Instagram-Leid und Tour De Fleece

ich spinne, trinke Tee und ich habe gestern wieder mal zuviel von Instagram gekriegt. Ich finde Instagram als soziales Medium einfach grässlich. Aber löschen möchte ich es auch nicht, weil ich es gerne nutze, um die Werbung von Tattoo Studios und Tätowierer*innen zu sehen.

Dafür ist Instagram nämlich super: Für Kommerz, und um Produkte oder Dienstleistungen zu präsentieren. Als “Berlin Tattoo Gazette” ist es prima.

Tja, was soll ich noch gross sagen. Mein Lieblings-Haß-Thema ist halt, dass Instagram es nicht anbietet, Links zu setzen, und damit Vernetzung mit anderen Teilen des Internets verhindert. Und somit künstlich die Nutzenden gezwungen werden, ihre Themen irgendwie innerhalb von Postings und Stories zu behandeln. Dann finden hier Diskussionen statt, Texte und Videos werden präsentiert, etc – obwohl diese Plattform Texte und Diskussionen so darstellt, dass sehr viele Leute sie nicht lesen können und von der Diskussion ausgeschlossen sind. Eine Kommentardebatte ist ebenfalls unfassbar mühsam zu lesen und zu verfolgen, selbst für Menschen ohne (Seh-) Behinderungen.

Es gibt ein Internet ausserhalb von Instagram, und ich finde Instagram ja ganz nett für bestimmte Dinge. Aber wenn es für einfach *alles* genutzt wird, wird es ignorant und rücksichtslos. Ich gebe hier niemandem persönlich die Schuld, weil die Plattform so programmiert ist, dass Menchen sich auf ihr so verhalten. Es ist ein Fehler “by Design”.

Aber zu sehen, wie sich Menschen wie Labormäuse nach diesen Beschränkungen richten und eben nicht für Diskussionen oder Präsentation von Texten z.b. auf ein anderes Medium ausweichen, deprimiert mich ganz schön. Ich komme mir vor, wie eine Person auf einer sehr alkoholisierten Party, die als einziges nüchtern ist.

Leckerer “English Breakfast” Tee in einem Glas auf dem ein Herz aus Fahrradkette gedruckt ist, und eine kleine honiggelbe Teekanne.
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Müllvermeidungschallenge, Tag 30: Suche dir eine Zero-Waste-Community

Hüstel, Hüstel…

Also, das finde ich etwas übertrieben, dass man sich zum Müll vermeiden gemeinsam in Gruppen organisieren soll. Müll vermeiden ist eher eine typische Konsumverhaltens-Modifikation, d.h. Leute verändern ihr eigenes, individuelles Verhalten, um die Welt zu verbessern. Was ja an sich nicht falsch ist.

Die Komponente des organisiert-Seins ist auch sehr wichtig für Veränderungen der Welt, und meiner Meinung nach sollten Menschen sich in Gruppen organisieren, um andere Dinge zu ändern als ihr eigenes Konsumverhalten. Denn das kann ich tun, wenn ich ganz allein bin. Mit mehreren kann ich schon mehr tun, also warum nicht mehr tun?

Gruppen dienen auch der Selbstorganisation von alternativen Dingen, Dinge, die man allein nicht hinbekommt.

Was zum Beispiel Sinn macht, ist, mit mehreren in eine Verbrauchsgemeinschaft zu gehen, z.b. eine Food Coop. Der Food-Coop Gedanke ist schon älter und im Unterschied zu einer “Wie vermeide ich noch mehr Müll” Selbsthilfegruppe kauft eine solche Gruppe konkret gemeinsam ein und bekommt bessere Preise für Alle, und die Großgebinde machen weniger Abfall. Damit wird Zero Waste erschwinglicher für diejenigen, die nicht soviel Geld haben.

Oder eine solidarische Landwirtschaft/CSA Mitgliedschaft einzugehen, das entspannt den Einkauf von Gemüse allgemein, weil immer welches rein kommt.

Ich habe Glück, dass ich schon eine “Zero-Waste-Community” habe, nämlich auf der Arbeit und im Freund_innenkreis. Ich wurde ja angesteckt von einer Kollegin, und kann mich auf der Arbeit und mit einer Freundin, die auch Müll vermeidet, darüber gut austauschen. Ok, Tagesaufgabe abgehakt ;)

Ich lese gerade “Zero Waste – weniger Müll ist das neue Grün” von Shia Su

Bislang gefällt es mir sehr gut! Ich habe es als ebook über meine Bücherei ausgeliehen. Angeblich sollte es erst im März verfügbar werden, aber eine Vormerkung zu machen, lohnt sich offenbar, denn ich wurde benachrichtigt, dass es jetzt schon verfügbar ist.

Ich mag an ihrem Buch, dass es wirklich praktisch und einfach geschrieben ist, und dass es den kleinen Geldbeutel mit bedenkt. Ich finde ihre Haltung “mach, was du kannst und verfalle nicht in Perfektionismus” ganz gut.

Und ich habe bei “Nudeln kaufen” genickt, als sie schrieb: Barilla ist die einzige Nudelmarke, die in Pappkartons verkauft wird, aber das muss jeder selbst wissen, ob man ein homofeindliches Unternehmen unterstützen möchte. Nun gibt es Diskussionen, wie homofeindlich Barilla tatsächlich ist, eine italienische Freundin hat mir erzählt, dass die Leitung von Barilla da zurückgerudert sei… ABER ich fand es gut, dass sie es in dem Buch erwähnt. Das zeigt mir, dass es ihr nicht um ein “Müllvermeiden um jeden Preis” geht, und andere Bedenken unter den Tisch fallen.

Zero Waste Hate Post

Weil heute bei meiner “Zero Waste Challenge” im Januar Monatshygiene dran wäre, und das für mich kein Thema ist, habe ich gedacht, ich spreche mal was anderes an. Und zwar, warum mich diese Szene auch ganz schön nervt.

Ich mag ja den Begriff “Zero Waste” an sich schon nicht. Denn das ist mir zu hoch gesteckt. “Weniger Müll” wäre das, was ich tatsächlich mache. Egal.

TL; DR Was ich an Zero Waste wirklich hasse, ist diese auf Hochglanz polierte Szene, die ZW-Ikonen, die mit ihrem ignoranten, heteronormativen, wohlhabenden, weißen privilegierten Mittelklasse-ZeroWaste-Lifestyle durch die Welt trampeln und glauben, sie retten die selbige dadurch.

Ich will nicht Leuten vorwerfen, dass ihre Instagram Accounts zu poliert sind. Privat nervt es mich, wenn alle nur noch selbstoptimiert alles auf Hochglanz halten. Aber wenn Leute das machen wollen, meinetwegen.

Ich will Leuten auch nicht vorwerfen, dass sie gängigen Schönheitsidealen entsprechen und eine weiße, mittelständische Hetero-Kleinfamilie haben, deren “glückliches” Leben sie online promoten. Es muss ja auch Leute geben, die weiß, heterosexuell und mittelständisch sind und den Kleinfamilien-Lifestyle halt für sich optimal finden.

Aber was mich nervt, ist: Dass es immer die selben Ladies wie aus dem Magazin geschnitten sind, die zu Zero Waste Ikonen werden, und dass sie sich verhalten, als hätten sie überhaupt keinen Begriff von ihrer privilegierten Position. (Auch wenn ich es erfreulich finde, dass die deutsche Zero-Waste Ikone, Shia Su, diesen Klischeebildern mal nicht entspricht und ihre Posts auf ihrem Blog finde ich z.B. recht bodenständig. Yay.)

Was mich gerade genervt hat, ist: Ich stolperte über die Webseite von Bea Johnson, die US-Amerikanische ZW-Ikone, weil sie einen “Bulk Store Finder” hat, der oft verlinkt wird. Ok, gucke ich mich da mal um und las… über ihre “Speaking Tour” nach “Afrika“. Es ging eigentlich nach Südafrika, aber macht ja nix, Afrika ist ja ein Land. Kein Kontinent, gell.

Die ganze Zeit gehts im Artikel über die coolen Dinge, die sie da macht.. Drachenfliegen, Schnorcheln, Safari, Ballonfahren, Berge und Strände besichtigen.. in den luxuriösesten Resorts wohnen.. und über Zero Waste reden. Auf den Fotos sind die meisten Leute im Publikum weiß. Sie besucht eine Paralellgesellschaft und reflektiert darüber gar nicht. Auch nicht darüber, dass all die Luxus-Unternehmungen, die ihr kostenlos organisiert werden, eben auch einen Co2 Fußabdruck haben.

