Rosa Rose Garten nun ohne das Graffiti

Leider/zum Glück! stellte sich raus, es war gar keine “88” gewesen. Es hatte “8B” geheissen. Aber mal ehrlich, nachdem Kiwi mir in einem Kommentar schrieb, da steht 88… das war echt nicht zu erkennen. Auf jeden Fall ist es jetzt weg. Und kaum wars weg, wiesen Jugendliche die Gemeinschaftsgartencrew drauf hin. Naja. Hoffentlich sind die jetzt nicht sauer und verwüsten den ganzen Garten. Zur Abwechslung mal wieder Verwüstung, haha, lang nicht mehr gehabt. Mein kleines Flechtwerk ums Mondbeet herum kann ich dann gleich schon mal abschreiben.

D’uh!!

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Klassismus – Thema Stolz.

Ich bin aus einer wohlhabenden Kleinfamilie, habe Abi gemacht und auch mal ein bischen studiert und bin heute mehr oder weniger aus freien Stücken, jedenfalls durch meine eigene Entscheidung, Handwerkerin und lebe von einem bescheidenen, aber meinem eigenen, Einkommen.

Was mich von anderen Leuten, die aus wohlhabenden Kleinfamilien kommen, vielleicht unterscheidet: Meine Eltern haben eine “Klassenreise” gemacht, sie kommen aus der Working Class bzw. der Poverty Class.

Meine Eltern haben uns “alternativ” erzogen, wollten keine autoritären Eltern sein, haben mir z.B. ein emanzipatorisches Aufklärungsbuch gekauft, aus Prinzip keinen Fernseher gehabt und waren ein bischen Selbstversorgungs-/Öko-/Linksliberal unterwegs.
Ich war immer so die “Familienintellektuelle”, bekam als Einzige von uns Geschwistern eine Gymnasialempfehlung. Auf dem Gymnasium hatte ich es dann mit anderen Kindern/Jugendlichen zu tun, die halt aus so dem “Bildungsbürgertum” kamen. Ich muß wirklich sagen, ich halte viel von Bildung und meine Eltern waren alles andere als bildungsfern, sie haben sogar sehr viel Wert auf Bildung gelegt und Zeit und Geld aufgewendet, damit wir unsere Talente entwickeln konnten, auch außerhalb der Schule.

Aber Bildungsbürgertum? Horror!
Kennt ihr “Spiel nicht mit den Schmuddelkindern”, das Lied von Franz Josef Degenhardt? Wenn das Lied leider auch sexistisch ist, (“Kinder” = Jungs und Mädchen werden in dem Liedtext belästigt und das wird als cool hingestellt, ärgs) finde ich, trifft es trotzdem ganz gut, was ich mal den “Horror Bildungsbürgertum” nennen würde. “So sprach die Mutter, sprach der Vater, lehrte der Pastor”; “Sie schickten ihn in eine Schule in der Oberstadt, kämmten ihm die Haare und die krause Sprache glatt”; “Roch, wie bess’re Leute riechen”; “musste er das Largo geigen”… Ich fand als Jugendliche diese bildungsbürgerliche Zurichtung von Kindern krass. Ich weiß ja nicht, ob das heute noch so läuft, mit Knicks vor Fremden machen müssen, und zwangsweisem Geigenunterricht und emotionaler Erpressung und alles, was mit Wildheit und Freiheit zu tun hat, natürlich verboten. Klar, werden die Kinder dann auch mit “besseren Sachen” ruhig gestellt, also als Ersatz für den verpassten Spielspaß im Wald gibts dann Reitstunden o.Ä… aber aus meiner Sicht war das einfach krass! Das wollte ich für mich auf keinen Fall.

Ja, manches tat mir auch weh, z.B. wenn anderen Kindern (sogar noch als Teenager) der Umgang mit mir verboten wurde. Oder wenn eine Freundin, wenn sie bei mir gewesen war, zuhause direkt hinter der Haustür sich nackt ausziehen musste und in die Dusche geschickt wurde, während die Mutter ihre angeblich so stinkende Kleidung sofort mit spitzen Fingern in die Waschmaschine warf. Wenn es hieß, ich hätte keine (Tisch-)Manieren. Für ein Kind, das so schüchtern und introvertiert war wie ich, ist es schon erstaunlich, dass es überhaupt mehrmals Eltern gab, die mich für einen “schlechten Einfluss” auf ihre Töchter hielten. Vielleicht kam ich deshalb eher mit Jungs (wo das scheinbar nicht so krass war mit der Reglementierung, wer mit wem Umgang haben darf) und/oder  Working class Kindern rum und war als Kind eine Art Tomboy.

Dank Geld musste meine Familie von niemandes Wohlwollen abhängen. Und mir wurde von meinen Eltern immer der Rücken gestärkt, ich selbst zu sein. Ich weiß, ich bin total privilegiert, weil ich a) nicht arm und b) ohne diesen Bildungsbürger-Korsett-Horror aufgewachsen bin. Also quasi in einer Situation, wo wir “machen konnten” aber dank finanzieller Absicherung meiner Eltern keine Bedenken zu haben brauchten vor dem Naserümpfen der Leute. (Aus einem Naserümpfen wird ganz schnell mal strukturelle oder ganz konkrete Gewalt, wenn Menschen arm sind und wenig abgesichert). Das Naserümpfen fand durchaus statt. Aber es war uns nicht gefährlich. Ich glaube, dass sich das manche Leute in der “Klassismusdiskussion”, die denken, es gehe nur um Respekt und weniger Naserümpfen, nicht klarmachen. Naserümpfen ist gar nicht so das Problem, sondern diese Definitionsmacht, mit der man z.B. armen Menschen_Familien ein problematisches Leben hindefiniert und dann eine Phalanx an Sozialarbeiter_innen oder Jugendamt oder sonstige Hilfskontrollettis oder die Polizei auf den Hals hetzt. Die Macht, mit der “man” bestimmen darf, dass “diese Leute falsch leben”, und sie disziplinieren lässt/lassen könnte, anstatt dran zu denken, daß Wohlstand anders verteilt sein müsste.

Ich schlage jetzt schnell noch den Bogen zum Thema Stolz. Ich habe oft das Gefühl, dass Menschen aus weniger gutsituierten sozialen Schichten (ich weiß, ich verwende die Begriffe sicher alle chaotisch und total unsoziologisch) das Recht abgesprochen wird, stolz zu sein, dass sie sich selbst treu geblieben sind. Ihre soziale Herkunft wird immer mit Armut und Verwahrlosung zusammengedacht, und das sind ja objektiv gesehen schlechte Zustände, und jegliche stolze Haltung wird dann so mißverstanden, als würde man damit Armut und Bildungsferne verklären. Dabei denke ich, gibt es viele Dinge in “nichtbürgerlichen” Kulturen, die wertvoll und cool sind und auf die man stolz sein kann, das hat mit Armut und “Bildungsferne” aber nicht unbedingt was zu tun – und es heißt sicher nicht, dass irgendwer gerne arm wäre oder gerne einen erschwerten Zugang zu Bildung hat!

(Und ja, dass es diese coolen Komponenten gibt in der Arbeiterklasse, äussert sich ja auch darin, dass Leute, z.B. Linke, auch gerne versuchen, “auf Arbeiterklasse zu machen”. Wobei ich denke, gegen diese bürgerlichen Korsetts zu rebellieren, ist total verständlich und ich finde es auch berechtigt,  nur war das Durchlaufen dieser “Zurichtung” auch die Eintrittskarte in den Club derjenigen, die sich als  “was Besseres” bezeichnen dürfen in dieser Gesellschaft. Und das kann man nicht einfach willentlich ablegen und so tun, als wäre man dann Arbeiter_innenklasse, egal, wie blöd die Zurichtung sich für einen selber angefühlt hat.)

So, die Nacht ist bald vorbei. Draussen höre ich Wildgänse schreien, die eigentlich aus der Polarregion kommen und im Winter immer in Mitteleuropa kampieren. Die Gänse machen sich dieses Jahr scheinbar spät auf zurück zur Arktis.. ein griffiges Fazit kriege ich jetzt nicht hin, und ich mag auch nicht, dass der Artikel wieder total versackt und nie gebloggt wird.

