2 Cent zum Thema Token/Quotenpersonen

Wie viele von Euch vielleicht wissen, ist im März das Buch “Beissreflexe” von Patsy L’amour LaLove herausgegeben, erschienen. Darin kritisieren einige Leute die queerfeministische Szene und ihren Aktivismus. Ich habe mir das Buch gekauft und schreibe später vielleicht noch was dazu, aber wieso ich das nun schreibe, ist:

Es gibt so eine Debatte auf Twitter und im Netz zum Thema “Token”, die in diesem Buch auch aufgegriffen wird, und in der sich die Seiten inzwischen mehr und mehr verhärten zu reduzierten “ganz oder gar nicht” Standpunkten.

Token ist auf deutsch am ehesten “Quoten-…..” – z.B. “Quotenfrau” oder “Quotenqueer”. Sinngemäss jemand, der dabei ist, damit man sagen kann, etwas für Diversity getan zu haben. Oder jemand, der vorgeschoben wird, um zu beweisen, dass man ja nicht diskriminierend gegen eine bestimmte Gruppe sein kann, denn man hätte ja diese Person im Team, die dieser Gruppe selbst angehört. Oder es kann auch sein, dass die “Token” Person einfach nur ihren Standpunkt vertritt und der passt Anderen gut in den Kram, um ihn anzuführen gegen andere Leute, die derselben diskriminierten Gruppe wie die Token-Person angehören, aber Standpunkte vertreten, die man nicht so gut findet.

Was daran schon erkennbar ist: Token zu sein, macht sich nicht so sehr daran fest, was eine marginalisierte Person tut, sondern daran, was Angehörige der Mehrheit/dominanten Gruppe mit ihr tun. Klar haben wir alle etwas Einfluß, und manche finden die Aufmerksamkeit, den sie durch das Token-Sein bekommen, evtl auch gut – aber der Knackpunkt ist: Den meisten Einfluß haben diejenigen, die Leute erst zu Token-Personen machen.

Der Grund ist die unbewusste Auffassung, dass Angehörige von marginalisierten Gruppen stets für _alle_ in der Gruppe sprechen. Auch wenn man denkt, man denkt nicht so: Die meisten Menschen verhalten sich so, als läge ihren Handlungen so ein Denken zugrunde, und daran merkt man, dass es doch breit gestreut vorhanden ist.

Ansonsten käme niemand auf die Idee, die Meinung von z.b. der Schwarzen Person A mit der Meinung der Schwarzen Person B zu kontern. Wir würden nur sagen “Äh, so what? Und was hat A’s Meinung mit der Meinung von B überhaupt zu tun?”

Manchmal hab ich den Eindruck, viele Linke denken, sie hätten diesen Othering-Mechanismus, dass sich eine Person immer für ihre ganze Gruppe äussert, hinter sich gelassen. Oder sie denken, der betrifft sie als Linke nicht. (Othering – VeranderungOthering – Veranderung: Eine Gruppe gilt als “anders”, von ihr gibt es Klischees und Vorurteile, die auch positiv sein können)

In dem Buch “Beißreflexe” gibt es einen Teil zum Thema Betroffenheit. Darin äussert sich eine Fraktion, die sehr skeptisch gegenüber dem wichtig nehmen von Betroffenheit ist, um es mal möglichst neutral zu sagen. Das Ideal ist, dass nur zählt, was Menschen tun und sagen, und nicht so sehr, aus welcher Position und Perspektive heraus.

Vielleicht ist es deswegen so schwer, einzusehen, dass wir leider noch nicht im Zeitalter der “Post-Betroffenheit” leben und nicht selber “Post-Betroffene” sind. Dass ver-anderte Menschen nicht als neutrale Individuen, sondern immer auch als “typische” oder “untypische” Mitglieder ihrer marginalisierten Gruppen von außen bewertet und beurteilt werden, ist leider noch die tägliche Realität. Und auch Linke sind darüber nicht erhaben.

Also ist Token sein für mich kein Makel von einer marginalisierten Person, sondern zuerst mal eine zu erwartende Erscheinung in einer Welt, in der Menschen ausgegrenzt und ver-andert (geothert) werden. Ich denke, man kommt gar nicht drumherum, mal in der Situation zu sein, wo es heißt: “Jetzt sag doch du mal als Frau, ob das wirklich sexistisch ist.” oder “Wie findest du denn als Moslem, dass..” oder ich höre “Mein Schwarzer Nachbar findet das aber gar nicht rassistisch..” oder, oder, oder. Da fängt das Token sein eigentlich schon ganz klein an.

Ein(einer von vielen möglichen) Extremfall wäre es vielleicht, wenn eine Token Person Standpunkte vertritt, die ihr und ihrer marginalisierten Gruppe schaden, und Nichtbetroffene begründen damit, warum es okay ist, dieser Gruppe zu schaden. Zum Beispiel die Physikerin, die in einem komplett männlichen Umfeld sich beeilt, sehr frauenfeindlich und sexistisch zu reden, wodurch sie den Männern signalisiert, dass sie von ihr nichts zu befürchten haben, und im Gegenzug wird sie in den Reihen der Jungs in Ruhe gelassen oder besonders akzeptiert, denn “du bist ja nicht so wie die anderen Weiber”.

Ich finde das Thema Token sein und Token Personen interessant. Das Wichtige daran ist vor allem, die dahinter steckenden Strukturen zu erkennen, und nicht die Personen, deren Meinung gerade vorgeschoben wird, individuell dafür zu beschuldigen. Ich finde nichts langweiliger, als Leute, die z.B. sagen “Frauen sind ja selbst schuld an den sexistischen Verhältnissen, denn viele tun ja nichts dagegen und finden sie auch noch gut”. Mit dieser Art von Hinschauen komme ich doch nicht dahinter, wieso sich Unterdrückungsverhältnisse so gut halten. Das Mitmachen bei der Unterdrückung erscheint als verschrobene Gruppenbeklopptheit, und dass das als Erklärung überhaupt befriedigen kann, ist in sich wieder nur ein abwertendes Klischee.

