Klassismus – Thema Stolz.

Ich bin aus einer wohlhabenden Kleinfamilie, habe Abi gemacht und auch mal ein bischen studiert und bin heute mehr oder weniger aus freien Stücken, jedenfalls durch meine eigene Entscheidung, Handwerkerin und lebe von einem bescheidenen, aber meinem eigenen, Einkommen.

Was mich von anderen Leuten, die aus wohlhabenden Kleinfamilien kommen, vielleicht unterscheidet: Meine Eltern haben eine “Klassenreise” gemacht, sie kommen aus der Working Class bzw. der Poverty Class.

Meine Eltern haben uns “alternativ” erzogen, wollten keine autoritären Eltern sein, haben mir z.B. ein emanzipatorisches Aufklärungsbuch gekauft, aus Prinzip keinen Fernseher gehabt und waren ein bischen Selbstversorgungs-/Öko-/Linksliberal unterwegs.
Ich war immer so die “Familienintellektuelle”, bekam als Einzige von uns Geschwistern eine Gymnasialempfehlung. Auf dem Gymnasium hatte ich es dann mit anderen Kindern/Jugendlichen zu tun, die halt aus so dem “Bildungsbürgertum” kamen. Ich muß wirklich sagen, ich halte viel von Bildung und meine Eltern waren alles andere als bildungsfern, sie haben sogar sehr viel Wert auf Bildung gelegt und Zeit und Geld aufgewendet, damit wir unsere Talente entwickeln konnten, auch außerhalb der Schule.

Aber Bildungsbürgertum? Horror!
Kennt ihr “Spiel nicht mit den Schmuddelkindern”, das Lied von Franz Josef Degenhardt? Wenn das Lied leider auch sexistisch ist, (“Kinder” = Jungs und Mädchen werden in dem Liedtext belästigt und das wird als cool hingestellt, ärgs) finde ich, trifft es trotzdem ganz gut, was ich mal den “Horror Bildungsbürgertum” nennen würde. “So sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor”; “Sie schickten ihn in eine Schule in der Oberstadt, kämmten ihm die Haare und die krause Sprache glatt”; “Roch, wie bess’re Leute riechen”; “musste er das Largo geigen”… Ich fand als Jugendliche diese bildungsbürgerliche Zurichtung von Kindern krass. Ich weiß ja nicht, ob das heute noch so läuft, mit Knicks vor Fremden machen müssen, und zwangsweisem Geigenunterricht und emotionaler Erpressung und alles, was mit Wildheit und Freiheit zu tun hat, natürlich verboten. Klar, werden die Kinder dann auch mit “besseren Sachen” ruhig gestellt, also als Ersatz für den verpassten Spielspaß im Wald gibts dann Reitstunden o.Ä… aber aus meiner Sicht war das einfach krass! Das wollte ich für mich auf keinen Fall.

Ja, manches tat mir auch weh, z.B. wenn anderen Kindern (sogar noch als Teenager) der Umgang mit mir verboten wurde. Oder wenn eine Freundin, wenn sie bei mir gewesen war, zuhause direkt hinter der Haustür sich nackt ausziehen musste und in die Dusche geschickt wurde, während die Mutter ihre angeblich so stinkende Kleidung sofort mit spitzen Fingern in die Waschmaschine warf. Wenn es hieß, ich hätte keine (Tisch-)Manieren. Für ein Kind, das so schüchtern und introvertiert war wie ich, ist es schon erstaunlich, dass es überhaupt mehrmals Eltern gab, die mich für einen “schlechten Einfluss” auf ihre Töchter hielten. Vielleicht kam ich deshalb eher mit Jungs (wo das scheinbar nicht so krass war mit der Reglementierung, wer mit wem Umgang haben darf) und/oder  Working class Kindern rum und war als Kind eine Art Tomboy.

