Identitätspolitik – Schlecht oder Derailing für Fortgeschrittene?

Identitätspolitik (Homowiki)

Ich habe eben nachgeschlagen, was “Identitätspolitik” eigentlich sein soll. Ich habe das Wort nun schön des Öfteren gehört, und immer, wenn es um Empowerment und um Forderungen von marginalisierten Gruppen geht. Dementsprechend fand ich die Definition im Homowiki kurz, knackig und passt zu dem, wie ich den Begriff verwendet gehört habe.

Tja, mein Problem: Was ist denn eine gute andere Möglichkeit, wenn “Identitätspolitik” so schlecht ist? Es gab da mal vor vielen Jahren einen Text, den ich las, von Seyla Benhabib. Die Kernthese war so in etwa, wenn die Postmoderne der “Tod der großen Erzählungen” sei, und alles total dekonstruiert und differenziert ist, verliert eine politische Bewegung auch ihre Schlagkraft, weil irgendwo müssen die Leute mal sagen: “Das haben wir gemeinsam, und da wollen wir gefälligst Gerechtigkeit für uns”. Dieser Text war aus dem Buch “der Streit um Differenz”. (und die Texte von Judith Butler darin habe ich, wie alles von Judith Butler, was ich zu lesen versucht habe, leider nicht verstanden.)

Aber eine google-Suche nach Seyla Benhabib und Judith Butler und diesem Buch ergab diesen Text von Anne Wolf, in dem sie einen Abschnitt über Identitätspolitik hat. Sie schreibt: “Zu betonen ist, dass dies nicht heisst, sich von Identitätspolitik an sich zu verabschieden. Butler hat sehr deutlich gemacht, dass es ihr z.B. nicht um die Abschaffung der Kategorie Frau geht. Sie schlägt einen strategischen und reflektierten Weg vor, mit Identitäten Politik zu machen, d.h. sich über die dabei produzierten Ausschlüsse bewußt zu sein. Einige Exklusionen sind ja durchaus erwünscht. Ihr Konzept ist eine Bündnispolitik, die in der Lage ist, die gemeinsame Basis offen zu halten und nicht zur unhintergehbaren Grundlage zu erklären.”

Das ist halt auch nur ein Krümchen Text, der in einer Abhandlung vorkommt, die durchzuackern mir die Zeit und Energie fehlt. Aber es ist ein Anhaltspunkt und etwas, was klingeling gemacht hat. Interessanterweise steht in dem Abschnitt “Identitätspolitik” nicht, dass Identitätspolitik davon ausgeht, dass die dominierte Position mehr erkennt. Da steht vielmehr, dass die Identitätspolitik Ausschlüsse produziert. Und wenn das Problem von Identitätspolitik das ist, dass sie Ausschlüsse produziert, dann muss ja eine Machtposition vorhanden sein, von der aus Menschen ausgeschlossen werden können.

Das heisst für mich: Identitätspolitik ist problematisch, wenn sie von einer privilegierten Gruppe gemacht wird, die gleichzeitig marginalisierte Gruppen ausschliesst als Teil von dieser Identitätspolitik. Identitätspolitik kritisieren läuft aber nicht, indem der Begriff marginalisierten Gruppen wie ein Knüppel übergezogen wird, wenn sie auf diese Ausschlüsse aufmerksam zu machen versuchen. Das ist doch das Pferd von hinten aufgezäumt. Das ist doch voll der Theoriemißbrauch.

Eigentlich ist das eine Handlung, die bedeutet… Minderheiten zum Schweigen zu bringen.

8 thoughts on “Identitätspolitik – Schlecht oder Derailing für Fortgeschrittene?

