Racism is in the Air… Rassismus liegt in der Luft…

Ja, das wird mal wieder einer dieser Artikel. Schon der Titel lässt es ja erahnen. Mann, war das eine Woche! Ich schreibe das hier eigentlich, weil ich diese Woche auf Facebook viel diskutiert habe, und es eigentlich schade finde, wenn das nur auf Facebook verbleibt und nichts zu einem dezentraleren Austausch im Netz beitragen kann. Ich mag diese Bündelung auf Facebook nicht. Ich hab nichts Neues beizutragen, deshalb will ich nur noch ein wenig Gewicht in eine der Waagschalen werfen, explizit nicht mitmachen beim Trotzgeheule des weißen Bildungsbürgertums, das dringend rassistische Wörter nicht nur behalten will, sondern auch ohne jegliche Widerrede behalten dürfen will.

Nadine Lantzsch sagte neulich auf Facebook, dass es ganz schön ätzend ist, wie 2013 losgeht: Weißbrot-Deutschland und seine Feuilletonisten regen sich auf, dass rassistische Begriffe aus Kinderbüchern genommen werden, Feministinnen dissen andere Feministinnen dafür, dass sie zu radikal seien und neben dem Feminismus noch Rassismus scheisse finden, Antifas kriegen 22 Monate Haft aufgebrummt weil sie was falsches in ein Megafon gerufen haben, Studis sprengen feministische Veranstaltungen..

Aber so am meisten hat das Thema Rassismus bei mir diese Woche vorgeherrscht. Das ging gleich Montags los, als eine Freundin von mir von einem persönlichen Erlebnis mit Alltagsrassismus in ihrem Foodblog berichtete: Kaiser’s Tengelmann GmbH, mein Leben in der Filterbubble & freundlicher Alltagsrassismus. Sie hatte als Entschuldigung für mehrmals vergammeltes Fleisch einen Präsentkorb bekommen, und als sie ihn abholte, hatten ihr die Leute dort lauter türkisch-marrokkanisch-arabische Spezialitäten eingepackt, wohl aufgrund ihres kurdischen Namens. Fand sie jetzt nicht… ganz so doll. Es dauerte auch nicht sehr lange, bis das Derailing (Abwiegeln, Entgleisen, Relativieren) in den Kommentaren losging.
Dann musste ich feststellen, dass das geniale “Derailing for Dummies” nicht mehr online ist, “account suspended”, steht da. :-( (Der Link führt zu “Feminism 101” wo die Seite gespiegelt wurde).
Naja, dann munter weiter: Die EMMA 1/2013 ist draussen und was im Dezember schon relativ klar war, wurde zur Gewißheit: Alice Schwarzer bestimmt, was Feminismus ist und erklärt Schwarzen Feminist_innen, dass sie keine Feminist_innen sind, sondern “Sektiererinnen”:

Und laut dieser Debatte haben alle „People of Colour“ und ihre Gefolgsleute erst mal recht – und alle Weißen unrecht. Vor allem die „privilegierten weißen Mittelstandsfrauen“, wie die, die in der Berliner Bloggerinnen-Szene zurzeit unter dem Diktat von Sektiererinnen kuschen.

Ach, da waren sie wieder, meine drei Probleme… will ich seufzen. Diese auffallende Merkbefreitheit, mit der ansonsten gebildete und intelligente Weiße verbreiten, dass Antirassismus und kritisches Weißsein bedeute, “alle Weißen” hätten “erst mal unrecht”. Davon, dass es so oft wiederholt wird, wird es nicht wahrer. Theoretisch. Aber rein praktisch schaffen diese Leute natürlich Realitäten: Indem sie sich das gegenseitig oft genug vorbeten, bringen sie die anderen Stimmen, die ihnen erklären und begründen könnten, wie es tatsächlich gemeint ist, zum Schweigen.

