Weißbrot ist nicht “umgekehrter Rassismus”

Ich schreibe das mal, weil ich oft “Weißbrot” sage, wenn ich so Leute wie mich meine, die in unserer Gesellschaft nicht aufgrund ihres Äusseren rassifiziert und “geothert” werden. Und das führte schon einige Male zu Nachfragen von Weißen, ob ich das Weißen gegenüber Ok fände. Als Antwort darauf gibt’s jetzt dieses Textchen!

Heute habe ich bei Facebook irgendwas verlinkt, etwas Ärgerliches, wieder mal so etwas, wo sich wohlsituierte Frauen aus westlichen Industrieländern, ausgestattet mit “white Privilege” aufmachen in die Welt, sich dort benehmen, als sei alles und jede_r der  Selbstbedienungsladen für das eigene Empowerment, und am Ende ein Buch schreiben, in dem steht, dass sie die Auserwählten sind die die Welt verbessern, weil die jeweiligen Natives können das ja nicht selbst, und damit dann noch ne Menge Geld scheffeln. Also kurz gefasst: Furchtbar, fremdschämen hoch 10..

Für diese Damen hatte ich das Wörtchen “Weißbrottanten” gewählt. Nicht nett, ich weiß. Ja, auch albern und in meinem Ärger auch sicher unseriös, ich weiss. Es gab dann auch eine Klage, dass das nicht ok wäre, Weiße “Weißbrot” zu nennen und eine kleine Reverse Racism-Diskussion..(“Weißbrot” ist übrigens kein rassistisches Schimpfwort. Dazu Hier und Hier mehr.) Mir gab das eine Gelegenheit, nachzudenken: Ist es nicht doch besser, nicht mehr “Weißbrot” zu sagen?

Eigentlich ist es ja schon ein weißes Privileg, “Weißbrot” mal so locker flockig sagen zu können. Die mit hoher Wahrscheinlichkeit dann folgende Diskussion über den “umgekehrten Rassismus” kann ich ja abbügeln, oder sie führen – auf jeden Fall: sie schmerzt mich nicht so, als wenn ich nicht weiß wäre. Ausserdem wird mir als weißer Person der Begriff “Weißbrot” auch nicht so feindselig ausgelegt, und meine Verwendung des Begriffs fällt dann nicht zurück auf alle, die so sind wie ich. Ich werde dann halt als ein Individuum wahrgenommen, das sich schlecht benimmt/salopp ausdrückt. Aber mehr auch nicht. Andere haben das nicht so locker.

Andererseits: “Weißbrot” zu sagen ist in meinen Augen nichts schlimmes, ich meine das oft auch ein wenig liebevoll und bezeichne mich selbst auch so, es entspricht auch sonst meiner Ausdrucksweise, ab und zu ein paar flapsige Ausdrücke zu verwenden. Und es ist nun mal tatsächlich kein rassistischer Begriff.
Wenn es um Rassismus geht, finde ich das auch manchmal nützlich, mit leicht provokanten und flapsigen Worten Weiße zu bezeichnen: dadurch, “Weißbrot” zu sagen, kann man ganz gut dazu anregen, dass Weiße, statt sich an dem Wort “Weißbrot” aufzuhängen, sich lieber aktiv darum bemühen, etwas Anderem Priorität zu geben: Dass rassistischer Mist geschehen ist und dass zuerst einmal People of Color die Geschädigten in der Sache sind. So als kleine psychologische Hürde, an der ein klein wenig guter Wille demonstriert werden kann.

Und wenn ich mal daran denke, wieviele Worte für People of Color von Weißen mit einem negativen “Beigeschmack” verwendet werden. So viele sind das! Wo schon fast sämtliche Worte durch Abwertungen überlagert werden.. das ist eigentlich total krass. Und ich glaube, es stünde Weißen ganz gut, sich über die zwei, drei Worte, die es vielleicht für sie mit einem “Geschmäckle” gibt, nicht aufzuregen. Weißbrot, Kartoffel.. so what? Wenn auf “weiße” Kosten von People of Color mal etwas Wut ventiliert wird, ist das doch nur verständlich – sich als Weiße diskriminiert zu fühlen, finde ich dann unzutreffend und übertrieben. Und wenn andere Weiße sowas sagen.. Selbstironie! Ist doch gut, lachen über sich selber, unverbissene Selbstkritik. Ist doch ne tolle Sache!

Also: Es ist nicht rassistisch. Es dient manchen Menschen dazu sich mal abzureagieren und schadet niemandem grossartig. Weiße können sich selber damit auf die Schippe nehmen. Mein Fazit: Alles schick!

Es gibt dazu sicher noch andere Umgangs- und Betrachtungsweisen, und ich lerne gerne dazu oder höre mir Eure an.