Das Problem mit dem Begriff Token ist kein Problem mit dem Begriff Token, sondern für mich ist es ein Problem des falsch verstandenen Abhandelns von Strukturellem auf der persönlichen Ebene. Zwar ist das Private Politisch, aber deshalb sollte ich doch nicht die gesellschaftlichen Strukturen den Einzelnen persönlich anlasten. Weil das keine Befreiungsstrategie ist, sondern nur ein “Schuldige suchen”.

Wenn z.B. gesagt wird, “Ach, die ist ja sowieso nur Token Betroffene” um die Meinung einer Person als nicht gültig abzuwerten, führt das doch zu nichts. Das ignoriert, wer hier eigentlich jemanden zum Token hernimmt, und selbst wenn man diese Leute dafür kritisiert, sollte man immer noch auch an das Strukturelle denken und darauf aufmerksam machen.

Einzelne und ihr “Fehlverhalten” anzuschauen und abzuurteilen, anstatt den Blick auf die dahinter steckenden Strukturen zu richten, ist leider etwas, was ich öfter in der Linken und speziell auch in der queerfeministischen Bubble sehe.
Das sollte kritisiert werden und ich selbst würde mich sehr freuen, wenn wir (ich rechne mich selber zu jener queerfeministischen Bubble) da einfach weniger Fails verzeichnen würden und einfach öfter die Kurve zu konstruktiver Auseinandersetzung kriegen würden.

Begriffe wie Token oder das Phänomen, eine Quotenperson zu sein, komplett fallen zu lassen, weil sie zu sehr dazu einladen könnten, den Blick von den Strukturen weg zu nehmen, ist für mich ebenso der falsche Weg. Wir können doch besser mit Komplexität umgehen als das. Oder? Als ich anfing, “Beissreflexe” zu lesen, habe ich mich sehr geärgert, dass viele Begriffe in dem Buch quasi “verbrannt” werden, weil die Szene, die man auszog, zu kritisieren, oft mit ihnen hantiert.

Das sind im Grunde genommen auch nur der Versuch, das Sprechen zu kontrollieren. Und es ist so platt: “Du hast diesen und jenen Begriff benutzt, also gehörst du zu DENEN und DIE sind ja sowas von im Unrecht!” Inwieweit ist das denn nur einen Deut besser?

Token ist also jetzt so ein Reizwort. Wie Betroffenheit.
Man kann jetzt aufhören, über das, was es eigentlich bedeutet und die Strukturen dahinter nachzudenken. Sollte man aber nicht, finde ich.

PS: Mir erschließt sich aber auch logisch nicht, wieso Leute denken, dass allein der Begriff “Token” jemanden zu einer Marionette herunterqualifiziert. Ich kann doch annehmen, dass eine Handlung gleichzeitig autonom und legitim ist, und trotzdem kann sie von anderen taktisch vorgeschoben werden, um ihre Position zu begründen. Ja, manchmal benutzen Leute den Begriff “Token” so, um die Meinung von jemandem zu diskreditieren (s.o.) und die Person zu einer Marionette herunterzuqualifizieren. Das ist aber auch nicht die “Schuld” des Wortes. Ich bin einfach nicht für das “verbrennen” von Begriffen. Oder das Hernehmen von Begriffen als Beweismittel, dass etwas bestimmtes im Schilde geführt wird. Mehrdeutigkeit ist ein Ding.

PS 2: Weil ich Metal-Fan bin: Auch ein sehr gutes Beispiel von Token queer ist Rob Halford, der offen schwule Frontmann von Judas Priest, der von wirklich der gesamten Metalszene hochgehalten wird, wenn es die Kritik kommt, dass sie homofeindlich sei. Oder zumindest nicht sehr homofreundlich. Das heißt nicht, dass Rob Halford nur ein Quotenmetaller sei. Er ist vielmehr ein Metal-Urgestein, der den Metal mit erfunden hat, an ihm kommt man kaum vorbei. Aber dennoch ist es einfach ein Ding, dass es in der Metalszene zwei offen schwule Musiker gibt, (in Zahlen: 2!) und es geht einfach nicht, dass alle immer nur: “Aber Rob Halford” sagen und sich dann die Hände waschen und nichts mehr gegen Scheisse in der Metalszene tun müssen. So.

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start small and revive your blog

Hello!

Nachdem ich über ein Jahr hier nichts geschrieben habe, und ehrlich gesagt auch etwas an meinen eigenen Ansprüchen gescheitert bin, habe ich mich gefreut, Somlus Blogwiederbelebung zu lesen. Vielleicht lief in letzter Zeit zu vieles über Twitter, und vielleicht brauchte es erst einige gescheiterte Diskussionen dort, um mich zu fragen: Wieso blogge ich eigentlich nicht mehr?

Ich habe einen Text gefühlte 100 Jahre in der Warteschleife und dann unter Passwortschutz zum Testlesen stehen gehabt, der aus der sogenannten “Bi-Debatte” aus dem Sommer 2015 (so lang her…) entstanden war. Ich habe ihn nie freigeschaltet. Zu konfus, zu wenig konnte ich klar machen, was aus einer paradoxen und schwierigen Zwischenposition  zwischen straight und queer heraus für mich dazu zu sagen ist.

Seitdem (vielleicht komplett unabhängig davon) sind Diskussionen meinem Eindruck nach zurückgeschliddert auf Punkte, wo ich die Zeit zu schade finde, sie immer noch diskutieren zu müssen. Es dreht sich z.B. regelmässig auf Twitter unter Linken um den Punkt, ob die “Critical Whiteness” Fraktion quasi schon identitäre Nazis sind und intersektionaler Feminismus eine menschenverachtende Ideologie. Unter Linken. Ich bin selbst der Ansicht, dass sich die queerfeministische Szene mit einigen Punkten selbstkritisch befassen sollte. Die lächerlichsten Anwürfe und aufgeblasensten Nazivergleiche als Diskussionsgrundlage funktionieren als Startpunkt aber sicherlich nicht.