  1. (Diskussion aus dem anderen Blogeintrag https://distels.wordpress.com/2013/03/14/ganz-kurz-mal-zum-klassismus-und-der-diskussion-grade/#comment-173 , hierher verlegt)
    “Vielleicht würde es mir helfen, wenn du mir die Geschichte von Butler und den gescheiterten Identitätspolitiken erklären könntest, wessen das waren, und inwiefern sie für wen genau lebensgefährlich wurden. Für Queers of Color, oder? Und wessen wie aussehende “Identitätspolitik” wurde denen gefährlich? Die der Mainstream-Schwulen-Lesben-Bewebung? oder der weiße bürgerliche Feminismus? Aber wieso wendest du das Beispiel dann an auf Marginalisierte, die “Identitätspolitik” machen? Das meinte ich doch grade, dass das von “unten nach oben” nicht genauso klappt, und ich hab das Gefühl du drehst das um, was eben genau nicht geht! ”

    Also ich versuch’s, das war oben etwas zu knapp, sorry. Identitätspolitiken produzieren um eine Wir-Gruppe herzustellen ganz notwendig Ausschlüsse im Sinne von wer gehört dazu und wer nicht. Das sind erstmal banale Ausschlüsse, die auch jeder Briefmarkensammel-Verein macht, denn der richtet sich ja auch nicht an schallplattensammelnde Briefmarkenhasser. Aber Identitäten, die so eng mit Diskriminierungen verwoben sind wie homosexuell, schwul, lesbisch, klassismus-betroffen usw., sind komplizierter als “Briefmarkensammeln – ja oder nein?”* und irgendwann kommen Gruppen an einen Punkt wo sie relativ deutlich sagen müssen, wer zum “Wir” dazugehört. Banalstes Beispiel wären Gruppentreffen, Workshops oder Parties bei denen, sobald die Gruppe über Freundeskreisgröße hinausgeht, überlegt wird, wen wollen wir dabei haben, wer darf kommen, wer gehört zu uns, für wen wollen wir kämpfen, wen wollen wir empowern.
    In der US-Schwulenbewegung der Achtziger waren solche Fragen, die in der AIDS-Krise dann total wichtig geworden sind: Wer gehört zu uns? Wer zählt zur Schwulenbewegung dazu? Nur Männer, die sich selbst als schwul sehen? Männer die ihre Identität als schwul begreifen? Männer die Sex mit Männern und Frauen haben? Nur Männer, die sich auch in Männer verlieben? DragQueens? Männer, die sich selber nicht als schwul sehen, sondern einfach so Sex mit Männern haben? Stricher, die mit Männern Sex haben? Drogenabhängige Schwule? Wer macht in den Homoorganisationen mit, wer ist erwünscht und wessen Bedürfnisse werden bedacht und wessen nicht? und so weiter…
    Dabei war der Mainstream innerhalb der Bewegung, die großen Homoorganisationen etc, stark von weißen Mittelklasse-Schwulen dominiert (die aber natürlich gegenüber der Mehrheitsgesellschaft trotzdem marginalisiert waren), die um Anerkennung, rechtliche Gleichstellung, Toleranz und Repräsentation kämpften. Mit der AIDS-Krise ging es dann auf einmal im wahrsten Sinne des Wortes um Leben und Tod, es gab noch kaum/keine Medikamente, die Übertragungswege von HIV waren unklar, die Leute starben wie die Fliegen, aber es gab keinerlei politische Anerkennung, dass es eine ernstzunehmende Krise gibt, es gab kaum staatliche Hilfe oder Forschungsfinanzierung, eher im Gegenteil, konservative Politiker bezeichneten AIDS als Strafe Gottes für Homosexualität oder schwiegen einfach zur Krise.
    Viele der Forderungen der Mainstream-Bewegung konzentrierten sich deswegen auf Erforschung von Behandlungsmethoden, Zulassung neuer Medikamente, Forderungen nach Anerkennung und Toleranz gegenüber Homosexualität etc. (was ja ganz ohne Zweifel wichtig war, aber eben nicht für alle Betroffenen “genügte”). Da aber nun in den USA verhältnismäßig wenige Leute eine Krankenversicherung haben (und selbst die, die eine hatten, oft nicht davon ausgehen konnten, dass die für AIDS-Behandlung aufkam und selber zahlen mussten), waren das Forderungen, die primär dem finanzkräftigeren Teil der Bewegung zu Gute kamen.