Sie trifft die “südafrikanische Zero-Waste Ikone”, ebenfalls eine weiße Frau aus England, die allerdings gar nicht in Südafrika, sondern in Sambia lebt. So sagt zumindest ihr eigener Blog. Aber egal, Afrika – ist eh alles das selbe, gell. Gemeinsam besuchen sie Unverpacktläden und fliegen mit Mini-Flugzeugen und Ballons herum und essen unverpackte Nüsse zusammen.

Sie gehen auch in ein Cafe, wo sich Johnson darüber auslässt, dass ihr Tee in einem Teebeutel kommt. Und dass sie daran arbeitet, dass Tee nicht mehr in Teebeuteln kommt. Seriously? Sie hat gerade ihr Co2 Budget der nächsten 6 Jahre mit Fliegen verballert und der Teebeutel ist jetzt das Problem?

Sehr schön und romantisch findet sie es, dass sie einen weiteren “Engel” treffen darf, eine weiße Frau, die eine Organisation hat, die sich für das Pflanzen von Bäumen und das Anpflanzen von Feldfrüchten “in Afrika” einsetzt. Sie darf mit einer schwarzen Gärtnerin in einer Township zusammen einen Baum pflanzen, die von der Organisation Geld zum Gärtnern bekommt.

Dass sie ständig weiße “Macherinnen” trifft und Schwarze Menschen, die “in Need” sind oder unterstützt werden von ihnen, und warum das so ist, wird gar nicht hinterfragt. Oder vielleicht war’s auch nicht so? in ihrem Artikel sieht es nur so aus. Sie war auf einem tollen Adventure-Speaking-Urlaub und trifft viele supertolle Weiße, die ganz doll den armen Schwarzen helfen und überhaupt auch sehr ökologisch leben.

Sie besucht in einer Township einen Laden, in dem die armen, mehrheitlich Schwarzen Einwohner_innen Wertstoffmüll abgeben können, den sie auf der Straße aufgesammelt haben, und dafür erhalten sie Punkte, mit denen sie gespendete Kleidung oder Haushaltsgegenstände dort kaufen können. Sie findet das klasse, so wird Müll eingesammelt und die Armen bekommen Dinge, die sie brauchen. Ich finde das eher entwürdigend. Oft haben Arme genug zu tun, um einfach nur über die Runden zu kommen, da wäre eine Kleiderkammer besser, die nicht erst verlangt, dass man rausgeht, um Müll zu sammeln.

Und das ist alles kein Zufall, das die Verhältnisse so sind. Die Reise von Bea Johnson ist ein ignorantes Durchjetten durch eine Welt, die von Europa aus kolonisiert und ausgebeutet worden ist, und immer noch ausgebeutet wird. Wo die Folgen davon verheerend sind und klar vor unseren Augen liegen, und das wird von ihr nicht nur ignoriert, sondern da wird noch fröhlich dran mitgemacht. 

Wir machen alle irgendwie mit, es ist unmöglich, dem System zu entkommen. Aber man könnte es wenigstens sehen. Wenigstens beim Namen nennen. Und versuchen, es im ganz Kleinen und hier und da ein wenig besser zu machen. 

Wenn ich sowas lese, schäme ich mich, ein müllvermeidendes Weißbrot zu sein. Können wir bitte, BITTE, ein wenig weiter denken als dass wir keinen Teebeutel benutzen? Ökologie nutzt gar nichts ohne soziale Gerechtigkeit. Dass das genau die Leute sind, die sich als “Experten” präsentieren und Vorträge auf der ganzen Welt halten.

Ich cringe so hart.

PS: Ich habe jetzt den Blogpost von Bea Johnson nicht haarklein analysiert, und bin selbst als weiße nicht die erfahrenste Person für Rassismus und weißprivilegiertes Verhalten, deshalb ist das nur so ein grober Eindruck. Ich finde nur, wir sollten nicht so tun, als gäbe es in der Zero-Waste-Community diese Ignoranzhaltungen nicht. Ich möchte gern meine weißen Privilegien sehen lernen, sie hinterfragen und zumindest 1 gute Verbündete für People of Color sein. Und da habe ich mich gehalten gefühlt, so was auch mal zu thematisieren.

ZW Challenge, Tag 6: Plane zu kompostieren

Ich mache die “Zero Waste in 31 days” Challenge, und heute ist Tag 6. Die heutige Aufgabe ist: Plane, wie du kompostieren wirst.

In unserer Stadt Berlin haben wir das Glück, dass es Biotonnen gibt, so dass ich mich nicht selbst um das Kompostieren kümmern muss.

Tour märkische Schweiz 3/17
Auf einer Radtour im März 2017 bin ich am Kompostwerk Trappenfelde vorbeigefahren. Hier sieht man den Eingang und viele Komposthaufen, die nach ganz hübscher Erde aussehen. Ich weiß aber nicht, ob hier auch die Abfälle aus Berlin landen, denn Reterra gehört nicht zur BSR, sondern zu Remondis. Das ist ein ganz schön grosses Geschäft, das Müllgeschäft.

Die BSR hat hier eine Info-Seite über ihre seit 2013 gebaute Biogasanlage. Dort behaupten sie, dass Biogaserzeugung klimafreundlicher ist, als die organischen Abfälle direkt zu kompostieren. Die BSR betreibt ihre Müllabfuhr-Lastwagen mit diesem Biogas. Die Rückstände werden als Dünger verwendet oder kompostiert.

Eine Übersicht darüber, wie das mit dem Bioabfall in Berlin abläuft, gibt die BSR hier auf ihrer Webseite. Biogut: organischer Abfall mit Mehrfach-Nutzen

Wenn ich nicht alles bei der BSR abgeben wollte, könnte ich auch gut sortierten Bioabfall in einem Gemeinschaftsgartenprojekt zum kompostieren abgeben. Leider ist die Gemeinschaftsgartenbewegung in Berlin in den letzten Jahren schwächer geworden, ist mein Eindruck. Es gab mal viele Gärten, aber die Leute mussten viel mit Vandalismus und Spießbürgertum kämpfen, und wenn die Bezirke dann auch noch gemauert haben und den Gärten das Leben schwer gemacht haben, war es kaum noch möglich, das Gärtnern aufrecht zu erhalten.

Ich bin selber aus dem “Rosa Rose Garten” weggegangen, weil ich die ständige Negativität aus der Nachbarschaft, die Ignoranz und das “Verdursten lassen” seitens des Bezirksamtes, und den Vandalismus, dem Jahr für Jahr fast alles Gemüse zum Opfer fiel, nicht mehr ertragen konnte. Mein großer Respekt für Alle, die trotz aller Umstände den Garten am Leben erhalten haben.

Soweit ich das mitbekommen habe, hat das Bezirksamt die Fläche des Gartens kürzlich planiert, und die Gartenhütte abgerissen. Es macht mich unglaublich wütend. Auch der Garten am Wriezener Bahnhof, den es 2011 noch gab, scheint nicht mehr da zu sein. Als ich im Oktober dort spazieren ging, gab es jedenfalls keine Anzeichen von urbaner Gärtnerei mehr. Auch die Webseite des Gartenprojekts dort funktioniert gerade nicht.

Vor 8-10 Jahren wollten alle urban gärtnern. Jetzt vermeiden alle Plastik, und viele Gärten sind verschwunden. Es ist sehr schade, dass alles in kurzfristigen Hypes und Wellen kommt, und die “alten Wellen”, die auch gut waren, so verebben..

Was ist dieses BDS und wieso ist es keine unterstützenswerte Initiative?

Im November 2018 hat das “American Jewish Committee” in Berlin eine Broschüre herausgegeben, die argumentiert, wieso die Initiative “BDS” (Boycott, Divestment, Sanctions) gegen Israel nicht die gewaltlose, zivilgesellschaftliche Bewegung ist, als die sich sich darstellt. Wobei “gewaltlos” nicht das selbe ist wie “friedlich”, das hatte Gandhi schon klargestellt. Er hatte sogar mal gesagt, es sei Krieg mit anderen Methoden.

Gewaltlos ist die Bewegung aber auch nicht, sonst würden Vertreter_innen sich nicht nur nicht verharmlosend zu Anschlägen gegen zivile Opfer äussern, sondern diese Anschläge hart verurteilen und sogar versuchen, auf Gewalt anwendende Gruppen einzuwirken, damit diese damit aufhören.