Und was mich auch geschockt hat, ist, wie hoffähig TERFs wieder geworden sind in der deutschsprachigen feministischen Szene. (Ich bin grad etwas verstört, dass Sancznys Terf-101-Text nicht mehr online zu sein scheint. Insofern muss ich auf was englisches verlinken: TheTerfs.com – falls wer nicht weiss, was TERFs sind.) Ich fasse es echt nicht, wie cissexistische Feministinnen mit allen Mitteln auf Frauen einschlagen, die ihnen nicht Frau genug erscheinen. Und wie biologistisch argumentiert wird. Dass wir uns damit überhaupt noch rumschlagen müssen. Vielleicht ist das alles etwas, was zu der Entwicklung mit beigetragen hat:

Was ich vor Jahren nicht für möglich gehalten hatte, weil ich dachte, wir seien besser als das: Einige Diskussionen innerhalb meiner queer_feministischen Bubble sind stark abgeflacht. Mir wird manchmal zu sehr nur auf die Positionierung der Personen (WER sagt was?) geschaut, als auf das, was gesagt wird und welche Strategie gerade läuft. Und dann gibt es diese Topcheck-Positionierungen aus denen heraus du eh alles gecheckt hast, oder Privilegien-Mathematik ersetzt die Analyse.  Selbstverständlich können auch einige Leute nach wie vor anderen an der Nase ablesen, wie diese positioniert sind und ob sie ihre Privilegien auch genug reflektieren.

Vielleicht habe ich das vor 2-3 Jahren nur nicht so sehr mitbekommen. Ich hatte zu tun damit, den ganzen Kram überhaupt erst zu lernen. Und die grundlegenden Gedanken und Texte sind ja meistens etwas Anderes als hinterher die Praxis. Da hört sich alles einleuchtend an, da wird reflektiert und alles auch in einen Zusammenhang gestellt mit linken, feministischen Bewegungen und gesellschaftlichen Strukturen..  Und dass im Praktischen meistens, immer, Verkürzungen und Vereinfachungen passieren, ist auch klar. Klar muss ich, um mich für eine Handlung zu entscheiden, um Aktionen zu machen, aktiv zu werden, erstmal einen Punkt raus suchen. Und eine von mehreren Möglichkeiten von Deutung wählen, und da irgendein Handeln ansetzen. Ich glaube, so wie ich nichts so heiß essen kann, wie es gekocht ist, kann ich auch nichts so komplex be_handeln, wie es gedacht worden ist. Und trotzdem. Ich finde, zu heftige Shortcuts schaden am Ende mehr als sie nützen. Denn was nützen schnelle Resultate, wenn es nur oberflächliches Nachgeplapper ist?

Naja. Das soll sich eigentlich nicht so pessimistisch anhören, ist es aber. Jedenfalls gerade. Es ist ja nicht so, als hätte ich die Scherben, die solche Vereinfachungen machen können, nicht gesehen. Immensen Schaden habe ich passieren sehen. Und war selbst nicht in der Lage, dagegen mit irgendwas anzusprechen. Nur die Trümmer mit beseitigen helfen, das war alles, was möglich war.

Ja, da sind noch die Bücher die bei Themen in die Tiefe gehen. Und da sind diejenigen, die Widersprüche in der Komplexität zulassen können und mit bedenken. Da sind gute Gespräche.  Ich habe diese geschützten Räume, in denen Widersprüche, Komplexität und viele “Vielleichts” existieren dürfen. Sie haben es mir ermöglicht, Dingen einen Namen zu geben, mich statt in meiner unbeschriebenen, unbenannten Anormalität irgendwo zu hängen, mehr zu verstehen: Wo ich in diesem Netz aus Bedeutungen, Normen und Machtstrukturen stecke, und was das für mich bedeutet. Das war und ist für mich sehr wertvoll.

Vielleicht ist es logisch, wegen den oben genannten erbitterten Kämpfen in linken und feministischen Bewegungen, sich wirklich erst mal vom Rumgrübeln abzuwenden und zu versuchen, wenigstens erst mal die Facts und Basics hinzukriegen. Und sich erst mal nicht um Eventualität, Vielleicht, und 0ffene Ränder und Widersprüche zu kümmern. Würde aber trotzdem nicht gehen, weil es halt dann auch wieder Leute gibt, die dann entnannt und übersehen werden. Es muss leider doch alles unter einen Hut passen und alles muss leider doch irgendwie gleichzeitig laufen. Wir müssen das auch nicht alle zusammen und am gleichen Ort machen. Aber schön wär’s halt, zu sehen, dass wir schon noch die gleichen Dinge wollen und dafür was tun, so aussichtslos es auch manchmal aussieht.

Do you practice your sexuality on Cis-Hetero-Terms? choose ONE: ( ) yes ( ) no

Dieser Text ist eine Nachwirkung der sogenannten “Bi-Debatte”, die hauptsächlich auf Twitter anhand von ein paar Texten geführt wurde, von dem ich einen neulich nochmal las, nämlich “Mistaken identity?” von Accalmie. Ich hatte schon im Sommer vorgehabt, das nicht genau so stehen zu lassen, aber einfach keine Zeit zum Nachdenken und Schreiben.

