Die urbane Spinnstube, Episode 77: Feminismus und Mütter

Ich habe da mal was gepodcastet, nämlich über Feminismus und Mütter und ich war nicht alleine.

Maria von dem Blog Me, myself and Child war da, und ich fands super.

Normal verlinke ich meinen Strickpodcast hier nicht, aber diesmal finde ich es themenrelevant, obwohl ich sonst auch oft politischen Content habe, ist es diesmal der grösste Teil des Podcasts, der davon eingenommen wird.

Viel Spass dabei!

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Selbstfürsorge – I did it my way!

Im Moment werden in der in der deutschsprachigen Bubble meiner Wenigkeit Texte zum Thema Selbstfürsorge/Selfcare geschrieben und diskutiert:

Während ich mich an der Diskussion auch ein bischen beteiligt habe, will ich mal einfach einen neuen Text in die Runde werfen, über Selbstfürsorge, wie sie mir gut tut und warum ich sie benötige. (Und auch versuchen, das Ganze in einen Zusammenhang zu stellen mit sonstigen politischen Verhältnissen.)
Lustigerweise wurde mir auch ein Link reingereicht zu einer Diskussion über Selfcare, die 2012 in der englischsprachigen Blogsophäre geführt wurde:

Zuerst mal ist es mir ganz wichtig zu sagen:
Wann deine Energie zu Ende ist oder wann es dir schlecht geht, oder wenn du meinst, du solltest etwas für dich tun oder dir etwas gönnen, dafür bist du selbst die kompetenteste Person! Selfcare ist, dass ich bestimme, was ich wann benötige, und die Verantwortung übernehme für mich selbst und mein Wohlbefinden.
In diesem Sinne ist Selfcare eine selbstermächtigende, proaktive Praxis.
Die Kompetenz und Verantwortung für mich gebe ich keinen Mediziner_innen ab, die sich um mich kümmern sollen (wobei ich natürlich jederzeit welche zu Rate ziehen kann, wenn ich das möchte). Ich erteile auch nicht anderen (politischen Projekten, den “schlimmen Verhältnissen”, anderen Aktivist_Innen etc) die Berechtigung, über meine Ressourcen zu verfügen und zu bestimmen, wann sie erschöpft sind und wann ich Regeneration brauche, sondern das beurteile ich selbst. (Wobei ich mich natürlich jederzeit mit Freund_innen, Kolleg_innen, Aktivist_innen dazu beraten kann).

Obwohl Selbstfürsorge in dieser Diskussion im Zusammenhang mit Polititk und Aktivismus steht, entstehen Belastungen nicht unbedingt nur durch Aktivismus, oder manchmal auch gar nicht durch Aktivismus. Bei mir ist es z.B. so, dass ich in einer Großstadt lebe, und dadurch Belastungen durch Lärm, Abgase, stressigem Strassenverkehr und so weiter ausgesetzt bin. Dann kommt die Lohnarbeit dazu, die körperlich, und manchmal psychisch auch anstrengend ist. Und dann kommen noch meine sehr, sehr vielen Interessen dazu, von denen ich irgendwie nichts aufgeben möchte. Zeitmanagement wird da zur Herausforderung. Ich mag soziale Netzwerke im Internet deshalb, weil ich da mal schnell mit Leuten kommunizieren kann. Auf der anderen Seite fressen sie total viel Zeit und das Facebook- und Twitter-checken und der ständige Zustrom von Informationen und Aktionen kann eine_n schon einsaugen und nicht so schnell wieder loslassen.
Also ist es eigentlich für mich auch viel das moderne, digitale Stadtleben, das mich manchmal gar nicht zur Ruhe kommen lässt, und es ist ja am Ende egal, wodurch das Bedürfnis nach Entspannung und Auftanken entsteht.
Wichtig ist mir, auf dieses Bedürfnis zu achten und mir selbst das zu geben, was ich in dem Moment brauche.

Dabei helfen mir eine ganze Menge an Selfcare-Methoden. Es gibt akute Methoden (die ich anwende, wenn es mir gerade akut schlecht geht, und sonst eher nicht oder nur nach Lust und Laune) und dauerhafte, durchgehende Gewohnheiten, die ich mir zur Gewohnheit machen musste – weil, würde ich sie unterlassen, das bei mir gradewegs in die Selbstzerstörung führen würde.
Die “Gewohnheitsmässige Selbstfürsorge” würde ich auch “nachhaltigen Aktivismus” nennen, und sie als Teil einer politisch bedeutsamen Praxis ansehen. Nachhaltiger Aktivismus, weil ich dabei nicht von einer Aktion zur nächsten lebe und mich verausgabe, sondern so lebe, dass ich auch in vielen Jahren noch in der Lage bin, mein Leben als politisch interessierte und aktive Person zu leben.

Ständige Selbstfürsorge/Gewohnheiten:

Die allerwichtigste: Sei nicht alleine!
Du bist niemals allein. Auch wenn es so aussieht. Es sind bei den meisten politischen Themen noch andere am selben Thema am arbeiten. Du bist nicht allein, und du kannst dich mit Anderen zusammenschliessen, denen es so ähnlich geht wie dir. Wenn es nicht möglich ist, dass in deiner Community, deinem Wohnort, oder in deiner Region live mit Menschen zu tun, dann kann das Internet helfen, dich mit Menschen zusammenzutun, und ihr könnt euch gegenseitig bestärken und euch weiterhelfen.
Politisch aktiv und weiterdenkend zu sein, ist für mich auch immer nur möglich, weil ich genügend Menschen um mich habe, die mich darin bestärken und mit mir unterwegs sind. Beste Freund_innen, Kolleg_innen, die feministische Blogosphäre, die Twitteria.. <3

goodies
Nicht allein: Als ich mich mal tagelang in einer ermüdenden Rassismusdiskussion (erfolgreich btw, yay!) abgekämpft hatte, hatte Fröken von Horst mir dieses Päckchen geschickt und einen ermutigenden Brief. <3

