Ich bin nix für Ungut. (Coming-Out für Heten)

Dieser Text ist eine Momentaufnahme aus einem sich noch im Fluss befindenden Prozess. Der inzwischen weitergegangen ist. In diesem Text springe ich hin und her zwischen meiner Gender Identität, meiner Sexualität, meiner sexuellen Orientierung, queerer Verortung und dem sicher und gar nicht sicher sein, was eigentlich los ist. Eigentlich sollte der Text anfänglich zum Thema “queere Heten” sein und ich wollte darin klar kriegen, was will ich, was bin ich eigentlich als Hetera, die mit Heteronormativität, heteronormativen Beziehungen, heteronormativer Sexualität, und heteronormativen Geschlechterrollen sehr wenig und mit queeren Theorien, queeren Infragestellungen und queerem Leben von Uneindeutigkeiten und Ausprobieren von Alternativen sehr viel anfangen kann. Dann kam ich durch Podcasts, Gespräche, und Austausch auf Twitter dazu, mehr den Finger drauf legen zu können, was “mit mir ist”. Weil Selbstfindungsprozesse während man der Lohnarbeit nachgeht, aber schwierig sind, wird dieser Text immer älter und älter, während ich mit Schlafnachholen, Haushalt und liegengebliebenen To Do’s beschäftigt bin – also mach ich mal einen Anlauf, ihn vielleicht doch in seiner Unfertigkeit und Nicht-Einfachheit raus zu hauen.

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Ende der 90er Jahre saß ich mit einer lesbischen Mitstudentin lässig auf einem Bordstein in Berlin und wir redeten davon, dass wir es toll finden, braungebrannt und muskulös zu sein. Vor allem muskulös.

Seit ich von zuhause ausgezogen bin, habe ich den Anspruch gehabt, mein Fahrrad selbst reparieren zu können. (Mein Tip: Werft das “Einfälle statt Abfälle – Fahrrad reparieren” – Heft weg! Werft! Es! Weit! Weg!!) Auch wenn ich nicht so weit gekommen bin: Ich führe Fahrradwerkzeug mit und habe kettenölverschmierte Hände. In Fahrradgeschäften wirke ich, als könne ich mir selber helfen – was offenbar mit einer maskulinen Genderperformance einhergeht. Ich bin die Person, der die Mechaniker_innen sagen, wo der Kompressor steht und der freundlich das Werkzeug in die Hand gedrückt wird. Wenn es doch mal vorkam (in einer Zeit, als ich femininer aussah) dass mir nichts zugetraut wurde und mir mein Fahrrad helfend und nett gemeint aus der Hand genommen worden ist, stieg in mir immer große Wut auf.

Ich bin nah am Wasser gebaut und mir kommen sehr schnell die Tränen – was etwas ist, das ich ganz ganz schwer akzeptieren und lieben kann. (Es bleibt mir eh nix anderes übrig.) Ich fühle mich davon immer zurückgeworfen auf einen Platz, wo ich schwach und hilfsbedürftig wirke, etwas, was ich nicht bin und nicht sein will. Ich weine möglichst “wie ein Mann” – so mit runterlaufenden Tränen, aber ansonsten voller Ignoremodus – bitte mit ja keinem Zittern in der Stimme.

<– Insert irgendein beliebiges Kindheits-Tomboy Narrativ here –>

Mein ganzes Leben lang fühlte ich mich von heterosexuellen femininen Rollenvorstellungen nicht nur eingeschränkt, sondern auch als Mensch abgewertet. Hübsch sein. Gefallen wollen und gefällig sein. Beschützt werden wollen. Kinder haben wollen. Einen Mann glücklich machen. Gut im Bett sein. Schmerzende Schuhe und unpraktische Kleidung, Haltung bewahren, nicht zu viel essen, nicht zu laut lachen, die biologische Uhr ticken hören.  Horror.

Es ist aber nicht nur der Wunsch, dem Sexismus durch Verweigern der weiblichen Rollenklischees ein Schnippchen zu schlagen. Zumal das eh nicht klappt. Als maskuline Frau erlebe ich andere Dinge als früher, als ich zumindest eindeutig als Frau gelesen wurde, aber ich erlebe längst kein männliches Privileg. Zwar wird mir nicht ins Mäntelchen geholfen (oder eine andere mir entmündigend erscheindene Behandlung), aber es wird mir dafür ganz oft irgendein Erlebnis oder eine Agenda  unterstellt, die zu meiner Entscheidung, nicht feminin zu sein, geführt haben muss/was ich damit erreichen möchte. Oder es wird mir eine Meinung, eine sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität unterstellt und das Ganze dann mehr oder weniger mit Toleranz behandelt.

Demnach ist es für mich so, dass maskulin sein/androgyn sein keinen Ausstieg aus dem sexistischen System ermöglicht. Es erlebt sich dann nur anders. Ich würde auch nicht sagen, dass das der Grund ist, wieso ich mich auf eine bestimmte Art und Weise ausdrücke (oder Gender performe). Ich bin nicht eine maskuline Frau, weil ich dann weniger Sexismus erlebe. Ich drücke mich so aus, weil ich mich selbst dann als zu mir selbst passend/stimmig/echt empfinde, wenn ich androgyn wirke. Ich mag Androgynität sehr. Ich finde maskuline Frauen* und feminine/queermaskuline Männer* sowie alle möglichen maskulinen Trans*menschen attraktiv und schön. Und ich empfinde mich selber als richtig und schön, wenn ich androgyn bin. Vielleicht würde ich sagen, ich fühle mich von queeren Maskulinitäten angezogen und ich identifiziere mich als eine Person, die gut mit queerer Maskulinität resoniert. Das und andere Dinge, die ich, weil ich nicht Single bin, nicht berechtigt bin, öffentlich zu diskutieren, würden mich lose ins Girlfag-Spektrum plazieren. (Link: Uli Meyer – “Almost Homosexual” – Schwule Frauen/ Schwule Transgender (GirlFags/Trans*Fags))

Ich identifiziere mich aber nicht als Agender/Genderqueer/Androgyn/Non-Binary. Ich identifiziere mich als Frau*.

In dem Text Why I’m still a Butch Lesbian  schreibt Lea DeLaria:

Not only do I dislike feeling pretty and prefer arguing to nurturing, I don’t even particularly like eating chocolate. Popular culture, and women themselves, often imply that I lack many of the most essential qualities of womanhood.

“die gesellschaftliche Kultur, auch Frauen selbst, geben mir oft zu verstehen, dass mir viele der grundlegendsten Qualitäten von Weiblichkeit fehlen”. This: Es ist nicht mein Problem, wenn ihr mich als Mann/männlich lest. Ich hab damit kein Problem. Ich habe aber auch kein Problem damit, mich als Frau zu identifizieren.

In our culture, the impulse to distance oneself from negatives associated with women and femininity is endemic. When we insult men, we do it by comparing them to women. When we compare women to men, we’re generally praising them. In fact, I’ve probably known more straight, cis-gendered women who’ve bragged about how they’re “one of the guys” than I’ve known lesbians.

Übersetzung: “In unserer Kultur ist der Impuls endemisch, sich von dem Negativen zu distanzieren, dass mit Frauen* und Feminität verbunden wird. Wenn wir Männer* beleidigen, geschieht das, indem wir sie mit Frauen* vergleichen. Wenn wir Frauen mit Männern vergleichen, dann üblicherweise um ihnen Anerkennung zu zollen. Tatsächlich habe ich wohl mehr heterosexuelle Cis-Frauen* getroffen, die damit angaben, “wie die Kerle” zu sein, als ich Lesben getroffen habe.”

Aus diesen Gründen bemühe ich mich aktiv darum, andere Frauen* und Feminität – auch wenn ich selbst einen anderen Genderausdruck habe als traditionelle Feminität – zu respektieren und mich eben nicht von ihnen abzugrenzen. Ja, ich habe das früher getan. Denn ich erleb(t)e Feminität als etwas, was mir ständig gegen meinen Willen aufgenötigt wurde, etwas, was mir alternativlos als Vorbild präsentiert wurde, etwas, das ich eben nicht bin und das mich eben nicht repräsentiert. Das war schmerzhaft und dagegen habe ich mich abgegrenzt, abgelehnt, rumgetrotzt – als es aktuell war.

Inzwischen bin ich 40 Jahre alt geworden, und spätestens in weiteren 10-15 Jahren wird mein Umfeld seine restlichen Erwartungen, dass ich noch einen Brutinstinkt entwickle, aufgeben müssen. Möglicherweise krieg ich das Unfruchtbarsein noch dieses Jahr schwarz auf weiß. Ich lebe langzeitmonogam mit einem Mann zusammen (nächstes Jahr 20 Jahre) und dadurch, daß meine Heterobeziehung länger hält als die meisten Heterobeziehungen, die ich kenne, führen sich Ratschläge, wie der Mann zu “halten” sei und dass ich so schliesslich keine Beziehung führen könnte, auch langsam selbst ad absurdum. Da hab ich also auch so langsam meine Ruhe.

Ich will solidarisch sein mit femininen Frauen*, ich will aktiv Feminität respektieren und aufwerten. Ich muss nicht mehr dagegen aufbegehren und kann inzwischen sehen, dass nicht Feminitäten es sind, die unterdrückend wirken, sondern nur deren Durchprügeln als Norm für Alle.

In queeren und/oder lesbischen Kulturen findet inzwischen ein sehr wünschenswertes Femme-Empowerment statt. Das macht im Kontext von Femme-Feindlichkeit und subkulturellen Normen, die maskulinere Weiblichkeiten als etwas normaleres setzen, auch viel Sinn. Aber auch bei heterosexuellen Feministinnen* ist es längst nicht so, dass es eine Latzhosen-Norm gäbe, und Feminität ist viel öfter anzutreffen, und wird auch, jedenfalls meiner Wahrnehmung nach, nicht mehr fälschlich als Symbol von Unterdrückung abgelehnt. Ich begrüsse das alles sehr!

Daran merke ich aber auch, dass mein Wunsch, Androgyn zu sein, eigentlich nichts mit dem Wunsch, der Abwertung zu entkommen, zu tun hat. Feminität bei Frauen* ist für mich nach wie vor einfach nichts, was mich anzieht, was mich sehr interessiert und was ich an mir selber haben möchte. Also auch jetzt nicht, wo es Empowerment und positive Beispiele für feminines Frau* sein in meinem Umfeld gibt. (Ich mag mal der Einfachheit halber female-to-femme aussen vor lassen, weil ich darüber auch noch zu wenig weiß, sorry).

Und was mich nachdenklich macht und auch stört: Es gibt nicht wirklich eine empowerende Selbstbezeichnung für Heteras, deren Genderperformance von der weiblichen heterosexuellen Norm dermassen abweicht. Dieses “endlich einen Namen haben für das, was eins die ganze Zeit erlebt” kenne ich in dieser Hinsicht nicht. (Nicht mehr; siehe das PS am Ende des Textes) Am ehesten fand ich mich in feministischen Vorbildern, und da wirklich in dieser “Latzhosen-Emanze” wieder. Aber die – es gibt sie inzwischen anscheinend gar nicht mehr. Vielleicht gab es sie gar nie, vielleicht war das immer ein Klischeebild, was als Abschreckung für “normale Frauen*” von den Medien geschaffen wurde. Fällt aus.

Es gibt auch Probleme damit, dieses Abweichen einfach unter dem Queer-Begriff mitlaufen zu lassen – obwohl es sicherlich laut einigen Definitionen völlig legitim wäre. Trotzdem ist für viele “queer” eben mit “nicht Hetero sein” verbunden, und wenn Queer für Heten überhaupt  geöffnet wird, dann lediglich für Heten, deren sexuelles Begehren oder deren Sexualität von der Norm abweicht (BDSM, Polyamorie, usw.) und nicht für Heten, die eine monogame Vanillesexualität leben. (Bei Licht betrachtet ist meine Sexualität nicht typisch heterosexuell, ich dachte immer, jegliche Sexualität zwischen Frauen* und Männern* sei zwangsläufig heterosexuell, und dachte halt, ich/wir hätten da halt “unser privates heterosexuelles Ding” gefunden – aber in dieser Ausgabe der Queerulantin über Girlfags und Guydykes (PDF Link) sprechen schwule Frauen z.B. davon, wie sie nicht heterosexuell begehrt werden wollen und nicht “als Frau” Sex haben wollen. Und da klingelt es ganz gewaltig bei mir.)

Also ja: ich bin halt die Hete. Punkt. Scheiss drauf, dass ich und mein Freund auf der Strasse für zwei schwule Männer gehalten werden. Egal, ob ich mich in der gängigen Definition von Cisgender nicht repräsentiert sehe, genauso wenig in der von Trans* oder Genderqueer. Dass ich mehrmals die Woche nicht als das Geschlecht gelesen werde, als das ich mich identifiziere.  Weil ich mich weigere, mich so zu geben, wie es die Gesellschaft Frauen* zugesteht. Wenn ich mit anderen Heteras rede und ich gefragt werde, wie wir verhüten, und ich ich überlege, nicht zu sagen, dass wir nicht verhüten, weil wir nichts praktizieren, was Verhütung erforderlich macht.

In meinem Lehrbetrieb nannte mich jemand – obwohl ich damals lange Haare trug – immer “Franz”, und ein anderer Kollege kommentierte quartalsmässig “She’s like men”, in meinem Meisterkurs tauschten die anderen Anwärter, während ich daneben saß, ihre Youporn-Links aus,  weil sie vergaßen, dass sie nicht in einer Männerrunde waren, und ich fühlte mich bei alledem zwar ein bischen befremdet, aber irgendwie auch stimmig.

Im Frühling/Sommer 2014 habe ich mich in meinem queeren Freundeskreis darüber mehrmals ausgetauscht, ob und wie es eigentlich einen Platz gibt für Menschen wie mich in der queeren Szene, ohne dass ich “nur Gasthete” bin. (Nicht, dass es damit ein Problem gäbe, wenn ich “nur Gasthete” wäre! Dazu später noch was.) Wir haben über unsere Annahmen und die Annahmen anderer geredet, z.B. weil einige auch Bi sind und mit Mann und Kindern in einer Kleinfamilie leben und deshalb inzwischen als “typische Hete” gelesen werden. Da ging es darum, wo eins hingehören kann und welche Vorurteile es in der queeren Szene so gibt. Diese Gespräche waren alle sehr gut, fand ich. Leider ergaben sie für mich immer erst mal so ein: “Ja, die anderen hatten immerhin schon mal homosexuelle Beziehungen und/oder sind wenigstens Poly. Du bist  eine untypische Hete, aber untypisch sind viele Menschen irgendwie. Du bist unterm Strich eine Hete.”

Nicht falsch verstehen: Ich steh gern dazu Hete zu sein. Ich steh auch dazu, Cis zu sein. Warum sollte ich meine diesbezüglichen Privilegien, die ich ja habe, verleugnen wollen? Bin für Awareness echt zu haben. Es ist nun mal Fakt, dass ich mit meiner Hetenbeziehung in normative Bilder passe, dass ich mich nicht überall erklären muss… Privilegien, ganz klar. Aber da sind diese Erfahrungen, da ist diese Orientierung, da ist dieses Selbstbild. Ich hätte halt einfach gerne einen Austausch dazu mit Menschen, denen es ähnlich geht.

Als ich dann vor kurzem mal öffentlich anfing, über queere Heten, das nirgends-reinpassen, und die Suche nach Begriffen twitterte, erlebte ich viel berechtigte Ängste, dass Heten sich Queerness und Selbstbezeichnungen von LGBT* aneignen könnten. Am Ende wurde über mich von einer Person in einigen Nonmentions hergezogen: als Diskriminierungsneiderin, Enthetungswünsche hegend und ich sei Trans*misogyn.