Hier ist eine Linkliste zu verschiedenen Beiträgen der Bi-Debatte. Diese Texte brauchen nicht vorweg gelesen zu werden, um diesen Text zu verstehen. (Nur der Text von Accalmie, weil dieser eine Antwort darauf darstellt). Da die “Bi-Debatte” viel auf Twitter stattfand, können die Texte in Blogs das nicht wirklich wiedergeben, was abgelaufen war, aber sie können auf jeden Fall Punkte diskutieren, die aufgetaucht sind.
1. unpopular Opinion: If you only date men, you don’t get to call yourself queer (CN Bifeindlich)
2. Eine Antwort darauf: Biphobic XOJane Article Takedown
3. Es interessiert mich nicht, mit wem du schläfst (auf dem Blog “Don’t degrade Debs, Darling”, CN sehr bi-feindlich, Benutzung von -Phobie)
4. “Still Loving Bi” von @Sunny Zitrone auf dem Blog “Queerdenken”

Vorweg ein paar persönliche Befindlichkeiten: Ich habe die Diskussion als sehr verhärtet empfunden, es war mein Eindruck, dass die meisten Beteiligten schon viel Bullshit gehört und erlebt hatten, und das tat mir alles auch ziemlich leid.
Viele haben etwas geschrieben, und in all diesen Texten gab es Punkte, wo ich wirklich volles Verständnis hatte, warum da zwei Seiten aufeinander klatschen. Was für verschiedene Kämpfe und Situationen da (nicht) gesehen wurden. Ich selbst fühlte mich auch in dieser Debatte betroffen: Selbst verortet als “halbqueer”, auf dem Spektrum “Girlfag/schwule Frau” und gleichzeitig mit vielen sozialen Privilegien der Heterosexualität lebend, bin ich eigentlich zwischen zwei oder drei Stühlen. In der Debatte wurde (nicht nur) ich auf einen Stuhl gesetzt und dort angenagelt, was ich schon recht scheiße fand.

Zur Einleitung in das Thema: Diskutiert wurde darüber, den Queer(-Identitäts)-Begriff enger zu fassen, so daß Personen, die keine Diskriminierung als offen homosexuell oder als offen transgender Lebende erfahren, nicht mehr darunter fallen.
Argumentiert wurde, daß dies die Konsequenz aus einer Machtanalyse sein soll, die Privilegien und marginalisierte Positionen nicht unter den Tisch kehrt, während eine offene und unscharf definierte “Queer Identität” eben beliebig, unpolitisch und nicht gesellschaftliche Unterdrückungsstrukturen benennend, und damit nicht empowernd, sogar entmächtigend wäre.

Ich stimme dem nicht zu.
Queer ist eine Kategorie, die nötig wurde, weil bisherige Kategorien zu eng waren, um die Vielfalt sexueller und geschlechtlicher Ausdrucksformen abzubilden. Queer ist unscharf, weil im Fluß sein, in Bewegung sein, Veränderungen und Unvollständigkeiten keine scharfen Grenzen erlauben, und Unschärfe ist etwas anderes als Beliebigkeit. Ein offener Begriff von Queerness ist nicht weniger politisch radikal, und ist alles andere als ignorant gegenüber Machtstrukturen.

Okay. Lasst uns das mal diskutieren. Ich zitiere ich einen Absatz aus dem oben verlinkten Text von Accalmie, der ein Aneignen einer queeren Identität durch “Cis/Hetero” Personen als unehrlich und ignorant gegenüber politischer Verfolgung von Schwulen und Lesben bezeichnet.

Cis-women claiming they are “queer” but have only ever dated cis-men or are married to cis-men, for example, confuse me. Yes, it’s your identity. I get that. But leading a life of heterosexual privileges hardly relates to lives of lesbian or gay people; it hardly relates to experiences of heteronormativity, of heterosexist violence. Your identity does not correspond with the lived experiences of people whose sexuality, whose lives are policed, sanctioned, and legally restricted. So publicly and forcefully placing yourself within the bigger framework of LGBTQ folks, within a marginalized group, is insincere, if your sexuality is only ever practiced on cis-hetero terms.

(Übersetzungsversuch von mir: Cis-Frauen, die behaupten, sie seien “queer”, aber die bisher nur mit Cis-Männer ausgegangen sind, verwirren mich zum Beispiel. Ja, es ist eure Identität. Verstehe ich. Aber eine Lebensführung voller heterosexueller Privilegien steht kaum in Verbindung mit dem Leben von lesbischen oder schwulen Leuten; es steht schwerlich in Verbindung mit (Unterdrückungs-)Erfahrungen durch Heteronormativität, durch heterosexistische Gewalt. Deine/Eure Identität korrespondiert nicht mit der gelebten Erfahrung von Leuten, deren Sexualität, deren Leben policed, bestraft, und gesetzlich beschnitten wird. Also ist es unehrlich, sich öffentlich und mit Nachdruck in dem weiten Netzwerk von LGBTQ Menschen zu platzieren, wenn deine/eure Sexualität nie ein einziges Mal anders als unter Cis-Hetero Bedingungen praktiziert wird.)

Das klingt an und für sich ja schlüssig, erstmal. An dem einen Punkt bricht es aber: Wie möchte eine außenstehende Person beurteilen, ob Personen, die auf den ersten Blick gesehen heterosexuell daten oder anscheinend heterosexuell verheiratet sind, ihre Sexualität im Rahmen von “Cis-Hetero-Bedingungen” praktizieren?

Gut, vielleicht verstehe ich das falsch. Das steht doch anders in dem Zitat: “Cis Frauen, die Cis Männer daten/heiraten” = “Cis-Hetero-Bedingungen”. Alle anderen sind automatisch nicht gemeint.
Bi/Pan liebende Menschen sind also nicht gemeint.
Menschen auf dem Trans Spektrum sind damit auch nicht gemeint.
usw.

Dann wäre ja alles gut.
Leider ist es das aber nicht. Es bleibt bei diesen Diskussionen meist im Unklaren, wer genau diese Cisheten sind, die sich das Label “queer” aneignen, obwohl sie sozial gar nicht so positioniert sind.
Und dann trifft die Kritik (z.B. auch in der Kommentardiskussion) diejenigen, die ohnehin in der queeren Szene ausgegrenzt oder unsichtbar gemacht werden: Personen, die sich zu mehr als einem Gender hingezogen fühlen. Personen, die nicht “rein homosexuell” sind. Personen, die questioning sind. Und Personen, die nach langem Zweifeln an ihrer Heterosexualität und/oder sexuellen Orientierung merken, dass sie schwule Frauen oder lesbische Männer sind, oder dass sie herausfinden, dass sie genderqueer sind. Manche sind aus schwullesbischen Räumen rausgeflogen oder dort nicht mehr erwünscht gewesen und erleben eine solche Kritik als Wiederholung der Geschichte. Oder sie hatten ein Coming out, das von queerer Seite zurückgewiesen wurde.

