Auch kurz zu #Waagnis

Bäumchen hat heute angesprochen, dass bei der Aktion #Waagnis (Frauen werfen ihre Waagen weg als symbolischen Akt der Befreiung von Körper-gewichts-zwängen) Race und Class gar nicht mitgedacht wurden. Die “Fat Acceptance” Texte die es dieses Jahr z.B. viel gab (und die auch mich sehr inspiriert und gefreut haben, danke an alle die vor #waagnis schon am Thema dran waren dafür ) wurden auch komplett aussen vor gelassen und auch dafür gab es wie ich fand berechtigte Kritik.

Ich stehe der Aktion auch mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits finde ich es toll, denn diese Bilder wie ein Körper aussehen soll, ziehen sich ja durch die Gesellschaft komplett durch und wirken sich halt auch im normalgewichtigen, weißen, bürgerlichen Wesen aus. Also ist es okay, wenn dieses sich von diesen Normen befreien will.

Andererseits. Es gibt, wie Bäumchen ansprach, dann wirklich dieses Problem dass auf dem Gebiet der Ernährung Theorien wie Religionen in die Leute reingedroschen werden, und gebildet sein ist da eine Waffe, mit der man sich gegen dieses Predigen und die Fremdbestimmtheit wehren kann, die aber nicht jeder Mensch nutzen kann.

Dann stand bei Schizoanalyse (Link auch über Bäumchen)  etwas über die Gemüsefresserei und darüber, dass bei der ganzen “gesunden Ernährung” ganz viel bürgerliche Normen mit reinspielen. Ein Zitat aus dem Text:

Ein Freund von mir, auch Unterschichtenkind, hat das ernsthaft gemacht. Mit viel Arbeit und Anstrengung ging er immer wieder in den Supermarkt und kaufte Gemüsesorten, von denen wir beide nicht wussten wie sie heißen und googelte die passenden Rezepte dazu. Schaute Kochsendungen, um zu sehen, was von dem jeweiligen Gemüse geschält werden muss, bzw was der essbare Teil davon ist.

Ich selber habe da andere Erfahrungen, denn ich glaube, es gab ja mal in den 70er oder 80er Jahren (Ich rede hier von Westdeutschland), als ich Kind war, so eine lebensmittelpolitische Wende. Die Industrialisierung der Nahrung. Vor dieser “Wende” war es billiger (und damit wahrscheinlich typisch working class) aus einzelnen Zutaten Essen zuzubereiten und Gemüse war auch billiger als Fleisch. Danach war es billiger, Dosenfrass und industriell aufbereitete “nahrungsähnliche Substanzen” zu essen, weil die Lebensmittelindustrie “billige Stärkeprodukte” aus Mais, Weizen und Soja und Fetten zu allerlei Produkten aufbereitete, die gut aussahen und schmeckten aber wo eben in industrieller Landwirtschaft und riesigen Monokulturen gewonnene “Energiepflanzen” die “kleinbäuerliche Produktion” schlicht vom Markt weg konkurrierten. Und frisches Gemüse wurde teurer. Und diese kleinbäuerlich hergestellten Gemüse und “guten” Rohstoffe nur noch denen erschwinglich waren, die die Zeit, das Geld und die Bildung hatten sich diese trotzdem noch zu beschaffen. Dazu kam, dass der industrialisierte Frass auch schneller ging und Menschen, die sowieso durch Armut und harte körperliche Arbeit sehr belastet waren, die Kocherei und mühseligste Repro-Arbeit wenigstens ein bischen leichter hatten. Der Nachteil: Es ist halt kein Essen, sondern Müll, der uns billig angedreht wird. Zum Teil schlicht Abfall. Schweine- und Fischpulver, was in den Suppentüten verklappt wird, und und und… Aber das ist ein anderes Thema. Vor dieser “industriellen Wende” in der Lebensmittelbranche war es bei Armen und Arbeiter_innen einfach wohl noch gang und gäbe, sich mehr selbst zu versorgen, viel Gemüse zu essen, alles selbst zu kochen, einzukochen, also schlicht all das zu tun, was die “grünen Hipster*” heute für sich entdeckt haben. Meine Mutter ist z.B. eine, die aus der Zeit vor dieser “Wende” kommt und eine entsprechende Ess- und Selbstversorgerkultur lebt.

Übrigens reclaimen einige working class People of Color in den USA ihre ökologischen/selbstversorgerischen Wurzeln, zwei Beispiele möchte ich hier verlinken, bei dem 2. Text bitte unbedingt auch die Kommentare lesen:

Wenn da übrigens “poor people” gegen “white people” gesetzt wird, ist das für mich mal wieder ein Zeichen wie race und class meistens verschränkt sind und daher ist das für mich auch logisch, dass es so formuliert steht.

Unterm Strich hat der weiße Mittelstand sich das Thema “gesunde Ernährung” angeeignet, und ich finde das cool und richtig, wenn sich PoC (Abkürzung für People of Color) und/oder Arbeiter_innen/Menschen die der Armutsklasse angehören, sich melden und sagen: Öööh, so nicht, wir haben das aus Kostengründen und um unabhängig zu sein schon lange gemacht – das ist eben kein weißes Mittelklasse-Thema!

