Vestkyststien Tag 5: Kærgård – Hvide Sande

Es ist Donnerstag, der 17. Mai.  Wir haben unglaublich lange 10 Stunden geschlafen, so lange schlafe ich zuhause nie.

Morgens treffe ich zwei Dänen an der Grillhütte nebenan, die spazieren gehen und draußen frühstücken. Wir reden über die Landschaft und das Wetter, und sie geben mir Tips, welche Plätze schön sind, und machen mich auf das herannahende Pfingsten aufmerksam, wo wahrscheinlich viele Leute draussen an den Naturlagerplätzen sein werden. Wir überlegen, ob wir zu diesem Zweck nicht in einen der zum Zelten freigegebenen Wälder ausweichen sollen.

Zum Frühstück gibt es wieder Porridge mit weißer Schokolade, Mango und Bananen (wir haben noch getrocknete Mangostreifen dabei gehabt). Um 10 Uhr kommen wir los, der Himmel ist wieder knallblau, und das erste, was uns begegnet, ist ein knorriger Dünenwald, durch den sich ein hübscher Sandweg windet.

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Ein Sandweg führt durch den sonnigen Dünenwald, vor mir fährt B.

 

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Der Damm, der über den See führt. 

 

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Auf der höchsten Düne Dänemarks. Eigentlich nur zwei Räder im Wald.

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Am Aussichtspunkt sehen wir nur grüne Wipfel und weit weit hinten das Meer. 

Dann kommen wir an den Filsø, einen künstlichen See, und fahren über den Damm und um den See herum. Dazu plagen wir uns über eine Schotterstraße, und danach kommen wir zur höchsten Düne Dänemarks, die inzwischen bewaldet ist. Wir strampeln die Waldwege hoch, klettern auf die Aussichtsplattform, von der wir leider nichts wirklich sehen, und fahren dann wieder runter. Eigentlich unterscheidet sich die Düne in nichts von einem bewaldeten Hügel. Tjanun.

Schöne Sandwege führen weiter durch den Wald und durch Heidelandschaften. Dann geht es wieder in offenes Dünenland und der Wind wird immer stärker. Wir haben Nymindegab hinter uns gelassen und plagen uns mit 7 km/h vorwärts. Hier sind unglaublich viele deutsche Touristen, die alle Leute auf der Straße einfach auf deutsch ansprechen.

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Die Dünenlandschaft hinter Nymindegab: Die Dünen zum Meer hin sind haushoch, und überall wachsen Büsche und Heidekraut. 

Wir kommen wieder ans Meer, und die Dünen dort sind haushoch. Wir parken die Räder an einem kleinen See und setzen uns in den Windschatten von Hagebuttenbüschen, und ich klettere auf die Dünen und sehe das windgepeitschte Meer und einen menschenleeren, weißen Sandstrand. Der Wind pfeift in meinen Ohren und ich ziehe mir den Loopschal bis über die Nase.

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Auf den Dünen, wo der Wind pfeift, sehe ich aufs Meer. 

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Der Strand ist windgepeitscht und komplett leer.

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Noch ein Bild von der Düne aufs Meer. 

Dann fahren wir weiter, inzwischen windet sich ein Sandweg auf und ab durch die Dünen. Ich bekomme Sand ins Gesicht geblasen und es geht sehr, sehr langsam voran. Meine Kette und alle Ritzel sind schnell mit einer weißgrauen Staubschicht bedeckt.

Bald entscheiden wir uns, ein Stück auf der Landstraße zu fahren, weil es mit dem auf und ab UND dem Gegenwind doch sehr anstrengend ist. Wir finden noch eine Einkaufsmöglichkeit in Bjerregårds Købmandshandel. Hier sind fast nur deutsche Touris und alle sprechen deutsch. Ich bemühe mich trotzdem mit ein paar Brocken dänisch im Laden und der Kassierer freut sich darüber. Und dann geht es weiter die schmale Landzunge nach Hvide Sande hoch. Wir wechseln wieder zum Dünenweg, denn die Landstrasse nervt auch, und brauchen noch eine Pause im Windschatten einer Düne.

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Zwischen den Dünen führen manchmal auch nervige Schotterstrassen, statt den gut befahrbaren Sandwegen. 

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In den Dünen, reetgedeckte Häuser. 

Ich habe mit meiner Wind- und Regenjacke zu viel zu schwitzen, und ohne sie ist es ziemlich stürmisch und kalt, irgendwie finde ich keine richtige Lösung. Der Wind kommt mit über 35km/h uns direkt entgegen, sagt die Wetter-App. Aber die Landschaft ist schon atemberaubend schön. Wir teilen uns einen Energy Drink, den wir schon im Netto von Ribe aufgesammelt hatten.

Dann besuchen wir Vesterled, ein Schullandheim, in dem mein Partner in seiner Schulzeit mal eine Woche verbracht hatte, und ich lasse mir alte Geschichten erzählen. Zum Glück läßt der Wind nun ganz leicht nach und wir müssen uns nicht mehr ganz so plagen. Ich habe vom starken in die Pedale treten tatsächlich eine Blase am Zeh bekommen!

In Hvide Sande gibt es eine Hafentoilette, wo man für 10 Kronen warm duschen kann! Klasse! Das heben wir uns aber für morgen auf und finden unseren Shelterplatz. Ein Wanderer ist schon dort, ein richtiger Bushcrafter. Wir unterhalten uns ein wenig und finden, dass wir sehr ähnliche Ansichten über Outdoor und in der Natur sein haben..

Heute abend kochen wir nicht, sondern essen nur belegte Brote. Ich stricke an meinen Reisesocken und mache einen Hafenspaziergang. Weil es hier gar keine Mücken gibt bei dem Wind, schlafen wir mal in einem der Shelter, sie sind wirklich ur gemütlich.

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Kuschlig ist es abends im Shelter, wir wollen noch nicht schlafen, aber in den Schlafsäcken ist es so schön warm. 

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Der Hafen von Hvide Sande im Abendlicht.. einige Hausboote der Luxusklasse ankern hier. 

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Vestkyststien Tag 3: Von Ribe nach Esbjerg

Die Nacht war etwas unruhig, meinem Partner war schlecht und er hatte Kopfschmerzen, vielleicht war ich nicht die einzige, die zuviel Sonne abbekommen hatte. Aber am Morgen ist alles wieder gut, ein Glück.

Das Zelt ist wie jeden Morgen feucht vor lauter Kondensation, und die Morgenluft ist auch noch feucht, so dass es auch nicht schnell trocknet. Wir hängen das Zelt an den großzügig geschnittenen Shelter und packen den Rest unserer Sachen zusammen. Zum Frühstück gibt es wieder Porridge. Dann fahren wir nach Ribe, denn gestern hatten wir keine Zeit, die Stadt anzusehen.