Anderntags bei Twitter reingeschaut. Das Thema war gerade: fremdschämen für die “ZEIT” – warum denn das, ich gucke also mal zur “ZEIT”: OMGoddess uaaaaaaaaaaaah… Die Titelseite ist überzuckert mit einer Collage aus Figuren, die zu einer Zeit entstanden sind, als Europa fast die ganze Welt kolonial beherrschte, und dazwischen prangt ganz groß das N-Wort. (Hier ein Link zu einer Abbildung dieser Titelseite) Was ist denn hier los?? Was an mir vorbeigegangen war und dann doch der EMMA die Schau stiehlt, und wo ich immer noch grosse Probleme habe, es nachzuvollziehen: Weißbrot-Deutschland stampft trotzig mit dem Fuss auf und schreit “N*, N*, wir wollen N* sagen!!” Laut der taz ist es so gelaufen:
Ein Papa schreibt an den Verlag von Ottfried Preussler, dass seine kleine Tochter ein Buch, was sie geschenkt bekommen hat, nicht in Ruhe lesen kann, weil darin rassistische Beleidigungen stehen, die sie verletzen. Der Verlag schreibt dem Papa zurück, dass es auch sein Brief war, der dem alten Preussler klargemacht hat, dass es nicht geht, dass Kinder beim Lesen seiner Kinderbücher verletzt und abgewertet werden. Also gab Preussler grünes Licht, und der Verlag Thienemann warf das N-Wort (und andere Wörter, die man heute einfach nicht mehr sagt und/oder versteht, wie “Kinder durchwichsen”) aus der neuen Auflage raus.
Und jetzt ist das Geheule gross. “Unsere” Kindheitserinnerungen, die “Weltliteratur” sind in Gefahr! Diktatur! Zensur! 1984!
Über dem Inhaltsverzeichnis der ZEIT steht z.B. gross und breit:

“Zensierte Kinderbücher” – muss Pippi Langstrumpfs Vater heute “Südseekönig” sein?

Jetzt frage ich mich, wie intelligente Menschen auf die Idee kommen, dass Änderungen an Büchern in Absprache mit den jeweiligen Autor_innen bzw. deren Erben “Zensur” sein sollen. Ich kann es mir immer noch nicht erklären. Falls das hier jemand liest, der diese Idee auch im Kopf hat, dann bitte, bitte, lies das hier: On Censorship von Accalmie auf Stop!Talking.(englisch). Wer des Englischen nicht so mächtig ist: Auch die Kommentare von Accalmie unter diesem Artikel der Fuckermothers “Rassismus raus aus Kinderbüchern” sind eigentlich schon eigene Blogartikel wert. Es geht da zwar nicht explizit um die Unvernünftigkeit des “Zensur, Zensur”-Geschreis, aber auch ums Thema Kinderbücher und viele andere Punkte zu genau dem Thema.

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus, Ich las mich ein. Ich las (ausser den bereits verlinkten Artikeln):

Aktuell bekam ich noch mehr Links, es läuft eine mehr als nur erfreuliche Diskussion, die den entsetzten N-Wort-Freunden im Feuilleton Paroli bietet. Ich stellte zwei Artikel bei Facebook rein, nämlich den von Simone Dede Ayivi im Tagesspiegel und den Toastbrot-Artikel von Nadia.
Eine (anonymisierte) Auswahl der Reaktionen (In denen das N-wort stets ausgeschrieben war):

Wenn ich mit Kindern in einem älteren Text das Wort “N.” lese, sollte es mir ein Leichtes sein, zu sagen, dass das Wort nicht mehr gebräuchlich ist. Jedes Lexikon und jeder Mensch unterscheidet zwischen umgangssprachlich, hochsprachlich, literarisch und veraltet. Literatur umzuschreiben, nur, weil man diese Unterschiede nicht begreifen will, halte ich für kriminell.

Diese Anpassung “an zeitgemässe Sprache” macht mich, offen gestanden, entsetzlich wütend. (…) Das liegt doch auf demselben kulturellen Niveau wie die Puritaner, die griechischen Marmorstatuen einen Lendenschurz umwickeln wollten, weil sie sich durch den Anblick nackter Menschen beleidigt fühlten.

1984 ist näher als man denkt. das schröderchen und sein ministerium leistet da ganze arbeit.
wann werden die schriften luthers, wann thomas mann “redigiert”?

Ich habe meinem Kind jedenfalls erklärt, warum in manchen alten Texten zwar Worte wie “N.” oder “M.” auftauchen, wir aber heutzutage so nicht mehr reden. Der Effekt ist ein gutes Gespür für Sprache und ein frühes Bewusstsein dafür, was Rassismus bedeutet. Ich jedenfalls ziehe ein bewusstes und denkendes Kind einem lediglich durch Zensur auf Linie gebrachten Kind vor.

