Selbstfürsorge – I did it my way!

Im Moment werden in der in der deutschsprachigen Bubble meiner Wenigkeit Texte zum Thema Selbstfürsorge/Selfcare geschrieben und diskutiert:

Während ich mich an der Diskussion auch ein bischen beteiligt habe, will ich mal einfach einen neuen Text in die Runde werfen, über Selbstfürsorge, wie sie mir gut tut und warum ich sie benötige. (Und auch versuchen, das Ganze in einen Zusammenhang zu stellen mit sonstigen politischen Verhältnissen.)
Lustigerweise wurde mir auch ein Link reingereicht zu einer Diskussion über Selfcare, die 2012 in der englischsprachigen Blogsophäre geführt wurde:

Zuerst mal ist es mir ganz wichtig zu sagen:
Wann deine Energie zu Ende ist oder wann es dir schlecht geht, oder wenn du meinst, du solltest etwas für dich tun oder dir etwas gönnen, dafür bist du selbst die kompetenteste Person! Selfcare ist, dass ich bestimme, was ich wann benötige, und die Verantwortung übernehme für mich selbst und mein Wohlbefinden.
In diesem Sinne ist Selfcare eine selbstermächtigende, proaktive Praxis.
Die Kompetenz und Verantwortung für mich gebe ich keinen Mediziner_innen ab, die sich um mich kümmern sollen (wobei ich natürlich jederzeit welche zu Rate ziehen kann, wenn ich das möchte). Ich erteile auch nicht anderen (politischen Projekten, den “schlimmen Verhältnissen”, anderen Aktivist_Innen etc) die Berechtigung, über meine Ressourcen zu verfügen und zu bestimmen, wann sie erschöpft sind und wann ich Regeneration brauche, sondern das beurteile ich selbst. (Wobei ich mich natürlich jederzeit mit Freund_innen, Kolleg_innen, Aktivist_innen dazu beraten kann).

Obwohl Selbstfürsorge in dieser Diskussion im Zusammenhang mit Polititk und Aktivismus steht, entstehen Belastungen nicht unbedingt nur durch Aktivismus, oder manchmal auch gar nicht durch Aktivismus. Bei mir ist es z.B. so, dass ich in einer Großstadt lebe, und dadurch Belastungen durch Lärm, Abgase, stressigem Strassenverkehr und so weiter ausgesetzt bin. Dann kommt die Lohnarbeit dazu, die körperlich, und manchmal psychisch auch anstrengend ist. Und dann kommen noch meine sehr, sehr vielen Interessen dazu, von denen ich irgendwie nichts aufgeben möchte. Zeitmanagement wird da zur Herausforderung. Ich mag soziale Netzwerke im Internet deshalb, weil ich da mal schnell mit Leuten kommunizieren kann. Auf der anderen Seite fressen sie total viel Zeit und das Facebook- und Twitter-checken und der ständige Zustrom von Informationen und Aktionen kann eine_n schon einsaugen und nicht so schnell wieder loslassen.
Also ist es eigentlich für mich auch viel das moderne, digitale Stadtleben, das mich manchmal gar nicht zur Ruhe kommen lässt, und es ist ja am Ende egal, wodurch das Bedürfnis nach Entspannung und Auftanken entsteht.
Wichtig ist mir, auf dieses Bedürfnis zu achten und mir selbst das zu geben, was ich in dem Moment brauche.

Dabei helfen mir eine ganze Menge an Selfcare-Methoden. Es gibt akute Methoden (die ich anwende, wenn es mir gerade akut schlecht geht, und sonst eher nicht oder nur nach Lust und Laune) und dauerhafte, durchgehende Gewohnheiten, die ich mir zur Gewohnheit machen musste – weil, würde ich sie unterlassen, das bei mir gradewegs in die Selbstzerstörung führen würde.
Die “Gewohnheitsmässige Selbstfürsorge” würde ich auch “nachhaltigen Aktivismus” nennen, und sie als Teil einer politisch bedeutsamen Praxis ansehen. Nachhaltiger Aktivismus, weil ich dabei nicht von einer Aktion zur nächsten lebe und mich verausgabe, sondern so lebe, dass ich auch in vielen Jahren noch in der Lage bin, mein Leben als politisch interessierte und aktive Person zu leben.

Ständige Selbstfürsorge/Gewohnheiten:

Die allerwichtigste: Sei nicht alleine!
Du bist niemals allein. Auch wenn es so aussieht. Es sind bei den meisten politischen Themen noch andere am selben Thema am arbeiten. Du bist nicht allein, und du kannst dich mit Anderen zusammenschliessen, denen es so ähnlich geht wie dir. Wenn es nicht möglich ist, dass in deiner Community, deinem Wohnort, oder in deiner Region live mit Menschen zu tun, dann kann das Internet helfen, dich mit Menschen zusammenzutun, und ihr könnt euch gegenseitig bestärken und euch weiterhelfen.
Politisch aktiv und weiterdenkend zu sein, ist für mich auch immer nur möglich, weil ich genügend Menschen um mich habe, die mich darin bestärken und mit mir unterwegs sind. Beste Freund_innen, Kolleg_innen, die feministische Blogosphäre, die Twitteria.. <3

goodies
Nicht allein: Als ich mich mal tagelang in einer ermüdenden Rassismusdiskussion (erfolgreich btw, yay!) abgekämpft hatte, hatte Fröken von Horst mir dieses Päckchen geschickt und einen ermutigenden Brief. <3

Kontext: Die Held_in, die völlig alleine gegen das Böse auf der Welt sich märtyrer_innenhaft aufreibt, ist nicht nur ein super ungesundes Bild, sondern schliesst sich meiner Meinung nach an so einen weißen Held_innenkomplex dran. In dem weiße Menschen als Individuen behandelt werden, und Schwarze oder People of Color als Kollektiv. Es gibt so viele Erzählungen und Mythen über den weißen, einsamen Helden, während People of Color den Preis dafür zahlen, die gesichtslose, zu rettende “Masse” im Hintergrund zu sein. Ich habe selber Probleme damit, weil in meiner politischen Sozialisation oft von “Zivilcourage” die Rede war, und damit war meist gemeint, dass eine Person in ihrem Inneren mit sich ausmacht, gegen Unrecht einzuschreiten, und das dann auch ohne Rücksicht auf Gefahren heldenhaft tut. Auf den Gedanken zu kommen, dass ich vielleicht Hilfe gebrauchen könnte, um überhaupt festzustellen, dass etwas nicht stimmt und mensch was machen sollte, is nicht. Das musste alles so im Inneren mit der inneren Gerechtigkeitsintanz abgemacht werden. Und dann zu denken, sich zusammenzutun mit Anderen und sich gegenseitig zu helfen und Kraft zu geben? Wurde mir so nie vorgelebt oder beigebracht. Währenddessen feiern die Medien weiter die einsamen Held_innen, die sich im Alleingang opfern. Es gäbe viel Nützliches zu lernen von Communities (of color; oder Arbeiter_innen/Arbeitslosencommunities), die kollektives Handeln und gegenseitige Unterstützung höher bewerten und vorleben. Ich hatte einmal das Glück, mit einer Überlebenden des KZ Ravensbrück zu sprechen, und bei den Kommunistinnen dort gab es keine Einzelkämpferinnen-Kultur, und deshalb, erzählte sie, war sie damals in der Lage, selbst im Lager noch Widerstand zu leisten.

Slacktivism: Mit Vorsicht zu geniessen!
Slacktivism kommt von Slacker und Activism. (Slacker: Drückeberger/Faulpelz) Es bedeutet, nutzlose und kleine Handlungen zu vollziehen, um das eigene Gewissen zu beruhigen, wenn mensch von schlimmen Zuständen oder Ungerechtigkeiten erfährt. Ich finde die Kritik an Slacktivism teils übertrieben, aber was ich schädlich für mich finde, ist: Informationen “reinkriegen” (über soziale Netzwerke im Internet, aber auch in den Nachrichtenmedien) die von schrecklichen Zuständen und Ungerechtigkeiten berichten, aber den Eindruck machen, niemand könne dagegen etwas ausrichten. Gefühle von Ohnmacht und Verzweiflung sind die Folge. Maria Mies schreibt in “Globalisierung von unten” über das Internet als potentieller Motor von emanzipatorischen Bewegungen:

“Wer die geistige Gesundheit der Menschen erhalten will, muss ihre politische Handlungsfähigkeit erhalten. Sie müssen das Gefühl behalten, dass sie selbst etwas verändern können, dass sie nicht hilflose Opfer sind, dass es eine Alternative gibt. Das heisst, mit den neuen Informationen und Erkenntnissen muss eine Handlungsperspektive eröffnet werden. Diese Handlungsperspektive muss so gestaltet sein, dass sie Erfolg haben kann. Nichts motiviert mehr als Erfolg.
Das setzt ausserdem voraus, dass die Vermittlung von Informationen und Wissen gleichzeitig eine oder mehrere soziale Beziehungen herstellt oder reaktiviert. (..)
Wenn zu solchen positiven Beziehungen elektronische Kommunikationsmittel als Instrumente hinzukommen, können sie tatsächlich mit Gewinn in einer Bewegung genutzt werden. Die Instrumente und die Masse an Informationen allein bewegen jedoch noch nichts. Im Gegenteil, sie können zu Ohnmachtsgefühlen und Apathie führen.” (Globalisierung von unten. Der Kampf gegen die Herrschaft der Konzerne. Maria Mies 2002, S. 45)

Message
Informationen, die übers Netz verteilt werden allein sind nicht unbedingt hilfreich.

