Der Trend mit der Paläo-Ernährung

Ich bin von momentanen Ernährungstrends oft angepisst. Damit ist gemeint, was gerade immer für eine Sau durchs Dorf getrieben wird, was “richtiges Essen” ist.
Im Moment also Paläo-Ernährung (dt. Schreibweise) oder Paleo diet (englisch).
Das ist so eine Richtung, wenn ich das richtig verstehe, bei der sich die Leute so ernähren, als wären sie in der Altsteinzeit.

Wikipedia dazu:

Die Steinzeiternährung fußt auf dem ausschließlichen Konsum von Nahrungsmitteln, die angenommen schon in der Altsteinzeit verfügbar waren. Die Ernährung besteht vor allem aus Fleisch (vom Wild), Fisch, Meeresfrüchten, Schalentieren, Eiern, Obst, Gemüse sowie Kräutern, Pilzen, Nüssen, Esskastanien und Honig. Zu vermeiden sind Milch und Milchprodukte, außerdem Getreide und Getreideprodukte wie Brot. Industriell verarbeitete Nahrungsmittel wie Zucker, alkoholische Getränke oder Fertiggerichte sowie Lebensmittel wie Oliven, die ohne Verarbeitung ungenießbar wären, sind ebenfalls zu meiden. Der Gebrauch von Pflanzenölen ist umstritten. Manche vermeiden nur die Öle/Fette, die aus nicht-steinzeitlichen Pflanzen wie z. B. Oliven, Erdnüssen oder Mais hergestellt sind. Andere verzichten auf alle Öle, da diese industriell verarbeitet sind, ein ungünstiges Omega-3- zu Omega-6-Fettsäurenverhältnis haben und mehrheitlich mehrfach ungesättigte Fettsäuren enthalten, die durch die Lagerung oxidieren, also ranzig werden können. Als Getränke werden nur Wasser und Tee aus Kräuteraufgüssen akzeptiert.

Im westlichen Kulturkreis ungewohnt ist die Ernährung mit Insekten, Larven und Würmern, die frühen Vertretern der Gattung Homo ergänzend als Proteinquelle gedient haben und heute von vielen Ethnien gegessen werden (Entomophagie). Insekten sind jedoch kein obligatorischer Bestandteil der hier vorgestellten Steinzeiternährung.

Altsteinzeit heisst, keine Ackerbaukultur, und damit ein Leben von Sammeln und Jagen (es gibt aber auch Vegane Paläos). Paläo Ernährung verzichtet aber nicht auf Kulturpflanzen, also z.b. Obst und Gemüse werden trotzdem sehr gerne genommen. Außerdem ist der moderne Altsteinzeitmensch auch Cosmopolitan, da wächst die Kokosnuß und die Schlehe quasi direkt nebeneinander, im “altsteinzeitlichen globalen Dorf”, weil auf sowas wie Hungerphasen und begrenztes Nahrungsangebot je nach Jahreszeit und Ort haben moderne Paläos natürlich keinen Bock. Dann kommt zum Teil eine völlig unökologische, unsoziale Spezialernährung für reiche Lifestyle-Bewusste heraus. (Dass Insekten in der westlichen Paläo-Ernährung nur ganz wenig vorkommen, spricht eigentlich auch Bände).

Ich z.B. neulich so im veganen Supermarkt “Veganz”. (Weil es im Moment mal wieder unmöglich erscheint, im lokalen Gemüsehandel Spinat zu bekommen. Wahrscheinlich lohnt es nicht, weil Spinat schnell gammelt und die Händler*innen zuviel Verlust machen mit dem Spinat.) Kundin*:
“Haben Sie Kokosblütenzucker nach Dr. Gröblalablub (Name geändert)”?
“Sind diese Kakao-Nibs in Rohkostqualität?”

Was ich auch ein wenig bescheuert finde, ist, dass andere Nutzpflanzen soweit okay sind, aber Getreide nicht. Getreide ist pfui pfui böse böse igitt. Das ist “neu” (d.h. angenommen wurde es Ernährungsgrundlage seit der Jungsteinzeit) und damit gar nicht gut für den Menschen. Ja, okay, es hat ja eine gewisse Logik: Kulturgemüse ist eine Weiterentwicklung von wildem Gemüse und dieses gab es wohl “damals schon”. (Wobei Getreide eine Weiterentwicklung aus Gräsern ist, die gab’s auch “damals schon”). Ja, insofern gibt es wirklich einen Unterschied zwischen Getreide und Gemüse. Den möchte ich gar nicht wegreden.

Mein Punkt ist der: Mir fällt auf, dass die Grenze zwischen “okayer Kultur/Ackerbaupflanze” und “böser Ackerbaupflanze” auch da verläuft, wo in modernen Industrieländern der Unterschied liegt zwischen “billiger Massenfütterung” und dem “besseren Essen”. Die “Paleo Diet” verteufelt die Stärkepflanzen, und mit Stärkepflanzen stellt heute die Agrar- und Lebensmittelindustrie auf billigste Weise ihre hochverarbeitete Nahrung her, die dann den “kleinen Leuten” im Supermarkt angeboten wird, während z.B. frischer Spinat nur noch im High-End-Superfood-Vegan-Geschäft zu finden ist.