Kontext: Die Held_in, die völlig alleine gegen das Böse auf der Welt sich märtyrer_innenhaft aufreibt, ist nicht nur ein super ungesundes Bild, sondern schliesst sich meiner Meinung nach an so einen weißen Held_innenkomplex dran. In dem weiße Menschen als Individuen behandelt werden, und Schwarze oder People of Color als Kollektiv. Es gibt so viele Erzählungen und Mythen über den weißen, einsamen Helden, während People of Color den Preis dafür zahlen, die gesichtslose, zu rettende “Masse” im Hintergrund zu sein. Ich habe selber Probleme damit, weil in meiner politischen Sozialisation oft von “Zivilcourage” die Rede war, und damit war meist gemeint, dass eine Person in ihrem Inneren mit sich ausmacht, gegen Unrecht einzuschreiten, und das dann auch ohne Rücksicht auf Gefahren heldenhaft tut. Auf den Gedanken zu kommen, dass ich vielleicht Hilfe gebrauchen könnte, um überhaupt festzustellen, dass etwas nicht stimmt und mensch was machen sollte, is nicht. Das musste alles so im Inneren mit der inneren Gerechtigkeitsintanz abgemacht werden. Und dann zu denken, sich zusammenzutun mit Anderen und sich gegenseitig zu helfen und Kraft zu geben? Wurde mir so nie vorgelebt oder beigebracht. Währenddessen feiern die Medien weiter die einsamen Held_innen, die sich im Alleingang opfern. Es gäbe viel Nützliches zu lernen von Communities (of color; oder Arbeiter_innen/Arbeitslosencommunities), die kollektives Handeln und gegenseitige Unterstützung höher bewerten und vorleben. Ich hatte einmal das Glück, mit einer Überlebenden des KZ Ravensbrück zu sprechen, und bei den Kommunistinnen dort gab es keine Einzelkämpferinnen-Kultur, und deshalb, erzählte sie, war sie damals in der Lage, selbst im Lager noch Widerstand zu leisten.

Slacktivism: Mit Vorsicht zu geniessen!
Slacktivism kommt von Slacker und Activism. (Slacker: Drückeberger/Faulpelz) Es bedeutet, nutzlose und kleine Handlungen zu vollziehen, um das eigene Gewissen zu beruhigen, wenn mensch von schlimmen Zuständen oder Ungerechtigkeiten erfährt. Ich finde die Kritik an Slacktivism teils übertrieben, aber was ich schädlich für mich finde, ist: Informationen “reinkriegen” (über soziale Netzwerke im Internet, aber auch in den Nachrichtenmedien) die von schrecklichen Zuständen und Ungerechtigkeiten berichten, aber den Eindruck machen, niemand könne dagegen etwas ausrichten. Gefühle von Ohnmacht und Verzweiflung sind die Folge. Maria Mies schreibt in “Globalisierung von unten” über das Internet als potentieller Motor von emanzipatorischen Bewegungen:

“Wer die geistige Gesundheit der Menschen erhalten will, muss ihre politische Handlungsfähigkeit erhalten. Sie müssen das Gefühl behalten, dass sie selbst etwas verändern können, dass sie nicht hilflose Opfer sind, dass es eine Alternative gibt. Das heisst, mit den neuen Informationen und Erkenntnissen muss eine Handlungsperspektive eröffnet werden. Diese Handlungsperspektive muss so gestaltet sein, dass sie Erfolg haben kann. Nichts motiviert mehr als Erfolg.
Das setzt ausserdem voraus, dass die Vermittlung von Informationen und Wissen gleichzeitig eine oder mehrere soziale Beziehungen herstellt oder reaktiviert. (..)
Wenn zu solchen positiven Beziehungen elektronische Kommunikationsmittel als Instrumente hinzukommen, können sie tatsächlich mit Gewinn in einer Bewegung genutzt werden. Die Instrumente und die Masse an Informationen allein bewegen jedoch noch nichts. Im Gegenteil, sie können zu Ohnmachtsgefühlen und Apathie führen.” (Globalisierung von unten. Der Kampf gegen die Herrschaft der Konzerne. Maria Mies 2002, S. 45)

Message
Informationen, die übers Netz verteilt werden allein sind nicht unbedingt hilfreich.

Mit welcher Art von Information ich es zu tun habe, und ob sie Handlungsperspektiven eröffnet oder nicht, kriege ich ziemlich schnell mit, wenn ich auf meine Gefühle achte. Wenn z.B. Aktivist_innen und Blogger_innen über schlimme Zustände schreiben, ist das für mich meist empowerend und nicht kräftezehrend. Denn ich sehe: Da sind Menschen präsent, die dem etwas entgegensetzen – und ich kann das möglicherweise auch tun.
Artikel, die in Richtung “Verschwörungstheorie” und Panikmache gehen, empfinde ich dagegen ganz klar als kräftezehrend und mir bringt es auch gefühlsmässig nix, mich dann zur “wissenden Elite” zählen zu dürfen – das elitäre Denken, das hinter Verschwörungstheorien steckt, bedeutet ja auch, dass die Vereinzelung und das allein sein gefeiert wird. Und genau das ist es ja, was mich eher entmutigt. Daher versuche ich, mich so weit als möglich von Verschwörungstheorien und Panikmache fern zu halten.

Körperarbeit und Bewegung

In einem Text, der Self Care kritisiert, nämlich “An End to Self Care” von B. Loewe, wurde z.B. gesagt, dass es ein Privileg sei, Zeit für beispielsweise Yoga zu haben. Dazu sage ich: So können nur Leute denken, deren Körper es ihnen verzeiht, mit Bewegungsmangel und Energieraubbau längere Zeit zu funktionieren. Sei es, weil sie noch jung sind. Sei es, weil sie keine langen, monotonen oder einseitig belastenden Tätigkeiten ausführen müssen. Oder wenn sie nicht lange sitzen oder nicht körperliche Schwerstarbeit leisten müssen.

Für mich kommt Bewegungsmangel nicht in Frage. Und es reicht auch nicht, irgendeine Art von Bewegung zu machen – ich muss zu dem, was ich für meinen Broterwerb mache, einen Ausgleich schaffen. Ich muss. Wenn ich dafür eigentlich keine Zeit habe, dann präsentiert sich mir 2-3 Wochen später die Rechnung in Form von Rückenschmerzen und Muskelverspannungen bis hin zu chronischen Entzündungen. Muskeln verhärten derartig, dass sie mir das Rückgrat verziehen. Also muss ich mir Zeit dafür eben nehmen, auch wenn das heisst, dass ich auf andere Dinge, die ich lieber gemacht hätte, verzichten muss.

