Sommer im April, Teil 2

Das ist die Fortsetzung von meinem Radtour-Blogeintrag. 

Tag zwei begann um 7 Uhr, als mein Wecker klingelte. Ich dachte, wenn ich mich um 7 Uhr wecke, schaffe ich es, um 9 Uhr auf dem Rad zu sitzen. Der Plan war, von dem Landprojekt in der Nähe von Wittstock in den Bereich des S-Bahn-Netzes von Berlin zu radeln, was laut der Routenplanung von Outdooractive.com eine Strecke von 116 km bedeutet. Erfahrungsgemäss sind die real gefahrenen Strecken etwas länger, bislang hatten wir immer 5 km mehr drauf pro 50km, wenn ein Fahrradcomputer mitloggte. Deswegen schätzte ich mein Pensum auf 120km. Und das ist viel. Sowas habe ich noch nie geschafft.

Deswegen also früh los fahren, damit ich genügend Pausen machen kann und mindestens 10 Stunden Zeit habe, bevor es dunkel wird, um die Strecke zu fahren.

Das Zelt und das Fahrrad stehen im Schatten eines Hügels und allerlei Gestrüpp, auf einer taubedeckten Wiese. weiter hinten scheint schon die Sonne auf die Bäume.

Als ich aus dem Zelt kroch, war die Sonne schon aufgegangen. Nur das Zelt stand im Schatten, was der Trocknung des Stoffes nicht dienlich ist. In kühlen Frühlingsnächten entsteht nicht wenig Kondenswasser innen am Außenzelt. Das ganze Außenzelt hing auch etwas durch, diese leichten Zelte müssten eigentlich bei Feuchtigkeit nachgespannt werden, das hatte ich aber trotz nächtlichen Harndrangs versäumt. Aber schlimm war es nicht, nach innen kam keine Feuchtigkeit.

Als ich in die Gemeinschaftstküche stiefelte, war eine riesen Kanne Espresso und aufgeschäumte Milch schon da. Paradiesisch! Nach dem Kaffee baute ich das Zelt ab, und zog mit allem Krempel und dem Fahrrad zum Seeufer um, von dort konnte ich auch dann starten. Aber vorher wollte ich mir Hirse mit Schokolade und Bananen zum Frühstück kochen.

Die Feuerstelle am See ist gerade etwas unordentlich mit Zweigen und Laub bedeckt. Dort habe ich trotzdem meinen kleinen Holzkocher aufgestellt, es ist ein ALB Wood Stove, den ich mir im lokalen Outdoorladen gekauft hatte. Gerade kocht ein Topf Hirse.

Die Feuerstelle am See war voller Äste und Laub, ich wollte aber nicht die Grasdecke unnötig beschädigen und habe mir daher ein Plätzchen freigeräumt. Dort stellte ich dann meinen Holzkocher auf. Es ist ein fertig gekaufter von ALB, kein Eigenbau. Das Anzünden geht sehr einfach: kleine Zweige und Laub reinstecken, dann ein wenig Papier dazwischen und ein Feuerzeug dran halten. Danach kann der Topf oben drauf, und das Nachlegen ist etwas schwieriger: Ich hatte es früher so gehalten, dass ich Zweige so klein gebrochen habe, dass sie in die winzige Brennkammer passten. Dadurch verstopfte sich diese und der Abzugeffekt des Kochers konnte nicht mehr so gut wirken.

Jetzt steckte ich die Zweige einfach vorne rein, ließ sie aber rausgucken, und wenn sie abgebrannt waren, schob ich sie einfach nach. dadurch blieb der Brennraum immer schön luftig und alles verbrannte ohne Rückstände.

Solche Kocher wurden ursprünglich von den amerikanischen Hobos (Landarbeiter*innen ohne festen Wohnsitz, die oft auf Güterzügen übers Land trampten) aus Dosen gebaut, und es gibt auch Bauanleitungen dafür. Ich habe mir einige durchgelesen und mich dann dafür entschieden, ein fertiges Teil teuer zu kaufen. (Das war allerdings letztes Jahr, als ich nicht so hohe Rechnungen unvorhergesehen auf mich zukommen hatte. Heute hätte ich vielleicht einen gebaut.)

Ich kochte gleich genug Hirse für 2 Mahlzeiten, so konnte ich noch auf der Fahrt etwas davon essen. Mein Frühstücksrezept ist ziemlich einfach: Hirse in Salzwasser gar kochen, dann Zartbitter Schokolade darin schmelzen und nach belieben Nüsse, Rosinen und Obst dazu werfen. Für mich war es “nur” ne Banane, sehr lecker, das.

