6 Tag Vestkyststien: Von Hvide Sande nach Fjaltring

Es ist Freitag, der 18. Mai 2018

Wir wachen um halb sieben auf und bleiben noch ein wenig im Schlafsack liegen, dann machen wir Kaffee im Shelter. Später schenkt uns der nette Wanderer von gestern seinen restlichen Sprit zum Kochen. Er hat eine Gaskartusche für seinen Trangia Kocher, und hat den Sprit “zur Sicherheit” mitgenommen, und dann gemerkt, dass er den nutzlos herumschleppt.

dänemark tour 2018

Morgensonne vor unserem Shelter in Hvide Sande: Ich habe rausfotografiert, als wir noch im Schlafsack liegen und auf den Fjord schauen.

Zum Frühstück gibt’s wieder das übliche Porridge. Wir packen alles ein und fahren los. Der Wanderer wünscht uns zum Abschied eine gute Tour und einen guten Sommer! Das gefällt mir sehr gut, weil ich verstehe, was er meint. Sommer ist einfach die Jahreszeit, in der ich versuche, so viel wie möglich raus in die Natur zu kommen.

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Das Hafen-Sanitärhäuschen in Hvide Sande. Warm duschen für 10 Kronen und Unisex Toiletten.

Wir kaufen beim Spar in Hvide Sande ein paar Dinge ein. Eigentlich brauchen wir heute wenig, aber wir brauchen Kleingeld: wir fahren zur Hafendusche. Super angenehm, eine warme Dusche zu nutzen. Und wieder stelle ich fest, dass die Abschließriegel (das sind die Dinger zum drehen) nicht funktionieren. Später kommt eine Frau und geht auf die Toiletten nebenan, und bei ihr funktioniert’s. Schon wieder. Irgendwas habe ich bei den dänischen Verriegelmechanismen nicht verstanden.

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Luftpumpe und “Pflegestation” fürs Fahrrad, dahinter führt die Treppe auf den Bunkerberg hoch, der mit Hagebutten bewachsen ist.

Wir klettern als nächstes auf die Bunker aus dem 2. Weltkrieg, die am Hafen herumstehen. In einen kann man sogar rein gehen. Am Fuß des Hügels ist wieder eine Luftpumpe und sogar eine Säule, an der Fahrradwerkzeug hängt. Das ist wirklich ein Traumland fürs Radfahren.

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Einer von zwei Bunkern auf dem “Trollberg” von Hvide Sande, er sieht aus wie ein U-Boot und hat eine rostige Eisenhaube oben drauf.

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Die Aussicht vom Trollberg: Am Hafen stehen Menschen aufgereiht und angeln, es ist blauer Himmel und es geht wenig Wind.

Wir haben heute wieder Gegenwind, aber er ist unter 15km/h, das geht ja noch. Wir kommen an einem schönen Leuchtturm in den Dünen vorbei und erreichen bald Søndervig. An einem gemütlichen Platz gibt es free Wifi und noch so eine Luft- und Werkzeugstation fürs Fahrrad.

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In der Dünenlandschaft auf der Nehrung steht ein weiß gestrichener Leuchtturm.

Auf dem Rausweg hole ich noch Zimtschnecken für die Pause vom Supermarkt, die haben wir in Hvide Sande vergessen, und kaufe mir eine scharfe Chilisauce, auf der “250 000 Scoville” steht. Dann verlassen wir die Stadt. Auf dem Rausweg fahren wir an einem Golfplatz vorbei, und ich nutze deren Druckluftanlage, um meinen Antrieb von all dem Sand und Staub freizupusten. Ein Platzwart kommt vorbei, aber er findet das okay. Mein Fahrrad auch!

Wir fahren am Stadil Fjord entlang, während sich der Himmel zuzieht. Für heute ist Regen angesagt gewesen, aber es bleibt trocken. Hier am Fjord gibt es ein riesiges Feuchtgebiet, in dem viele Vögel brüten. Der Weg verläuft auf Schotter auf einem ehemaligen Bahndamm.

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Die Fahrräder stehen bei einem Picknicktisch an einer Hecke und der Himmel ist mit dunklen Wolken bedeckt. Die Sonne scheint trotzdem.

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Der Himmel ist wieder heller geworden, und wir blicken über die weitläufigen Feuchtwiesen des Vest Stadil Fjord.

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Ein schnurgerader Schotterweg führt auf einem alten Bahndamm durch das Feuchtgebiet.