    Die Ärmeren (überprozentual vertreten darunter Schwule PoC, Leute mit Drogenproblemen, Stricher, Prostituierte…) konnten auf die langsam aufkommenden neuen Behandlungsmethoden gar nicht zugreifen, da sie dafür nicht die Kohle hatten. Für die wäre also (natürlich neben einer Änderung ihrer finanziellen Situation) eher Aufklärung über Übertragungswege, Zugang zu Kondomen etc, also Präventionsarbeit hilfreicher gewesen, während die Mittelklasse eher auch von medizinischer Forschung profitieren konnte. Die Präventions- und Aufklärungsarbeit wiederum aber richtete sich anfangs primär an schwule Communities und erreichte deswegen Stricher, Prostituierte, Männer, die Sex mit Männern haben ohne sich als schwul zu identifizieren etc kaum oder gar nicht und war auf deren Bedürfnisse auch nicht zugeschnitten.
    Und das sind dann kurzgefasst die lebensgefährlichen Ausschlüsse, die ich meinte, die innerhalb der identitätspolitischen Bemühungen einer gesamtgesellschaftlich marginalisierten Gruppe gemacht wurden und die Marginalisierten unter den Marginalisierten trafen. Da wurde nicht mitbedacht, dass nicht alle Schwulen Mittelklasse-Finanzen haben, dass nicht alle von der AIDS-Krise betroffenen sich selber als schwul sahen etc. Und die Kritik daran kam aus teilweise sehr verschiedenen Positionen, neben Queers of Color, und (einigen wenigen) weißen mittelklasse Schwulen, arbeiteten damals auch etliche weiße Mittelklasse-Lesben, die selber oft gar nicht direkt von der Krise lebensbedrohend betroffen waren, daran mit, diese Ausschlüsse offen zu legen, zu kritisieren und andere Formen von nicht-identitäts-basierten Politiken zu finden/fordern/fördern. (ob und inwiefern das gelungen ist, mag ich hier gar nicht beurteilen).

    Mh, das ist jetzt sehr lang, sorry. Hoffe, es macht meine Butler-Identität-Aids-Lebensbedrohung-Verknappung etwas verständlicher.

    * Randbemerkung: Wobei hier womöglich traditionelle Marx-Lesarten in Bezug auf Klasse mir hier widersprechen würden, aber so ganz hab ich das noch nicht begriffen.

  2. DAS ist toll, super beschrieben! Danke für die Erklärung! Das passt auch zu dem, wie ich Butler bisher immer verstanden hatte.
    Was nicht zu Butler passt ist, wie die Kritik an der angeblichen “Identitätspolitik” der Klassismus-Betroffenen genau an dieser Stelle kommt, oder der Begriff “Identitätspolitik” angewendet auf “Critical Whiteness-VerfechterInnen” auf dem NoborderCamp z.b. – das war ja auch ein Beispiel, das du angeführt hattest. Da kam ja die Kritik an der sog. “Identitätspolitik” von Tsaniois, Karakayali et al. in der “AK” und von den Autor_innen habe ich dann noch Radiointerviews usw. gehört, die immer “Identitätspolitik” kritisierten, aber in einer “herrschaftlichen” Art und Weise, so von oben nach unten und überhaupt nicht im Butlerschen Sinne. Dazu kann ich dir später gern Links reinreichen, das haben Momorulez und Andere gut auseinandergenommen damals. Jetzt muss ich erst mal los…

    Mein Fazit daraus ist halt: Identitätspolitik kritisieren schön und gut, finde ich auch wichtig, aber bitte immer im Kopf behalten, entlang welcher Machtgefälle sie kritisiert wird und wem das am Ende eigentlich nützt und wer davon stumm gemacht wird.