Meine Fresse, natürlich halte ich mich nicht für queer, weil ich mir die Haare kurz gemacht habe! Genau so wenig würde ich mich für eine Person of Color halten, weil meine Haut schnell bräunt und ich keine dt. Staatsbürgerschaft habe. OMG. oO

Ich halte mich für queer, weil ich gendermässig anders präsentiere als es das System von hetero-binär vorsieht, weil ich die Regeln dieses Systems nicht befolgen kann ohne mich die ganze Zeit zu verbiegen, weil meine Heterobeziehung und die darin stattfindende Sexualität fast komplett neu erarbeitet werden musste, weil ich mit den traditionellen heterosexuellen Gepflogenheiten nicht “kann”, weil das, was ich bei mir selbst in Punkto Gender/Sexualität vorfinde, als krank und behandlungsbedürftig galt oder noch gilt, (ich hab mich vor 20 Jahren dagegen entschieden, mich deshalb therapieren zu lassen), weil ich den Kram nicht erfinde um irgendwie besonders zu sein, sondern ich versuche meine Wege zu finden, in einem System das mir halt auch aufgezwungen wird, wie vielen anderen Menschen auch.

Ich muss nur eben Begriffe suchen für das, was ich bin/wie ich mich verorte. Und das ist schwierig.

Ich bin demisexuell, das ist eine Abstufung von Asexualität, die irgendwo zwischen Sexualität und Asexualität liegt. Es bedeutet, ich fühle mich zu Menschen hingezogen, zu denen vorher schon eine innige freundschaftliche Beziehung besteht. Neulich hatte ich mit einer Freundin* über heterosexuelle Männlichkeiten gechattet und dass hegemoniale Männlichkeitsnormen innige Freundschaften eigentlich ausschließen, und das einzige, was “erlaubt” ist, ist sowas wie eine sich ständig neu voneinander distanzierende Kumpanei. Alles Andere würde zu viel Nähe bedeuten. Als demisexuelle Person bedeutet das für mich, dass sich bei mir  Begehren, wenn schon, dann auf Männer* ausrichtet, die oft dadurch zu “Verrätern” an der herkömmlichen Männerrolle werden, dass sie Wärme und Nähe nach aussen zeigen, dass sie tiefer gehende Freundschaften eingehen und sich dafür auch nicht schämen. Die offen schwul sind und daher nicht die heterosexuelle Distanzkumpanei praktizieren müssen, oder heterosexuelle/bisexuelle Männer, die für schwul gehalten werden, genau weil sie an dem Punkt aus ihrer Rolle herausfallen.

Das ist ein Problem, weil ich schwule Männer* nicht nerven will, indem ich sie als Hete anschmachte, und ich verbrachte manche Freundschaften als Teenager damit, mir das bitteschön aktiv zu verkneifen. Und es ist dann wieder ein Glücksfall, denn es bringt mich mit “Genderrollen-Verrätern” zusammen, für die es weniger ein Skandal ist, wenn ausser diesem noch andere Rollenvorgaben unterlaufen werden.

Was mir als demisexueller Person eher fehlt, ist diese Begeisterung für Begehren und begehrt werden, ich finde z.B. manche schwule Subkulturen oft ziemlich sexualisiert, und das ist schon ein Faktor, wo ich denke: “Ich, Girlfag, never!” Mir geht ja manchmal schon das Ganze Begehren/Orientierungs/Sexualitäts-Gewichte in der Queerszene auf den Geist. Weil ich mit meinem Langzeitmonogamismus halt nicht mehr am Suchen bin. Es hat sich ausgesucht. (So die Göttin will. Ich kann die Zukunft natürlich nicht kennen.)

Bei Heterosexuellen, die sich mit queeren Themen noch gar nicht beschäftigt haben, ist es dann wieder so, wenn wir über Identifikation, Sexualität und Selbstfindung reden würden: Genausogut könnte ich mit Leuten von einem anderen Planeten reden. Ich mache es meistens gar nicht erst.

(…)

Hier könnte jetzt noch einiges stehen, aber ich mach hier mal einen Punkt und komme zum Ende, weil der ganze Text so unsortiert und unvollständig sein soll und darf, wie dieser ganze Nachdenk- und Orientierungsprozess ist und sein darf.

Ich will diesen Text trotzdem nicht schreiben ohne meine femininen (also hier, was gesellschaftlich als feminin zählt; irgendein Wort muss ich halt verwenden) Seiten hervorzukehren, weil ich es für maskuline/schwule Frauen* völlig okay finde, feminine Seiten zu haben. Genauso wie niemand darüber zu befinden hat, ob Grrrls/feminine Feministinnen oder Femmes Dinge mögen oder tun, die männlich konnotiert sind. So here goes: Ich stehe auf Körperpflegeprodukte (obwohl ich mich, ohne z.B. eine Gesichtsoperation oder Hautkrankheit überdecken zu wollen, nie schminken würde), mache gerne Asanas (körperliche Yoga-Übungen) was ja angeblich so ein Frauending sein soll, Handarbeiten, koche gerne, weine schnell, trage auch mal Röcke, habe einen weiblichen Habitus (wobei – hm… keine Ahnung??) und vieeeeeeeles mehr. Weil: Eine Androgynität/Maskulinität, bei der ich dieses ständig sich abgrenzende, ja kein bischen Sissyhafte, ja nicht feminine, einhalten muss, wäre für mich nämlich auch nichts wert. Ich bin nicht darauf aus, ein Mackerarschloch zu sein und dieses Konkurrenz/Schwanzvergleichsding ist mir viel zu anstrengend.

Also bin ich irgendwie, irgendwo auf dem Kontinuum schwule Frau*, maskuline halbqueere Hete, irgendwo so, verortet, oder halt auch nicht. Ich habe da noch viel nachzulesen und bin eigentlich ganz froh, diesen Text zu schreiben – weil ich mir nicht im Nachhinein alles so hinreden will, dass ich “besser reinpasse”. Ich will mir Worte aneignen, die bezeichnen was ich bin. Ich will nicht, dass Worte bestimmen sollen, womit ich konform zu gehen habe.

So, Bittschön. Das war mein Coming out als Nichts. Nichts für Ungut.

PS 1: Inzwischen ist es nicht mehr “Nichts”. Inzwischen klärt sich, dass ich mich eben irgendwo in die Richtung Girlfag/schwule Frau* verorten kann/werde/will. Als ich anfing mit dem Text, war das noch nicht so. Die Ereignisse, die sich dieses Jahr seit Wochen/Monaten entwickeln, überschlagen sich in dem Moment, wo ein Durchbruch zu Anderen stattfindet, die Ähnliches beschreiben wie ich das erlebe. Und dieser Moment war genau während der Entstehung des Textes. Ich lasse das “Nichts” noch stehen, aber es ist erkennbar, dass es veraltet und überholt ist.

PS 2: Zu „ALMOST HOMOSEXUAL“ – Schwule Frauen/ Schwule Transgender (GirlFags/Trans*Fags) von Uli Meyer – http://www.liminalis.de/artikel/Liminalis2007_meyer.pdf. Ich habe den in den Text schon reinverlinkt, aber erst nach Fertigstellung des meisten Textes hier gelesen. Ich möchte den Artikel sehr empfehlen, weil er super spannend ist und generell eine Menge über den ganzen Genderkram zu sagen hat.

DANKE an diejenigen, die den Text vorweg gelesen und Feedback dazu gegeben haben! <3 <3

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Die böse Welt und Netzfeminismus.

Wieder mal ist viel zu tun, und ich habe zum Bloggen auch gar keine Zeit. Deshalb blogge ich grad auch nicht wirklich. So Themenrelevant, irgendein schlauer Text – nope… Dies ist ein Laut-Nachdenken in Online-Tagebuch-Form. Kein durchgehendes Thema.

Heute war ich als Unterstützerin mit Mr. Distelfliege und vielen anderen Leuten bei einer Gerichtsverhandlung zur Prozessbeobachtung. Wir haben Präsenz gezeigt bei einer Verhandlung eines Falles einer rassistischen Gewalttat, bei der ein Schwarzer Berliner von einem Weißen ins Gleisbett eines U-Bahnhofs gestossen und mit einem Messer bedroht worden war. Vielleicht sollte ich nur sagen, dass der Angeklagte furchtbar dreist war, die Zeug_innen einfach nur wischiwaschi ausgesagt haben, nach dem Motto, es hätten sich halt 2 Typen gestritten und sie hätten abgewartet, ob die “das nicht unter sich klären würden”, statt einzuschreiten oder die Polizei anzurufen, und der Geschädigte als Nebenkläger unglaublich stark und äusserlich ruhig den Prozess bestritten hat und seine Aussage gemacht hat. Nachdem ich bei zwei anderen Gerichtsterminen nicht rein kam (einmal hatte ich meinen Pass vergessen, das andere Mal gab es weitaus mehr Unterstützer_innen als Plätze im Saal) hat es diesmal geklappt.

Vor dem Saal unterhielt ich mich mit anderen Unterstützer_innen darüber, dass alltäglicher Rassismus in Österreich von der Mehrheit  so betulich, unschuldig und naiv vor sich hingelebt wird, noch viel heftiger als in Deutschland. Ich kenne das ja nur aus zweiter Hand, aber es gibt da diese Doku auf Youtube, die echt nichts für schwache Nerven ist. (Der Link geht zu Teil 1, von da aus zu den anderen Teilen weiterklicken).  (Achja: Lest nicht die Kommentare. Ernsthaft.)

Am Montag diskutierte ich mit einem wohlmeinenden Bekannten (wir meinen es ja immer alle gut…!) darüber, dass die Refugees aus der Ohlauer-Schule endgültig rausfliegen sollen, und ihm fiel nichts Besseres dazu ein als daß in der B.Z. (so ein Berliner Bildzeitungs-ähnliches Blatt) gestanden hätte, wieviel Kriminalität von der Refugee Schule angeblich ausgegangen wäre und Leute tratschen darüber, dass die Lerndisziplin in dem Deutschkurs, den einige der Refugees in einer nahegelegenen Volkshochschule besuchen durften, nicht grad hoch gewesen sei. Leider fällt vielen weißen Deutschen nicht viel anderes zum Thema Refugee-Aktivismus in Berlin ein. Ich arbeite in der Nähe dieser Volkshochschule, und ich habe dann weiter nachgefragt und erfahren, dass die Lernbedingungen in jenem erwähnten Kurs sehr schwierig bis unmöglich gewesen seien. (Es gab keine gemeinsame Unterrichtssprache und ein paar Leute konnten auch nicht lesen oder schreiben.) Leider hab ich das Gefühl, ich war die einzige, die sowas mal nachfragt. Anderen kommt es nicht komisch vor, wenn die Refugees Aufenthaltsrecht, Sprachkurse und Arbeitsmöglichkeiten fordern und dann den Sprachkurs zum Teil nicht besuchen. Da reicht die Erklärung, die wären halt desinteressiert, den offensichtlichen Widerspruch aufzulösen? Es heisst doch immer, dass die berühmte andere Seite auch angehört werden sollte, bevor man sich ein Urteil erlaubt. Im Fall von Schwarzen, von Refugees, halten einige das wohl nicht für notwendig.

Und das, wo ich mich frage, wie wir eigentlich die ganze Zeit leben können mit dem Wissen, dass vor den Grenzen Europas täglich Menschen sterben, dass wir eine humanitäre Katastrophe hier vor der Tür haben und nichts tun und mit Frontex eine Privatarmee halten (als Europa jetzt) die Arme und Verfolgte bekämpft. Ich frage mich das und andere fragen sich zu dem Thema, wieso jemand in einem VHS Kurs auf sein Handy guckt und ob es der Person zusteht, als armer Mensch überhaupt ein Handy zu haben. Es frustet.

Und dann passierte es einer Freundin, dass die kürzlich auf einem Event war, wo ein alltagsrassistischer Vorfall war und sie versucht hat, jemand für den Event Verantwortliches zu finden, mit dem sie über eine für alle okaye Vorgehensweise reden kann, wie reagiert werden könnte – und die sich stattdessen dann wieder findet als das Gespött von Veranstaltungsleitung, anderen Besucher_innen und einem Sponsor. Fast schon österreichische Verhältnisse… die weißdeutsche Mehrheit versichert sich gegenseitig selbst wie toll und im Recht und wie okay sie doch sind, und die eine abweichende Stimme – jaja, das muss ja Überempfinlichkeit sein. Ich denke, sie schreibt irgendwann noch was dazu und dann verlinke ich das.

Alles in allem also echt wieder die böse Welt. Die böse Welt. Es ist echt unerträglich und trotzdem ertrage ich es, trotzdem wird weiter gefeiert und geselfcared und alles, weiter im Tagesgeschäft… seufz. Gestern habe ich einen Film gesehen darüber, ob die Deutschen in der Nazidiktatur vom Holocaust gewusst haben und ob sie dagegen hätten rebellieren können. Heute frage ich mich, wieso so wenige Leute aufstehen gegen das Sterben vor der Festung Europa.

Dann habe ich gestern in der Pause auf Arbeit einen Text auf Medienelite gelesen: Feminismus als Selbstinszenierung.  Ich hatte sehr gemischte Gefühle. Einerseits trifft es manches voll auf den Punkt, und ich könnte so viel unterschreiben. Andererseits finde ich der Artikel ist auch ne ganz schön krasse (Selbst)geisselung, weil einfach viel zu wenig Platz ist für die ganzen Zwischentöne und sehr hohe Ansprüche an die feministische Szene daraus sprechen. Klar gibt es dieses viele Mimimi und es rennen auch wirklich ein paar Leute auf Twitter rum, die Verantwortung abschieben, sich selbst zum hilflosen multidiskriminierten Wesen erklären und tatsächlich mehrfachdiskriminierte Menschen für ihr angebliches dominantes Verhalten am einen Tag in Grund und Boden stampfen, und am anderen Tag die selben Menschen für ihre Stärke loben. Also die feministische Untervariante von White Womens’ Tears. (bitte einfach googlen, das ist so ein feststehender Begriff dafür, dass weiße Frauen andere Menschen kontrollieren durch ihre Inszenierung von Hilflosigkeit und Ängsten).

Andererseits denke ich: Ja und? Natürlich findet all das statt. Wir sind Menschen und machen Fehler, und wir existieren in einem System, deren Machtstrukturen so und so sind und die haben wir kräftig mit verinnerlicht. Und schädigen andere und, wenn wir selber die Diskriminiertenkarte in der jeweiligen Struktur gezogen haben, mitunter uns selbst dadurch. Also wundert es mich halt kein bischen. Wir arbeiten dagegen an – aber das sitzt einfach sehr tief. Ich frage mich, ob der Text von Nadine nicht selber ein wenig an dem hohen Anspruch leidet, den sie kritisiert: dass wir aus diesen Strukturen bitte schon ausgebrochen sein sollen.

An der Stelle mag ich ja manchmal die Texte von Antje Schrupp. Hier “die schmerzhaften Debatten unter Feministinnen“. Weil sie oft das Drumherum beleuchtet. Wir kriegen Dinge nicht hin, ja. Aber kriegen die Anderen sie hin? Wie sieht denn die Kultur von Kritik und Auseinandersetzung so allgemein aus? Kann es sein, dass wir da vor Schwierigkeiten stehen, die schon lang vorher hätten absehbar sein können? Es ist nun mal nicht so, dass wir, bloss weil wir Feminismus gut und Diskriminierung scheisse finden, auf einmal in der Lage sind, anders mit allem umzugehen und verinnerlichte Muster abzuwerfen.

Eins finde ich auch sehr wichtig. Angesichts der bösen Welt, dem Netzaktivismus und all der Fails und Frustauslöser. Sich offline mit Leuten zu treffen, ob zum Aktivismus oder auch zum Diskutieren oder einfach bloss herumrelaxen, das bringts. Zum einen kommt vom blossen Petitionen online klicken nicht soviel rum als wenn sich Menschen auch konkret offline zusammentun und bemerkbar machen. Zum Anderen – die Gespräche, zusammen stricken, zusammen Blödsinn machen. Das ist toll. Internet und Offline-Leben ergänzen sich doch ganz gut in der Hinsicht.