Da sehen sich Bi/Pan/queer liebende und Trans Menschen auf einmal in der Situation, dass sie als Hetero oder Cis Menschen eingeteilt werden, über den Umweg des “aber du LEBST als cis und hetero Mensch, also BIST du – unabhängig von deiner Identität und Selbstverortung – ein sozial cis/hetero positionierter Mensch.”
Mein Eindruck ist: So findet keine Machtanalyse statt, sondern durch die Hintertür eben doch eine “queerer than thou” oder “not trans enough” Debatte. Es ist ein “queerpolicing” – ein Ausgrenzen von Personen, die als nicht “richtig queer” angesehen werden.

Eine Machtanalyse müsste zum einen “innere Identitäten” mit einbeziehen, warum, versuche ich nachher zu begründen, und zum anderen finde ich es sehr problematisch, die Selbstverortungen von Menschen mit dem Hinweis auf (passing-) Privilegien vom Tisch zu wischen. Dazu jetzt mehr:

Trans Aktivist_innen in der Queerszene haben oft gesagt: Geschlecht ist nicht etwas, was du Menschen ansehen kannst. Letzten Endes kannst du Geschlecht von Personen nur kennen, wenn du diejenigen nach ihrem Geschlecht gefragt hast. Dass dies wenigstens in queer_feministischen Kreisen immer mehr zum Konsens wird, finde ich richtig und sehr wünschenswert, weil es endlich die Selbstdefinition stärker gewichtet als das Einsortieren von Außen nach bestimmten Merkmalen, die in Zusammenhang mit einem von zwei genormten Geschlechtern gedacht werden.

Deswegen wundert es mich, wenn dieser Respekt vor Selbstdefinition/Selbstbezeichnung nicht für die sexuelle Orientierung gleichermaßen gilt. Es wundert mich immer wieder, die magische Fertigkeit, Menschen ihre Sexualität von außen anzusehen. Es wundert mich, wieso sich von einigen in der Queerszene so schwer getan wird, die (nach eigenem Urteil gefundene) Verortung von bi/pan orientierten Menschen als queer zu respektieren. Auf einmal wird mit der Lupe geschaut, wie sehen diese Leute aus? Wie leben diese Leute? Wie kann am präzisesten abgelesen werden, von Außen, dass diese Leute queer, und nicht vielleicht doch cishetero, (die Göttin bewahre) verortet sind?

Dass dieser Abgrenzerei auch schlechte Erfahrungen mit unsolidarischem Verhalten oder Opportunismus zugrundeliegen, verstehe ich. Aber was bedeutet das denn, Theorien zu formulieren, die als Folge von individuellem Opportunismus bisexuelle Menschen oder andere “heterosexuell Kontaminierte” grundsätzlich aus dem Queer-Begriff ausklammern? Was sind denn die Konsequenzen davon, ein derartiges Gatekeeping zu betreiben?

Das wird auch dadurch nicht besser, wenn die queere Selbstverortung in eine “selbstgewählte Fantasie-Identität” umgedeutet, dann scheinbar akzeptiert wird (“mach doch, was du willst”) und gleichzeitig der Zusammenhang mit Diskriminierungsstrukturen in der Gesellschaft negiert wird. (Dazu später mehr).

Im Gegensatz zum Hinweggehen über die Selbstverortung von Menschen finde ich es verwunderlich, wieso das ausgedrückte Geschlecht/der geschlechtliche Ausdruck, (auf englisch “Gender Expression”, was ich ab jetzt lieber verwende) wiederum bei Manchen als irrelevant angesehen wird. Wenn für eine Machtanalyse wichtig ist, wie Menschen durch Beurteilung von außen positioniert werden, ist bemerkenswert, wie das unter den Tisch fällt:
Wenn Frauen* z.B. maskulin performen oder Männer* feminin, oder wenn ihre Gender Expression nicht in vorgesehene und normative Muster passt, sie ansonsten aber cis und hetero leben, ist das ein Thema, das gar nicht besprochen wird. Varianter Ausdruck in Sachen “Gender Expression” wird oft nur als “Nebenwirkung” des queer oder trans seins betrachtet. Dies erschafft neue Normen, die von nicht-heterosexuellen Menschen verlangen, gleichzeitig bitte auch eine mehr oder weniger androgyne Gender Expression haben zu sollen. Gleichzeitig werden androgyne Gender Expressions bei Heterosexuellen nicht gesehen, oder, wenn es sich nicht mehr wegdenken lässt, daß sie existieren, als Anbiedern, Fake oder Aneignung beurteilt.

Illustration (c) Anna Heger

Illustration (c) Anna Heger -> Link: Anna Heger Comics

In ihren Büchern hat Julia Serano dafür plädiert, die Ebenen Geschlechts-Identität (was sie unterbewußtes Geschlecht nennt), sexuelle Orientierung und Gender Expression als voneinander unabhängig, und als intrinsische (=nicht vom Selbst abtrennbare) Neigungen (intrinsic inclinations) zu betrachten. Das stelle ich mir vor wie ein Mischpult mit vielen Reglern, die unabhängig voneinander verschieden hoch oder tief eingestellt sein können.
Dadurch wird es möglich, eine weniger voreingenomme Sichtweise auf das große Spektrum an möglichen menschlichen Lebensformen im Zusammenhang mit Gender einzunehmen.
Es würde auch möglich, die Widersprüche und Vorannahmen eigener normativer Vorstellungen zu erkennen und bislang unsichtbar gemachte Identitäten wahrzunehmen und ihnen einen Platz in der Erzählung zu geben.
Ein weiterer Pluspunkt dieser Sichtweise ist, dass die nervige Hierarchisierung von Queerness entlang der Abweichung von Normen kritisiert werden kann: Bestimmte Identitäten gelten als subversiv und damit als feministischer oder queerer, andere als stützend für die Norm und damit als etwas Reaktionäres. (Serano nennt das Subversivismus).