Distel, es geht um Eingriffe in literarische Werke, verstehst Du das nicht?

…..

Besonders beim letzten Satz klingelte das bei mir: Nein, ich verstehe das nicht. Für mich sind “literarische Werke” an sich nicht so heilig, dass ich sie über Menschen stelle. Für mich ist ein einziges Kind und dessen Gefühle wichtiger als die ganze Heiligkeit der “Weltliteratur”.
Vielleicht bin ich auch ein Kulturbanause. Oder nicht belesen genug. Jetzt verlinke ich doch mal einen der Zeit-Artikel, weil da drin steht, dass 85% der Leute mit Hauptschulabschluss ohne Lehre mit einer Änderung okay gehen, aber nur 37% der Leute mit Hochschulabschluss. Vielleicht habe ich diese Werte einfach als Kind nicht anerzogen bekommen..? Meine Eltern haben schon versucht, mich zu einem gebildeten Menschen zu erziehen und mir Bildung zu ermöglichen – aber dieses sockeln von “DER Literatur”, weil das “eben so ist”, weil “das ist LITERATUR!!” geht mir ab. Aus meiner Perspektive trägt das schon religiöse Züge. Ich habe das schon öfter fasziniert beobachtet, mit welcher Ehrfurcht man in den “gebildeten Schichten” vor kulturellen Werken auf die Knie zu fallen hat, und es dann auch tut. Ich sag nur: “Der Wolf… das Lamm… Hurz!!!”

Etwas traurig sah ich mir an, wie diese Kommentare, die die heilige Literatur gegen die Kritik afrodeutscher Eltern in Schutz namen, “gefällt mir”-Herzchen bekamen. Ein wenig verdrossen fragte ich mich, ob ich nach dieser Geschichte die Hälfte meines weißen Facebookfreundeskreises vergrätzt haben werde. Und dann wieder erinnerte ich mich seufzend daran, dass es Leute gibt, die sich das nicht aussuchen können, so wie ich, ob sie sich mit dem “Thema” Rassismus befassen wollen oder nicht, die sich nicht aussuchen können, ob sie ihren Freundeskreis vergrätzen oder nicht, sondern eher, ob sie mit dem Nichtvergrätzen ihres Freundeskreises in Kauf nehmen wollen, ihre ganze Existenz zu leugnen oder nicht. Das hat Noah Sow gesagt und oft wiederholt, und Accalmie schrieb unter dem Artikel der fuckermothers:

Es scheint einigen nicht klar zu sein, aber hier wird allen Ernstes essentiell darüber diskutiert, ob man Schwarzen Menschen auch in Kinderbüchern allein begriffliche Humanität zugestehen sollte oder nicht (…rassistische Tropen oder Muster sind hier ja noch nicht mal Thema). Für PoC ist das aber keine literarische Übung, sondern hier diskutiert man über Lebensrealitäten.

Das wäre eigentlich ein guter Schlußsatz, oder auch, was mir immer wieder einfällt, wenn ich diese Dinge miterlebe: Wie wenig Empathie (Mitgefühl/Sich reinversetzen) den Betroffenen von Rassismus oft entgegengebracht wird. Ob auf Kritik an rassistischen Handlungen oder rassistischer Sprache sich ellenlang Gedanken gemacht wird, wie es denn “gemeint war”, was z.B. die armen, armen Menschen bei Kaisers gefühlt oder gedacht haben könnten, als sie Shermin ihren “Türkinnenpräsentkorb” zusammenpackten, oder ob sich Sorgen gemacht wird, ob bald die gesamte Weltliteratur verboten und verbrannt wird, weil Preussler und die Lindgren-Erben nach 50, 60 Jahren endlich zur Einsicht gekommen sind, dass man Bücher auch mal an heutige Sprache anpassen kann.

However. Das war also ein wenig mein Versuch, das Blablah dieser Woche, diese Facebook-konversation, auf ein weniger flüchtiges, zentralisiertes, und besser lesbares Plätzchen zu übertragen. Wenn sich davon jemand vergrätzt fühlt, dann ist das eben so. Würde mich aber wirklich freuen, wenn’s nicht so ist. Denn eigentlich hat niemand uns Weißen was getan – ausser unser Recht in Frage zu stellen, zu bestimmen, was Rassismus ist und wie sich die Menschen, die wir als “die Anderen” schubladisieren, zu fühlen und zu verhalten haben.