Das vorweg. Dessen ungeachtet finde ich Körperarbeit und Bewegung auch deshalb soooo super, weil es eigentlich nur ganz wenige Einschränkungen gibt, und sich so gut wie alle Personen in allen möglichen Lebenslagen ihre Vorzüge erschliessen können. Es gibt gerade in bestimmten Sportszenen zwar viele Ausschlüsse, wie z.B. Fatshaming, schädliches Leistungsdenken, und kulturelle Aneignung, (Decolonizing Yoga ist z.B. eine Webseite, die sich mit diesen Themen beschäftigt) aber Körperarbeit ist am Ende etwas, was meine ganz eigene Sache ist. Mein Körper gehört mir (oder bin ich, je nachdem), und ich kann mich durch Bewegung und Körperarbeit mit meinen Selbstheilungskräften verbinden und auch ganz profan Körperkräfte/Beweglichkeit/Geschick aufbauen und mobilisieren. Das macht mir Spass und gibt mir auch ein gutes Gefühl.

Körperarbeit deshalb einer reichen, esoterisch interessierten, weißen Mittelklasse zu überlassen, weil einige Leute das für sich so angeeignet und kommerzialisiert haben, ist für mich selbstschädigend.

Für mich gibt es die Schwierigkeit, dass das, was ich mache, gelenkschonend sein muss, es darf nicht viel Geld kosten, und es darf nicht zuviel Zeit in Anspruch nehmen. Deshalb habe ich z.B. mit dem Schwimmen gehen aufgehört. Regelmässig kann ich mir das nur leisten, wenn ich in das verbilligte “Früh- und Spätschwimmen” in der Schwimmhalle gehe, Zeiten, zu denen ich in der Regel arbeite oder schlafe. Und selbst dann ist das Hinfahren, das Umziehen, das Schwimmen, das Trockenfönen und dann wieder umziehen und Heimfahren ein Zeitaufwand, der sich als unpraktikabel erwiesen hat. Im Sommer fahre ich zum nächsten Badesee auch eine halbe Stunde mit dem Rad, (Öffis sind zu teuer und brauchen eh genauso lang) und dann sind mit Umziehen/Abtrocknen und Fahrt eineinhalb Stunden schon mal weg, ohne dass ich einen Zug geschwommen bin. Ein anderes Problem ist, dass ich nur Rückenschwimmen oder Kraul machen sollte, wegen der Knie (und dem Rücken), ich aber Kraul nicht kann und in den vollen Bädern und Seen Rückenschwimmen dauernd zu Kollisionen führt. Bisher hatte ich einfach das Zeitfenster nicht, mir einen Erwachsenenschwimmkurs zu gönnen, um Kraulen zu lernen, und meine Versuche, es selber zu lernen, zogen sich etwas hin (einmal hat ein anderer Schwimmer sich erbarmt, der mein Gestrampel mit ansah, und mir ein paar hilfreiche Tips gegeben).

Praktikabel für mich: Walken/Laufen/Radfahren und Yoga/Rückensport. Letzteres habe ich 1.5 Jahre von der Kasse bezahlt bekommen, jetzt mache ich es zuhause und nutze ein Online-Yoga-Programm. Es ist zwar nicht kostenlos, aber ich finde, sehr gut gemacht, und ich kann mir das noch eher leisten als einen Live-Yoga-Kurs. Zumal die Yogakurse, die ausserhalb meiner Arbeitszeiten stattfinden, durch die Bank für Schwangere oder Mütter mit Kleinkindern konzipiert sind. Ausserdem bin ich gut darin, mir Dinge mit Hilfe von Lehrmaterial selber beizubringen.

Wie für den Punkt “Ernährung” gilt: Ich verschenke unglaublich viel an Kraft, Energie und Potential, wenn ich hier keine Selbstfürsorge betreibe. Es heisst nicht umsonst “use it or lose it”, was z.B. die Muskulatur angeht. (deutsch: Benutz es oder verlier es). Wenn du diesen Überschuss an Energie und Kraft sowieso hast, dein Körper in der Lage ist, deine Versäumnisse auszugleichen: Gut für dich! Wenn du mit deinen Kräften haushalten musst, willst die sie wahrscheinlich nicht verlieren, und dafür Schmerzen kassieren. Und solange es geht, ist Bewegung und Körperarbeit im Vergleich zu Krankenstand, Medikamenten und Operationen zugänglich, billig, unschädlich und heilend.

scheissegal mudra
Wohltuend für Körper und Geist: Spazieren gehen an der frischen Luft und Yoga. Hier das “Scheiss drauf Mudra” – diese Handhaltung hilft, Gedanken an unangenehme Zeitgenoss_innen in die Bahnen zu lenken, in die sie gehören.

Nein sagen, Klartext reden, Grenzen setzen.
…fällt mir auch schwer. Angst haben, anzuecken, dass Leute eine_n dann nicht mehr mögen könnten, oder beleidigt sind. Die meisten Lügen, die ich erzähle, sind nicht, weil ich anderen eine reinhauen will, sondern weil ich Streit vermeiden will oder Angst habe, dass andere durch unangenehme Wahrheiten beleidigt werden.
Nein sagen, und zu sich selbst zu stehen, ist für mich eine Selbstfürsorge, die erstmal anstrengend ist und Mut braucht, aber hinterher weniger Kraft verbraucht und sehr erleichternd ist. Und dies ist vielleicht die privilegierteste Praxis von Allen, aber ich weiss nicht, ob “Nein sagen” überhaupt so ein wichtiger Punkt für Leute ist, die das ohne weiteres können. Menschen, die es nicht ohne weiteres können, gerade wenn sie in marginalisierten Positionen stecken, wo ihnen “Neins” und deutliche Worte übel ausgelegt werden, sind die Menschen, von denen ich am meisten und das Beste über das Nein sagen gelesen und gehört habe.
Meine Wahrheit auszusprechen, bringt mir Selbstachtung und Selbstliebe, mich nicht verstellen zu müssen oder wenigstens nicht in allen Dingen verstellen zu müssen. Es wird immer Dinge geben, die ich nicht gefahrlos offen sagen kann, und da möchte ich nachsichtig und verzeihlich mit mir selber umgehen. Und es da eben tun, wo ich es schaffen kann – und mich darüber freuen, wenn es gelingt.

Ich habe eine Inspiration zum Nein-sagen:
Falls ihr Star Trek nicht kennt: Vulkanier sind so spitzohrige Aliens in einem Sci-Fi-Universum, denen man nachsagt, nicht lügen zu können. Spock redet Klartext und stellt sich notfalls auch vor Vorgesetzte hin und sagt “Nein”.