  3. Hi, nur kurz, da ich gerade wenig Zeit habe.

    Ich fand damals einen Vortrag zu Coming-Out-Geschichten ganz spannend. In der Arbeit, auf die der Vortrag beruhte, wurde Coming-Out-Geschichte verglichen, die in unterschiedlichen Phasen der Schwulenbewegung geschrieben wurden. Am Anfang gab es ein sehr großes Bedürfnis nach gleichen Erzählungen, es ging darum. aus der Vereinzelung herauszukommen, sich wieder zu erkennen in den Coming-Out-Geschichten der anderen. Später änderte sich dies.
    Ich denke also, dass es nicht “die” Identitätspolitik gibt, auch nicht einfach die Unterscheidung nach Identitätspolitiken der Herrschenden und der Beherrschten/ Marginalisierten. Sondern es hängt von der Entwicklung der Gruppe ab, die Identitätspolitik macht, ob Gemeinsamkeiten oder Differenzen wichtiger sind.
    Daher würde ich deinem letzten Satz zustimmen.
    Übrigens gibt es schon seit dreißig Jahren Bedürfnisse von studierenden Arbeiter_innenkindern nach einer politischen Selbstorganisierung (bspw. Theling) und diese Versuche werden massiv bekämpft im Gegensatz zur unpolitischen Selbstorganisierung wie bei Arbeiterkind.de. Die werden seltsamerweise auch von Links nicht kritisiert.

    Andreas

    • Ja, mir war an der Stelle die Unterscheidung wichtig, ob die Identitätspolitik von “oben” kommt oder von “unten”, weil für mich auch Ausschlüsse von “unten” andere Konsequenzen haben wie von “oben”. Ich glaube, das heisst es auch in dem Zitat von Anne Wolf, wo sie sagt “einige Exklusionen sind ja durchaus erwünscht”. Dass eine Gruppe, die sich erstmal empowern will, das nicht vor Leuten und mit Leuten machen will, die sie dabei auslachen und alles Gesagte herunterspielen heisst, dass die Gruppe die Leute, die nicht selber Betroffene sind, ausschließt aus bestimmten Räumen und zu bestimmten Zeiten. Ich habe mal ein Projekt über Frauenräume mitgemacht, wo uns aufgefallen ist, dass es deshalb keine Männerräume gibt, die per Türsteher Frauen ausschliessen, weil Ausschluss aus männlich dominierten Räumen anders stattfindet und sogar funktioniert, wenn Frauen körperlich in Männerräumen anwesend sind. Solang sie da bestimmte Plätze zugewiesen kriegen und bestimmte Rollen einhalten. Wenn Frauen Frauenräume herstellen wollen, und per Türsteherin Männer ausschliessen, dann ist Geschrei “Wir dürfen nicht rein, wir Armen, wir machen das ja auch nicht mit euch”. Weil die einen ihre gläserne Decke haben, brauchen sie keinen Türsteher, haha. Aber mit dem Finger auf die Türsteherin zeigen und “Identitätspolitik” rufen, während die eigene gläserne Decke keine Identitätspolitik ist.
      Ich finde Identitätspolitik und Separatismus (aus praktischen Gründen) gut. In meiner idealen Welt gäbe es keinen Separatismus und keine Identitätspolitik, da würde gar niemand ausgeschlossen, aber in der jetzigen Welt finde ich es einfach praktisch hilfreich, wenn sich Betroffene mal in Ruhe separieren können (wenn sie das wollen) ohne dass gleich Leute, die das Bedürfnis nicht haben, ob Betroffene oder nicht, gleich “Identitätspolitik, böser Separatismus” schreien.

      Ich habe deinen Artikel gelesen zu Klassismus! als Empowermentbegriff und über Selbstorganisierung. Das ist sehr interessant, dass gerade von Linken eine Selbstorganisation von Arbeiter_innenkindern so gedisst wird. Das war mir auch gar nicht bewusst. (Mich hat aber auch die Kritik von Robbe Rosa voll gewundert.) Ich verstehe da die linken Aggressionen überhaupt nicht, weil die zu linken Idealen so gar nicht passen wollen. Hier nochmal der Link zu Andreas’ Text, für wen es interessiert: http://andreaskemper.wordpress.com/2013/03/14/zur-klassismus-debatte/