Grada Kilomba, “The Mask”:

The mask raises many questions: why must the mouth of the Black subject be fastened? Why must she or he become silent? What could the Black subject say, if her or his mouth were not sealed? And what would the white subject have to listen to? There is an apprehensive fear that if the colonial subject speaks, the colonizer will have to listen. It would be forced into an uncomfortable confrontation with ‘Other’ truths.

Diese “anderen Wahrheiten” sind doch auch eine Chance. Mehr Meinungsfreiheit, mehr Diversität, mehr zu hörende Stimmen. Es ist doch eine aufregende Zeit, eine schöne Sache, dass die Sprachlosigkeit endlich aufweicht, die vielen Menschen auferlegt war. Gut, “bequem” geht anders. Aber seit wann ist “bequem” so toll.

PS: Bitte bedenkt beim Kommentieren, dass ich in meinem Blog möchte, dass ihr für Schwarze/People of Color usw. die Begriffe verwendet, auf die sich in Deutschland zur Zeit als politische Selbstbezeichnung halbwegs geeinigt wurde. D.h. “Schwarze” und/oder “People of Color” oder “Person of Color”. Ausserdem kürzt bitte das N-Wort ab oder schreibt es eben nicht aus. Sonst muss ich das tun und die Originalschrift eures Kommentars abändern. Und ich hab auch noch anderes zu tun ;)

6 thoughts on “Racism is in the Air… Rassismus liegt in der Luft…

  1. (Anm: Ausgeschriebene N-Wörter habe ich in Absprache mit Rivka abgekürzt, mit “N.” – im Kontext des Themas weiss ja jede_r was gemeint ist. Distel)