Wochenendrückblick (geklaut von Valo)

Bei der Spiraltänzer gibt es ja immer einen WochenendRückblick, und mir ist grad danach, auch einen zu machen.

[Wetter] kann ich mich nicht dran erinnern, ich war nämlich bloss arbeiten und schlafen.

[Gemacht] an 3 Tagen 4 Schichten gearbeitet, auf einer Housewarmingparty gewesen und mich im Netz in/mit einer Diskussion herumgeschlagen, wo ich langsam denke: Es gibt wahrscheinlich Wichtigeres.

[Crafts ‘n’ Arts] Ich habe echt so wenig an meinem Featherweight Cardigan gestrickt, weil ich vor lauter Schlafen, ARbeiten und Politdiskutieren zu gar nichts kam. Aber immerhin, so 10 Reihen, das ist ja nicht nichts!

[Bewegt] Radeln und Yoga, genau wie Amala. Ich bin in dieser Woche ca. 140km Fahrrad gefahren und habe an 5 von 7 Tagen Asanas geübt. Dieses Wochenende hab ich allerdings nur son 10 Minuten Quickie hingekriegt und dafür war ich eigentlich auch zu erschöpft.

[Gehört] Der Knit Wits Podcast ist zurück. Ich fand die neue Folge allerdings ärgerlich und rassistisch, weil sie die Klicksprache(n), ohne überhaupt zu wissen, dass diese in Südafrika u. Namibia zb. gesprochen werden, als Witzthema benutzt haben. Dann habe ich den Podcast von Hoxton Handmade (Sharknado) gehört und mich voll schlapplachen müssen bei ihrer Movie-Review. toll.

[Gelesen] Blogtexte zur Selfcare-Diskussion.. siehe meinen letzten Reblog-Eintrag.

[Gesehen] Nüscht. Ich gucke ja kaum Filme oder Videos oder TV.

[Getrunken] Schwarztee, Mineralwasser, Orangensaft, ein Smoothie

[Gegessen] Zuhause belegtes Brot und die Reste der Schokoladencookies, die ich am Donnerstag gemacht habe. Ausserdem gab es auf der Housewarmingparty selbstgemachte Sommerrollen mit ERdnuss-Sauce, oh Mann ich bin verknallt in dieses Essen! Ich muss das lernen die zu machen.

[Gedacht] Ich habe mich aus meiner allgemeinen Verunsicherung gelöst und dann kam gleich eine Riesenwut. Ich dachte wieder viel zuviel nach. Viel zuviel darüber, wie defizitär meine politische Praxis ist, bis ich merkte: Ist gar nicht so defizitär. Nur ist meine Praxis oft eine leise Praxis und manchmal ist sie auch flauschig, und das wird ganz oft nicht wahrgenommen oder wertgeschätzt. Flauschige Kämpfe werden oft gar nicht als wichtige Kämpfe registriert.

[GelerntGelehrt] Ich habe einen entspannten Stil Leuten etwas beizubringen, und ich lasse sie vertrauensvoll machen und schaffe ihnen eine beruhigende Umgebung fürs “Learning by Doing” und zeige ihnen, dass ich es ihnen zutraue.

[Gefreut] über Leute in meinem Lohnarbeitskollektiv. Über Nettigkeiten und gutes Zusammenarbeiten, zusammen feiern, und auch befreundet sein.

[Geärgert] Über Einander-nicht-zuhören, während vom einander zuhören geschrieben wird. Über schlechte Gespräche, während von guten Gesprächen die Rede ist. Naja, ich schätze, das muss es auch geben.

[Gekauft] Nichts.

[Dankbarkeit] Grad so über die Basics: Ein schönes Dach über dem Kopf zu haben, einen Job zu haben, leidlich fit zu sein, die liebe Familie..

[Spirituelles] nix

[Und sonst so?] Ich mache keine Doppelschichten mehr, hab ich beschlossen. Die gehen so an die Substanz. Aber eine Kollegin hat eine krasse Diagnose bekommen und fällt lange aus, eine andere ist auch grad lange ausgefallen, und dieses ständige Krepeln an der Unterbesetzung dauert schon so lange an. Es ist schwer Leute zu finden, die in einem Kollektiv mitarbeiten wollen und ne körperlich anstrengende Arbeit machen wollen.

[Ausblick auf die nächste Woche] Ein neuer Anlauf, ein genormtes Rezept für Pizzaschnecken herauszuarbeiten, Lohnbuchführung, Saxophon und Spinntreffen. Morgen hab ich frei von allem, was mich nervt!

Selbstfürsorge – I did it my way!

Im Moment werden in der in der deutschsprachigen Bubble meiner Wenigkeit Texte zum Thema Selbstfürsorge/Selfcare geschrieben und diskutiert:

Während ich mich an der Diskussion auch ein bischen beteiligt habe, will ich mal einfach einen neuen Text in die Runde werfen, über Selbstfürsorge, wie sie mir gut tut und warum ich sie benötige. (Und auch versuchen, das Ganze in einen Zusammenhang zu stellen mit sonstigen politischen Verhältnissen.)
Lustigerweise wurde mir auch ein Link reingereicht zu einer Diskussion über Selfcare, die 2012 in der englischsprachigen Blogsophäre geführt wurde:

Zuerst mal ist es mir ganz wichtig zu sagen:
Wann deine Energie zu Ende ist oder wann es dir schlecht geht, oder wenn du meinst, du solltest etwas für dich tun oder dir etwas gönnen, dafür bist du selbst die kompetenteste Person! Selfcare ist, dass ich bestimme, was ich wann benötige, und die Verantwortung übernehme für mich selbst und mein Wohlbefinden.
In diesem Sinne ist Selfcare eine selbstermächtigende, proaktive Praxis.
Die Kompetenz und Verantwortung für mich gebe ich keinen Mediziner_innen ab, die sich um mich kümmern sollen (wobei ich natürlich jederzeit welche zu Rate ziehen kann, wenn ich das möchte). Ich erteile auch nicht anderen (politischen Projekten, den “schlimmen Verhältnissen”, anderen Aktivist_Innen etc) die Berechtigung, über meine Ressourcen zu verfügen und zu bestimmen, wann sie erschöpft sind und wann ich Regeneration brauche, sondern das beurteile ich selbst. (Wobei ich mich natürlich jederzeit mit Freund_innen, Kolleg_innen, Aktivist_innen dazu beraten kann).

Obwohl Selbstfürsorge in dieser Diskussion im Zusammenhang mit Polititk und Aktivismus steht, entstehen Belastungen nicht unbedingt nur durch Aktivismus, oder manchmal auch gar nicht durch Aktivismus. Bei mir ist es z.B. so, dass ich in einer Großstadt lebe, und dadurch Belastungen durch Lärm, Abgase, stressigem Strassenverkehr und so weiter ausgesetzt bin. Dann kommt die Lohnarbeit dazu, die körperlich, und manchmal psychisch auch anstrengend ist. Und dann kommen noch meine sehr, sehr vielen Interessen dazu, von denen ich irgendwie nichts aufgeben möchte. Zeitmanagement wird da zur Herausforderung. Ich mag soziale Netzwerke im Internet deshalb, weil ich da mal schnell mit Leuten kommunizieren kann. Auf der anderen Seite fressen sie total viel Zeit und das Facebook- und Twitter-checken und der ständige Zustrom von Informationen und Aktionen kann eine_n schon einsaugen und nicht so schnell wieder loslassen.
Also ist es eigentlich für mich auch viel das moderne, digitale Stadtleben, das mich manchmal gar nicht zur Ruhe kommen lässt, und es ist ja am Ende egal, wodurch das Bedürfnis nach Entspannung und Auftanken entsteht.
Wichtig ist mir, auf dieses Bedürfnis zu achten und mir selbst das zu geben, was ich in dem Moment brauche.

Dabei helfen mir eine ganze Menge an Selfcare-Methoden. Es gibt akute Methoden (die ich anwende, wenn es mir gerade akut schlecht geht, und sonst eher nicht oder nur nach Lust und Laune) und dauerhafte, durchgehende Gewohnheiten, die ich mir zur Gewohnheit machen musste – weil, würde ich sie unterlassen, das bei mir gradewegs in die Selbstzerstörung führen würde.
Die “Gewohnheitsmässige Selbstfürsorge” würde ich auch “nachhaltigen Aktivismus” nennen, und sie als Teil einer politisch bedeutsamen Praxis ansehen. Nachhaltiger Aktivismus, weil ich dabei nicht von einer Aktion zur nächsten lebe und mich verausgabe, sondern so lebe, dass ich auch in vielen Jahren noch in der Lage bin, mein Leben als politisch interessierte und aktive Person zu leben.

Ständige Selbstfürsorge/Gewohnheiten:

Die allerwichtigste: Sei nicht alleine!
Du bist niemals allein. Auch wenn es so aussieht. Es sind bei den meisten politischen Themen noch andere am selben Thema am arbeiten. Du bist nicht allein, und du kannst dich mit Anderen zusammenschliessen, denen es so ähnlich geht wie dir. Wenn es nicht möglich ist, dass in deiner Community, deinem Wohnort, oder in deiner Region live mit Menschen zu tun, dann kann das Internet helfen, dich mit Menschen zusammenzutun, und ihr könnt euch gegenseitig bestärken und euch weiterhelfen.
Politisch aktiv und weiterdenkend zu sein, ist für mich auch immer nur möglich, weil ich genügend Menschen um mich habe, die mich darin bestärken und mit mir unterwegs sind. Beste Freund_innen, Kolleg_innen, die feministische Blogosphäre, die Twitteria.. <3

goodies
Nicht allein: Als ich mich mal tagelang in einer ermüdenden Rassismusdiskussion (erfolgreich btw, yay!) abgekämpft hatte, hatte Fröken von Horst mir dieses Päckchen geschickt und einen ermutigenden Brief. <3

Kontext: Die Held_in, die völlig alleine gegen das Böse auf der Welt sich märtyrer_innenhaft aufreibt, ist nicht nur ein super ungesundes Bild, sondern schliesst sich meiner Meinung nach an so einen weißen Held_innenkomplex dran. In dem weiße Menschen als Individuen behandelt werden, und Schwarze oder People of Color als Kollektiv. Es gibt so viele Erzählungen und Mythen über den weißen, einsamen Helden, während People of Color den Preis dafür zahlen, die gesichtslose, zu rettende “Masse” im Hintergrund zu sein. Ich habe selber Probleme damit, weil in meiner politischen Sozialisation oft von “Zivilcourage” die Rede war, und damit war meist gemeint, dass eine Person in ihrem Inneren mit sich ausmacht, gegen Unrecht einzuschreiten, und das dann auch ohne Rücksicht auf Gefahren heldenhaft tut. Auf den Gedanken zu kommen, dass ich vielleicht Hilfe gebrauchen könnte, um überhaupt festzustellen, dass etwas nicht stimmt und mensch was machen sollte, is nicht. Das musste alles so im Inneren mit der inneren Gerechtigkeitsintanz abgemacht werden. Und dann zu denken, sich zusammenzutun mit Anderen und sich gegenseitig zu helfen und Kraft zu geben? Wurde mir so nie vorgelebt oder beigebracht. Währenddessen feiern die Medien weiter die einsamen Held_innen, die sich im Alleingang opfern. Es gäbe viel Nützliches zu lernen von Communities (of color; oder Arbeiter_innen/Arbeitslosencommunities), die kollektives Handeln und gegenseitige Unterstützung höher bewerten und vorleben. Ich hatte einmal das Glück, mit einer Überlebenden des KZ Ravensbrück zu sprechen, und bei den Kommunistinnen dort gab es keine Einzelkämpferinnen-Kultur, und deshalb, erzählte sie, war sie damals in der Lage, selbst im Lager noch Widerstand zu leisten.

Slacktivism: Mit Vorsicht zu geniessen!
Slacktivism kommt von Slacker und Activism. (Slacker: Drückeberger/Faulpelz) Es bedeutet, nutzlose und kleine Handlungen zu vollziehen, um das eigene Gewissen zu beruhigen, wenn mensch von schlimmen Zuständen oder Ungerechtigkeiten erfährt. Ich finde die Kritik an Slacktivism teils übertrieben, aber was ich schädlich für mich finde, ist: Informationen “reinkriegen” (über soziale Netzwerke im Internet, aber auch in den Nachrichtenmedien) die von schrecklichen Zuständen und Ungerechtigkeiten berichten, aber den Eindruck machen, niemand könne dagegen etwas ausrichten. Gefühle von Ohnmacht und Verzweiflung sind die Folge. Maria Mies schreibt in “Globalisierung von unten” über das Internet als potentieller Motor von emanzipatorischen Bewegungen:

“Wer die geistige Gesundheit der Menschen erhalten will, muss ihre politische Handlungsfähigkeit erhalten. Sie müssen das Gefühl behalten, dass sie selbst etwas verändern können, dass sie nicht hilflose Opfer sind, dass es eine Alternative gibt. Das heisst, mit den neuen Informationen und Erkenntnissen muss eine Handlungsperspektive eröffnet werden. Diese Handlungsperspektive muss so gestaltet sein, dass sie Erfolg haben kann. Nichts motiviert mehr als Erfolg.
Das setzt ausserdem voraus, dass die Vermittlung von Informationen und Wissen gleichzeitig eine oder mehrere soziale Beziehungen herstellt oder reaktiviert. (..)
Wenn zu solchen positiven Beziehungen elektronische Kommunikationsmittel als Instrumente hinzukommen, können sie tatsächlich mit Gewinn in einer Bewegung genutzt werden. Die Instrumente und die Masse an Informationen allein bewegen jedoch noch nichts. Im Gegenteil, sie können zu Ohnmachtsgefühlen und Apathie führen.” (Globalisierung von unten. Der Kampf gegen die Herrschaft der Konzerne. Maria Mies 2002, S. 45)

Message
Informationen, die übers Netz verteilt werden allein sind nicht unbedingt hilfreich.

Mit welcher Art von Information ich es zu tun habe, und ob sie Handlungsperspektiven eröffnet oder nicht, kriege ich ziemlich schnell mit, wenn ich auf meine Gefühle achte. Wenn z.B. Aktivist_innen und Blogger_innen über schlimme Zustände schreiben, ist das für mich meist empowerend und nicht kräftezehrend. Denn ich sehe: Da sind Menschen präsent, die dem etwas entgegensetzen – und ich kann das möglicherweise auch tun.
Artikel, die in Richtung “Verschwörungstheorie” und Panikmache gehen, empfinde ich dagegen ganz klar als kräftezehrend und mir bringt es auch gefühlsmässig nix, mich dann zur “wissenden Elite” zählen zu dürfen – das elitäre Denken, das hinter Verschwörungstheorien steckt, bedeutet ja auch, dass die Vereinzelung und das allein sein gefeiert wird. Und genau das ist es ja, was mich eher entmutigt. Daher versuche ich, mich so weit als möglich von Verschwörungstheorien und Panikmache fern zu halten.

Körperarbeit und Bewegung

In einem Text, der Self Care kritisiert, nämlich “An End to Self Care” von B. Loewe, wurde z.B. gesagt, dass es ein Privileg sei, Zeit für beispielsweise Yoga zu haben. Dazu sage ich: So können nur Leute denken, deren Körper es ihnen verzeiht, mit Bewegungsmangel und Energieraubbau längere Zeit zu funktionieren. Sei es, weil sie noch jung sind. Sei es, weil sie keine langen, monotonen oder einseitig belastenden Tätigkeiten ausführen müssen. Oder wenn sie nicht lange sitzen oder nicht körperliche Schwerstarbeit leisten müssen.

