Dreadlocks und Weiß sein.. die Zweite

Content Note: Erwähnen rassistischer Klischeevorstellungen, Kolonialismus, Exotisierung. 

Ich hab schon mal über das Thema geschrieben. Aber ich war und bin mit dem Text unzufrieden. Und er überzeugt mich nicht..

Und immer wieder gehen Pingbacks ein von anderen Blogs, die die alte “ich lass mir nicht vorschreiben, wie ich auszusehen habe” Nummer bringen. Oder das “Was ist denn mit den Sadhus, oder mit den Kelten?” etc.

Vielleicht sollte ich den Text daher offline nehmen und einen anderen schreiben, denn vielleicht schadet der erste Text mehr, als er nutzt. Wegen der ausführlichen Diskussion zu dem ersten Text lasse ich ihn online. Aber ich versuche jetzt, trotzdem nochmal anders ranzugehen.

Meine persönliche Ansicht: Ich habe meine Whitie-Dreads 2011 abgeschnitten, und ich hatte recht schöne, für eine Weiße relativ gepflegte verfilzte Haare. Schon vorher war ich in einem Konflikt mit mir selbst wegen der Frisur. Ich hatte begonnen, mich mit weißen Privilegien und kultureller Aneignung als Thema zu befassen, und obwohl ich den Schritt, mich von meiner Frisur zu trennen, noch nicht hinbekam, war es halt auch nicht gut, sie zu tragen. Ich ließ mir die Haare kurz schneiden, als ich eine andere Veränderung in meinem Leben hatte, und ich merkte, das war gut. Ich fühlte mehr Einklang zwischen dem, was ich reflektiert hatte und dem, was ich nach aussen darstellte.

Warum?

Weil für mich Locs, ebenso wie viele andere Styles und Körpermodifikationen, für uns Weiße zu allermeist einen anderen Kontext stehen und eine andere Bedeutung haben  wie sie das für Schwarze haben. Und diese Bedeutungen und der Hintergrund davon ist bedenkenswert. Und die Logik, die dahintersteckt, ist kolonial.

Die (weiße) Suche nach der verlorenen “Ursprünglichkeit”, dem “Primitiven”.

In einer Periode ihrer militärischen Übermacht haben europäische Mächte den Großteil der bewohnten Welt erobert und unterjocht. Im ideologischen Gepäck hatten sie (falsch verstandene?) Ideen der Aufklärung, nach denen sie selbst zivilisierte Menschen im Dienst der Vernunft darstellten, und andere Menschen stellten unzivilisierte Primitive dar, die entweder gar nicht zählten oder der europäischen Herrschaft bedürften. Sie gaben vor, die Vernunft und den Fortschritt allen anderen Leuten auf der Welt bringen zu wollen. Was aber tatsächlich stattfand, war Unterdrückung und Ausbeutung, denn für so vernunftbegabt hielten die Kolonisierenden ihre Opfer nicht. Deshalb war es für sie okay, sie nicht wie Menschen, sondern wie Tiere zu behandeln. Sie selber, also die “Zivilisierten”, sollten überall siedeln, überall an der Macht sein und alles sollte ihnen gehören. Damit war der Ausbreitung der “Zivilisation” in alle Welt in ihren Augen Genüge getan.

Die selbsternannten Vernunfts- und Fortschrittsmenschen entwickelten in ihren europäischen Machtgebieten und in Nordamerika, wo sie sich riesige Länder angeeignet und die ursprüngliche Bevölkerung fast ausradiert hatten, ihre Gesellschaften weiter. Die sahen dann entsprechend aus. Verwertung, Ausbeutung, die Abhängigen fertig machen, Erobern und Krieg führen und dabei von Freiheit und Demokratie reden, oder von Gott, Kaiser und Vaterland. Je nachdem.

Es gab dann auch Gegenbewegungen, zur Aufklärung zum Beispiel, die Romantik. Oder zum Kapitalismus – die Kommunist_innen. Diese beeinflussten sich durchaus gegenseitig. Ich habe mal viel zum Thema modernes Heidentum und moderne Hexen gelesen, und da kam ich auf die Romantik und auch auf Friedrich Engels. Der Zusammenhang ist so: In der Romantik wurde viel nach dem Wunderbaren, dem Zauberhaften, aber auch dem Ursprünglichen und der Natur gesucht, im Gegensatz zur Zivilisation und den modernen Gesellschaften mit allem, was einem daran nicht gefällt. Friedrich Engels zum Beispiel dachte über ein ursprüngliches, urkommunistisches Matriarchat nach, das er in der Steinzeit lokalisierte. Es gibt z.B. kleine Heimatmuseen in Brandenburg, die ihre “Steinzeitecke” mit den Gedanken von Friedrich Engels versehen haben.