Das Hauptproblem mit BDS, das die Broschüre auch thematisiert, ist, dass sie von einer Zweistaatenlösung abrückt und eine Einstaatenlösung vorschlägt, deren Konditionen so sind, dass Israel als jüdischer Staat verschwindet und ein anderer, religionsneutraler (?) Staat für Alle an seine Stelle tritt. Erst mal eine scheinbar gute Idee, aber nicht in diesem historischen/sozialen Kontext und in dieser lokalen Konstellation: Wie dann ein friedliches Zusammenleben der jüdischen und arabischen Bevölkerung sichergestellt werden soll, ist kein Thema. Das sieht die BDS-Bewegung nicht als ihr Problem an, und das ist ein großes Problem.

Denn die Wahrscheinlichkeit ist hoch, dass dann die jüdische Bevölkerung, die in der Konsequenz zu einer Minderheit in der Region werden würde, vertrieben oder massakriert werden würde. So zu tun, als wäre das kein Thema, ist ein in-Kauf-nehmen davon, nichts anderes.

In den Diskussionen, die ich bisher so geführt hatte, gab es an der Stelle oft ein Schulterzucken und ein “Selbst schuld”-Denken: “Hätte es den Zionismus nicht gegeben, hätte es kein Israel gegeben.” oder so. Hätte, hätte, Fahrradkette; so kommt aber niemand weiter. Für mich ist die “BDS-Einstaatenlösung” damit klar vom Tisch. Weil es keine Lösung ist.

Selbst wenn ich jetzt das Thema der antisemitischen Unterdrückung über Jahrhunderte in Europa und Russland gar nicht aufmache, muss ich mich als ehemalige Hausbesetzerin fragen, was eigentlich mit dem Gewohnheitsrecht ist, nach Otto Waalkes: Ich geh da, ich wohn da, ich heiz da: Geh-Wohn-Heiz-Recht. Man kann doch nicht nach 70 Jahren noch sagen “Geht mal da wieder weg”. Das ist gegenüber all den Menschen, die da einfach nur leben und zuhause sind, ungerecht.

Auch das “Rückkehrrecht” für vor 70 Jahren Vertriebene finde ich bizarr. Wo ich wohne, in Deutschland, sind die “Vertriebenenverbände” ziemlich gestrige Rechtsextremisten, und ich verstehe nicht, was ihnen genau heute noch ein praktisches Anrecht gibt auf das Land, das ihre UrUrgroßeltern bewohnt haben. Ideell, meinetwegen. Und klar ist Vertreibung Unrecht. Aber wenn dafür, dass ich zurückkommen kann, halt wieder jemand anderes vertrieben wird, der_die genauso wenig dafür kann, ist das doch auch keine Lösung.

Und die jüdische Bevölkerung ist ja ebenfalls historisch Opfer von Vertreibungen geworden, allein die sogenannte “Nakba” (Das bedeutet Katastrophe, und bezeichnet die Vertreibung arabischer Menschen aus Palästina/dem heutigen Israel) gab es in zwei Richtungen: Die jüdische Bevölkerung in den arabischen Staaten wurde nach der Gründung Israels ebenfalls vertrieben und musste nach Israel fliehen. Und da sind auch all diejenigen, die nach Israel ausgewandert sind, weil sie in anderen Regionen der Welt antisemitisch bedroht wurden.

Zum Gewohnheitsrecht und Rückkehrrecht muss niemand meiner Meinung sein, ich habe ja auch keine Idee für eine Lösung, aber ich finde es unstrittig, dass Lösungsvorschläge, die nichts zu bieten haben für die Frage “Wie sollen jüdische Menschen in dieser Region mit einer Einstaatenlösung im BDS-Style überhaupt überleben?” gar keine Lösungsvorschläge sind.

Deswegen ist die BDS-Bewegung nicht nur “Anti-Besatzung”, was ja noch ein anderer Schnack wäre, sie ist komplett Anti-Israel und antisemitisch.

Hier ist der Link zur Broschüre: https://ajcberlin.org/sites/default/files/downloads/ajcbdsbroschure2018online.pdf

und auf englisch gibt es noch das Zine von April Rosenblum “The Past did not go anywhere. Making Resistance to Antisemitism Part of All Our Movements”.

Aus Gründen werden Kommentare zu diesem Artikel hart moderiert oder gar nicht veröffentlicht werden (Ich blogge in meiner Freizeit und kann nicht 24/7 Kommentare moderieren, lesen und freischalten, falls ihr also Diskussionsbedarf habt, müsst ihr den unter Umständen auf euren eigenen Blogs ausleben, oder falls ihr keine Blogs habt: es gibt zahllose kostenlose Services, um die eigene Meinung ins Internet zu schreiben.)

Ich selbst habe dazu gerade keinen Diskussionsbedarf. Ich habe nur selbst Probleme gehabt, Texte zum Einstieg zu finden, die begründen und belegen, was die Probleme mit der BDS-Initiative sind, habe daraus nützliche Infos für mich bekommen und wollte das einfach nur weitergeben. Ich bin nicht durchgängig der selben Meinung wie die Autor_innen der Broschüren, aber ich finde die Beiträge nützlich und wichtig, und kritisches Lesen lege ich sowieso allen ans Herz.

Über noch mehr Infos oder Hinweise, wenn ich etwas falsch dargestellt habe, freue ich mich trotzdem immer.

Mein heutiger Stand zu Spiritualität, Magie und Esoterik

Im Missy Magazin gabs neulich einen Artikel über Spiritualität, den ich erst nicht lesen wollte, aber weil ich mich für Spiritualität erwärme und das in linken Kreisen oft nicht so gern gesehen wird, hab ich den Artikel dann doch gelesen. Er heißt “Mein Horoskop ist wichtiger als Deutschland” und ich fand ihn wirklich schlecht. Deswegen verlinke ich ihn auch nicht, googlen könnt ihr ja selbst.

Stichpunktartig, was ich schlecht fand: Es war einfach super inkonsistent, er ging nicht auf Kritik an Religiosität ein und würfelte dann Gegenargumente zusammen, die gegen was ganz anderes waren, begründete mit den Beispielen, die darin standen, nicht, wieso Spiritualität nun so was subversives sein soll, und stellte fest, dass a) nicht nur wohlhabende weiße Mittelschichts “Bonzen” sich mit Eso-Kram befassen und b) man das ja zum Spaß macht und sowieso nicht wirklich daran glaubt (sollte damit der Kritik entgegnet werden, dass Spiritualität/Esoterik irrational sei? Hm. es ist aber nach bestimmten Kriterien irrational und wissenschaftlich nicht reproduzier- und beweisbar..)

Ich weiß nicht, wieso etwas allein dadurch, dass es Mittelschichts-“Bonzen” tun, jetzt schlümm sein soll, bzw wieso etwas dadurch subversiv wird, dass es Marginalisierte machen. Als linksradikale Spiri-Tante hab ich mich mit Kritik an Esoterik und Spiritualität viel befasst, und mich langweilt es, wenn nur danach gegangen wird, wer’s macht. Das ist ein “Hitler war auch Vegetarier!” Niveau. Genauso langweilig ist es, wenn etwas angepriesen wird mit der Begründung, wer’s macht.

Interessant wird es für mich, wenn es darum geht, was sind denn die Inhalte von dieser und jener Spiritualität, wie sind die Geschichten davon, und was gibt es da auf dem Schirm zu haben. Und klar, kommt bei Inhalten und der Geschichte von Religionen und Ideen immer auch mit rein: wer macht was in welchem Zusammenhang und wie hat das Einfluß genommen?

Und wenn ich mich mit der Geschichte der westlichen Esoterik, ihren Inhalten, den verschiedenen Strömungen darin usw. eingehend beschäftige, muss ich leider sagen: gefühlt 90% davon ist ein bodenloses Faß mit Scheiße drin. Nicht nur sind große Teile gerade der neuheidnischen Gruppen schlicht und einfach Nazis oder rechts-offen, und in ihren Büchern stand schon vor 15 Jahren drin, was die Identitären heute vertreten, sondern z.B. auch eigentlich feministische Strömungen wie die “Neuen Hexen” bauen auf krass antisemitischen Grundannahmen auf, eine Geschichte, die die Szene imo nie wirklich aufgearbeitet hat. Das mag heute vielleicht etwas besser sein, aber ich bin noch mit den Büchern aus den 80er Jahren und “vor dem Internet” ins Thema rein gegangen, und das war sehr unschön.