Es ist mir bewußt, dass dies eine andere Ebene ist, Gender zu betrachten, als als Unterdrückungsverhältnis und Machtstruktur mit Marginalisierungen und Privilegien. Ich bin aber nicht der Ansicht, dass das diese Betrachtungsebene unnötig oder ungültig macht. Sie ist nicht ungültig, sondern lediglich unvollständig. (wenn wir hier stehen bleiben würden, was Serano übrigens keinesfalls tut!)

Deswegen, weil die Ebene der Machtstruktur und das Analysieren von Privilegien, unbedingt dazugehören. Ansonsten wird das Einstehen für Gerechtigkeit im Bereich Gender unmöglich. Denn wir sind ja nicht “alle ein wenig anders, macht ja nix, egal” – sondern es existieren systematische Ungerechtigkeiten und Herrschaftsverhältnisse, und das hat in queerfeministischen Kämpfen Priorität vor persönlichem Sich-So-und-So-Empfinden (Und so muß es auch sein!).

Aber Machtanalyse ist nicht gleich Machtanalyse.

Wenn ich die soziale Positionierung auf das öffentliche Standing und den juristischen Status runterbreche, und befinde “Cis (gelesene) Frauen, die mit Cis (gelesenen) Männern verheiratet sind, leben daher unter Cis-Hetero-Bedingungen und erleben keinerlei Diskriminierung aufgrund ihres Geschlechts oder ihrer sexuellen Orientierung”, ist das eine unvollständige Sicht, denn je nach der Gender-Identität oder Orientierung der Personen entstehen verschiedene Ausgangslagen, die in der queeren Szene sehr verschieden bewertet werden:

In die Unsichtbarkeit gezwungene Schwule und Lesben, die heterosexuell verheiratet leben (müssen)? Da würde kein Mensch auf die Idee kommen, ihnen zu unterstellen, sie wollten eben heterosexuelle Privilegien ausnutzen. Äußerlich “genießen” sie die Vorteile heterosexistischer Strukturen, aber um den Preis, daß sie verstecken müssen, was sie wirklich leben möchten.

Wenn es Bi/Pan Menschen in cishetero gelesenen Beziehungen passiert, daß ihre queerness unsichtbar wird, dann wird unterstellt: Ach,  ihr könnt ja eure Bisexualität dafür ausnutzen, um Heteroprivilegien abzugreifen.

Was ist, wenn in einer bisher als Hetero gedeuteten Beziehung auf einmal rauskommt, dass eine oder mehrere Menschen darin nonbinary trans oder genderqueer sind? Auf eine Art und Weise, die nicht gleich von außen abgelesen werden kann? Sind diese Personen dann heterosexuell sozial positioniert und damit ist alles klar?

Ich verstehe nicht, wieso es so ein “ganz oder gar nicht” sein muß. Denn es gibt auch in Hinblick auf Machtstrukturen einen nennens- und analysierenswerten Unterschied zwischen gendervarianten Heteros und gender-konform lebenden Heteros, zwischen Bi/Pan Personen in hetero gelesenen Beziehungen und Heteros, zwischen cisgender Heteros und transgender Heteros, und letztendlich auch zwischen heterosexuellen Frauen und heterosexuellen Männern. (Heterosexualität ist nicht um die Bedürfnisse von Frauen herum gebaut, sagte das eine Freund_in von mir sehr schön).

Ich bin so sehr für Machtanalysen. Aber wegen der Frequenz, mit der mir ein Ausblenden von Machtebenen unterstellt wird, sobald ich laut drüber nachdenke, trotz Hetero-Privilegien gender-variant zu sein, komme ich ins Grübeln. Was ist der Ruf nach Machtanalysen wert, wenn erstmal aufgrund von normativen Vorstellungen entschieden wird, ob die Analysebrille oder die Abgrenzbrille aufgesetzt wird?

Es ist halt nicht nur die legal-juristisch-offizielle Seite, die ins Gewicht fällt, wenn es um soziale Positionierung geht. Innere Verortungen sind genauso wichtig für eine Machtanalyse. Innere Verortungen prallen auf Normen, bevor irgendwas von Außen sichtbar ist, und das hat Auswirkungen auf Menschen. Nicht einfach gedanken- und sorglos in der eigenen Geschlechtsidentität, mit der eigenen Gender Expression oder sexuellen Orientierung leben zu können, weil es irgendwo gehörig clasht, ist eine soziale Auswirkung, das ist eine negative Erfahrung von Heteronormativität.
Vor einem jeglichen Coming out ist schon allein die Tatsache, ein solches machen zu müssen, um nicht falsch gegendert zu werden, oder damit nicht falsche Dinge über die eigenen Vorlieben automatisch angenommen werden, eine Unterdrückungserfahrung. Als queere Person in heteronormativen Kreisen ungeoutet zu verkehren und dabei all die Vorurteile und Abwertungen über Queers mit anhören zu müssen, ist eine Unterdrückungserfahrung. (Und es gäbe noch viel mehr Beispiele).

“Situational privilege”, “Hetero-gelesen-werden-privileg” usw. betrifft auch lesbische oder schwule Menschen. Und umgekehrt werden Heter@s bisweilen queer gelesen.   Ich bin beispielsweise äußerlich manchmal lesbisch passend (passend = vom englischen passing = durchgehend als etwas), manchmal trans passend, manchmal schwul passend. Ich bin damit in der Öffentlichkeit potentiell heterosexistischer Gewalt ausgesetzt.