Aus der Romantik speiste sich die Jugendbewegung der 1920er in Deutschland, aber auch die heidnischen und martialischen Rückbesinnungsideen der Nazis. Und später, teils in personeller Kontinuität aus der Nazizeit, die neuheidnischen Gruppen in Deutschland, und etwas anders, viel mehr linksgerichtet, aber auch romantisch und auf der Suche nach dem “verlorenen Glück”, Hippies und Alternative in den USA und Europa.

Und das ist im Großen und Ganzen der Hintergrund, vor dem ich hier Gegen- und Subkulturen von Weißen sehe, die sich “primitiver” oder “ursprünglicher” oder “ethnischer” Styles und Symbole bedienen.  Als Nachfolge-Subkulturen der Romantik, gespeist aus einer entsprechenden Sehnsucht nach dem, was der Kapitalismus noch nicht zerstört und ausgebeutet hat.

Diese immer wieder auftauchende Idee ist: Wir haben in unserer Gesellschaft irgendwas verloren, das wir wieder finden wollen. Die Ursprünglichkeit, das Wahre, die “natürlichen”, guten Menschen, die verlorene Unschuld. Das wird nicht nur, aber oft auch, symbolisiert durch den “edlen Wilden”. Das ist eine Person, die es gar nicht gibt. Man stellt(e) sich vor, dass es diese Person mal gab, aber eben früher, bevor man die “Wilden” in Grund und Boden kolonisiert hatte.

Das erlaubt es dann, diese Projektion “edler Wilder” zu benutzen, um sich selbst in den eigenen Gegenbewegungen davon inspirieren zu lassen, alles mögliche, was man im “edlen Wilden” sieht, nachzuahmen oder sich zusammenzufantasieren, aber gleichzeitig die Kolonisierten weiter nicht ernst zu nehmen. Ihnen wird nicht auf Augenhöhe begegnet.  Weil sie ja “kontaminiert” und nicht mehr “authentisch” sind heutzutage, oder “verwestlicht” (wie es heute heißt). Rituale und Symbole sind laut diesem Denken in westlichen Händen besser aufgehoben, weil nur die weißen Westler_innen wissen Bescheid, wie die “edlen, ursprünglichen Traditionen” so richtig gehandhabt werden sollten.

In diesem Forum, das sich mit Plastik-Schamanismus und New-Age-Betrug beschäftigt, kann man Diskussionen nachlesen, in welchen amerikanische Natives europäischen Esoteriker_innen mehrfach erklären, dass nein, sie keineswegs ausgestorben sind, und ja, dass es ihre Religionen und Traditionen schon noch gibt, und nein, europäische New-Ager seien nicht vonnöten, um die “Traditionen zu bewahren”… es ist bezeichnend. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist der Bestseller “Traumfänger” von Marlo Morgan, das sich zu der krassen Fantasie steigert, eine “letzte” Gruppe “authentischer” Aborigines hätten sich entschlossen, absichtlich auszusterben, aber vorher noch ihr ganzes Wissen einer ihnen völlig unbekannten weißen Amerikanerin anzuvertrauen.

Es gibt auch weniger extreme Formen von Imitation, aber die weiße Idee des “ursprünglichen, edlen Wilden, den es nicht mehr gibt” ist gut, um deutlich zu machen, dass die kolonisierten Menschen, die ihre Wurzeln suchen, gar nicht von Interesse sind für Weiße, und dass diese auch etwas anderes machen als Weiße auf dem Selbsterfahrungs-trip.

Damit will ich nicht sagen, dass Traditionen von Kolonisierten alle toll sind oder das Ausüben von jeglicher “authentischer” Tradition ein Wert an sich ist, denn darum geht’s hier grade nicht. Aber was ich sagen kann: das Exotisieren von Menschen und sie als Projektionsfläche benutzen ist auch Rassismus.

Sollen Weiße dann bei “weißer Kultur” bleiben? Wie jetzt.. Seitenscheitel??

Nein. Aus meiner Sicht wäre das Besinnen auf “das Ursprüngliche” auch dann bedenklich, wenn es um das “eigene” “Usprüngliche” geht.  Die Romantik, die auch völkische Bewegungen wie die Nazis angeschoben hat, besann sich ja genauso auf das “authentische” in der eigenen Kultur. Das selbe in Grün, halt “das Gute von Früher”. Die Leute haben in ihren eigenen Vorfahren genau so eine Art von “edlen Wilden” gesehen und dann eben die imitiert. Mit germanischen Götterbildern, Erntekranz und Seitenscheitel. Zwar werden durch so einen weißgermanischen Ringelpiez keine rassistisch marginalisierten Menschen nachgeäfft, aber unbedenklich ist das deshalb noch lange nicht. Ich sage nicht, dass man das unterlassen sollte. Aber es bedarf echt eines selbstkritischen und politisch sensiblen Umgangs damit.