Aber ich denke, ich sollte das trotzdem bloggen, denn in dem Teil der Klassismus-Debatte (zur Linkliste von Taschenrechner im Kopf), den ich so mitbekam, kam als Gegenrede, man sollte doch die Herkunft aus der “Gosse” nicht noch als harmlos oder positiv darstellen. Wie kann mensch sich überhaupt hinstellen und selbstbewusst über die Herkunft aus einer Klasse reden, die aus antikapitalistischer Sicht weg gehört? Ich fand das ärgerlich, dieses Gerede von der fernen Zukunft, in der es dann eh keine Klassen mehr geben wird. Ich hatte mir auch schon so ein Gerede zum Thema Genderkram angehört, als ich seinerzeit anfing, Gender Studies zu studieren: Wenn die Geschlechterbinarität (bi, binär usw. bedeutet “zwei–” also ein System, in dem es zwei Geschlechter gibt) erstmal überwunden sei, dann wird sich auch der Sexismus erledigt haben. Ja, ist ja schön, und wie gehe ich bis dahin mit dem real existierenden Sexismus um? Was bringt denn da die zukünftige Überwindung der Geschlechterbinarität, die mir da vorhergesagt wird? Diese komische, mir unverständliche Entweder-Oder-Haltung, da war sie auf einmal wieder. Entweder gegen Klassismus oder gegen Kapitalismus. Entweder gegen Sexismus oder gegen die “symbolische Ordnung der  Zweigeschlechtlichkeit” (bittet mich nicht, diese Begriffe zu erklären, denn lang ist’s her und mich mal “kurz” durch Wikipedia zu ackern schaffe ich heute sicher nicht.). Zudem war ich, als ich zur Uni schlurfte, viel jünger, so Anfang Mitte 20. Damals steckte mir (eigentlich heute auch noch, aber ich bin auch abgestumpfter, was das angeht) die Abwertung von allem, was mit Frauen und Weiblichkeit zu tun hat, noch sehr in den Knochen. Ich wollte nicht, dass etwas “abgeschafft” wird, was zu meinem Selbstbild gehört(e) und anhand dessen ich immer zu einem Ding, einer weniger wertvollen Person verzerrt worden bin. Ich wollte erstmal mein eigenes Frau-Sein heilen. (Wobei ich weiß, es gibt viele Menschen, denen es nicht so ging und bei denen Heilung ganz anders wegen anderen Gründen abläuft.) “Damals” schien es mir einfach solche “Lösungen” und “Heilungen” zu geben, die politisch “in” waren und nach denen das, was ich an Bedürfnissen hatte, gebrandmarkt wurde als “altem Denken verhaftet”.

Aber das ist halt das Schwierige, wenn jemensch  meint, er_sie müsste Leuten absprechen, auf irgendwas (weswegen sie  immer marginalisiert worden sind) stolz sein zu dürfen oder etwas in Ehren halten zu wollen, etwas betonen/reclaimen (etwa “zurückfordern” oder “sich wieder aneignen”) zu wollen.. Ich kann nur sagen: Lasst es einfach sein. Selbst, wenn ihr selbst auch Betroffene seid und für euch andere Wege gefunzt haben.

One Billion Rising. Ihr wollt Kongo? Da habt ihr Kongo..

Triggerwarnung: Rassismus, Kolonialistische Verbrechen gegen die Menschheit.

Gestern war ich bei einer kurzen, aber netten Tanzdemo am Brandenburger Tor in Berlin, der Stadt, in der ich wohne. Das Ganze war veranstaltet vom Mädchensportzentrum “Centre Talma” in Wittenau im Rahmen von One Billion Rising. Diese Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen wurde von Eve Ensler initiiert, die den Auftakt des weltweiten Aktionstages in der DR Kongo mitgefeiert hat, um ein besonderes Zeichen zu setzen, weil im Ostkongo die Rate der sexuellen Gewalt gegen Frauen sehr, sehr hoch ist.

An der Kampagne gab es auch Kritik, so z.B. auch der Artikel “Why I won’t support One Billion Rising” von Natalie Gyte. Nadine Lantzsch hat gefragt, ob OBR nicht einfach nach dem gleichen Schema wie die Slutwalks 2011 abläuft und nicht auch an den selben Problemen krankt:

heute fiel mir auf, dass one billion rising eigentlich nur eine wiederholung der slutwalks ist, mit all ihren re_produzierten machtverhältnissen, ausschlüssen, diskriminierungen, un_sprechbar_machungen und ent_konzeptualisierungen. nur halt mit weniger wut.

Ich hatte die Diskussion um die Slutwalks 2012  ja mitgekriegt, und damals gab es das Argument “Aber es gibt auch einen Slutwalk im Kongo”.  (Slutwalks sind die “Schlampendemos” die 2011 weltweit stattfanden, nachdem ein Polizeioffizier in Toronto bei einem Vortrag Studentinnen sagte, sie sollten sich nicht wie “Sluts” – Schlampen – anziehen, um Vergewaltigungen zu vermeiden).

Anlässlich dessen habe ich mich letzten Herbst mit der Situation von Menschenrechten von Frauen im Ostkongo befasst. Ich kriege das Amnesty Magazin, da ist das auch regelmässig Thema. Im Osten des Kongo, in Nord-Kivu, die Hauptstadt ist Goma, ist seit vielen Jahren Krieg. In diesem Krieg wird Vergewaltigung als Kriegswaffe eingesetzt, von den Rebellengruppen und auch der offiziellen Armee. Nord-Kivu ist reich an Gold und Coltan. Coltan ist ein Erz, das zur Herstellung von Handys gebraucht wird. Die DR Kongo ist der weltweit zweitgrösste Lieferant von Coltan. 50% des weltweit abgebauten Coltans werden von einer Tochterfirma der Bayer AG aufgekauft. Quellen: Amnesty Magazin, Wikipedia

Das heisst ja nichts anderes, dass die Frauen, die in der DR Kongo vergewaltigt werden, für unsere Handys vergewaltigt werden. Bedroht mit Waffen, die wir ihnen liefern. Das Embargo wurde 2008 gelockert, und seit 2009 werden die Zustände immer schlimmer.

Aber das ist noch nicht alles. Der östliche Kongo grenzt an Ruanda und Burundi, und in den Bürgerkrieg sind jeweils oft Hutu- bzw. Tutsi-Milizen verwickelt, auch im Ostkongo. Was in diesem Zusammenhang interessant ist: Die Hutu bzw. Tutsi waren, auch laut Wikipedia, einmal Stände in der Gesellschaft des vorkolonialen ruandischen Königreichs. Es waren die Deutschen kolonialen Besatzer, die Hutu und Tutsi als “Rassen”, basierend auf der in Europa damals populären rassistischen Einteilung von Menschen in solche, interpretierten. Jahrzehntelang zementierten die Kolonialherrscher, erst Deutsche, dann Belgier, rassistisch Unterschiede zwischen Hutu und Tutsi, was bis heute nachwirkt. Darauf wies mich Momorulez bei Facebook hin, als ich dort schrieb, ich befasse mich gerade mit den Gründen für den Krieg im Ostkongo.

Daher habe ich beschlossen, etwas geschichtliche Nachhilfe zu nehmen über den Kongo in der Kolonialzeit und las die entsprechenden Wikipedia-Artikel. (Geschichtlich gesehen wurde mir und wahrscheinlich auch den meisten anderen hier in Deutschland zur Schule gegangenen Menschen, was den Kolonialismus angeht, so gut wie keine Bildung nahegebracht.) Was ich da fand, ist unvorstellbar: Zwischen 1888 und 1908, nachdem auf der berüchtigten Berliner Konferenz der belgische König Leopold den Kongo als persönliche Kolonie zugesprochen bekam, hat dieser in einem grausamen Ausbeutungsregime etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung umgebracht. Der Grund war Kautschuk – Leopold hatte 20 Jahre lang, bis neu angepflanzte Kautschukplantagen in Südamerika anfingen, sich zu rentieren, quasi ein weltweites Monopol. Er wurde zum zweitreichsten Mann der Welt. 10 Millionen Menschen mussten dafür sterben. Die halbe Bevölkerung des Landes!

Das Kolonialregime konnte die Zwangsarbeiter nicht einsperren oder in Ketten legen, weil sie zum Kautschukernten weite Strecken durch den Urwald wandern mussten. Also nahmen sie die Frauen und Kinder der kautschuksammelnden Männer in Geiselhaft. Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Viele Frauen starben in Geiselhaft. Wenn nicht genug Kautschuk gebracht wurde oder die Männer sich verspäteten, wurden die Frauen getötet.

König Leopold wurde, als das rauskam, nicht bestraft, er musste lediglich seine private Leibkolonie dem belgischen Staat übergeben. Zu dem Zeitpunkt waren die Kautschukplantagen, die 20 Jahre zuvor angepflanzt worden waren, konkurrenzfähig geworden und es hätte sich für ihn eh nicht mehr gelohnt.

Heute erinnert sich scheinbar niemand in Europa mehr daran. Die Menschen aus dem Kongo werden sich aber sehr wohl dessen bewusst sein, und ich finde es einfach nur beschämend und furchtbar, dass europäische Völkermorde und Schreckensregime wie dieses so derartig verschwiegen und vergessen werden. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was das für ein langwährendes gesellschaftliches Trauma darstellt, wenn eine Generation lang ein Regime wütet, das die halbe Bevölkerung vernichtet, Familien auseinanderreisst, den Kindern die Hände abhackt, die Frauen vergewaltigen lässt.
Dafür hat das Land nie irgendeine Entschädigung erhalten.

(Boah, mir steht das bis hier. Und ich bin noch nicht mal bei der Ära 1908-1960 angekommen, als der Kongo unter belgisch-staatlicher Kolonialherrschaft stand.)