Eine andere Methode, Klartext zu reden, ist für mich, einzugestehen: “Ich habe einen Fehler gemacht; Ich habe meine Meinung geändert; Ich habe mich anders entschieden.” Das habe ich aus Dr. Zimbardos “Guide for resisting influence”. Zimbardo hat ein Buch geschrieben, das “der Lucifer Effect” heisst, (ich habe es nicht gelesen) und darin geht es um das Stanford Prison Experiment. Darin wurde erforscht, wie Gruppendruck und Machtgefälle in Gruppen aus Menschen Täter_ machen können, die anderen Menschen Gewalt antun. Bei “Resisting Influence” oder auf deutsch: “Beinflussung abwehren” geht es tatsächlich um die Held_innennummer – sich zur Not allein gegen die Mehrheit stellen, und die eigene Wahrheit auszusprechen.
Zwar siehe oben, der “weiße Helden_komplex” und so, aber manchmal kommt man um die Held_innennummer nicht drum herum.

Und bei dem Abwehren von Beeinflussung kann es wichtig sein, zum einen meiner eigenen Wahrheit treu zu bleiben, aber zum anderen durchaus meinen Standpunkt auch zu ändern: Es gibt Strategien der Beeinflussung, nachdem du zunächst von einer Position überzeugt wirst, und danach ein konsistentes Weiterführen des Weges, den du dann schon mal eingeschlagen hast, von dir verlangt wird – obwohl der eigentlich nicht mehr dem entspricht, was anfangs noch okay erschienen war. Und das ist dann der Moment, an dem es genauso gut und stark ist, zu sagen: “Ich habe einen Fehler gemacht/meine Meinung geändert” und aus dem Konstrukt auszusteigen.

Für mich war es wichtig zu verstehen, dass Klartext zu reden und Nein zu sagen eine nützliche und liebevolle Sache ist. Ich bin ziemlich harmoniesüchtig und möchte Leute nicht verletzen, aber wir kommen nirgendwo hin, wenn wir uns und anderen nicht die Chance geben, dass wir uns kennen lernen. Und anderen Grenzen zu setzen ist zwar furchtbar anstrengend, aber es ist am Ende freundlich, die anderen wissen zu lassen, wo ich selber stehe und wie sie mit mir umgehen sollen. Für mich ist es auch einfacher und weniger anstrengend, wenn andere sich trauen, ihren Standpunkt zu benennen und ihre Grenzen zu setzen.
Also übe ich das…

Was typischerweise passiert, ist, dass ich eine Grenze zunächst nicht setzen kann oder mich unklar verhalte, oder zu oft “Ja” sage, und dann später irgendwann merke, das tut mir gar nicht gut, da hab ich mich in etwas reinmanövriert. Danach Grenzen zu setzen wird immer schwerer, weil Leute von eine_r verlangen, konsistent zu handeln (siehe oben). “Warum hast du denn nicht früher/gleich etwas gesagt?”; “Jetzt ist es zu spät”, usw.
Dann klar zu sagen: “Ich habe meine Meinung geändert. Ich möchte das jetzt nicht mehr.” finde ich sehr, sehr empowernd. Überhaupt habe ich es in den letzten Monaten und Jahren sehr bekräftigend gefunden, Nein zu sagen, sich klarer zu positionieren und zu erleben, dass andere Menschen darauf positiv reagiert haben. Und wenn nicht, dass es immer gleichzeitig auch Leute gab, die das okay fanden und die mich okay fanden.

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In Ermangelung eines legal benutzbaren Bildes aus der Star Trek Filmindustrie: Dieser freundliche, mir unbekannte Vulkanier wurde von istolethetv aus Hong Kong fotografiert und unter einer cc-by 2.0 lizenz ins Netz gestellt.

Ernährung
Das ist das Gebiet, wo im Moment das meiste bei mir im Argen liegt. Gerade ist es zeitlich aber nicht drin, auch noch öfter leckere Dinge zu kochen, und viele Tage sehen so aus: Arbeit, heimkommen, Takeaway/Imbiss/oder schnell eine Stulle schmieren, essen, vor dem Internet absacken, pennen gehen.
Ich glaube aber daran, dass es auch sehr wichtig ist als Selfcare, sich zu verzeihen, wenn mensch nicht alles schafft. Sich nicht als schlecht oder ungenügend zu verurteilen, wenn ich nicht die perfekte, auf allen Gebieten punktende Feministin bin. Gerade beim Thema Ernährung gibt es viele, schon ins fanatische gehende Überzeugungen. Wie du es machen sollst, wird dir vorgeschrieben, und wenn du es nicht so machst, darfst du nicht mit Mitgefühl rechnen, wenn es dir dann schlecht geht. Und dadurch wird Ernährung ein Gebiet auf dem viele Menschen eher entkräftet und gegängelt werden, statt ermächtigt und geheilt. Trotzdem bietet gerade Essen (was ich ja sowieso machen muss) mir die Möglichkeit, mich relativ billig und effektiv zu stärken und zu heilen.

Ich würde, was Ernährung angeht, empfehlen, sich Konzepte von “Health at Every Size” anzusehen, die auf intuitives, genussvolles Essen und das Nutzen der Weisheit des eigenen Körpers setzen. Denn Druck auf sich selbst auszuüben empfinde ich als entkräftend und anstrengend, und ausserdem haben wissenschaftliche Studien ergeben, dass eingeschränktes, genussloses Essen aus rein gesundheitlichen Gründen bewirkt, dass ganz viele Nährstoffe gar nicht richtig aufgenommen werden. Wenns nicht schmeckt, tut’s auch nicht gut. (Info habe ich aus dem Buch “Health at Every Size” von Linda Bacon)
Noch 3 Links:
Bodylovewellness
Dances with Fat
Riotmango (Körper/Fett-positives Blog auf deutsch)

gemues1
Wenn ich doch mal koche, dann meist sehr gerne. Ich hab mir vorgenommen, wenigstens 1x im Monat Freund_innen einzuladen, damit wir uns gemeinsam bekochen. Das ist super schön und es ist einfach was Anderes, als sich nur übers Internet zu kontakten. Leider ist der Grund, warum wir uns meist übers Internet kontakten, der, dass wir dann keinen Aufwand haben und es vom heimischen Rechner aus geht. Und es ist nicht einfach, immer Termine zu finden, wo jede_r Zeit hat… sonst würde ich das bestimmt öfter machen.

Aktivismus und Spass dabei: Die “richtige” Politgruppe für mich.
Nicht immer war das so, aber in den letzten Politgruppen, in denen ich war, gab es eine lockere -vieles kann, nicht alles muss-Atmosphäre, es gab Spass und Gemeinschaft, und es machte auch Spass, etwas zu organisieren. Das war nicht immer so. Ich war auch mal in einer Antifa, wo sich die Leute gegenseitig ihre Zugänge zerredet haben, und so manche Diskussion in einem “es bringt ja alles nichts, aber wir machen aus Pflichtgefühl trotzdem weiter” endete. Dazu kam so ein Konkurrenzdenken wie “ich bin politischer als du/ich bin aktivistischer als du..”