Für mich kommt Bewegungsmangel nicht in Frage. Und es reicht auch nicht, irgendeine Art von Bewegung zu machen – ich muss zu dem, was ich für meinen Broterwerb mache, einen Ausgleich schaffen. Ich muss. Wenn ich dafür eigentlich keine Zeit habe, dann präsentiert sich mir 2-3 Wochen später die Rechnung in Form von Rückenschmerzen und Muskelverspannungen bis hin zu chronischen Entzündungen. Muskeln verhärten derartig, dass sie mir das Rückgrat verziehen. Also muss ich mir Zeit dafür eben nehmen, auch wenn das heisst, dass ich auf andere Dinge, die ich lieber gemacht hätte, verzichten muss.

Das vorweg. Dessen ungeachtet finde ich Körperarbeit und Bewegung auch deshalb soooo super, weil es eigentlich nur ganz wenige Einschränkungen gibt, und sich so gut wie alle Personen in allen möglichen Lebenslagen ihre Vorzüge erschliessen können. Es gibt gerade in bestimmten Sportszenen zwar viele Ausschlüsse, wie z.B. Fatshaming, schädliches Leistungsdenken, und kulturelle Aneignung, (Decolonizing Yoga ist z.B. eine Webseite, die sich mit diesen Themen beschäftigt) aber Körperarbeit ist am Ende etwas, was meine ganz eigene Sache ist. Mein Körper gehört mir (oder bin ich, je nachdem), und ich kann mich durch Bewegung und Körperarbeit mit meinen Selbstheilungskräften verbinden und auch ganz profan Körperkräfte/Beweglichkeit/Geschick aufbauen und mobilisieren. Das macht mir Spass und gibt mir auch ein gutes Gefühl.

Körperarbeit deshalb einer reichen, esoterisch interessierten, weißen Mittelklasse zu überlassen, weil einige Leute das für sich so angeeignet und kommerzialisiert haben, ist für mich selbstschädigend.

Für mich gibt es die Schwierigkeit, dass das, was ich mache, gelenkschonend sein muss, es darf nicht viel Geld kosten, und es darf nicht zuviel Zeit in Anspruch nehmen. Deshalb habe ich z.B. mit dem Schwimmen gehen aufgehört. Regelmässig kann ich mir das nur leisten, wenn ich in das verbilligte “Früh- und Spätschwimmen” in der Schwimmhalle gehe, Zeiten, zu denen ich in der Regel arbeite oder schlafe. Und selbst dann ist das Hinfahren, das Umziehen, das Schwimmen, das Trockenfönen und dann wieder umziehen und Heimfahren ein Zeitaufwand, der sich als unpraktikabel erwiesen hat. Im Sommer fahre ich zum nächsten Badesee auch eine halbe Stunde mit dem Rad, (Öffis sind zu teuer und brauchen eh genauso lang) und dann sind mit Umziehen/Abtrocknen und Fahrt eineinhalb Stunden schon mal weg, ohne dass ich einen Zug geschwommen bin. Ein anderes Problem ist, dass ich nur Rückenschwimmen oder Kraul machen sollte, wegen der Knie (und dem Rücken), ich aber Kraul nicht kann und in den vollen Bädern und Seen Rückenschwimmen dauernd zu Kollisionen führt. Bisher hatte ich einfach das Zeitfenster nicht, mir einen Erwachsenenschwimmkurs zu gönnen, um Kraulen zu lernen, und meine Versuche, es selber zu lernen, zogen sich etwas hin (einmal hat ein anderer Schwimmer sich erbarmt, der mein Gestrampel mit ansah, und mir ein paar hilfreiche Tips gegeben).

Praktikabel für mich: Walken/Laufen/Radfahren und Yoga/Rückensport. Letzteres habe ich 1.5 Jahre von der Kasse bezahlt bekommen, jetzt mache ich es zuhause und nutze ein Online-Yoga-Programm. Es ist zwar nicht kostenlos, aber ich finde, sehr gut gemacht, und ich kann mir das noch eher leisten als einen Live-Yoga-Kurs. Zumal die Yogakurse, die ausserhalb meiner Arbeitszeiten stattfinden, durch die Bank für Schwangere oder Mütter mit Kleinkindern konzipiert sind. Ausserdem bin ich gut darin, mir Dinge mit Hilfe von Lehrmaterial selber beizubringen.

Wie für den Punkt “Ernährung” gilt: Ich verschenke unglaublich viel an Kraft, Energie und Potential, wenn ich hier keine Selbstfürsorge betreibe. Es heisst nicht umsonst “use it or lose it”, was z.B. die Muskulatur angeht. (deutsch: Benutz es oder verlier es). Wenn du diesen Überschuss an Energie und Kraft sowieso hast, dein Körper in der Lage ist, deine Versäumnisse auszugleichen: Gut für dich! Wenn du mit deinen Kräften haushalten musst, willst die sie wahrscheinlich nicht verlieren, und dafür Schmerzen kassieren. Und solange es geht, ist Bewegung und Körperarbeit im Vergleich zu Krankenstand, Medikamenten und Operationen zugänglich, billig, unschädlich und heilend.

scheissegal mudra
Wohltuend für Körper und Geist: Spazieren gehen an der frischen Luft und Yoga. Hier das “Scheiss drauf Mudra” – diese Handhaltung hilft, Gedanken an unangenehme Zeitgenoss_innen in die Bahnen zu lenken, in die sie gehören.

Nein sagen, Klartext reden, Grenzen setzen.
…fällt mir auch schwer. Angst haben, anzuecken, dass Leute eine_n dann nicht mehr mögen könnten, oder beleidigt sind. Die meisten Lügen, die ich erzähle, sind nicht, weil ich anderen eine reinhauen will, sondern weil ich Streit vermeiden will oder Angst habe, dass andere durch unangenehme Wahrheiten beleidigt werden.
Nein sagen, und zu sich selbst zu stehen, ist für mich eine Selbstfürsorge, die erstmal anstrengend ist und Mut braucht, aber hinterher weniger Kraft verbraucht und sehr erleichternd ist. Und dies ist vielleicht die privilegierteste Praxis von Allen, aber ich weiss nicht, ob “Nein sagen” überhaupt so ein wichtiger Punkt für Leute ist, die das ohne weiteres können. Menschen, die es nicht ohne weiteres können, gerade wenn sie in marginalisierten Positionen stecken, wo ihnen “Neins” und deutliche Worte übel ausgelegt werden, sind die Menschen, von denen ich am meisten und das Beste über das Nein sagen gelesen und gehört habe.
Meine Wahrheit auszusprechen, bringt mir Selbstachtung und Selbstliebe, mich nicht verstellen zu müssen oder wenigstens nicht in allen Dingen verstellen zu müssen. Es wird immer Dinge geben, die ich nicht gefahrlos offen sagen kann, und da möchte ich nachsichtig und verzeihlich mit mir selber umgehen. Und es da eben tun, wo ich es schaffen kann – und mich darüber freuen, wenn es gelingt.

Ich habe eine Inspiration zum Nein-sagen:
Falls ihr Star Trek nicht kennt: Vulkanier sind so spitzohrige Aliens in einem Sci-Fi-Universum, denen man nachsagt, nicht lügen zu können. Spock redet Klartext und stellt sich notfalls auch vor Vorgesetzte hin und sagt “Nein”.

Eine andere Methode, Klartext zu reden, ist für mich, einzugestehen: “Ich habe einen Fehler gemacht; Ich habe meine Meinung geändert; Ich habe mich anders entschieden.” Das habe ich aus Dr. Zimbardos “Guide for resisting influence”. Zimbardo hat ein Buch geschrieben, das “der Lucifer Effect” heisst, (ich habe es nicht gelesen) und darin geht es um das Stanford Prison Experiment. Darin wurde erforscht, wie Gruppendruck und Machtgefälle in Gruppen aus Menschen Täter_ machen können, die anderen Menschen Gewalt antun. Bei “Resisting Influence” oder auf deutsch: “Beinflussung abwehren” geht es tatsächlich um die Held_innennummer – sich zur Not allein gegen die Mehrheit stellen, und die eigene Wahrheit auszusprechen.
Zwar siehe oben, der “weiße Helden_komplex” und so, aber manchmal kommt man um die Held_innennummer nicht drum herum.

Und bei dem Abwehren von Beeinflussung kann es wichtig sein, zum einen meiner eigenen Wahrheit treu zu bleiben, aber zum anderen durchaus meinen Standpunkt auch zu ändern: Es gibt Strategien der Beeinflussung, nachdem du zunächst von einer Position überzeugt wirst, und danach ein konsistentes Weiterführen des Weges, den du dann schon mal eingeschlagen hast, von dir verlangt wird – obwohl der eigentlich nicht mehr dem entspricht, was anfangs noch okay erschienen war. Und das ist dann der Moment, an dem es genauso gut und stark ist, zu sagen: “Ich habe einen Fehler gemacht/meine Meinung geändert” und aus dem Konstrukt auszusteigen.

Für mich war es wichtig zu verstehen, dass Klartext zu reden und Nein zu sagen eine nützliche und liebevolle Sache ist. Ich bin ziemlich harmoniesüchtig und möchte Leute nicht verletzen, aber wir kommen nirgendwo hin, wenn wir uns und anderen nicht die Chance geben, dass wir uns kennen lernen. Und anderen Grenzen zu setzen ist zwar furchtbar anstrengend, aber es ist am Ende freundlich, die anderen wissen zu lassen, wo ich selber stehe und wie sie mit mir umgehen sollen. Für mich ist es auch einfacher und weniger anstrengend, wenn andere sich trauen, ihren Standpunkt zu benennen und ihre Grenzen zu setzen.
Also übe ich das…

Was typischerweise passiert, ist, dass ich eine Grenze zunächst nicht setzen kann oder mich unklar verhalte, oder zu oft “Ja” sage, und dann später irgendwann merke, das tut mir gar nicht gut, da hab ich mich in etwas reinmanövriert. Danach Grenzen zu setzen wird immer schwerer, weil Leute von eine_r verlangen, konsistent zu handeln (siehe oben). “Warum hast du denn nicht früher/gleich etwas gesagt?”; “Jetzt ist es zu spät”, usw.
Dann klar zu sagen: “Ich habe meine Meinung geändert. Ich möchte das jetzt nicht mehr.” finde ich sehr, sehr empowernd. Überhaupt habe ich es in den letzten Monaten und Jahren sehr bekräftigend gefunden, Nein zu sagen, sich klarer zu positionieren und zu erleben, dass andere Menschen darauf positiv reagiert haben. Und wenn nicht, dass es immer gleichzeitig auch Leute gab, die das okay fanden und die mich okay fanden.

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In Ermangelung eines legal benutzbaren Bildes aus der Star Trek Filmindustrie: Dieser freundliche, mir unbekannte Vulkanier wurde von istolethetv aus Hong Kong fotografiert und unter einer cc-by 2.0 lizenz ins Netz gestellt.

Ernährung
Das ist das Gebiet, wo im Moment das meiste bei mir im Argen liegt. Gerade ist es zeitlich aber nicht drin, auch noch öfter leckere Dinge zu kochen, und viele Tage sehen so aus: Arbeit, heimkommen, Takeaway/Imbiss/oder schnell eine Stulle schmieren, essen, vor dem Internet absacken, pennen gehen.
Ich glaube aber daran, dass es auch sehr wichtig ist als Selfcare, sich zu verzeihen, wenn mensch nicht alles schafft. Sich nicht als schlecht oder ungenügend zu verurteilen, wenn ich nicht die perfekte, auf allen Gebieten punktende Feministin bin. Gerade beim Thema Ernährung gibt es viele, schon ins fanatische gehende Überzeugungen. Wie du es machen sollst, wird dir vorgeschrieben, und wenn du es nicht so machst, darfst du nicht mit Mitgefühl rechnen, wenn es dir dann schlecht geht. Und dadurch wird Ernährung ein Gebiet auf dem viele Menschen eher entkräftet und gegängelt werden, statt ermächtigt und geheilt. Trotzdem bietet gerade Essen (was ich ja sowieso machen muss) mir die Möglichkeit, mich relativ billig und effektiv zu stärken und zu heilen.

Ich würde, was Ernährung angeht, empfehlen, sich Konzepte von “Health at Every Size” anzusehen, die auf intuitives, genussvolles Essen und das Nutzen der Weisheit des eigenen Körpers setzen. Denn Druck auf sich selbst auszuüben empfinde ich als entkräftend und anstrengend, und ausserdem haben wissenschaftliche Studien ergeben, dass eingeschränktes, genussloses Essen aus rein gesundheitlichen Gründen bewirkt, dass ganz viele Nährstoffe gar nicht richtig aufgenommen werden. Wenns nicht schmeckt, tut’s auch nicht gut. (Info habe ich aus dem Buch “Health at Every Size” von Linda Bacon)
Noch 3 Links:
Bodylovewellness
Dances with Fat
Riotmango (Körper/Fett-positives Blog auf deutsch)

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Wenn ich doch mal koche, dann meist sehr gerne. Ich hab mir vorgenommen, wenigstens 1x im Monat Freund_innen einzuladen, damit wir uns gemeinsam bekochen. Das ist super schön und es ist einfach was Anderes, als sich nur übers Internet zu kontakten. Leider ist der Grund, warum wir uns meist übers Internet kontakten, der, dass wir dann keinen Aufwand haben und es vom heimischen Rechner aus geht. Und es ist nicht einfach, immer Termine zu finden, wo jede_r Zeit hat… sonst würde ich das bestimmt öfter machen.

Aktivismus und Spass dabei: Die “richtige” Politgruppe für mich.
Nicht immer war das so, aber in den letzten Politgruppen, in denen ich war, gab es eine lockere -vieles kann, nicht alles muss-Atmosphäre, es gab Spass und Gemeinschaft, und es machte auch Spass, etwas zu organisieren. Das war nicht immer so. Ich war auch mal in einer Antifa, wo sich die Leute gegenseitig ihre Zugänge zerredet haben, und so manche Diskussion in einem “es bringt ja alles nichts, aber wir machen aus Pflichtgefühl trotzdem weiter” endete. Dazu kam so ein Konkurrenzdenken wie “ich bin politischer als du/ich bin aktivistischer als du..”

Die Verhältnisse sind scheisse. Aber es endet nicht gut, wenn eine Gruppe sich die Schuld dafür gibt, dass die Verhältnisse sich nicht oder nicht schnell genug ändern. Ich wurde glücklicherweise von den meisten spassbefreiten Politmärtyrer_innen als “zu unpolitisch” abgelehnt und habe nie Zugang zu deren Gruppen bekommen. So blieb mir einiges erspart. Die schönsten Sachen, die ich mit machen durfte, waren Spassguerillasachen, oder mit Leuten auf Demos gehen, die nicht so verbissen und berufstraurig waren. (Nichts dagegen, wenn du traurig bist! Aber dir jede Freude verbieten, solange es Menschen auf dieser Welt schlecht geht, hilft niemandem!)

Auch mit meiner alten Amnestygruppe hatte ich eine gute Zeit, obwohl wir uns mit der Todesstrafe, mit Diktatur und Diktatoren usw. auseinandergesetzt haben, haben wir uns nicht runterziehen lassen, sondern halt unsere Aktionen gemacht und beim Aktiv sein miteinander Spass gehabt. Oder uns zusammen geärgert. Auf jeden Fall war es gut.