Dank Geld musste meine Familie von niemandes Wohlwollen abhängen. Und mir wurde von meinen Eltern immer der Rücken gestärkt, ich selbst zu sein. Ich weiß, ich bin total privilegiert, weil ich a) nicht arm und b) ohne diesen Bildungsbürger-Korsett-Horror aufgewachsen bin. Also quasi in einer Situation, wo wir “machen konnten” aber dank finanzieller Absicherung meiner Eltern keine Bedenken zu haben brauchten vor dem Naserümpfen der Leute. (Aus einem Naserümpfen wird ganz schnell mal strukturelle oder ganz konkrete Gewalt, wenn Menschen arm sind und wenig abgesichert). Das Naserümpfen fand durchaus statt. Aber es war uns nicht gefährlich. Ich glaube, dass sich das manche Leute in der “Klassismusdiskussion”, die denken, es gehe nur um Respekt und weniger Naserümpfen, nicht klarmachen. Naserümpfen ist gar nicht so das Problem, sondern diese Definitionsmacht, mit der man z.B. armen Menschen_Familien ein problematisches Leben hindefiniert und dann eine Phalanx an Sozialarbeiter_innen oder Jugendamt oder sonstige Hilfskontrollettis oder die Polizei auf den Hals hetzt. Die Macht, mit der “man” bestimmen darf, dass “diese Leute falsch leben”, und sie disziplinieren lässt/lassen könnte, anstatt dran zu denken, daß Wohlstand anders verteilt sein müsste.

Ich schlage jetzt schnell noch den Bogen zum Thema Stolz. Ich habe oft das Gefühl, dass Menschen aus weniger gutsituierten sozialen Schichten (ich weiß, ich verwende die Begriffe sicher alle chaotisch und total unsoziologisch) das Recht abgesprochen wird, stolz zu sein, dass sie sich selbst treu geblieben sind. Ihre soziale Herkunft wird immer mit Armut und Verwahrlosung zusammengedacht, und das sind ja objektiv gesehen schlechte Zustände, und jegliche stolze Haltung wird dann so mißverstanden, als würde man damit Armut und Bildungsferne verklären. Dabei denke ich, gibt es viele Dinge in “nichtbürgerlichen” Kulturen, die wertvoll und cool sind und auf die man stolz sein kann, das hat mit Armut und “Bildungsferne” aber nicht unbedingt was zu tun – und es heißt sicher nicht, dass irgendwer gerne arm wäre oder gerne einen erschwerten Zugang zu Bildung hat!

(Und ja, dass es diese coolen Komponenten gibt in der Arbeiterklasse, äussert sich ja auch darin, dass Leute, z.B. Linke, auch gerne versuchen, “auf Arbeiterklasse zu machen”. Wobei ich denke, gegen diese bürgerlichen Korsetts zu rebellieren, ist total verständlich und ich finde es auch berechtigt,  nur war das Durchlaufen dieser “Zurichtung” auch die Eintrittskarte in den Club derjenigen, die sich als  “was Besseres” bezeichnen dürfen in dieser Gesellschaft. Und das kann man nicht einfach willentlich ablegen und so tun, als wäre man dann Arbeiter_innenklasse, egal, wie blöd die Zurichtung sich für einen selber angefühlt hat.)

So, die Nacht ist bald vorbei. Draussen höre ich Wildgänse schreien, die eigentlich aus der Polarregion kommen und im Winter immer in Mitteleuropa kampieren. Die Gänse machen sich dieses Jahr scheinbar spät auf zurück zur Arktis.. ein griffiges Fazit kriege ich jetzt nicht hin, und ich mag auch nicht, dass der Artikel wieder total versackt und nie gebloggt wird.