Die Verhältnisse sind scheisse. Aber es endet nicht gut, wenn eine Gruppe sich die Schuld dafür gibt, dass die Verhältnisse sich nicht oder nicht schnell genug ändern. Ich wurde glücklicherweise von den meisten spassbefreiten Politmärtyrer_innen als “zu unpolitisch” abgelehnt und habe nie Zugang zu deren Gruppen bekommen. So blieb mir einiges erspart. Die schönsten Sachen, die ich mit machen durfte, waren Spassguerillasachen, oder mit Leuten auf Demos gehen, die nicht so verbissen und berufstraurig waren. (Nichts dagegen, wenn du traurig bist! Aber dir jede Freude verbieten, solange es Menschen auf dieser Welt schlecht geht, hilft niemandem!)

Auch mit meiner alten Amnestygruppe hatte ich eine gute Zeit, obwohl wir uns mit der Todesstrafe, mit Diktatur und Diktatoren usw. auseinandergesetzt haben, haben wir uns nicht runterziehen lassen, sondern halt unsere Aktionen gemacht und beim Aktiv sein miteinander Spass gehabt. Oder uns zusammen geärgert. Auf jeden Fall war es gut.

Ich kann mir jedoch nicht alle politischen Zusammenhänge aussuchen, z.B. wenn ich in einem Wohnprojekt lebe oder in einem selbstorganisierten Betrieb arbeite, hängen mein Dach über dem Kopf und mein Geld zum Leben davon ab. Das sind in meinem Leben auch die Bereiche, wo ich erschöpft werde und auch Auszeiten brauche. Ich glaube, bei der Kritik an Selbstfürsorge, wo sowohl in der englischsprachigen als auch in der deutschsprachigen Diskussion argumentiert wurde, dass mensch keine Pause vom Aktivismus braucht, sondern dass Aktivismus und Gemeinschaftssinn einer_einem Empowerment geben sollte, von dem man bittschön nie genug kriegen sollte, fällt eines unter den Tisch: Wenn du Abhängigkeiten von deinen politischen Zusammenhängen hast, oder dein Wohnen/Essen/Geldverdienen ins Spiel kommen, ist ein ganz anderes Konflitkpotential da. Da sind Ängste im Spiel. Menschen arbeiten sich aneinander ab, wenn es um “mehr” geht, wenn sie was zu verlieren haben. Manchmal erfordert das dann viel Arbeit und Nerven und Angst aushalten, es ist Mediation nötig, es sind Gruppendynamiken auszuhalten. Zwar ist es nicht der Aktivismus selbst, der schadet und erschöpft, aber Menschen verletzen und bekämpfen sich eben manchmal, auch in alternativen/politischen Zusammenhängen, und besonders, wenn dies Zusammenleben und Zusammenarbeiten beinhaltet. Das ist nicht schlimm und wohl überall so, aber es ist Selbstfürsorge, diese Anstregungen als solche anzuerkennen. So zu tun, als gäbe es solche Probleme im Aktivismus und in politischen Zusammenhängen nicht, halte ich für naiv.

Ausserdem kommen natürlich in allen Gruppen bestimmte *-Ismen vor. (Sexismus, Rassismus, usw.) Ich komme damit relativ gut klar, weil ich bestimmte Themen aus bestimmten Gruppen raus halte oder ausblende, sprich: Ich komme mit Verletzlichkeiten meistens dort an, wo ich erwarten kann, damit ernstgenommen zu werden. In meiner Amnestygruppe gab es z.B. eine sehr geringe Awareness zum Thema Sexismus und Homophobie. (Fand ich) Wir haben eine Kampagne gegen häusliche Gewalt nicht mitgemacht, weil die Gruppenmitglieder fanden, das sei eigentlich kein Menschenrechtsthema/kein Amnesty-Thema. Was ich sehr schade fand, aber ich konnte das auch nicht richtig vermitteln, warum es doch sehr wichtig und ein Amnestythema meiner Ansicht nach ist. Da merke ich, dass verdrängen/ausblenden auch eine ganz nützliche Eigenschaft ist, und ich merke, es ist toll, so eine Kombi zu haben aus Zusammenhängen, wo alle “Bedürfnisse” irgendwie abgedeckt sind. Wenn die Amnestygruppe meine einzige Kontaktmöglichkeit zu anderen Aktivist_innen gewesen wäre, dann hätte ich nämlich ganz schön viel alleinsein und Ärger verdauen müssen. Ich bin da als Bewohnerin einer Großstadt auch beglückt und beschenkt, da kann ich mir im Prinzip für jedes Interesse ein eigenes Grüppchen “halten”, aber auch da wirds dann zeitlich eng. Für Kontakt zu Leuten die viel Selbstreflektion und Bewusstsein über eigene Privilegien und Diskriminierung haben, nutze ich zur Zeit hauptsächlich das Internet.

Wenn es die Möglichkeit gibt, eine Aktivist_innengruppe zu haben, die du, wenn es dir nix taugt, auch wieder verlassen kannst (ohne dass gleich deine Lebensgrundlage wackelt) würde ich auf jeden Fall lustige, bestärkende Gruppen empfehlen. Wo es mehr ums Machen und ums gemeinsame Organisieren geht, als ums sich-runterziehen an der Schlechtigkeit der Verhältnisse oder die Demonstration, wer am meisten macht und am meisten Bewusstsein hat. Ich finde es wichtig, dass die Gruppe ihren Erfolg an Dingen misst, die sie auch selbst beeinflussen kann: Wir ist die Demo/Veranstaltung gelaufen, wie haben wir unser Anliegen rübergebracht? Und nicht: Wieso haben wir das System immer noch nicht umgekippt bekommen?

Rosa Rose Garten: Bau einer Kräuterschnecke
Auch wenn ich letztes Jahr gar keine Zeit dafür erübrigt habe: Rosa Rose, die politische urban Gardening Truppe meiner Träume! Es gibt bei Rosa Rose keinen Druck, so und so viel politisch zu “leisten”, mensch kann jederzeit auch “nur” ein bischen mitgärtnern, aber es gab immer gegenseitige Unterstützung bei Frust und es gab schöne gemeinsame Aktionen, Demos… <3
Ich fand es super, was die Rosen trotz dieses entspannten, drucklosen Umgangs miteinander immer wieder hinkriegen und veranstalten!