So wie ich das verstehe, wurde die Gesellschaft im Kongo in der Kolonialzeit tiefgreifend zerstört und traumatisiert, danach noch weitere 50 Jahre ausgebeutet, danach die Selbstbestimmung durch die Freiheitsbewegung torpediert, indem einem Diktator geholfen wurde, sich an die Macht zu putschen, nur 5 Jahre nach dem Ende der Kolonialbesatzung. Noch schnell ein Link zu einem Artikel über die Ermordung Patrice Lumumbas.

Also, unterm Strich.. wer sich ein wenig für Kolonialverbrechen, afrikanische Geschichte und dergleichen interessiert, findet in dem Land ein Fass ohne Boden der europäischen Verbrechen, und ich muss keine Politikwissenschaft studieren um zu dem Schluss zu kommen, dass viele der heutigen Probleme im Kongo, auch die Menschenrechtssituation der Frauen im Kriegsgebiet, sehr viel damit zu tun haben.

Zur gleichen Zeit kommen Feministinnen aus Europa und den USA und erklären den kongolesischen, im Bürgerkrieg um Rohstoffe vergewaltigten Frauen, sie sollen aufstehen und tanzen, sich die Gewalt nicht mehr bieten lassen, wir seien doch alle im gleichen Boot, alle Frauen, weltweit, und jetzt tun wir uns zusammen. Ohne dass sich auf die Ursachen der sexuellen Gewalt auch nur kurz bezogen wird. Gleichmacherisch. Ich kann diejenigen verstehen, die da mitgemacht haben, weil jede Publicity im mächtigen Westen vielleicht Hoffnung bringt – es schauen einfach schon viel zuviele viel zu lange weg. Auf dem One-Billion-Rising Event sprach auch Dr. Denis Mukwege, der mit vielen Friedens- und Menschenrechtspreisen für seine Arbeit für vergewaltigte Frauen ausgezeichnet ist. September 2008 zitierte ihn das Amnesty Magazin:

“Was mich wundert, ist, dass alle Welt weiß, was hier passiert, und niemand etwas tut”, sagt Mukwege.

Ich kann aber auch verstehen, wenn es Aktivist_innen und Menschenrechtsverteidiger_innen im Kongo gibt, die sagen: Wie arrogant und geschichtsvergessen ist das denn? Wie in dem Artikel von Natalie Gyte erwähnt.

Ich war bei OBR, und ich finde es unterm Strich gut, dass überhaupt Öffentlichkeit geschaffen wird für Gewalt gegen Frauen* und Mädchen*. Aber ich habe durch diese “Wir Frauen – Weltweit” Aktionen, anlässlich der Kritik an ihnen, auch mal nur kurz über den Tellerrand geguckt und bin einfach nur entsetzt und beschämt deswegen, was an Verbrechen, die im Kolonialismus geschehen sind, mir schon bei diesem kurzen Blick entgegenkam – und wie sehr das hier in der weißen europäischen Gesellschaft beschönigt, verdrängt, verschwiegen bleibt.

Da gibt es noch viel zu tun.

Ich bin nur ein Mensch, eine Person, die nur wenig und seit kurzem darüber weiß, keine Expertin, sogar eklatant ungebildet, was diesen Teil der Geschichte angeht. Leider auch zu ungebildet, um Euch gute Links zu wirklichen Expert_innen zu geben. Was ich mir angelesen habe, kann man sich auch an einem Abend anlesen, wenn man entsprechend Wikipedia liest und bei Amnesty sucht. Daher kann das eigentlich nur eine Aufforderung an mich selber sein und an Leute, denen es so wie mir geht, dran zu bleiben, sich zu informieren, zuzuhören und das was geschehen ist, anzuerkennen und nicht zu vergessen und zu verschweigen wie bisher.

Was vom Aufschrei übrigblieb

#Aufschrei, die Twitter-Aktion. Ich bin live eines Nachts reingestolpert und fand das gut, ich habe mitgemacht und es war erschreckend, wieviel einer wieder einfiel an Erlebnissen mit Sexismus. Und auch, wie vielen Menschen (bewusst Menschen, da es nicht nur Frauen* waren) in meiner Timeline so viel einfiel. Wir tweeteten Erlebnisse und tweeteten uns gegenseitig Solitweets zu und fühlten uns einander verbunden, eine Nacht, einen Tag vielleicht noch war das toll.

Dann kam die Bekanntheit der Aktion, es ging in die Medien, es wurde wie zu erwarten war, furchtbar, und gleichzeitig kam auch der Backlash und ekelerregende Trollerei. In sexistischen Strukturen privilegierte Menschen (und das sind nun mal zumeist heterosexuelle Cis-Männer) jammerten und machten sich selbst zu den grössten Opfern, sie dürften ja nun nicht mehr Komplimente machen, sie wären wahnsinnig diskriminiert, die Schlampen würden es ja nur selber wollen, die armen Männer würden pauschal als Sexisten abgestempelt, und so weiter und so fort, ad Nauseam.Das war das eine. Die anderen, (zwar nicht so viele, aber leider genug, um bemerkbar zu sein) schleuderten einfach nur ihren Hass raus, ergingen sich in Gewaltfantasien.

Inzwischen kommt es mir vor, als sei das Thema Sexismusdiskussion total vermint: Mal was falsches gelesen, den falschen Link geklickt, und schon wieder erschreckende, enttäuschende und sehr ärgerliche Sachen gelesen, die sich ins Hirn gebrannt haben. Ich bemühe mich ja nun schon, nur in meiner eigenen feministisch orientierten Filterbubble zu bleiben und nur empowernde Texte und Beiträge aus dieser zu lesen. Die Mainstreamdebatte bekomme ich quasi nur gefiltert durch diese Beiträge mit, weil sich andere die Mühe machen, die Talkshows anzusehen, die Zeitungen zu lesen und dagegen anzuargumentieren. Und trotzdem schlägt immer mal wieder ungefiltert blanker Frauenhass oder total sorgloses gutgemeintes Derailing (Abwiegeln, Entgleisen) durch bis zu mir. Da ein Kommentar, hier ein Forumsbeitrag, dort eine Diskussion, wo sich Menschen z.B. ellenlang Gedanken machen, wie Komplimente gehen und wie man diese annimmt oder auch nicht. (Tach. Es geht nicht um Komplimente. Ging es nie. Gern geschehen.)

Inzwischen habe ich auf die Diskussion echt keinen Bock mehr und ich habe das Gefühl, “wir” (also die von Sexismen Betroffenen) haben die Debatte verloren. Unsere Aufschrei-Tweets haben es zwar bis in die New York Times geschafft, aber im Inland macht sich Gottschalk noch lustig darüber, dass Brüderle ihm die “Last” abgenommen habe, der Creep der Nation zu sein. Hätte er die Scheiße einfach bleiben lassen, vor den Augen der “Fernsehnation” Frauen anzutatschen und aufs Unangenehmste sich an sie heranzuwanzen, hätte er die “Last” sofort los gehabt. Dazu wurde er ja nicht gezwungen.  Und dann bekundet er, dass er vor Frauen einen großen Grundrespekt hätte und damit sei nun alles gut. Oder die Radiokommentatorin, die einiges sagt, was echt okay ist, dann aber nivellierend meint, wir sollten einfach nur alle mal (Frauen seien ja genauso für Sexismus verantwortlich, jaja) wie Erwachsene blabla… und sie könne das Opfergejammer und die Empörung vieler Frauen nicht mehr hören, am Ende schäkert der männliche Moderator: “Vooorsicht, jetzt kommt ein Kompliment! Das hast du schööön gesagt!” – Das finden sicher die meisten sooo harmlos. Aber es sagt zweierlei aus: 1) Männer machten ja nur Komplimente, und Frauen behaupteten, das sei Sexismus, in Wirklichkeit gäbe es also diesen Alltagssexismus gar nicht bzw. Sexismus ist nur wenn es schlimme Gewaltverbrechen sind und 2) Das Thema sei lächerlich. Man kann sich getrost darüber lustig machen.  Anbei die Kommentatorin, die mehr oder weniger mitlachen muss, weil sie sonst ja die Spassbremse ist.

Unmöglich, dem auszuweichen. Soll ich es schade finden, dass es #Aufschrei überhaupt gab? Ich könnte ja nun sagen, jetzt weiß ich wenigstens, wo ich dran bin in diesem Land hinter dem Mond, aber das war ja vorher schon klar. Vorher zum Beispiel, als Sachsen-Anhalt Zwangs-HIV-Tests für Schwule, Obdachlose und People of Color plante. Da sagte eine Freund_in von mir: Deutschland ist nicht zur Demokratie fähig und sollte dringendst unter internationale Verwaltung gestellt werden. (Ist das eigentlich jetzt abgewendet oder…? Es gab keine Berichterstattung mehr dazu.)

Im Moment ist einfach viel Enttäuschung und Ärger da bei mir. Auch wegen all der “Kleinigkeiten” die an und für sich ja harmlos sind, wie dieser “Scherz” des Radioeins-Moderators, die aber darauf verweisen, wie sexistisch die ganze Gesellschaft und ihre Vereinbarungen darüber, was sich geziemt und was nicht, eigentlich ist.

Antje Schrupp ist da ja viel optimistischer und schreibt: “Mein Masseur, mit dem ich vorhin darüber sprach, findet die ganze Geschichte nach wie vor absurd und weiß nicht, worüber wir uns aufregen – aber er weiß jetzt zumindest, dass wir uns darüber aufregen.”