Mit welcher Art von Information ich es zu tun habe, und ob sie Handlungsperspektiven eröffnet oder nicht, kriege ich ziemlich schnell mit, wenn ich auf meine Gefühle achte. Wenn z.B. Aktivist_innen und Blogger_innen über schlimme Zustände schreiben, ist das für mich meist empowerend und nicht kräftezehrend. Denn ich sehe: Da sind Menschen präsent, die dem etwas entgegensetzen – und ich kann das möglicherweise auch tun.
Artikel, die in Richtung “Verschwörungstheorie” und Panikmache gehen, empfinde ich dagegen ganz klar als kräftezehrend und mir bringt es auch gefühlsmässig nix, mich dann zur “wissenden Elite” zählen zu dürfen – das elitäre Denken, das hinter Verschwörungstheorien steckt, bedeutet ja auch, dass die Vereinzelung und das allein sein gefeiert wird. Und genau das ist es ja, was mich eher entmutigt. Daher versuche ich, mich so weit als möglich von Verschwörungstheorien und Panikmache fern zu halten.

Körperarbeit und Bewegung

In einem Text, der Self Care kritisiert, nämlich “An End to Self Care” von B. Loewe, wurde z.B. gesagt, dass es ein Privileg sei, Zeit für beispielsweise Yoga zu haben. Dazu sage ich: So können nur Leute denken, deren Körper es ihnen verzeiht, mit Bewegungsmangel und Energieraubbau längere Zeit zu funktionieren. Sei es, weil sie noch jung sind. Sei es, weil sie keine langen, monotonen oder einseitig belastenden Tätigkeiten ausführen müssen. Oder wenn sie nicht lange sitzen oder nicht körperliche Schwerstarbeit leisten müssen.

Für mich kommt Bewegungsmangel nicht in Frage. Und es reicht auch nicht, irgendeine Art von Bewegung zu machen – ich muss zu dem, was ich für meinen Broterwerb mache, einen Ausgleich schaffen. Ich muss. Wenn ich dafür eigentlich keine Zeit habe, dann präsentiert sich mir 2-3 Wochen später die Rechnung in Form von Rückenschmerzen und Muskelverspannungen bis hin zu chronischen Entzündungen. Muskeln verhärten derartig, dass sie mir das Rückgrat verziehen. Also muss ich mir Zeit dafür eben nehmen, auch wenn das heisst, dass ich auf andere Dinge, die ich lieber gemacht hätte, verzichten muss.

Das vorweg. Dessen ungeachtet finde ich Körperarbeit und Bewegung auch deshalb soooo super, weil es eigentlich nur ganz wenige Einschränkungen gibt, und sich so gut wie alle Personen in allen möglichen Lebenslagen ihre Vorzüge erschliessen können. Es gibt gerade in bestimmten Sportszenen zwar viele Ausschlüsse, wie z.B. Fatshaming, schädliches Leistungsdenken, und kulturelle Aneignung, (Decolonizing Yoga ist z.B. eine Webseite, die sich mit diesen Themen beschäftigt) aber Körperarbeit ist am Ende etwas, was meine ganz eigene Sache ist. Mein Körper gehört mir (oder bin ich, je nachdem), und ich kann mich durch Bewegung und Körperarbeit mit meinen Selbstheilungskräften verbinden und auch ganz profan Körperkräfte/Beweglichkeit/Geschick aufbauen und mobilisieren. Das macht mir Spass und gibt mir auch ein gutes Gefühl.

Körperarbeit deshalb einer reichen, esoterisch interessierten, weißen Mittelklasse zu überlassen, weil einige Leute das für sich so angeeignet und kommerzialisiert haben, ist für mich selbstschädigend.

Für mich gibt es die Schwierigkeit, dass das, was ich mache, gelenkschonend sein muss, es darf nicht viel Geld kosten, und es darf nicht zuviel Zeit in Anspruch nehmen. Deshalb habe ich z.B. mit dem Schwimmen gehen aufgehört. Regelmässig kann ich mir das nur leisten, wenn ich in das verbilligte “Früh- und Spätschwimmen” in der Schwimmhalle gehe, Zeiten, zu denen ich in der Regel arbeite oder schlafe. Und selbst dann ist das Hinfahren, das Umziehen, das Schwimmen, das Trockenfönen und dann wieder umziehen und Heimfahren ein Zeitaufwand, der sich als unpraktikabel erwiesen hat. Im Sommer fahre ich zum nächsten Badesee auch eine halbe Stunde mit dem Rad, (Öffis sind zu teuer und brauchen eh genauso lang) und dann sind mit Umziehen/Abtrocknen und Fahrt eineinhalb Stunden schon mal weg, ohne dass ich einen Zug geschwommen bin. Ein anderes Problem ist, dass ich nur Rückenschwimmen oder Kraul machen sollte, wegen der Knie (und dem Rücken), ich aber Kraul nicht kann und in den vollen Bädern und Seen Rückenschwimmen dauernd zu Kollisionen führt. Bisher hatte ich einfach das Zeitfenster nicht, mir einen Erwachsenenschwimmkurs zu gönnen, um Kraulen zu lernen, und meine Versuche, es selber zu lernen, zogen sich etwas hin (einmal hat ein anderer Schwimmer sich erbarmt, der mein Gestrampel mit ansah, und mir ein paar hilfreiche Tips gegeben).

Praktikabel für mich: Walken/Laufen/Radfahren und Yoga/Rückensport. Letzteres habe ich 1.5 Jahre von der Kasse bezahlt bekommen, jetzt mache ich es zuhause und nutze ein Online-Yoga-Programm. Es ist zwar nicht kostenlos, aber ich finde, sehr gut gemacht, und ich kann mir das noch eher leisten als einen Live-Yoga-Kurs. Zumal die Yogakurse, die ausserhalb meiner Arbeitszeiten stattfinden, durch die Bank für Schwangere oder Mütter mit Kleinkindern konzipiert sind. Ausserdem bin ich gut darin, mir Dinge mit Hilfe von Lehrmaterial selber beizubringen.

Wie für den Punkt “Ernährung” gilt: Ich verschenke unglaublich viel an Kraft, Energie und Potential, wenn ich hier keine Selbstfürsorge betreibe. Es heisst nicht umsonst “use it or lose it”, was z.B. die Muskulatur angeht. (deutsch: Benutz es oder verlier es). Wenn du diesen Überschuss an Energie und Kraft sowieso hast, dein Körper in der Lage ist, deine Versäumnisse auszugleichen: Gut für dich! Wenn du mit deinen Kräften haushalten musst, willst die sie wahrscheinlich nicht verlieren, und dafür Schmerzen kassieren. Und solange es geht, ist Bewegung und Körperarbeit im Vergleich zu Krankenstand, Medikamenten und Operationen zugänglich, billig, unschädlich und heilend.

scheissegal mudra
Wohltuend für Körper und Geist: Spazieren gehen an der frischen Luft und Yoga. Hier das “Scheiss drauf Mudra” – diese Handhaltung hilft, Gedanken an unangenehme Zeitgenoss_innen in die Bahnen zu lenken, in die sie gehören.

Nein sagen, Klartext reden, Grenzen setzen.
…fällt mir auch schwer. Angst haben, anzuecken, dass Leute eine_n dann nicht mehr mögen könnten, oder beleidigt sind. Die meisten Lügen, die ich erzähle, sind nicht, weil ich anderen eine reinhauen will, sondern weil ich Streit vermeiden will oder Angst habe, dass andere durch unangenehme Wahrheiten beleidigt werden.
Nein sagen, und zu sich selbst zu stehen, ist für mich eine Selbstfürsorge, die erstmal anstrengend ist und Mut braucht, aber hinterher weniger Kraft verbraucht und sehr erleichternd ist. Und dies ist vielleicht die privilegierteste Praxis von Allen, aber ich weiss nicht, ob “Nein sagen” überhaupt so ein wichtiger Punkt für Leute ist, die das ohne weiteres können. Menschen, die es nicht ohne weiteres können, gerade wenn sie in marginalisierten Positionen stecken, wo ihnen “Neins” und deutliche Worte übel ausgelegt werden, sind die Menschen, von denen ich am meisten und das Beste über das Nein sagen gelesen und gehört habe.
Meine Wahrheit auszusprechen, bringt mir Selbstachtung und Selbstliebe, mich nicht verstellen zu müssen oder wenigstens nicht in allen Dingen verstellen zu müssen. Es wird immer Dinge geben, die ich nicht gefahrlos offen sagen kann, und da möchte ich nachsichtig und verzeihlich mit mir selber umgehen. Und es da eben tun, wo ich es schaffen kann – und mich darüber freuen, wenn es gelingt.