Die Kochaktion dauerte dann doch etwas länger, und bis ich wirklich los kam, war es 10 Uhr. Gut, also insgesamt 10 Stunden Zeit, um die 120km zu fahren. Ich hatte eigentlich geplant, wenn ich nicht mehr konnte, in den Zug umzusteigen, aber mein Kollege erklärte mir, dass gerade auf dem entscheidenden letzten Stück am Wochenende immer gebaut wird und es Ersatzverkehr in Bussen gibt. Na Prost, also alles oder nichts!

Der Wald zwischen Wittstock und Rheinsberg

Mir wurde auf der Rückfahrt klar, wieso ich gestern so mühsam das letzte Stück gestrampelt hatte. Es war die ganze Zeit bergauf gegangen, obwohl der Weg optisch nicht so aussah. Jetzt sah es auch nicht so aus, als würde es bergab gehen, aber ich flitzte nur so durch den Wald und musste öfter sogar bremsen. Das brachte mich allerdings auch gut voran. Im Flecken Zechlin kaufte ich mir ein Stück Pflaumenkuchen für später, und stieg direkt wieder aufs Fahrrad. Kurz vor Rheinsberg machte ich dann noch eine Pause, ich hatte 25km diesmal in 1,5 Stunden geschafft. Schon wieder Hunger! Diesmal gab es Stullen mit Auberginen-Aufstrich und frischem Löwenzahn vom Wegrand.

Radtour-Essen

sommer im april-radtour: Brandenburg - unendliche Weiten. (Flachland)

In Rheinsberg fuhr ich diesmal gar nicht in die Stadt rein, sondern bog gleich wieder ab in Richtung Zechow. Am Flüsschen Rhin entlang führt ein Weg durch den Wald (allerdings sieht man den Fluß nie, und der Weg ist relativ langweilig), der mit nur wenigen Baumwurzelschäden befallen war. Ich war bis Zippelsförde in Gedanken versunken und machte dort eine Pause, um zu sinnieren, ob ich wirklich über Neuruppin und Kremmen fahren konnte, oder ob ich lieber über Lindow nach Oranienburg fahren sollte, was ca. 20km kürzer war. Mich etwas tollkühn fühlend entschied ich mich dann für Neuruppin.

Was ich nicht wußte: Rhin heißen hier viele Flüsse, es ist anscheinend ein ganzes Flußsystem, das so heißt. Ich war dem Rheinsberger Rhin gefolgt, und überquerte dann schon bald den Fluß Lindower Rhin, der mir bei Neuruppin wieder begegnen sollte, und dem ich bis Altfriesack folgen sollte, dann wurde er zum Kremmener Rhin und verlor sich dann im Ruppiner Kanal, der zur Havel bei Oranienburg führt. Wasser ist schon was faszinierendes! Wahrscheinlich habe ich jetzt die Hälfte falsch, ich habe das nur so von der Karte abgelesen..

Im Wald bei Zechow

Von Zippelsförde geht es dann eine Weile leicht bergauf nach Krangen und weiter nach Molchow. Die Sträucher am Wegrand hatten letztes Jahr, als wir schon mal hier geradelt waren, noch geblüht, dieses Jahr war ich ein klein wenig zu spät. Die Blüten waren schon abgefallen. In Molchow war die Brücke über den Fluß noch immer gesperrt, aber auf dem Dorfplatz hing eine Information, dass es einen privaten, kostenlosen Ruderboot-Service gibt. Ich war hin- und hergerissen. Sollte ich das machen, vielleicht kostet das viel Wartezeit, oder soll ich einfach über Altruppin ausweichen, denn der Weg ist ja noch weit?

Ich entschloß mich, dort anzurufen, schon allein wegen des coolen Erlebnisses. Am anderen Ende meldete sich das “River-Cafe” und leider, sagte ein freundlicher Mann, hätten sie gerade so viel zu tun, dass sie keine Zeit hätten, mich rüberzurudern. Okay, macht nichts, dafür werde ich dann schneller nach Neuruppin kommen. Hinter mir kamen noch zwei Spaziergänger*innen an, die zum Rivercafe wollten, aber wegen der zerstörten Brücke nicht konnten. Sie versuchten es auch nochmal telefonisch, vielleicht wären sie für Kundschaft dann doch gefahren (und hätten mich zusätzlich mitgenommen) aber die beiden hatten kein Netz. Es ist wirklich komisch, wie schlecht die Mobilfunk-Abdeckung in Brandenburg ist. Ich dachte, O2 wäre so schlecht, und Vodafone etwas besser, aber hier hatte ich mal mit o2 Netz und die mit Vodafone keines.