Meditation und Entspannung

Ich habe das bei der “ständigen Praxis/Gewohnheiten” aufgeführt, obwohl ich es leider nicht regelmässig mache, weil es mir im Akutfall nicht so gut hilft. Ich habe gehört, um sich mit Meditation entspannen und vom Gedankenkreiseln befreien zu können, benötigt es etwas Übung. Und die habe ich (noch) nicht.

Durch das regelmässige Yoga komme ich immer am Ende in den Genuss einer Kurzmeditation. Ich merke auch, dass es mir sehr gut tut, alle paar Tage eine Zeitspanne einfach nicht für irgendwas zu “nutzen” und sie mit “gar nichts” zu verbringen. Spazieren gehen finde ich z.B. sehr hilfreich, oder sich eine “Rückenentspannung” gönnen: Sich ca. eine halbe Stunde hinlegen, und die Beine so hochlagern, dass sie im rechten Winkel zum Körper sind und die Knie rechtwinklig gebeugt. Das soll bewirken, dass die Bandscheiben sich mit Flüssigkeit vollsaugen und wieder aufpumpen, weil sie jeden Tag in der aufrechten Haltung zusammengequetscht werden. Ich lege mich dann auf den Boden auf einen weichen Teppich und lege die Beine auf einen Stuhl.

Meditation finde ich auch deswegen gut, weil es eine Technik ist, die nichts an Zubehör benötigt und die überhaupt nichts kostet. Es gibt religiöse und völlig unreligiöse Formen zu meditieren. Ich persönlich verwende lieber diejenigen, die einen spirituellen Touch haben, und folge damit auch meinem Bedürfnis nach einer Verbindung mit etwas, das grösser und bedeutsamer ist als ich selbst. (das Universum, die Welt, ein kollektives Bewusstsein, ein höheres Wesen, für mich z.B. die Göttin… ) Aber das ist absolut kein Muss.

Was ich gerne als Entspannung/Meditation mache, und ganz gut tut, wenn ich nicht deprimiert bin, ist, mit einer Kamera rauszugehen und irgendwas festzuhalten, was mich gerade anspricht, anspringt, oder mir auffällt.

flickrunde
Gutes Wetter trägt für mich ja ungemein zu Achtsamkeit und Entspannung bei ;-)

Spiritualität
Ooooooooohweia. Ein ganz verrufenes Thema in der linken Szene. Spiritualität ist ja gleich Esoterik und das ist ja genau das selbe wie Faschismus ;)

Ich glaube, ich habe mir das nicht unbedingt ausgesucht, ob ich Spiritualität praktizieren will oder nicht. In meinem Leben hatte ich atheistische Phasen, in denen ich versuchte, davon auszugehen, dass es “nichts” gibt, was irgendwie als Göttlichkeit oder umfassendere Kraft anzusehen wäre, und es hat sich für mich als nicht machbar heraus gestellt. Vielleicht gibt es spirituelle und a-spirituelle Leute, so wie es sexuelle und a-sexuelle Leute gibt, und ich habe gemerkt, dass ich halt ein Bedürfnis nach Spiritualität habe und ich denke, es ist ok, dem nachzugehen. Ich habe oben geschrieben, dass ich zurechtkomme mit Politgruppen, die einige Sachen, die mir wichtig sind, nicht wichtig finden oder sogar dagegen sind. Vielleicht habe ich das dadurch gelernt, dass ich die spirituellen Bedürfnisse in Politgruppen schon immer ausblenden und verdrängen musste. Erst seit wenigen Jahren habe ich das Gefühl, dass ich beides miteinander verbinden kann – und dass die Leute dafür ein wenig offener sind und eine_ nicht sofort dafür auslachen oder rauswerfen. Trotzdem bin ich sehr zurückhaltend mit religiösen Themen, weil ich denke, sie sind eigentlich Privatsache, und ich möchte keine Person mit meinen Ansichten belasten oder ihnen etwas überstülpen.

In diesem Selfcare Text von Leah Lakshmi Piepzna-Samarashina erzählt sie zum Beispiel, dass sie zusammen zu einer Gerichtsverhandlung gingen und für die Person, die Repressionen ausgesetzt war, öffentlich gebetet haben und sich gegenseitig gestärkt haben. Das fand ich sehr schön. So etwas kann ich mir hier in Deutschland ganz schlecht vorstellen.

Für mich ist Spiritualität eine Kraftquelle, und sie hat für mich vor allem mit Verbundenheit zu tun.

  • Verbundenheit mit einer weiblichen Identität, die mir hilft damit klarzukommen, dass Weiblichkeit und Frau*sein in der Gesellschaft oft abgewertet und missachtet wird; ich personifiziere dies als Göttin, und als einzelne spezifische Göttinnen.
  • Verbundenheit mit anderen Lebewesen, Menschen, Tieren und Pflanzen, was ökologisches Engagement nicht zu einer Handlung aus Betroffenheit und Pflichtgefühl heraus macht, sondern zu einem Akt der Liebe meiner “Familie” aus Mitwesen gegenüber. Ich habe das Gefühl von einem Geben und Nehmen, dass ich nur zurückgebe, was mir an energetischer Unterstützung und Liebe gegeben wird.
  • Verbundenheit mit den Ahn_innen, und zwar sind das die familiären und die geistigen Ahn_innen. “Ahnen” klingt oft so faschomässig, und ich glaube, das ist auch ein Gebiet, das völlig zu Recht kritisch angegangen wird in Deutschland, wo unsere Altvorderen zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen und einen beispiellosen Völkermord verübt haben. Trotzdem oder gerade deshalb gehört für mich ein verantwortungsbewusstes Verbunden sein mit Ahn_innen zur Spiritualität dazu, und das heisst, sich mit der Geschichte zu beschäftigen. Die nichtfamiliären Ahn_innen sind die Menschen, die das geschaffen haben, was mich heute umgibt, und was mich heute ausmacht. Wenn mensch so möchte, sind das die Ahn_innen, die mir nicht meine Gene weitergegeben haben, sondern nur die Ideen und das Wissen, was mir zur Verfügung steht. Diese Verbundenheit hilft mir, mein Leben in einem Zusammenhang von Geschichte zu sehen, mich einerseits klein zu fühlen im Vergleich zu all dem, was schon war, aber mich auch als Teil eines grösseren Ganzen zu fühlen, und mit dem, was wir haben, verantwortungsvoll umzugehen.