Mir reicht das aber nicht. Nein, mir reicht es nicht, dass die Mainstreamgesellschaft, wenn _mal_ das Thema Sexismus viral wird, nichts besseres dazu hinkriegt als Derailing, Gewitzel, Schmerzensmänner und die unterste Schublade von 1950 aufzuziehen und die ollen Kamellen rauszuholen und abzustauben. Na gut, aber ich habe ja auch erwartet, dass wenn sich z.b. Geflüchtete politisch einmischen und ihre Geschichten erzählen, dass die Mainstreamgesellschaft und die Politiker_innen was anderes dazu zu bieten haben als die ollen Ressentiments über die “Wirtschaftsflüchtlinge” und sagen: “Wenn es euch hier nicht gefällt, dann geht doch zurück”. Da ist die Situation ja auch so: Die Geflüchteten erreichen viele Menschen und viele denken zwar auch darüber nach, aber die politischen Konsequenzen werden an den entscheidenden Stellen nicht gezogen, die da wären, mal die eklatanten humanitären Mißstände in der EU anzugehen und daran zu arbeiten, diese zu beseitigen. Nicht mal die Lagerunterbringung ist bislang abgeschafft.

Gut, zurück zum Thema #Aufschrei.

Antje Schrupps Resumee ist:

Mag sein, dass sich manche nur ihrer Positionen vergewissert haben, aber ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten sich “bewegt” haben. Und ich bin auch davon überzeugt, dass wir bei dem allen insgesamt ein Stückchen näher an das gerückt sind, was “richtig” und “gut” ist.

Hmja. Vielleicht sehe ich das auch zu pessimistisch. Vielleicht bin ich auch zu verärgert im Moment. Denn was ja wirklich bleibt, ist, dass dieser ganze Backlash und Frauenhass, das ganze Derailing nur in diesem Ausmass nötig war, weil das Ausmaß derer, die sich bei #Aufschrei zu Wort gemeldet haben, wirklich so hoch war. Wir waren einfach verdammt viele. Und wir haben es in die New York Times geschafft. Und internationale Zeitungen haben ja das geschrieben, was die Zeitungen in Biederschland unterschlagen haben, weil die Befindlichkeiten des weißen Hetenmanns an und für sich erstmal wichtiger waren. Vielleicht ist das ja auch was. Vielleicht sollte ich mich darüber auch einfach mal freuen.

Auf jeden Fall freue ich mich z.B. darüber, dass mein weißer Hetero-c#-Lebensgefährte, als er die #Aufschrei Tweets mitbekam, einen Solitweet für uns getwittert hat. Oder auch darüber, dass eine ehemalige Bekannte/Freundin, mit der die freundschaftliche Beziehung vor Jahren nicht im Guten zu Ende gegangen war, auf einmal bei Facebook sich zu Wort meldet und brillante feministische Kommentare schreibt. Oder dass mir gestern beim Treffen mit Freund_innen meine Freundin sagt: “Da haben auch viele ältere Frauen sich gemeldet in diesem Sammelblog, die schrieben, sie melden sich deshalb jetzt zum ersten Mal im Leben zu Wort” und wie wir dann gerührt waren. Oder wie schwule und queere Freund_innen sich ebenfalls zu Wort meldeten, obwohl die (bzw. Teile davon) feministische Szene oft gar nicht nett und solidarisch zur queeren Szene war und ist, wie trotzdem auch da eine Verbundenheit zu merken ist, weil es nicht nur wegen dem “herkömmlichen” Sexismus ist sondern weil es auch Heterosexismus und Cissexismus gibt. (Es gab leider auch viel Heteroprivilegiengedöns, wie Nadine feststellte).

Ein Wechselbad der Gefühle ist das also, was bei mir vom #Aufschrei übrigblieb.

Und ich muss wirklich allen sehr, sehr danken, die sich der Diskussion ausgesetzt und Einspruch erhoben haben, die empowernde Texte geschrieben haben, ihre Kraft und Zeit investiert haben, damit nicht #Aufschrei im privilegiengetränkten Mainstream absäuft. Und ich fand den Artikel von Antje Schrupp deshalb so gut, weil diese Metaperspektive und die vielen interessanten Gedanken darin eine_n wirklich vom Ärger über all die Zustände abbringt. Die mensch ansonsten permanent verdrängt und ausblendet, um sich die gute Laune zu bewahren.

Racism is in the Air… Rassismus liegt in der Luft…

Ja, das wird mal wieder einer dieser Artikel. Schon der Titel lässt es ja erahnen. Mann, war das eine Woche! Ich schreibe das hier eigentlich, weil ich diese Woche auf Facebook viel diskutiert habe, und es eigentlich schade finde, wenn das nur auf Facebook verbleibt und nichts zu einem dezentraleren Austausch im Netz beitragen kann. Ich mag diese Bündelung auf Facebook nicht. Ich hab nichts Neues beizutragen, deshalb will ich nur noch ein wenig Gewicht in eine der Waagschalen werfen, explizit nicht mitmachen beim Trotzgeheule des weißen Bildungsbürgertums, das dringend rassistische Wörter nicht nur behalten will, sondern auch ohne jegliche Widerrede behalten dürfen will.

Nadine Lantzsch sagte neulich auf Facebook, dass es ganz schön ätzend ist, wie 2013 losgeht: Weißbrot-Deutschland und seine Feuilletonisten regen sich auf, dass rassistische Begriffe aus Kinderbüchern genommen werden, Feministinnen dissen andere Feministinnen dafür, dass sie zu radikal seien und neben dem Feminismus noch Rassismus scheisse finden, Antifas kriegen 22 Monate Haft aufgebrummt weil sie was falsches in ein Megafon gerufen haben, Studis sprengen feministische Veranstaltungen..

Aber so am meisten hat das Thema Rassismus bei mir diese Woche vorgeherrscht. Das ging gleich Montags los, als eine Freundin von mir von einem persönlichen Erlebnis mit Alltagsrassismus in ihrem Foodblog berichtete: Kaiser’s Tengelmann GmbH, mein Leben in der Filterbubble & freundlicher Alltagsrassismus. Sie hatte als Entschuldigung für mehrmals vergammeltes Fleisch einen Präsentkorb bekommen, und als sie ihn abholte, hatten ihr die Leute dort lauter türkisch-marrokkanisch-arabische Spezialitäten eingepackt, wohl aufgrund ihres kurdischen Namens. Fand sie jetzt nicht… ganz so doll. Es dauerte auch nicht sehr lange, bis das Derailing (Abwiegeln, Entgleisen, Relativieren) in den Kommentaren losging.
Dann musste ich feststellen, dass das geniale “Derailing for Dummies” nicht mehr online ist, “account suspended”, steht da. :-( (Der Link führt zu “Feminism 101” wo die Seite gespiegelt wurde).
Naja, dann munter weiter: Die EMMA 1/2013 ist draussen und was im Dezember schon relativ klar war, wurde zur Gewißheit: Alice Schwarzer bestimmt, was Feminismus ist und erklärt Schwarzen Feminist_innen, dass sie keine Feminist_innen sind, sondern “Sektiererinnen”:

Und laut dieser Debatte haben alle „People of Colour“ und ihre Gefolgsleute erst mal recht – und alle Weißen unrecht. Vor allem die „privilegierten weißen Mittelstandsfrauen“, wie die, die in der Berliner Bloggerinnen-Szene zurzeit unter dem Diktat von Sektiererinnen kuschen.

Ach, da waren sie wieder, meine drei Probleme… will ich seufzen. Diese auffallende Merkbefreitheit, mit der ansonsten gebildete und intelligente Weiße verbreiten, dass Antirassismus und kritisches Weißsein bedeute, “alle Weißen” hätten “erst mal unrecht”. Davon, dass es so oft wiederholt wird, wird es nicht wahrer. Theoretisch. Aber rein praktisch schaffen diese Leute natürlich Realitäten: Indem sie sich das gegenseitig oft genug vorbeten, bringen sie die anderen Stimmen, die ihnen erklären und begründen könnten, wie es tatsächlich gemeint ist, zum Schweigen.