Der alternative Weg über Altruppin lief problemlos, und ich kam an einem riesigen Gelände mit riesigen Wohnkasernen vorbei, von dem die Hälfte leer stand. Die andere Hälfte wird als Schule genutzt. Auf der Webseite des OSZ fand ich folgende Info:

Die heute genutzten Gebäude in der Alt Ruppiner Allee sind Teil eines großen Gebäudekomplexes, welcher in den Jahren 1935/36 für die deutsche Wehrmacht als Panzerkaserne erbaut wurde. Diese Bestimmung behielt er bis 1945.

Nach der Zerschlagung des Faschismus wurde der Komplex durch die Rote Armee bezogen und war für die Bevölkerung nicht zugänglich. Mit der Wende wurde neben der Schließung des Flugplatzes auch die Räumung der Panzerkasernen zügig betrieben. Erste Überlegungen, die Kasernen als Wohnraum umzuwidmen, scheiterten an der Architektur der Unterkünfte.

In Neuruppin angekommen, verfuhr ich mich ein wenig und musste erst mal wieder auf den Radweg finden. Am Ruppiner See machte ich eine Pause mit Essen und Mastodon checken, und um ein paar Tourfotos zu posten.

Nachdem ich früher meine Radtouren auf Instagram gepostet und von dort automatisch nach Twitter weitergeschickt hatte, bin ich jetzt komplett zu Mastodon umgeschwenkt. Das ist ein Open-Source dezentrales Social Media Netzwerk, das ähnlich wie Twitter ein “Mikroblogging Service” ist. Hier findet ihr ein kleines Youtube-Video, was Mastodon ist. Klar, die “Großen” wie Instagram, Twitter und Facebook ignorieren solche kleinen, “DIY” Projekte standhaft, deshalb gibt es auch keinen Instagram-Mastodon-Crossposter.

Wegen des in Brandenburg kaum vorhandenen mobilen Internets musste ich meine Updates in Städten wie Rheinsberg und Neuruppin machen. Meine “Pocket Friends” auf Mastodon haben mich so super angefeuert auf diesem 120km-Tag!

Zwischen Neuruppin und Wustrau geht es über eine einsame Straße an schönen Alleen entlang.

Das erste Dorf nach Neuruppin war Wustrau, wo es eigentlich viel Kultur zu sehen gibt, aber ich war um 15 Uhr erst die Hälfte der Strecke gefahren, deshalb hielt ich nicht an, sondern fuhr durch. Aber vorher noch schnell ein Foto von den Bärlauchkolonien am Dorfeingang geknipst. Hier handelt es sich eigentlich nicht um Bärlauch, sondern um “Queerlauch” (Allium paradoxum), der schmale Blätter hat, aber auch ganz gut schmeckt. Ich hätte mir jetzt welchen für die nächste Pause pflücken können, aber wollte wirklich den Flow nutzen, in dem ich gerade war.

Am Ortseingang von Wustrau riecht es sehr lecker nach Knoblauch. Der Grund sind die Bärlauchfelder, die den ganzen Waldboden bedecken.

Von Wustrau nach Altfriesack war es dann nur noch ein Katzensprung. Nichtsahnend fuhr ich durchs Dorf und erfreute mich an den malerischen Häusern und der Schleuse, und dann stellte ich fest: Ich hatte den Radweg irgendwo verloren. Auf die Karte geguckt: Ah, eine Abkürzung durch den Wald. Die nehme ich.

Ja. tolle Idee.

Wirklich gut.

Fantastisch hast du das gemacht.

Ganz klasse.

Brandenburg besteht nämlich aus Sand. Es gibt im Wald sogar Wanderdünen. Oder überhaupt Dünen. Es kann sein, dass sandige Wege zu knietiefen Sandflächen werden. Und ich hatte das Vergnügen, nachdem ich ca. 1,5 km auf einem halbwegs befahrbaren Sandweg verbracht hatte, mein Fahrrad ca. 300 Meter durch eine Sanddüne zu zerren. Leider bewegen sich die Räder in so einem Sand kaum noch, und du ziehst das Rad eher durch den Sand als dass du es schiebst. Ja. Herrlich!
Und ohne Scheiss: Ich kann den Sand sogar auf dem Sattelitenbild von Google Maps sehen.