In der Praxis drückt sich Spiritualität für mich ganz verschieden aus. Meditation, Gebet, Gesang, Musik machen (vor allem Musik machen!), ritualisieren, und Feste mit anderen zusammen feiern. (Letzteres, seit ich meine Frauenritualgruppe nicht mehr habe, leider sehr sporadisch und selten, aber wenn, dann ist das immer schön).
Das ist auch etwas, was bei vielen Interessen und wenig Zeit eher wegfällt und ich merke immer dann, wenn ich mich doch mal entscheide, abends bei Kerzenschein ein leises, musikalisches Ritual zu machen, dass es mich total auftankt und mir super gut tut, mit meinen Geistern, der Göttin und dem ganzen Rest mal wieder kommuniziert zu haben.

Allein, dass ich das hier in diesen Text überhaupt reinschreibe, find ich schon erstaunlich und ein wenig abstrus. So getrennt habe ich früher das politische und das spirituelle gehalten.

wollefest201316
Mein Altar. Eine kleine Göttin habe ich aus Erde gemacht, die andere eine liebe Freundin aus Speckstein in ihrer Ergoteraphie.

Auseinandersetzung mit Kritik

Selfcare und Klassismus.

Ich habe mein Leben so eingerichtet, dass ich genug Geld habe, aber eben nur dadurch, dass ich wenig Kosten habe, die ich andauernd bezahlen muss. (Also bis auf Miete, Telefon/Internet, Saxophonunterricht und die Online-Yoga-Videos.) Das spiegelt sich auch in meinen Selfcaresachen wieder. Ich kann das meiste davon mit wenig oder gar keinem Geld betreiben. Ich mache Yoga auf einer alten, billigen Gymnastikmatte in einer alten, schlabberigen Jogginghose, die ich mal *hüstel* bei jemandem ausgeliehen und vergessen hab zurückzugeben. Politgruppen gibt es in Fahrradreichweite genug und die Linken treffen sich ja wenn, dann meistens da, wo Getränke günstig sind oder wo es gar keinen Konsumzwang gibt. Internetkommunikation ist auch günstig und mein Spirikram kostet mich auch nichts, weil ich keiner Eso-Psycho-Gruppe angehöre, wo mensch teure Dinge oder Seminare kaufen muss. Hähä. Tatsächlich waren in meiner Ritualgruppe fast nur Frauen* die in prekären Verhältnissen lebten und heute noch kenne ich kaum Menschen, die es “dicke” haben..

Selfcare und Privilegien.

Ich weiss nicht genau, warum ich so empfindlich darauf reagiere, wenn das Thema auf Selfcare und Privilegien kommt. In den letzten Tagen habe ich darüber nachgedacht. Ich finde es als vielfach privilegierte Person wichtig, sich Unbequemlichkeiten auszusetzen, sich zurückzunehmen, die anderen reden zu lassen, den anderen zuzuhören, und sich nach dem zu richten, was die Leute, die weniger Privilegien haben, in politischen Kämpfen vormachen oder vorgeben.
Selfcare dreht sich aber nicht um sich zurücknehmen, sondern um sich wichtig nehmen. Es geht dabei um sich selbst zuhören. Die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Sich von Unbequemlichkeiten mal zu erholen. Diese Dinge sind für mich kein Gegensatz, sondern eine gleichzeitige Sache. Wenn ich mich selber nicht pflege, kann ich auch nicht andere Menschen unterstützen und ein_e Verbündete sein.
Deswegen habe ich so grosse Widerstände, wenn ich beim Thema Selbstfürsorge ein “check your privilege” zu hören kriege.
Vielleicht sollte ich das auch besser trennen können, das Reden über Selbstfürsorge und die Praxis der Selbstfürsorge an sich; aber wenn aus dem Diskutieren irgendwann praktische Konsequenzen gezogen werden, was wären denn die praktischen Konsequenzen aus der Selfcarekritik?
Also mache ich das (ist vielleicht auch totaler Quatsch) so, dass ich das Bewusstmachen von Privilegien als wichtigen Teil vom politischen Aktivismus sehe, aber nicht in meiner Selbstfürsorgepraxis haben will. Denn Selbstfürsorge = Empowerment und Privilegien-Awareness ist für mich absichtlich kein Empowerment, sondern soll vielmehr in der ungerechtfertigt zugestandenen Machtposition verunsichern und hinterfragen und Macht abgeben.

Selfcare und Pathologisierung
Ich habe mich mit dem Gesundheitsdiskurs nicht so befasst. Es gibt aber, das seh ich ein, problematische Teile dessen – wie Steinmädchen auf Identitätskritik in einigen Texten schrieb, dass Menschen darin in Gesund/Krank, Abweichend/”Normal” eingeteilt werden.
Ich habe mal über Gesundheit ein tolles Buch gelesen. (Rückblickend gesagt ist es halt 1970er Spiri-Feminismus, mit allem, was das mit sich bringt!) Es heisst “HeilWeise” von Susun Weed. Darin beschreibt sie 3 Paradigmen von Gesundheit/Medizin. Die Wissenschaftliche Tradition, die Heroische Tradition und die Tradition der Weisen Frau. Die wissenschaftliche Tradition ist quasi das, was wir als “Schulmedizin” kennen, die heroische Tradition ist das, was viele als “Alternativmedizin” kennen. Ja, right – Weed beschreitet einen dritten Weg jenseits von Schul- UND Alternativmedizin. Ich würde Weeds “Tradition der Weisen Frau” als Selbstfürsorge-Tradition begreifen. Sie beschreibt diese Art des Heilens als unspektakulär, alltäglich, unsichtbar und lustig/spassig.
Was ich spannend an ihrem Angang fand: Sie kommt völlig ohne Pathologisierung aus. Selbst der Tod kann ein “Heilungserfolg” sein. Sie beschreibt auch ganz treffend die Normierungen und Abweichungen der wissenschaftlichen Tradition: “vertrau auf die Laborwerte!” und die Schuld/Sühne Muster der heroischen Tradition: “Ich bin krank, weil ich mich falsch verhalten habe, ich muss gereinigt und bestraft werden.”
Die (Selbst)fürsorge”tradition der Weisen Frau” könnte man zusammenfassen unter “ernähren, bemuttern, trösten, unterstützen”. “Krankheiten” sind keine Probleme, sondern gehören selbstverständlich zum Leben dazu und zu jeder einzigartigen Person.

