Respekt als Währung im Fleischfachhandel? Gehts noch?

Content Note: Heteroprobleme. Sexismus. Gefühl von Zugangsberechtigung zu Körpern, die weiblich sind.

Im Prinzip ist das, was jetzt kommt, auch genau etwas, was mich die ganze Zeit überhaupt nicht ärgert. Weil es “normal furchtbar” ist, und ich verdränge das üblicherweise oder blende es aus. Ich kann in der “Normalität”, die ja permanent ein Horror ist, total ausblenden, dass es ein Horror ist, und glücklich und zufrieden leben. Bis auf diese Momente halt, wo ich mir klar mache: Moment mal, was geht hier eigentlich ab?

Männer* jammern Frauen* voll, dass sie weniger “Weiber abkriegen” als der mackerhafte Chauvinist ™. Was bedeutet das denn eigentlich wirklich?

Kennt ihr so einen? Der “anständige Mann(TM)” der sich ärgert, wenn Frauen(tm) statt auf ihn und seinen Respekt vor Frauen zu stehen, auf sexistische Männer reinfallen? Der vergisst eine Sache bei seiner Berechnung: Frauen*, die darauf stehen, dass sie mal ausnahmsweise wer mit Respekt behandelt, haben u.U. schon einiges mitgemacht und das mag damit zu tun haben, warum Respekt schön ist, aber trotzdem nicht so schnell und leicht zu Sex führt. (Wenn es überhaupt Potential hat, das soll’s ja geben, dass manche Menschen nicht auf manche Menschen stehen.)

Das bedenken die “anständigen Männer” aber nicht. Und das hat sicherlich damit zu tun, dass ich von diesem Gejammer des “anstängigen Mannes(tm)” immer schon genervt war. Weil es in einer gewalttätigen partriarchalen Struktur ein Luxusproblemchengejammer darstellt. Welches oft an diejenigen gerichtet wird, die von der gewalttätigen Struktur zugerichtet und fertig gemacht werden.

Wie wenn jemand das Fleisch auf dem Fleischmarkt anjammert, dass der Markt so strukturiert ist, dass er zu wenig Fleisch abbekommt. Er schlägt dem Fleisch vor: Wir treffen uns abseits des Marktes, wir machen das nicht mit – und abseits des Marktes fress ich dich dann ganz respektvoll auf. Da ist das Fleisch dann dankbar dafür, dass jemand immerhin mit dem Fleisch spricht. Es immerhin anspricht. Auch wenn der Inhalt des Gesagtem dem Fleisch wieder klarmacht, dass es letztendlich nur ein Stück Fleisch ist und bleibt, und das scheinbare “ausbrechen aus dem Markt” auch wieder nur eine andere Art des Fleischerwerbs darstellt. Tja. Dumm gloffe, wie es in Schwabenland heisst.

Im Moment kenne ich niemanden, der so jammert, aber früher kannte ich mal bzw. hat der ein oder andere Bekannte durchaus mal gejammert, dass nur die Arschlöcher die Frauen abkriegen würden. Ich bin heute noch nachträglich sauer darüber. Der ganze “sexy Respekt vor Frauen” ist in dem Moment, wo das Gejammer losgeht, dahin; und heraus kommt der Typ, der nicht mitdenkt, sich nicht in andere reinversetzt, und einfach eine bodenlose Ignoranz an den Tag legt.

Dieses Gefühl von “Entitlement” (Es gibt das Wort auf deutsch leider nicht genau so, also, ein Wort, das wörtlich sagt: sich per Titel berechtigt und ermächtigt fühlen), das manche Männer* haben. (und das sie vielleicht auf eine ganz unschuldige Art und Weise haben, weil sie dafür niemals negative Konsequenzen aufgezeigt bekamen) Dieses Gefühl, eine Zugangsberechtigung zum intimen Kontakt mit einer weiblichen Freundin zu haben: Das ist ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft, die eben auf allen Ebenen und zwischen den Zeilen allen vermittelt, dass Männer* unter Beachtung bestimmter Spielregeln zum Zugang zu Frauen*körpern berechtigt sind.

