Was ist dieses BDS und wieso ist es keine unterstützenswerte Initiative?

Im November 2018 hat das “American Jewish Committee” in Berlin eine Broschüre herausgegeben, die argumentiert, wieso die Initiative “BDS” (Boycott, Divestment, Sanctions) gegen Israel nicht die gewaltlose, zivilgesellschaftliche Bewegung ist, als die sich sich darstellt. Wobei “gewaltlos” nicht das selbe ist wie “friedlich”, das hatte Gandhi schon klargestellt. Er hatte sogar mal gesagt, es sei Krieg mit anderen Methoden.

Gewaltlos ist die Bewegung aber auch nicht, sonst würden Vertreter_innen sich nicht nur nicht verharmlosend zu Anschlägen gegen zivile Opfer äussern, sondern diese Anschläge hart verurteilen und sogar versuchen, auf Gewalt anwendende Gruppen einzuwirken, damit diese damit aufhören.

Das Hauptproblem mit BDS, das die Broschüre auch thematisiert, ist, dass sie von einer Zweistaatenlösung abrückt und eine Einstaatenlösung vorschlägt, deren Konditionen so sind, dass Israel als jüdischer Staat verschwindet und ein anderer, religionsneutraler (?) Staat für Alle an seine Stelle tritt. Erst mal eine scheinbar gute Idee, aber nicht in diesem historischen/sozialen Kontext und in dieser lokalen Konstellation: Wie dann ein friedliches Zusammenleben der jüdischen und arabischen Bevölkerung sichergestellt werden soll, ist kein Thema. Das sieht die BDS-Bewegung nicht als ihr Problem an, und das ist ein großes Problem.

Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dann die jüdische Bevölkerung, die in der Konsequenz zu einer Minderheit in der Region werden würde, vertrieben oder massakriert werden würde. So zu tun, als wäre das kein Thema, ist ein in-Kauf-nehmen davon, nichts anderes.

In den Diskussionen, die ich bisher so geführt hatte, gab es an der Stelle oft ein Schulterzucken und ein “Selbst schuld”-Denken: “Hätte es den Zionismus nicht gegeben, hätte es kein Israel gegeben.” oder so. Hätte, hätte, Fahrradkette; so kommt aber niemand weiter. Für mich ist die “BDS-Einstaatenlösung” damit klar vom Tisch. Weil es keine Lösung ist.

Selbst wenn ich jetzt das Thema der antisemitischen Unterdrückung über Jahrhunderte in Europa und Russland gar nicht aufmache, muss ich mich als ehemalige Hausbesetzerin fragen, was eigentlich mit dem Gewohnheitsrecht ist, nach Otto Waalkes: Ich geh da, ich wohn da, ich heiz da: Geh-Wohn-Heiz-Recht. Man kann doch nicht nach 70 Jahren noch sagen “Geht mal da wieder weg”. Das ist gegenüber all den Menschen, die da einfach nur leben und zuhause sind, ungerecht.

Auch das “Rückkehrrecht” für vor 70 Jahren Vertriebene finde ich bizarr. Wo ich wohne, in Deutschland, sind die “Vertriebenenverbände” ziemlich gestrige Rechtsextremisten, und ich verstehe nicht, was ihnen genau heute noch ein praktisches Anrecht gibt auf das Land, das ihre UrUrgroßeltern bewohnt haben. Ideell, meinetwegen. Und klar ist Vertreibung Unrecht. Aber wenn dafür, dass ich zurückkommen kann, halt wieder jemand anderes vertrieben wird, der_die genauso wenig dafür kann, ist das doch auch keine Lösung.

Und die jüdische Bevölkerung ist ja ebenfalls historisch Opfer von Vertreibungen geworden, allein die sogenannte “Nakba” (Das bedeutet Katastrophe, und bezeichnet die Vertreibung arabischer Menschen aus Palästina/dem heutigen Israel) gab es in zwei Richtungen: Die jüdische Bevölkerung in den arabischen Staaten wurde nach der Gründung Israels ebenfalls vertrieben und musste nach Israel fliehen. Und da sind auch all diejenigen, die nach Israel ausgewandert sind, weil sie in anderen Regionen der Welt antisemitisch bedroht wurden.

Zum Gewohnheitsrecht und Rückkehrrecht muss niemand meiner Meinung sein, ich habe ja auch keine Idee für eine Lösung, aber ich finde es unstrittig, dass Lösungsvorschläge, die nichts zu bieten haben für die Frage “Wie sollen jüdische Menschen in dieser Region mit einer Einstaatenlösung im BDS-Style überhaupt überleben?” gar keine Lösungsvorschläge sind.

Deswegen ist die BDS-Bewegung nicht nur “Anti-Besatzung”, was ja noch ein anderer Schnack wäre, sie ist komplett Anti-Israel und antisemitisch.

Hier ist der Link zur Broschüre: https://ajcberlin.org/sites/default/files/downloads/ajcbdsbroschure2018online.pdf

und auf englisch gibt es noch das Zine von April Rosenblum “The Past did not go anywhere. Making Resistance to Antisemitism Part of All Our Movements”.

Aus Gründen werden Kommentare zu diesem Artikel hart moderiert oder gar nicht veröffentlicht werden (Ich blogge in meiner Freizeit und kann nicht 24/7 Kommentare moderieren, lesen und freischalten, falls ihr also Diskussionsbedarf habt, müsst ihr den unter Umständen auf euren eigenen Blogs ausleben, oder falls ihr keine Blogs habt: es gibt zahllose kostenlose Services, um die eigene Meinung ins Internet zu schreiben.)

Ich selbst habe dazu gerade keinen Diskussionsbedarf. Ich habe nur selbst Probleme gehabt, Texte zum Einstieg zu finden, die begründen und belegen, was die Probleme mit der BDS-Initiative sind, habe daraus nützliche Infos für mich bekommen und wollte das einfach nur weitergeben. Ich bin nicht durchgängig der selben Meinung wie die Autor_innen der Broschüren, aber ich finde die Beiträge nützlich und wichtig, und kritisches Lesen lege ich sowieso allen ans Herz.

Über noch mehr Infos oder Hinweise, wenn ich etwas falsch dargestellt habe, freue ich mich trotzdem immer.

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