Anderntags bei Twitter reingeschaut. Das Thema war gerade: fremdschämen für die “ZEIT” – warum denn das, ich gucke also mal zur “ZEIT”: OMGoddess uaaaaaaaaaaaah… Die Titelseite ist überzuckert mit einer Collage aus Figuren, die zu einer Zeit entstanden sind, als Europa fast die ganze Welt kolonial beherrschte, und dazwischen prangt ganz groß das N-Wort. (Hier ein Link zu einer Abbildung dieser Titelseite) Was ist denn hier los?? Was an mir vorbeigegangen war und dann doch der EMMA die Schau stiehlt, und wo ich immer noch grosse Probleme habe, es nachzuvollziehen: Weißbrot-Deutschland stampft trotzig mit dem Fuss auf und schreit “N*, N*, wir wollen N* sagen!!” Laut der taz ist es so gelaufen:
Ein Papa schreibt an den Verlag von Ottfried Preussler, dass seine kleine Tochter ein Buch, was sie geschenkt bekommen hat, nicht in Ruhe lesen kann, weil darin rassistische Beleidigungen stehen, die sie verletzen. Der Verlag schreibt dem Papa zurück, dass es auch sein Brief war, der dem alten Preussler klargemacht hat, dass es nicht geht, dass Kinder beim Lesen seiner Kinderbücher verletzt und abgewertet werden. Also gab Preussler grünes Licht, und der Verlag Thienemann warf das N-Wort (und andere Wörter, die man heute einfach nicht mehr sagt und/oder versteht, wie “Kinder durchwichsen”) aus der neuen Auflage raus.
Und jetzt ist das Geheule gross. “Unsere” Kindheitserinnerungen, die “Weltliteratur” sind in Gefahr! Diktatur! Zensur! 1984!
Über dem Inhaltsverzeichnis der ZEIT steht z.B. gross und breit:

“Zensierte Kinderbücher” – muss Pippi Langstrumpfs Vater heute “Südseekönig” sein?

Jetzt frage ich mich, wie intelligente Menschen auf die Idee kommen, dass Änderungen an Büchern in Absprache mit den jeweiligen Autor_innen bzw. deren Erben “Zensur” sein sollen. Ich kann es mir immer noch nicht erklären. Falls das hier jemand liest, der diese Idee auch im Kopf hat, dann bitte, bitte, lies das hier: On Censorship von Accalmie auf Stop!Talking.(englisch). Wer des Englischen nicht so mächtig ist: Auch die Kommentare von Accalmie unter diesem Artikel der Fuckermothers “Rassismus raus aus Kinderbüchern” sind eigentlich schon eigene Blogartikel wert. Es geht da zwar nicht explizit um die Unvernünftigkeit des “Zensur, Zensur”-Geschreis, aber auch ums Thema Kinderbücher und viele andere Punkte zu genau dem Thema.

Ich kam aus dem Staunen nicht mehr raus, Ich las mich ein. Ich las (ausser den bereits verlinkten Artikeln):

Aktuell bekam ich noch mehr Links, es läuft eine mehr als nur erfreuliche Diskussion, die den entsetzten N-Wort-Freunden im Feuilleton Paroli bietet. Ich stellte zwei Artikel bei Facebook rein, nämlich den von Simone Dede Ayivi im Tagesspiegel und den Toastbrot-Artikel von Nadia.
Eine (anonymisierte) Auswahl der Reaktionen (In denen das N-wort stets ausgeschrieben war):

Wenn ich mit Kindern in einem älteren Text das Wort “N.” lese, sollte es mir ein Leichtes sein, zu sagen, dass das Wort nicht mehr gebräuchlich ist. Jedes Lexikon und jeder Mensch unterscheidet zwischen umgangssprachlich, hochsprachlich, literarisch und veraltet. Literatur umzuschreiben, nur, weil man diese Unterschiede nicht begreifen will, halte ich für kriminell.

Diese Anpassung “an zeitgemässe Sprache” macht mich, offen gestanden, entsetzlich wütend. (…) Das liegt doch auf demselben kulturellen Niveau wie die Puritaner, die griechischen Marmorstatuen einen Lendenschurz umwickeln wollten, weil sie sich durch den Anblick nackter Menschen beleidigt fühlten.

1984 ist näher als man denkt. das schröderchen und sein ministerium leistet da ganze arbeit.
wann werden die schriften luthers, wann thomas mann “redigiert”?

Ich habe meinem Kind jedenfalls erklärt, warum in manchen alten Texten zwar Worte wie “N.” oder “M.” auftauchen, wir aber heutzutage so nicht mehr reden. Der Effekt ist ein gutes Gespür für Sprache und ein frühes Bewusstsein dafür, was Rassismus bedeutet. Ich jedenfalls ziehe ein bewusstes und denkendes Kind einem lediglich durch Zensur auf Linie gebrachten Kind vor.

Distel, es geht um Eingriffe in literarische Werke, verstehst Du das nicht?

…..

Besonders beim letzten Satz klingelte das bei mir: Nein, ich verstehe das nicht. Für mich sind “literarische Werke” an sich nicht so heilig, dass ich sie über Menschen stelle. Für mich ist ein einziges Kind und dessen Gefühle wichtiger als die ganze Heiligkeit der “Weltliteratur”.
Vielleicht bin ich auch ein Kulturbanause. Oder nicht belesen genug. Jetzt verlinke ich doch mal einen der Zeit-Artikel, weil da drin steht, dass 85% der Leute mit Hauptschulabschluss ohne Lehre mit einer Änderung okay gehen, aber nur 37% der Leute mit Hochschulabschluss. Vielleicht habe ich diese Werte einfach als Kind nicht anerzogen bekommen..? Meine Eltern haben schon versucht, mich zu einem gebildeten Menschen zu erziehen und mir Bildung zu ermöglichen – aber dieses sockeln von “DER Literatur”, weil das “eben so ist”, weil “das ist LITERATUR!!” geht mir ab. Aus meiner Perspektive trägt das schon religiöse Züge. Ich habe das schon öfter fasziniert beobachtet, mit welcher Ehrfurcht man in den “gebildeten Schichten” vor kulturellen Werken auf die Knie zu fallen hat, und es dann auch tut. Ich sag nur: “Der Wolf… das Lamm… Hurz!!!”

Etwas traurig sah ich mir an, wie diese Kommentare, die die heilige Literatur gegen die Kritik afrodeutscher Eltern in Schutz namen, “gefällt mir”-Herzchen bekamen. Ein wenig verdrossen fragte ich mich, ob ich nach dieser Geschichte die Hälfte meines weißen Facebookfreundeskreises vergrätzt haben werde. Und dann wieder erinnerte ich mich seufzend daran, dass es Leute gibt, die sich das nicht aussuchen können, so wie ich, ob sie sich mit dem “Thema” Rassismus befassen wollen oder nicht, die sich nicht aussuchen können, ob sie ihren Freundeskreis vergrätzen oder nicht, sondern eher, ob sie mit dem Nichtvergrätzen ihres Freundeskreises in Kauf nehmen wollen, ihre ganze Existenz zu leugnen oder nicht. Das hat Noah Sow gesagt und oft wiederholt, und Accalmie schrieb unter dem Artikel der fuckermothers:

Es scheint einigen nicht klar zu sein, aber hier wird allen Ernstes essentiell darüber diskutiert, ob man Schwarzen Menschen auch in Kinderbüchern allein begriffliche Humanität zugestehen sollte oder nicht (…rassistische Tropen oder Muster sind hier ja noch nicht mal Thema). Für PoC ist das aber keine literarische Übung, sondern hier diskutiert man über Lebensrealitäten.

Das wäre eigentlich ein guter Schlußsatz, oder auch, was mir immer wieder einfällt, wenn ich diese Dinge miterlebe: Wie wenig Empathie (Mitgefühl/Sich reinversetzen) den Betroffenen von Rassismus oft entgegengebracht wird. Ob auf Kritik an rassistischen Handlungen oder rassistischer Sprache sich ellenlang Gedanken gemacht wird, wie es denn “gemeint war”, was z.B. die armen, armen Menschen bei Kaisers gefühlt oder gedacht haben könnten, als sie Shermin ihren “Türkinnenpräsentkorb” zusammenpackten, oder ob sich Sorgen gemacht wird, ob bald die gesamte Weltliteratur verboten und verbrannt wird, weil Preussler und die Lindgren-Erben nach 50, 60 Jahren endlich zur Einsicht gekommen sind, dass man Bücher auch mal an heutige Sprache anpassen kann.

However. Das war also ein wenig mein Versuch, das Blablah dieser Woche, diese Facebook-konversation, auf ein weniger flüchtiges, zentralisiertes, und besser lesbares Plätzchen zu übertragen. Wenn sich davon jemand vergrätzt fühlt, dann ist das eben so. Würde mich aber wirklich freuen, wenn’s nicht so ist. Denn eigentlich hat niemand uns Weißen was getan – ausser unser Recht in Frage zu stellen, zu bestimmen, was Rassismus ist und wie sich die Menschen, die wir als “die Anderen” schubladisieren, zu fühlen und zu verhalten haben.

Grada Kilomba, “The Mask”:

The mask raises many questions: why must the mouth of the Black subject be fastened? Why must she or he become silent? What could the Black subject say, if her or his mouth were not sealed? And what would the white subject have to listen to? There is an apprehensive fear that if the colonial subject speaks, the colonizer will have to listen. It would be forced into an uncomfortable confrontation with ‘Other’ truths.

Diese “anderen Wahrheiten” sind doch auch eine Chance. Mehr Meinungsfreiheit, mehr Diversität, mehr zu hörende Stimmen. Es ist doch eine aufregende Zeit, eine schöne Sache, dass die Sprachlosigkeit endlich aufweicht, die vielen Menschen auferlegt war. Gut, “bequem” geht anders. Aber seit wann ist “bequem” so toll.