Und: kein Ethnopluralismus für mich, das ist rechte Kacke und überhaupt nicht der Punkt.

Aber wir haben doch voneinander zu lernen, oder?

Aber klar. Voneinander lernen – auf Augenhöhe und mit Respekt – ist für mich eins der besten Dinge, was im Leben ablaufen kann.

Leider wird das erschwert oder verunmöglicht durch andauernden Rassismus, andauernde Ausbeutung (durch Fortsetzung des Kolonialismus im heutigen neoliberalen, globalisierten Kapitalismus) und fortbestehende Machtverhältnisse. Von Menschen zu erwarten, dass sie alle Verhältnisse mal beiseite lassen, und man sich mal eben frei und sorglos über alles austauschen und voneinander lernen kann, ist bestenfalls naiv und unsensibel.

Am ehesten geht das noch, wenn ein ehrliches Interesse da ist für die Situation “der Anderen” (der Ver-Anderten). Wenn privilegierte Leute in der Lage sind, sich Kritik von Marginalisierten an dem, wie es gesellschaftlich läuft, anzuhören. Wenn die privilegierten Leute bereit sind, ihre eigenen Privilegien wenigstens wahrnehmen zu lernen und mitzudenken. Wenn Bereitschaft zur Solidarität da ist. Solche Menschen hat es immer gegeben und deshalb hat Austausch mit Respekt wohl auch immer stattgefunden, trotz aller Ausbeutung und Aneignung, die insgesamt vorherrscht.

Kein Vorschreiben, wie jemand rumlaufen möchte

Ich hab mich entschieden, gar nicht über Einzelheiten zu reden. Nicht über Locs, oder geweitete Ohrläppchen, nicht über Tattoos oder Yoga. Sondern über das, was man da eigentlich grade performed als weiße Person: Auf welcher Bühne man steht und welches Stück man spielt.

Ich würde auch nicht sagen, dass das das einzige ist, was es spielt. Da gibt es bestimmt noch einige andere Handlungen als die Story vom “edlen Wilden von Früher”.  Aber das ist eine wichtige Story, und es gibt viele Varianten davon. Romantisieren und Exotisieren und dann “sich inspirieren lassen” findet abgewandelt statt.  Und oft ist eine Abgrenzung von der Mainstream-Gesellschaft und dem, was einem nicht gefällt, dabei. Und die Suche nach dem, was man in der Mainstream-Gesellschaft vermißt.

Gesellschaftskritik, ja bitte!

Ich befürworte ja Abgrenzung, Gesellschaftskritik und Suche nach etwas Hilfreichem, um eine bessere Gesellschaft hinzukriegen.

Aber bitte mit sensiblem Blick für das, was man da eigentlich grade macht. Nicht auf Kosten von Schwarzen/PoC. Nicht mit exotisierenden, rassistischen Vorstellungen von den “Anderen”, auch wenn die Vorstellungen noch so verehrend und positiv daher kommen.

Und bitte mit Skepsis gegenüber von antimodernen, romantischen “Usprünglichkeits”-Mythen.

disclaimer am ende:

Ich bin kein Profi, ich schreib hier nur in meiner begrenzten Freizeit ein privates Blog. Was ich hier schreibe, habe ich grossteils von anderen gelernt. Bewusst geworden über diese Dinge bin ich mir durch zuhören und zulesen bei Schreibenden People of Color. Ich habe sehr wenig Texte verlinkt, und auf wenig hingewiesen, weil ich die aktuelle Debatte nicht gut kenne und naja, Zeitmangel. Ich will mir keine Arbeit anderer Leute aneignen. Ich sehe dennoch die Notwendigkeit mich wegen meinem verkrachten anderen Text nochmal zu positionieren. Ich will mich bei allen bedanken, die mir ermöglicht haben, Zeug zu reflektieren.

Zweitens sind meine Inhalte in diesem Text nicht mit Quellen/Links belegt, wie z.B. Wikipedia Artikel, aber ich hab auch keinen hohen Anspruch hier an mich selbst, sondern privates Blog blablabla. Bei Interesse könnt ihr in die angesprochenen Themen selber eintauchen, ich bin da auch mitnichten irgendwie expertisch oder kompetent.

Startpunkte:

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One thought on “Dreadlocks und Weiß sein.. die Zweite

  1. Pingback: Samstagslinks / los enlaces del sábado – Geschichten und Meer

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