Ich bin Charlie, aber ich will nicht Charlie sein.

Ich lebe in einem Land, in dem diese feindselige Stimmung herrscht, die die Menschen aufteilt in den “freien Westen” und die “Islamisten”. Die wird schon so lang geschürt. Schon so lang sitzen viele von uns zwischen den Stühlen. Einerseits lehne ich diesen überheblichen, sich selbst nicht hinterfragenden, islamfeindlichen Rassismus ab, der alle arabisch aussehenden Menschen zu rückständigen Feinden stilisiert, zum anderen lehne ich die fundamentalistischen Bewegungen ab, die Menschenrechte dort mit Füssen treten, wo immer sie genügend Macht dazu haben.

Es ist einfach nicht möglich, sich auf eine von zwei Seiten zu stellen, ohne sich unter “falschen Freunden” wiederzufinden. Schon die ganze Zeit bei dem Thema. Jetzt auch wieder. Und jetzt, das heisst: nach dem Mordanschlag auf die Redaktion des französischen Satire-Magazins Charlie Hebdo. Sich solidarisch zu Charlie Hebdo zu stellen, heisst, die teilweise echt scheiss rassistischen, sexistischen etc. Cartoons zu befürworten, die in diesem Magazin erschienen sind. Sich nicht solidarisch zu Charlie Hebdo zu stellen, stellt dich wiederum in eine Ecke mit Fanatikern und Autoritären, die meinen, ihre religiösen Gefühle über die Freiheit (und hier sogar das Leben) von Anderen hinweg durchdrücken zu dürfen.

Dabei gibts doch eigentlich eine ganz logische und einfache Reaktion: Für die Meinungsfreiheit zu sein, Punkt aus. Und das bedeutet, dass es okay gehen muss, über Charlie Hebdo zu sagen “das und das ist Rassismus und ich lehne das ab”. Ich finde es schon sehr bemerkenswert, wie im Namen der Freiheit die Freiheiten von Menschen anrüchig werden, ihre Meinung zu sagen – “sei für rassistische Cartoons, oder bist du etwa auch für die Terroristen?” Im Namen der Freiheit machst du dich verdächtig, wenn du nicht die selbe Meinung hast.. hallo? Wer nicht konform geht mit uns, ist gegen uns? Nein, so einfach geht das nicht.

Ich bin wirklich bestürzt über den Mord an den Zeichnern von Charlie Hebdo. (Und nicht zu vergessen die Menschen, die dabei waren und mit dem Anschlag zum Opfer fielen). Bestimmt waren das auch total nette Typen, und obwohl ich die Cartoons teilweise echt kacke finde, bin ich überzeugt, dass die Urheber dieser Cartoons nicht annähernd übel waren. Wenn es nur um die Menschen ginge, ich würde die ganze Zeit im “Je suis Charlie” Tshirt herumlaufen!
Die Leute von Charlie Hebdo waren wahrscheinlich genauso nette, linke Typen wie ich auch genügend kenne, die es eigentlich gut meinen und die gar nicht schnallen, dass sie gerade Anderen, die weitaus mehr Unterdrückung erfahren wie sie selber, grad auf die Füsse und ins Gesicht treten. Weil ist doch alles lustig und Satire und Kritik an Autoritäten und wir sind doch alle gegen die da oben. Weil so einfach ist es ja schliesslich (Ironiemodus). Es existieren ja auch (Ironiemodus) keinerlei Unterdrückungsachsen ausser der, die ein weißer linker Durchschnittstyp erlebt. (Und *-istische Strukturen begünstigen und erzeugen diese Blindheit und Ignoranz gegenüber Sexismus, Rassismus usw.)

Aber nur weil wohlmeinende linke Männer etwas als Satire gegen mächtige Fundis verstehen, wird es davon nicht weniger rassistisch. Gut gemeint heisst, nicht dass es auch gut ist. Die Menschen betrauern, und trotzdem ihre Publikation kritisch sehen, das ist für mich Meinungsfreiheit.

Nach diesem berühmten Zitat von Evelyn Beatrice Hall zu gehen, welches lautet:

“Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.”