Ach, ach, eine Sanddüne mitten im Wald

Als ich auf der anderen Seite ankam, traf ich zwei andere Menschen, die einen hoffentlich besseren Weg gekommen waren, aber die auch Schwierigkeiten mit den sandigen Wegen hatten. Da ich diese Strecke 2017 schon mal gefahren war (Dieses Teilstück jedoch erfolgreich verdrängt hatte), konnte ich sie beruhigen, es sei gleich vorbei. Sie atmeten auf und folgten mir zu dieser netten, gepflasterten Fahrradstraße:

Ich war bei der Dünen-Aktion ziemlich ins Schwitzen gekommen, und meine Wasserflaschen waren fast leer. Aber zum Glück gab es das schicke “Golf in Wall”. ich fuhr als einziges unmotorisiertes Fahrzeug auf dem Parkplatz vor, stellte mich frech direkt vor den Club und steuerte auf zwei Golfende zu, die ihre Schläger an einem Wasserbecken abwuschen. Ich fragte, ob man das Wasser am Becken auch trinken könnte, und sie wußten das nicht, aber sagten mir dafür, dass die Toilette gleich hinter der Eingangstür zum Clubhaus gelegen ist. Dann ging es aufgetankt weiter über die Dörfer.

Am Goldclub in Wall habe ich meine Wasserflaschen aufgefüllt.

Achja. Was rein geht, muss auch wieder raus. Ich bin inzwischen auf Radtouren so froh, dass ich eine Stehpinkel-Hilfe habe. Für Menschen, deren Harnröhre nicht gerade in einem Penis endet, super cool – denn es ist bei uns gesellschaftlich akzeptiert, dass Menschen im Stehen völlig öffentlich pinkeln. Andere Methoden gehören weniger an die Öffentlichkeit. Ganz schön sexistisch. Aber ja, das kleine Pinkelstöckchen aus Plastik macht’s möglich, dass ich zwischen den Dörfern knallhart am Gebüsch am Strassenrand mich erleichtern kann und noch nicht mal eine Stelle meines Körpers entblößen muß.

radtour 21./22.4.2018kurz vor Kremmen überquerte ich den Ruppiner Kanal, an dessen Ufern viele Weidenbäume stehen.

Als nächstes kam ich nach Kremmen. Am Marktplatz machte ich noch eine kleine Pause und aß Schokolade und die restliche Hirse auf. Jetzt war ich nahe an der 100km-Marke. Und ich fing an, es zu merken. Der Hintern tat ein wenig weh, und die Beine waren ein wenig müde. Aber es ging. Ich verließ Kremmen durchs historische Scheunenviertel, das wie wahrscheinlich jeden Sonntag mit schönem Wetter, ein Treffpunkt für Biker geworden war. Dann radelte ich ohne viele Vorkomnisse durch die Dörfer und irgendwann tauchte Hennigsdorf, mein Ziel, auf der Radwegbeschilderung auf.

sommer im april-radtour

Ich machte noch eine letzte Pause etwa 5km vor Hennigsdorf, und erreichte die S-Bahn gerade, als die Sonne unterging, irgendwie so um 19 Uhr irgendwas. Also ungefähr 9 Stunden für 120km. Ich war ganz schön müde, aber auch stolz auf mich.

Mein Fazit ist trotz allem: Mehr als 100km am Tag zu fahren ist nichts für mich. Ich fahre, wenn ich auch mal anhalten und Fotos machen möchte, oder auch mal etwas in dieses Internet schreiben will, einfach nicht schnell genug. Und den kompletten Tag mit dem Zurücklegen der Strecke zu verbringen ist nichts für mich. Ich mag in der Sonne liegen, mir unterwegs einen Kaffee selber kochen, abends ein schönes Essen kochen, in Ruhe das Zeltlager auf- und abbauen, unterwegs vielleicht was ansehen, Ausstellungen und Infotafeln lesen… das geht bei diesem Pensum einfach nicht.

Ich kann mir vorstellen, dass ich mit etwas Übung das auch ohne den Muskelkater danach schaffen könnte – sich das vorher gut einteilen und wie bei jeder längeren Strecke mit den Kräften haushalten kann ich offenbar – aber wozu sollte ich. Ich bin mit 60km am Tag ganz zufrieden!

Sonnenuntergang, mein Fahrrad in der S-Bahn

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