Ich hatte das Erlebnis selber mal, dass ich einen sehr guten, besten Freund hatte, und wie die Dinge halt so waren, es kam nie eine Liebesbeziehung zustande. Als ich eine zu einem Anderen anfing, ging die Freundschaft schmerzlich auseinander. Jahre später, als die Beziehung zu dem anderen beendet war, stand mein früherer Freund auf einmal auf der Matte und fühlte sich zugangsberechtigt. Ich bekam es mit einer absurden Situation zu tun: Mein Ex und mein Freund, der dachte, er sei jetzt “an der Reihe” bei mir, sassen zusammen und legten in meinem Beisein mein Nichtzurverfügungstehen als Brutalität, Gemeinheit und eine moralische Schweinerei sondergleichen aus. In meiner Anwesenheit einigten sie sich auf: “Der nächste bringt sich wahrscheinlich um.” Ja. Das habe ich erlebt. Abgeurteilt zu werden, weil ich mir selber gehören wollte und nicht wie eine auf Eis gelegte Ware behandelt werden wollte, die dann ja wieder “frei” ist, sobald ihre Beziehung auseinander gegangen ist. Von der absoluten Rücksichtslosigkeit mir gegenüber, nach dem Ende einer mehrjährigen Beziehung sich nicht mal zu fragen, wie es mir so kurz danach eigentlich damit geht, will ich ja noch nicht mal reden. Und das waren beides linke, teils schüchterne Männer mit empanzipatorischen Anspruch. Die sich halt ganz unschuldig aus Gewohnheit und aufgrund dessen, was ihnen gesellschaftlich beigebracht wurde, zu meiner Person zugangsberechtigt fühlten. Es ist ein strukturelles Problem. Trotzdem, es wird ja von konkreten Menschen ausgebadet. In dem Fall von mir.

Während ich denke, viele dieser “Nice Guys”, gerade wenn sie noch ziemlich jung sind (wir waren es ja auch damals), machen das wirklich in aller Unschuld und checken die Strukturen dahinter nicht. Wenn es dann aber so läuft, dass ältere Leute, die eigentlich genug Möglichkeiten hatten, sich weiterzubilden, zu keinem anderen Muster finden, als sich eine Zugangsberechtigung zu Frauen* zu “verdienen”, dann wird das so langsam kriminell. (Und es ist hoffentlich klar, dass man mit einem solchen zugrundeliegenden Menschenbild sicher keine langjährige glückliche Beziehung zu einem Mitmenschen führen kann). Aber stattdessen bleibt es normal, akzeptabel, verständlich:

Vor ein paar Jahren wurde dieses Topic in manchen Artikeln zum Thema “Feministinnen vs. Piratenpartei” z.B. verhandelt: Der (nun wirklich nicht mehr jugendliche) Nerd ist halt sauer auf Frauen und den Feminismus, weil er, obwohl kein Chauvinist, obwohl “nach den feministischen Regeln spielend”, von Frauen* Verachtung geerntet hat anstatt Aufmerksamkeit, Liebe und Sex.  Dass die Nerds auch von Jungs gemobbt wurden, was hatte das eigentlich für Folgen? Achso, für Männer gibt’s da keine Kollektivschuld und –Abstrafung? Zweiterlei Mass? Na sowas?

Bei der Suche nach dem Artikeln über die Piratenparteidiskussion damals fand ich aber das hier:

Im Prinzip muss ich gar nichts weiter schreiben. Paula hat eh super dazu gepostet, die Kommentare finde ich auch auch sehr interessant, (ich fürchte, ich hab den Artikel aus Zeitmangel damals gar nicht mitgekriegt..) und ich schliesse mit einem Zitat aus dem Shakesville Explainer-Text:

First of all, that Nice Guy®, who was willing to be a friend to a woman? He wasn’t nice, and he wasn’t her friend. He was choosing to feign niceness in the hopes of getting sex.

Zuerst einmal, der “anständige Mann”(tm), der einer Frau ein Freund sein wollte? Er war nicht anständig, und er war nicht ihr Freund. Er entschied sich dafür, Anstand vorzuspielen in der Hoffnung auf Sex.

*Bitte beachtet oben im Header den Erklärtext wieso ich ein Gendersternchen verwende :)

4 thoughts on “Respekt als Währung im Fleischfachhandel? Gehts noch?

  1. Etwas andere Situation, aber dahinter liegende, ähnliche Denkweise: Bester Freund von Ex-Mann teilt mir mit, dass Ex-Mann nichts dagegen habe, wenn Bester Freund mit mir eine Beziehung einginge. Äh, hat mal jemand daran gedacht, mich zu fragen?

    • m(
      Das ist ja nochmal einen Zacken schärfer. Also, dass er nicht (nicht nur, vielleicht ja auch) denkt, er hätte sich die Zugangsberechtigung zu dir inzwischen durch genügendes “Nettsein” und “Freundschaft” und “Respekt” “verdient”, sondern er lässt sie sich gleich vom “Vorbesitzer” bescheinigen.
      Uarhrgs…

  2. Über den Zaun betrachtet (aus männlicher Sicht): interessante Probleme habt ihr …

    In Lebensphasen, in denen ich mich unterbeweibt fühlte, hätte ich mir eher die Zunge abgebissen, als mich bei irgendjemand zu beschweren oder aufzudrängen. Aber ok, wenn du es sagst, wirds solche Deppen wohl geben …

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