Oder laut Elliot Higgins: (Via Hakan Tee)

“I defend your right to say stupid shit, but it’s still stupid shit.”

In diesem Sinne: Ich bin Charlie. Ich bin solidarisch mit den Ermordeten. Ihr Leben ist ausgelöscht und sie werden nie mehr mit anderen an einem Tisch sitzen und reden und dazu lernen können, darüber, wieso ihre Satire nicht, wie sie dachten, gegen die Mächtigen gerichtet war, sondern nach unten getreten hat.
Aber ich bin nicht Charlie, ich würde nicht diese Cartoons zeichnen, stattdessen sitz ich hier und ärgere mich, dass wieder einmal rassistische, (hetero-)sexistische und klassistische Cartoons viel zu unkritisch als das Sahnehäubchen der westlichen Meinungsfreiheit hingestellt werden.
Aber die Leute von Charlie können es jetzt nicht mehr anders oder besser machen, oder etwas daraus lernen. Jedes ausgelöschte Leben bedeutet so viel zerstörtes Potential. Das ist einfach nur endlos traurig. R.I.P., Jungs.

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U.A. zu dem Thema auch gelesen:

12 thoughts on “Ich bin Charlie, aber ich will nicht Charlie sein.

  1. Ich glaube bei “Ich bin Charlie” und dem ganzen Thema geht es für viele nicht darum zu sagen ich finde alles richtig was in die Leute bei Charlie Hebdo sagen wollten, denn man ist irgendwo immer einer anderen Meinung..
    Es geht darum, dass Menschen sterben mussten, weil eine Meinung ausgedrückt wurde, die anderen nicht gefangen hat.

    Es geht nicht darum ob die Cartoons richtig waren oder nicht.. Sondern das Menschen umgebracht wurden weil die ihren Job gemacht haben.
    Es geht darum, dass man sich nicht friedlich miteinander verständigen kann sondern immer noch zur Gewalt als Lösung greift und diese benutzt um anderen Angst einzujagen…

    Diese Cartoons waren vielleicht nicht okay und haben Menschen verletzt, doch es rechtfertigt diese Tat nicht und das ist was man damit Ausdrücken möchte.
    Man möchte zeigen das es nicht okay ist, das Menschen umgebracht werden, weil sie ihren Job machen und das es generell nicht okay ist Menschen umzubringen.. Um Mitgefühl zu zeigen und Respekt zu erweisen…

    Ich glaube es geht mehr darum, als die Mitarbeiter von Charlie Hebdo als heilige darzustellen..

    • Danke für den Kommentar! Ich stimme dir zu, dass es für viele darum geht. Dagegen habe ich auch nichts einzuwenden.

      Aber es gibt genügend Leute, die z.B. nicht das “Je suis Charlie” Bild benutzen, sondern einfach rassistische Cartoons reposten, sich Bilder von Schwarzen Frauen als Affen karikiert an die Wand hängen, und diese ganzen Zeichnungen von Zeichenwerkzeugen als Waffen im Krieg um Freiheit. Die Zeichner werden auch in manchen Stellungnahmen als Helden bezeichnet. Dafür bezeichnet der islamische Staat (also diese Milizen in Syrien) die Attentäter als Helden. Wohin führt das denn?
      “Gegen diese Killer müssen wir zuschlagen. Ohne Schwäche und Zaghaftigkeit. Wenn der Krieg da ist, müssen wir ihn gewinnen.” (Le Figaro, France)
      “Die Toten von Paris sind Helden. Als solche müssen wir sie sehen. Wie jeder gewaltsame Tod ist auch ihr Tod vollkommen sinnlos. Wer immer jetzt versucht, sie für seine Zwecke zu vereinnahmen, begeht einen Frevel. ” (Berliner Zeitung)
      “Aber Zuspitzung und Sarkasmus gehören zur DNA von Karikaturisten. Wir alle haben die Verantwortung, für diese Freiheit weiter einzustehen. Jeden Tag. Und immer wieder. Die Männer und Frauen von “Charlie Hebdo” haben diesen Mut gezeigt. Sie sind Vorbilder.” (FAZ)
      “Wenn Terroristen das Lachen meucheln, müssen wir ihnen entgegenlachen. ” (Rheinpfalz)
      (Alles zitiert aus: http://www.rp-online.de/panorama/ausland/charlie-hebdo-pressestimmen-dies-ist-ein-krieg-ein-wirklicher-krieg-bid-1.4782511)

