Warum ich Polly und Bob nicht in meinem Kiez haben will.

Huch!
..und Tschüs

Polly und Bob ist ein… “social Start-up”, ein “Non-Profit-Unternehmen”, eine “Plattform”, die… blablabla – setze hier irgendeinen hippen Werbespruch aus Werbesprech ein. De Facto ist es ein Unternehmen, welches eine Art “Nachbarschafts-Facebook” betreibt, und die Dienstleistung anbietet, über eine spezielle Online-Plattform Nachbarschafts-Aktivitäten zu koordinieren.

Der Gründer des Unternehmens war vorher “für einem Schweizer Konzern tätig” (eigene Angabe) und hat sich jetzt wohl auf die Fahne geschrieben, Friedrichshainer Kiezkultur zu seinem Marktsegment zu erklären.

Zuerst habe ich von Polly und Bob gehört, weil er “Berliner Hinterhofflohmärkte” veranstaltet hat. Das heisst, er hat dafür geworben, Friedrichshainer_innen haben die Flohmärkte gemacht und mit Leben gefüllt, und er hat überall sein Logo draufgehabt und sich bekannt gemacht.  Ich fand es zwar etwas komisch, dass eine simple Nachbarschaftsinitiative so ein “corporate Design” hat, so ein professionelles Logo, aber habe es nicht weiter hinterfragt, hab die Flohmärkte besucht und fand es ja ganz nett.

Als ich später zufällig bei einem Projekt im Kiez mitengagiert war, wo Polly und Bob zunächst auch involviert werden sollte, habe ich dann erst mitgekriegt, wie das läuft: Leute aus Friedrichshain engagieren sich, machen was los im Kiez, kümmern sich, machen all die Arbeit und tragen all das Risiko – und P&B schreibt es sich auf die Fahne, auf die Seite, klebt sein Logo drauf und eignet sich das alles an.

Polly und Bob schreibt auf deren Webseite, was sie alles für Friedrichshain tun: Zum Beispiel, dass es einen von P&B initiierten Gemeinschaftsgarten in Friedrichshain geben soll. Halloooo… es gibt schon mehrere Gemeinschaftsgärten! Davon steht natürlich kein Wort auf der P&B Seite. Es wird so getan, als käme der tolle Herr mit seinem Social Startup und baut hier mal was auf für die armen Friedrichshainer_innen, weil die ja nix haben, wa.

Eine Give-Box wollen sie machen. Hallooooo – es gibt schon welche! Das nennt man in Hausbesetzer_innenkreisen “Free Box”. Allein bei mir im Haus gibts zwei davon. Fast jedes Ex-besetzte Haus hat eine. Es gibt den Schenkladen in der Jessi. Übrigens alles Projekte, die von Gentrifzierung und Repression bedroht werden und die wir in den letzten 20 Jahren nur mit harten Kämpfen durch die Räumungswellen gerettet haben. That’s not something to be ignored, okay?

Ich will hier gar nicht gross noch was schreiben. Mich ärgert das, dass jetzt ein “Nachbarschaftsportal” (deutschlandweit) von Polly und Bob angeboten wird, wo “die ersten” Anmelder_innen “Premium-Mitgliedschaften” kostenlos bekommen, dass anscheinend der ganze Ringelpiez mit Anfassen, das ganze Nachbarschaftstreiben in den letzten Jahren nur ein Marketing-Gag für die “erfolgreiche Online-Plattform” gewesen sein soll – dass in einer Stadt, in der Bewohner_innen durch Gentrifizierungsprozesse verjagt werden, in einem Kiez, wo das extrem der Fall ist, – dass da das bischen Kiezkultur, was noch bleibt, jetzt zum Kapital von “Social Startup Unternehmen” werden soll. Nein danke!

Ich scheiss auf Polly und Bob!

Untitled photo

PS: Und dieses penetrante generische Maskulinum auf deren Plattform und Seite stinkt mir auch gewaltig. Seit fucking Jahrzehnten werden zumindest Frauen* in linken und alternativen Stadtteilprojekten mitgenannt, erst seit weniger Zeit auch Trans* – was will ich denn mit nem Stadtteilvernetzungsprojekt, äh, entschuldigung – sozialen Dienstleistungsunternehmen, das sprachlich ausser Tüpen nichts kennt?

13 thoughts on “Warum ich Polly und Bob nicht in meinem Kiez haben will.

    • Du übersiehst (absichtlich, wie das aussieht), wie dieser Begriff allgemein verwendet wird: “Mein Kiez” heisst hier nicht “Mir gehört der Kiez”, sondern ähnlich wie bei “mein Zuhause”, “meine Kumpels”, “meine Nachbarschaft”, “mein Umfeld” bezeichnet das lediglich den Kiez, wo ein Mensch lebt/wo diese Person sich zugehörig fühlt/zuhause ist. Da ich hier lebe, ist das “mein” Kiez. Ganz einfach. “Mein” zeigt hier kein Besitztum an, sondern eine Zugehörigkeit. Und nun geh woanders trollen.