Ich habe eine Inspiration zum Nein-sagen:
Falls ihr Star Trek nicht kennt: Vulkanier sind so spitzohrige Aliens in einem Sci-Fi-Universum, denen man nachsagt, nicht lügen zu können. Spock redet Klartext und stellt sich notfalls auch vor Vorgesetzte hin und sagt “Nein”.

Eine andere Methode, Klartext zu reden, ist für mich, einzugestehen: “Ich habe einen Fehler gemacht; Ich habe meine Meinung geändert; Ich habe mich anders entschieden.” Das habe ich aus Dr. Zimbardos “Guide for resisting influence”. Zimbardo hat ein Buch geschrieben, das “der Lucifer Effect” heisst, (ich habe es nicht gelesen) und darin geht es um das Stanford Prison Experiment. Darin wurde erforscht, wie Gruppendruck und Machtgefälle in Gruppen aus Menschen Täter_ machen können, die anderen Menschen Gewalt antun. Bei “Resisting Influence” oder auf deutsch: “Beinflussung abwehren” geht es tatsächlich um die Held_innennummer – sich zur Not allein gegen die Mehrheit stellen, und die eigene Wahrheit auszusprechen.
Zwar siehe oben, der “weiße Helden_komplex” und so, aber manchmal kommt man um die Held_innennummer nicht drum herum.

Und bei dem Abwehren von Beeinflussung kann es wichtig sein, zum einen meiner eigenen Wahrheit treu zu bleiben, aber zum anderen durchaus meinen Standpunkt auch zu ändern: Es gibt Strategien der Beeinflussung, nachdem du zunächst von einer Position überzeugt wirst, und danach ein konsistentes Weiterführen des Weges, den du dann schon mal eingeschlagen hast, von dir verlangt wird – obwohl der eigentlich nicht mehr dem entspricht, was anfangs noch okay erschienen war. Und das ist dann der Moment, an dem es genauso gut und stark ist, zu sagen: “Ich habe einen Fehler gemacht/meine Meinung geändert” und aus dem Konstrukt auszusteigen.

Für mich war es wichtig zu verstehen, dass Klartext zu reden und Nein zu sagen eine nützliche und liebevolle Sache ist. Ich bin ziemlich harmoniesüchtig und möchte Leute nicht verletzen, aber wir kommen nirgendwo hin, wenn wir uns und anderen nicht die Chance geben, dass wir uns kennen lernen. Und anderen Grenzen zu setzen ist zwar furchtbar anstrengend, aber es ist am Ende freundlich, die anderen wissen zu lassen, wo ich selber stehe und wie sie mit mir umgehen sollen. Für mich ist es auch einfacher und weniger anstrengend, wenn andere sich trauen, ihren Standpunkt zu benennen und ihre Grenzen zu setzen.
Also übe ich das…

Was typischerweise passiert, ist, dass ich eine Grenze zunächst nicht setzen kann oder mich unklar verhalte, oder zu oft “Ja” sage, und dann später irgendwann merke, das tut mir gar nicht gut, da hab ich mich in etwas reinmanövriert. Danach Grenzen zu setzen wird immer schwerer, weil Leute von eine_r verlangen, konsistent zu handeln (siehe oben). “Warum hast du denn nicht früher/gleich etwas gesagt?”; “Jetzt ist es zu spät”, usw.
Dann klar zu sagen: “Ich habe meine Meinung geändert. Ich möchte das jetzt nicht mehr.” finde ich sehr, sehr empowernd. Überhaupt habe ich es in den letzten Monaten und Jahren sehr bekräftigend gefunden, Nein zu sagen, sich klarer zu positionieren und zu erleben, dass andere Menschen darauf positiv reagiert haben. Und wenn nicht, dass es immer gleichzeitig auch Leute gab, die das okay fanden und die mich okay fanden.

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In Ermangelung eines legal benutzbaren Bildes aus der Star Trek Filmindustrie: Dieser freundliche, mir unbekannte Vulkanier wurde von istolethetv aus Hong Kong fotografiert und unter einer cc-by 2.0 lizenz ins Netz gestellt.

Ernährung
Das ist das Gebiet, wo im Moment das meiste bei mir im Argen liegt. Gerade ist es zeitlich aber nicht drin, auch noch öfter leckere Dinge zu kochen, und viele Tage sehen so aus: Arbeit, heimkommen, Takeaway/Imbiss/oder schnell eine Stulle schmieren, essen, vor dem Internet absacken, pennen gehen.
Ich glaube aber daran, dass es auch sehr wichtig ist als Selfcare, sich zu verzeihen, wenn mensch nicht alles schafft. Sich nicht als schlecht oder ungenügend zu verurteilen, wenn ich nicht die perfekte, auf allen Gebieten punktende Feministin bin. Gerade beim Thema Ernährung gibt es viele, schon ins fanatische gehende Überzeugungen. Wie du es machen sollst, wird dir vorgeschrieben, und wenn du es nicht so machst, darfst du nicht mit Mitgefühl rechnen, wenn es dir dann schlecht geht. Und dadurch wird Ernährung ein Gebiet auf dem viele Menschen eher entkräftet und gegängelt werden, statt ermächtigt und geheilt. Trotzdem bietet gerade Essen (was ich ja sowieso machen muss) mir die Möglichkeit, mich relativ billig und effektiv zu stärken und zu heilen.

Ich würde, was Ernährung angeht, empfehlen, sich Konzepte von “Health at Every Size” anzusehen, die auf intuitives, genussvolles Essen und das Nutzen der Weisheit des eigenen Körpers setzen. Denn Druck auf sich selbst auszuüben empfinde ich als entkräftend und anstrengend, und ausserdem haben wissenschaftliche Studien ergeben, dass eingeschränktes, genussloses Essen aus rein gesundheitlichen Gründen bewirkt, dass ganz viele Nährstoffe gar nicht richtig aufgenommen werden. Wenns nicht schmeckt, tut’s auch nicht gut. (Info habe ich aus dem Buch “Health at Every Size” von Linda Bacon)
Noch 3 Links:
Bodylovewellness
Dances with Fat
Riotmango (Körper/Fett-positives Blog auf deutsch)

gemues1
Wenn ich doch mal koche, dann meist sehr gerne. Ich hab mir vorgenommen, wenigstens 1x im Monat Freund_innen einzuladen, damit wir uns gemeinsam bekochen. Das ist super schön und es ist einfach was Anderes, als sich nur übers Internet zu kontakten. Leider ist der Grund, warum wir uns meist übers Internet kontakten, der, dass wir dann keinen Aufwand haben und es vom heimischen Rechner aus geht. Und es ist nicht einfach, immer Termine zu finden, wo jede_r Zeit hat… sonst würde ich das bestimmt öfter machen.

Aktivismus und Spass dabei: Die “richtige” Politgruppe für mich.
Nicht immer war das so, aber in den letzten Politgruppen, in denen ich war, gab es eine lockere -vieles kann, nicht alles muss-Atmosphäre, es gab Spass und Gemeinschaft, und es machte auch Spass, etwas zu organisieren. Das war nicht immer so. Ich war auch mal in einer Antifa, wo sich die Leute gegenseitig ihre Zugänge zerredet haben, und so manche Diskussion in einem “es bringt ja alles nichts, aber wir machen aus Pflichtgefühl trotzdem weiter” endete. Dazu kam so ein Konkurrenzdenken wie “ich bin politischer als du/ich bin aktivistischer als du..”

Die Verhältnisse sind scheisse. Aber es endet nicht gut, wenn eine Gruppe sich die Schuld dafür gibt, dass die Verhältnisse sich nicht oder nicht schnell genug ändern. Ich wurde glücklicherweise von den meisten spassbefreiten Politmärtyrer_innen als “zu unpolitisch” abgelehnt und habe nie Zugang zu deren Gruppen bekommen. So blieb mir einiges erspart. Die schönsten Sachen, die ich mit machen durfte, waren Spassguerillasachen, oder mit Leuten auf Demos gehen, die nicht so verbissen und berufstraurig waren. (Nichts dagegen, wenn du traurig bist! Aber dir jede Freude verbieten, solange es Menschen auf dieser Welt schlecht geht, hilft niemandem!)

Auch mit meiner alten Amnestygruppe hatte ich eine gute Zeit, obwohl wir uns mit der Todesstrafe, mit Diktatur und Diktatoren usw. auseinandergesetzt haben, haben wir uns nicht runterziehen lassen, sondern halt unsere Aktionen gemacht und beim Aktiv sein miteinander Spass gehabt. Oder uns zusammen geärgert. Auf jeden Fall war es gut.