    Hallo Distel,

    ich bin, wie du weisst, gegen Rassismus UND gegen die Zensur von Literatur, auch von Kinderbüchern.
    Und ja, ich habe Respekt vor dem geschrieben Wort. Einmal vor der Literatur. Und ja, es gibt Sprache, es gibt Bücher und Geschichten, die sind tatsächlich zum Niederknien. Aber ich hätte vor dem alltäglichen geschriebenen Wort und dessen Autor/in genauso viel Respekt. Wenn ich einen Brief schreibe und unterzeichne, dann will ich nicht, dass der geändert wird – auch nicht vom Empfänger und auch nicht von meinen Nachkommen.
    Kultur (und als Teil davon Literatur) bewahrt immer auch ein Bild der Zeit, in der sie entstanden ist. Pippi Langstrumpf ist KEIN zeitgenössisches Kinderbuch, und warum sollte man so tun müssen, als wäre es das? Alle diese Begriffe die, wie “N.” auf die Überheblichkeit europäisch-kolonialer Sichtweise und deren Selbstverständlichkeit über lange Zeiträume hinweg verweisen, sollten stehen bleiben, weil sie nämlich den europäischen Leser dazu bringen, sich ein bisschen für seine/ihre Vorfahr/innen fremdzuschämen, was nicht schaden kann. Nicht den Bezeichneten klagen solche Wörter an, sondern den, der jemanden so bezeichnet hat. So gesehen könnte man das Auswechseln solcher Wörter durchaus auch als Versuch verstehen, sich nachträglich reinzuwaschen. Ich finde es besser, Pippi Langstrumpf und Huckleberry Finn im Original vorzulesen, auch wenn ich dabei rot werde, und dem Kind zu sagen, ja, so waren wir.
    So überheblich.
    So bescheuert.
    So selbstverständlich vernagelt, dass nicht einmal grosse Geschichtenerzähler sich davon distanzieren konnten, weil sie Teil des Zeitgeists waren. (“Was ihr den Geist der Zeiten heisst / Ist nur der Herren (sic!) eigner Geist / In dem die Zeiten sich bespiegeln.” (Goethe, Faust)
    Nein, ich werde der Geschichtsvergessenheit, die sich auch irgendwie auszubreiten scheint in letzter Zeit, nicht Vorschub leisten. Auch nicht, in dem ich Geschichte aus literarischen Texten eliminiert sehen möchte, nicht für Erwachsene und schon gar nicht für Kinder.
    Sprache verändert sich anders, und vor allem nicht so ungeduldig. Es ist nicht nötig, alte Autoren wie Preussler zu bedrängen (und er ist bedrängt worden) seine Bücher zu ändern, und es ist nicht nötig, die Lindgren-Erben eine Entscheidung treffen zu lassen, die sie imho gar nicht treffen dürfen sollte, da sie das Buch nicht geschrieben haben. (Glaubst du ich möchte, dass meine Kinder nach meinem Tod in meinen Texten herumpfuschen, damit sie nicht mehr nach meiner Zeit aussehen, sondern nach ihrer Zeit? Nee. Da blamiere ich mich lieber posthum und stelle mich als Maßstab zur Verfügung, wie sich die Dinge seit meiner Zeit verbessert haben!)
    Wie gesagt, Sprache verändert sich geduldig, im Laufe der Zeit, ganz von selbst. Meist zuerst die gesprochene Sprache. Dann die Aktualitätsmedien, Zeitungen, Internet. Dann Bücher. Und irgendwann ist ein Wort, weil es in der Alltagssprache, im Tagesmedium, im zeitgenössischen (!) Buch nicht mehr gebraucht wird, veraltet. Man muss nur abwarten.
    Dann steht im Lexikon hinter dem Wort irgendwann “ungebräuchlich” oder “veraltete Bezeichnung für”, und jedes Kind merkt am Wort “N.-König”, dass Pippi Langstrumpf eben ein altes Buch ist und Literatur zeitgenössisch immer nur in Bezug auf die eigene Zeit. Und ist es nicht schön, dass wir es jetzt besser wissen?
    Wörter, wie gesagt, veralten ohnehin, wenn sie in oder ab der Gegenwart nicht mehr gebraucht werden. Kein Mensch schriebe HEUTE ein Kinderbuch mit einem N.-könig. (Vielleicht morgen wieder, und dann ist die Autorin schwarz, wer weiß.)
    Wenn man Wörter nicht veralten, also von der Gegenwart an absterben lässt, sondern sie aus der Vergangenheit herausprügelt, dann nimmt man der Literatur – und dazu zähle ich Bücher, Tagebücher, Blogs, Briefe und Einkaufszettel) eine ihrer wichtigsten Funktionen, nämlich (nach dem Motto “Show, Don’t Tell) Vergangenheit anschaulich zu bewahren.
    Ja, die Kolonialeuropäer, unsere Vormütter und Vorväter, waren von unglaublicher Arroganz dem Nichteuropäischen, Nichtweissen gegenüber. Und das sollte auch jedes Kind den Büchern ansehen, die sie geschrieben haben. Wenn wir das verhindern, dann beschönigen wir die Vergangenheit und verfälschen die (Sprach)Geschichte – und nehmen dem Kind die Freude, zu einer klügeren Generation zu gehören.

    • Manchmal will ich einem Kind keinen Anschauungsunterricht in Kolonialrassismus geben. Sondern dem Kind schlicht und einfach nur eine Geschichte vorlesen. Vielleicht dann halt gar keine Pippi mehr. Vielleicht gibt es heute ja mehr “starke Mädchen” in Büchern, so dass man Pippi nicht mehr so dringend braucht. Als ich Kind war, waren Mädchen in Büchern für Kinder oft ängstlich, schwach und Kanonenfutter zum retten, sonst nix. Und daher weiss ich auch, dass Kinderbücher etwas machen mit den Kindern. Und daher weiss ich auch, dass _mir_ dieser Spruch “das war damals halt noch anders als heute” in meiner Traurigkeit, wieso ich als Mädchen was schwächeres, dööferes, passives und folgsameres sein sollte, nicht weitergeholfen hat.
      Vielleicht sind nicht alle Kinder so. Ich war schon immer sensibel für Repräsentation und wie meinesgleichen repräsentiert werden. Und ich empfinde Mitgefühl für die Kinder (of Color), denen das mit den Kinderbüchern heute so geht.

      Zudem bleibt die Möglichkeit ja bestehen, an die das N-Wort enthaltenden Ausgaben heranzukommen. Zig Bibliotheken werden die Ausgaben bereithalten. Es gibt in Deutschland auch die “Deutsche Bibliothek” in Frankfurt am Main und Leipzig, deren Aufgabe es ist, alle Auflagen aller Bücher zu archivieren, damit eben sichergestellt ist, dass Änderungen nachvollziehbar bleiben. Wir sind hier nicht “bei 1984” und waren es auch vor 4 Jahren nicht, als Oetinger die Pippi-Bücher ändern liess. (Es ist nämlich schon 4 Jahre her.)