PS: Ich habe “weiß” kursiv geschrieben, um darauf hinzuweisen, dass ich es nicht als biologische Tatsache ansehe, sondern denke, Weißsein und die Unterscheidung nach “Rassen”, ist etwas, was von (weißen) Menschen erfunden und dann systematisch durchgesetzt wurde. Dass es “Rassen” gar nicht biologisch gibt, ist eine Erkenntnis, die wissenschaftlich bewiesen ist und sich langsam durchsetzt. Leider gibt es trotzdem noch Rassismus, der dann halt oftmals mit “unterschiedlicher Kultur” oder “Mentalität” usw. begründet wird: die “Rassen” halten sich hartnäckig, wenn auch unter anderen Namen und Bezeichnungen, im Denken. Wenn ich “weiß” sage, meine ich also die Leute, die in dem Machtverhältnis des Rassismus die begünstigte Position haben. Und keine biologische Sache oder “Hautfarbe”.

6 thoughts on “Weißbrot ist nicht “umgekehrter Rassismus”

  1. “Ich habe “weiß” kursiv geschrieben, um darauf hinzuweisen, dass ich es nicht als biologische Tatsache ansehe, sondern denke, Weißsein und die Unterscheidung nach “Rassen”, ist etwas, was von (weißen) Menschen erfunden und dann systematisch durchgesetzt wurde.”

    Wo du Recht hast, hast du Recht. Allerdings würde mich interessieren, ob POC everywhere nicht auch ihre eigenen Bezeichnungen für Weisse haben. Keine Ahnung, aber es würde mich wundern, wenn nicht.

    Wie du schon sagtest, ist es an sich ein Privileg, “Weissbrot” als Selbstbezeichnung verwenden zu können und nicht als Fremdbezeichnung ertragen zu müssen.

    So oder so hat sich bis jetzt an der weissen Kolonialherren- und -damen-Attitude nichts geändert. Aber das kann nicht mehr lange gut gehen – oder schlecht gehen, sollte ich wohl besser sagen.

    Da kommen noch die Echos etlicher Ohrfeigen auf uns zu.

  2. Die “Weißbrottante” ist zunächst mal eine kreative Wortschöpfung. Nicht unbedingt schlecht. Hat was.

    Aber zum Rest: diskutiert man neuerdings politisch korrekten Gebrauch von Wortschöpfungen?

    • Ja.

      “politisch korrekt” würde ich z.B. gerne ganz meiden als Begriff, denn dabei tut man so, als ginge es lediglich um Etikette und Spitzfindigkeiten, und nicht um konkrete Diskriminierung und tatsächliche Lebensrealitäten von Menschen.

      Eine Bitte: Ich finde in diesem Kommentar keinen besonderen Grund, ihn zu löschen – aber wärs möglich, dass du dir mehr Gedanken darüber machst, ob deine Kommentare für Andere interessant oder relevant sein könnten?

      • Unter “politisch korrekt” verstehe ich eine Quasi-Etikette einer Subkultur mit dem Anspruch auf weltanschaulich “richtig” in Verein mit Beißreflex bei Abweichung von dieser. Bei mir ist der Begriff negativ konnotiert. Mein Kommentar ging in diese Richtung und war durchaus reflektiert. Er war aber nicht persönlich gemeint. Ich trolle nicht.

        • Ja, genau das ist ja ein praktisches Beispiel, warum ich den Begriff “politisch korrekt” gar nicht mehr verwende.

          Deine Beschreibung davon zeugt von Folgendem:
          – bei diskriminierenden Begriffen geht es dir vor allem um deine eigene Bequemlichkeit, du magst nicht belehrt werden von einer Subkultur, dich nerven deren “Beissreflexe”.
          – Dass diskriminierende Begriffe Menschen diskriminieren und damit schaden, kommt gar nicht vor bei dieser Betrachtung. Ist also egal.

          Ich hatte nicht gesagt, dass du trollst, sondern dass ich in deinen Kommentaren bisher wenig Relevantes und Interessantes finden kann, eher so ein belangloser Smalltalk a la “Ach was, das gibts auch? Aha, naja, find ich ja so lala/lustig/bizarr/blahblahblah”….

          Ich hatte irgendwann mal einen feministischen Text gelesen, der sich mit Kommentaren von Männern* befasste, leider erinnere ich mich gerade nciht mehr, wo genau das war. Darin wurde auch drauf hingewiesen, dass ein Kommentar nicht notwendigerweise interessant oder lesenswert wird, dadurch, dass ein Mann* diesen schreibt.

          Diese einfache Tatsache kommt aber bei manchen (cis)männlichen* Zeitgenossen nicht an, und sie meinen, sie müssten auf feministischen Blogs überall ihre belanglosen Befindlichkeiten und wie sie etwas finden, hinterlassen.
          Du erinnert mich da grade dran.
          Nicht, dass deine Kommentare böse oder trollig oder bös gemeint wären. Sie strotzen nur von Hinweisen auf die Haltung eines Menschen, der seine eigenen Privilegien (noch) nicht wirklich viel reflektiert hat.

          Das, was du amüsant, kreativ oder komisch findest, sind für andere Menschen, die nicht in deiner Position sind, oft ganz bittere Sachen und gerade, wenn es um Diskriminierung und Ungerechtigkeit geht, ist dieses belanglose BlahBlah nicht immer das, was angebracht ist.

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