Ich kann mir jedoch nicht alle politischen Zusammenhänge aussuchen, z.B. wenn ich in einem Wohnprojekt lebe oder in einem selbstorganisierten Betrieb arbeite, hängen mein Dach über dem Kopf und mein Geld zum Leben davon ab. Das sind in meinem Leben auch die Bereiche, wo ich erschöpft werde und auch Auszeiten brauche. Ich glaube, bei der Kritik an Selbstfürsorge, wo sowohl in der englischsprachigen als auch in der deutschsprachigen Diskussion argumentiert wurde, dass mensch keine Pause vom Aktivismus braucht, sondern dass Aktivismus und Gemeinschaftssinn einer_einem Empowerment geben sollte, von dem man bittschön nie genug kriegen sollte, fällt eines unter den Tisch: Wenn du Abhängigkeiten von deinen politischen Zusammenhängen hast, oder dein Wohnen/Essen/Geldverdienen ins Spiel kommen, ist ein ganz anderes Konflitkpotential da. Da sind Ängste im Spiel. Menschen arbeiten sich aneinander ab, wenn es um “mehr” geht, wenn sie was zu verlieren haben. Manchmal erfordert das dann viel Arbeit und Nerven und Angst aushalten, es ist Mediation nötig, es sind Gruppendynamiken auszuhalten. Zwar ist es nicht der Aktivismus selbst, der schadet und erschöpft, aber Menschen verletzen und bekämpfen sich eben manchmal, auch in alternativen/politischen Zusammenhängen, und besonders, wenn dies Zusammenleben und Zusammenarbeiten beinhaltet. Das ist nicht schlimm und wohl überall so, aber es ist Selbstfürsorge, diese Anstregungen als solche anzuerkennen. So zu tun, als gäbe es solche Probleme im Aktivismus und in politischen Zusammenhängen nicht, halte ich für naiv.

Ausserdem kommen natürlich in allen Gruppen bestimmte *-Ismen vor. (Sexismus, Rassismus, usw.) Ich komme damit relativ gut klar, weil ich bestimmte Themen aus bestimmten Gruppen raus halte oder ausblende, sprich: Ich komme mit Verletzlichkeiten meistens dort an, wo ich erwarten kann, damit ernstgenommen zu werden. In meiner Amnestygruppe gab es z.B. eine sehr geringe Awareness zum Thema Sexismus und Homophobie. (Fand ich) Wir haben eine Kampagne gegen häusliche Gewalt nicht mitgemacht, weil die Gruppenmitglieder fanden, das sei eigentlich kein Menschenrechtsthema/kein Amnesty-Thema. Was ich sehr schade fand, aber ich konnte das auch nicht richtig vermitteln, warum es doch sehr wichtig und ein Amnestythema meiner Ansicht nach ist. Da merke ich, dass verdrängen/ausblenden auch eine ganz nützliche Eigenschaft ist, und ich merke, es ist toll, so eine Kombi zu haben aus Zusammenhängen, wo alle “Bedürfnisse” irgendwie abgedeckt sind. Wenn die Amnestygruppe meine einzige Kontaktmöglichkeit zu anderen Aktivist_innen gewesen wäre, dann hätte ich nämlich ganz schön viel alleinsein und Ärger verdauen müssen. Ich bin da als Bewohnerin einer Großstadt auch beglückt und beschenkt, da kann ich mir im Prinzip für jedes Interesse ein eigenes Grüppchen “halten”, aber auch da wirds dann zeitlich eng. Für Kontakt zu Leuten die viel Selbstreflektion und Bewusstsein über eigene Privilegien und Diskriminierung haben, nutze ich zur Zeit hauptsächlich das Internet.

Wenn es die Möglichkeit gibt, eine Aktivist_innengruppe zu haben, die du, wenn es dir nix taugt, auch wieder verlassen kannst (ohne dass gleich deine Lebensgrundlage wackelt) würde ich auf jeden Fall lustige, bestärkende Gruppen empfehlen. Wo es mehr ums Machen und ums gemeinsame Organisieren geht, als ums sich-runterziehen an der Schlechtigkeit der Verhältnisse oder die Demonstration, wer am meisten macht und am meisten Bewusstsein hat. Ich finde es wichtig, dass die Gruppe ihren Erfolg an Dingen misst, die sie auch selbst beeinflussen kann: Wir ist die Demo/Veranstaltung gelaufen, wie haben wir unser Anliegen rübergebracht? Und nicht: Wieso haben wir das System immer noch nicht umgekippt bekommen?

Rosa Rose Garten: Bau einer Kräuterschnecke
Auch wenn ich letztes Jahr gar keine Zeit dafür erübrigt habe: Rosa Rose, die politische urban Gardening Truppe meiner Träume! Es gibt bei Rosa Rose keinen Druck, so und so viel politisch zu “leisten”, mensch kann jederzeit auch “nur” ein bischen mitgärtnern, aber es gab immer gegenseitige Unterstützung bei Frust und es gab schöne gemeinsame Aktionen, Demos… <3
Ich fand es super, was die Rosen trotz dieses entspannten, drucklosen Umgangs miteinander immer wieder hinkriegen und veranstalten!

Meditation und Entspannung

Ich habe das bei der “ständigen Praxis/Gewohnheiten” aufgeführt, obwohl ich es leider nicht regelmässig mache, weil es mir im Akutfall nicht so gut hilft. Ich habe gehört, um sich mit Meditation entspannen und vom Gedankenkreiseln befreien zu können, benötigt es etwas Übung. Und die habe ich (noch) nicht.

Durch das regelmässige Yoga komme ich immer am Ende in den Genuss einer Kurzmeditation. Ich merke auch, dass es mir sehr gut tut, alle paar Tage eine Zeitspanne einfach nicht für irgendwas zu “nutzen” und sie mit “gar nichts” zu verbringen. Spazieren gehen finde ich z.B. sehr hilfreich, oder sich eine “Rückenentspannung” gönnen: Sich ca. eine halbe Stunde hinlegen, und die Beine so hochlagern, dass sie im rechten Winkel zum Körper sind und die Knie rechtwinklig gebeugt. Das soll bewirken, dass die Bandscheiben sich mit Flüssigkeit vollsaugen und wieder aufpumpen, weil sie jeden Tag in der aufrechten Haltung zusammengequetscht werden. Ich lege mich dann auf den Boden auf einen weichen Teppich und lege die Beine auf einen Stuhl.

Meditation finde ich auch deswegen gut, weil es eine Technik ist, die nichts an Zubehör benötigt und die überhaupt nichts kostet. Es gibt religiöse und völlig unreligiöse Formen zu meditieren. Ich persönlich verwende lieber diejenigen, die einen spirituellen Touch haben, und folge damit auch meinem Bedürfnis nach einer Verbindung mit etwas, das grösser und bedeutsamer ist als ich selbst. (das Universum, die Welt, ein kollektives Bewusstsein, ein höheres Wesen, für mich z.B. die Göttin… ) Aber das ist absolut kein Muss.

Was ich gerne als Entspannung/Meditation mache, und ganz gut tut, wenn ich nicht deprimiert bin, ist, mit einer Kamera rauszugehen und irgendwas festzuhalten, was mich gerade anspricht, anspringt, oder mir auffällt.

flickrunde
Gutes Wetter trägt für mich ja ungemein zu Achtsamkeit und Entspannung bei ;-)

Spiritualität
Ooooooooohweia. Ein ganz verrufenes Thema in der linken Szene. Spiritualität ist ja gleich Esoterik und das ist ja genau das selbe wie Faschismus ;)

Ich glaube, ich habe mir das nicht unbedingt ausgesucht, ob ich Spiritualität praktizieren will oder nicht. In meinem Leben hatte ich atheistische Phasen, in denen ich versuchte, davon auszugehen, dass es “nichts” gibt, was irgendwie als Göttlichkeit oder umfassendere Kraft anzusehen wäre, und es hat sich für mich als nicht machbar heraus gestellt. Vielleicht gibt es spirituelle und a-spirituelle Leute, so wie es sexuelle und a-sexuelle Leute gibt, und ich habe gemerkt, dass ich halt ein Bedürfnis nach Spiritualität habe und ich denke, es ist ok, dem nachzugehen. Ich habe oben geschrieben, dass ich zurechtkomme mit Politgruppen, die einige Sachen, die mir wichtig sind, nicht wichtig finden oder sogar dagegen sind. Vielleicht habe ich das dadurch gelernt, dass ich die spirituellen Bedürfnisse in Politgruppen schon immer ausblenden und verdrängen musste. Erst seit wenigen Jahren habe ich das Gefühl, dass ich beides miteinander verbinden kann – und dass die Leute dafür ein wenig offener sind und eine_ nicht sofort dafür auslachen oder rauswerfen. Trotzdem bin ich sehr zurückhaltend mit religiösen Themen, weil ich denke, sie sind eigentlich Privatsache, und ich möchte keine Person mit meinen Ansichten belasten oder ihnen etwas überstülpen.