Eigentlich wollten wir wenig Zeit mit Städten verbringen und heute noch zum Oksbøl Fjord fahren, aber wir haben umgeplant und einen der zwei “Extra Tage” verwenden wir jetzt, um Ribe und Esbjerg anzusehen. Dafür wird die heutige Etappe kürzer.

Unser Schlafplatz liegt im Nordwesten von Ribe, ziemlich ausserhalb in einem Wald, und wir müssen erst mal wieder ein paar km zurückfahren. Es gibt einen Parkplatz an einem Einkaufszentrum, wo es auch Toiletten mit Wasser gibt auf dem Weg, und ganz nette Plätze unter Bäumen zum entspannen. Ich nutze das Waschbecken, um ein paar Klamotten zu waschen, und dann geht es weiter in die Altstadt.

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Die Altstadt von Ribe: Eine Kathedrale mit Türmen, davor noch eine andere Kirche, und Fachwerkhäuser mit schwarzen Balken, roten Ziegeln und mit weiß gestrichenen Fenstern sind zu sehen. 

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An der Kathedrale von Ribe gibt es verschiedene Türmchen, dieses hat eine lustige spitze Form mit einem Rettungsring-Bauch. 

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Unsere Fahrräder stehen auf dem Platz vor der Kathedrale, dahinter sind alte, rot gestrichene Fachwerkhäuser und die Sonne scheint ganz schön.

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Eins der Gewölbe in der Kathedrale. Ich habe im Kunstunterricht eigentlich mal gelernt, wie das heißt, aber ich habe es wieder vergessen. 

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geschnitzte Verzierungen an der Kanzel in der Kathedrale, ein Engelskopf und eine Bordüre, zum Bemalen wurde blaue und goldene Metallic Farbe verwendet. 

Alles ist super schön und malerisch in der ältesten Stadt Dänemarks. Sie haben auch irgend so ein archäologisches Museum, wo ein Wikingerschiff restauriert wird, aber da gehen wir nicht rein. Die Kathedrale sieht sehenswert aus und ist es auch. Alt ist sie, und alles ist kunstvoll geschnitzt und gemauert.

Touristenbusladungen gehen ein und aus, und wir leisten uns bei einem Bäcker eine Plunderstange mit Vanille- und Apfelpudding und Krokant obendrauf. Ah, dänische Plunder! Direkt nebenan ist ein sehr einladend aussehendes Wollgeschäft. Aber ich habe meinen Wollvorrat so vermehrt, dass ich mir für dieses Jahr striktes Wollkaufverbot gegeben haben. Außerdem kann ich keinen Stauraum für Unnötiges verbrauchen, wir sind schließlich auf Fahrradtour. Ich gehe nicht mal rein, aber allein die ganzen bunten Knäule in den Sonderangebots-Körben vor der Tür sind schon sehr schön. Wie heißt es? Wolle kommt doch von wollen.

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Unsere leckere Wiener Stange auf einer braunen Papiertüte. 

Nach dem Stadtbummel geht es wieder auf die Route, auf dem Rausweg holen wir noch beim dänischen Discounter etwas fürs Abendessen, denn jetzt sind die mitgebrachten Vorräte aufgebraucht.

Die Strasse Richtung Esbjerg ist zuerst eher langweilig, wir fahren an einer grösseren Landstrasse entlang, aber mit seitlichem Radweg. Aber dann geht es wieder an die Nordsee und wir treffen wieder hunderte von niedlichen Schafen und Lämmern am Deich. Die Sonne brennt wieder auf uns nieder.

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flaches Land – sehr, sehr flach, ohne Bäume, nur grüne Wiesen, ein Asphaltweg und ein bepacktes Fahrrad. 

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Schafweiden (hier mal leer) und dahinter das Meer. 

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Mutter und Lämmchen auf dem Deich.

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An einer Durchflutungsöffnung im Deich führt eine Rinne zum Meer, und Schafe weiden auf der Wiese. 

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in dem spärlichen Schatten der Hütte gibt es Mittagessen, das ist hier das, was noch von gestern abend übrig war, in einer Lock Lock Dose. 

An einer kleinen Steinhütte an einem Flut-durchlauf-Tor setzen wir uns in den Schatten. Das ist auch der einzige Schatten, den es gibt. Wir machen Mittagspicknick und B. lockt Schafe an, die neugierig zum Zaun kommen und an seiner Hand schnuppern.

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Der Partner und die Schafe sagen sich Hallo

Dann geht es über einige kleine Dörfer rein nach Esbjerg. Die Stadt ist nicht ganz so hübsch wie Ribe, und um einiges größer. Schon vorab hatte ich mir einen Spejder Sport rausgepickt, um mir ein Loop-Hals-Kopftuch zu kaufen, denn meins ist ja irgendwo hin verschwunden vor der Reise. Und bei dem windigen Klima an der Küste brauche ich sowas schon. Mich nervt Wind, der mir ständig in den Ohren braust, da ist es super, eine Schutzschicht drüber ziehen zu können. Die Teile von Buff sind entsprechend teuer (wieso habe ich mir eigentlich nicht einfach selbst einen genäht?), aber im hinteren Teil des Ladens gibt es welche mit dem Logo der dänischen Pfadfinder, die kosten nur die Hälfte von einem Buff Loop.

Dazu erwerbe ich noch ein Sitzkissen, denn mein schwedisches, das wir letztes Jahr an der Straße in Skåne gefunden haben, hab ich glorreicherweise zuhause vergessen. Da ich schlecht knien kann, und auch eine anfällige Blase habe, ist so ein Sitzkissen super komfortabel. Das muss gar nichts großes sein, das Neue ist einfach ein 25x35cm grosses Stück Schaumstoff.

Auch in Esbjerg gibt es schöne Wollgeschäfte, und Stoffläden! Ach ach, skandinavische Handarbeitsläden, sie sind so attraktiv. Diesmal geh ich gar nicht erst rein, und das ist auch besser so.

In Esbjerg ist unser ausgesuchter Lagerplatz östlich der Stadt, im “Ost-Wald”. Er heißt “Knudsens Plads”. Da ist eine große Wiese, eine überdachte Aufenthaltsterrasse mit Sitzbänken, eine Feuerstelle mit Bänken drumherum und vier Shelter. Direkt nebenan gibt es eine große Grillhütte, in der eine grössere Gruppe gerade den Abend verbringt, und da gibt es auch Wasser und sanitäre Einrichtungen. Wir stellen fest, dass das Abschließen an beiden Toiletten nicht funktioniert. Die Einheimischen scheinen das Problem aber nicht zu haben. Komisch. Wir probieren und probieren herum, aber es geht einfach nicht und wir geben es dann auch auf.  Später, als die Leute nach Hause gehen, ist der Platz sowieso leer und wir sind ungestört, da können wir auch offen lassen.