  1. „Die ersten 100 pro Postleitzahl erhalten 3 Jahre kostenlosen Zugang zur ihrer Nachbarschaft.“ I don’t even. Die englische Version („3 years premium for free.“) macht ein bisschen mehr Sinn, aber nicht viel.

  2. das polly and bob ein komerzieller kiezverarscher ist, müsst ihr jetzt nur noch der notorisch unterinformierten frau herrmann und ihrem klientelkuschel”bezirksparlament” called BVV klarmachen.

    frau herrmann ist schirmherrin der singenden balkone, und das obwohl laut ordnungsamt bei diesem event die beschwerden wegen lärmes nur so auf das ordnungsamt und bei der polizei einschlugen.

    aber gegen rollkoffer und partyscene will ja frau herrmann angehen…….

    ….nur wenn sie selbst den lärm initiiert und damit geld macht, wie z.b. bei der biermeile und dem pfingstwettsaufen, -fressen und lärmen am blücherplatz ist alles im grünen bereich!

    polly and bop sind ein weiterer beleg für die lächerliche klientelpolitik von frau herrmann und ihren erfüllungsgenossen in der bvv!

  3. wie genau kommt ihr darauf, dass die komerziell sind? ich dachte, dass sei so eine art non-profit facebook. bitte erklärt das mal genau. ich suche ein soziales netzwerk dass non-profit arbeitet. an sich scheint mir eine solche vernetzungsform nämlich ganz sinnvoll. danke für eure infos.

    • Ich habe das Wort “kommerziell” nicht verwendet. “Non Profit” heisst nur, dass es keinen Gewinn abwirft, es ist trotzdem ein Wirtschaftsunternehmen und keine Kiez-Initiative.
      Es gibt Erfahrungen mit diesem Unternehmen namens Polly und Bob, die in diesem Text teilweise beschrieben stehen, auf den du gerade kommentierst, die zeigen, dass das Unternehmen nicht kooperativ und vernetzend arbeitet, sondern mit Kiezprojekten konkurriert und sich benimmt, als wolle es diese “ausstechen”. Seit letztem Jahr gibt es auch eine Internetplattform für Polly und Bob, wo du käuflich “Premium Mitgliedschaften” erwerben kannst, und die anstrebt, “erfolgreich” zu werden.
      Deswegen empfehle ich, Bewohner_innen-Initiativen, Vereine, Gemeinschaften usw. zu gründen und zu pflegen, wenn es um Kiezkultur geht, und das nicht von Unternehmen erledigen zu lassen, die sich zwischen die Nachbar_innen “zwischenschalten”.

      Mir ist klar, dass Polly und Bob mit einem anderen Image arbeitet, sich sehr sozial und engagiert gibt.
      Es geht dabei jedoch um wirtschaftliche Interessen. Entweder der Chef von Polly und Bob ist nicht wirklich interessiert an einer guten Nachbarschaft, und dieses Image ist mehr oder minder nur vorgeschoben, oder es fehlt ihm die soziale Kompetenz, auf Projekte und Initiativen im Kiez zuzugehen und mit diesen auf Augenhöhe Vernetzung aufzubauen. Letzteres glaube ich bei seiner Position nicht.
      Ergo liegt die Erklärung nahe, dass er mit den Projekten konkurriert, und nicht mit ihnen zusammenwirkt. Bzw. nur, wenn es seinem Fortkommen dient.

      Ich weiß, das Internet ist schnelllebig. Texte lesen kann langwierig und ermüdend sein. Schnell einen Anreißer auf Facebook lesen und dann kommentieren, wieso etwas so ist, ist bequem, aber deine Fragen habe ich in dem Text behandelt.
      Noch kürzer und leichtverdaulicher machen kann ich es nicht.

      • Geld ist nicht alles, aber ohne Geld ist bekanntlich alles nichts. Auch gegen Mitarbeiter, die ihre Arbeit gegen Bezahlung anbieten (müssen) ist doch nichts einzuwenden. Oder?

        Insofern ist die Unterscheidung zwischen “kommerziell” und “non profit” richtig und gut.

        Friedrichshain-Kreuzberg ist für sich genommen eine Großstadt und in einer Großstadt gibt es bekanntermaßen Platz für viele Ideen und Akteure. Warum Polly and Bob nicht eine Chance geben? Vielleicht gelingt ihnen ja etwas, was den rein Ehrenamtlichen (noch) nicht gelungen ist. Wer weiß?

        • Moin Günther, danke zuerst mal, dass du dir die Mühe gemacht hast, mir freundlich deinen Standpunkt zu sagen!
          Bei mir persönlich, in meinem Freundeskreis, hatte Polly und Bob ne Chance, und die haben sie mit Konkurrenzverhalten und Dominanzverhalten und Aneignungsaktionen verspielt. Eine Betrachtung ihres Konzeptes liess mich dann erkennen, dass das bei ihnen nicht zufällig passiert, sondern die zugrunde liegende Strategie ist, sich zwischen die NachbarInnen dazwischen zu schalten. Mit eben allen Konsequenzen. Klar ist Friedrichshain letztendlich groß genug, und die anderen Agierenden sind z.T. sehr alteingesessen und für die ist P&B eh keine Gefahr oder Konkurrenz. Dennoch bleibt meine Bewertung klar bestehen.
          Es geht Polly und Bob um den Erfolg ihrer Internetplattform, wo die Mitgliedschaft Geld kostet.
          Ob das allerdings gelingt? Es gibt inzwischen einen Haufen konkurrierender Plattformen, von denen einige kostenlos sind. Friedrichshain ist P&B’s Hochburg, da vielleicht. Ansonsten glaub ich’s ja eher nicht.