In diesem Selfcare Text von Leah Lakshmi Piepzna-Samarashina erzählt sie zum Beispiel, dass sie zusammen zu einer Gerichtsverhandlung gingen und für die Person, die Repressionen ausgesetzt war, öffentlich gebetet haben und sich gegenseitig gestärkt haben. Das fand ich sehr schön. So etwas kann ich mir hier in Deutschland ganz schlecht vorstellen.

Für mich ist Spiritualität eine Kraftquelle, und sie hat für mich vor allem mit Verbundenheit zu tun.

  • Verbundenheit mit einer weiblichen Identität, die mir hilft damit klarzukommen, dass Weiblichkeit und Frau*sein in der Gesellschaft oft abgewertet und missachtet wird; ich personifiziere dies als Göttin, und als einzelne spezifische Göttinnen.
  • Verbundenheit mit anderen Lebewesen, Menschen, Tieren und Pflanzen, was ökologisches Engagement nicht zu einer Handlung aus Betroffenheit und Pflichtgefühl heraus macht, sondern zu einem Akt der Liebe meiner “Familie” aus Mitwesen gegenüber. Ich habe das Gefühl von einem Geben und Nehmen, dass ich nur zurückgebe, was mir an energetischer Unterstützung und Liebe gegeben wird.
  • Verbundenheit mit den Ahn_innen, und zwar sind das die familiären und die geistigen Ahn_innen. “Ahnen” klingt oft so faschomässig, und ich glaube, das ist auch ein Gebiet, das völlig zu Recht kritisch angegangen wird in Deutschland, wo unsere Altvorderen zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen und einen beispiellosen Völkermord verübt haben. Trotzdem oder gerade deshalb gehört für mich ein verantwortungsbewusstes Verbunden sein mit Ahn_innen zur Spiritualität dazu, und das heisst, sich mit der Geschichte zu beschäftigen. Die nichtfamiliären Ahn_innen sind die Menschen, die das geschaffen haben, was mich heute umgibt, und was mich heute ausmacht. Wenn mensch so möchte, sind das die Ahn_innen, die mir nicht meine Gene weitergegeben haben, sondern nur die Ideen und das Wissen, was mir zur Verfügung steht. Diese Verbundenheit hilft mir, mein Leben in einem Zusammenhang von Geschichte zu sehen, mich einerseits klein zu fühlen im Vergleich zu all dem, was schon war, aber mich auch als Teil eines grösseren Ganzen zu fühlen, und mit dem, was wir haben, verantwortungsvoll umzugehen.

In der Praxis drückt sich Spiritualität für mich ganz verschieden aus. Meditation, Gebet, Gesang, Musik machen (vor allem Musik machen!), ritualisieren, und Feste mit anderen zusammen feiern. (Letzteres, seit ich meine Frauenritualgruppe nicht mehr habe, leider sehr sporadisch und selten, aber wenn, dann ist das immer schön).
Das ist auch etwas, was bei vielen Interessen und wenig Zeit eher wegfällt und ich merke immer dann, wenn ich mich doch mal entscheide, abends bei Kerzenschein ein leises, musikalisches Ritual zu machen, dass es mich total auftankt und mir super gut tut, mit meinen Geistern, der Göttin und dem ganzen Rest mal wieder kommuniziert zu haben.

Allein, dass ich das hier in diesen Text überhaupt reinschreibe, find ich schon erstaunlich und ein wenig abstrus. So getrennt habe ich früher das politische und das spirituelle gehalten.

wollefest201316
Mein Altar. Eine kleine Göttin habe ich aus Erde gemacht, die andere eine liebe Freundin aus Speckstein in ihrer Ergoteraphie.

Auseinandersetzung mit Kritik

Selfcare und Klassismus.

Ich habe mein Leben so eingerichtet, dass ich genug Geld habe, aber eben nur dadurch, dass ich wenig Kosten habe, die ich andauernd bezahlen muss. (Also bis auf Miete, Telefon/Internet, Saxophonunterricht und die Online-Yoga-Videos.) Das spiegelt sich auch in meinen Selfcaresachen wieder. Ich kann das meiste davon mit wenig oder gar keinem Geld betreiben. Ich mache Yoga auf einer alten, billigen Gymnastikmatte in einer alten, schlabberigen Jogginghose, die ich mal *hüstel* bei jemandem ausgeliehen und vergessen hab zurückzugeben. Politgruppen gibt es in Fahrradreichweite genug und die Linken treffen sich ja wenn, dann meistens da, wo Getränke günstig sind oder wo es gar keinen Konsumzwang gibt. Internetkommunikation ist auch günstig und mein Spirikram kostet mich auch nichts, weil ich keiner Eso-Psycho-Gruppe angehöre, wo mensch teure Dinge oder Seminare kaufen muss. Hähä. Tatsächlich waren in meiner Ritualgruppe fast nur Frauen* die in prekären Verhältnissen lebten und heute noch kenne ich kaum Menschen, die es “dicke” haben..

Selfcare und Privilegien.

Ich weiss nicht genau, warum ich so empfindlich darauf reagiere, wenn das Thema auf Selfcare und Privilegien kommt. In den letzten Tagen habe ich darüber nachgedacht. Ich finde es als vielfach privilegierte Person wichtig, sich Unbequemlichkeiten auszusetzen, sich zurückzunehmen, die anderen reden zu lassen, den anderen zuzuhören, und sich nach dem zu richten, was die Leute, die weniger Privilegien haben, in politischen Kämpfen vormachen oder vorgeben.
Selfcare dreht sich aber nicht um sich zurücknehmen, sondern um sich wichtig nehmen. Es geht dabei um sich selbst zuhören. Die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Sich von Unbequemlichkeiten mal zu erholen. Diese Dinge sind für mich kein Gegensatz, sondern eine gleichzeitige Sache. Wenn ich mich selber nicht pflege, kann ich auch nicht andere Menschen unterstützen und ein_e Verbündete sein.
Deswegen habe ich so grosse Widerstände, wenn ich beim Thema Selbstfürsorge ein “check your privilege” zu hören kriege.
Vielleicht sollte ich das auch besser trennen können, das Reden über Selbstfürsorge und die Praxis der Selbstfürsorge an sich; aber wenn aus dem Diskutieren irgendwann praktische Konsequenzen gezogen werden, was wären denn die praktischen Konsequenzen aus der Selfcarekritik?
Also mache ich das (ist vielleicht auch totaler Quatsch) so, dass ich das Bewusstmachen von Privilegien als wichtigen Teil vom politischen Aktivismus sehe, aber nicht in meiner Selbstfürsorgepraxis haben will. Denn Selbstfürsorge = Empowerment und Privilegien-Awareness ist für mich absichtlich kein Empowerment, sondern soll vielmehr in der ungerechtfertigt zugestandenen Machtposition verunsichern und hinterfragen und Macht abgeben.

Selfcare und Pathologisierung
Ich habe mich mit dem Gesundheitsdiskurs nicht so befasst. Es gibt aber, das seh ich ein, problematische Teile dessen – wie Steinmädchen auf Identitätskritik in einigen Texten schrieb, dass Menschen darin in Gesund/Krank, Abweichend/”Normal” eingeteilt werden.
Ich habe mal über Gesundheit ein tolles Buch gelesen. (Rückblickend gesagt ist es halt 1970er Spiri-Feminismus, mit allem, was das mit sich bringt!) Es heisst “HeilWeise” von Susun Weed. Darin beschreibt sie 3 Paradigmen von Gesundheit/Medizin. Die Wissenschaftliche Tradition, die Heroische Tradition und die Tradition der Weisen Frau. Die wissenschaftliche Tradition ist quasi das, was wir als “Schulmedizin” kennen, die heroische Tradition ist das, was viele als “Alternativmedizin” kennen. Ja, right – Weed beschreitet einen dritten Weg jenseits von Schul- UND Alternativmedizin. Ich würde Weeds “Tradition der Weisen Frau” als Selbstfürsorge-Tradition begreifen. Sie beschreibt diese Art des Heilens als unspektakulär, alltäglich, unsichtbar und lustig/spassig.
Was ich spannend an ihrem Angang fand: Sie kommt völlig ohne Pathologisierung aus. Selbst der Tod kann ein “Heilungserfolg” sein. Sie beschreibt auch ganz treffend die Normierungen und Abweichungen der wissenschaftlichen Tradition: “vertrau auf die Laborwerte!” und die Schuld/Sühne Muster der heroischen Tradition: “Ich bin krank, weil ich mich falsch verhalten habe, ich muss gereinigt und bestraft werden.”
Die (Selbst)fürsorge”tradition der Weisen Frau” könnte man zusammenfassen unter “ernähren, bemuttern, trösten, unterstützen”. “Krankheiten” sind keine Probleme, sondern gehören selbstverständlich zum Leben dazu und zu jeder einzigartigen Person.