Ich sehe eine große Zecke herumkrabbeln, aber ich habe Glück, auf der ganzen Tour fange ich mir keine ein. In Dänemark gibt es sehr wenig FSME, aber Borreliose, und die kann ich ganz gut vermeiden, wenn ich Zecken innerhalb von 12 Stunden finde und entferne.

Es gibt Letscho aus frischen Paprika, Tomaten und Couscous zum Abendessen, und wie relativ immer gehen wir früh schlafen. Faszinierend, wieviel länger es im Norden hell ist, dabei ist noch nicht mal Sommersonnenwende.

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Auf der Bank am Lagerfeuer in Esbjerg habe ich Paprika und Zwiebeln geschnippelt zum Kochen 

 

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Am Lagerplatz in Esbjerg: eine Lagerfeuerrunde (ohne Feuer) und Bänke und dahinter haben wir das Zelt aufgestellt. 

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Der Shelterplatz mit unserem Zelt in der Dämmerung. Wir schlafen nicht in den Hütten, weil wir kein Mückennetz dabei haben. 

Vestkyststien Tag 2: von Højer nach Ribe

Es ist Montag, der 14. Mai. Wir haben heute eine Strecke von ca. 70km vor uns, und die Gangschaltung am Fahrrad meines Lebensgefährten funktioniert nicht, na Prost! Trotzdem ist die Moral ganz gut. Wir packen früh ein und wollen unterwegs frühstücken. Auf dem Weg aus Højer raus sehe ich, dass das ein riesiges Hünengrab ist, und schaue es mir noch an:

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Hünengrab in Højer: ein Steinkreis mit ca. 15m Durchesser, in dem ein grasbewachsener Erdhügel aufgeschüttet ist. Der Eingangsstein ist verschlossen. 

Bei Emmerlev Klev kommen wir dem Meer wieder sehr nahe. Wir fahren zum Strandhotel, das ausgestorben da liegt, und setzen uns auf eine der Bänke am Wanderparkplatz, packen unseren Kocher aus und es gibt Porridge mit Bananen und Schokolade.

Ein Mann mit Gummistiefeln kommt vorbei und wandert am Watt entlang, er wird langsam immer kleiner und kleiner, so flach ist es hier, dass man ihn noch lange sieht.

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Die Bucht von Emmerlev: Hinter einem flachen Deich ist eine feuchte Wiesenlandschaft, die ins Wattenmeer ausläuft (gerade ist das Wasser da und das Watt nicht zu sehen), davor mein Fahrrad. 

Danach geht es nach Hjerpsted und weiter entlang einer Landstrasse, auf der zum Glück wenig Verkehr ist. Aber in Dänemark gibt es einen himmelweiten Unterschied zu Deutschland: Die Leute fahren so viel langsamer. Und sie fahren viel entspannter und rücksichtsvoller. Hier kann ich angstfrei auch mal an einer Landstraße entlangradeln.

In Badsbøl-Ballum geht es dann von der Straße weg und wir stoppen an der Kirche von Vesterende-Ballum, um unsere Wasserflaschen nachzufüllen. Es gibt Vogelhäuschen auf Stelzen, die gestaltet sind wie die Gebäude in der Gegend. Ich habe aber keins fotografiert.

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Flach, flach, flach und grün und Meer. 

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Noch mehr flach, flach und grün und Meer und ein paar Gebäude am Horizont. 

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Im Inneren der Kirche von Vesterende-Ballum sieht es nordisch maritim aus. die Holzbänke sind blau gestrichen, genauso wie die Chorempore, und von der Decke hängt ein kleines Segelschiffs-Modell. 

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weiß gekalkte Gemäuer kann man am Ausgang vom Kirchhof sehen, ein weiß gestrichenes Tor und grüne Hecken geben den Blick auf flache, grüne Wiesen und das Meer frei. Der Himmel ist knallblau. 

Nach der Pause bei der Kirche verläuft der Radweg direkt am dänischen Teil des Nationalparks Wattenmeer. Nur verläuft er an der Innenseite des Deichs, deswegen können wir die ganze Zeit das Meer nicht sehen. Außer, wenn ich auf den Deich klettere.

An den Deichen sind Schafweiden mit vielen, vielen kleinen Lämmchen, die mit hohen Stimmen niedlich blöken. Das bedeutet aber auch, dass der Radweg Dutzende von Zäunen und Gattern kreuzt, und wir oft absteigen müssen, um die Tore zu öffnen und dann wieder zu schließen. Es wird Mittag und immer wärmer.

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Flach, Grün und Meer… nur, dass dieses Foto vom Deich aus aufgenommen wurde. 

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Eines von vielen Gattern, wo wir ein Tor öffnen mussten, um durch zu fahren. Im Hinterland des Deiches sind Teiche mit Schilfwedeln. 

Es wird immer wärmer, beziehungsweise: MIR wird es immer wärmer. Es gibt kaum schattige Stellen, und obwohl ich eine Baseballmütze trage, merke ich langsam, ich bekomme zu viele Sonnenstrahlen ab. Wer hätte gedacht, dass das Wetter SO GUT wird! Der Radweg verlässt den Deich um bei Brøns durchs Dorf zu führen. Dann geht es ein langweiliges, und ebenfalls sehr sonniges Stück an einer geraden Landstrasse entlang. Es herrscht leichter Gegenwind und mein Partner ermüdet, zumal er alles im 4. Gang fährt.

In Rejsby fahren wir endlich von der Landstrasse runter, und kurz nachdem wir das Dorf durchfahren haben, MUSS er an einem Picknicktisch eine Pause machen. Mir ist es dort zu sonnig. Aber er KANN nun mal nicht mehr. Ich hole seufzend das Tarp raus und versuche mir einen Sonnenschutz aufzuspannen, leider ist das nur bedingt von Nutzen.

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Ein Tarp auf einer sonnigen Wiese zwischen Zaunpfählen und dem Fahrrad aufgespannt. Darunter im Schatten sind Fahrradtaschen und was zu essen. 

Ein Sonnenstich ist, wie ich später nachlese, ein Hitzeschaden, und dabei geht es um langwellige Sonnenstrahlung, die vor allem Wärme erzeugt (im Infrarotbereich, wie diese Infrarotlampen). Und unter dem Tarp staut sich die Hitze auch ganz schön. Ich habe noch keinen Sonnenstich, aber ich merke, dass er nicht mehr weit ist. Ich nehme also meine Sachen und beschließe, mich in das unwegsame Gebüsch zu verziehen, das in der Nähe liegt. Es stellt sich heraus, dass in dessen Mitte ein gemütliches kleines Wäldchen ist, und weil Bäume so gut das Licht filtern und kühlen, ist es darin super angenehm!

Keine Ahnung, wieso ich nicht gleich drauf gekommen bin. Der Partner kommt auch noch in das Wäldchen, und wir verbringen eine Stunde im Schatten der niedrigen Bäume und Sträucher mit Lesen und Dösen.