Mir sympathisch: Weed bezeichnet _ihre_ Tradition nicht als DAS Ding, was “gegen alles” hilft. (sie sieht ihre Tradition überhaupt nicht als eine, die “gegen etwas” ist, sie kämpft auch nicht “gegen Krankheiten” und sieht überhaupt nichts als “Krankheit” an.) Weed sagt, es kann Sinn machen, Heilmethoden der wissenschaftlichen und heroischen Traditionen zu verwenden oder sich deren Heilmethoden zu unterziehen. Hätte ich z.B. Krebs, wäre es mir lieb, wenn mir jemand/ein Arzt (wiss. Tradition) Laborwerte abnehmen könnte, um festzustellen, ob die Therapie angeschlagen hat. Was meinen Rückensport angeht, sehe ich auch, dass ich für das Vernachlässigen dieser Dinge “bestraft” werde mit “Krankheit”(heroische Trad.), dass ich mich nach “Regeln” verhalten kann (also, z.B. Yoga machen) und dann bleibe ich “gesund” (also schmerzfrei).
Trotzdem ist mir die “Tradition der Weisen Frau” am symphatischsten, weil sie überhaupt nicht pathologisiert und weil sie so “stinknormal” ist, dass sie gar nicht als “Heilen” wahrgenommen wird. Selbstfürsorge eben. Es ist hier leider nicht genug Platz, um das alles auszubreiten und klar zu machen, was sie meint.
Nicht/nie jemanden als “krank” zu bezeichnen, gelingt mir ehrlich gesagt auch nicht. Aber ich möchte zu einer Selbstfürsorge finden, die nicht pathologisiert, und die offensiv zu den fürsorglichen/nährenden/mütterlichen Qualtitäten steht, die die “Tradition der Weisen Frau” ausmachen. Ja, diese Dinge wurden abgewertet. Ja, Menschen, denen ein weibliches Geschlecht zugewiesen wurde, wurden in diese Rollen hineingezwungen. Gesteh ich zu. Aber ich verzichte trotzdem nicht darauf, sondern versuche gleichzeitig im Kopf zu behalten, dass kein Mensch in diese Verhaltensweisen hineingepresst werden darf. Ohne jedoch die Verhaltensweisen selber aus dem Fenster zu werfen, abzuwerten oder als nicht-anwendbar zu verurteilen.

Fazit
It’s my Selfcare, and I cry if I want to.

Tour de Fleece Day 4
Die letzte_ kehrt die Flusen weg.

Art Journaling: Doodlefonts und Klebstoff und Herbstdepro.

 (xposted vom twoday blog)

Ich weiss nicht, wieso, aber das Herumkleben, -kritzeln, -stempeln und das so lange, bis die ganze Seite voll ist, hält mich gerade über Wasser. Es entspannt sehr. Jaja, mehr als Stricken! Überhaupt ganz anders als stricken – beim stricken ist das eher eine Meditation, bei der ich manchmal zu arg ins Grübeln gerate. Stricken ist Hände beschäftigen und sich Sorgen machen dabei, wenn es schlecht läuft. Ich kann nur stricken, wenn es mir einigermassen gut geht und ich Lust und Muße habe, schöne Podcasts zu hören, was zu glotzen oder einfach mit Herrn Distelfliege oder anderen lieben Leuten nebenher zu reden.
Art Journaling ist in andere Welten abtauchen, Bilder erschaffen, mit bunten Farben rumsplashen, mit verschiedenen Materialien knistern und dabei die Gedanken verarbeiten, die eine_n bedrücken. Oder sie völlig vergessen, je nachdem. Art Journaling kann ich machen, wenn ich Zeit habe, es mir aber nicht so gut geht, ich mich irgendwie schlecht fühle. Danach geht es mir immer besser. Also, bis jetzt jedenfalls. Ohne Ausnahme.

Mir geht es zeitweise schlecht, weil zum einen vielleicht die Jahreszeit aufs Gemüt geht, die Dunkelheit, die Kälte.. und zum anderen geht die Jahreszeit auch anderen Menschen auf die Nerven. Und da gab es einfach in den letzten Wochen immer mal wieder zwischenmenschlichen Stress. Und dazu kommt auch noch, dass ich seit schon längerer Zeit entweder zuviel vor habe, oder zu viel für die Arbeit tue, und deshalb zu dem, was ich noch so machen möchte, nicht mehr komme. Wenn ich über längere Zeit keine richtige Ausgewogenheit hinbekomme zwischen Nützlichem und Angenehmem, zwischen Arbeit und Ausruhen, dann staut sich Frust an, dann werde ich kraftlos, dann besteht die Gefahr, dass ich in eine leichte Depression reinrutsche. Ich habe heute einen Artikel auf Takeover.beta über Leben mit Depressionen gelesen, und war erstmal ein wenig erschrocken, wie bekannt mir der Punkt “Überwindung” gerade wieder vorkam.

Neulich, im Podcast, habe ich ja auch gemeint, ich muss dringend wieder “tägliche Entschleunigung” machen, mir was Gutes tun. Allein der Satz: Ich muss dringend entschleunigen, aber schnell! Das ist doch paradox. Aber das muss einfach wirklich sein.
Ich habe mir für den Dezember ja mal wieder allerhand vorgenommen, auch ein wenig nach dem Motto “Da musst du jetzt einfach durch”. Ist ja auch so, muss ich jetzt einfach. Ich will es ja auch. Aber ich werde mich dieses Wochenende mal mit dem Thema beschäftigen, was ich zum Auftanken und Entspannen in der Zeit tun will und das dann auch verbindlich einplanen.

Im Moment ist das Art Journaling wirklich gut. Ich hatte in den letzten Wochen wirklich so mehrere Abende, die ich statt mich zu entspannen, mit äusserst schlechten Gefühlen, Schmerz und Verletzung herumsaß und da tat es wirklich sehr gut, das in Bildern zu verarbeiten. (Die stelle ich aber nicht ins Blog)

Gestern war einfach nur der erste Tag der frei war, nach 7 Tagen arbeiten am Stück und dazwischen auch Tage, an denen ich ausser zum pennen gar nicht richtig zuhause war. An den meisten Tagen lohnte es sich gar nicht, das Teestövchen anzuzünden, weil der Tee sowieso kalt werden würde, weil ich aus dem Haus gehen würde.
Da bin ich also gestern dann, an meinem freien Tag, schön mit meinen Farben herumgesessen, habe inspirations-Videos geschaut und gemalt, gezeichnet, gedoodlet und geklebt und mich am Ergebnis erfreut.

Und hier sind die Ergebnisse:

Inspiriert von

Get off the Ship

Schriften-Testseite

Noch mehr Schriftentest

Und heute? War ich eine Stunde beim Rückensport bei entspannender Musik, was ja auch immer eine schöne Entschleunigung ist. Doch, heute gehts mir gut. Das heisst: Ich greife gleich zu den Stricknadeln!