Mir sympathisch: Weed bezeichnet _ihre_ Tradition nicht als DAS Ding, was “gegen alles” hilft. (sie sieht ihre Tradition überhaupt nicht als eine, die “gegen etwas” ist, sie kämpft auch nicht “gegen Krankheiten” und sieht überhaupt nichts als “Krankheit” an.) Weed sagt, es kann Sinn machen, Heilmethoden der wissenschaftlichen und heroischen Traditionen zu verwenden oder sich deren Heilmethoden zu unterziehen. Hätte ich z.B. Krebs, wäre es mir lieb, wenn mir jemand/ein Arzt (wiss. Tradition) Laborwerte abnehmen könnte, um festzustellen, ob die Therapie angeschlagen hat. Was meinen Rückensport angeht, sehe ich auch, dass ich für das Vernachlässigen dieser Dinge “bestraft” werde mit “Krankheit”(heroische Trad.), dass ich mich nach “Regeln” verhalten kann (also, z.B. Yoga machen) und dann bleibe ich “gesund” (also schmerzfrei).
Trotzdem ist mir die “Tradition der Weisen Frau” am symphatischsten, weil sie überhaupt nicht pathologisiert und weil sie so “stinknormal” ist, dass sie gar nicht als “Heilen” wahrgenommen wird. Selbstfürsorge eben. Es ist hier leider nicht genug Platz, um das alles auszubreiten und klar zu machen, was sie meint.
Nicht/nie jemanden als “krank” zu bezeichnen, gelingt mir ehrlich gesagt auch nicht. Aber ich möchte zu einer Selbstfürsorge finden, die nicht pathologisiert, und die offensiv zu den fürsorglichen/nährenden/mütterlichen Qualtitäten steht, die die “Tradition der Weisen Frau” ausmachen. Ja, diese Dinge wurden abgewertet. Ja, Menschen, denen ein weibliches Geschlecht zugewiesen wurde, wurden in diese Rollen hineingezwungen. Gesteh ich zu. Aber ich verzichte trotzdem nicht darauf, sondern versuche gleichzeitig im Kopf zu behalten, dass kein Mensch in diese Verhaltensweisen hineingepresst werden darf. Ohne jedoch die Verhaltensweisen selber aus dem Fenster zu werfen, abzuwerten oder als nicht-anwendbar zu verurteilen.

Fazit
It’s my Selfcare, and I cry if I want to.

Tour de Fleece Day 4
Die letzte_ kehrt die Flusen weg.

20 thoughts on “Selbstfürsorge – I did it my way!

  1. Schöner, langer Artikel, den ich gern gelesen habe. Einen Blogpost in dieser Länge lesen zu können und nicht nur zu überfliegen, also mir die Zeit dazu zu nehmen, ist für mich bei manchen Themen auch schon Selbstfürsorge. Im Sinne der persönlichen Weiterbildung und Meinungsauflockerung sozusagen ;)
    Ich finde es interessant zu lesen, was andere so tun, um auf sich aufzupassen und sich um sich selbst zu kümmern. Ich habe die Diskussion im QFFK auch verfolgt und habe ein bisschen Schwierigkeiten, das Politische darin zu sehen. Für mich ist Selfcare einfach eine wichtige Sache, um fit für meinen Alltag zu bleiben, weil es unter Umständen ein ziemlich ätzendes Chaos gäbe, wenn ich ausfiele. Die Punkte Klassismus und Privilegien kann ich nachvollziehen, trotzdem will ich irgendwie nicht darauf verzichten, ab und zu etwas in meine Selbstfürsorge einzubinden, was Kohle kostet. Besonders dann nicht, wenn ich, da ich privilegierterweise gerade so ausreichend Kohle habe, um etwas davon zur Seite legen zu können, ne Weile drauf gespart habe, Sushi zu essen oder eine Reise in eine andere Stadt zu machen. Aber ja, wie du sagst: vermutlich liegt der Hund darin begraben, ob, wie und gegenüber wem man über solche Sachen spricht. MIr rutscht leider immer noch viel zu oft eine gewisse Selbstverständlichkeit raus, die ich erst dann bemerke, wenn mein Gegenüber sagt “Ich hab leider nicht die Kohle, mich zum Stricktreffen in ein Cafe zu setzen/ feiern zu gehen/ mit ins Kino zu kommen/ auf den Stoffmarkt zu fahren”. :-/

    • Danke dir! :)
      Klar ist Selbstfürsorge an sich nicht politisch, sie wird nur in politischen Zusammenhängen diskutiert, weil politisch zu arbeiten, wie alles andere, auch Anstrengungen und Erschöpfungen erzeugen kann und dann gibt es Diskussionen, wie damit umgehen. Einiges ist denk ich gut anwendbar auf ein Leben ohne politischen Aktivismus, anderes wie “die richtige Politgruppe” und “Vorsicht vor Slacktivismus” und “Sei nicht allein” und teilweise das “Nein sagen” bezieht sich gerade auf Aktivismus.

      Anderes.. wird vielleicht von einigen Leuten als konträr zum politischen Aktivismus gesehen, und ich möchte das aber verbinden.
      Bei Spiritualität z.B. gibt es immer Menschen, die sowas völlig abgelöst von Politik sehen, während das bei mir immer sehr zusammengedacht wurde und ich daher umso trauriger war, dass ich nicht beides so in Einheit leben kann, wie ich es mir innerlich vorstelle.
      Gutes Beispiel dafür ist z.B. Starhawk, die eine berühmte Hexe ist, sich aber auch in der anarchistischen Sphäre zuhause fühlt, beides verbindet und ich denke, den Aktivismus auch inzwischen fast ausschliesslich als ihre spirituelle Praxis ansieht.

  2. ich habe das Gefühl, deinen Text ausdrucken und mitnehmen zu müssen, ihn nochmal lesen zu dürfen und meine eigenen Gedanken dazu zu schreiben. Er ist so dicht, so persönlich, fast intim, es berührt mich sehr, dass du darüber schreibst.
    Ich finde Selbstfürsorge politisch: einerseits mich als Frau um MICH zu kümmern, mich zu (be)achten und nicht mich nach außen für andere zu verströmen, schon das ist wichtig und hat eine politische Dimension: ich mache mir meine Kraft, meine Grenzen, meine Bedürfnisse bewußt – und damit bin ich einerseits sensitiver ggü. Grenzüberschreitungen, aber ich funktioniere auch nicht mehr reibungslos mit dem System. ich sage Nein, wenn ein Nein dran ist. Es ist politisch, dass ich in meiner Kraft bleibe, dass ich mich einsetzen kann für diejenigen, die dafür keine Chance haben, weil ihr Status prekär ist, weil weil weil… Und Spiritualität ohne Politik ist naja, Onanie: ich tu mir was gutes und klopfe mir danach selber auf die Schulter. Ich kann doch nicht spirituell arbeiten/sein, ohne mir meiner Verbidung zu allem bewußt zu werden und daraus erwächst automatisch die Frage nach meinem Engagement… (Luisa Francia und Starhawk schätze ich in diesem Zusammenhang). So das in aller Kürze dazu.

    Danke für dein Posting :)
    irka

  3. Den Text muss ich erst mal sacken lassen, aber vorab schon einmal vielen Dank. Du hast vieles angestoßen, worüber ich noch nachdenken muss. Die Verbindung von Spiritualität und politischem Aktivismus ist mir zum ersten Mal bei meiner Ex-Beinahe-Schwiegermutter begegnet, die aus einer Curandero-Familie stammt. Zwar ist sie selbst keine Curandera (Heilerin), aber für sie ist es ganz selbstverständlich, zu beten oder ein Ritual auszuführen, bevor sie sich auf den Weg zu einer politischen Aktion macht. Ich gebe zu, dass ich selbst nicht viel damit anfangen kann, aber sie hat mich seinerzeit sehr beeindruckt.