Westliche Magie und Esoterik fußt größtenteils auf der Theosophie, einer Lehre aus dem 19. Jahrhundert, die sehr einflußreich in der damaligen “Szene” war und aus deren “Theosophischer Gesellschaft” der Orden “Golden Dawn” hervorgegangen ist, der wiederum sehr einflußreich auf magische Gruppen und Hexen war. Die Theosophie ist heute weniger bekannt als ihr Spin-Off, die Anthroposophie von Rudolf Steiner, aber aus ihr kommt die sog. “Wurzelrassenlehre”, die sich auch bei Steiner wiederfindet, und die annimmt, es gäbe verschiedene “Menschenrassen” die auf verschiedenen “spirituellen Entwicklungsstufen” wären. Ein weiteres Spin-Off-Projekt der rassistischen Theosophie war die Ariosophie, die der Nationalsozialistischen Rassen-Ideologie die Grundlage lieferte.

Das soll alles nicht heißen, dass nun sämtliche spirituellen Leute Nazis seien, oder dass alle Ideen, die in der Esoterik vorkommen, problematisch wären. Aber ich finde schon, und das musste ich auch bei dem Missy-Artikel feststellen, dass Viele viel zu sorglos mit der Geschichte und den Inhalten von westlicher Esoterik umgehen. Denn inhaltlich sind die Theosophie und magische Orden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts für esoterisch-magische Strömungen sehr prägend gewesen. zum Beispiel Dinge wie Astrologie oder Tarotlegen. Sie sind zwar viel älter als die moderne westliche Esoterik, aber die zwei bekanntesten Tarots sind von Mitgliedern des Golden Dawn geschaffen worden: Das Rider-Waite Tarot und das Toth Tarot. Die Symbolik in diesen Tarots und die Lehre vom Tarotlegen ist nicht “irgendwie vom Mittelalter her” sondern hat ihre Wurzeln im Golden Dawn und der Theosophie.

Und von Dingen wie biologistisch-essentialistischen Geschlechterbildern, TERF-tum, Verschwörungstheorien und Ausbeutung von indigenen Kulturen hab ich noch gar nicht angefangen.  Ein “klar muß sowas kritisiert werden” reicht mir da nicht so ganz aus. Es ist zuviel, es ist zuviel überall, und es ist zu tief in den Ideen drin. Ich habe mich vor über 10 Jahren aus der “Spiri”Szene (in meinem Fall war das die feministische Spiritualität/Hexen) zurückgezogen, aber selbst in einem “maximal fortschrittlichen” Segment der Spiri-Szene kam ich immer noch in einem derartigen Übermaß mit regelrechten Nazis, rechtsoffenen und reaktionären Leuten, Ethnopluralist_innen und TERFs* in Kontakt, dass es mir heute noch davor graut. Ich war z.B. mal auf der Mailingliste von Zsusanna Budapest, wo sie Strichprobenkontrollen auf “echtes Frau-sein” durchführten.. Eine Frau aus meiner damaligen linksanarchistischen Spiri-Feiergruppe schloß sich später einer Nazi-Siedler-Sekte an und brach mit allem, auch ihrer Familie. Ein Typ, den ich über ein paar Ecken in der Magie-Szene traf, versuchte sich als Zuhälter für die weiblichen Mitglieder seines Ordens, und verkaufte denen das als “Erleuchtung”, aber zum Glück wurde da nichts draus..  bei einem magischen Grüppchen, dem eine Bekannte angehörte, landete mal unerkannt ein Hardcore-Nazi-Kader, also jemand mit wirklich Blut an den Händen.. zum Glück flog sie auf, aber puh…  ach ja, und in meinen Kreisen wurde auch zur Genüge der rechte heidnische Arun-Verlag und sein neurechter Besitzer verharmlost, “der ist doch kein Nazi, das war ne Jugendsünde” etc…  Ach ja, und auf einer feministisch-spirituellen Mailingliste, auf der ich war, flogen einer auch regelmässig Verschwörungstheorien um die Ohren..

Und ich hatte wirklich versucht, mich nur an die “Guten” und die “Linken” zu halten. Und ich traf auch “Gute” und “Linke”, es war ja nicht alles schlecht. Aber es war rein praktisch sehr sehr schwer, sich als dezidiert linke hexisch-magische Gruppe zu halten und abzugrenzen und sich auch ständig mit den Überschneidungen zur rechtsoffenen und “unpolitischen” Szene auseinanderzusetzen.

Das mag heute, nach vielen Jahren, vielleicht besser sein. Ich bezweifle es. Vielleicht kommt man auch um diese Verstrickungen auch zum Teil drum herum, indem man die komplette Esoterik/Magie Szene meidet und sich z.B. als Gleichgesinnte aus der queeren Szene zum Tarotlegen trifft. Möglicherweise ist die hexische/magische Szene z.B. in den USA auch progressiver als hier in Deutschland und dank Web 2.0 oder whatever kommt nun mehr davon rüber als früher.  Und von dem, was ich mitgekriegt habe, gibt es im Black Feminism und bei Queers of Color seit Jahrzehnten eigene, von der weißen westlichen Eso-Hexenszene eher unabhängige Spiritualitäts- und Magiepraxen, wo hoffentlich auch inzwischen mehr in Deutschland läuft als früher. Ich würde es allen, die sich als linke und fortschrittliche Menschen mit Spiritualität, Magie und Hexentum beschäftigen wollen, ehrlich wünschen, dass sie meine Erfahrungen gar nicht erst machen müssen.

Ich ging aus der Szene raus, nachdem ich mich gefühlt am 100.sten Masku-Magier*  abgekämpft, die 1000.ste N-Wort-Diskussion geführt, und die 10.000ste Rechtfertigung dafür geschrieben hatte, wieso ich heterosexuelle Reproduktion nicht als das Grundmotiv meiner Religiosität ansehen möchte (ich weiß sogar noch, wem gegenüber, sie sagte, das sei “unnatürlich”), und nachdem meine Spiri-Feiergruppe daran zerbrochen war, dass sich eine von uns (die später zu den Nazis ging) als TERF entpuppte.  Achja, und ne Wicca-Freundin sich aus starkem Interesse ein antifeministisches Buch bestellte… irgendwann war ich es sehr, sehr leid.

Mir ist meine frühere Spiritualität auch inzwischen fremd geworden, es kam einfach der Tag, da kam ich mit dem zugrundeliegenden Biologismus/Essentialismus von “weiblicher Spiritualität” nicht mehr klar. Jahrelang hatte ich mich daran ab- und drumherum gearbeitet, um mir das passend zu machen, fand auch hier und da mal was, in dem ich mich wiederfand, aber es passte einfach irgendwann immer weniger.

Was geblieben sind, sind ein paar Bruchstücke,  ein Gefühl dafür, dass es mit mir, meinem Leben und der Welt schon einen bestimmten Sinn hat, und etwas, ein bischen, Magie und Kommunikation mit Unsichtbarem. Ich halte das alles ziemlich für meine Privatsache.

Klar, hätte ich manchmal auch Lust, gegen pauschale Abwertungen von Religion und Spiritualität in der Linken zu protestieren. Aber nachdem ich mich in dieser Eso-Szene mal aufgehalten habe, verzichte ich lieber. Auch wenn ich Pauschalisierungen nicht mag, ab einer gewissen Bullshitquote mag ich mich für ein “not all Esos” einfach nicht mehr stark machen. Da gibt es Wichtigeres für mich.

Ansonsten… jedem Tierchen sein Pläsierchen. Wenn dir Spiritualität gut tut und du dich kritisch damit beschäftigst und dich vom rechten Bullshit fernhalten kannst, fein! Mach ich auch so! Cheers!

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* Fußnote – TERF ist eine Abkürzung für “Trans exclusionary radical feminist” und bezeichnet eine Hate group im Feminismus, die transfeindlich ist, trans Frauen nicht als Frauen anerkennt, Frau-Sein an physischen Merkmalen wie z.B. Gebärfähigkeit festmacht, und bis hin zu Gewalt und Terror die Menschenrechte und bürgerlichen Rechte von Trans Personen, vor allem Trans Frauen, negiert

*Masku-Magier: ein Magier, der Anhänger des Maskuli(ni)smus ist, einer antifeministischen Strömung, die zum Großteil aus Männern besteht. Die Maskul(in)isten finden, dass die Gleichberechtigung von Frauen zu weit gegangen sei, denn sie würde die Rechte von Männern, um die es vor 100 Jahren mal besser bestellt war, zuwider laufen.

Tagebuch: Ich lerne was über chronische Krankheiten

Blog-Reaktivierung die Hundertste bzw der Xte Versuch…

Ich habe viel zu tun und wenig Zeit, vieles hat sich nach Social Media verlagert, und das ist schade. Weil Bloggen dezentraler ist. Ich mag dezentrales eigentlich viel mehr als die “Riesen” wie Facebook, Google, Twitter und Co.