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ein schattiges kleines Buschwäldchen bietet uns einen Platz zum pausieren. 

Dann führt der Radweg wieder runter zum Meer, und es wird wieder heiß. Aber jetzt ist es nur noch ein kurzes Stück bis Vester Vedsted. 7 Kilometer, um genau zu sein. Wir kommen am Traktorenshuttle-Service vorbei, wo man sich auf die kleine Insel Mandø fahren lassen kann. Auch das Wattenmeerzentrum lassen wir links liegen, leider.

Ich hätte es mir gerne angesehen, aber die Fahrradreparatur hat Priorität und deshalb wollen wir ohne Zwischenhalte nach Ribe.

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Am Meer steht ein Fahrrad in der grünen Wiese

In Ribe kommen wir gleich zu den “Cykeleksperten”, die Werkstatt, die das Internet empfiehlt. Sie liegt direkt an unserem Weg. Ich bemerke leichte Schwindelgefühle und weiß nicht genau, ob ich zuviel Sonne hatte oder ob ich was essen muss, aber ich fürchte, es war doch zuviel Sonne. Noch bin ich aber fahrtüchtig.

Bei den Cykeleksperten finden wir einen Mechaniker vor, der alle Hände voll zu tun hat und uns wieder wegschickt. Er könne sich das Rad noch nicht mal anschauen, weil er einfach keine Zeit hat. Für mich ist das völlig demoralisierend. Immerhin empfiehlt er uns eine andere Werkstatt, am anderen Ende von Ribe, im Industriegebiet nördlich der Altstadt. Wir rufen da an, und juhu! Sie sagen, wenn wir gleich vorbeikommen, nehmen sie sich sofort Zeit für uns.

Ribe ist eine wunderschöne alte Stadt, aber wir müssen ja zur Werkstatt und haben keine Zeit. Uns fällt noch ein, dass wir ja gar kein dänisches Geld haben, und heben einen Schwung Kronen von einer dänischen Bank ab. Dann geht es zur Werkstatt. Das Industriegebiet ist fast außerhalb, wie eine zweite Stadt, und als wir da sind, stehen wir vor einer großen Verkaufshalle mit angeschlossener Werkstatt: dem Ribe Cykellager. Wir gehen etwas schüchtern rein, und drinnen gibt es drei Reparaturstände, wo drei Menschen gleichzeitig arbeiten. Ein Mechaniker kommt auf uns zu, und sagt, “Hallo, wir haben telefoniert”. Dann nimmt er das Rad, das er gerade repariert, vom Reparaturstand ab, hängt sofort B’s Rad drauf und schaut sich das Malheur an.

Wie wir vermutet hatten, muss der Schalter am Lenker ersetzt werden, einen neuen Schaltzug bekommt das Fahrrad auch. In 20 Minuten ist alles geschafft, wir sind sehr dankbar und 450 Kronen leichter.

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In der Werkstatt des “Ribe Cykellager”.  Fahrräder stehen überall herum, und ein Rad hängt an einem Reparaturstand. 

Wir fahren um einiges entspannter zum Shelterplatz in Ribe, den wir auch ohne Probleme finden. Ich hatte mir schon vor der Reise alles mit dem Satellitenbild von Google maps angeschaut, sonst wäre es wohl nicht so einfach gewesen. Auf dem Platz ist eine große runde Hütte mit Feuerstelle in der Mitte.

 

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Ich sitze am Shelterplatz im Gras und genieße einen Instant-Matcha-Latte im Schatten. 

Wir haben immer noch genug zu kochen von zuhause dabei, heute gibt es Weißkohl mit Tomaten und Bohnen aus der Dose. Dazu gab es dann noch Couscous. Das ist sehr praktisch, weil es so gut wie keine Kochzeit benötigt. Zumindest die Schnellkochvariante nicht. Ob es langsamer kochende Couscous-Sorten gibt? Mir ist noch nie eine untergekommen.

 

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Als die Sonne abends schwächer wird, baut B. das Zelt auf und richtet schon mal alles ein. 

Da wir jetzt heute schon die Reparatur hinter uns gebracht haben, beschließen wir, den dafür geplanten Extra Tag trotzdem zu verwenden, und morgen in Ribe eine Stadtbesichtigung zu machen, und dann in Esbjerg auch nochmal in der Stadt rumzubummeln. Anstatt zum Oksbøl Fjord zu fahren, werden wir dann einen Shelterplatz in der Nähe von Esbjerg ansteuern. Dadurch werden die nächsten zwei  Etappen etwas kürzer werden (und das wird sich noch als sehr günstig für uns herausstellen).

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Die Hütte in Ribe steht auf einer kreisrunden Waldlichtung. 

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Das Solarpanel bekommt auf dieser Tour viel zu tun, denn soviel Sonne hatten wir noch nie. 

Den Sonnenschutz abzuwaschen stellt echt eine Herausforderung dar. Ich verwende einen physikalischen Sonnenschutz von Alverde, der einen so kalkweiß macht. (Allerdings habe ich später wieder auf Chemie zurückgegriffen). Zum Abwaschen habe ich Lavaerde benutzt, das ist eine Wascherde, die komplett ohne Zusätze auskommt und deswegen kein Problem bei der Verwendung in der Natur ist. Und sie wäscht gut.

Als wir in den Schlafsack kriechen, ist es immer noch hell, das ist schon zu merken, dass wir hier weiter nördlich sind. Ich schlafe ziemlich sofort ein und schlafe auch diese Nacht wieder sehr gut.

 

Nordseeküstenradweg in Dänemark (Vestkyststien) Teil 1

Jetzt ist wieder ein halber Monat vergangen, seit ich von der Radtour zurück bin. Es wird Zeit fürs Bloggen, sonst vergesse ich noch die Hälfte.

In Dänemark Radfahren und zelten ist für mich ein super praktischer Urlaub, weil es gut zu erreichen ist von Berlin aus, weil es ein sehr fahrradfreundliches Land ist und weil es ein sehr wander- und campingfreundliches Land ist. Und hiermit meine ich nicht nur die motorisierte Variante. Es gibt ein gutes Netz von Naturlagerplätzen, die für Wandernde kostenlos nutzbar sind, bei manchen fällt eine kleine Gebühr an. Und die Radwege sind gut ausgebaut und die Menschen sind freundlich und rücksichtsvoll gegenüber Radfahrenden. Wenn man wirklich alles selber auf dem Feuer oder Campingkocher macht, ist Dänemark auch nicht mal teuer.