      Was du hier vorschlägst, – also diese Bücher als Anschauungsmaterial für eine Art Homeschooling über Kolonialismus heranzuziehen – das kannst du und jeder, der das möchte, auch weiterhin tun. Was dann halt wegfällt, ist, dass es alle anderen auch tun müssen, wenn sie diese berühmten Bücher wie Pippi und die kleine Hexe nicht ganz aus dem Kinderzimmer verbannen wollen.
      Wobei ich persönlich finde, dass Pippi vielleicht gut dafür geeignet ist, Kolonialismus zu erörtern – aber die kleine Hexe? Ich habe das Buch kaum mehr auf dem Schirm, ich habe es als Kind auch mal vorgelesen bekommen. Ich las, dass das N-wort darin nur an einer Stelle total nebensächlich vorkommt. Ich weiss nicht, inwiefern genau dieses Buch da so geeignet sein soll, um Kindern etwas über Rassismus und Kolonialismus beizubringen. Ich würde deshalb echt sagen, es wär doch am besten, es das sein zu lassen, was es wohl so berühmt gemacht hat: Einfach ne Geschichte für Kinder. Und wenn die Kinder, die die Geschichte lesen, darin immer noch abgewertet und entmenschlicht werden wie vor 60 Jahren, als das noch “normal” war, ist das einfach scheisse. Und ich glaube, genau deshalb hat Preussler eingelenkt. Und ich finde “Druck ausüben” manchmal gar nicht schlecht und durchaus notwendig. Total viele gesellschaftliche Veränderungen sind bloss zustande gekommen, weil Druck ausgeübt wurde. Marginalisierte Stimmen müssen immer Druck machen, weil wenn sie nur nett und freundlich fragen, liegt es in der Natur der Sache, dass die “Mitte” und “Mehrheit” darauf nix gibt.

      Für mich bedeutet “Show, don’t tell” vor allem Vorleben und selber ein Beispiel dafür sein, wie man sich wünscht, dass die Kinder sich verhalten sollen. Und ich lebe das meinen Nichten vor, indem ich die Stimmen Schwarzer Menschen versuche zu hören und zu respektieren, und das N-Wort nicht mehr unnötig reproduziere. (Aber bitte: Jetzt nicht mit dem Schwarzen Kumpel kommen, der das Wort benutzt und das ok findet. In dem oben verlinkten Text zur Fleischhauer-Kolumne schrieb Sabine: “Zuerst kennt Fleischhauer natürlich nur Schwarze, die das selbstverständlich auch in Ordnung finden. Klar, die „Einzelfälle“ aus dem Umfeld, wer erfindet sie nicht.” Dieses Argument “Ich kenne da aber wen, den stört es nicht, blabla” kommt einfach total oft von Weißen. Eigentlich in jeder Diskussion. Das hat U. auf Facebook angeführt, das war der Inhalt eines Kommentars, den ich deshalb nicht freischalten werde, und wenn Blogs, die über das Thema handeln, nicht kommentarmoderiert wären, würde das überall Dutzendmal darunter stehen.)

      Einiges, was ich hier schreibe, ist auch eine Wiederholung dessen, was in den oben verlinkten Texten steht, auch z.T. aus den Kommentaren von Accalmie unter dem fuckermothers-Artikel. Aber ich seh ja auch ein, dass es viel zu lesen ist, und viele die Zeit nicht haben, erstmal alle Links zu klicken und alles zu lesen. Ich ja oft auch nicht.

  2. Ich kann es nicht verstehen welches Problem die Literaten mit diesem Thema haben. Bücher wurden schon immer an die jeweilige Zeit angepaßt, man nehme nur mal das sogenannte Buch der Bücher, die Bibel! Wieviele Übersetzungen es davon gibt, auch neudeutsche wie die Gute Nachricht Bibel. Sprache ändert sich nun mal, und ich fände es eine Katastrophe wenn Neuauflagen weiterhin Menschenverachtendes Zeug von damals wiedergeben würden!
    In diesem Land war das auch mal normal, sollen wir diese Bücher etwa auch alle noch unseren Kindern vorlesen?
    Und es ist ja nicht so das die Kritiker jetzt alle alten Pippi Bücher verbrennen würden, die werden doch auch weiterhin bestehen bleiben und nur die die ab jetzt gedruckt werden, werden modernisiert. Und der Geschichte schadet es doch in keinem Fall, vielleciht könnte man bei den Büchern ein Nachwort mit weiteren Erläuterungen anfügen, damit es auch für spätere Generationen nicht vergessen wird. Wäre das nicht ein Kompromiss?

