Emotionale Betroffenheitsbefindlichkeit: “Wem sollen wir denn glauben?”

Es ist aber erst mal Linky-Zeit!

Momorulez hat wieder mit dem Saxophonspielen angefangen, und ich fühle mich durch die Saxophon-Dialoge fein motiviert, weiterzulernen. Ich frage mich, wann der Zeitpunkt kommt, an dem man sich nicht mehr als Anfänger_in fühlt. Bei mir ist es nach 2 Jahren noch nicht ganz so weit, aber ich habe auch 2012 viel um die Ohren gehabt und viel weniger spielen können, als ich mir das gewünscht hätte.

Ausserdem auch am selben Ort: Mal kurz was zu Zensur.         Nachdem sich Accalmie des Themas in On Censorship auf englisch schon angenommen hatte, und ich Accalmies Artikel auf Facebook gefühlte 20 Mal verlinkt hatte, kann ja ein weiterer nicht schaden.

Und das hier ist einfach nur der Hammer: Sprachpolizeiakademie  – muahahahaha…

Die Mädchenmannschaft und Andere dokumentierten einen Brief, der am Montag bei Facebook rumging und den eine 9jährige an die ZEIT geschrieben hatte, um sich über diese zu beschweren. Ich nehme an, ihr kennt den eh alle, falls nicht: Die Publikative hat dazu ein paar Hintergrundinfos und auch den Brief abgebildet.

Ich bin in der N-Wort-Diskussion dann doch noch mit einer Reaktion konfrontiert worden, die mich enttäuscht und gekränkt hat, in der ich quasi als fundamentalistische AntiRa-Taliban, welche alle, die ein Haar von ihrer “alternativlosen” Meinung abweichen würden, mit dem “Rassistenlabel” versehen würde. Ich habe mir neulich sagen lassen, dass das aber auch vielen anderen Menschen so ergeht, die das Thema Rassismus anschneiden. Sie sehen sich der empörten Reaktion gegenüber “WIE, du nennst mich einen RASSISTEN??!!!???”, obwohl man über das, was das Gegenüber angeblich ist oder nicht, gar nicht gesprochen hat. Neulich, das war gestern, und da sah ich mir dieses geniale Video mit einem kurzen und sehr interessanten Vortrag von Jay Smooth an. Darin geht es um Kommunikation über Rassismus und zwei gängige Falschauffassungen: 1: Wer rassistisch spricht/handelt, ist immer ein_e Rassist_in, und 2: Entweder man ist Rassist_in oder man ist komplett frei davon. Das Video ist so anschaulich und zieht so treffende Vergleiche. (auf Englisch). Den Link hatte ich in diesem Artikel bei Bühnenwatch gesehen. Welchen ich auch klasse fand und weiterempfehle.

Zum eigentlichen Thema. Wegen dem oben verlinkten Leserbrief von Ishema Kane haben unabhängig voneinander drei Menschen in Kommentaren auf verschiedenen Facebook-Konversationen, die ich mitverfolgte, gesagt, dass Ishema ja nur mit ihren individuellen Gefühlen argumentiert. Dass es gefährlich sei, das als Begründung heranzuziehen, warum mensch gegen rassistische Begriffe in Kinderbüchern sei. Denn wenn andere Kids of Color sich melden würden und schreiben würden, es störe sie keineswegs, wenn da das N-Wort steht, was denn dann?

Ganz einfach: Nichts ist dann. Begründung:

Ich denke, dass hier diejenigen etwas mißverstehen. Ob jemand Anstoss an etwas nimmt, ist tatsächlich subjektiv. Das Anstoss nehmen war aber auch nie das Kriterium, denn sonst könnte ich auch mit etwas ankommen, das wirklich nur mir allein so geht, und fordern, das gehöre nun weg, weil es _mich_ stört. Angenommen, mich stört das Wort “Lehrer” und ich fordere jetzt, es zu entfernen oder zu ersetzen. “Da kann ja jeder kommen”. “Dürfen wir bald gar nix mehr sagen?” usw.

Nein, liebe Leute, beruhigt euch. Es ist gar nicht so. Denn es geht gar nicht darum, dass jetzt alles, was irgendjemanden stört und vielleicht sogar tief verletzt, entfernt wird aus Kinderbüchern. Es geht immer noch um Diskriminierung, um Benachteiligung von Menschen. Es geht darum, dass diskriminierende Inhalte in neueren Auflagen nicht mehr erscheinen sollen. Und diskriminierende Inhalte werden nicht dadurch besser oder weniger diskriminierend, dass sich einige Betroffene nicht an ihnen stören. Deshalb würde es auch keinen Unterschied machen, wenn ein anderes Schwarzes Kind einen Brief schreiben würde, in dem stünde “Mich stört das aber nicht”.