Ich kann mir jedoch nicht alle politischen Zusammenhänge aussuchen, z.B. wenn ich in einem Wohnprojekt lebe oder in einem selbstorganisierten Betrieb arbeite, hängen mein Dach über dem Kopf und mein Geld zum Leben davon ab. Das sind in meinem Leben auch die Bereiche, wo ich erschöpft werde und auch Auszeiten brauche. Ich glaube, bei der Kritik an Selbstfürsorge, wo sowohl in der englischsprachigen als auch in der deutschsprachigen Diskussion argumentiert wurde, dass mensch keine Pause vom Aktivismus braucht, sondern dass Aktivismus und Gemeinschaftssinn einer_einem Empowerment geben sollte, von dem man bittschön nie genug kriegen sollte, fällt eines unter den Tisch: Wenn du Abhängigkeiten von deinen politischen Zusammenhängen hast, oder dein Wohnen/Essen/Geldverdienen ins Spiel kommen, ist ein ganz anderes Konflitkpotential da. Da sind Ängste im Spiel. Menschen arbeiten sich aneinander ab, wenn es um “mehr” geht, wenn sie was zu verlieren haben. Manchmal erfordert das dann viel Arbeit und Nerven und Angst aushalten, es ist Mediation nötig, es sind Gruppendynamiken auszuhalten. Zwar ist es nicht der Aktivismus selbst, der schadet und erschöpft, aber Menschen verletzen und bekämpfen sich eben manchmal, auch in alternativen/politischen Zusammenhängen, und besonders, wenn dies Zusammenleben und Zusammenarbeiten beinhaltet. Das ist nicht schlimm und wohl überall so, aber es ist Selbstfürsorge, diese Anstregungen als solche anzuerkennen. So zu tun, als gäbe es solche Probleme im Aktivismus und in politischen Zusammenhängen nicht, halte ich für naiv.

Ausserdem kommen natürlich in allen Gruppen bestimmte *-Ismen vor. (Sexismus, Rassismus, usw.) Ich komme damit relativ gut klar, weil ich bestimmte Themen aus bestimmten Gruppen raus halte oder ausblende, sprich: Ich komme mit Verletzlichkeiten meistens dort an, wo ich erwarten kann, damit ernstgenommen zu werden. In meiner Amnestygruppe gab es z.B. eine sehr geringe Awareness zum Thema Sexismus und Homophobie. (Fand ich) Wir haben eine Kampagne gegen häusliche Gewalt nicht mitgemacht, weil die Gruppenmitglieder fanden, das sei eigentlich kein Menschenrechtsthema/kein Amnesty-Thema. Was ich sehr schade fand, aber ich konnte das auch nicht richtig vermitteln, warum es doch sehr wichtig und ein Amnestythema meiner Ansicht nach ist. Da merke ich, dass verdrängen/ausblenden auch eine ganz nützliche Eigenschaft ist, und ich merke, es ist toll, so eine Kombi zu haben aus Zusammenhängen, wo alle “Bedürfnisse” irgendwie abgedeckt sind. Wenn die Amnestygruppe meine einzige Kontaktmöglichkeit zu anderen Aktivist_innen gewesen wäre, dann hätte ich nämlich ganz schön viel alleinsein und Ärger verdauen müssen. Ich bin da als Bewohnerin einer Großstadt auch beglückt und beschenkt, da kann ich mir im Prinzip für jedes Interesse ein eigenes Grüppchen “halten”, aber auch da wirds dann zeitlich eng. Für Kontakt zu Leuten die viel Selbstreflektion und Bewusstsein über eigene Privilegien und Diskriminierung haben, nutze ich zur Zeit hauptsächlich das Internet.

Wenn es die Möglichkeit gibt, eine Aktivist_innengruppe zu haben, die du, wenn es dir nix taugt, auch wieder verlassen kannst (ohne dass gleich deine Lebensgrundlage wackelt) würde ich auf jeden Fall lustige, bestärkende Gruppen empfehlen. Wo es mehr ums Machen und ums gemeinsame Organisieren geht, als ums sich-runterziehen an der Schlechtigkeit der Verhältnisse oder die Demonstration, wer am meisten macht und am meisten Bewusstsein hat. Ich finde es wichtig, dass die Gruppe ihren Erfolg an Dingen misst, die sie auch selbst beeinflussen kann: Wir ist die Demo/Veranstaltung gelaufen, wie haben wir unser Anliegen rübergebracht? Und nicht: Wieso haben wir das System immer noch nicht umgekippt bekommen?

Rosa Rose Garten: Bau einer Kräuterschnecke
Auch wenn ich letztes Jahr gar keine Zeit dafür erübrigt habe: Rosa Rose, die politische urban Gardening Truppe meiner Träume! Es gibt bei Rosa Rose keinen Druck, so und so viel politisch zu “leisten”, mensch kann jederzeit auch “nur” ein bischen mitgärtnern, aber es gab immer gegenseitige Unterstützung bei Frust und es gab schöne gemeinsame Aktionen, Demos… <3
Ich fand es super, was die Rosen trotz dieses entspannten, drucklosen Umgangs miteinander immer wieder hinkriegen und veranstalten!

Meditation und Entspannung

Ich habe das bei der “ständigen Praxis/Gewohnheiten” aufgeführt, obwohl ich es leider nicht regelmässig mache, weil es mir im Akutfall nicht so gut hilft. Ich habe gehört, um sich mit Meditation entspannen und vom Gedankenkreiseln befreien zu können, benötigt es etwas Übung. Und die habe ich (noch) nicht.

Durch das regelmässige Yoga komme ich immer am Ende in den Genuss einer Kurzmeditation. Ich merke auch, dass es mir sehr gut tut, alle paar Tage eine Zeitspanne einfach nicht für irgendwas zu “nutzen” und sie mit “gar nichts” zu verbringen. Spazieren gehen finde ich z.B. sehr hilfreich, oder sich eine “Rückenentspannung” gönnen: Sich ca. eine halbe Stunde hinlegen, und die Beine so hochlagern, dass sie im rechten Winkel zum Körper sind und die Knie rechtwinklig gebeugt. Das soll bewirken, dass die Bandscheiben sich mit Flüssigkeit vollsaugen und wieder aufpumpen, weil sie jeden Tag in der aufrechten Haltung zusammengequetscht werden. Ich lege mich dann auf den Boden auf einen weichen Teppich und lege die Beine auf einen Stuhl.

Meditation finde ich auch deswegen gut, weil es eine Technik ist, die nichts an Zubehör benötigt und die überhaupt nichts kostet. Es gibt religiöse und völlig unreligiöse Formen zu meditieren. Ich persönlich verwende lieber diejenigen, die einen spirituellen Touch haben, und folge damit auch meinem Bedürfnis nach einer Verbindung mit etwas, das grösser und bedeutsamer ist als ich selbst. (das Universum, die Welt, ein kollektives Bewusstsein, ein höheres Wesen, für mich z.B. die Göttin… ) Aber das ist absolut kein Muss.

Was ich gerne als Entspannung/Meditation mache, und ganz gut tut, wenn ich nicht deprimiert bin, ist, mit einer Kamera rauszugehen und irgendwas festzuhalten, was mich gerade anspricht, anspringt, oder mir auffällt.

flickrunde
Gutes Wetter trägt für mich ja ungemein zu Achtsamkeit und Entspannung bei ;-)

Spiritualität
Ooooooooohweia. Ein ganz verrufenes Thema in der linken Szene. Spiritualität ist ja gleich Esoterik und das ist ja genau das selbe wie Faschismus ;)

Ich glaube, ich habe mir das nicht unbedingt ausgesucht, ob ich Spiritualität praktizieren will oder nicht. In meinem Leben hatte ich atheistische Phasen, in denen ich versuchte, davon auszugehen, dass es “nichts” gibt, was irgendwie als Göttlichkeit oder umfassendere Kraft anzusehen wäre, und es hat sich für mich als nicht machbar heraus gestellt. Vielleicht gibt es spirituelle und a-spirituelle Leute, so wie es sexuelle und a-sexuelle Leute gibt, und ich habe gemerkt, dass ich halt ein Bedürfnis nach Spiritualität habe und ich denke, es ist ok, dem nachzugehen. Ich habe oben geschrieben, dass ich zurechtkomme mit Politgruppen, die einige Sachen, die mir wichtig sind, nicht wichtig finden oder sogar dagegen sind. Vielleicht habe ich das dadurch gelernt, dass ich die spirituellen Bedürfnisse in Politgruppen schon immer ausblenden und verdrängen musste. Erst seit wenigen Jahren habe ich das Gefühl, dass ich beides miteinander verbinden kann – und dass die Leute dafür ein wenig offener sind und eine_ nicht sofort dafür auslachen oder rauswerfen. Trotzdem bin ich sehr zurückhaltend mit religiösen Themen, weil ich denke, sie sind eigentlich Privatsache, und ich möchte keine Person mit meinen Ansichten belasten oder ihnen etwas überstülpen.

In diesem Selfcare Text von Leah Lakshmi Piepzna-Samarashina erzählt sie zum Beispiel, dass sie zusammen zu einer Gerichtsverhandlung gingen und für die Person, die Repressionen ausgesetzt war, öffentlich gebetet haben und sich gegenseitig gestärkt haben. Das fand ich sehr schön. So etwas kann ich mir hier in Deutschland ganz schlecht vorstellen.

Für mich ist Spiritualität eine Kraftquelle, und sie hat für mich vor allem mit Verbundenheit zu tun.

  • Verbundenheit mit einer weiblichen Identität, die mir hilft damit klarzukommen, dass Weiblichkeit und Frau*sein in der Gesellschaft oft abgewertet und missachtet wird; ich personifiziere dies als Göttin, und als einzelne spezifische Göttinnen.
  • Verbundenheit mit anderen Lebewesen, Menschen, Tieren und Pflanzen, was ökologisches Engagement nicht zu einer Handlung aus Betroffenheit und Pflichtgefühl heraus macht, sondern zu einem Akt der Liebe meiner “Familie” aus Mitwesen gegenüber. Ich habe das Gefühl von einem Geben und Nehmen, dass ich nur zurückgebe, was mir an energetischer Unterstützung und Liebe gegeben wird.
  • Verbundenheit mit den Ahn_innen, und zwar sind das die familiären und die geistigen Ahn_innen. “Ahnen” klingt oft so faschomässig, und ich glaube, das ist auch ein Gebiet, das völlig zu Recht kritisch angegangen wird in Deutschland, wo unsere Altvorderen zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen und einen beispiellosen Völkermord verübt haben. Trotzdem oder gerade deshalb gehört für mich ein verantwortungsbewusstes Verbunden sein mit Ahn_innen zur Spiritualität dazu, und das heisst, sich mit der Geschichte zu beschäftigen. Die nichtfamiliären Ahn_innen sind die Menschen, die das geschaffen haben, was mich heute umgibt, und was mich heute ausmacht. Wenn mensch so möchte, sind das die Ahn_innen, die mir nicht meine Gene weitergegeben haben, sondern nur die Ideen und das Wissen, was mir zur Verfügung steht. Diese Verbundenheit hilft mir, mein Leben in einem Zusammenhang von Geschichte zu sehen, mich einerseits klein zu fühlen im Vergleich zu all dem, was schon war, aber mich auch als Teil eines grösseren Ganzen zu fühlen, und mit dem, was wir haben, verantwortungsvoll umzugehen.

In der Praxis drückt sich Spiritualität für mich ganz verschieden aus. Meditation, Gebet, Gesang, Musik machen (vor allem Musik machen!), ritualisieren, und Feste mit anderen zusammen feiern. (Letzteres, seit ich meine Frauenritualgruppe nicht mehr habe, leider sehr sporadisch und selten, aber wenn, dann ist das immer schön).
Das ist auch etwas, was bei vielen Interessen und wenig Zeit eher wegfällt und ich merke immer dann, wenn ich mich doch mal entscheide, abends bei Kerzenschein ein leises, musikalisches Ritual zu machen, dass es mich total auftankt und mir super gut tut, mit meinen Geistern, der Göttin und dem ganzen Rest mal wieder kommuniziert zu haben.

Allein, dass ich das hier in diesen Text überhaupt reinschreibe, find ich schon erstaunlich und ein wenig abstrus. So getrennt habe ich früher das politische und das spirituelle gehalten.

wollefest201316
Mein Altar. Eine kleine Göttin habe ich aus Erde gemacht, die andere eine liebe Freundin aus Speckstein in ihrer Ergoteraphie.

Auseinandersetzung mit Kritik

Selfcare und Klassismus.

Ich habe mein Leben so eingerichtet, dass ich genug Geld habe, aber eben nur dadurch, dass ich wenig Kosten habe, die ich andauernd bezahlen muss. (Also bis auf Miete, Telefon/Internet, Saxophonunterricht und die Online-Yoga-Videos.) Das spiegelt sich auch in meinen Selfcaresachen wieder. Ich kann das meiste davon mit wenig oder gar keinem Geld betreiben. Ich mache Yoga auf einer alten, billigen Gymnastikmatte in einer alten, schlabberigen Jogginghose, die ich mal *hüstel* bei jemandem ausgeliehen und vergessen hab zurückzugeben. Politgruppen gibt es in Fahrradreichweite genug und die Linken treffen sich ja wenn, dann meistens da, wo Getränke günstig sind oder wo es gar keinen Konsumzwang gibt. Internetkommunikation ist auch günstig und mein Spirikram kostet mich auch nichts, weil ich keiner Eso-Psycho-Gruppe angehöre, wo mensch teure Dinge oder Seminare kaufen muss. Hähä. Tatsächlich waren in meiner Ritualgruppe fast nur Frauen* die in prekären Verhältnissen lebten und heute noch kenne ich kaum Menschen, die es “dicke” haben..

Selfcare und Privilegien.

Ich weiss nicht genau, warum ich so empfindlich darauf reagiere, wenn das Thema auf Selfcare und Privilegien kommt. In den letzten Tagen habe ich darüber nachgedacht. Ich finde es als vielfach privilegierte Person wichtig, sich Unbequemlichkeiten auszusetzen, sich zurückzunehmen, die anderen reden zu lassen, den anderen zuzuhören, und sich nach dem zu richten, was die Leute, die weniger Privilegien haben, in politischen Kämpfen vormachen oder vorgeben.
Selfcare dreht sich aber nicht um sich zurücknehmen, sondern um sich wichtig nehmen. Es geht dabei um sich selbst zuhören. Die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Sich von Unbequemlichkeiten mal zu erholen. Diese Dinge sind für mich kein Gegensatz, sondern eine gleichzeitige Sache. Wenn ich mich selber nicht pflege, kann ich auch nicht andere Menschen unterstützen und ein_e Verbündete sein.
Deswegen habe ich so grosse Widerstände, wenn ich beim Thema Selbstfürsorge ein “check your privilege” zu hören kriege.
Vielleicht sollte ich das auch besser trennen können, das Reden über Selbstfürsorge und die Praxis der Selbstfürsorge an sich; aber wenn aus dem Diskutieren irgendwann praktische Konsequenzen gezogen werden, was wären denn die praktischen Konsequenzen aus der Selfcarekritik?
Also mache ich das (ist vielleicht auch totaler Quatsch) so, dass ich das Bewusstmachen von Privilegien als wichtigen Teil vom politischen Aktivismus sehe, aber nicht in meiner Selbstfürsorgepraxis haben will. Denn Selbstfürsorge = Empowerment und Privilegien-Awareness ist für mich absichtlich kein Empowerment, sondern soll vielmehr in der ungerechtfertigt zugestandenen Machtposition verunsichern und hinterfragen und Macht abgeben.

Selfcare und Pathologisierung
Ich habe mich mit dem Gesundheitsdiskurs nicht so befasst. Es gibt aber, das seh ich ein, problematische Teile dessen – wie Steinmädchen auf Identitätskritik in einigen Texten schrieb, dass Menschen darin in Gesund/Krank, Abweichend/”Normal” eingeteilt werden.
Ich habe mal über Gesundheit ein tolles Buch gelesen. (Rückblickend gesagt ist es halt 1970er Spiri-Feminismus, mit allem, was das mit sich bringt!) Es heisst “HeilWeise” von Susun Weed. Darin beschreibt sie 3 Paradigmen von Gesundheit/Medizin. Die Wissenschaftliche Tradition, die Heroische Tradition und die Tradition der Weisen Frau. Die wissenschaftliche Tradition ist quasi das, was wir als “Schulmedizin” kennen, die heroische Tradition ist das, was viele als “Alternativmedizin” kennen. Ja, right – Weed beschreitet einen dritten Weg jenseits von Schul- UND Alternativmedizin. Ich würde Weeds “Tradition der Weisen Frau” als Selbstfürsorge-Tradition begreifen. Sie beschreibt diese Art des Heilens als unspektakulär, alltäglich, unsichtbar und lustig/spassig.
Was ich spannend an ihrem Angang fand: Sie kommt völlig ohne Pathologisierung aus. Selbst der Tod kann ein “Heilungserfolg” sein. Sie beschreibt auch ganz treffend die Normierungen und Abweichungen der wissenschaftlichen Tradition: “vertrau auf die Laborwerte!” und die Schuld/Sühne Muster der heroischen Tradition: “Ich bin krank, weil ich mich falsch verhalten habe, ich muss gereinigt und bestraft werden.”
Die (Selbst)fürsorge”tradition der Weisen Frau” könnte man zusammenfassen unter “ernähren, bemuttern, trösten, unterstützen”. “Krankheiten” sind keine Probleme, sondern gehören selbstverständlich zum Leben dazu und zu jeder einzigartigen Person.