Deshalb bin ich auch fast nur noch auf Mastodon zu finden, eine Social Media Plattform, die dezentral ist und sich mit anderen dezentralen Open Source Plattformen wie Diaspora, Quitter und Socialhome vernetzen kann. Ich bin dort distelfliege @ witches.town und wer auf dieser queer-anarchistischen französisch gehosteten Instanz ebenfalls zuhause sein möchte, schaut mal hier nach: https://witches.town/

Auf Mastodon war es dann auch, dass mir ein Link reingereicht wurde zu einer Dokumentation über eine verbreitete, aber dafür relativ unbekannte chronische Krankheit: CFS/ME (Chronic Fatigue Syndrome/Myalgische Enzephalomyelitis). Die Dokumentation wurde von einer daran erkrankten Filmemacherin gedreht, und ganz viel davon hat sie aus dem Bett heraus gefilmt. Es ist ein spannender, politischer und sehr persönlicher Film und er heißt “Unrest”. Ich habe ihn mir für einen Euro auf einem  Mediendienst  ausgeliehen, im Januar wurde der Film auf Netflix gestreamed (ich weiß nicht, ob er dort noch läuft, wenn ja, und ihr das habt, gucken!) Die Webseite zum Film:

https://www.unrest.film/

Eine andere, seltenere chronische Krankheit, die mich seit einer Weile interessiert, weil ich selbst auf “dem Spektrum” bin, ist das Ehlers-Danlos-Syndrom. Das ist eine Bindegewebsstörung, die angeboren ist, und sich im Lauf der Zeit verschlimmert. Durch die eingeschränkte Funktion des Bindegewebes können die Gelenke überbeweglich sein, aber auch viele Organe betroffen sein, so vieles im Körper hängt vom Bindegewebe ab. Ich bin selbst hypermobil und erfülle oder erfüllte mal im Leben so ziemlich alle Punkte auf dieser Skala, die ermitteln soll, ob man hypermobil ist. (Dabei konnte ich dennoch nie einen Spagat machen ;)

Nicht alle Menschen, die hypermobil sind, bekommen dadurch Probleme, und nicht alle, die dadurch gesundheitliche Probleme haben, haben dadurch Ehlers-Danlos-Syndrom. Ich habe ein paar Probleme, die auf die Hypermobilität zurückgehen, zb viele Kniegelenksverletzungen, Arthrose, schnell überlastete Finger, Ellenbögen, Schultern (ich kann meine Schultergelenke auskugeln, wenn ich das möchte). Auch ein Schwachpunkt meines ehrenwerten Körpers ist die Verdauung, und das kann, so habe ich gelesen, mit der Hypermobilität zu tun haben.

Die hypermobile Form des Ehlers-Danlos-Syndrom ist allerdings am Ende des Spektrums von Hypermobilitätsproblemen, und Betroffene haben oft mit viel mehr zu tun als mit Arthrose und der Verdauung. Um mich über EDS zu informieren, habe ich mir ein paar Texte durchgelesen und auch Videos geschaut, und bin bei den Videotagebüchern von Christina Doherty hängen geblieben. Jetzt muss ich sie von vorne bis hinten durchgucken und fiebere immer mit, wie es ihr geht.. ihr Kanal auf Youtube ist hier:

Christina – Living with EDS auf Youtube

Ansonsten sind gerade die Ravellenics – die früheren “Knitting Olympics”   und ich versuche, in den zwei Wochen und paar Tagen, die das geht, eine Socke zu stricken. Ja, eine einzelne Socke. Sie hat ein Zopfmuster und viele Maschen, das dauert sehr sehr lang.

Außerdem mache ich ja dieses Jahr endlich wieder bei Lifebook mit, einem Online-Kunst-Kurs, und es macht mir großen Spaß.

#lifebook2018 hat heute wieder #quirkybirds im Gepäck!

2 Cent zum Thema Token/Quotenpersonen

Wie viele von Euch vielleicht wissen, ist im März das Buch “Beissreflexe” von Patsy L’amour LaLove herausgegeben, erschienen. Darin kritisieren einige Leute die queerfeministische Szene und ihren Aktivismus. Ich habe mir das Buch gekauft und schreibe später vielleicht noch was dazu, aber wieso ich das nun schreibe, ist:

Es gibt so eine Debatte auf Twitter und im Netz zum Thema “Token”, die in diesem Buch auch aufgegriffen wird, und in der sich die Seiten inzwischen mehr und mehr verhärten zu reduzierten “ganz oder gar nicht” Standpunkten.

Token ist auf deutsch am ehesten “Quoten-…..” – z.B. “Quotenfrau” oder “Quotenqueer”. Sinngemäss jemand, der dabei ist, damit man sagen kann, etwas für Diversity getan zu haben. Oder jemand, der vorgeschoben wird, um zu beweisen, dass man ja nicht diskriminierend gegen eine bestimmte Gruppe sein kann, denn man hätte ja diese Person im Team, die dieser Gruppe selbst angehört. Oder es kann auch sein, dass die “Token” Person einfach nur ihren Standpunkt vertritt und der passt Anderen gut in den Kram, um ihn anzuführen gegen andere Leute, die derselben diskriminierten Gruppe wie die Token-Person angehören, aber Standpunkte vertreten, die man nicht so gut findet.

Was daran schon erkennbar ist: Token zu sein, macht sich nicht so sehr daran fest, was eine marginalisierte Person tut, sondern daran, was Angehörige der Mehrheit/dominanten Gruppe mit ihr tun. Klar haben wir alle etwas Einfluß, und manche finden die Aufmerksamkeit, den sie durch das Token-Sein bekommen, evtl auch gut – aber der Knackpunkt ist: Den meisten Einfluß haben diejenigen, die Leute erst zu Token-Personen machen.

Der Grund ist die unbewusste Auffassung, dass Angehörige von marginalisierten Gruppen stets für _alle_ in der Gruppe sprechen. Auch wenn man denkt, man denkt nicht so: Die meisten Menschen verhalten sich so, als läge ihren Handlungen so ein Denken zugrunde, und daran merkt man, dass es doch breit gestreut vorhanden ist.

Ansonsten käme niemand auf die Idee, die Meinung von z.b. der Schwarzen Person A mit der Meinung der Schwarzen Person B zu kontern. Wir würden nur sagen “Äh, so what? Und was hat A’s Meinung mit der Meinung von B überhaupt zu tun?”

Manchmal hab ich den Eindruck, viele Linke denken, sie hätten diesen Othering-Mechanismus, dass sich eine Person immer für ihre ganze Gruppe äussert, hinter sich gelassen. Oder sie denken, der betrifft sie als Linke nicht. (Othering – VeranderungOthering – Veranderung: Eine Gruppe gilt als “anders”, von ihr gibt es Klischees und Vorurteile, die auch positiv sein können)

In dem Buch “Beißreflexe” gibt es einen Teil zum Thema Betroffenheit. Darin äussert sich eine Fraktion, die sehr skeptisch gegenüber dem wichtig nehmen von Betroffenheit ist, um es mal möglichst neutral zu sagen. Das Ideal ist, dass nur zählt, was Menschen tun und sagen, und nicht so sehr, aus welcher Position und Perspektive heraus.

Vielleicht ist es deswegen so schwer, einzusehen, dass wir leider noch nicht im Zeitalter der “Post-Betroffenheit” leben und nicht selber “Post-Betroffene” sind. Dass ver-anderte Menschen nicht als neutrale Individuen, sondern immer auch als “typische” oder “untypische” Mitglieder ihrer marginalisierten Gruppen von außen bewertet und beurteilt werden, ist leider noch die tägliche Realität. Und auch Linke sind darüber nicht erhaben.

Also ist Token sein für mich kein Makel von einer marginalisierten Person, sondern zuerst mal eine zu erwartende Erscheinung in einer Welt, in der Menschen ausgegrenzt und ver-andert (geothert) werden. Ich denke, man kommt gar nicht drumherum, mal in der Situation zu sein, wo es heißt: “Jetzt sag doch du mal als Frau, ob das wirklich sexistisch ist.” oder “Wie findest du denn als Moslem, dass..” oder ich höre “Mein Schwarzer Nachbar findet das aber gar nicht rassistisch..” oder, oder, oder. Da fängt das Token sein eigentlich schon ganz klein an.

