Weder Trans noch Cis (Introspektion und Outro)

Heute ist Trans*March in Berlin, und nicht nur deswegen, sondern so generell und überhaupt, denke ich manchmal nach, ob es das gibt, dass Leute weder Trans- noch Cisgender sind.

Kleine Erklärung vorab:

  • trans(gender) = jemand hat ein anderes Geschlecht, als das, was sie in die Geburtsurkunde reingeschrieben haben.
  • Cis(gender) = jemand hat das Geschlecht, das in der Geburtsurkunde steht.

In diesem Sinne kann ich die Frage mit einem klaren “Ja” beantworten: Ich denke, es gibt Menschen, die weder trans- noch cisgeschlechtlich sind. Denn ich kann die Frage, ob ich das Geschlecht habe, das in meiner Geburtsurkunde steht, nur mit einem uneindeutigen “Ja und nein” beantworten.

Bin ich eine Frau? Ja, aber damit ist die Geschichte noch nicht zu Ende erzählt. Bin ich ein Mann? Definitiv nicht. Bin ich ein Teilzeit-Kerl? Ja, gerne. Bin ich Nonbinary? Das kommt darauf an, wie du Nonbinary definierst – hier müsste ich eher “Jein” sagen.

non-binary gender (see also genderqueer) describes any gender identity which does not fit the male and female binary

Quelle: https://gender.wikia.org/wiki/Non-binary

Auf deutsch: “Non-Binary beschreibt jegliche Geschlechtsidentität, die nicht in das Binäre System von männlich und weiblich passt.”

Sind jetzt alle Frauen und Männer, die sich eben “untypisch für ihr Geschlecht” anziehen oder verhalten, oder deren Interessen die Gesellschaft dem “anderen Geschlecht” zuteilt, gleich nonbinary? Nein, denn bei Nonbinary geht es um die Geschlechtsidentität. Wenn ich sage “Ich bin eine Frau, die sich halt für Autoschrauben interessiert” ändert das Autoschrauben nichts an meiner binären Identität als Frau.

Nicht-Binäre Menschen identifizieren sich nicht (vollständig) als Frau oder Mann, und das kann heißen, dass sie sich nach außen androgyn präsentieren, aber das muss es nicht heißen. Unsere Gesellschaft sieht keine anderen Geschlechter vor als die zwei herkömmlichen, und es gibt daher keine traditionelle Art, sich zu geben, dass Andere merken, dass man weder-noch ist. Deshalb sehen nichtbinäre Menschen auf alle möglichen Arten aus und haben alle möglichen Hobbies und Berufe.

Für mich würde ich sagen: Ich bin eine Frau, aber unter Vorbehalt und mit gewissen Einschränkungen. Ich würde sagen, ich bin eine genderqueere Frau. (Viele Menschen sagen, Genderqueer sei das selbe wie Nonbinary, deshalb kam ich überhaupt erst auf die Idee, mal nachzuforschen, ob ich nun Nonbinary bin). In letzter Zeit gefällt es mir, rein äusserlich maskulin aufzutreten, aber das hat nicht so viel mit meiner Identität zu tun, die war schon immer etwas komisch, auch, als ich noch lange Haare und lange Röcke getragen habe. Ich bin auch eine schwule Frau, d.h. für mich, ich finde queere Männer klasse und würde, wenn es zum romantischen Teil des Lebens kommt, selbst gern einer sein. Hier gibt es mehr Infos zu Girlfags und Guydykes.

Übrigens verorten sich Menschen nicht so oder so, um sich “interessant zu machen”. Ich persönlich verorte mich so, weil es mir Antworten auf Fragen gibt, die ich mir stelle, um in Sachen Selbsterkenntnis weiter zu kommen. Ich habe Jahrzehnte damit zugebracht, halt “eine untypische Frau” zu sein, und ja, das kann man zur Not schon ne Weile machen. Es blieb mir ja auch gar nichts anderes übrig, denn beigebracht wurde mir nichts jenseits der üblichen zwei Geschlechter, von denen mir eins halt übergestülpt wurde.

Aber: Meiner Erfahrung nach erschwert es das Leben einfach ziemlich, wenn man nicht weiss, was dieses “untypisch sein” genau bedeutet, und wenn man das den Menschen, die einem wichtig sind, nicht vermitteln kann, wer man ist. Dann lebt man quasi die ganze Zeit mit einer Maske, die einem irgendwie nicht passt, aber man weiss nichts davon und hat keine Idee, wie man diese Maske absetzen soll. Es gibt nur ein Gefühl, dass etwas nicht so richtig stimmt.