Mir sympathisch: Weed bezeichnet _ihre_ Tradition nicht als DAS Ding, was “gegen alles” hilft. (sie sieht ihre Tradition überhaupt nicht als eine, die “gegen etwas” ist, sie kämpft auch nicht “gegen Krankheiten” und sieht überhaupt nichts als “Krankheit” an.) Weed sagt, es kann Sinn machen, Heilmethoden der wissenschaftlichen und heroischen Traditionen zu verwenden oder sich deren Heilmethoden zu unterziehen. Hätte ich z.B. Krebs, wäre es mir lieb, wenn mir jemand/ein Arzt (wiss. Tradition) Laborwerte abnehmen könnte, um festzustellen, ob die Therapie angeschlagen hat. Was meinen Rückensport angeht, sehe ich auch, dass ich für das Vernachlässigen dieser Dinge “bestraft” werde mit “Krankheit”(heroische Trad.), dass ich mich nach “Regeln” verhalten kann (also, z.B. Yoga machen) und dann bleibe ich “gesund” (also schmerzfrei).
Trotzdem ist mir die “Tradition der Weisen Frau” am symphatischsten, weil sie überhaupt nicht pathologisiert und weil sie so “stinknormal” ist, dass sie gar nicht als “Heilen” wahrgenommen wird. Selbstfürsorge eben. Es ist hier leider nicht genug Platz, um das alles auszubreiten und klar zu machen, was sie meint.
Nicht/nie jemanden als “krank” zu bezeichnen, gelingt mir ehrlich gesagt auch nicht. Aber ich möchte zu einer Selbstfürsorge finden, die nicht pathologisiert, und die offensiv zu den fürsorglichen/nährenden/mütterlichen Qualtitäten steht, die die “Tradition der Weisen Frau” ausmachen. Ja, diese Dinge wurden abgewertet. Ja, Menschen, denen ein weibliches Geschlecht zugewiesen wurde, wurden in diese Rollen hineingezwungen. Gesteh ich zu. Aber ich verzichte trotzdem nicht darauf, sondern versuche gleichzeitig im Kopf zu behalten, dass kein Mensch in diese Verhaltensweisen hineingepresst werden darf. Ohne jedoch die Verhaltensweisen selber aus dem Fenster zu werfen, abzuwerten oder als nicht-anwendbar zu verurteilen.

Fazit
It’s my Selfcare, and I cry if I want to.

Tour de Fleece Day 4
Die letzte_ kehrt die Flusen weg.

Weißbrot ist nicht “umgekehrter Rassismus”

Ich schreibe das mal, weil ich oft “Weißbrot” sage, wenn ich so Leute wie mich meine, die in unserer Gesellschaft nicht aufgrund ihres Äusseren rassifiziert und “geothert” werden. Und das führte schon einige Male zu Nachfragen von Weißen, ob ich das Weißen gegenüber Ok fände. Als Antwort darauf gibt’s jetzt dieses Textchen!

Heute habe ich bei Facebook irgendwas verlinkt, etwas Ärgerliches, wieder mal so etwas, wo sich wohlsituierte Frauen aus westlichen Industrieländern, ausgestattet mit “white Privilege” aufmachen in die Welt, sich dort benehmen, als sei alles und jede_r der  Selbstbedienungsladen für das eigene Empowerment, und am Ende ein Buch schreiben, in dem steht, dass sie die Auserwählten sind die die Welt verbessern, weil die jeweiligen Natives können das ja nicht selbst, und damit dann noch ne Menge Geld scheffeln. Also kurz gefasst: Furchtbar, fremdschämen hoch 10..

Für diese Damen hatte ich das Wörtchen “Weißbrottanten” gewählt. Nicht nett, ich weiß. Ja, auch albern und in meinem Ärger auch sicher unseriös, ich weiss. Es gab dann auch eine Klage, dass das nicht ok wäre, Weiße “Weißbrot” zu nennen und eine kleine Reverse Racism-Diskussion..(“Weißbrot” ist übrigens kein rassistisches Schimpfwort. Dazu Hier und Hier mehr.) Mir gab das eine Gelegenheit, nachzudenken: Ist es nicht doch besser, nicht mehr “Weißbrot” zu sagen?

Eigentlich ist es ja schon ein weißes Privileg, “Weißbrot” mal so locker flockig sagen zu können. Die mit hoher Wahrscheinlichkeit dann folgende Diskussion über den “umgekehrten Rassismus” kann ich ja abbügeln, oder sie führen – auf jeden Fall: sie schmerzt mich nicht so, als wenn ich nicht weiß wäre. Ausserdem wird mir als weißer Person der Begriff “Weißbrot” auch nicht so feindselig ausgelegt, und meine Verwendung des Begriffs fällt dann nicht zurück auf alle, die so sind wie ich. Ich werde dann halt als ein Individuum wahrgenommen, das sich schlecht benimmt/salopp ausdrückt. Aber mehr auch nicht. Andere haben das nicht so locker.

Andererseits: “Weißbrot” zu sagen ist in meinen Augen nichts schlimmes, ich meine das oft auch ein wenig liebevoll und bezeichne mich selbst auch so, es entspricht auch sonst meiner Ausdrucksweise, ab und zu ein paar flapsige Ausdrücke zu verwenden. Und es ist nun mal tatsächlich kein rassistischer Begriff.
Wenn es um Rassismus geht, finde ich das auch manchmal nützlich, mit leicht provokanten und flapsigen Worten Weiße zu bezeichnen: dadurch, “Weißbrot” zu sagen, kann man ganz gut dazu anregen, dass Weiße, statt sich an dem Wort “Weißbrot” aufzuhängen, sich lieber aktiv darum bemühen, etwas Anderem Priorität zu geben: Dass rassistischer Mist geschehen ist und dass zuerst einmal People of Color die Geschädigten in der Sache sind. So als kleine psychologische Hürde, an der ein klein wenig guter Wille demonstriert werden kann.

Und wenn ich mal daran denke, wieviele Worte für People of Color von Weißen mit einem negativen “Beigeschmack” verwendet werden. So viele sind das! Wo schon fast sämtliche Worte durch Abwertungen überlagert werden.. das ist eigentlich total krass. Und ich glaube, es stünde Weißen ganz gut, sich über die zwei, drei Worte, die es vielleicht für sie mit einem “Geschmäckle” gibt, nicht aufzuregen. Weißbrot, Kartoffel.. so what? Wenn auf “weiße” Kosten von People of Color mal etwas Wut ventiliert wird, ist das doch nur verständlich – sich als Weiße diskriminiert zu fühlen, finde ich dann unzutreffend und übertrieben. Und wenn andere Weiße sowas sagen.. Selbstironie! Ist doch gut, lachen über sich selber, unverbissene Selbstkritik. Ist doch ne tolle Sache!

Also: Es ist nicht rassistisch. Es dient manchen Menschen dazu sich mal abzureagieren und schadet niemandem grossartig. Weiße können sich selber damit auf die Schippe nehmen. Mein Fazit: Alles schick!

Es gibt dazu sicher noch andere Umgangs- und Betrachtungsweisen, und ich lerne gerne dazu oder höre mir Eure an.

PS: Ich habe “weiß” kursiv geschrieben, um darauf hinzuweisen, dass ich es nicht als biologische Tatsache ansehe, sondern denke, Weißsein und die Unterscheidung nach “Rassen”, ist etwas, was von (weißen) Menschen erfunden und dann systematisch durchgesetzt wurde. Dass es “Rassen” gar nicht biologisch gibt, ist eine Erkenntnis, die wissenschaftlich bewiesen ist und sich langsam durchsetzt. Leider gibt es trotzdem noch Rassismus, der dann halt oftmals mit “unterschiedlicher Kultur” oder “Mentalität” usw. begründet wird: die “Rassen” halten sich hartnäckig, wenn auch unter anderen Namen und Bezeichnungen, im Denken. Wenn ich “weiß” sage, meine ich also die Leute, die in dem Machtverhältnis des Rassismus die begünstigte Position haben. Und keine biologische Sache oder “Hautfarbe”.

Respekt als Währung im Fleischfachhandel? Gehts noch?

Content Note: Heteroprobleme. Sexismus. Gefühl von Zugangsberechtigung zu Körpern, die weiblich sind.

Im Prinzip ist das, was jetzt kommt, auch genau etwas, was mich die ganze Zeit überhaupt nicht ärgert. Weil es “normal furchtbar” ist, und ich verdränge das üblicherweise oder blende es aus. Ich kann in der “Normalität”, die ja permanent ein Horror ist, total ausblenden, dass es ein Horror ist, und glücklich und zufrieden leben. Bis auf diese Momente halt, wo ich mir klar mache: Moment mal, was geht hier eigentlich ab?

Männer* jammern Frauen* voll, dass sie weniger “Weiber abkriegen” als der mackerhafte Chauvinist ™. Was bedeutet das denn eigentlich wirklich?

Kennt ihr so einen? Der “anständige Mann(TM)” der sich ärgert, wenn Frauen(tm) statt auf ihn und seinen Respekt vor Frauen zu stehen, auf sexistische Männer reinfallen? Der vergisst eine Sache bei seiner Berechnung: Frauen*, die darauf stehen, dass sie mal ausnahmsweise wer mit Respekt behandelt, haben u.U. schon einiges mitgemacht und das mag damit zu tun haben, warum Respekt schön ist, aber trotzdem nicht so schnell und leicht zu Sex führt. (Wenn es überhaupt Potential hat, das soll’s ja geben, dass manche Menschen nicht auf manche Menschen stehen.)

Das bedenken die “anständigen Männer” aber nicht. Und das hat sicherlich damit zu tun, dass ich von diesem Gejammer des “anstängigen Mannes(tm)” immer schon genervt war. Weil es in einer gewalttätigen partriarchalen Struktur ein Luxusproblemchengejammer darstellt. Welches oft an diejenigen gerichtet wird, die von der gewalttätigen Struktur zugerichtet und fertig gemacht werden.

Wie wenn jemand das Fleisch auf dem Fleischmarkt anjammert, dass der Markt so strukturiert ist, dass er zu wenig Fleisch abbekommt. Er schlägt dem Fleisch vor: Wir treffen uns abseits des Marktes, wir machen das nicht mit – und abseits des Marktes fress ich dich dann ganz respektvoll auf. Da ist das Fleisch dann dankbar dafür, dass jemand immerhin mit dem Fleisch spricht. Es immerhin anspricht. Auch wenn der Inhalt des Gesagtem dem Fleisch wieder klarmacht, dass es letztendlich nur ein Stück Fleisch ist und bleibt, und das scheinbare “ausbrechen aus dem Markt” auch wieder nur eine andere Art des Fleischerwerbs darstellt. Tja. Dumm gloffe, wie es in Schwabenland heisst.

Im Moment kenne ich niemanden, der so jammert, aber früher kannte ich mal bzw. hat der ein oder andere Bekannte durchaus mal gejammert, dass nur die Arschlöcher die Frauen abkriegen würden. Ich bin heute noch nachträglich sauer darüber. Der ganze “sexy Respekt vor Frauen” ist in dem Moment, wo das Gejammer losgeht, dahin; und heraus kommt der Typ, der nicht mitdenkt, sich nicht in andere reinversetzt, und einfach eine bodenlose Ignoranz an den Tag legt.

Dieses Gefühl von “Entitlement” (Es gibt das Wort auf deutsch leider nicht genau so, also, ein Wort, das wörtlich sagt: sich per Titel berechtigt und ermächtigt fühlen), das manche Männer* haben. (und das sie vielleicht auf eine ganz unschuldige Art und Weise haben, weil sie dafür niemals negative Konsequenzen aufgezeigt bekamen) Dieses Gefühl, eine Zugangsberechtigung zum intimen Kontakt mit einer weiblichen Freundin zu haben: Das ist ein strukturelles Problem unserer Gesellschaft, die eben auf allen Ebenen und zwischen den Zeilen allen vermittelt, dass Männer* unter Beachtung bestimmter Spielregeln zum Zugang zu Frauen*körpern berechtigt sind.

Ich hatte das Erlebnis selber mal, dass ich einen sehr guten, besten Freund hatte, und wie die Dinge halt so waren, es kam nie eine Liebesbeziehung zustande. Als ich eine zu einem Anderen anfing, ging die Freundschaft schmerzlich auseinander. Jahre später, als die Beziehung zu dem anderen beendet war, stand mein früherer Freund auf einmal auf der Matte und fühlte sich zugangsberechtigt. Ich bekam es mit einer absurden Situation zu tun: Mein Ex und mein Freund, der dachte, er sei jetzt “an der Reihe” bei mir, sassen zusammen und legten in meinem Beisein mein Nichtzurverfügungstehen als Brutalität, Gemeinheit und eine moralische Schweinerei sondergleichen aus. In meiner Anwesenheit einigten sie sich auf: “Der nächste bringt sich wahrscheinlich um.” Ja. Das habe ich erlebt. Abgeurteilt zu werden, weil ich mir selber gehören wollte und nicht wie eine auf Eis gelegte Ware behandelt werden wollte, die dann ja wieder “frei” ist, sobald ihre Beziehung auseinander gegangen ist. Von der absoluten Rücksichtslosigkeit mir gegenüber, nach dem Ende einer mehrjährigen Beziehung sich nicht mal zu fragen, wie es mir so kurz danach eigentlich damit geht, will ich ja noch nicht mal reden. Und das waren beides linke, teils schüchterne Männer mit empanzipatorischen Anspruch. Die sich halt ganz unschuldig aus Gewohnheit und aufgrund dessen, was ihnen gesellschaftlich beigebracht wurde, zu meiner Person zugangsberechtigt fühlten. Es ist ein strukturelles Problem. Trotzdem, es wird ja von konkreten Menschen ausgebadet. In dem Fall von mir.

Während ich denke, viele dieser “Nice Guys”, gerade wenn sie noch ziemlich jung sind (wir waren es ja auch damals), machen das wirklich in aller Unschuld und checken die Strukturen dahinter nicht. Wenn es dann aber so läuft, dass ältere Leute, die eigentlich genug Möglichkeiten hatten, sich weiterzubilden, zu keinem anderen Muster finden, als sich eine Zugangsberechtigung zu Frauen* zu “verdienen”, dann wird das so langsam kriminell. (Und es ist hoffentlich klar, dass man mit einem solchen zugrundeliegenden Menschenbild sicher keine langjährige glückliche Beziehung zu einem Mitmenschen führen kann). Aber stattdessen bleibt es normal, akzeptabel, verständlich:

Vor ein paar Jahren wurde dieses Topic in manchen Artikeln zum Thema “Feministinnen vs. Piratenpartei” z.B. verhandelt: Der (nun wirklich nicht mehr jugendliche) Nerd ist halt sauer auf Frauen und den Feminismus, weil er, obwohl kein Chauvinist, obwohl “nach den feministischen Regeln spielend”, von Frauen* Verachtung geerntet hat anstatt Aufmerksamkeit, Liebe und Sex.  Dass die Nerds auch von Jungs gemobbt wurden, was hatte das eigentlich für Folgen? Achso, für Männer gibt’s da keine Kollektivschuld und –Abstrafung? Zweiterlei Mass? Na sowas?