Ein(einer von vielen möglichen) Extremfall wäre es vielleicht, wenn eine Token Person Standpunkte vertritt, die ihr und ihrer marginalisierten Gruppe schaden, und Nichtbetroffene begründen damit, warum es okay ist, dieser Gruppe zu schaden. Zum Beispiel die Physikerin, die in einem komplett männlichen Umfeld sich beeilt, sehr frauenfeindlich und sexistisch zu reden, wodurch sie den Männern signalisiert, dass sie von ihr nichts zu befürchten haben, und im Gegenzug wird sie in den Reihen der Jungs in Ruhe gelassen oder besonders akzeptiert, denn “du bist ja nicht so wie die anderen Weiber”.

Ich finde das Thema Token sein und Token Personen interessant. Das Wichtige daran ist vor allem, die dahinter steckenden Strukturen zu erkennen, und nicht die Personen, deren Meinung gerade vorgeschoben wird, individuell dafür zu beschuldigen. Ich finde nichts langweiliger, als Leute, die z.B. sagen “Frauen sind ja selbst schuld an den sexistischen Verhältnissen, denn viele tun ja nichts dagegen und finden sie auch noch gut”. Mit dieser Art von Hinschauen komme ich doch nicht dahinter, wieso sich Unterdrückungsverhältnisse so gut halten. Das Mitmachen bei der Unterdrückung erscheint als verschrobene Gruppenbeklopptheit, und dass das als Erklärung überhaupt befriedigen kann, ist in sich wieder nur ein abwertendes Klischee.

Das Problem mit dem Begriff Token ist kein Problem mit dem Begriff Token, sondern für mich ist es ein Problem des falsch verstandenen Abhandelns von Strukturellem auf der persönlichen Ebene. Zwar ist das Private Politisch, aber deshalb sollte ich doch nicht die gesellschaftlichen Strukturen den Einzelnen persönlich anlasten. Weil das keine Befreiungsstrategie ist, sondern nur ein “Schuldige suchen”.

Wenn z.B. gesagt wird, “Ach, die ist ja sowieso nur Token Betroffene” um die Meinung einer Person als nicht gültig abzuwerten, führt das doch zu nichts. Das ignoriert, wer hier eigentlich jemanden zum Token hernimmt, und selbst wenn man diese Leute dafür kritisiert, sollte man immer noch auch an das Strukturelle denken und darauf aufmerksam machen.

Einzelne und ihr “Fehlverhalten” anzuschauen und abzuurteilen, anstatt den Blick auf die dahinter steckenden Strukturen zu richten, ist leider etwas, was ich öfter in der Linken und speziell auch in der queerfeministischen Bubble sehe.
Das sollte kritisiert werden und ich selbst würde mich sehr freuen, wenn wir (ich rechne mich selber zu jener queerfeministischen Bubble) da einfach weniger Fails verzeichnen würden und einfach öfter die Kurve zu konstruktiver Auseinandersetzung kriegen würden.

Begriffe wie Token oder das Phänomen, eine Quotenperson zu sein, komplett fallen zu lassen, weil sie zu sehr dazu einladen könnten, den Blick von den Strukturen weg zu nehmen, ist für mich ebenso der falsche Weg. Wir können doch besser mit Komplexität umgehen als das. Oder? Als ich anfing, “Beissreflexe” zu lesen, habe ich mich sehr geärgert, dass viele Begriffe in dem Buch quasi “verbrannt” werden, weil die Szene, die man auszog, zu kritisieren, oft mit ihnen hantiert.

Das sind im Grunde genommen auch nur der Versuch, das Sprechen zu kontrollieren. Und es ist so platt: “Du hast diesen und jenen Begriff benutzt, also gehörst du zu DENEN und DIE sind ja sowas von im Unrecht!” Inwieweit ist das denn nur einen Deut besser?

Token ist also jetzt so ein Reizwort. Wie Betroffenheit.
Man kann jetzt aufhören, über das, was es eigentlich bedeutet und die Strukturen dahinter nachzudenken. Sollte man aber nicht, finde ich.

PS: Mir erschließt sich aber auch logisch nicht, wieso Leute denken, dass allein der Begriff “Token” jemanden zu einer Marionette herunterqualifiziert. Ich kann doch annehmen, dass eine Handlung gleichzeitig autonom und legitim ist, und trotzdem kann sie von anderen taktisch vorgeschoben werden, um ihre Position zu begründen. Ja, manchmal benutzen Leute den Begriff “Token” so, um die Meinung von jemandem zu diskreditieren (s.o.) und die Person zu einer Marionette herunterzuqualifizieren. Das ist aber auch nicht die “Schuld” des Wortes. Ich bin einfach nicht für das “verbrennen” von Begriffen. Oder das Hernehmen von Begriffen als Beweismittel, dass etwas bestimmtes im Schilde geführt wird. Mehrdeutigkeit ist ein Ding.

PS 2: Weil ich Metal-Fan bin: Auch ein sehr gutes Beispiel von Token queer ist Rob Halford, der offen schwule Frontmann von Judas Priest, der von wirklich der gesamten Metalszene hochgehalten wird, wenn es die Kritik kommt, dass sie homofeindlich sei. Oder zumindest nicht sehr homofreundlich. Das heißt nicht, dass Rob Halford nur ein Quotenmetaller sei. Er ist vielmehr ein Metal-Urgestein, der den Metal mit erfunden hat, an ihm kommt man kaum vorbei. Aber dennoch ist es einfach ein Ding, dass es in der Metalszene zwei offen schwule Musiker gibt, (in Zahlen: 2!) und es geht einfach nicht, dass alle immer nur: “Aber Rob Halford” sagen und sich dann die Hände waschen und nichts mehr gegen Scheisse in der Metalszene tun müssen. So.

Dreadlocks und Weiß sein.. die Zweite

Content Note: Erwähnen rassistischer Klischeevorstellungen, Kolonialismus, Exotisierung. 

Ich hab schon mal über das Thema geschrieben. Aber ich war und bin mit dem Text unzufrieden. Und er überzeugt mich nicht..

Und immer wieder gehen Pingbacks ein von anderen Blogs, die die alte “ich lass mir nicht vorschreiben, wie ich auszusehen habe” Nummer bringen. Oder das “Was ist denn mit den Sadhus, oder mit den Kelten?” etc.

Vielleicht sollte ich den Text daher offline nehmen und einen anderen schreiben, denn vielleicht schadet der erste Text mehr, als er nutzt. Wegen der ausführlichen Diskussion zu dem ersten Text lasse ich ihn online. Aber ich versuche jetzt, trotzdem nochmal anders ranzugehen.

Meine persönliche Ansicht: Ich habe meine Whitie-Dreads 2011 abgeschnitten, und ich hatte recht schöne, für eine Weiße relativ gepflegte verfilzte Haare. Schon vorher war ich in einem Konflikt mit mir selbst wegen der Frisur. Ich hatte begonnen, mich mit weißen Privilegien und kultureller Aneignung als Thema zu befassen, und obwohl ich den Schritt, mich von meiner Frisur zu trennen, noch nicht hinbekam, war es halt auch nicht gut, sie zu tragen. Ich ließ mir die Haare kurz schneiden, als ich eine andere Veränderung in meinem Leben hatte, und ich merkte, das war gut. Ich fühlte mehr Einklang zwischen dem, was ich reflektiert hatte und dem, was ich nach aussen darstellte.

Warum?

Weil für mich Locs, ebenso wie viele andere Styles und Körpermodifikationen, für uns Weiße zu allermeist einen anderen Kontext stehen und eine andere Bedeutung haben  wie sie das für Schwarze haben. Und diese Bedeutungen und der Hintergrund davon ist bedenkenswert. Und die Logik, die dahintersteckt, ist kolonial.

Die (weiße) Suche nach der verlorenen “Ursprünglichkeit”, dem “Primitiven”.

In einer Periode ihrer militärischen Übermacht haben europäische Mächte den Großteil der bewohnten Welt erobert und unterjocht. Im ideologischen Gepäck hatten sie (falsch verstandene?) Ideen der Aufklärung, nach denen sie selbst zivilisierte Menschen im Dienst der Vernunft darstellten, und andere Menschen stellten unzivilisierte Primitive dar, die entweder gar nicht zählten oder der europäischen Herrschaft bedürften. Sie gaben vor, die Vernunft und den Fortschritt allen anderen Leuten auf der Welt bringen zu wollen. Was aber tatsächlich stattfand, war Unterdrückung und Ausbeutung, denn für so vernunftbegabt hielten die Kolonisierenden ihre Opfer nicht. Deshalb war es für sie okay, sie nicht wie Menschen, sondern wie Tiere zu behandeln. Sie selber, also die “Zivilisierten”, sollten überall siedeln, überall an der Macht sein und alles sollte ihnen gehören. Damit war der Ausbreitung der “Zivilisation” in alle Welt in ihren Augen Genüge getan.