Die Hinfahrt soll stressfrei sein, ein Intercity Zug, der ohne Umsteigen nach Niebüll in Nordfriesland durch fährt. Von da aus wollen wir die 30km nach Højer fahren, wo die Tour dann “so richtig” startet. Alles klappt auch ganz gut, ein freundlicher Schaffner zeigt uns unsere Fahrradplätze und hängt die Räder sogar noch in die Halterungen. Die sind so beschaffen, dass das gar nicht so einfach geht, also bin ich ihm schon sehr dankbar. Wir bekommen auch feine Sitzplätze. Und ich bekomme unterwegs Angst, als der Zug auf offener Strecke stehen bleibt und eine Durchsage “technische Probleme” erwähnt. Letztes Jahr mussten wir unsere Tour früher beginnen, weil der Zug komplett kaputt ging. Diesmal haben wir Glück: Sie starten das Computersystem neu (und machen das fortan alle 20 Minuten) und dann fährt der Zug wieder ein Stück weiter. Im nächsten großen Bahnhof hängen sie einen Diesellok davor und wir kommen später als geplant, aber immerhin, in Niebüll an.

Dort plagen wir uns über unausgeschilderte Umleitungen bzw. durch totalgesperrte, sich im Bau befindende Straßen, aber finden dann doch noch auf die Route. Es ist sonnig und heiß, und etwas windig. Wie flach das Land hier ist! Es ist eben wie eine Tischplatte. Der Duft von blühenden Rapsfeldern steigt uns in die Nase und ich kleistere mich brav mit Sonnenschutz ein.

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Unsere bepackten Räder und mein Tourmitfahrer vor dem Bahnhof in Niebüll. Das Wetter ist klasse, und da ist auch schon das Schild, das uns den Weg nach Højer weist.

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Endlich auf dem platten Land! Eine schmale, asphaltierte Strasse führt durch grüne Wiesen, und vorbei an blühenden Hecken. weiter hinten steht ein Fachwerkhaus.

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Es ist wirklich, wirklich flach. Eine Wiese, ein Ortsschild, ein paar Bäume und grüne Wiesen und ein gelbes Rapsfeld liegen vor uns.

Wir fahren ein Stück über Landstrassen, auf denen zum Glück wenig Autoverkehr ist. Denn Autoverkehr in Deutschland bedeutet oft (und das bekommen wir gelegentlich zu spüren) dass jedes 3. Auto wie ein Bolide an dir vorbeiböllert, als wollten die Insassen ein vorzeites Ableben riskieren und dabei noch jemanden mitnehmen. Es ist schon erstaunlich, wieviel Lärm ein Auto bei höheren Geschwindigkeiten erzeugen kann. Da läuft dein ganzes Leben vor dir ab, wenn du sie von hinten heranschießen hörst.

Links von uns sehen wir dann den Nordseedeich, und der Weg kommt ihm immer näher. Dann liegt auch schon die Grenze zu Dänemark vor uns, und wir gönnen uns im alten Zollhaus, das heute ein Cafe ist, große Tassen mit Kaffee und hausgemachte Kuchen. Die sind wirklich gut. Einkehren ist etwas, das in Dänemark unerschwinglich ist, deswegen hauen wir hier noch mal rein.

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In diesem Cafe im früheren Grenzkrug/der Zollstation gibt es mit weißen Tischtüchern bedeckte, gemütliche Tische und eine Bücherwand bis zur Decke hoch. Darauf steht ein Schild “offener Bücherschrank”.

Dann geht es über die Grenze. Früher lag hier ein Bauernhof, der bei der Ziehung dieser Grenze so ungünstig weg kam, dass der Bauer jeden Tag die Grenze übertreten musste, um aus dem Hof zu den Feldern zu kommen. Der war darüber nicht erfreut und ließ öfter mal den Schlagbaum offen stehen. Auf den Wiesen zwischen dem Deich und dem Meer tummeln sich unglaublich viele Schafe und Zugvögel.

 

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Der Deich und dahinter eine grüne Wiesenlandschaft, wo Schafe mit kleinen Lämmchen rumlaufen. Im Hintergrund sind noch Windräder und Büsche.

 

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Ein Asphaltweg führt über den Deich, vorbei an einem großen Bauernhof und vielen Weiden.

Kurz nach Überqueren der dänischen Grenze höre ich vor mir ein Fluchen, und es stellt sich heraus, dass die Gangschaltung meines Reisegefährten sich verabschiedet. Erst schaltet sie nur noch mit viel Glück, dann bleibt sie im 4. Gang stecken. (Immerhin der mittlere Gang). Nun fährt er Single-Speed.

Ich ärgere mich, weil wir die Räder vor der Tour immer zur Inspektion bringen. Trotzdem geht bei ihm jedes Jahr etwas grösseres kaputt, und jedes Mal gleich am ersten Tag. hmpf. Bei mir ist, seit ich die Werkstatt des Vertrauens gefunden habe, auf Tour nie mehr was kaputt gegangen. Gut, da ist natürlich auch Glück dabei, aber in dem Fall ist es einfach auch Vernachlässigung.

Der Wind wird immer stärker, je weiter der Nachmittag fortschreitet. Als wir die Vidå überqueren, bläst mich der Wind fast von der Brücke. Ich habe natürlich meinen Loopschal, den ich mir sonst über die Ohren gezogen hätte, zwar gesucht, aber nicht gefunden, sonst hätte ich ihn eingepackt.

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Der Fluß Vidå bei Højer wird vom Wind gepeitscht.

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Bei der alten Windmühle in Højer finden wir Trinkwasser, denn an unserem heutigen Lagerplatz gibt es keins. Die Mühle ist weiß gekalkt und hat hübsche Fenster mit ganz vielen winzigen Unterteilungen.

In Højer steuern wir erst mal die Kirche an, um Trinkwasser für die Übernachtung zu tanken. Am Lagerplatz gibt es nämlich keins. Doch die Kirchentoiletten sind gerade in Renovierung. Der nächste Versuch: die alte Windmühle von Højer. Die hat geschlossen, aber zwei ältere Damen sehen, wie wir suchend herumlaufen und fragen nach, ob sie helfen können. Wasser? Na klar. Hinten am Nebengebäude gibt es einen Wasserhahn, den zeigen sie uns und wir füllen unseren Wassersack auf.

Den Platz finden wir ohne Probleme, die Ladies beschreiben uns auch nochmal, wie wir am besten hin kommen. Es ist ein richtig schönes Shelterplätzchen am Rande eines großen Pfadfinderlagerplatzes. Der ist aber gerade leer.

Dann zur Diagnose der Gangschaltung: Wir schrauben den Gripshift Schalter am Lenker auf, wo wir schnell sehen, dass darin alles mehr oder weniger Matsch ist. Plastikteile sind verbogen, zernudelt oder verdreht,  und alles sitzt am falschen Platz, es ist auch gar nicht reparierbar.