  4. Hi distelfliege :)
    Danke für diesen schönen artikel. Ich fand eine Frage besonders wichtig und zwar: »was wären denn die praktischen Konsequenzen aus der Selfcarekritik?« Für mich ist der Text von Steinmädchen eine Auseinandersetzung über Macht und Ohnmacht unserer Handlungen, die ich in vielerlei Hinsicht nachvollziehen kann. Dennoch bringt mich das immer wieder zur Frage: Welche Handlungsalternativen gibt es denn? Ich lande immer wieder bei dem Punkt, dass ich es mit meinem Aktivismus innerhalb meines Lebens eh nicht schaffen werde, am »Thron« der Herrschenden zu rütteln. Und dass Selfcare kein Luxus für mich ist sondern notwendige Maßnahme um weitermachen zu können.
    Für mich war die ersten Erwähnungen der Selfcare in meiner Umgebung zugegeben anfangs irritierend. Wenn ich eine Beziehung zu meinem Körper habe, dann war diese: Hass. Wenn ich eine Beziehung zu mir selbst hatte, dann war diese v.a. problematisch, anstrengend, erschöpfend. Deshalb ist es für mich heute im Bezug auf Selfcare wichtig: Hier auf Victim Blaming achten. schizoanalyse schrieb neulich einen schönen Post über Care Ethik und dass diese im Gegensatz zur Konsenskultur des »Grenzen ziehen« darauf achtgibt, dass ein Mensch nicht allein gelassen wird mit seinen Entscheidungen, mit seinem Selbsthass, mit seiner Verantwortung über sich. Für mich wäre das Zusammendenken wichtig. Ich bin nicht allein verantwortlich für Selbstliebe oder Selbsthass; genauso wenig möchte ich Selfcare »performen« müssen, um anderen zu signalisieren, AH die* gibt auf sich acht …

    Zu meiner Lebensrealität: Ich habe zwei chronische Erkrankungen; eine davon ist eine Hormonerkrankung die mein Leben auf den Kopf stellt, die andere eine Magenerkrankung, die mich in beinah täglicher Dosis mit Schmerzen befälllt. Beide habe ich seit den Teenagerjahren. Diese waren, wie es schon klingt, messy messy. Es hat EWIG gebraucht um irgendwann auch nur ein wenig meinen Körper verstehen zu lernen, ganz abgesehen von den vielen fragwürdigen Arztbesuchen. Um meinen Schulalltag zu überleben, musste ich zB regelmäßig um 5 Uhr aufstehen um meinen Körper gaaaanz sanft auf den Tag einzustellen; verschlief ich, wurde alles ganz schlimm. Ich hab meinem Körper ganz viel Zwang und Hass angetan. Und das nur, um im Alltag die notwendigen Dinge erledigen zu können. Und da muss ich Dicksein und Depression und andere Späßchen gar nicht erwähnen. Heute stößt es mich manchmal so vor den Kopf, wenn ich kapiere,dass es Menschen gibt, die nicht täglich diesen Schmerzen ausgesetzt sind.

    Jedenfalls, im Bezug auf linken Aktivismus, erinnere ich mich, in dünnen Schlafsack gewickelt auf kalten Böden geschlafen zu haben, weil die Veranstalter mit der Bezeichnung »Es gibt Schlafplätze« Fußböden meinten. Oder zu dritt auf einer Matratze im Massenlager; und du merkst es erst, dass da noch 2 andere Menschen des Nachts dazugekommen sind, als die eine Person sich um dich geschlungen hat. Wenn die einzige sanitäre EInrichtung ein Waschbecken ist, das von 15 Leuten geteilt werden muss. Wenn es keine Anschlüsse gibt, sondern ihr trampen müsst … meinen Körper versetzt soetwas derart in Stress, dass es mich zusammenkrümmt. Als ich dann bei einem weiteren random linken Event sah dass es »so toll!! im Freien!!« stattfand, nur Zelte, keine sanitären Anlagen, hab ich glaub geheult. Auch dass null Räume für Rückzug gedacht sind in so linken Zusammenhängen, dass die Plenas fünf, sechs Stunden gehen, dass das alles »ganz effektiv« sein soll; und danach keine richtigen Pausen, sondern kochen, putzen, essen, aufräumen …. und bei all dem denk ich mir: Es sind ja /nur/ Bauchschmerzen. Es gibt Menschen die stärker behindert werden in ihrem Alltag durch fehlende Barrierefreiheit. Aber es reicht mir schon, um total fertig zu sein.

    Jedenfalls weiß ich heute, und das hat lange Zeit gebraucht, um meine eigene Körpersprache verstehen zu lernen: Ich brauche viiiel Zeit und Ruhe und auch Abstand dann und wann, und bei jedem neuen linken Event mindestens ein Rückzugsraum und ein gescheites Badezimmer. Ich brauche einen leckeren Kaffee und ich brauche gutes Essen, damit ich einigermaßen ausbalanciert bin.

    Und Essen! O was für 1 Thema. Soviele Gefühle über Essen und was es mir in den letzten Jahren bedeutet hat. Ich hab vor einiger Zeit diesen sehr tollen Artikel dazu gelesen http://www.auroralevinsmorales.com/1/post/2011/06/healing-justice-and-the-potential-for-community-based-science.html und es hat mich sehr sehr bewegt wie eng unser Körper auch Teil unserer persönlichen Geschichte ist und wie das was wir erleben sich in den Körper »einschreibt«. Meine Großfamilie hat Migration hinter sich, Hungerzeiten in denen Kinder starben; Entwurzelung, Arbeit bis zur Erschöpfung; mein Leben selber stand ganz im Zeichen der Heimatlosigkeit; Umzüge, Verlust der einen Familienseite, Verlust der anderen, Heimleben, andere Kinderheime; dazu die Entwurzelung aus der Kultur; das Erleben, frühreif zu sein und sexualisiert zu werden; Depression. Später als Erwachsene sich durch Veganismus das Kochen wieder angeeignet und ich habe viel experimentiert; aber als ich erneut depressiv wurde, gab es nur noch zwei bis drei Rezepte für mich: die türkischen Suppen die es bei meinen Großeltern immer zu essen gegeben hast. Ich verstehe bis heute noch nicht ganz, wieviel Trost einfach nur im Geruch drinsteckt, wieviel Liebe ich fühle, wenn ich das esse. Ich habe erst durch diese Suppen verstanden, was Selfcare für mich bedeuten kann: Nämlich eine Rückbindung an alles was mir wichtig ist und mir ein Gefühl der Stabilität gibt und mich ins Zentrum stellt. Das sind nämlich meine Großeltern für mich gewesen als sie noch in Deutschland lebten: ein Ort wo ich hingehen konnte, egal, was gerade war. Ich glaube dass in Essen ganz viel eigene Wirkkraft steckt und damit meine ich nicht irgendwelche »gesund«/»ungesund« Sachen, sondern das was schmeckt und tröstet und weiterhilft.

    Ich freu mich auch sehr, dass du die Spiritualität erwähnt hast. Ach soooviele Gedanken :) Vielleicht schreib ich dazu mal n anderen Kommentar.

    • Vielen Dank für den Kommentar und von deinen Ergänzungen und Erzählungen. Die Erlebnisse auf linken Events fallen mir nun auch wieder ein :/ ich bin so mit 20 auch auf einigen gewesen und da ich jung war und vor Gesundheit strotzte, habe ich mir auch keine Gedanken gemacht über die Barrierefreiheit. meh. Später mehr.. jetzt _schnell_ noch 10 min. yogakram und dann ab zur arbeit! <3

    • mich hat dein kommentar grade zu dem satz: “Heimat ist eine gute Suppe, alles andere ist quatsch” gerührt. vielleicht etwas frei assoziiert aber dennoch danke.

    • Ich wollte ja noch mehr darauf antworten.
      Aber eigentlich bleib ich doch dabei, dass ich den ganzen Kommentar von dir sehr hilfreich, spannend, inspirierend und toll finde. Ich werde auf jeden Fall sobald ich dazu komme das mit der Care Ethik lesen und den Text über “healing justice” und Essen!
      Mir fällt ein, dass ich mich/uns gar nicht als so machtlos empfinde, den “Thron der Herrschenden” betreffend. Vielleicht ist es so wie du sagst, nicht mehr in diesem Leben… trotzdem seh ich einen Sinn drin, was zu tun, und dass ein bischen was weitergeht, finde ich ja schon. Andererseits.. Putin und so.. urgh…

      Das mit dem Victim Blaming in Bezug auf Selfcare finde ich auch sehr wichtig, aus meiner Erfahrung heraus ist es eben nicht so, dass 1 das so alles in der Hand hat, manchmal geht es 1 einfach schlecht weil das Leben aus Veränderungen besteht und Veränderungen manchmal anstrengend und schmerzhaft sind. Oder warum auch immer.
      Mich nervt das auf dem Gebiet Krankheit/Gesundheit/Selbstliebe usw. sehr an, wenn Leute nach den “Ursachen” meiner Schmerzen versuchen zu fischen, und spekulieren, was ich falsch gemacht habe und warum ich selber dran schuld bin, und wo mein Problem eigentlich sei, argh… das war auch so ein Volkssport in der spirituellen Community. :P Also dieses esoterische Selbstoptimieren, was Steinmädchen ja auch ansprach.. ja, hab ich genug gehabt von dem Mist im Leben. ;)

      In einer Therapie war ich auch mal, und da lief es (vielleicht auch spontan super Glück gehabt mit der Therapeutin) wirklich anders, und für mich echt interessant ab: Ich fand das zB super, wie mir da das Anecken, die Aggression und das “Anderen ruhig mal eins Verpassen” nahegelegt und mit den besten Argumenten nahegebracht wurde. ;D
      Vielleicht ist das auch der Unterschied zwischen dem, was halt landläufig als Selfcare empfohlen wird, und dem, was so ne gelernte Therapeutin einem massgeschneidert als Selfcare empfiehlt: Für manche ist es ja wirklich toll, so zu entspannen und ruhige Sachen machen – andere müssen sich abreagieren und Klartext reden und Sachen raus lassen. Oder beides..