Bei der Suche nach dem Artikeln über die Piratenparteidiskussion damals fand ich aber das hier:

Im Prinzip muss ich gar nichts weiter schreiben. Paula hat eh super dazu gepostet, die Kommentare finde ich auch auch sehr interessant, (ich fürchte, ich hab den Artikel aus Zeitmangel damals gar nicht mitgekriegt..) und ich schliesse mit einem Zitat aus dem Shakesville Explainer-Text:

First of all, that Nice Guy®, who was willing to be a friend to a woman? He wasn’t nice, and he wasn’t her friend. He was choosing to feign niceness in the hopes of getting sex.

Zuerst einmal, der “anständige Mann”(tm), der einer Frau ein Freund sein wollte? Er war nicht anständig, und er war nicht ihr Freund. Er entschied sich dafür, Anstand vorzuspielen in der Hoffnung auf Sex.

*Bitte beachtet oben im Header den Erklärtext wieso ich ein Gendersternchen verwende :)

Klassismus – Thema Stolz.

Ich bin aus einer wohlhabenden Kleinfamilie, habe Abi gemacht und auch mal ein bischen studiert und bin heute mehr oder weniger aus freien Stücken, jedenfalls durch meine eigene Entscheidung, Handwerkerin und lebe von einem bescheidenen, aber meinem eigenen, Einkommen.

Was mich von anderen Leuten, die aus wohlhabenden Kleinfamilien kommen, vielleicht unterscheidet: Meine Eltern haben eine “Klassenreise” gemacht, sie kommen aus der Working Class bzw. der Poverty Class.

Meine Eltern haben uns “alternativ” erzogen, wollten keine autoritären Eltern sein, haben mir z.B. ein emanzipatorisches Aufklärungsbuch gekauft, aus Prinzip keinen Fernseher gehabt und waren ein bischen Selbstversorgungs-/Öko-/Linksliberal unterwegs.
Ich war immer so die “Familienintellektuelle”, bekam als Einzige von uns Geschwistern eine Gymnasialempfehlung. Auf dem Gymnasium hatte ich es dann mit anderen Kindern/Jugendlichen zu tun, die halt aus so dem “Bildungsbürgertum” kamen. Ich muß wirklich sagen, ich halte viel von Bildung und meine Eltern waren alles andere als bildungsfern, sie haben sogar sehr viel Wert auf Bildung gelegt und Zeit und Geld aufgewendet, damit wir unsere Talente entwickeln konnten, auch außerhalb der Schule.

Aber Bildungsbürgertum? Horror!
Kennt ihr “Spiel nicht mit den Schmuddelkindern”, das Lied von Franz Josef Degenhardt? Wenn das Lied leider auch sexistisch ist, (“Kinder” = Jungs und Mädchen werden in dem Liedtext belästigt und das wird als cool hingestellt, ärgs) finde ich, trifft es trotzdem ganz gut, was ich mal den “Horror Bildungsbürgertum” nennen würde. “So sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor”; “Sie schickten ihn in eine Schule in der Oberstadt, kämmten ihm die Haare und die krause Sprache glatt”; “Roch, wie bess’re Leute riechen”; “musste er das Largo geigen”… Ich fand als Jugendliche diese bildungsbürgerliche Zurichtung von Kindern krass. Ich weiß ja nicht, ob das heute noch so läuft, mit Knicks vor Fremden machen müssen, und zwangsweisem Geigenunterricht und emotionaler Erpressung und alles, was mit Wildheit und Freiheit zu tun hat, natürlich verboten. Klar, werden die Kinder dann auch mit “besseren Sachen” ruhig gestellt, also als Ersatz für den verpassten Spielspaß im Wald gibts dann Reitstunden o.Ä… aber aus meiner Sicht war das einfach krass! Das wollte ich für mich auf keinen Fall.

Ja, manches tat mir auch weh, z.B. wenn anderen Kindern (sogar noch als Teenager) der Umgang mit mir verboten wurde. Oder wenn eine Freundin, wenn sie bei mir gewesen war, zuhause direkt hinter der Haustür sich nackt ausziehen musste und in die Dusche geschickt wurde, während die Mutter ihre angeblich so stinkende Kleidung sofort mit spitzen Fingern in die Waschmaschine warf. Wenn es hieß, ich hätte keine (Tisch-)Manieren. Für ein Kind, das so schüchtern und introvertiert war wie ich, ist es schon erstaunlich, dass es überhaupt mehrmals Eltern gab, die mich für einen “schlechten Einfluss” auf ihre Töchter hielten. Vielleicht kam ich deshalb eher mit Jungs (wo das scheinbar nicht so krass war mit der Reglementierung, wer mit wem Umgang haben darf) und/oder  Working class Kindern rum und war als Kind eine Art Tomboy.

Dank Geld musste meine Familie von niemandes Wohlwollen abhängen. Und mir wurde von meinen Eltern immer der Rücken gestärkt, ich selbst zu sein. Ich weiß, ich bin total privilegiert, weil ich a) nicht arm und b) ohne diesen Bildungsbürger-Korsett-Horror aufgewachsen bin. Also quasi in einer Situation, wo wir “machen konnten” aber dank finanzieller Absicherung meiner Eltern keine Bedenken zu haben brauchten vor dem Naserümpfen der Leute. (Aus einem Naserümpfen wird ganz schnell mal strukturelle oder ganz konkrete Gewalt, wenn Menschen arm sind und wenig abgesichert). Das Naserümpfen fand durchaus statt. Aber es war uns nicht gefährlich. Ich glaube, dass sich das manche Leute in der “Klassismusdiskussion”, die denken, es gehe nur um Respekt und weniger Naserümpfen, nicht klarmachen. Naserümpfen ist gar nicht so das Problem, sondern diese Definitionsmacht, mit der man z.B. armen Menschen_Familien ein problematisches Leben hindefiniert und dann eine Phalanx an Sozialarbeiter_innen oder Jugendamt oder sonstige Hilfskontrollettis oder die Polizei auf den Hals hetzt. Die Macht, mit der “man” bestimmen darf, dass “diese Leute falsch leben”, und sie disziplinieren lässt/lassen könnte, anstatt dran zu denken, daß Wohlstand anders verteilt sein müsste.

Ich schlage jetzt schnell noch den Bogen zum Thema Stolz. Ich habe oft das Gefühl, dass Menschen aus weniger gutsituierten sozialen Schichten (ich weiß, ich verwende die Begriffe sicher alle chaotisch und total unsoziologisch) das Recht abgesprochen wird, stolz zu sein, dass sie sich selbst treu geblieben sind. Ihre soziale Herkunft wird immer mit Armut und Verwahrlosung zusammengedacht, und das sind ja objektiv gesehen schlechte Zustände, und jegliche stolze Haltung wird dann so mißverstanden, als würde man damit Armut und Bildungsferne verklären. Dabei denke ich, gibt es viele Dinge in “nichtbürgerlichen” Kulturen, die wertvoll und cool sind und auf die man stolz sein kann, das hat mit Armut und “Bildungsferne” aber nicht unbedingt was zu tun – und es heißt sicher nicht, dass irgendwer gerne arm wäre oder gerne einen erschwerten Zugang zu Bildung hat!

(Und ja, dass es diese coolen Komponenten gibt in der Arbeiterklasse, äussert sich ja auch darin, dass Leute, z.B. Linke, auch gerne versuchen, “auf Arbeiterklasse zu machen”. Wobei ich denke, gegen diese bürgerlichen Korsetts zu rebellieren, ist total verständlich und ich finde es auch berechtigt,  nur war das Durchlaufen dieser “Zurichtung” auch die Eintrittskarte in den Club derjenigen, die sich als  “was Besseres” bezeichnen dürfen in dieser Gesellschaft. Und das kann man nicht einfach willentlich ablegen und so tun, als wäre man dann Arbeiter_innenklasse, egal, wie blöd die Zurichtung sich für einen selber angefühlt hat.)

So, die Nacht ist bald vorbei. Draussen höre ich Wildgänse schreien, die eigentlich aus der Polarregion kommen und im Winter immer in Mitteleuropa kampieren. Die Gänse machen sich dieses Jahr scheinbar spät auf zurück zur Arktis.. ein griffiges Fazit kriege ich jetzt nicht hin, und ich mag auch nicht, dass der Artikel wieder total versackt und nie gebloggt wird.

Aber ich denke, ich sollte das trotzdem bloggen, denn in dem Teil der Klassismus-Debatte (zur Linkliste von Taschenrechner im Kopf), den ich so mitbekam, kam als Gegenrede, man sollte doch die Herkunft aus der “Gosse” nicht noch als harmlos oder positiv darstellen. Wie kann mensch sich überhaupt hinstellen und selbstbewusst über die Herkunft aus einer Klasse reden, die aus antikapitalistischer Sicht weg gehört? Ich fand das ärgerlich, dieses Gerede von der fernen Zukunft, in der es dann eh keine Klassen mehr geben wird. Ich hatte mir auch schon so ein Gerede zum Thema Genderkram angehört, als ich seinerzeit anfing, Gender Studies zu studieren: Wenn die Geschlechterbinarität (bi, binär usw. bedeutet “zwei–” also ein System, in dem es zwei Geschlechter gibt) erstmal überwunden sei, dann wird sich auch der Sexismus erledigt haben. Ja, ist ja schön, und wie gehe ich bis dahin mit dem real existierenden Sexismus um? Was bringt denn da die zukünftige Überwindung der Geschlechterbinarität, die mir da vorhergesagt wird? Diese komische, mir unverständliche Entweder-Oder-Haltung, da war sie auf einmal wieder. Entweder gegen Klassismus oder gegen Kapitalismus. Entweder gegen Sexismus oder gegen die “symbolische Ordnung der  Zweigeschlechtlichkeit” (bittet mich nicht, diese Begriffe zu erklären, denn lang ist’s her und mich mal “kurz” durch Wikipedia zu ackern schaffe ich heute sicher nicht.). Zudem war ich, als ich zur Uni schlurfte, viel jünger, so Anfang Mitte 20. Damals steckte mir (eigentlich heute auch noch, aber ich bin auch abgestumpfter, was das angeht) die Abwertung von allem, was mit Frauen und Weiblichkeit zu tun hat, noch sehr in den Knochen. Ich wollte nicht, dass etwas “abgeschafft” wird, was zu meinem Selbstbild gehört(e) und anhand dessen ich immer zu einem Ding, einer weniger wertvollen Person verzerrt worden bin. Ich wollte erstmal mein eigenes Frau-Sein heilen. (Wobei ich weiß, es gibt viele Menschen, denen es nicht so ging und bei denen Heilung ganz anders wegen anderen Gründen abläuft.) “Damals” schien es mir einfach solche “Lösungen” und “Heilungen” zu geben, die politisch “in” waren und nach denen das, was ich an Bedürfnissen hatte, gebrandmarkt wurde als “altem Denken verhaftet”.

Aber das ist halt das Schwierige, wenn jemensch  meint, er_sie müsste Leuten absprechen, auf irgendwas (weswegen sie  immer marginalisiert worden sind) stolz sein zu dürfen oder etwas in Ehren halten zu wollen, etwas betonen/reclaimen (etwa “zurückfordern” oder “sich wieder aneignen”) zu wollen.. Ich kann nur sagen: Lasst es einfach sein. Selbst, wenn ihr selbst auch Betroffene seid und für euch andere Wege gefunzt haben.

One Billion Rising. Ihr wollt Kongo? Da habt ihr Kongo..

Triggerwarnung: Rassismus, Kolonialistische Verbrechen gegen die Menschheit.

Gestern war ich bei einer kurzen, aber netten Tanzdemo am Brandenburger Tor in Berlin, der Stadt, in der ich wohne. Das Ganze war veranstaltet vom Mädchensportzentrum “Centre Talma” in Wittenau im Rahmen von One Billion Rising. Diese Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen wurde von Eve Ensler initiiert, die den Auftakt des weltweiten Aktionstages in der DR Kongo mitgefeiert hat, um ein besonderes Zeichen zu setzen, weil im Ostkongo die Rate der sexuellen Gewalt gegen Frauen sehr, sehr hoch ist.

An der Kampagne gab es auch Kritik, so z.B. auch der Artikel “Why I won’t support One Billion Rising” von Natalie Gyte. Nadine Lantzsch hat gefragt, ob OBR nicht einfach nach dem gleichen Schema wie die Slutwalks 2011 abläuft und nicht auch an den selben Problemen krankt:

heute fiel mir auf, dass one billion rising eigentlich nur eine wiederholung der slutwalks ist, mit all ihren re_produzierten machtverhältnissen, ausschlüssen, diskriminierungen, un_sprechbar_machungen und ent_konzeptualisierungen. nur halt mit weniger wut.

Ich hatte die Diskussion um die Slutwalks 2012  ja mitgekriegt, und damals gab es das Argument “Aber es gibt auch einen Slutwalk im Kongo”.  (Slutwalks sind die “Schlampendemos” die 2011 weltweit stattfanden, nachdem ein Polizeioffizier in Toronto bei einem Vortrag Studentinnen sagte, sie sollten sich nicht wie “Sluts” – Schlampen – anziehen, um Vergewaltigungen zu vermeiden).

Anlässlich dessen habe ich mich letzten Herbst mit der Situation von Menschenrechten von Frauen im Ostkongo befasst. Ich kriege das Amnesty Magazin, da ist das auch regelmässig Thema. Im Osten des Kongo, in Nord-Kivu, die Hauptstadt ist Goma, ist seit vielen Jahren Krieg. In diesem Krieg wird Vergewaltigung als Kriegswaffe eingesetzt, von den Rebellengruppen und auch der offiziellen Armee. Nord-Kivu ist reich an Gold und Coltan. Coltan ist ein Erz, das zur Herstellung von Handys gebraucht wird. Die DR Kongo ist der weltweit zweitgrösste Lieferant von Coltan. 50% des weltweit abgebauten Coltans werden von einer Tochterfirma der Bayer AG aufgekauft. Quellen: Amnesty Magazin, Wikipedia

Das heisst ja nichts anderes, dass die Frauen, die in der DR Kongo vergewaltigt werden, für unsere Handys vergewaltigt werden. Bedroht mit Waffen, die wir ihnen liefern. Das Embargo wurde 2008 gelockert, und seit 2009 werden die Zustände immer schlimmer.

Aber das ist noch nicht alles. Der östliche Kongo grenzt an Ruanda und Burundi, und in den Bürgerkrieg sind jeweils oft Hutu- bzw. Tutsi-Milizen verwickelt, auch im Ostkongo. Was in diesem Zusammenhang interessant ist: Die Hutu bzw. Tutsi waren, auch laut Wikipedia, einmal Stände in der Gesellschaft des vorkolonialen ruandischen Königreichs. Es waren die Deutschen kolonialen Besatzer, die Hutu und Tutsi als “Rassen”, basierend auf der in Europa damals populären rassistischen Einteilung von Menschen in solche, interpretierten. Jahrzehntelang zementierten die Kolonialherrscher, erst Deutsche, dann Belgier, rassistisch Unterschiede zwischen Hutu und Tutsi, was bis heute nachwirkt. Darauf wies mich Momorulez bei Facebook hin, als ich dort schrieb, ich befasse mich gerade mit den Gründen für den Krieg im Ostkongo.