Wir erreichen am Mittag Vedersø Klit und machen ein Mittagspicknick. Dann geht es weiter durch die Husby Klitplantage, alles auf Schotter. Und nicht so guter Schotter, sondern der, auf dem es sich anstrengend fährt. Davon gibt es auf dem Vestkyststien viel. Als wir den Wald verlassen und auf dem nächsten schmalen Landstreifen radeln, kommt ein Aufschrei von hinten: Der Partner vermißt seine Fleecejacke! Wir hadern und hadern, und dann kann er sich erinnern, dass er sie am Anfang der Klitplantage, also 8km von hier, noch in der Hand hatte. Wahrscheinlich hatte er sie aufs Gepäck gelegt, anstatt sie mit dem Spanngurt festzumachen, und dann ist sie durch das Geruckel einfach runtergefallen.

Wir fahren zurück, denn ohne die Fleecejacke ist es abends auch zu kalt. Nutzlose Zusatzklamotten haben wir nicht eingepackt. Kurz vor dem Wald ist ein Pausenplatz am Meer, und ich schlage vor, dass wir hier stehen bleiben, und ich mein Fahrrad ablade und ohne Gepäck alleine den Weg absuchen fahre. Er hätte das auch gemacht, aber traut sich nicht zu, den Weg im Wald genau wiederzufinden, wie wir ihn gefahren sind.

Ich heize ohne Gepäck ganz schön über den Weg. Leider muss ich fast alles zurück fahren, aber da liegt wirklich mitten auf dem Weg die Fleecejacke, sie ist wirklich runtergefallen, wie er es schon vermutet hatte. Als ich zurück bin, ist die Freude groß und wir können unseren Weg fortsetzen. Vorher gehe ich noch aufs Klo an dem Rastplatz und finde heraus, wie man die verriegelt! Beim zudrehen des Verschlusses muss nämlich die Türklinke gleichzeitig nach oben gedrückt gehalten werden. Ironischerweise ist diese Toilette die letzte auf der Tour, die genau diesen Mechanismus hat, und ich werde mein neu erworbenes Wissen gar nicht mehr anwenden können.

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Der Rastplatz nach der Klitplantage, die Straße führt auf die Nehrung nach Thorsminde.

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In Thorsminde gibt es eine rot gestrichene “Fahrradpausenhütte”,  in der man auch grillen kann, aber gerade ist da nicht viel los, nur ein paar Leute angeln am Hafen.

Wir radeln nach Thorsminde, wo wir einen sehr beliebten Imbiß besuchen, jedenfalls ist alles voll und alles voller Einheimischer. Wir essen Hot Dogs und fahren dann über die Nehrung weiter. Es zieht sich etwas, wir sind auch schon etwas müde vom fahren, wir haben heute schon über 70km geschafft.

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Hinter Thorsminde klettern wir auf die Dünen und machen noch eine Pause mit Blick aufs Meer. Die Wolken haben sich verzogen.

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Hier auf der Nehrung sind die Dünen mit einem rauhen Gras bewachsen, ein Bewuchs, durch den der Sand schimmert.

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Der abendliche Strand, ein paar Leute haben ein Surfbrett dabei, sonst ist kein Mensch da.

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Das letzte Stück auf der Nehrung ist grün und auf der Fjordseite flach.

In Fjaltring finden wir den Shelterplatz erst nicht, er ist in der Nähe der Kirche eingezeichnet, doch dort ist absolut nichts. In Richtung des Strandes sehen wir Wohnmobile stehen, vielleicht ein Campingplatz. Wir grübeln und grübeln und gucken aufs Mobiltelefon und unser GPS Punkt sagt, wir sind genau da. Aber da ist nichts.

Bei den Wohnmobilen sehen wir etwas hüttenartiges, und fahren da hin, um zu schauen, ob dort der Shelterplatz ist. Tatsächlich ist er es – aber auch um die 35 Wohnmobile und Transporter. Der ganze Strandparkplatz ist angefüllt mit Wohnmobilen. Wir schieben unsere Räder auf den Shelterplatz, der von den Wohnmobil-Leuten in Beschlag genommen ist: Er wird als Grillhütte genutzt, aber auch, um mal woanders zu schlafen als im rollenden Klohäuschen.

Zwei haben sich ein Luftbett von 2x2m Grösse aufgebaut. Es sieht etwas lustig aus, denn der Shelter ist im Innenraum nur wenig höher als ein Meter, und das Luftbett ist einen halben Meter hoch, so dass kaum noch Platz ist, sich als Person drauf zu legen. Es wird deutsch gesprochen und die Wohnmobil-Leute finden gar nichts dabei, sich wie Platzhirsche aufzuführen. Sie sind durchaus nette Platzhirsche, aber eben Platzhirsche. Der Platz ist ihr “Geheimtip” und sie kommen immer hierher, und der Shelterplatz ist quasi schon ihre Grillhütte, und jovial wollen sie uns in ihre Geheimtip-Camping-Community aufnehmen.