      Achja und die Suppengeschichte ist auch sooo toll.

  5. Liebe Distelfliege,…….es war ein schöner Sonntag 27.10. in Harmonie mit R. – dann spät gefrühstückt u.nach Trödeleien im Haus,(Wäsche in die Maschine gelegt,Kücheaufger.usw..)haben wir uns zu dem schönsten Aussichtspunkt von Forza begeben,weil da noch die Sonne scheint von Morgends bis Sonnenuntergang!Es ist das der Aussichtsfelsen,oberhalb der großen Hotelgruppe.Das ist zugleich das Ziel vieler Ausflügler die die Forza Restaurants aufsuchen.Dann haben wir die ausgedruckten 38 Seiten von Dir zusammen durchgelesen.
    Jetzt wird es spannend! Ich fühle mit Dir nahezu identisch Deine Beschreibungen -und bin Deiner Meinung.Du hast dies alles sehr ausdrucksstark gebracht u.das hat mich sehr gerührt. Hier könnte ich jetzt beenden.
    Nun ist das Thema an u.,für sich für uns schon gelaufen! Ist ja klar mit unserem Alter (67+68J.)!
    Mein Augenmerk gilt,soviel als möglich Anderen zu helfen,wenn sie es möchten u.brauchen.Es gibt sehr viele Arten zu helfen u. Anderen eine Freude zu machen, das fängt schon mit einem einfachen Lächeln an.Das macht mir Freude,u.der Tag läuft gut.
    Ich habe hier im Ort ein monatl.INFO-Blatt rausgebracht mit Hilfe des Bürgermeisters u.einer Übersetzerin.
    Gleichzeitighabe ich eine kleine öffentl. Bücherecke in der Gemeinde eingerichtet zum tauschen der Bücher.Es ist alles nicht so einfach wie es klingt,da ich die ital.Sprache nicht richtig behersche!(Zur Zeit sind wir wieder mehr am lernen!) Die Arbeit im Garten der hiesigen Pfarrei macht mir ebenfalls Freude,wenn gleich auch der Rücken öfters weh tut!-Das alles sind Aktionen auch für Andere und im Rahmen meiner Möglichkeiten.
    Dann sitze ich am Computer u.sehe die vielen Hiobsbotschaften aus aller Welt.Es tut mir von Herzen leid u.ich sehe kaum Möglichkeiten zu helfen.Außer,wenn es um Unterschriftsaktionen geht,da bin ich überall dabei,wenn´s Sinn macht.Finanziell kann ich mich nicht beteiligen,um beim Kostenpunkt anzufangen,denn als Rentner ist die Kasse nicht mehr so voll,wie wir es vorher gewohnt waren.(Hier
    spricht eine Überprivilegierte!)Sicher,wie Du weißt haben wir auch ganz klein angefangen.(1Raum Mietwohnung die ersten zwei Ehejahre!) Überall zu spenden,wär ein Faß ohne Boden….Ich sehe meine
    Aufgabe in der Gesunderhaltung meiner Person um Anderen zu helfen u.selbst möglichst nicht zur Last
    zu fallen.Die meisten Krankheiten entstehen in der Seele,(außer sie sind ererbt) so denke ich u.so sah es auch der berühmte Arzt Dr.Edward Bach.Ich kann nur jeden raten u.vorallen den Gesunden, diese
    BachBlütenessenzen zu nehmen.Das ist mit Sicherheit etwas unglaublich revolutionäres! (Lebensgesch.
    v.Dr.Bach nachlesen) Eine Prävention für GEIST u.SEELE !
    Der Bericht von “Bäumchen”hat mich dazu bewogen etwas über diese Methode zu sagen.Speziell Magengeschichten sind seelischen Ursprungs.Ich hatte in jungen Jahren schon ein riesiges Magengeschwür,das damals ein alter Oerarzt in 4Wochen! vollkommen abgeheilt hatte mit der richtigen Behandlung (ohne OP !) Beruhigungsmitteln,Diät im Krankenh.,keine Aufregungen.-damals hatte ich
    jede Menge Stress.Magentypen bleiben dafür ein Lebenlang sensibel!Da hilft auch ein geregelter Lebensrythmus wie Aufstehzeit-Frühstück-Mittagessen-Ruhephase-Abendessen-Freizeitgestaltung-
    Schlafenszeit!Ich denke unser Körper ist doch ein Geschenk der Libe.Und wie geht man mit Ge-
    schenken um?sicher tritt man nicht mit Füßen danach,sondern achtet u.pflegt sie.So langsam kommt
    der Gedanke dazu,was wir sind,wo kommen wir her und wohin geht´s nach dem Erdenleben.Da gibt es dann noch die Möglichkeit an etwas zu glauben.Jeder Mensch,der einen Orgasmus erlebt hat,weiß
    wie Göttlichkeit gemeint ist.(ist nicht sexistisch!) Nur leider diese Sekunden werden sehr schnell vergessen.Schade,daß unsere christl.Religionen,den Glauben der v.Jesus gelebt u.proklamiert wurde,total zerstört wurde bis auf wenige Rituale,die sehr zu Herzen gehen können.Papst Franziskus ist schon auf dem richtigen Weg,doch dazu bräuchten wir fortlaufend diese Qualität v.Päpsten,um wirklich diesen schönen Glauben wieder klar zu bekommen,der mit allen nur erdenklichen Alt-u.Neu-
    lasten “begraben” ist.Sich anderen großen Religionen zuzuwenden ist auch nicht einfach.Bei näherem Studium fallen ebenfall Unzulänglichkeiten auf.
    “Wer mit sich selbst im Reinen ist,der geht unbeschadet durch den größten Mist”.
    Eine Hymne an mich: ich denke,also bin ich….wer hat das geschrieben?, wie-wo-wann-warum,alles
    nicht wichtig,der Schlüssel ist die LIEBE an mich selbst u.an Andere…..Bin ich jetzt vom Thema ab?
    oder hat das noch was mit Selfcare……jetzt aber gute Nacht!!!!!!!!!!!!

    • Oh, das klingt echt schön, dass du das auf dem Aussichtsfelsen gelesen hast. 38 Seiten, echt so viel?
      Danke für den Kommentar… ich finde das toll, was du machst.
      Du bist immer so aktiv und stellst mit Anderen was auf die Beine – das finde ich auch wichtig und das ist echt eine Inspiration für mich!

  6. Liebe Distelfliege, ich danke dir für diesen ausführlichen Text…den ich bis jetzt noch nicht mal bis zum Ende durchgelesen habe, aber ich freu mich drauf. Ich möchte dir zum Thema Selfcare einfach nur zustimmen. Es macht ja auf jeden Fall Spaß und es tut gut, Dinge mit anderen zu organisieren und durchzuziehen, aber es ist für mich auch immer so ein Freiheitsgefühl selber zu entscheiden, wann ich beispielsweise heim gehe um einfach ein bisschen zu lesen oder so. Selbstbestimmtes Handeln einfach. Und zum Thema Yoga eine kleine Sache, die mich total gefreut hat. Im letzten Sommer sind mir in dem neuen öffentlichen Bücherschrank in meinem Stadtteil ein paar Zettelchen aufgefallen, da stand was von “DIYoga” drauf. Da bin ich hin weil ich wegen ähnlicher Rückproblematik und körperlicher Arbeit unbedingt so einen Ausgleich brauche. Es hat mich total motiviert und mir gut getan zu sehen, dass jemand sowas auch non-profit-mäßig hier anbietet. Die Lehrerin ist einfach lieb, erzählt auch einiges über die Praxis und Hintergründe, ist aber nie “missionarisch”. Kostenlos ist das Ganze zwar nicht, aber sie deckt mit dem Geld nur die Raumkosten und der ist nur für ein paar Stunden im Monat gemietet. Also, in diesem Sinne vielen Dank an alle, die ihre Erfahrungen und ihr Können gern und mit Freude mit anderen teilen, wie auch immer sie das tun.

    • Das ist toll. Hier gibt es (gab es? Ich habs leider nie hin geschafft) Qi Gong im Boxi-Platz früh morgens. In China machen das wohl viele leute einfach vor der ARbeit im Park, und das wollte jemand hier auch machen. Er hat Zettelchen aufgehangen und man konnte einfach hin kommen. Wegen meinen ARbeitszeiten kann ich da nicht, entweder ich muss da noch schlafen, oder ich bin da mitten in meiner Arbeitsschicht. Aber super, dass es so etwas gibt.

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