  4. ich hab butler (mann, ist das lang her) so verstanden (bzw. erdiskutiert und erklärt gekriegt, wir haben autonome feministische seminare damals gemacht – meine sicht ist nur eine sicht drauf), dass es darum ging, davon wegzukommen, dass so getan wird, als ob es “die frau” gibt, sei es seitens der patriarchalischen oder sexistischen oder wie auch immer bezeichneten “establischment”- oder traditionen-welt oder sei es von seiten von frauen (und anderen, die was verändern wollten). und zwar mit der begründung, dass es nicht “die frau” geben kann, weil frauen so vielschichtig _und hier kommt eben dann auch die klassendimension rein, die grundsätzlich erstmal nichts mit der kritik an dem singulär gebrauchten begriff zu tun hat, wohl aber damit, dass die vielschichtigkeit sich eben auch in unterschiedlichen sozialen ebenen (mit allem, was damit wieder verbunden ist) realisiert_ sind, dass sich prinzipiell unendlich viele adjektive aneinanderreihen ließen, würden alle aspekte von frauen oder frausein oder weiblichkeit oder dem inverleibten oder anerzogenen oder was auch immer aufgezählt werden. so dass diese aufzählung wegen ihrer unendlichen länge dann sozusagen beliebig wäre und nichts mehr aussagen würde und der begriff damit dekonstruiert war.
    die ganze postmoderne hab ich so wahrgenommen. was mir besonders in feministischen diskussionen aufgefallen ist, ist dass ganz oft der hinweis kam, dass eine benennung oder beschreibung oder erklärung von etwas negativem respektive sexistischem (oder klassistischem) eine festschreibung des zustandes ist, dadurch dass es erst recht wieder in dem kontext, in dem es realistät geworden ist, sprache und damit erneute festschreibung bedeutet (opferrolle z.b.). und die frage war dann immer: wie da rauskommen? dekonstruieren irgendwie, differenzieren, profilieren und genau sein, in dem, was eigentlich gesagt wird. es anders machen, sich begriffe positiv wiederaneignen, erst recht (sprachlich) in die offensive gehen etc.pp.

    allerdings blieb für mich da echt viel offen. wenn ich so zurück denke, ich weiß nicht, ob sich wirklich so viel geändert hat. das “schlagwort” postmoderne, hinter dem ja ganz viele autorinnen und autoren saßen, war dann auf einmal irgendwie nichts neues mehr und wieder out oder so, und dann? kam das internet. die totale verbale und sonstige informationsexplosion.
    was kam eigentlich nach der postmoderne? kam da noch was? was ist das, was es jetzt ist? braucht es überhaupt einen begriff oder verbalen topf für das, was grade abgeht? bzw. eigentlich wär meine frage: wenn die annahme ist; es müsste sich eigentlich echt langsam mal wirklich was ändern, konsequent und grundsätzlich, weil viele dinge einfach kacke waren bzw. sind oder kackkonsequenzen nach sich ziehen für die einen vieleicht nicht, aber für die anderen wohl (oder umgekehrt), wenn das die annahme ist, und erreicht werden soll, geht das dann schneller oder besser mit einem begriff dafür (für den es dann eine definition braucht und eine einigkeit darüber oder zumindest sowas in der art wie einen konsens – über die bedeutung des begriffes etc.(z.b. anonymous, z.b. occupy (ist daran irgendwas neu oder besonders?)) oder geht es besser oder schneller ohne einen begriff und statt dessen passiert es einfach, wird einfach real? ich hab da echt keine antwort drauf, weil sprache an und für sich ja etwas so wunderbares und kreatives ist, mit dem so etwas unvorstellbar sinnvolles, wie kommunikation stattfinden kann. machen pflanzen und tiere ja auch, muss ja irgendwie zu was gut sein.

    jedenfalls merk ich, dass ich in ganz vielen kontexten allergisch reagiere, wenn mir jemand sagen will, was das richtige und das gute ist und appelle oder hierachieen nach diesem muster ablaufen, dass eine person der anderen sagt und vorschreibt, was die norm und was wie (und zu wessen gunsten) getan wird und zu tun ist (ohne, dass es so begründet wird, dass die begründungen für regeln gemeinsam und frei gestaltet werden – so ne art offener quellcode).
    aber das liegt vielleicht weder an klassismus oder an dogmatismus oder an sexismus, sondern vielleicht hat meine neuralgische allergie diesbezüglich auch einfach nur damit zu tun, dass ich ein problem mit autoritäten habe, was vielleicht aus meiner geschichte begründet ist und deshalb ein total privates und singulär-soziales “mein problem”.
    vielleicht aber auch nicht. vielleicht ist das genau der punkt. manchmal jedenfalls.