PS: Bitte bedenkt beim Kommentieren, dass ich in meinem Blog möchte, dass ihr für Schwarze/People of Color usw. die Begriffe verwendet, auf die sich in Deutschland zur Zeit als politische Selbstbezeichnung halbwegs geeinigt wurde. D.h. “Schwarze” und/oder “People of Color” oder “Person of Color”. Ausserdem kürzt bitte das N-Wort ab oder schreibt es eben nicht aus. Sonst muss ich das tun und die Originalschrift eures Kommentars abändern. Und ich hab auch noch anderes zu tun ;)

Neues Titelbild

Ich habe gestern in meinem Art Journal herumgeschmiert, eigentlich wollte ich nur… was ausprobieren, eine Stunde Zeit zum malen nutzen, und heraus kam eine Doppelseite, die mir super gut gefällt und mich zufrieden macht. Die habe ich gleich als Titel/Headerbild hier eingesetzt… juhuu!!

Ich sehe zwar nicht so aus wie die gezeichnete Person, finde sie aber irgendwie hübsch und kann mich in ihrem Ausdruck und ihrer Stimmung wiederfinden.

Verwendet habe ich diese tollen wasserlöslichen Malkreiden von Caran d’Ache (Neocolor 2), weiße Acrylfarbe, einen schwarzen Tuschestift, einen Roboterstempel und Aquarellbleistifte. Und einen weißen Gelschreiber.

Ich wünsche euch eine schöne “zwischen den Jahren” Zeit und blogge in einer guten Woche weiter.. bis dahin kann ich wahrscheinlich auch keine Kommentare freischalten. Wir lesen uns..

Vergeben, Vergessen – denk doch mal positiv!

Ich bekam heute auf Facebook ein Bild in meine Timeline hereingeströmt, das eigentlich ein Text war. Jemand hatte die Laune, ein bischen Allgemeinplätze schwafeln zu wollen und nun wird das Bild herumgeteilt.
Zitat aus dem Text:
“Gewidmet an Alle, die ein hartes Jahr hinter sich haben… Bewahre, was du hast… Vergiß, was dir wehtat… Kämpfe, für das was du willst… Schätze, was du hast… Vergib denen, die dir weh taten und genieße die, die dich lieben…” (Grammatik- und Interpunktionsfehler waren so).
Der kurze Text geht dann sinngemäss weiter, dass das Leben doch zu kurz sei um sich mit den schmerzvollen Momenten abzugeben, man solle doch für das Gute dankbar sein, sich von dem weniger guten lösen und einen Neubeginn machen.

Was der Autor dieser Zeilen leider vergisst: Leiden verschwindet nicht, wenn man aufgefordert wird, es zu vergessen.
Und es kommt für mich einer Selbstentwertung gleich, wenn ich denen, die mir “wehtaten” aus dem blauen Dunst heraus vergeben soll. Wer neulich meinen Text über Mobbing gelesen hat, kann sich vielleicht zusammenreimen, wie toll es ist, wenn Menschen, die “ein hartes Jahr hinter sich haben”, vielleicht schikaniert worden sind, vielleicht gemobbt worden sind, und denen in diesem Zuge ihnen ihr Schmerz abgesprochen worden ist und die Verletzungen unsichtbar gemacht worden sind, sich dann anhören müssen, sie sollten es vergessen. Und den Täter_innen (ich benutze jetzt mal das Wort) sollten sie vergeben.

Vergeben und Vergessen kann nur dann geschehen (ohne das man sich selbst damit der Unsichtbarmachung der Geschehnisse unterwirft und damit sich selbst Gewalt antut), wenn vorher Anerkennung und Erinnerung stattgefunden hat. Ich glaube, viele Menschen könnten vergeben und wollen es auch. Ich bin sehr versöhnlich und verzeihe gerne. Was ich nicht tue, ist vergeben und vergessen, wenn der Vorfall, den ich vergeben und vergessen “soll”, nicht anerkannt, totgeschwiegen, klein gemacht wurde oder meine Gefühle abgewiegelt wurden.

In diesem Fall ist das Vergeben und Vergessen eine Unterwerfung, ein klein beigeben.
Unrecht und Verletzungen, die unter den Teppich gekehrt wurden und wo die Betreffenden dann später angewanzt kommen, und so tun, als wäre alles in bester Ordnung und nie wäre je ein Wässerchen getrübt worden, stellen an mich eine große Herausforderung: Soll ich mit schweigen, gut Wetter machen, das Spiel mitspielen, als sei nichts passiert? Oder soll ich, nachdem ich ja sehe, die Personen möchten sich wieder in ein freundliches Verhältnis zu mir setzen, die Anerkennung und Erinnerung einfordern, deren Verweigerung mir unterm Strich mehr graue Haare gemacht hat als der Vorfall selbst?

Meistens ergibt es sich so, dass ich das Einfordern sein lasse. In den allermeisten Fällen hat sich das Verhältnis zu den Personen, die mich nicht nur verletzten, sondern die es hinterher auch nicht für nötig hielten, in eine Klärung und Versöhnung Zeit zu investieren, gewandelt. Meistens sind diese Menschen nicht mehr Teil meines Lebens, und es ist schlicht nicht wichtig genug, die Arbeit verspätet noch reinzustecken. Ich bin es in dem Fall nicht, die das Prädikat “zu unwichtig” verleiht, das “zu unwichtig” Siegel wurde dem Konflikt in dem Moment aufgedrückt, als es der anderen Person nicht wichtig genug war, über ihren Schatten zu springen und zu sagen: Sorry, war Kacke.

Als ein Mensch, der im Leben öfter mal erfahren hat, wie es ist, wenn einem die eigene Wahrnehmung, der eigene Schmerz abgesprochen wird, und die eigene Stimme zum verstummen gebracht wird, regelmässig abgewiegelt wird, während einem die eigenen Verfehlungen mit der Goldwaage und erbarmungsloser Unverzeihlichkeit aufs Brot geschmiert werden, bin ich auf diese Schlußstrich-Mentalität sehr, sehr schlecht zu sprechen.
Und nach dem einleitenden Satz “Gewidmet an alle, die ein hartes Jahr hinter sich haben” eine solche Abwiegelei und Aufforderung zum Vergeben und Vergessen zu lesen, da geht mir das Messer im Sack auf, echt.

Erinnerung an den eigenen Schmerz kann dann, wenn Andere diesen unsichtbar machen und herunterspielen, sehr empowernd sein. Anerkennung dessen, was geschehen ist, kann in einer Situation, wo es denen, die Scheiss gebaut haben, auf ein Totschweigen ankommt, sehr kraftvoll und stärkend sein.
Obwohl ich es nie gemacht habe – aber an dieser Stelle fällt mir ein Text ein, auch von Steinmädchen, zum Thema Selbstverletzung, in dem sie schreibt, dass es an selbstverletzenden Verhalten auch etwas gibt, was einem Menschen nützt, was nicht immer nur krank sein muss, sondern sogar eine Stärke sein kann. Das ist genau der Punkt “Empowerment durch Beschäftigung mit dem eigenen Schmerz”.

Oft argumentieren Leute damit, dass Vergeben und Vergessen gar nicht den anderen nützen soll, sondern einem selbst. Man soll es um seiner selbst willen tun. Es würde einem selbst gut tun, wenn man vergibt, das würde eine dann erst befreien von dem Ballast, und dann könne man erst einen neuen Anfang machen.
Ich weiss nicht, woher das kommt, aber nach meinen Erfahrungen stimmt das schlicht nicht. Es tut mir nicht gut, zu vergeben und zu vergessen. Denn es ist nicht nur das klein beigeben, das ich oben schrieb. Es ist auch ein sich selbst nicht ernst nehmen, ein sich selbst abwerten, es bedeutet, schlecht für sich selbst sorgen.

Sagst du deiner besten Freundin, die ein hartes Jahr hinter sich hatte: “Vergiss doch endlich mal das, was schlecht war. Du musst den Leuten vergeben, die dir weh taten, sei doch mal positiv und machs im nächsten Jahr besser.” Nein? Weil es arrogant und bevormundend ist, weil es ihr vorschreibt, wie sie sich zu fühlen hat, weil du lieber, wenn sie dir von dem, was schlecht war, erzählt, es anerkennst, Verständnis hast, und sie trösten willst? Schön, finde ich genau richtig. Geteiltes Leid ist halbes Leid, heisst es so schön – und das finde ich sehr wahr.
Aber wieso mit sich selbst nicht genauso liebevoll umgehen?

Eine andere Sache ist dieses notorische “positiv denken sollen”. Sieh doch mal das Schöne! Sei doch mal positiv!
Als ob eine solche Aufforderung je etwas anderes bewirkt hätte als das genaue Gegenteil. Meiner Erfahrung nach kann man 2jährige Kinder noch ganz gut von einem Schmerz ablenken, indem man vor ihnen mit einem bunten Spielzeug herumwedelt. Aber irgendwann hat sich das damit. Dann klappt das nicht mehr. Ich erlebe es so, dass gerade das sich selber anerkennen und das Schmerzvolle ernst nehmen dazu befähigt, auch das Schöne sehen und wertschätzen zu können. Weil das “Schöne sehen” dann nicht ein überzuckern dessen ist, was vorher unter den Teppich gekehrt worden ist.