Die selbsternannten Vernunfts- und Fortschrittsmenschen entwickelten in ihren europäischen Machtgebieten und in Nordamerika, wo sie sich riesige Länder angeeignet und die ursprüngliche Bevölkerung fast ausradiert hatten, ihre Gesellschaften weiter. Die sahen dann entsprechend aus. Verwertung, Ausbeutung, die Abhängigen fertig machen, Erobern und Krieg führen und dabei von Freiheit und Demokratie reden, oder von Gott, Kaiser und Vaterland. Je nachdem.

Es gab dann auch Gegenbewegungen, zur Aufklärung zum Beispiel, die Romantik. Oder zum Kapitalismus – die Kommunist_innen. Diese beeinflussten sich durchaus gegenseitig. Ich habe mal viel zum Thema modernes Heidentum und moderne Hexen gelesen, und da kam ich auf die Romantik und auch auf Friedrich Engels. Der Zusammenhang ist so: In der Romantik wurde viel nach dem Wunderbaren, dem Zauberhaften, aber auch dem Ursprünglichen und der Natur gesucht, im Gegensatz zur Zivilisation und den modernen Gesellschaften mit allem, was einem daran nicht gefällt. Friedrich Engels zum Beispiel dachte über ein ursprüngliches, urkommunistisches Matriarchat nach, das er in der Steinzeit lokalisierte. Es gibt z.B. kleine Heimatmuseen in Brandenburg, die ihre “Steinzeitecke” mit den Gedanken von Friedrich Engels versehen haben.

Aus der Romantik speiste sich die Jugendbewegung der 1920er in Deutschland, aber auch die heidnischen und martialischen Rückbesinnungsideen der Nazis. Und später, teils in personeller Kontinuität aus der Nazizeit, die neuheidnischen Gruppen in Deutschland, und etwas anders, viel mehr linksgerichtet, aber auch romantisch und auf der Suche nach dem “verlorenen Glück”, Hippies und Alternative in den USA und Europa.

Und das ist im Großen und Ganzen der Hintergrund, vor dem ich hier Gegen- und Subkulturen von Weißen sehe, die sich “primitiver” oder “ursprünglicher” oder “ethnischer” Styles und Symbole bedienen.  Als Nachfolge-Subkulturen der Romantik, gespeist aus einer entsprechenden Sehnsucht nach dem, was der Kapitalismus noch nicht zerstört und ausgebeutet hat.

Diese immer wieder auftauchende Idee ist: Wir haben in unserer Gesellschaft irgendwas verloren, das wir wieder finden wollen. Die Ursprünglichkeit, das Wahre, die “natürlichen”, guten Menschen, die verlorene Unschuld. Das wird nicht nur, aber oft auch, symbolisiert durch den “edlen Wilden”. Das ist eine Person, die es gar nicht gibt. Man stellt(e) sich vor, dass es diese Person mal gab, aber eben früher, bevor man die “Wilden” in Grund und Boden kolonisiert hatte.

Das erlaubt es dann, diese Projektion “edler Wilder” zu benutzen, um sich selbst in den eigenen Gegenbewegungen davon inspirieren zu lassen, alles mögliche, was man im “edlen Wilden” sieht, nachzuahmen oder sich zusammenzufantasieren, aber gleichzeitig die Kolonisierten weiter nicht ernst zu nehmen. Ihnen wird nicht auf Augenhöhe begegnet.  Weil sie ja “kontaminiert” und nicht mehr “authentisch” sind heutzutage, oder “verwestlicht” (wie es heute heißt). Rituale und Symbole sind laut diesem Denken in westlichen Händen besser aufgehoben, weil nur die weißen Westler_innen wissen Bescheid, wie die “edlen, ursprünglichen Traditionen” so richtig gehandhabt werden sollten.

In diesem Forum, das sich mit Plastik-Schamanismus und New-Age-Betrug beschäftigt, kann man Diskussionen nachlesen, in welchen amerikanische Natives europäischen Esoteriker_innen mehrfach erklären, dass nein, sie keineswegs ausgestorben sind, und ja, dass es ihre Religionen und Traditionen schon noch gibt, und nein, europäische New-Ager seien nicht vonnöten, um die “Traditionen zu bewahren”… es ist bezeichnend. Ein weiteres bekanntes Beispiel ist der Bestseller “Traumfänger” von Marlo Morgan, das sich zu der krassen Fantasie steigert, eine “letzte” Gruppe “authentischer” Aborigines hätten sich entschlossen, absichtlich auszusterben, aber vorher noch ihr ganzes Wissen einer ihnen völlig unbekannten weißen Amerikanerin anzuvertrauen.

Es gibt auch weniger extreme Formen von Imitation, aber die weiße Idee des “ursprünglichen, edlen Wilden, den es nicht mehr gibt” ist gut, um deutlich zu machen, dass die kolonisierten Menschen, die ihre Wurzeln suchen, gar nicht von Interesse sind für Weiße, und dass diese auch etwas anderes machen als Weiße auf dem Selbsterfahrungs-trip.

Damit will ich nicht sagen, dass Traditionen von Kolonisierten alle toll sind oder das Ausüben von jeglicher “authentischer” Tradition ein Wert an sich ist, denn darum geht’s hier grade nicht. Aber was ich sagen kann: das Exotisieren von Menschen und sie als Projektionsfläche benutzen ist auch Rassismus.

Sollen Weiße dann bei “weißer Kultur” bleiben? Wie jetzt.. Seitenscheitel??

Nein. Aus meiner Sicht wäre das Besinnen auf “das Ursprüngliche” auch dann bedenklich, wenn es um das “eigene” “Usprüngliche” geht.  Die Romantik, die auch völkische Bewegungen wie die Nazis angeschoben hat, besann sich ja genauso auf das “authentische” in der eigenen Kultur. Das selbe in Grün, halt “das Gute von Früher”. Die Leute haben in ihren eigenen Vorfahren genau so eine Art von “edlen Wilden” gesehen und dann eben die imitiert. Mit germanischen Götterbildern, Erntekranz und Seitenscheitel. Zwar werden durch so einen weißgermanischen Ringelpiez keine rassistisch marginalisierten Menschen nachgeäfft, aber unbedenklich ist das deshalb noch lange nicht. Ich sage nicht, dass man das unterlassen sollte. Aber es bedarf echt eines selbstkritischen und politisch sensiblen Umgangs damit.

Und: kein Ethnopluralismus für mich, das ist rechte Kacke und überhaupt nicht der Punkt.

Aber wir haben doch voneinander zu lernen, oder?

Aber klar. Voneinander lernen – auf Augenhöhe und mit Respekt – ist für mich eins der besten Dinge, was im Leben ablaufen kann.

Leider wird das erschwert oder verunmöglicht durch andauernden Rassismus, andauernde Ausbeutung (durch Fortsetzung des Kolonialismus im heutigen neoliberalen, globalisierten Kapitalismus) und fortbestehende Machtverhältnisse. Von Menschen zu erwarten, dass sie alle Verhältnisse mal beiseite lassen, und man sich mal eben frei und sorglos über alles austauschen und voneinander lernen kann, ist bestenfalls naiv und unsensibel.

Am ehesten geht das noch, wenn ein ehrliches Interesse da ist für die Situation “der Anderen” (der Ver-Anderten). Wenn privilegierte Leute in der Lage sind, sich Kritik von Marginalisierten an dem, wie es gesellschaftlich läuft, anzuhören. Wenn die privilegierten Leute bereit sind, ihre eigenen Privilegien wenigstens wahrnehmen zu lernen und mitzudenken. Wenn Bereitschaft zur Solidarität da ist. Solche Menschen hat es immer gegeben und deshalb hat Austausch mit Respekt wohl auch immer stattgefunden, trotz aller Ausbeutung und Aneignung, die insgesamt vorherrscht.

Kein Vorschreiben, wie jemand rumlaufen möchte

Ich hab mich entschieden, gar nicht über Einzelheiten zu reden. Nicht über Locs, oder geweitete Ohrläppchen, nicht über Tattoos oder Yoga. Sondern über das, was man da eigentlich grade performed als weiße Person: Auf welcher Bühne man steht und welches Stück man spielt.