Aber ich denke, ich sollte das trotzdem bloggen, denn in dem Teil der Klassismus-Debatte (zur Linkliste von Taschenrechner im Kopf), den ich so mitbekam, kam als Gegenrede, man sollte doch die Herkunft aus der “Gosse” nicht noch als harmlos oder positiv darstellen. Wie kann mensch sich überhaupt hinstellen und selbstbewusst über die Herkunft aus einer Klasse reden, die aus antikapitalistischer Sicht weg gehört? Ich fand das ärgerlich, dieses Gerede von der fernen Zukunft, in der es dann eh keine Klassen mehr geben wird. Ich hatte mir auch schon so ein Gerede zum Thema Genderkram angehört, als ich seinerzeit anfing, Gender Studies zu studieren: Wenn die Geschlechterbinarität (bi, binär usw. bedeutet “zwei–” also ein System, in dem es zwei Geschlechter gibt) erstmal überwunden sei, dann wird sich auch der Sexismus erledigt haben. Ja, ist ja schön, und wie gehe ich bis dahin mit dem real existierenden Sexismus um? Was bringt denn da die zukünftige Überwindung der Geschlechterbinarität, die mir da vorhergesagt wird? Diese komische, mir unverständliche Entweder-Oder-Haltung, da war sie auf einmal wieder. Entweder gegen Klassismus oder gegen Kapitalismus. Entweder gegen Sexismus oder gegen die “symbolische Ordnung der  Zweigeschlechtlichkeit” (bittet mich nicht, diese Begriffe zu erklären, denn lang ist’s her und mich mal “kurz” durch Wikipedia zu ackern schaffe ich heute sicher nicht.). Zudem war ich, als ich zur Uni schlurfte, viel jünger, so Anfang Mitte 20. Damals steckte mir (eigentlich heute auch noch, aber ich bin auch abgestumpfter, was das angeht) die Abwertung von allem, was mit Frauen und Weiblichkeit zu tun hat, noch sehr in den Knochen. Ich wollte nicht, dass etwas “abgeschafft” wird, was zu meinem Selbstbild gehört(e) und anhand dessen ich immer zu einem Ding, einer weniger wertvollen Person verzerrt worden bin. Ich wollte erstmal mein eigenes Frau-Sein heilen. (Wobei ich weiß, es gibt viele Menschen, denen es nicht so ging und bei denen Heilung ganz anders wegen anderen Gründen abläuft.) “Damals” schien es mir einfach solche “Lösungen” und “Heilungen” zu geben, die politisch “in” waren und nach denen das, was ich an Bedürfnissen hatte, gebrandmarkt wurde als “altem Denken verhaftet”.

Aber das ist halt das Schwierige, wenn jemensch  meint, er_sie müsste Leuten absprechen, auf irgendwas (weswegen sie  immer marginalisiert worden sind) stolz sein zu dürfen oder etwas in Ehren halten zu wollen, etwas betonen/reclaimen (etwa “zurückfordern” oder “sich wieder aneignen”) zu wollen.. Ich kann nur sagen: Lasst es einfach sein. Selbst, wenn ihr selbst auch Betroffene seid und für euch andere Wege gefunzt haben.

3 thoughts on “Klassismus – Thema Stolz.

  1. was heißt schon stolz…
    meine familie kommt von unten, ziemlich weit unten, aber im grunde heißt das nichts, es geht immer noch weiter runter. in der schule hab ich sie gehasst, diese anderen kinder, die einem ihr anders und toller sein so gerne vorgeführt haben. vor allem diese separatistische selbstverständlichkeit, mit der leute, die nie wirklich probleme haben müssen, so tun, als sei es ihr verdienst und einfach nur richtig so, dass es ihnen besser geht als anderen, kotzt mich an. nach wie vor. das setzt sich ja auch fort, in der berufswahl, in den möglichkeiten und seilschaften, die den kindern mitgegeben werden etc.pp.
    dabei war ich nie dumm, ich war immer klassenbeste, na und? soll ich jetzt stolz drauf sein, dass mein gehirn entsprechend dem gut arbeitet, was in dieser gesellschaft als intelligent honoriert wird? manchmal geh ich zum aldi, früher musste ich, heute kaum noch – ist ja auch nicht wirklich pc, weil die armen ausgebeuteten menschen und ressourcen, die so eine discounterschiene möglich machen, zu unterstützen etc. aber manchmal hat mir schon die kassiererin beim aldi sachen gesagt, in denen mehr information und weisheit steckte als in allen schlauen büchern oder aussprüchen von gebildeten menschen, aus denen doch oft nur der stolz spricht, sich zu einer elite zu zählen, die doch meistens nur auf zufall, zuschusterei oder geklüngel und ererbten spielräumen steht, wobei ja penibel genau drauf geachtet wird, dass das auch so bleibt.

    das ist punkrock-ü30 für mich: die etablierung von etwas autark-anderem, auch und vor allem zwischen den regelungen, die verhindern, dass sich diese schichten auflösen. stolz bin ich, wenn überhaupt, nie auf etwas, das ich bin (wer ist ich?), sondern auf etwas, das getan wurde oder passiert ist, obwohl es vielleicht schwierig war. das kann dann alles mögliche sein.