Deshalb: Anerkennung und Erinnerung statt Vergeben und Vergessen.

Kleine Relativierung am Schluss: Ich bin nicht radikal für ein stetes Erinnern und Anerkennen. Ich finde, das “unter den Teppich kehren und vergessen können” hat manchmal Vorteile, und es gibt Situationen, wo es super ist, diese Fähigkeit zu haben. In der Situation zum Beispiel, wo man eindeutig keine Chance auf Anerkennung/Gerechtigkeit/Versöhnung bekommen wird, mit den betreffenden Personen aber weiterhin, jedenfalls eine Zeit lang, regelmässig umgehen muss. Dann kann man das schon mal unter den Teppich kehren und sich eine gewisse gute Laune bewahren. Ich muss mich zum Glück auch nicht andauernd in meinem Schmerz wälzen. Ich kann durchaus auch mal an was Schönes denken, den ganzen Mist ignorieren, die Schlechtigkeit der Welt ausblenden – und das ist auch gut so! (Besonders die Schlechtigkeit der Welt, die gehört, finde ich, regelmässig ignoriert, ausgeblendet, unter den Teppich gekehrt und dann zu guter Musik obendrauf rumgetanzt).
Manchmal, selten, habe ich das auch schon erlebt, dass eine Freundin mich verletzt, es gab nie eine Aussprache und trotzdem wächst irgendwann Gras drüber und man verträgt sich wieder gut. Ich mag Pauschalaussagen nicht und ich mag es nicht, wenn man laienpsychologisch was in die Gegend posaunt und so tut, als sei das in jedem Fall so. Manchmal ist die Zeit und die eigene Erfahrung auch zu begrenzt, um das bis ins Detail differenzieren zu können.
Deshalb ist dieses Posting mit der entsprechenden Relativierung und einem Körnchen Salz zu geniessen.

xposted auf distel.twoday.net

Mobbing..

Gestern las ich einen echt berührenden Text zum Thema Mobbing von Steinmädchen. Ich finde das mutig und toll, wenn Menschen ihre Erfahrungen mit Mobbing oder Bullying teilen – das kann Leute inspirieren und ermutigen, stärker dagegen zu werden und sie merken, sie sind nicht alleine mit solchen Erfahrungen.

Der ganze Text brachte Saiten bei mir zum Anklingen, aber auch Zweifel. Sind meine Erfahrungen überhaupt “schlimm genug” gewesen, um als “Mobbing” zu gelten und/oder um die Folgen, die das für mich hatte, erklären zu können?
In der Schule zum Beispiel: Gedanken wiegeln ab. Schliesslich ist das ja oft so, Kinder können nunmal grausam sein, ist uns das allen nicht mal so gegangen? Und so weiter, blah blah. Ich weiss gar nicht, ob ich mal eine Zeit hatte, wo ich nicht in die Schule wollte. Hatte ich nicht. Hat es mir nichts ausgemacht? Ich war eigentlich in der Schule von Anfang an Aussenseiterin. Ich hatte es auch irgendwann aufgegeben, mich um “Anschluss” zu bemühen, und brötelte dann so vor mich hin, hatte aber meistens, eigentlich immer, die “beste Freundin”. Als meine beste Freundin dann schnallte, dass sie, wenn sie mit mir weiterhin befreundet sein möchte, in der sozialen Struktur der Schule immer ein Niemand sein würde, hat sie mich grausam und ein für alle Mal abserviert.

Aber der Zustand, von dem, was in der Schulklasse läuft, nichts mitzukriegen, zu erfahren, nicht dazuzugehören, das ist der Normalzustand gewesen. An mir haben sich einige auch hochgezogen und mich gehänselt wegen irgendwas, was sie sich ausgesucht haben, das an mir “unnormal” sei. Das war damals (unter Anderem) meine Stimme. Ich habe irgendwann geübt, anders zu sprechen, aber irgendwann eingesehen, dass das eh nichts nützt.

Ich weiß noch, dass ich in ein Feriencamp ging und mich freute, dass dort die Kinder unvoreingenommen sein würden, niemand kennt mich, usw. – und dann fingen die dort an, mich wegen meiner Stimme zu hänseln. Das war für mich erst sehr furchtbar, weil es bestätigte, dass die in meiner Schule ja recht hatten damit, dass meine Stimme einfach unnormal, einschläfernd, langsam und blöd ist, und von da an verbrachte ich, wie ich das schon gewohnt war, meine Zeit alleine im Wald. Ich war trotzdem irgendwie gerne auf Feriencamps, aber ich habe auf allen, auf denen ich war, den Großteil meiner Zeit alleine im Wald verbracht. Ich weiß aber nicht mehr, ob ich das irgendwann sowieso schon tat und die Versuche, Anschluss zu kriegen, gleich von Anfang an unterliess.

Ich hatte irgendwann ein Mißtrauen entwickelt gegenüber Menschen, die zu cool, zu erfolgreich, zu beliebt waren. Zeitweise habe ich und meine damalige beste Freundin, die auch Aussenseiterin war (aber noch ein klein wenig mehr Anschluss hatte als ich) diese Leute “Holzklötze” genannt. Irgendwann fragte ich mich, ob die “Holzklötze” unter der Fassade auch Tiefgang haben, ob sie Gefühle haben, oder ob sie wirklich so flach und kalt sind, wie sie uns erscheinen: uns, die von ihnen aus ihrer Mini-Gesellschaft ausgeschlossen werden.

Was mir letztendlich half, war ein Szenenwechsel. In meiner Schulklasse und dann im Prinzip im ganzen Jahrgang war kaum jemand links/alternativ/öko/subkulturell angehaucht. Ich begann mich irgendwann für Subkultur/Politik/Öko/usw. zu interessieren, ich wollte auch eine Emanze sein. (ich war mit meinen reichlich spiessig/braven Ansichten trotzdem schon die Klassenfeministin.) Somit gab es zwischen den “Alternativen” und den Leuten in meiner Schule, bei denen ich ein Niemand war, eigentlich keine Überschneidungen. Ich lieh mir in der Bibliothek einen Ratgeber gegen Schüchternheit und Unsichehreit aus und arbeitete das Programm durch: Ich schmiss mich systematisch, von dem Ratgeberbuch angeleitet, an die Kleinstadtökoszene ran, so sozial unbeholfen wie ich war, und stellte mich meinen Ängsten. Und blamierte mich natürlich mehrfach unheimlich, aber irgendwann hats dann doch geklappt und ich fand Freund_innen. Ich hatte sogar so was wie “Bekannte”. Vorher schwer vorstellbar. Irgendwann machte ich die Erfahrung, Teil von einer Clique zu sein, vielleicht auch Teil einer minikleinen Alternativ-Szene, und nicht der Fussabtreter der anderen zu sein. Und die Erfahrung machte ich dann öfter und öfter. Es ging auch dann nicht ohne Konflikte und Emotionen und dem Ende von der ein oder anderen Freunschaft ab, aber es war nicht das selbe wie in meiner Schule. DAS war das “wie es halt manchmal so läuft”. Manchmal verkrachen sich Menschen halt. In meiner Schule, das war kein sich “manchmal verkrachen”. Das war Ausschluss.

Als ich den Text von Steinmädchen las, kam mir aber manches sehr bekannt vor: Die Empfindlichkeit dagegen, übergangen, überhört, nicht respektiert zu werden. Ich habe manchmal, zum Glück selten, einen wiederkehrenden Alptraum: Ich versuche mich einer Person, die mir nahesteht, verständlich zu machen, und diese überhört mich oder übergeht mich einfach, und ich werde immer verzweifelter, mich verständlich machen zu wollen, bis ich so lange rumschreie, bis mir die Luft wegbleibt. Dann wache ich nach Luft ringend auf. Bekannt auch: Die Verwunderung, wenn “coole” Menschen nichts daran zu finden scheinen, sich mit mir “sehen zu lassen”. Das hatte ich noch ganz lange. Inzwischen ist es eigentlich weg.

Aber es gab auch was, was mir sehr gegen den Strich ging: für mich war das ganz und gar nicht stimmig, was sie hier schrieb:

“In Kontexten, wo vielleicht eine Person ausgeschlossen wird , vielleicht sogar wirklich verletzt wird, sich Menschen richtig scheiße verhalten – das ist trotzdem kein Mobbing. Mobbing ist ein systematischer Ausschluss seitens Personengruppen, die eine einzelne Person auf Grund von willkürliche gewählten Attributen über einen langen Zeitraum aus sozialen Kontakten rausdrängen, beschimpfen, beleidigen, schikanieren, isolieren. Einen politischen gewollten Ausschluss damit zu vergleichen, empfinde ich als unglaublich relativierend. Und es verdeckt Erfahrungen wie manche Menschen sie erlebt haben.”