B. schwört, dass er zur Not die ganze Tour im 4. Gang fährt. Aber weil das nicht so prickelnd ist, suchen wir Werkstätten. Die nächste ernstzunehmende Werkstatt, die auf unserem Weg liegt, ist in Ribe, 70km von hier. Falls es dort nicht klappt, müssen wir in Esbjerg unser Glück versuchen, die größte Stadt in der Gegend, wo es viele Werkstätten gibt.

statt im Shelter zu schlafen wird gezeltet, wegen der Mücken. Als das Zelt steht, machen wir noch einen Spaziergang durch die Wiesen. Dann machen wir ein Lagerfeuer am Shelterplatz und es gibt ein leckeres Abendessen, Nudeln mit Zucchini und Tomatensauce. Ich habe mir aus Spaß eine nur 6cm hohe Parmesanreibe gekauft, und sie funktioniert wirklich. Juhu, Parmesan auf Reisen!

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Abendessen vom Lagerfeuer: Pasta mit Gemüse und Tomatensauce.

Morgen brauchen wir dänisches Geld, mal schauen, ob wir es in Ribe umtauschen können.

Ich schlafe schon in der ersten Nacht wunderbar, was ungewöhnlich ist, weil früher musste ich mich immer ans Zelten 2 Tage gewöhnen. Aber hey, ich will darüber sicher nicht meckern!

 

 

Radtour. Sommer im April

Letztes Jahr hatte ich es Ende März und Anfang April geschafft, meine ersten Touren mit draußen schlafen zu machen, dieses Jahr war einfach viel zu tun, und deshalb habe ich bis zum vergangenen Wochenende (21./22.4.) warten müssen. Dafür war das beste Sommerwetter überhaupt! Ich verbrauchte viel Sonnencreme und holte mir am 2. Tag fast noch einen leichten Sonnenstich trotz Kopfbedeckung.

Wie fast immer auf meiner ersten Tour mit Übernachung: Ich vergesse Dinge. Diesmal vergaß ich einen Eßlöffel und ein langärmliges Shirt. Den Löffel bekam ich unterwegs geschenkt, das Shirt habe ich schändlich bei einem Billigbekleidungsriesen erworben. Sogar mit Kapuze.

An der S-Bahnstation nahm der Ticketautomat keine Kartenzahlung an, und was ich nicht wusste: Er nahm Geldscheine nur dann an, wenn man den ganzen Vorgang abbricht und alle Details von vorne eintippt. Also wohin die Reise geht, an welchem Tag, und welche Karte man möchte, und das jeweils einzeln für mich und das Fahrrad. Deswegen tippte ich das alles zwei mal an einem Automaten ein, und dann noch zweimal an dem Nachbarautomaten, der auch die Karte nicht akzeptierte. Somit war ich schon mal spät dran für den Zug und konnte von Glück reden, dass ich ihn gerade noch erreicht habe.

Startpunkt war Fürstenberg/Havel. Es ging in die Nähe von Wittstock/Dosse, zu einem befreundeten Landprojekt. Wen die Route interessiert, hier ist sie zu finden, auf outdooractive.  Allerdings führt diese Route nach Lärz aus Datenschutzgründen, ich bin die letzten km anders gefahren. ;)

Irgendwie versäumte ich, zu frühstücken, aber habe das gleich hinter Fürstenberg an diesem netten Rastplatz nachgeholt:

Eine Sitzbank mit Dächlein an einem kleinen Rastplatz auf einem Hügel über Fürstenberg, im Hintergrund bestellt jemand sein Feld. Seitlich steht noch eine Tafel mit Informationen über das Ruppiner Seenland.

Kann ich mal sagen, dass ich die kleine neue Kamera mag? Es ist eine Sony RX-100. Die sind ja super teuer, deshalb habe ich das erste Modell genommen, das von 2012. Es ist inzwischen im Preis gesunken, kann aber viele Dinge nicht, die die “neuen” können. Aber sie kann Bilder. Und darauf kommt es an!

kleine Waldstrasse hinter Fürstenberg. blühende Sträucher und sonniges Wetter, so soll es sein!

Die Blümchen sind auch schon da. Buschwindröschen sind das, glaube ich.

Bis nach Rheinsberg bin ich dann ohne weitere Pausen durchgefahren, überwiegend auf Waldwegen. Bis nach Menz waren das schöne, asphaltierte Wege, manchmal an der Straße entlang. Manchmal flitzte ich zwischen blühenden Sträuchern nur so dahin. Danach wurde der Weg leider durch viele Baumwurzelaufbrüche sehr holprig, und ich ärgerte mich und fuhr langsam. Sehr langsam. Langsam die Hügel hoch, und langsam die Hügel runter. Eiszeit und Baumwurzeln formten dieses Stück Weg! Später wird es hier bestimmt viele Blaubeeren geben. Sie sind gerade am blühen.

ein sonniger Kiefernwald, auf dessen Boden viele Blaubeersträucher wachsen. Gerade blühen sie und duften nach den späteren Früchten.

Noch mehr Blaubeerblüten aus der Nähe

Durch Rheinsberg selbst bin ich schon öfter durchgefahren, da habe ich nichts spektakuläres gemacht. Ich wollte auch eher in der Natur abhängen, als mir städtische Sehenswürdigkeiten anzusehen. Ich war kurz beim Aldi, wo mir einfiel, dass ich das Öl zum kochen vergessen hatte. Und Öle gab es nur in riesigen Flaschen, viel zu viel für meine zweitägige Tour. Aber ganz ohne wollte ich dann auch nicht.. Gemüse nur kochen, nicht anbraten ist mir zu unaromatisch. Schließlich entschied ich mich für die Aldi-Hausmarke “Pflanzencreme”, was noch den Vorteil hat, dass sie sich außer zum Kochen auch als Brotaufstrich-Grundlage eignet! Dann gab es noch Schokolade und Bananen fürs Frühstück morgen, und ne Tube Tomatenmark. Sowas kann ja nie schaden.

Als ich schon wieder weiterfuhr, fiel mir auf, dass ich noch mehr Wasser hätte brauchen können, bei der Hitze waren meine zwei Trinkflaschen (1,75 Liter) schon bald leer. Ich hielt bei der Touristen-Information an, aber deren Toiletten waren mit Münzeinwurf, und das sah ich dann doch nicht ein. Weiter ging es am Schloß vorbei und wieder in den Wald rein. Bei Linow setzte ich mich an den See und war schon wieder hungrig. Also Mittagspicknick! Ich hatte für die ca. 25km nach Rheinsberg gute 3 Stunden gebraucht, da war mir etwas bange, ob ich bei diesem Schneckentempo eine Chance habe, morgen über 100km zu fahren. Eigentlich nein. Aber wir werden sehen, dachte ich.

Pause an einem kleinen See bei Linow.

Im Flecken Zechlin, das ein echt malerisches Dorf ist, gab es eine kleine Touristen-Info, und ein kleines Bad nebendran, wo ich meine Wasserflaschen nachfüllen und mein Tattoo waschen und eincremen konnte. Dann kam die sonnenschützende Tattoo-Stulpe wieder drauf (abgeschnittener Shirt-Ärmel) und es ging weiter durch wunderschöne Laubwälder.