Anderes Beispiel, die Selbstanbau-Bewegung, urbanes Gärtnern, Kleingärten – das haben Frauen  aus der Türkei und Kurdistan in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin die ganze Zeit gemacht. Als die zu Wohlstand gekommene deutsche Gesellschaft ihre Nutzgärten längst zu Ziergärten umfunktioniert hatte. Dieses gärtnerische und selbstverorgerische Wissen, das sehe ich aktuell auch in der Gemeinschaftsgartenbewegung in Berlin, ist in der weißdeutschen Bevölkerung verkümmert und migrantische Menschen haben es bewahrt und teilen es jetzt wieder, bekommen dafür aber weniger Anerkennung, als ihnen gebührt (finde ich). Lang und breitestens wird über bestimmte Gärten in den Medien berichtet, und über andere, wo viele Gärtner_innen mit türkischen, kurdischen und arabischen Wurzeln sind, wird weniger berichtet, aha. Es kann ja sein, dass viele aus Gründen auch wenig Bock drauf haben, mit den Medien zu reden, aber es entsteht halt faktisch ne Schieflage, was die Repräsentation angeht.

Ich finde es ja gut, wenn weiße gebildete Frauen ihre Waagen wegschmeissen. Vielleicht kommt als nächster Schritt, sich damit zu befassen, was eine gesunde Ernährung ohne zu hungern und ohne Diät eigentlich ist. Vielleicht kommt danach mal das Thema Ökologie auf, und woher die Nahrung, die so gesund ist, eigentlich stammt und warum es immer weniger davon gibt und die so teuer geworden ist. Dann lesen wir weißen Ladies erstmal davon in Büchern von weißen Kerlen, wie Michael Pollan – ist ja auch ein guter Anfang, aber es wäre schön, wenn dann noch weitergedacht würde und global gedacht. Weltagrarbericht und La Via Campesina fallen mir ein. Das erste ist eine wissenschaftliche Studie die zu dem Schluss kam, dass die Welt zu großen Teilen von kleinen und Kleinstbäuer_innen ernährt wird, dass soziale Strukturen und vor allem die Stellung von Frauen in ihren Communities essentiell sind dafür, ob eine Gemeinschaft hungert oder nicht – und wie nicht die traditionellen Gemeinschaften selbst sich zerstören, sondern durch Kolonialismus und Postkoloniale Ausbeutung zerstört wurden und werden. Das Zweite ist eine Kleinbäuer_innen und Landlosenorganisation, die inzwischen ein weltweites Netzwerk gebildet hat.

Dann hängt nämlich das Entsorgen der Waage am einen Ende einer langen Fahnenstange, an dessen anderen Ende andere Themen stehen, an dessen anderen Ende z.B. auch die Refugee Aktivistinnen* (zum Gendersternchen hab ich in der Kopfzeile eine Erklärung wie das gemeint ist)  stehen, die heute ihr “Refugee Tribunal against Germany” beginnen, und auf dem gibt es eine Veranstaltung/Demo die betitelt ist mit “We are here because you destroy our countries”.

Nachdem ich das Thema jetzt erfolgreich derailt habe ;-) und wir von Waagen komplett weggekommen sind hin zu Kolonialismus und Kleinbäuer_innen, würde ich dann gerne noch ein Waagenbild posten: Es ist eine Bäckereiwaage. Sie steht für Handwerk und von Hand produziertes Essen, denn mit dieser Art von Waage kann man recht schnell von Hand Teig abwiegen. Sie steht hier auch mit für eine Nahrung, wie sie “früher”, also vor der industriellen Lebensmittelrevolution + Monsanto und wie sie alle heissen, “normal” war, und die jetzt vielen armen Menschen nicht mehr zur Verfügung steht.. weil Handarbeit teuer geworden ist.

Handarbeit, handwerkliche Produktion und kleinbäuerlicher Anbau sind aber menschlich und das ist für mich genau dieses andere Ende des Themas, dass diese Dinge allen Menschen zur Verfügung stehen müssen. Für das Recht, sich selbstbestimmt zu ernähren! Für Ernährungssouveränität.

Image

Kleiner Nachtrag: Ich habe gleich viel tolles Feedback bei Twitter und Facebook bekommen (danke!!) und dabei wurde auch angesprochen, dass die Entwicklung in der DDR bedingt durch die existierende Tauschwirtschaft usw. anders war, dass z.B. auch immer gegärtnert und selbstversorgt wurde und für manche diese “Agrarindustriewende” bzw. “Ernährungswende” erst nach dem Ende der DDR auffallend sich in deren Leben niederschlug. Ich kann aufgrund meiner beschränkten Erfahrung (und hier wieder ein Repräsentationsproblem) nur die “Wessisicht” wiedergeben und es tut mir leid, dass das nicht gleich mitgedacht und kenntlich gemacht war.

6 thoughts on “Auch kurz zu #Waagnis

  1. Hatte gestern daran gedacht, dass ein bestimmt sehr angenehm wäre, etwas von dir zu dieser Diskussion zu lesen. I was right! Danke für den differenzierten und ausgewogenen (haha) Text. Und das schöne Waagenbild. <3

  2. Pingback: Nach dem #waagnis | Kleinerdrei

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