      Leider gibts genug Pressestimmen, die Satire einfach als Satire zusammenfassen und nicht unterscheiden, wer da über wen lacht, und die die Zeichner eben als Helden der Meinungsfreiheit feiern. Deshalb schrieb ich genau den Artikel: Es darf überhaupt nicht sein, dass Menschen umgebracht werden für Cartoons! Darüber sind wir uns hoffentlich alle einig!
      Trotzdem wird, das ist leider Fakt, der Rassismus verschwiegen, die Cartoons abgefeiert und die Opfer zu Helden in einem Krieg zwischen “dem Westen” und “dem Islamismus” verklärt. Es ist egal, ob viele Leute das “anders meinen” – leider findet das statt und deshalb habe ich persönlich ein Unbehagen, deshalb sehe ich mich zwischen Stühlen sitzen.

      Für mich gehts nicht darum, zu sagen, es gibt einen begründeten Zusammenhang zwischem dem Rassismus und dem Attentat. Den kann es natürlich niemals geben! Da gibts nichts zu rechtfertigen, das ist nicht zu rechtfertigen, Punkt!
      Für mich geht es darum, dass eine Haltung von Frieden, Freiheit und Miteinander bedeutet, dass sich gegenseitig zugehört wird und Reflektion und Selbstkritik immer auch mit dabei sind. Was für mich ein Horror ist, wäre, wenn es nur noch klare Fronten gäbe, mit denen die für “uns” sind und “den Anderen”. Und je weniger Reflektion und Selbstkritik, und je weniger Analyse, was eigentlich an der westlichen Gesellschaft verbesserungwürdig ist, umso weniger kommen wir je aus der Spirale des Hasses heraus. Und das ist mein Antrieb, warum ich glaube, dass wir die Kritik an Charlie Hebdo formulieren müssen.

      Edit:
      Würde das Polarisieren immer stärker und das Differenzieren und das selbstkritische Hinsehen immer schwächer, wäre das im Grunde auch ein Teilsieg für diejenigen, die Krieg und Gewalt wollen, nämlich die Attentäter.

  2. Danke für diesen tollen Artikel! Er spricht mir aus der Seele, weil ich mich genauso zwischen den Stühlen fühle: Gleichzeitig Charlie und nicht Charlie. Aber bei so komplexen Themen gibt es keine einfache Antwort und kein Schwarz-Weiß.

  3. Pingback: Zwei Seelen wohnen, ach, in meiner Brust … | Carmilla DeWinter

  4. Pingback: Je suis Charlie, je ne suis pas Charlie* | Trippmadam

  5. Danke für deinen Post, du bringst es auf den Punkt. (Ich selber formuliere daran für mich immer noch herum)
    Presse- und Meinungsfreiheit JA!!! Ich bin entsetzt über das was dort geschehen ist und ich mache mir Sorgen vor den Folgen die es haben wird … Aber ich bin nicht Charlie!!
    Nachdenkliche Grüße von der Dryade

  6. Danke für Dein Statement. Ich diskutiere und bilde mir auch seit Tagen eine Meinung. Ich finde es abscheulich, Menschen aus welchen Gründen auch immer (außer Notwehr etc….) umzubringen. Aber ich frage mich auch, warum man mit Meinungsfreiheit, die es hier gibt (ich bin nicht in Meinungsfreiheit aufgewachsen) nicht sensibler und schlauer umgeht. Mir ist es zu einseitig, mich nur auf mein “Recht” zu berufen…

  7. Ich danke dir ebenfalls für diesen Artikel, weil ich mich über jeden Artikel freue, der Dinge hinterfragt und nicht alles hinnimmt.
    Es kann derzeit gar nicht genug zum eigenständigen Denken angestoßen werden, weil so viele blindlings irgendwelchen anderen Meinungen hinterherlaufen.

    Auch ich habe allerdings #jesuischarlie geschrieben, weil ich es in dem Moment so meinte.