Wir sind uns wahrscheinlich alle einig, dass industrielle Stärkenahrung ernährungstechnisch echt nicht gut ist (milde ausgedrückt).
Für mich ist die Konsequenz aus der Ernährungssituation in Industrieländern, dass wir global denken und solidarisch handeln. Also überlegen, wie wir so handeln können, dass sich Menschen im Norden UND im Süden souverän und gut ernähren können, und entsprechende Arbeit machen.
Für unsere Ernährungssituation im Norden ist es typisch, dass sich Arme Lebensmittel, die genug Vitalstoffe haben, kaum noch leisten können. Billig sind die Waren, die aus riesigen Monokulturen von Stärkepflanzen (Weizen, Mais) hergestellt werden. Teuer ist Gemüse und Obst, und (fast) gar nicht mehr erhältlich ist eine Vielfalt an verschiedenen Gemüse- und Obstsorten, weil Saatgut Lizenzware geworden ist und Kulturpflanzen der Freigabe für den Markt durch Behörden bedürfen. Vereinzelt gibt es von aussterben bedrohte Kulturpflanzensorten im Kuriositätenregal von Gartenmärkten und engagierte Ökos bewahren Saatgut und geben es weiter. Im Allgemeinen bleibt aber eine vielfältige Ernährung aus vielfältigen Kulturpflanzen für die Meisten unerreichbar.

Anstatt sich jetzt naserümpfend von den Stärkepflanzen (und denen, die sich nichts anderes leisten können) abzuwenden und sich über deren “Müll fressen” erhaben zu fühlen (Inhaltsnotiz für den Link: Diätgelaber), fände ich anderes viel sinnvoller. Nämlich sich dafür einzusetzen, dass mehr Vielfalt für Alle drin ist.

(Bitte zur Kenntnis nehmen: Ich kritisiere diese dahinter liegenden Muster und Strukturen, nicht die Beweggründe einzelner Leute, “Paleo Diet” zu machen.)

Ich will ja auch gerne gesund, schlank und fit sein (wobei ich dran arbeite, das “schlank” aus der Liste zu streichen und durch “wohl fühlen” zu ersetzen).
Für mich bleiben bei Paläo-Ernährung einfach zu viele Fragen nach Nachhaltigkeit, Umsetzbarkeit und Solidarität offen.
Nachhaltigkeit: Wie sieht es mir der Schonung von Ressourcen aus, wie sieht es mir der Ökologie aus?
Umsetzbarkeit: Wieso werden eigentlich alle Menschen über einen Kamm geschoren und diese eine Ernährungsform als “artgerecht” und “genetisch angemessen” propagiert, ohne daran zu denken, wie machbar und erwünscht die “Paläo-Ernährung” für 99% der Weltbevölkerung eigentlich ist? Was ist mit der Vielfalt der verschiedenen Esskulturen? Ist das egal?
Solidarität: Wo bleiben denn “die anderen”? Ist es “jedem sein Bier” wie wir uns ernähren, und fertig?

So bleibt für mich so ein bitterer Beigeschmack: Als die Armen in der europäischen Feudalzeit auf dem Feld ackerten und Gerstenbrei aßen, war der Adel blass und weiß und aß Weißbrot.

Als die Armen in den Arbeitervierteln der europäischen Industriesiedlungen lebten, ließen sich die Reichen in der Sonne bräunen und aßen viel Fleisch.

Als die Armen sich im Solarium bräunten und Fleisch mit Stärke aßen, wurden die Reichen wieder blass und aßen Bio, Vegan und Low-Carb.

Und immer wurde und wird so gedacht und geschrieben, als gäbe es nur Europa und davon abgesehen eine grosse Landmasse, die keine weitere Bedeutung hat, ausser die, dass die dortigen Ressourcen für europäische Bedürfnisse zur Verfügung zu stehen haben.

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Anmerkung: Ich bin selbst von Bio überzeugt und vegetarisch, ausserdem finde ich viele Dinge, die von Paläo-Seite aus an der modernen Ernährung kritisiert werden, völlig richtig. Ich wollte dennoch meinen Senf zu bestimmten Punkten abgeben. Das heisst nicht, dass ich einseitig denke, oder dass eine Sache nicht sehr viele verschiedene Seiten hat, die zu bedenken sind. Weil Ernährung und Ernährungsfragen ein Thema sind, wo es fast schon religiösen Fanatismus gibt, den einige Leute meinen, allen um die Ohren hauen zu müssen, lasse ich zu diesem Text keine Kommentare zu. Ihr dürft gerne eine andere Meinung dazu haben und mir ist klar, dass meine Meinung nur eine Stimme von vielen verschiedenen sind, und das ist auch okay für mich. Ich bin da überhaupt nicht rigide oder muss das überall durchdrücken. Ausserdem ist meine Meinung niemals fertig und entwickelt sich andauernd. Ich mag bloss grad keine anstrengende Ernährungsdiskussion führen.
Ein schönes Wochenende, happy Mai und lasst Euch nicht ärgern.