  5. Hi [rrr], also mit der Scheu vor Begriffen und dem “Benennen = festschreiben in die Opferrolle” hab ich ein Riesenproblem. Ich habe gerade das “Ihr steckt euch selber in die Opferrolle” schon tausend Mal gehört von Leuten, denen es nicht passt, wenn diese Dinge benannt werden – und du hast das wahrscheinlich auch tausendmal aus der Ecke gehört. Ich kenne eigentlich diese Art von entpolitisiertem Dekonstruktionsgelaber aus der Uni, so den Einführungsseminaren für Gender Studies, und wir “Anfänger_innen” haben das dann auch zum Teil so derartig “der Herrschaft nützend” verstanden, dass ich damals dachte, Dekonstruktion, das wär nix, das wäre doch nur wischiwaschi und ändert sicher gar nix.
    Eigentlich hab ich inzwischen auch in so in einem autonomen Projekt und im Freund_innenkreis auch andere Interpretationen von Butler mit viel mehr politischer Schlagkraft und viel empowernder – kennengelernt.
    Also ich glaube, schon vor Begriffen zurückzuschrecken ist ein Weg, der noch viel weiter geht als nur “Identitätspolitik” abzulehnen und ich denke: ja klar, das lähmt, wenn man sich selber der Begriffe beraubt, der Sprache, und dem Benennen können. Das hat Butler bestimmt nicht gemeint, glaube ich einfach nicht. Warum sollte man das machen, weils hip ist? Dekonstruktion um der Dekonstruktion willen? Nee, ich glaube, es geht um Bewusstmachen und nicht um Zurückschrecken und sich aller Möglichkeiten berauben. Bewusst machen, dass etwas, was mein WErkzeug ist, nicht 100 pro toll ist, kann ja nicht heissen, ich soll mein Werkzeug wegwerfen und mich mit blossen Händen abmühen, oder sie mir grad noch abhacken obendrein und dann versuchen mir ein Paar Socken zu stricken.

  6. Also, so richtig viel Gedanken habe ich mir da noch nicht gemacht. Ich finde aber, dass das Faß “Identitätspolitik” riesengroß ist, und in diesem Faß schwimmen die unterschiedlichsten Dinge. Sicher ist es eine gute Idee, dabei danach zu fragen, inwieweit konkrete Identitätspolitiken (bzw. Zuschreibungen und Konzeptionen von Gruppenidentitäten) a) aus Machtverhältnissen resultieren und b) Machtverhältnisse und c) Ausschlüsse erzeugen/unterstützen. Klingt erst mal gut – und finde ich auch erst mal gut, zumal ich mich selbst als ausgesprochen machtkritisch verorte.

    Es gibt nur drei Haken an der Sache – jedenfalls für mich:

    1. Das Faß ist so riesengroß, dass ich es nicht überschaue. Identität ist ohnehin (sei es nun auf der individuellen Ebene oder auf der Gruppenebene, oder interdependent) ein schwieriges Ding, dass einerseits auch als Inanspruchnahme von Autonomie (z.B. Selbstkonzeption), andererseits auch als Ab- und Ausgrenzung gelesen werden kann. So Pi mal Daumen würde ich sagen (etwas im Nebel stochernd, sorry – ich weiß es nicht besser), dass es bei Identitätskonzepten sehr darauf ankommt, inwieweit diese a) ab/ausgrenzend oder anderen gegenüber abwertend wirken b) als Machtmechanismus wirken und c) dialogisch sind oder Dialog zu Personen außerhalb der Identitätsgruppe behindern. Ich nehme hier einfach mal die Identitätskategorie “Familie”, um mit diesem einzelnen Wort zu verdeutlichen, wie sehr es auf das Wie ankommt.