  4. Danke! Fein erkannt und gut beschrieben! Tarnung als Start Up und Share Economy, dahinter nichts weiter als simpler Plattformkapitalismus, Geschäfte mit Pseudogemeinschaft, Mitmenschlichkeit als Geschäftsmodell. – Passend dazu ff. Fundstück aus der „Friedrichshainer Chronik“ vom November 2013, wo Polly & Bob satirisch gewürdigt wurden:

    Zwangskollektivierung im Kiez
    Einmal im Monat zelebrierten sie Doppelkopf, Spielbeginn stets pünktlich 20 Uhr. Nur an diesem Samstagabend verspäteten sich die Freunde um fast eine halbe Stunde. Als es endlich klingelte, schaute Mandy verärgert auf die Uhr und Dieter öffnete mißgelaunt die Wohnungstür. Doch anstatt sich schuldbewußt zu entschuldigen, sprudelte Gabi gleich ganz aufgeregt los: »Stellt euch vor, in der Grünberger steht eine auf ihrem Balkon wie am Bug der Titanic und jault ganz erbärmlich My Heart Will Go On. Die wehrlosen Touris auf dem Boxhagener Platz glotzen ungläubig, und die besoffenen Punks brüllen im Sprechchor ›ausziehen, ausziehen!‹«
    »Das will ich auch sehen!«, verkündete Mandy und öffnete die Balkontür. Auf der Günberger war aber kein Menschenauflauf mehr zu erkennen. Dafür Höllenlärm von schräg gegenüber in der Gärtnerstraße. Ein Mann in Unterhemd und Unterhose vollführte auf dem Balkon einen Veitstanz wie Rumpelstilzchen, kreischte immerfort »Dsching, Dsching, Dschinghis Khan …« und signalisierte sofortige Kopulationsbereitschaft.
    Dieter schüttelte ungläubig den Kopf angesichts des kontaktfreudigen Pornodarstellers. »Hat die Bezirksbürgermeisterin heute kostenlos Drogen verteilt oder was ist hier los?« Beruhigend klopfte ihm Kumpel Schorsch auf die Schulter und fuchtelte mit einem hellblauen Flyer herum. »Keine Angst, das ist nur ein Kultur- und Nachbarschaftsevent. Hier steht, daß in der Nacht der singenden Balkone eine neue Nachbarschaft erweckt werden soll. Wenn die Leute sich auf ihren Balkonen sehen, kommen sie einander näher und öffnen ihre Balkone, Türen und Herzen.«
    Dieter kam sich vor wie ein Thälmann-Pionier, dessen Eltern in den Westen abgehauen sind: »Da sind sie aus Tuttlingen und Duderstadt hierher ins Niedrig¬ener¬gie¬haus ge¬flo¬hen und backen für ihre un¬geimpften Kinder in der Landhausküche Dinkelbrot. Was damals die Fischer-Chöre, der Oktoberklub und Hans-Georg Ponesky mit ihrer Singebewegung nicht geschafft haben, wollen die nun vollstrecken und den Kiez zum Epizentrum der guten Laune machen. Das ist schlimmer als unser zwanghaftes kollektives Töpfchensitzen im Kindergarten zu Zeiten des SED- und Stasi-Terrors!« Auch Mandy bebte vor Abscheu und Empörung. »Diese neue Nachbarschaft kenne ich schon. Bei uns im Haus grüßen die nicht mal, wenn man sie trifft. Die werfen die vollgekackten Pampers ihrer Kiddies von ihrem Dachgeschoß einfach in den Hof, und der Oma Kruse, die mit ihrem Rollator vorm Haus steht, knallen sie die Tür vor der Nase zu. Und da soll ich mitmachen?!«
    Schorsch tippte auf den Flyer: »Ihr müßt nicht unbedingt singen, sondern könnt auch unentgeltlich als Babysitter arbeiten, Bücher tau¬schen, am Mütterstammtisch oder Vatitreff teilnehmen oder Wildfremde zum Running Dinner einladen. Oder ihr unterstützt Barbie & Ken direkt und gebt ihnen gleich ein unbefristetes Darlehen oder kauft Anteilsscheine, für 50 oder 100.000 Euro. So stiftet ihr Sinn und bereichert das Leben von Barbie & Ken.«
    Mandy hatte verstanden: Schwarmintelligenz muß nicht unbedingt intelligent sein.« Derweil baute ihr Mann Musikanlage und Boxen auf dem Balkon auf, schob die CD mit alten FDJ-Liedern ein und über den Boxhagener Platz ertönte schön laut »Sag mir wo du stehst und welchen Weg du gehst …«
    Thomas Heubner

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