Frühlingswald ist so schön, wenn es sonnig ist: Alles ist noch so hell, weil das Blätterdach noch nicht geschlossen ist. Aber es ist schon so grün!

Ein sonnendurchfluteter Laubwald mit jungen grünen Blättern und einem Weg, der sich durchschlängelt.

Dafür, dass die Strecke an so vielen Seen vorbeiführt, bekam ich kaum welche zu Gesicht. Dass manchmal mitten auf einem Feldweg ein Hinweisschild “Badestrand” herumstand, wies darauf hin. Vor ein paar Jahren bin ich mal von Fürstenberg nach Wittstock “obenrum” gefahren, und würde das auch eher empfehlen. Wegen besserer Wege und schönerer Gegend und mehr Seen sehen!

 

Um 17 Uhr ungefähr kam ich an, und hatte so noch den Spätnachmittag und Abend Zeit, auszuspannen. Ich besuchte ein Landprojekt, wo ein Kollege mitmacht. Ich hätte im Haus schlafen können, aber im Bett liegen kann ich in der Stadt auch. Deshalb bestand ich darauf, zu zelten. Das kleine Zelt baute ich aber erst in der Abenddämmerung auf, das ist so eine Angewohnheit, nach den letzten 3 Jahren Radtouren.

Dann noch ein wenig am Lagerfeuer sitzen, den Sternenhimmel bewundern, und sich dann ins Zelt zurückziehen. Ich hatte eine ruhige Ecke gesucht, auf einer Wiese neben der Schafsweide, und dank warmem Schlafsack wurde mir nachts auch nicht kalt. Das Einzige, was nervte: Die Thermarest-Matte (eine selbstaufblasende Luftmatratze, die ganz alten noch) war nicht so bequem wie die Luftmatratze, die ich im Sommer nutze, und beim auf-der-Seite-Liegen bekam ich ganz schön Schmerzen an den seitlichen Pomuskeln.. oder Oberschenkel, so ein Zwischending. Auf dem Rücken liegen geht gar nicht, da krieg ich Rückenschmerzen, haha.. Ist die Thermarest-Zeit vorbei? Muss ich jetzt diese neuen High-tech-Luftmatratzen nutzen, um noch zelten gehen zu können? Oder ist es Gewöhnungssache? Trotz allem, und trotz der Tatsache, dass das aufblasbare Kissen ein Riesenleck schlug und unbrauchbar wurde, habe ich insgesamt ganz gut geschlafen. Meine Strickjacke, in einen Packbeutel getan, ist genauso gut als Kissen. Wieder einen Ausrüstungsgegenstand eingespart!

Stay tuned für Teil 2.

Meine 1. Critical Mass und der alltägliche Motorismus

CN für den Artikel: Gewalt, Tod, Victim Blaming, Übergriffe..

Critical Mass Vancouver 2007-06
Critical Mass Vancouver, Foto CC-BY-2.0 by Tavis Ford

Critical Mass (Linkliste, englisch) (wikia, deutsch) ist eine Aktionsform, wo sich Radfahrende die Strasse für eine kurze Zeit erobern. Von einigen Leuten habe ich gehört: Hä, was ist daran cool oder politisch?

Daran ist cool und politisch, dass es wenigstens für kurze Zeit aufbegehrt gegen den ständigen Motorismus. (Dieses Wort habe ich mir für den Artikel hier überlegt, um einen Begriff für den Zustand zu haben, damit ich nicht jedes Mal eine lange Erklärung schreiben muss). Motorismus ist (für diesen Text jetzt mal) die Machtverteilung auf der Strasse, der Zustand, dass die Strassen zuerst dem Fortkommen von Autos und grösseren Kalibern dienen, und dass alle anderen, die die Strassen benutzen, Benutzer_innen zweiter Klasse sind. Wer zu Fuss unterwegs ist, bekommt das zwar auch zu spüren, aber so richtig zu spüren bekomme ich es, wenn ich als Radfahrerin auf der Strasse mit Motorisierten unterwegs bin.

Krakow Critical Mass, June 2009
Critical Mass Krakow, photo by bartek, CC BY-NC 2.0

Übergriffe, Respektlosigkeit und gedankenlose Gefährdung

Radwege und Radstreifen werden nicht respektiert. Darauf wird oft geparkt (auch von der Polizei) oder sie als zusätzliche Fahrspur zum rechts abbiegen genutzt. Wenn du gezwungenermassen das Hindernis umfährst, wirst du oft von Motorisierten angehupt, genötigt und gefährdet.
Überhaupt werde ich als Radfahrerin oft genötigt und bewusst eng überholt, um mir klar zu machen, dass ich “weg soll von der Strasse”, dass ich störe, im Weg bin, dass ihr schnelleres Fortkommen wichtiger ist als meine körperliche Unversehrtheit, meine Sicherheit und letztendlich auch mein Leben.
Wenn es doch mal knallt, habe ich oft erlebt, dass Motorisierte sich mehr um Kratzer im Lack kümmern als um Verletzte oder um Menschen, die einen Schock haben. Fahrer_innenflucht wird von manchen nicht mal als solche wahrgenommen, wenn niemand blutet oder bewusstlos ist, ist “ja nichts passiert”.
Ich bin auch zweimal als Radfahrerin körperlich angegriffen worden, um es mir “zu zeigen”, beide Male hatte ich großes Glück. Die Täter waren beide Male Betrunkene, deren Reaktionsfähigkeit zu sehr herabgesetzt war, so dass ich entkommen konnte. Der eine Angriff war eindeutig gegen mich als Radfahrende gerichtet, wegen dem Radfahren, weil die Art und Weise, wie und wo ich fuhr, denjenigen nicht gepasst hat. (Obwohl es sie in keiner Weise beeinträchtigt oder berührt hat) Das andere Mal weiß ich es nicht, aber es kann sein.
Insgesamt erlebe ich Street Harrassment sehr massiv – aufgrund des Radfahrens.

Ein richtiger Knaller war ein Erlebnis in einer Winternacht. Der Radweg war vereist, verschneit, saugefährlich und unbenutzbar. ich fuhr auf der dreispurigen Prenzlauer Allee in Berlin auf der rechten Spur, die geräumt, enteist und sicher war. Ein Autofahrer, der ganz alleine nachts um drei die Strasse ebenfalls benutzte, fuhr an mir vorbei und öffnete ein Fenster, um mich wütend anzuschreien, dass ich gefälligst den Radweg benutzen soll. Dieses Erlebnis war für mich echt nicht schön, weil der Kerl zwei völlig leere Spuren für sich allein hatte und sich kein bischen in mich hineingedacht hatte, was es für mich heisst, über Eiswege zu schliddern. Nein, die Strasse mit mir zu teilen, das ist eine Zumutung für ihn gewesen. Immerhin hat er mich nicht physisch angegriffen. Aber da fühle ich mich immer so ungerecht behandelt und so mißachtet, und werde frustriert und wütend. Und diese Leute fühlen sich im Recht. Und glauben, ich wäre diejenige, die sie ins Unrecht setzt. Nicht zu fassen, aber das kommt öfter vor.