    2. Machtstrukturen und -gefälle verlaufen nicht trennscharf anhand der Umrandungen von Schlagworten. So kann ein politisch hochaktiver Schwuler innerhalb seines Kontextes, aber auch darüber hinaus, gleichzeitig (!) marginalisiert sein, als auch (!) privilegiert bzw. Inhaber formaler oder informeller Macht. Was ich damit sagen will: Die Dinge sind nicht so einfach, und Schlagworte (z.B. zur Kennzeichnung marginalisierter Identitätskategorien) können als Denkhilfe funktionieren, zugleich aber auch relevante Fragestellungen verdecken.

    Zum Beispiel: Wenn ein “gemischt Marginalisierter/Privilegierter” auf einen anderen “gemischt Marginalisierten/Privilegierten” trifft (imho: der Normalfall!), zum Beispiel ein wohlhabender schwuler Filmemacher aus großbürgerlichen Haus auf einen psychisch kranken weißen Cis-Mann und Flaschensammler aus prekärer Arbeiterklassenherkunft: Wer von beiden repräsentiert im Umgang mitenander dann eine marginalisierte Gruppe, wer von beiden stiehlt dem anderen mit seinen “Performances” den Raum, wer von beiden ist tendenziell der “Machtausübende”, wer von beiden hat Anspruch darauf, gehört zu werden, und wessen Identitätspolitik sollte bevorzugt kritisch hinterfragt werden?

    Ich persönlich tendiere sehr stark dazu, erstens, das Wie sehr wichtig zu finden, und zweitens, Menschen in erster Linie als Individuen zu betrachten – und höchstens zu , ich sage mal: 15 Prozent als Ausdruck/Repräsentant identitärer Konzepte. Das heißt für mich im Umkehrschluss, dass wechselseitige Rücksichtnahme und Achtung wesentlich sind, und eben weniger die (taktisch missbrauchbare) Verortung von Identitäten. Auch glaube ich, dass Machtverhältnisse (z.B. konkrete Marginalsiierungen oder Privilegierungen) nicht allein auf Basis identitäter Konzepte adäquat dargestellt werden können.
    .
    3. Mein Ideal von Empowerment ist im Wesentlichen individuell. In meinem Blümchen-Weltfriedensideal gehen die Menschen wechselseitig (!) empowernd um (ich finde das sogar sehr wichtig) und beurteilen sich nicht so sehr anhand der Frage, ob/inwieweit jemand_in PoC, Hetero, weiß, arm, alt, Bildungsbürger, Erbe einer Eigentumswohnung, klein, modisch, belesen, urlaubsgebräunt, stylisch oder “gut frisiert” ist.

    Ich werde also, zumal im täglichen Umgang mit den unterschiedlichsten Menschen, den Gedanken nicht los, dass Gruppenidentitäten bzw. deren Bedeutung allzu leicht überschätzt werden können, sei es nun aus einer eher konservativ-reaktionären Grundhaltung heraus oder aus einer vermeintlichen oder tatsächlichen Progressivität heraus.

    Schlusswort:

    Ich hoffe, du fühltst dich durch mein Posting nicht irgendwie belästigt oder gar geschulmeistert. Ich habe einfach nur die Gedanken aufgeschrieben und zu ordnen versucht, dir mir bei diesem Thema durch den Kopf geistern bzw. als diskussionswürdig gehalten werden.

    (ich verfolge dein Blog übrigens schon – sporadisch jedenfalls – seit vielen Jahren)

    • Hm, ich glaube, du hast da was einfaches lang und umständlich ausgedrückt. Also, du meinst, man sollte nicht vergessen, dass Menschen auch einzigartig sind und nicht immer nur Gruppen angehören. Finde ich ja auch, aber es gibt halt immer beides, und etwas davon auszublenden, erlebe ich immer als Unsichtbarmachen. Zur Verdeutlichung:
      Pat Parker hat da mal ein Gedicht geschrieben, es beginnt mit:
      “The first thing you do is to forget that i’m Black.
      Second, you must never forget that i’m Black. ”
      http://www.neiu.edu/~lsfuller/Poems/white.htm

      Freut mich übrigens, dass du meinem Blog folgst, obwohl es die meiste Zeit brach liegt ;)

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