “der französischen Strömung des 20. Jahrhunderts”. (Wasn für eine Strömung? Ach, erstmal egal)
Vielleicht ist die Bedeutung von “Epistem” ausserhalb dieser ominösen französischen Strömung ähnlich.

Hier komm ich nicht weiter, gucke ich mal unter “Wissen” – dem 2. Link der vorigen Seite.
Da steht ja, “epistemisch” bezieht sich auf das Wissen, beispielsweise epistemische Autorität oder epistemische Logik. Klicke ich “Wissen” bei Wikipedia, dann sehe ich eine Statue, Episteme, das ist eine Personifikation des Wissens gewesen im alten Griechenland.
Also ist ein Epistem tatsächlich ein “Klotz von Wissen” oder eine “Portion Wissen”? Und “epistemisch” wäre “wissensmässig”? Der Artikel ist sehr, sehr lang. Ich bin aber schlau und benutze die Browser-Suche und suche nach “epistemisch”. Das kommt nicht ein einziges Mal vor. Aber “episteme” kommt zweimal vor. Einmal heisst die altgriechische Göttin oder hm.. Gestalt so, und dann nochmal. In diesem einen Satz: “So wird bereits dem Sophisten Protagoras die Ansicht zugesprochen, dass man nicht zwischen einfachem Meinen (dóxa) und Wissen (episteme) unterscheiden könne”.

Ok, also vermute ich: Epistem ist das selbe wie Wissen, nur dass es bei Wissen keine Einzahl und Mehrzahl gibt. Es gibt nur Wissen, nicht ein Wissen, zwei Wissene, oder so. Aber es gibt ein Epistem, zwei Episteme und so weiter. Also würde ich das übersetzen mit “Ein Stück Wissen”.
Und epistemische Gewalt ist sowas wie Gewalt durch Wissen. Wissen ist Macht – und wer mehr weiß, kann damit andere fertigmachen, und das ist dann epistemische Gewalt.

Eigentlich hat das schon auf der ersten Seite gestanden, nämlich in diesem einen Satz:

Das Wort epistemisch (von griechisch επιστήμη, epistími, altgriechisch epistḗmē ausgesprochen; „Wissenschaft“) bezieht sich auf
(..)
* das Wissen; beispielsweise epistemische Autorität oder epistemische Logik

Aber ich habe dem nicht so richtig getraut. Ich habe auch den Wald vor lauter Bäumen nicht gesehen. Irgendwie hab ich das nicht gecheckt. Also, ich finde, Silbertablett geht anders. Oder es war doch da, und ich bin einfach zu begriffsstutzig gewesen. Jedenfalls ging es in der Liste unter, ich habe auch durch die Form der Seite gemeint, ich müsste mich weiter durchklicken, bevor ich zu der “richtigen” Definition komme.

Was besser gewesen wäre, wäre zu googlen. Da kommt als 2. Link “wictionary” und da steht:

Bedeutungen:

[1] wissend, erkennend, Beispiel: epistemische Wahrnehmung
[2] das Wissen bzw. die Erkenntnis betreffend, Beispiel: epistemische Autorität

Synonyme:

[1] erkenntnismäßig
[2] wissensmäßig

Gegenwörter:

[2] gefühlsmäßig

Hey, Chaka! DAS nenne ich Silbertablett.

Ich hab aber auch noch ein Fremdwörterbuch zuhause, vom Dudenverlag. Darin steht:
“Epistemisch -> epistemologisch.”
WAS? Laut dem Duden ist das das selbe? Wiesoooo denn auf einmal? Ich bin enttäuscht!! Kein Wunder dass ich mit dem Duden schon öfter angeschmiert war!
Und dann: “Epistemologisch: Die Epistemologie betreffend, erkenntnistheoretisch.”

Fazit:
Wikipedia ist kein Silbertablett.
Wictionary ist das Silbertablett.
Mit Duden bin ich gearscht!!

Nachsatz: Weil das nun wirklich als so ein Seitenhieb rüberkommt (und so rüberkommen muss) auf Nadines Artikel, will ich nochmal explizit dazusagen, dass ich einige Sachen in ihrem Artikel auch gut fand, z.b. das Thema Wissen teilen und Umverteilen. Ich dachte nur, vielleicht wäre das interessant, mal einen Erfahrungsbericht zu posten, wie das ist, wenn man einen Begriff nicht kennt und dann ausgerechnet bei Wikipedia sein Glück versucht. Die medizinischen Wikipedia Artikel sind aber, so finde ich, noch schlimmer.

Nachtrag 2: Ich habe dann noch “epistemologisch” beim Wictionary nachgeschlagen, und da steht auch, “Epistemisch” hätte die gleiche Bedeutung. Das find ich aber nicht, weil “erkenntnistheoretische Gewalt” ist doch nicht das gleiche wie “Gewalt durch Wissen”. Oder liege ich die ganze Zeit falsch?

7 thoughts on “Epistemisch, wasn das?

  1. Danke, genau so! Keiner von uns wird diese abartige Vokabel brauchen, es sei denn als prätentiöse Präziose eingestreut in einen hochgetunten salononphilosophischen Formel-1- Diskurs usw. Aber wenn einer uns gegenüber das Wort mal anwendet, dann soll er´s auch übersetzen/erklären, da lachen wir uns doch heut´schon ins Fäustchen.
    Des weiteren schlage ich vor, es mal mit “heuristisch” und “hermeneutisch” zu versuchen… km

  2. Haha, super. Ich bin genauso wie du vorgegangen und war bald ähnlich genervt. Hab dann allerdings recht schnell gegoogelt und bin auf deinen Text hier gestoßen. Danke ;)

  3. Genau so ging es mir auch gerade :D leider steht in meiner Vorlesung: epistemisches Wissen. doppelt gemoppelt? so richtig was damit anzufangen weiß ich leider immer noch nicht, is es das megawissen?? kp…

  4. Was sagt uns das, letztlich? Ist die Kenntnis das Altgriechischen also Voraussetzung für das Verständnis von Begrifflichkeiten, welche im Dudnuniversum nur mit Querverweisen fassbar zu sein scheinen und darüberhinaus wiederum widersprüchlich oder mindestens verunklarend daherkommen?
    Insbesondere die Frage nach der substantivischen Form, also begrifflich als Epistemik, wird weder durch die genannten “Silbertabletts” deutlich, noch bringt der Rückgriff auf die Ethymologie (KLUGE) irgendweche Aufschlüsse zu ihrem Bedeutungsaspekt. Also doch Epistemologie im Verständnis von Erkenntnistheorie?
    Der Sinn einer “attributiven” Verwendung ist ja doch der, Anschaulichkeit oder Deulichkeit, sprich Gewißheit (Evidenz) zu stiften. Inwieweit jene durch die deutschen Synonyme “erkenntnismäßig” oder “wissensmäßig” gerade in der frazösischen phlilosohische Strömung des 20. Jahrunderts abgedeckt werden kann (von Bergson über Althusser und Foucault bis Lacan) sei einmal dahingestellt; problematisch erscheinen mir viel mehr die Komposita, welche über die attributive Verwendung hinausgehen (–>epistemische Autorität) und in, beispielsweise, der “Epistemik des Holocaustes” ihren Niederschlag finden, was erkenntnistheoreitsch zwar ein ungeheier ambitioniertes Unterfangen darstellt, auf der anderen Seite allerdings die Gefahr birgt, als Metadiskussion wahrgenomen zu werden und ihre Zielvorstellung, wie Wittigenstein formuliert: ..die Erkenntnistheorie dort beginnt, wo der Zweifel an der Realität einsetzt.., verfehlt.

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