Diskriminierung abstellen zu wollen ist (u.A. auch für mich) erstrebenswert, unabhängig davon, ob Betroffene individuelle Workarounds gefunden haben, mit dieser umzugehen, oder nicht. Betroffene, die individuelle Workarounds gefunden haben und von anderen Betroffenen verlangen, sie sollten eben auch individuell Workarounds finden, (z.B. Kristina Schröder “Danke, emanzipiert sind wir selber”?) ändern an der Diskriminierung, der Struktur, ja nichts. Und ich finde es auch irgendwo ein bischen unsolidarisch gegenüber anderen Betroffenen.

Im Übrigen habe ich vor dem individuellen Workaround von Betroffenen Respekt, ich habe grundsätzlich Respekt vor der Leistung, sich innerhalb von diskriminierenden Strukturen zu behaupten, sich durchzubeissen, sich einen Platz zu erkämpfen, nicht den einzunehmen, auf den einen die Mehrheitsgesellschaft schubst. Wenn Menschen dafür einstehen, auf Betroffene, die sich beklagen, zu hören, wird ihnen oft geantwortet, sie reduzierten die Betroffenen zu “Opfern” und diejenigen, die sich da rausgekämpft haben, würden gar nicht anerkannt. Ich verstehe diese Zweiteilung von Betroffenen in “passive Opfer” und “mutige Macher_innen” nicht so recht: Wir müssen doch nicht einteilen in Menschen, die sich über Diskriminierung beklagen und “Opfer” sind und Menschen, die sich individuell aus einer Diskriminierungssituation erheben und sich erfolgreich freikämpfen, als das einzig wahre Rollenmodell. Das wäre “teile und herrsche” Politik. Das wäre auch wieder dem Opfer die Schuld geben, wieso beklagt es sich auch, wieso tut es denn nix? (das war Ironie) Dabei wird zudem nicht anerkannt, dass das Anklagen von Missständen eine sehr mutige und aktive Handlung ist, gerade in einer diskriminierenden Struktur, weil diese dazu geschaffen und erstellt wurde, eben diese Stimme, die sich zur Anklage erhebt, zum Schweigen zu bringen und lächerlich zu machen. Aber ich schweife ab.

Zurück zu dem “Anstoss nehmen” und der individuellen Befindlichkeit: In individuellen Gefühlen bildet sich natürlich auch ab, wenn man Diskriminierung erlebt. Natürlich sind Menschen sauer, wenn sie Diskriminierung ausgesetzt sind, was denn sonst?  Was Ishema als “es ist einfach nur sehr, sehr schrecklich” beschreibt, ist das aber nicht ihre persönliche “Empfindlichkeit”, sondern da geht es um die ganze Struktur der Abwertung, des Othering, mit dem Ishema gewaltsam auf einen bestimmten Platz verwiesen wird, indem man ihr in einem DER Kinderbücher (an denen in dieser Kultur hier kaum jemand vorbeikommt) das N-Wort hinknallt.

Gegen diese Diskriminierung sind wir, nicht dafür, dass alle, die sagen, sie stossen sich an irgendwas, das Recht haben, dass dem nachgegeben wird. Oder sogar, wenn Personen, die sich in einer privilegierten weißen Position befinden, sagen, sie stossen sich daran, dass sie als weiße sich mit dem Bild von Weißbroten konfrontiert sehen, o.Ä. Ein Weißbrot mag veräppeln, es ist möglicherweise auch nicht besonders nett. Aber es diskriminiert Weiße nicht. Dazu fehlt es an einer diskriminierenden Struktur weißen Menschen gegenüber.

Letzte Woche kam ein Blogeintrag raus, der sich auch genau mit dem Thema beschäftigte, eigentlich schon vorletzte Woche. “I don’t care if you’re offended” auf dem Blog von Scott Madin.

Diesen habe ich heute endlich gelesen und fand: Ja. Passt jetzt genau. Thank you, Scott Madin!

Anm: Ich habe in dem Text (möglicherweise nicht konsequent) die Worte “Schwarz(e)” und “weiß(e)” groß bzw. kursiv geschrieben, um zu irritieren, denn damit sind keine natürlichen, biologischen Kategorien gemeint, sondern soziale. Also, das soll heissen, dass die andere Schreibweise in Erinnerung rufen soll, dass Menschen diese Kategorien gezimmert haben. Das habe ich aus dem Buch “Mythen, Masken und Subjekte” (Kilomba, Eggers, Piesche, Arndt 2009)

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