Wir sind vergrätzt, weil so hatten wir uns das nicht vorgestellt. Wenn wir zu einem Platz kommen, wo schon Leute sind, haben wir es bisher immer erlebt, dass alle sich begrüßen und dann schauen, ob alle einen Platz finden, was doch immer geklappt hat. Aber ich habe es oft erlebt, dass Motorisierte auf uns als Radwanderer viel Rücksicht genommen haben, denn wir können nicht mal eben so 30km weiter zu einem anderen Shelterplatz fahren, sie schon.

Auf den Plätzen gilt, “wer zuerst kommt, mahlt zuerst”, und die grillenden Camperinnen erklärten uns, dass bis spät in die Nacht noch Leute ankommen werden und falls jemand in unserem Shelter schlafen möchte, müssten wir dann eben etwas rüberrrücken. Ich hab ihr gesagt, dass ich das gern mache, wenn Leute mit dem Rad oder zu Fuß noch kommen, aber nicht, wenn Leute nur mal Lust haben, mal aus Spaß woanders als in ihrem Wohnmobil zu schlafen. Ich bin 86km geradelt und erschöpft.

Zack, Stimmung im Keller, sie nahmen ihre Sachen und zogen davon, hin und wieder kam jemand, das Grillgut umzudrehen. Ich fühlte mich ein klein wenig mies. Das war eine klare Abstimmung mit den Füßen. Aber ich fand es auch nicht okay, wie wenig Rücksicht sie auf uns nehmen wollten, und es grade mal gönnerhaft geduldet wurde, wenn wir ihren DIY Wohnmobilgrillplatz halt auch noch nutzen. Leider gab es in der Nähe keine anderen Plätze, auf die wir schnell mal hätten ausweichen können.

Wir bekommen Bedenken, ob wir womöglich spätabends noch mit Wohnmobilleuten über Schlafplätze diskutieren müssen. Daher beschließen wir, unser Zelt neben den Sheltern aufzustellen und den Shelter nun doch links liegen zu lassen.

Ich mag es ehrlich gesagt auch nicht, wenn sich Leute mit ihren Wohnmobilen öffentliche Strände und Shelterplätze aneignen, sich “geheimtipmässig” breit machen und die Landschaft mit ihren Karren verschandeln. Das liegt aber auch daran, dass ich aus Deutschland komme, wo Camping mit Wohnmobilnutzung gleichgesetzt wird und fast sämtliche Camping-Infrastruktur auf Wohnmobile ausgerichtet ist, wo wir fürs Zelten fast gleichviel bezahlen wie für einen Stellplatz für so ein Riesenmobil und wo ich kaum etwas finde, wo ich mal ohne Autos mit Fernsehern und Satellitenschüsseln um mich rum draußen schlafen kann.

Aber es wird auch in Deutschland besser, es gibt immer mehr Wanderzeltplätze, manche sind sogar nur fürs Zelten, und nicht für Wohnmobile freigegeben.  Zum Glück!

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Meine Outdoor-Küche mit dem Trangia-Kocher, vielen Zutaten und Behältern.

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Das Fahrrad lehnt am Shelter in der Abendsonne.

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Sonnenuntergang an der Mole am Strand von Fjaltring, am Himmel steht eine dünne Mondsichel.

 

Wir machen Pasta mit Gemüse zum Abendessen. Ich kippe mir einen guten Schuß der Chilisauce über mein Essen, und äh ups.. oweh.. .die Fresse brennt ganz schön. Aber ich kann es noch essen. Ab jetzt nenne ich das Zeug nur noch “Scoville Sauce” und dosiere es tropfenweise. Die Flasche hat gar keinen Tropfverschluß, Humbug!

Als es dämmert, spazieren wir zum Strand und schauen uns die Mondsichel an. Auf dem Meer versuchen ein paar Leute, zu surfen, und vor einigen Wohnmobilen wird gegrillt oder gekocht. Eigentlich sind da viele alternative Leute, und vielleicht die Hälfte so “konservative Campingmobile”. Ein wenig schade, dass gerade die alternativen Leute  wenig Bewußtsein für andere Arten zu reisen haben. Wie vorhergesagt, kommen bis spät in die Nacht noch Wohnmobile an. Sie wollen wohl diskret sein, aber die Ansammlung ist weithin sichtbar und alles andere als diskret. Am Strand von Fjaltring darf man nachts eigentlich nicht parken, aber die Gemeinde Lemvig ist da wohl sehr tolerant, und die Wagenburg wächst an, zwischen 40 und 50 Autos sind es schon geworden.

Heute sind wir relativ spät im Bett, es ist schon richtig dunkel, als wir ins Zelt kriechen. Wir hören uns, als wir im Schlafsack liegen, noch einen Podcast an, von dem ich nach 5 Minuten nichts mehr mitkriege, weil ich dabei so wunderbar einschlafe.

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