Bi/Pan Menschen in heterosexuell gelesenen Beziehungen, oder genderqueere, hetero gelesene Menschen haben sowohl mehrheitsgesellschaftlich als auch in der queeren Szene eine andere soziale Verortung als z.B. schwule cis Männer oder lesbische cis Frauen. Das macht ihre Verortung aber nicht zu einer cis-heterosexuellen Verortung. Oder wenn schon, dann sollten wir es gedanklich auf die Kette kriegen, daß “cis” oder “heterosexuell” jeweils ein großes Spektrum ist, das mit “nicht heterosexuell” bzw. “trans” Überlappungen und Übergänge haben kann und muß, an den Kanten quasi ausfranst, und dass das so sein muss, weil die sozialen Kategorien, die wir angelegt haben, ungerecht, unpassend und absurd sind.

Fazit: Von sozialen Machtpositionen (die verkürzt gedacht werden als äußere Lebensumstände, egal wie ein Mensch sich innerlich fühlt) auszugehen, führt, wenn wir nicht aufpassen, zu einer sehr langweiligen und verletzenden Reduzierung der queeren Vielfalt auf einige wenige, im Licht dieses Rasters eingeblendete Gruppen. Soziale Machtpositionen entstehen durch das Aufzwingen eines sehr verkürzten, beschränkten binären Systems. Laßt uns nicht die Beschränkungen dieses Systems noch fortschreiben.

Deswegen würde ich lieber von einer Sichtweise wie z.B. der von Julia Serano vorgeschlagenen ausgehen, und schauen, was es tatsächlich für eine große Vielfalt an möglichen Identitäten und Ausdrucksformen gibt, und gleichzeitig betrachten, wie diese in dem heteronormativen System positioniert, privilegiert, und marginalisiert sind.

Ich möchte eine Machtanalyse, die mehr Rücksicht darauf nimmt, dass wir uns unsere Geschlechter, unsere Ausdrucksformen und unsere Identitäten nicht taktisch aussuchen und wie die Kleidung wechseln, sondern dass diese zu tun haben mit intrinsischen Neigungen. Wir sind uns hoffentlich einig, dass wir gegen Unterdrückung sexueller Minderheiten kämpfen, dass keine Person für ihre Neigungen verfolgt oder benachteiligt werden sollte. Und das bedeutet zu erkennen, dass die Normativität und Vormachtsstellung einer speziellen Neigung (nämlich der Heterosexuellen) Gewalt gegen alle Anderen ist und beendet werden muß.
Und das “Alle Anderen” beinhaltet sehr diverse Menschen, die alle irgendwie unter dem “Queer-Regenschirm” gesehen werden können, und trotzdem unterschiedlich privilegiert sind. Das können situationsmässige Passing-Privilegien sein. Oder das Privileg von “straight acting” Schwulen, die der Feminitätsfeindlichkeit und Transfeindlichkeit entgehen, die Schwule mit femininerer Gender Expression erleiden. Oder bisexuelle Menschen, die den rechtlichen und steuerlichen Schutz genießen, die ein Trauschein ihrer Familie mit Kindern ermöglicht. Oder, oder, oder.
Es gibt mehr und weniger Teilhabe an Privilegien. Auch gravierend mehr oder weniger davon. Es gibt solche krassen Unterschiede in der sozialen Positionierung von Menschen innerhalb der Gruppe LGBTIQ*, dass es Sinn macht, bestimmte Kämpfe nicht gemeinsam zu führen, oder sich bestenfalls als alliiert zu begreifen.
Das ist trotzdem kein logischer Grund, bestimmte Menschen aus der Gruppe der “Queers” auszuschließen und diese zu homogenisieren. Und das seh ich als keine in sich stimmige Machtanalyse.

PS: Überschneidungen mit anderen Ebenen wie Ableisiert sein, Weiße Privilegien, Schönheitsnormen, und Klasse habe ich da jetzt leider komplett weglassen müssen. Obwohl all diese Ebenen auf die Art und Weise, wie Gender aussieht und ausgedrückt wird, einen bedeutenden Einfluß haben. Ich befürchte aber, dass es nötig ist, nur die Ebene Gender anzusehen. Denn ich habe in der letzten Zeit so oft gehört, dass Marginalisierung auf einer anderen Ebene als Gender als Feigenblatt benutzt wird, um zu vernebeln, dass z.B. Heterosexualität verkürzt als einheitlicher, eintöniger “Block” gedacht wird. (“Wieso, es gibt ja auch race, class, ability etc, also ich seh ja Heten durchaus als nicht NUR privilegiert an…”). Und mir ging es genau darum: Heten sind nicht so lange ein eintöniger Einheitsblock, bis auch Klasse, Weißes Privileg, Ableismus, Körperform, Religion etc einbezogen werden. Es geht bei Gender schon los.

PS 2: Ich nenne sie/euch/uns (also die Heten) trotzdem “Heten” und hab kein Prob, wenn ihr das auch macht ;)

PS 3: Ja, ich habe im Kommentarstrang bei Accalmie gelesen, dass unsichtbar lebende queers eigentlich nicht ihr Thema sind und auch nicht gemeint sind, sondern eben diese “Hipster-queer-Heten”. Äh… aber.. wie oft habe ich das in der Debatte gehört? Dem gegenüber steht: Ich habe keine einzige bisexuelle Frau* oder als Frau gelesene Person getroffen, die mir nicht an irgendeinem Punkt von Ausgrenzung in der lesbischen Szene erzählt hat, während der sie als vermeintliche Mode-Hete behandelt worden war. Ich selbst habe auch erlebt, wie mehr oder weniger hintenrum über mich als nervende, aneignende Hete geredet worden ist. (jftr, bin weder heterosexuell noch eigne ich mir irgendwas an.) Ich möchte ja glauben, dass diese Menschen nicht gemeint sind mit der Kritik – aber die Umsetzung ist schlecht. Und genau da würde eine differenziertere Betrachtung von Kategorien wie cis oder Hetero helfen, die Kritik genauer an die Adressat_innen zu bringen, anstatt die falschen damit zu verletzen. Und es würde imho auch sehr helfen, diese nutzlose Trennung von innerer Neigung und äußeren Lebensumständen zu unterlassen.