Ich würde auch nicht sagen, dass das das einzige ist, was es spielt. Da gibt es bestimmt noch einige andere Handlungen als die Story vom “edlen Wilden von Früher”.  Aber das ist eine wichtige Story, und es gibt viele Varianten davon. Romantisieren und Exotisieren und dann “sich inspirieren lassen” findet abgewandelt statt.  Und oft ist eine Abgrenzung von der Mainstream-Gesellschaft und dem, was einem nicht gefällt, dabei. Und die Suche nach dem, was man in der Mainstream-Gesellschaft vermißt.

Gesellschaftskritik, ja bitte!

Ich befürworte ja Abgrenzung, Gesellschaftskritik und Suche nach etwas Hilfreichem, um eine bessere Gesellschaft hinzukriegen.

Aber bitte mit sensiblem Blick für das, was man da eigentlich grade macht. Nicht auf Kosten von Schwarzen/PoC. Nicht mit exotisierenden, rassistischen Vorstellungen von den “Anderen”, auch wenn die Vorstellungen noch so verehrend und positiv daher kommen.

Und bitte mit Skepsis gegenüber von antimodernen, romantischen “Usprünglichkeits”-Mythen.

disclaimer am ende:

Ich bin kein Profi, ich schreib hier nur in meiner begrenzten Freizeit ein privates Blog. Was ich hier schreibe, habe ich grossteils von anderen gelernt. Bewusst geworden über diese Dinge bin ich mir durch zuhören und zulesen bei Schreibenden People of Color. Ich habe sehr wenig Texte verlinkt, und auf wenig hingewiesen, weil ich die aktuelle Debatte nicht gut kenne und naja, Zeitmangel. Ich will mir keine Arbeit anderer Leute aneignen. Ich sehe dennoch die Notwendigkeit mich wegen meinem verkrachten anderen Text nochmal zu positionieren. Ich will mich bei allen bedanken, die mir ermöglicht haben, Zeug zu reflektieren.

Zweitens sind meine Inhalte in diesem Text nicht mit Quellen/Links belegt, wie z.B. Wikipedia Artikel, aber ich hab auch keinen hohen Anspruch hier an mich selbst, sondern privates Blog blablabla. Bei Interesse könnt ihr in die angesprochenen Themen selber eintauchen, ich bin da auch mitnichten irgendwie expertisch oder kompetent.

Startpunkte:

start small and revive your blog

Hello!

Nachdem ich über ein Jahr hier nichts geschrieben habe, und ehrlich gesagt auch etwas an meinen eigenen Ansprüchen gescheitert bin, habe ich mich gefreut, Somlus Blogwiederbelebung zu lesen. Vielleicht lief in letzter Zeit zu vieles über Twitter, und vielleicht brauchte es erst einige gescheiterte Diskussionen dort, um mich zu fragen: Wieso blogge ich eigentlich nicht mehr?

Ich habe einen Text gefühlte 100 Jahre in der Warteschleife und dann unter Passwortschutz zum Testlesen stehen gehabt, der aus der sogenannten “Bi-Debatte” aus dem Sommer 2015 (so lang her…) entstanden war. Ich habe ihn nie freigeschaltet. Zu konfus, zu wenig konnte ich klar machen, was aus einer paradoxen und schwierigen Zwischenposition  zwischen straight und queer heraus für mich dazu zu sagen ist.

Seitdem (vielleicht komplett unabhängig davon) sind Diskussionen meinem Eindruck nach zurückgeschliddert auf Punkte, wo ich die Zeit zu schade finde, sie immer noch diskutieren zu müssen. Es dreht sich z.B. regelmässig auf Twitter unter Linken um den Punkt, ob die “Critical Whiteness” Fraktion quasi schon identitäre Nazis sind und intersektionaler Feminismus eine menschenverachtende Ideologie. Unter Linken. Ich bin selbst der Ansicht, dass sich die queerfeministische Szene mit einigen Punkten selbstkritisch befassen sollte. Die lächerlichsten Anwürfe und aufgeblasensten Nazivergleiche als Diskussionsgrundlage funktionieren als Startpunkt aber sicherlich nicht.

Und was mich auch geschockt hat, ist, wie hoffähig TERFs wieder geworden sind in der deutschsprachigen feministischen Szene. (Ich bin grad etwas verstört, dass Sancznys Terf-101-Text nicht mehr online zu sein scheint. Insofern muss ich auf was englisches verlinken: TheTerfs.com – falls wer nicht weiss, was TERFs sind.) Ich fasse es echt nicht, wie cissexistische Feministinnen mit allen Mitteln auf Frauen einschlagen, die ihnen nicht Frau genug erscheinen. Und wie biologistisch argumentiert wird. Dass wir uns damit überhaupt noch rumschlagen müssen. Vielleicht ist das alles etwas, was zu der Entwicklung mit beigetragen hat:

Was ich vor Jahren nicht für möglich gehalten hatte, weil ich dachte, wir seien besser als das: Einige Diskussionen innerhalb meiner queer_feministischen Bubble sind stark abgeflacht. Mir wird manchmal zu sehr nur auf die Positionierung der Personen (WER sagt was?) geschaut, als auf das, was gesagt wird und welche Strategie gerade läuft. Und dann gibt es diese Topcheck-Positionierungen aus denen heraus du eh alles gecheckt hast, oder Privilegien-Mathematik ersetzt die Analyse.  Selbstverständlich können auch einige Leute nach wie vor anderen an der Nase ablesen, wie diese positioniert sind und ob sie ihre Privilegien auch genug reflektieren.

Vielleicht habe ich das vor 2-3 Jahren nur nicht so sehr mitbekommen. Ich hatte zu tun damit, den ganzen Kram überhaupt erst zu lernen. Und die grundlegenden Gedanken und Texte sind ja meistens etwas Anderes als hinterher die Praxis. Da hört sich alles einleuchtend an, da wird reflektiert und alles auch in einen Zusammenhang gestellt mit linken, feministischen Bewegungen und gesellschaftlichen Strukturen..  Und dass im Praktischen meistens, immer, Verkürzungen und Vereinfachungen passieren, ist auch klar. Klar muss ich, um mich für eine Handlung zu entscheiden, um Aktionen zu machen, aktiv zu werden, erstmal einen Punkt raus suchen. Und eine von mehreren Möglichkeiten von Deutung wählen, und da irgendein Handeln ansetzen. Ich glaube, so wie ich nichts so heiß essen kann, wie es gekocht ist, kann ich auch nichts so komplex be_handeln, wie es gedacht worden ist. Und trotzdem. Ich finde, zu heftige Shortcuts schaden am Ende mehr als sie nützen. Denn was nützen schnelle Resultate, wenn es nur oberflächliches Nachgeplapper ist?

Naja. Das soll sich eigentlich nicht so pessimistisch anhören, ist es aber. Jedenfalls gerade. Es ist ja nicht so, als hätte ich die Scherben, die solche Vereinfachungen machen können, nicht gesehen. Immensen Schaden habe ich passieren sehen. Und war selbst nicht in der Lage, dagegen mit irgendwas anzusprechen. Nur die Trümmer mit beseitigen helfen, das war alles, was möglich war.

Ja, da sind noch die Bücher die bei Themen in die Tiefe gehen. Und da sind diejenigen, die Widersprüche in der Komplexität zulassen können und mit bedenken. Da sind gute Gespräche.  Ich habe diese geschützten Räume, in denen Widersprüche, Komplexität und viele “Vielleichts” existieren dürfen. Sie haben es mir ermöglicht, Dingen einen Namen zu geben, mich statt in meiner unbeschriebenen, unbenannten Anormalität irgendwo zu hängen, mehr zu verstehen: Wo ich in diesem Netz aus Bedeutungen, Normen und Machtstrukturen stecke, und was das für mich bedeutet. Das war und ist für mich sehr wertvoll.

Vielleicht ist es logisch, wegen den oben genannten erbitterten Kämpfen in linken und feministischen Bewegungen, sich wirklich erst mal vom Rumgrübeln abzuwenden und zu versuchen, wenigstens erst mal die Facts und Basics hinzukriegen. Und sich erst mal nicht um Eventualität, Vielleicht, und 0ffene Ränder und Widersprüche zu kümmern. Würde aber trotzdem nicht gehen, weil es halt dann auch wieder Leute gibt, die dann entnannt und übersehen werden. Es muss leider doch alles unter einen Hut passen und alles muss leider doch irgendwie gleichzeitig laufen. Wir müssen das auch nicht alle zusammen und am gleichen Ort machen. Aber schön wär’s halt, zu sehen, dass wir schon noch die gleichen Dinge wollen und dafür was tun, so aussichtslos es auch manchmal aussieht.