    Unabhängig von der Tatsache, ob jemand sie zu Helden (v)erklärt oder nicht, für mich sind sie in erster Linie Opfer.
    Menschen, die aufgrund der Tatsache, dass sie ihr Recht auf freie Meinungsäußerung (überzeichnet oder nicht, Satire oder nicht, okay oder nicht okay) wahrgenommen haben.

    Auch ich bin nicht mit jeder Satire und jeder Karikatur, einverstanden – aber ich freue mich unendlich, dass ich die Möglichkeit habe, sie zu sehen und mich entscheiden zu dürfen, wie ich sie finde.
    Dass ich das Privileg habe, in einem Land zu leben, in dem ich meine Meinung äußern darf, ohne Angst haben zu müssen und dass ich das Privileg habe, nicht verfolgt zu werden … aufgrund meiner Hautfarbe, meiner Religion oder meiner Ansichten.

    Mir persönlich war es in diesem Moment wichtiger die Solidatität mit den Toten auf diese Art auszudrücken, als mich damit aufzuhalten, ob ich ihre Satire persönlich vertretbar finde oder eben nicht, wobei es selbstverständlich durchaus gute Gründe gibt, dies zu tun…

    Beim Betrachten der anderen Fotos mit diesem Hashtag bei Instagram kann einem regelrecht übel werden.
    Weil die Solidarität mit Opfern sofort anschließend instrumentalisiert und missbraucht wurde, um gegen Muslime und die Islamisierung des “Abendlandes” Stimmung zu machen.

    Ebensowenig wie es DIE Deutschen gibt, gibt es DIE Muslime, DIE Christen oder DIE was auch immer.
    Und es ist sowohl unglaublich, als auch für mich einfach nicht zu verstehen, wieso jetzt überall Muslime angegriffen oder auch “nur” angefeindet werden.
    Menschen, die weder Terroristen, noch Mörder sind, sondern nur zufällig die gleiche Religion wie die Täter haben?!
    Ja, auch sie sind die Opfer dieses feigen Attentats in Paris und es ist jeder einzelne gefordert, dagegen aufzubegehren.

    Wenn nicht jetzt, wann dann?

    Vor gar nicht allzulanger Zeit waren DIE Juden an allem schuld, jetzt sollen es DIE Muslime sein – wie blind kann man denn sein, um die Zeichen nicht zu erkennen…

    • Ich danke dir für den Kommentar, den würde ich so unterschreiben. Was du zu den Juden geschrieben hast, ist gerade auch leider aktueller denn je, denn als 2 Tage nach dem Anschlag auf CHarlie Hebdo jüdische Menschen als Geiseln genommen und ermordet wurden, blieb ein ähnlicher Aufschrei aus. #JeSuisJuif
      Bei mir persönlich ist das leider auch der Tatsache geschuldet, dass ich es oft nicht schaffe, in kurzer Abfolge zwei Blogbeiträge zu schreiben, ohne dass meine anderen Sachen, halt was so im Alltag zu regeln ist, total drunter leiden. Aber der zweite Grund ist eben, weil es nicht, wie bei Charlie, in aller Munde ist, weil ich es mir mehr zusammensuchen müsste, und genau das wäre der Grund, warum wir dazu auch was schreiben müssen.

  8. Vollkommen richtig, dass kann ICH wiederum so unterschreiben.

    In meinem Fall muss ich allerdings gestehen, dass die mangelnde Reaktion eher daran liegt, dass ich immer noch geschockt und regelrecht gelähmt bin von den ersten Vorgängen, um die zweiten überhaupt richtig erfassen zu können…

    In Nigeria sind hunderte von Menschen durch islamistische Terroristen ums Leben gekommen, auch da fehlten die Solidaritätsbekundungen.

    Es ist wohl ähnlich, wie in dem Fall, wo man angefeindet wird, wieso man eine Tierschutzorganisation unterstützt, wo doch Menschen sterben.
    Man kann nicht überall sein und über alles schreiben und auf alles reagieren, was auf unserer Welt an schlimmen Dingen geschieht…
    Leider!

    ABER … man sollte nie damit aufhören, es zu versuchen!

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