Durch meine Kontakte mit der queeren Szene im Netz und den Erfahrungen queerer Menschen, wie es war als man “Endlich ein Wort dafür fand, was mit einem los ist”, hatte ich mich vor einigen Jahren schon auf die Suche gemacht, und bin mir dann (vorläufig auf jeden Fall) auf die Schliche gekommen ;)

Aber zur Ausgangsfrage… Trans oder Cis?

Meine Antwort ist klar ein “weder, noch”.

Ich bin nicht ganz cis, weil ich mich nicht in allen Bereichen und zu jeder Zeit als Frau sehe, weil da ein zu großes “Ja, Aber” dabei ist. Ich fühle mich mit einigen Aspekten der “Frauenrolle” und des Frau-Seins extrem unwohl, und das geht über eine bloße Ablehnung der Rolle hinaus, bzw. es ist eigentlich, vermutlich, etwas anderes, das dahintersteckt. Zumal ich vieles an der traditionellen Frauenrolle gar nicht ablehne, sondern extrem cool finde, z.B. Handarbeiten, Kochen…

Ich bin aber auch nicht so richtig trans, weil ich mich ja schon noch als Frau identifiziere, und weil ich kein Problem mit meinem Namen und weiblichem Pronomen habe. (obwohl ich inzwischen gar nichts dagegen hätte und es spannend fände, damit rumzuprobieren) Und weil ich nicht transitionieren muss. Ich habe großen Respekt vor trans Menschen und ihrem Weg, und ich fühle einfach, dass es nicht mein Platz ist, mich so zu bezeichnen. (Wenn sich andere genderqueere/nonbinary Personen als trans verorten, ohne transitionieren zu müssen, ist ok für mich, und das ist davon unberührt, das Gesagte gilt nur auf mich bezogen! Weil es auch mehr ein Gefühl ist, als ein logisch begründbarer Gedanke.)

Gender non Conforming

..ist auch ein Ding, und es heisst übersetzt, dass man in Geschlechternormen nicht so richtig rein passt, dass man nicht damit konform geht. Wenn ich (leider zu selten) auf Aktionen oder Kundgebungen für die Rechte von Trans Menschen war, habe ich in letzter Zeit gemerkt, dass der Betriff “Gender Non Conforming” immer mehr auch mit erwähnt wird und, wer da drunter fällt, auch mit bei Aktionen angesprochen ist.

Allianzen statt Identitäten

Das macht – politisch gesehen – auch Sinn, dass es nicht darum geht, ob man irgendwelche Kriterien erfüllt, sich zu irgendeiner Identitätskategorie dazu zu zählen. Sowas ist sehr wichtig für die eigene Selbsterkenntnis und dadurch auch dafür, sich mit sich selbst wohl und richtig zu fühlen. Aber politisch gesehen ist die Frage ja spannender, welche unserer Kämpfe verbunden sind und wie wir miteinander solidarisch sind.

Ich muss leider nachher eh arbeiten, deshalb werde ich auf dem Trans March Berlin nicht sein können, und ich wünsche Allen eine gute, starke, empowernde Demo!

4 thoughts on “Weder Trans noch Cis (Introspektion und Outro)

  1. Danke für das interessante Text! Ich denke, du recht bist. Es ist nicht zo wichtig, Trans oder Cis Leute zu kategorisieren. Irgendwelche Kategorie man macht, gibt es immer die, die nirgendwo fallen.
    Ich hoffe, du wohl fühlst und dich selbst findest, unabhängig davon, dass ein Wort existiert <3

  2. Ich hab irgendwann entschieden, dass ich genderfluid bin. Es ist der einzige Begriff, der irgendwie passt. Denn mir geht’s ein bisschen wie dir. Ich bin zwar körperlich eine Frau und nehme mich oft auch als eine wahr – aber eben nicht immer. Ich habe normalerweise kein Problem mit meinem Namen oder wie man mich anspricht. Aber es gibt Zeiten, da erzeugt es eine Art Reibung in mir, die mich daran erinnert, dass es eben doch nicht ganz richtig ist. Dann kürze ich meinen Namen ab und er wird genderneutral.
    Für mich gibt es keine klar festzumachende Grenze an der ich sagen kann: da beginnt männlich und da endet weiblich. Daher eben fluid, es fließt hin und her und bleibt manchmal auch dazwischen hängen. Mich in eine rein weibliche oder männliche Identität zu quetschen, erzeugt sehr großes Unbehagen in mir. Ich bin nirgendwo so richtig zuhause.

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