Daher habe ich beschlossen, etwas geschichtliche Nachhilfe zu nehmen über den Kongo in der Kolonialzeit und las die entsprechenden Wikipedia-Artikel. (Geschichtlich gesehen wurde mir und wahrscheinlich auch den meisten anderen hier in Deutschland zur Schule gegangenen Menschen, was den Kolonialismus angeht, so gut wie keine Bildung nahegebracht.) Was ich da fand, ist unvorstellbar: Zwischen 1888 und 1908, nachdem auf der berüchtigten Berliner Konferenz der belgische König Leopold den Kongo als persönliche Kolonie zugesprochen bekam, hat dieser in einem grausamen Ausbeutungsregime etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung umgebracht. Der Grund war Kautschuk – Leopold hatte 20 Jahre lang, bis neu angepflanzte Kautschukplantagen in Südamerika anfingen, sich zu rentieren, quasi ein weltweites Monopol. Er wurde zum zweitreichsten Mann der Welt. 10 Millionen Menschen mussten dafür sterben. Die halbe Bevölkerung des Landes!

Das Kolonialregime konnte die Zwangsarbeiter nicht einsperren oder in Ketten legen, weil sie zum Kautschukernten weite Strecken durch den Urwald wandern mussten. Also nahmen sie die Frauen und Kinder der kautschuksammelnden Männer in Geiselhaft. Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Viele Frauen starben in Geiselhaft. Wenn nicht genug Kautschuk gebracht wurde oder die Männer sich verspäteten, wurden die Frauen getötet.

König Leopold wurde, als das rauskam, nicht bestraft, er musste lediglich seine private Leibkolonie dem belgischen Staat übergeben. Zu dem Zeitpunkt waren die Kautschukplantagen, die 20 Jahre zuvor angepflanzt worden waren, konkurrenzfähig geworden und es hätte sich für ihn eh nicht mehr gelohnt.

Heute erinnert sich scheinbar niemand in Europa mehr daran. Die Menschen aus dem Kongo werden sich aber sehr wohl dessen bewusst sein, und ich finde es einfach nur beschämend und furchtbar, dass europäische Völkermorde und Schreckensregime wie dieses so derartig verschwiegen und vergessen werden. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was das für ein langwährendes gesellschaftliches Trauma darstellt, wenn eine Generation lang ein Regime wütet, das die halbe Bevölkerung vernichtet, Familien auseinanderreisst, den Kindern die Hände abhackt, die Frauen vergewaltigen lässt.
Dafür hat das Land nie irgendeine Entschädigung erhalten.

(Boah, mir steht das bis hier. Und ich bin noch nicht mal bei der Ära 1908-1960 angekommen, als der Kongo unter belgisch-staatlicher Kolonialherrschaft stand.)

So wie ich das verstehe, wurde die Gesellschaft im Kongo in der Kolonialzeit tiefgreifend zerstört und traumatisiert, danach noch weitere 50 Jahre ausgebeutet, danach die Selbstbestimmung durch die Freiheitsbewegung torpediert, indem einem Diktator geholfen wurde, sich an die Macht zu putschen, nur 5 Jahre nach dem Ende der Kolonialbesatzung. Noch schnell ein Link zu einem Artikel über die Ermordung Patrice Lumumbas.

Also, unterm Strich.. wer sich ein wenig für Kolonialverbrechen, afrikanische Geschichte und dergleichen interessiert, findet in dem Land ein Fass ohne Boden der europäischen Verbrechen, und ich muss keine Politikwissenschaft studieren um zu dem Schluss zu kommen, dass viele der heutigen Probleme im Kongo, auch die Menschenrechtssituation der Frauen im Kriegsgebiet, sehr viel damit zu tun haben.

Zur gleichen Zeit kommen Feministinnen aus Europa und den USA und erklären den kongolesischen, im Bürgerkrieg um Rohstoffe vergewaltigten Frauen, sie sollen aufstehen und tanzen, sich die Gewalt nicht mehr bieten lassen, wir seien doch alle im gleichen Boot, alle Frauen, weltweit, und jetzt tun wir uns zusammen. Ohne dass sich auf die Ursachen der sexuellen Gewalt auch nur kurz bezogen wird. Gleichmacherisch. Ich kann diejenigen verstehen, die da mitgemacht haben, weil jede Publicity im mächtigen Westen vielleicht Hoffnung bringt – es schauen einfach schon viel zuviele viel zu lange weg. Auf dem One-Billion-Rising Event sprach auch Dr. Denis Mukwege, der mit vielen Friedens- und Menschenrechtspreisen für seine Arbeit für vergewaltigte Frauen ausgezeichnet ist. September 2008 zitierte ihn das Amnesty Magazin:

“Was mich wundert, ist, dass alle Welt weiß, was hier passiert, und niemand etwas tut”, sagt Mukwege.

Ich kann aber auch verstehen, wenn es Aktivist_innen und Menschenrechtsverteidiger_innen im Kongo gibt, die sagen: Wie arrogant und geschichtsvergessen ist das denn? Wie in dem Artikel von Natalie Gyte erwähnt.

Ich war bei OBR, und ich finde es unterm Strich gut, dass überhaupt Öffentlichkeit geschaffen wird für Gewalt gegen Frauen* und Mädchen*. Aber ich habe durch diese “Wir Frauen – Weltweit” Aktionen, anlässlich der Kritik an ihnen, auch mal nur kurz über den Tellerrand geguckt und bin einfach nur entsetzt und beschämt deswegen, was an Verbrechen, die im Kolonialismus geschehen sind, mir schon bei diesem kurzen Blick entgegenkam – und wie sehr das hier in der weißen europäischen Gesellschaft beschönigt, verdrängt, verschwiegen bleibt.

Da gibt es noch viel zu tun.

Ich bin nur ein Mensch, eine Person, die nur wenig und seit kurzem darüber weiß, keine Expertin, sogar eklatant ungebildet, was diesen Teil der Geschichte angeht. Leider auch zu ungebildet, um Euch gute Links zu wirklichen Expert_innen zu geben. Was ich mir angelesen habe, kann man sich auch an einem Abend anlesen, wenn man entsprechend Wikipedia liest und bei Amnesty sucht. Daher kann das eigentlich nur eine Aufforderung an mich selber sein und an Leute, denen es so wie mir geht, dran zu bleiben, sich zu informieren, zuzuhören und das was geschehen ist, anzuerkennen und nicht zu vergessen und zu verschweigen wie bisher.

Was vom Aufschrei übrigblieb

#Aufschrei, die Twitter-Aktion. Ich bin live eines Nachts reingestolpert und fand das gut, ich habe mitgemacht und es war erschreckend, wieviel einer wieder einfiel an Erlebnissen mit Sexismus. Und auch, wie vielen Menschen (bewusst Menschen, da es nicht nur Frauen* waren) in meiner Timeline so viel einfiel. Wir tweeteten Erlebnisse und tweeteten uns gegenseitig Solitweets zu und fühlten uns einander verbunden, eine Nacht, einen Tag vielleicht noch war das toll.

Dann kam die Bekanntheit der Aktion, es ging in die Medien, es wurde wie zu erwarten war, furchtbar, und gleichzeitig kam auch der Backlash und ekelerregende Trollerei. In sexistischen Strukturen privilegierte Menschen (und das sind nun mal zumeist heterosexuelle Cis-Männer) jammerten und machten sich selbst zu den grössten Opfern, sie dürften ja nun nicht mehr Komplimente machen, sie wären wahnsinnig diskriminiert, die Schlampen würden es ja nur selber wollen, die armen Männer würden pauschal als Sexisten abgestempelt, und so weiter und so fort, ad Nauseam.Das war das eine. Die anderen, (zwar nicht so viele, aber leider genug, um bemerkbar zu sein) schleuderten einfach nur ihren Hass raus, ergingen sich in Gewaltfantasien.

Inzwischen kommt es mir vor, als sei das Thema Sexismusdiskussion total vermint: Mal was falsches gelesen, den falschen Link geklickt, und schon wieder erschreckende, enttäuschende und sehr ärgerliche Sachen gelesen, die sich ins Hirn gebrannt haben. Ich bemühe mich ja nun schon, nur in meiner eigenen feministisch orientierten Filterbubble zu bleiben und nur empowernde Texte und Beiträge aus dieser zu lesen. Die Mainstreamdebatte bekomme ich quasi nur gefiltert durch diese Beiträge mit, weil sich andere die Mühe machen, die Talkshows anzusehen, die Zeitungen zu lesen und dagegen anzuargumentieren. Und trotzdem schlägt immer mal wieder ungefiltert blanker Frauenhass oder total sorgloses gutgemeintes Derailing (Abwiegeln, Entgleisen) durch bis zu mir. Da ein Kommentar, hier ein Forumsbeitrag, dort eine Diskussion, wo sich Menschen z.B. ellenlang Gedanken machen, wie Komplimente gehen und wie man diese annimmt oder auch nicht. (Tach. Es geht nicht um Komplimente. Ging es nie. Gern geschehen.)

Inzwischen habe ich auf die Diskussion echt keinen Bock mehr und ich habe das Gefühl, “wir” (also die von Sexismen Betroffenen) haben die Debatte verloren. Unsere Aufschrei-Tweets haben es zwar bis in die New York Times geschafft, aber im Inland macht sich Gottschalk noch lustig darüber, dass Brüderle ihm die “Last” abgenommen habe, der Creep der Nation zu sein. Hätte er die Scheiße einfach bleiben lassen, vor den Augen der “Fernsehnation” Frauen anzutatschen und aufs Unangenehmste sich an sie heranzuwanzen, hätte er die “Last” sofort los gehabt. Dazu wurde er ja nicht gezwungen.  Und dann bekundet er, dass er vor Frauen einen großen Grundrespekt hätte und damit sei nun alles gut. Oder die Radiokommentatorin, die einiges sagt, was echt okay ist, dann aber nivellierend meint, wir sollten einfach nur alle mal (Frauen seien ja genauso für Sexismus verantwortlich, jaja) wie Erwachsene blabla… und sie könne das Opfergejammer und die Empörung vieler Frauen nicht mehr hören, am Ende schäkert der männliche Moderator: “Vooorsicht, jetzt kommt ein Kompliment! Das hast du schööön gesagt!” – Das finden sicher die meisten sooo harmlos. Aber es sagt zweierlei aus: 1) Männer machten ja nur Komplimente, und Frauen behaupteten, das sei Sexismus, in Wirklichkeit gäbe es also diesen Alltagssexismus gar nicht bzw. Sexismus ist nur wenn es schlimme Gewaltverbrechen sind und 2) Das Thema sei lächerlich. Man kann sich getrost darüber lustig machen.  Anbei die Kommentatorin, die mehr oder weniger mitlachen muss, weil sie sonst ja die Spassbremse ist.

Unmöglich, dem auszuweichen. Soll ich es schade finden, dass es #Aufschrei überhaupt gab? Ich könnte ja nun sagen, jetzt weiß ich wenigstens, wo ich dran bin in diesem Land hinter dem Mond, aber das war ja vorher schon klar. Vorher zum Beispiel, als Sachsen-Anhalt Zwangs-HIV-Tests für Schwule, Obdachlose und People of Color plante. Da sagte eine Freund_in von mir: Deutschland ist nicht zur Demokratie fähig und sollte dringendst unter internationale Verwaltung gestellt werden. (Ist das eigentlich jetzt abgewendet oder…? Es gab keine Berichterstattung mehr dazu.)

Im Moment ist einfach viel Enttäuschung und Ärger da bei mir. Auch wegen all der “Kleinigkeiten” die an und für sich ja harmlos sind, wie dieser “Scherz” des Radioeins-Moderators, die aber darauf verweisen, wie sexistisch die ganze Gesellschaft und ihre Vereinbarungen darüber, was sich geziemt und was nicht, eigentlich ist.

Antje Schrupp ist da ja viel optimistischer und schreibt: “Mein Masseur, mit dem ich vorhin darüber sprach, findet die ganze Geschichte nach wie vor absurd und weiß nicht, worüber wir uns aufregen – aber er weiß jetzt zumindest, dass wir uns darüber aufregen.”

Mir reicht das aber nicht. Nein, mir reicht es nicht, dass die Mainstreamgesellschaft, wenn _mal_ das Thema Sexismus viral wird, nichts besseres dazu hinkriegt als Derailing, Gewitzel, Schmerzensmänner und die unterste Schublade von 1950 aufzuziehen und die ollen Kamellen rauszuholen und abzustauben. Na gut, aber ich habe ja auch erwartet, dass wenn sich z.b. Geflüchtete politisch einmischen und ihre Geschichten erzählen, dass die Mainstreamgesellschaft und die Politiker_innen was anderes dazu zu bieten haben als die ollen Ressentiments über die “Wirtschaftsflüchtlinge” und sagen: “Wenn es euch hier nicht gefällt, dann geht doch zurück”. Da ist die Situation ja auch so: Die Geflüchteten erreichen viele Menschen und viele denken zwar auch darüber nach, aber die politischen Konsequenzen werden an den entscheidenden Stellen nicht gezogen, die da wären, mal die eklatanten humanitären Mißstände in der EU anzugehen und daran zu arbeiten, diese zu beseitigen. Nicht mal die Lagerunterbringung ist bislang abgeschafft.

Gut, zurück zum Thema #Aufschrei.

Antje Schrupps Resumee ist:

Mag sein, dass sich manche nur ihrer Positionen vergewissert haben, aber ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten sich “bewegt” haben. Und ich bin auch davon überzeugt, dass wir bei dem allen insgesamt ein Stückchen näher an das gerückt sind, was “richtig” und “gut” ist.

Hmja. Vielleicht sehe ich das auch zu pessimistisch. Vielleicht bin ich auch zu verärgert im Moment. Denn was ja wirklich bleibt, ist, dass dieser ganze Backlash und Frauenhass, das ganze Derailing nur in diesem Ausmass nötig war, weil das Ausmaß derer, die sich bei #Aufschrei zu Wort gemeldet haben, wirklich so hoch war. Wir waren einfach verdammt viele. Und wir haben es in die New York Times geschafft. Und internationale Zeitungen haben ja das geschrieben, was die Zeitungen in Biederschland unterschlagen haben, weil die Befindlichkeiten des weißen Hetenmanns an und für sich erstmal wichtiger waren. Vielleicht ist das ja auch was. Vielleicht sollte ich mich darüber auch einfach mal freuen.

Auf jeden Fall freue ich mich z.B. darüber, dass mein weißer Hetero-c#-Lebensgefährte, als er die #Aufschrei Tweets mitbekam, einen Solitweet für uns getwittert hat. Oder auch darüber, dass eine ehemalige Bekannte/Freundin, mit der die freundschaftliche Beziehung vor Jahren nicht im Guten zu Ende gegangen war, auf einmal bei Facebook sich zu Wort meldet und brillante feministische Kommentare schreibt. Oder dass mir gestern beim Treffen mit Freund_innen meine Freundin sagt: “Da haben auch viele ältere Frauen sich gemeldet in diesem Sammelblog, die schrieben, sie melden sich deshalb jetzt zum ersten Mal im Leben zu Wort” und wie wir dann gerührt waren. Oder wie schwule und queere Freund_innen sich ebenfalls zu Wort meldeten, obwohl die (bzw. Teile davon) feministische Szene oft gar nicht nett und solidarisch zur queeren Szene war und ist, wie trotzdem auch da eine Verbundenheit zu merken ist, weil es nicht nur wegen dem “herkömmlichen” Sexismus ist sondern weil es auch Heterosexismus und Cissexismus gibt. (Es gab leider auch viel Heteroprivilegiengedöns, wie Nadine feststellte).

Ein Wechselbad der Gefühle ist das also, was bei mir vom #Aufschrei übrigblieb.

Und ich muss wirklich allen sehr, sehr danken, die sich der Diskussion ausgesetzt und Einspruch erhoben haben, die empowernde Texte geschrieben haben, ihre Kraft und Zeit investiert haben, damit nicht #Aufschrei im privilegiengetränkten Mainstream absäuft. Und ich fand den Artikel von Antje Schrupp deshalb so gut, weil diese Metaperspektive und die vielen interessanten Gedanken darin eine_n wirklich vom Ärger über all die Zustände abbringt. Die mensch ansonsten permanent verdrängt und ausblendet, um sich die gute Laune zu bewahren.