Zu politisch gewollten Ausschlüssen kann ich jetzt nichts sagen, ich der Rest des Absatzes sprach mich eher unschön an, weil mir die Definition von “Mobbing” darin zu eng ist. Ich finde, wenn man “ausgeschlossen, wirklich verletzt wird, wenn sich Menschen richtig scheisse verhalten” dann klingt das verdammt genau nach Mobbing. Mir ist das nämlich vor nicht allzu langer Zeit passiert. Gut, nenne ich es “Gruppendynamik”, vielleicht war es auch objektiv gesehen nicht so schlimm – vielleicht ist mir das auch nur deshalb so sehr auf die Füsse gefallen, und war für mich subjektiv so schlimm, weil ich in meiner Kindheit und Jugend diese Vorerfahrungen hatte und in der Situation dann Dinge reaktiviert wurden, die ich vorher schon in mir drin abgespeichert hatte.

Ich dachte mir nur: Na toll, da bin ich, inzwischen über 30 Jahre alt, und bin wieder verunsichert wie ein Teenager. Ich bin lächerlich, scheisse, kann mich nicht blicken lassen. Subjektiv gesehen war das für mich sehr sehr schlimm.

Schlimm auch, zu erfahren, dass die ganze Selbstsicherheit, die ich mir die Jahre aufgebaut hatte, die Normalität, die da lautete, dass ich okay, schön, cool, respektierbar bin, die Lockerheit im Umgang mit anderen Menschen, nach all der Arbeit an mir, wieder verloren ging. Zu merken, dass das alles auch wieder verloren gehen kann.

Ich denke, dass es verschiedenste Formen von Mobbing gibt, und nicht immer sieht das so aus, dass eine Gruppe Menschen eine Person systematisch aufgrund von etwas, für das sie nichts kann, ausschliesst und schikaniert. Mobbing kommt zwar von “Mob”, aber das kann auch so laufen, dass es 1-2 Personen gibt, die schikanieren und schlecht über einen reden, und eine Gruppe, die das geschehen lässt, nicht kapiert, was auch immer, und die die Situation mitträgt.

Der eine Faktor scheint mir der “lange Zeitraum” zu sein, über den sowas geschieht. Also Monate, ein Jahr, mehrere Jahre.
Bei häuslicher Gewalt ist das so, (hier kann ich zum Glück auf keine eigenen Erfahrungen zurückgreifen) dass eine einzige Person eine andere Person so schikanieren kann, dass ihr Selbstvertrauen völlig zerstört werden kann. Es fängt “harmlos” an und wird später enthemmter, das geht dann auch über lange Zeiträume. Vielleicht ist es für das Opfer auch gleich, ob es von einer Person oder mehreren oder grossen Gruppen gemobbt wird, entscheidend ist, wenn eine oder mehrere Personen dir lang genug erzählen, du bist scheisse, und in der Machtposition sind, dich dazu zu bringen, dir das lange genug anzuhören, leidest du irgendwann unter den Symptomen, die für Mobbingopfer so typisch sind.
Je weniger Leute beteiligt sind, umso mehr Macht über dich müssen sie haben, um das machen zu können, aber wenn sie diese haben, können auch wenige oder einzelne mobben, denke ich. Ich war lange geneigt, meine Erfahrungen “Schikane” und nicht “Mobbing” zu nennen, weil innerhalb der einen Gruppe die Schikane nur von einer Person ausging. Und vielleicht ist es auch genauer, es so zu bezeichnen. Fakt ist, dass für mich als Betroffene sich meine Sitation durch gar nichts von einer gemobbten Person unterschied, bis auf die Anzahl der Personen, die aktiv schikanierten.
Da war die Person, die schikanierte, da war ich, die sich so verhielt, als hätte die Person, die mich schikanierte, Recht (und ich wäre einfach ein Stück Müll), da waren die anderen, die es nicht schnallten und sich fragten, wieso ich mich auf einmal so verhalte, als sei ich zu nichts mehr fähig, und diejenigen, die wussten, was abging, die mich unter 4 Augen zwar trösteten, die aber ansonsten und vor allem “gruppenöffentlich” nichts taten, weil sie Angst hatten, wenn sie den Mund aufmachen, wären sie vielleicht als nächstes dran. Und wenn mich diejenigen, die sich fragten, wieso es mir so schlecht ging, _mich_ fragten was los sei, antwortet ich ihnen, (und davon war ich zu dem Zeitpunkt auch selbst überzeugt), dass es mir aus anderen Gründen psychisch nicht gut ginge. Dass ich vielleicht eine leichte Depression hätte weil ich zu rauchen aufgehört hatte, oder dass Stress in einer anderen Gruppe mich belastet.

Für mich zieht sich aber noch ein zweiter roter Faden durch, zusätzlich zum “langen Zeitraum”. Das brachte Steinmädchen auch auf den Punkt. Durch ihren Text ist mir das eigentlich erst klar geworden: Und das ist das Nicht-gehört-werden, das Unsichtbar gemacht werden. Dass man sich auf den Kopf stellen kann, stundenlang Vorträge halten, sich alle erdenklichen Mühen machen, und dass der Einfluss, den man damit nehmen kann, gleich null zu sein scheint. Oder dass der Effekt nur kurz anhält und nach kurzer Zeit ist es wieder weg und die Gerüchte/Ansichten über einen selbst, denen man entgegentreten wollte, sind wieder ungebrochen da. Die eigenen Wörter werden im Mund herumgedreht, Dinge werden einem einfach abgesprochen. Man selbst wird in Grund und Boden kritisiert und eigene Gegenkritik wird abgetan mit einem lapidaren “Das stimmt doch gar nicht!” und damit ist die Sache erledigt.

Was ich nach wie vor nicht verstehen kann, sind gruppendynamische Strukturen, die diese Schikanen und Grausamkeiten nähren und aus ganz “normalen” Menschen böse Menschen machen. Aber das ist eine angebrachte Frage. Sich eben nicht fragen: Wie habe ich das verschuldet? Sondern: Wieso sind _die_ “böse” geworden und haben sich “böse” verhalten? Meine Therapeutin hat mir seinerzeit von einem Buch erzählt, “der Luzifer-Effekt” von Philip Zimbardo. Mit dem reisserischen Untertitel “understanding why good people turn evil”. Als ich über Zimbardo im Internet nachlas, fand ich raus: Dieses Ratgeberbuch, was ich als Teenie durchgeackert habe um weniger schüchtern zu sein und aus meiner Unsicherheit rauszukommen, hatte auch er geschrieben. Da schliesst sich der Kreis ;)

Aber es ist eigentlich einfach: Wir geben uns natürlich selbst die Schuld, um das Vertrauen in die anderen Menschen behalten zu können, auf das wir als soziales Wesen “Mensch” angewiesen sind. (Klappt nur dann nicht ganz). Wenn ich den anderen die Schuld gebe, dann kann ich ja nur dauernd Angst haben, weil meine Mitmenschen jederzeit zu unberechenbaren Bullies werden könnten. Naja, oder man beschäftigt sich damit, dass tatsächlich die Mitmenschen zu Bullies werden können. Und was die Vorraussetzungen sind, damit das passiert, und was die Vorraussetzungen sind, damit das nicht passiert.
Das Fazit von Zimbardo war: Wenn die Strukturen dafür da sind, kann jeder Mensch böse werden. Naja, vielleicht sollte ich das Buch doch mal lesen.

Inzwischen geht es mir wieder gut, ich bin aus dem Tief, in das ich da gefallen war, durch einen wunderbaren Zufall und eine gute Verhaltenstherapeutin wieder rausgekommen, bin rehabilitiert, werde respektiert, anerkannt, angehört, gemocht… (natürlich nicht durchgängig oder von jedem, aber dass einzelne mich mal doof finden, ist für mich ok, ich finde manche Leute auch manchmal doof) wofür ich auch sehr dankbar bin. Ich musste nicht, wie viele andere in der Situation, umziehen, die Firma wechseln, die Gruppe verlassen. Aber wenn der Zufall nicht gewesen wäre, hätte ich das getan, weil das manchmal das einzig prakikable ist und ein Mensch lieber gehen sollte, als ewig Schikanen ausgesetzt zu sein.
Das Fazit für mich, warum ich das schreibe, ist, dass ich möglichen Betroffenen Mut machen möchte. Auch wenn man in der Situation denkt, man wäre halt “falsch” und “macht alles falsch”, das ist nicht so. Das kann auch, wenn sich genug blöde Umstände verketten, der glücklichsten und selbstbewusstesten Person passieren, dass sie in eine Lage gerät, wo sie runtergemacht wird, bis sie psychisch Schaden nimmt.
Und wenn die Situation, in der man schikaniert wurde, beendet ist, man selbst geht oder sie sonstwie beendet wird, kann sich auch therapeutische Hilfe holen, erholt man sich wieder, kann wieder gesund werden. Man war nie ein schlechter, falscher Mensch, sondern hat nur ganz normal auf Schikane und Ausgrenzung reagiert -> man ist daran krank geworden*. Und man kann auch wieder gesund werden.

* In diesem Fall ist das “krank werden” eben eine normale, und natürliche Reaktion auf Mobbing. So ungern ich ansonsten die Worte “normal” und “Natürlich” verwende, hier passt nichts anderes.

Nachtrag: Schon vor einer Weile las ich einen Text zum Thema Mobbing auf ryuu.de – den ich hier noch verlinken möchte!