    …andererseits irgendwer hat mal gesagt, dass die größte unzulänglichkeit von frauen ihr mangelnder größenwahn ist. darauf ließe sich antworten: noch mehr größenwahn braucht die welt wirklich nicht, oder auch: ah, stimmt vielleicht. stolz hinsichtlich meiner herkunft und meines weges bin ich z.b. darauf, mir diesen tomboy-raum erhalten und ausgetreten und für meine bedürfnisse angepasst zu haben – und zwar trotzdem ich mich inzwischen in räumen aufhalte, die vom bildungsbürgertum geprägt sind und mich seit kurzem dazu durchringe aus ethischen und gesundheitlichen gründen auch öfter mal in den bioladen zu gehen, was ich jahrelang boykottiert habe (zudem, dass das geld dazu fehlte), wegen des publikums und dieser ökoelitären subschwingung “wir sind nicht nur reicher, wir sind auch gesünder und fitter – und ihr da unten, ihr fleisch- und tiefkühlpizza-fressenden glotze kuckenden billigmenschen, seid ja fast schon eine andere rasse, nicht nur eine andere klasse. gut, dass ihr nicht zu uns gehört und wir uns so schön abgrenzen können”. ich begreife das reales social hacking.

    darauf bin ich stolz, mir das unvoreingenommene und das direkte und das wilde ins erwachsenenleben rübergerettet zu haben und es einzusetzen, wie es mir passt, selbst oder grade dann, wenn ich es mit menschen zu tun habe, die aus reicheren oder gebildeteren schichten kommen. da ist das für mich oft auch so eine art abgrenzung, mit der ich reagiere auf die komische art, mich nach wie vor ausgegrenzt zu fühlen, weil ich halt nicht über eine derartige herkunft und alles, was damit verbunden ist, verfüge und dabei auch gar nicht mitmachen will und auch gar nicht so mitleidmäßig dann in sowas eingeladen werden will. ich kontere damit, dass ich dafür in anderen räumen sein kann, die leuten “von oben” nicht offenstehen oder vor denen sie angst haben (müssen). und das macht mich ein stückweit stolz, dass ich für mich eine alternative erarbeitet oder hinbekommen hab, die unabhängig davon funktioniert, dass “das unten” angeblich einfach nur schlecht ist und dass es “im oben” und nur da alles gibt, das der mensch sich nur wünschen kann. aus meiner perspektive ist “das oben” was viele viele sehr wichtige dinge angeht rettungslos verarmt und mangelhaft.

    • Ich steh sehr auf deinen Kommentar. Das umreisst es ganz gut was Stolz heisst. Das trifft den Nagel total auf den Kopf. Nicht stolz sein auf was, was man ist und wo man nix zu getan hat, aber eben nicht duckmäuserisch sein und dankbar mit dem Kopf nicken wenn man dann “mitleidmässig in sowas eingeladen” wird. Oder zu sagen: Ne, manches will ich auch einfach gar nicht, wieso soll das erstrebenswert sein? Jau… passt für mich. Danke!

  2. Danke für den Text und die Kommentare bisher.

    Mein Vater war jemand, der durch Talent und Bildung aufsteigen konnte. Was sich nicht geändert hat, war sein Stolz, der eher so etwas wie Kopf-hoch-tragen-unter widrigen-Umständen war. Meine Schwester und ich haben das irgendwie unbewusst übernommen, obwohl wir es natürlich schon leichter hatten, jedenfalls bis zu einem gewissen Grad. Aber auch für uns scheint es eine Art Glasdecke zu geben, an die wir stoßen, trotz Universitätsabschluss, korrekter Grammatik, angepasster Umgangsformen etc.
    Vielleicht ist es das, was ihr schon angesprochen habt: dieser Stolz, diese Direktheit und diese Fähigkeit, sagen zu können: nee, brauche ich nicht, geht auch ohne.
    Ich persönlich scheine definitiv mit meiner “unweiblichen” Körpersprache anzuecken (die natürlich der Körpersprache der Viertel entspricht, wo ich aufgewachsen bin und die mein Vater nicht verlassen wollte, selbst als er gekonnt hätte). Glücklicherweise habe ich immer in Branchen gearbeitet, wo auch am Schreibtisch “zugepackt” werden muss (Notrufzentrale, technische Übersetzungen, in der Verwaltung einer Tanzcompagnie, wieder Notrufzentrale) und der Umgangston rau, aber herzlich ist. Dadurch habe ich im Beruf keine großen Schwierigkeiten. Karriere habe ich aber auch nicht gemacht, denn die großen Jungs spielen lieber mit Jungs, die ihnen ähnlich sind.

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