PS 4: Ich habe anscheinend einige Dinge wiederholt, die Natanji in den Kommentaren im verlinkten Text von Accalmie auch gesagt hat. Seh ich grad erst… Ups ;)

PS 5: Ich möchte noch kurz was dazu sagen, dass ich über den Aspekt von Schwarzsein und das Beispiel Rachel Dolezal in Accalmies Text hinweggegangen bin und darauf nicht eingegangen bin. Ich sehe schlicht nicht, inwiefern bei den sozialen Kategorien Weiß/of Color/Schwarz ähnliche innere Neigungen in den Menschen vorhanden sind, wie bei Gender/sexual Orientation/Gender Expression. Da Accalmie individuelle Neigungen nicht in den Blick nimmt, sondern sozial positionierte Gruppen, erscheinen Entscheidungen, sich cis, trans, hetero, queer etc zu positionieren, taktisch, sobald sie zu Privilegien und persönlichen Vorteilen führen. So wie Rachel Dolezal taktisch vorging. Ich teile diese Herangehensweise aber nicht, und deshalb kann ich mit dem Vergleich wenig anfangen. Daher verurteile ich Dolezals taktisches und ausbeuterisches Aneignen. Ich sehe bei Menschen, die  Bi oder “irgendwie queer” sind, ohne in die gängigen LGT* Identitäten reinzupassen, jedoch keine solche Taktik.

Interessant ist auch in diesem Zusammenhang:
Genderperformance vs. Selbstdefinition (Natanji) und Kommentare von Ra(n)ge, Farthen und Natanji.
In vieler Hinsicht auch interessant:
Julia Serano: Considering queer and trans appropriation

 

Rassismus ausüben ist okay, Rassismus kritisieren nicht: Girlfag-Guydyke-Forum, ade.

Es geht um das Girlfag-Guydyke-Forum hier, von dessen Besuch ich ausdrücklich abraten möchte.

Ich möchte später dazu noch ausführlicher bloggen.
Aber heute hat mir die Administration des Forums ein wunderbar anschauliches Beispiel geliefert, dass sie die Benennung von Rassismus als persönliche Beleidigung auffasst, und diese unterbindet, während der Rassismus selbst geduldet wird.

Bei Rassismus handelt es sich um die Benutzung des rassistischen Begriffes “N…” für Schwarze Menschen, für die Benutzung von Gebäcknamen, die Schwarze Menschen rassistisch bezeichnen und das Behaupten, es gäbe biologisch begründete “Rassen” von Menschen. Ich und eine andere Person haben interveniert, auch viel erklärt und Links gegeben, diskutiert, und nachdem erst versucht wurde, uns zu erklären, dass diese Dinge keinen Rassismus darstellen würden, wurde das Gespräch durch Themen sperren, dann löschen, und Androhung von Rauswurf, sollten wir dies nochmal tun, unterbunden.

Ich habe mich gestern mit diesem Beitrag aus dem Forum verabschiedet:

Das Posting vor der Veränderung durch die Administration

Das Posting vor der Veränderung durch die Administration. Der Text lautet: “Ich werde nicht in Räumen mitwirken, in denen meine Freund_innen sich aufgrund von nicht reflektiertem Rassismus nicht aufhalten könnten.
Das N-Wort ist ein rassistisches Gewaltwort, und ich sehe mir dessen Verwendung nicht tatenlos an.
Kritik ist nicht möglich. Also Tschö.”

Heute sehe ich, dass in meinem Beitrag herumeditiert wurde:

Beitrag nach dem Verändern durch die Administratorin

Beitrag nach dem Verändern durch die Administratorin: “Dieser Beitrag wurde moderiert:
Ich werde nicht in Räumen mitwirken, in denen meine Freund_innen sich aufgrund von nicht [zensiert] nicht aufhalten könnten.
Das [zensiert]Wort ist ein [zensiert] und ich sehe mir dessen Verwendung nicht tatenlos an.
Kritik ist nicht möglich. Also Tschö.
Grund für die Moderation:
Wieder einmal sind hier vorwürfe verwendet worden die ich so nicht tolerieren kann.
Wenn du dich nicht sowieso hiermit vertschüssen würdest, würde ich dich jetzt verwarnen. Wenn du deinen Account gelöscht haben möchtest, dann melde dich bitte.”

Typischer und krasser kann das Beispiel eigentlich nicht sein:
Die Administratorin löscht das “N”, während sie dieses Wort in voller Länge (an anderer Stelle) and ausschreibt.
Auch “nicht reflektierter Rassismus” ist für sie so schlimm, dass sie das löschen muss.

Ich werde sie nicht um Löschung meines Accounts bitten, die sollen mich schon selbst rauswerfen. (Ausserdem ist es evtl gut, mitzukriegen, was da noch so dazu geschrieben wird). Aber ich kann vor diesem Forum nur warnen: Es ist kein Raum, wo menschenfeindliches und abwertendes Verhalten und Sprechen kritisch gesehen wird, und die “Freiheit” des Sprechens wie man will nicht da endet, wo die Freiheit anderer Menschen beginnt.

Nachtrag: Durch Spit n’Glitter bin ich aufmerksam gemacht worden, dass ich in meinem Blogpost gar nicht den Antiromaismus, (durch Verwendung abwertender Begriffe gegen Roma), drin habe, der ebenfalls in der Diskussion vorkam. Das soll also hier nachträglich erwähnt sein. Es ging nicht nur um Gebäck, auch Schnitzel und Sauce wollten sich die Beteiligten nicht nehmen lassen..

Nachtrag 2: Ich schalte hier keine Kommentare frei, die rassistische Begriffe enthalten. Z.b. dieses Wort, dieses Wort und dieses Wort, oder diese Wörter. Danke fürs zur Kenntnis nehmen.

Nachtrag 3: Und da ist er, der Rauswurf:

lustiger screenshot

“Sie sind aus diesem Forum verbannt worden, bis 8.8. 2016. Aus folgendem Grund: Lügen über unser Forum verbreiten, unbelehrbar sein”.

LOL