  3. Pingback: Mädchenmannschaft » Blog Archive » Lesestoff für das ganze Wochenende – die Blogschau

  4. ich finde, der eigentliche punkt ist: wo ist es eine rassistische handlung und wo ist es rassistische sprache, inwieweit lässt sich das in bezug auf ein bestimmtes buch/eine bestimmte geschichte trennen und was hat das buch mit der faktischen realität zu tun.

    es würde ja wohl keine_r auf die idee kommen, dass es guter und richtiger wäre, kindern hitlers mein kampf mit angepasster sprache vorzulesen. insofern find ich grade pippi und die kleine hexe eine echt kritische geschichte. es lässt sich nämlich nicht so leicht trennen. und grade pippi stemmt sich ja eigentlich mit ihrer art erfolgreich gegen etablierte herrschaftliche und sexistische normen. einerseits werden die südseekinder im buch freier und glücklicher beschrieben, andererseits fragt man sich, wieso wurde pippis weißer vater natürlich bei denen automatisch der könig. an der stelle ist es jedenfalls nicht mehr möglich, einen rassistischen inhalt (sei er einer bestimmten zeit oder einer grundsätzlich so gemeinten überzeugung eines autors/autorin geschuldet) von der verwendeten sprache zu trennen.

    die eigentliche frage ist ja, wieweit globale “rassen”- und geschlechter-gleichwertigkeit heutzutage tatsächlich fakt sind oder inwieweit die “zeitgemäßen” üblichkeiten und sprachlichen oder sonstigen normen nur ausdruck eines equal-washings sind (wie beim green-washing), die kaschieren, was tatsächlich weiter stattfindet.

    Deshalb bin ich einerseits froh um die diskussion. Und das viele peinliche empörtsein darüber, dass ein “kultur”-“gut”, das unerträgliche zustände erzeugt und manifestiert hat, die bis heute elendige realitäten zur folge haben, endlich demontiert werden kann, blamiert nur das wohlstandbürgertum oder was weiß ich, wen das so aufregt. und zeigt, dass es noch viele pippis braucht, bunte und neue und unkonventionelle, die sich absichtlich und gezielt kategorien entziehen und diese mit druck auflösen – insbesondere dann, wenn daran werte, normen und andere zuschreibungen geknüpft sind (weil pippi langstrumpf, das war doch die, die macht, was ihr gefällt und keine schul-plutimikation mag).

    andererseits frag ich mich, wieso es denen, die sich diese gewissen privilegien seit jahrhunderten genommen haben und die gleichzeitig so aufgeklärt tun, immer noch so schwer fällt, diese einzugestehen und einfach freiwillig abzugeben. wenn z.b. die globale welt-handels- und ökonomiesituation und das verhältnis zwischen arm und reich faktisch nicht immer noch so sehr rassistischen und sexistischen mustern entsprechen würde, wäre glaub ich die debatte über ein kinderbuch (oder auch zwei oder drei), das eigentlich mit einer intention geschrieben wurde, die bis heute kinder einfach stark machen kann, nicht so schwerwiegend. bzw. würde man dann nicht vielleicht einfach das buch in die südsee schicken und sagen; hier, ändert, was euch stört, oder schreibt es um und vertauscht alle farben?

    und ich denke, dass die diskussion auch deshalb so stark ins gewicht fällt, weil es leider keine neuen kinderbücher gibt (ich kenn keine), die mädchen und jungen als personen stark machen – frei und etablierten normen zum trotz – und ähnliche schlagkraft haben, wie z.b. pippi langstrumpf das damals für eine west-europäisch-partiarchalisch-geprägte welt erreicht hat. harry potter, das bübchen, ja wohl nicht, der lord, war auch der schwarze lord mit dem unaussprechlichen namen und nicht der weiße, wie hieß er noch hans oder paul oder otto normal.

    meine 2 cent.

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