(Hier ist übrigens eine gute Gelegenheit, zum Vergleich die Nichtbeachtung durch Leute zu Fuß anzusprechen. Ich erlebe es sehr oft, das Leute auf Radwegen herumlatschen, oder vor Radelnden einfach über die Strasse gehen, oder sonst halt so tun, als wären Fahrradfahrende Luft. Das mag ja ein wenig nerven. Aber es gefährdet mich nicht. Das Schlimmste, was mir passiert, ist, dass ich halt 5 Minuten später am Ziel bin. Hier kann ich selber sehen, wie es ist, wenn du als “Stärkere” auf der Straße von “Schwächeren” ausgebremst wirst. Das ist absolut kein Grund, die Schwächeren zu gefährden oder ihnen gegenüber aggressiv zu werden.)

Critical Mass - stop and go
Critical Mass in Berlin-Kreuzberg, Foto: Alper Çuğun, CC-BY-2.0

Das Nicht-darüber-reden-können

Und wenn ich mit Menschen, die nicht selber viel Rad fahren, darüber spreche, werden mir die Regelverstösse von Radelnden vorgehalten. (Victim Blaming wie es im Buch steht). Als ob ein Regelverstoss so schwer wiegt wie die Gefährdung von Menschenleben. Und apropos Regelverstoss: Ich nutze meist Radwege, Radstreifen und Fahrradstrassen. Ich habe viel mehr Berührung mit anderen Radfahrenden als Motorisierte. Und ja, sie nerven mich manchmal, fahren ohne Handzeichen, oder sind ungeübt. Aber ich hatte wegen ihnen noch nie Todesangst. Ich werde von ihnen nicht genötigt oder aggressiv behandelt. Ich fahre vorausschauend, und wenn dann eine Person doch mal unvorhergesehen und ohne Handzeichen abbiegt, bremse ich und fahre eben seufzend und kopfschüttelnd weiter. Aber wirklich: so schlimm ist das auch wieder nicht.
Wenn für die ganzen Gefahren und Angriffe uns Radelnden nicht die Schuld gegeben wird, gibts ganz oft Victim-Blaming “light”: Aber Radfahrende sind so unsichtbar! (Sind sie witzigerweise für mich nicht, ich kann sie sehen). “Sie tragen keinen Helm!” (Fast wie: Der Rock war zu kurz). “Auf einer so und so gebauten Strasse komme ich an Radfahrer_innen nicht vorbei, wenn ich sie nicht eng überholen kann” (Und? An einem anderen Auto erst recht nicht?) “Radfahrende nerven mich” (Ja, und wieder: nerven ist was anderes als Todesangst. Komm damit klar. Mich nervt der Gestank und das Platzwegnehmen von Autos auch extrem).

Dann kommen noch die Debatten unter Radfahrenden dazu, wie es “richtig gemacht wird”, also – wie ich richtig fahre, dass ich möglichst nicht umgekachelt werde, was ich anziehen soll, oder wie ich fahren soll, damit wir endlich zu unserem Recht kommen und respektiert werden. Manchmal verlieren andere Radelnde auch aus den Augen, dass nicht Alle von uns den Mut oder die Kraft haben, sich jeden Tag den Platz auf der Strasse zu erobern, Motorisierte zum korrekten Verhalten zu “erziehen” und sich ständig dafür noch anhupen und anschreien zu lassen. Auch wenn ihr was anderes richtiger findet: Wir müssen alle mit der Situation und dem täglichen Motorismus klar kommen, und es ist okay, sich z.B. für die Nutzung strassenferner Radwege zu entscheiden.

Critical Mass London 5/09
CM London 2009 – Foto: Nico, CC-BY-NC-2.0

Von der Obrigkeit: Ignoranz und beschissene Behandlung

Dazu kommt die Verwaltung und die strukturelle Lenkung des Radverkehrs. Wenn ich für jedes Schild “Radfahrer absteigen” 5 Euro hätte! Wenn Baustellen sind, werden Radstreifen einfach überbaut, oft ohne Lösungsmöglichkeit, wohin. Oder es werden Situationen so gebaut oder konstruiert, dass ich nur unter großer Selbstgefährdung weiterfahren kann, Radwege werden plötzlich auf stark befahrende Schnellstrassen “geschubst”, ohne dass für die Motorisierten Zeichen oder Warnungen aufgebaut werden. Du musst sehen, wo du bleibst. Oder ganz oft werden Radfahrende einfach auf Gehwege umgeleitet, im Extremfall auf sehr stark benutzte Gehwege. Soll ich einfach in die Leute reinbrettern? Wo soll ich denn hin? Ich soll einfach verschwinden. Auf der Strasse ist für mich von der Stadt kein Platz vorgesehen. Und ich möchte keine zu Fuß gehenden Menschen belästigen, die haben auch zu wenig Platz in der Stadt. Was soll das.
Radwege und Radstreifen werden oft nicht mitgeräumt im Winter, wenn Radrouten unterbrochen werden, gibt es keine Umleitungsschilder (das ändert sich gerade punktuell) und es gibt zu wenig öffentliche Aufklärungskampagnen, die die motorisierte Bevölkerung informieren, was für Regeln sie gegenüber Radfahrenden einhalten müssen. Auch zu wenig Kampagnen gegen Fahrer_innenflucht oder für mehr Bewusstsein für die Wucht, die ein Auto nun mal entwickelt, und dass damit verantwortungsvoller umgegangen werden muss. Oder Kampagnen, die bewusst machen, wofür das Hupen eigentlich gedacht ist.
In Zeitungen wird manchmal radfahrfeindlich berichtet: Die Eltern eines totgefahrenen jungen Mannes hingen einen Zeitungsartikel an die Laterne bei seinem Unfallort aus, auf dem stand “der Radfahrer fuhr ohne Licht”. Mit einem dicken Marker hatten die Eltern dazu geschrieben: “Es war um diese Zeit noch nicht dunkel!!” Oft dreht sich der Diskurs in den Medien, wenn es um Fahrradunfälle geht, darum, Radfahrende zu mehr Vorsicht zu erziehen. Helmpflicht und so. (Nix gegen Helmpflicht, aber der Diskurs ist halt sehr einseitig). Als weiteres Beispiel hat der ADFC davon geschrieben, dass rücksichtsloses Verhalten gegenüber Radfahrenden statistisch die meisten Unfälle verursacht, während Staatsorgane (Verkehrsminister, z.B.) Radfahrende als Problem darstellen, sie z.B. “verrohte Kampfradler” nennen oder – wieder mal – lediglich über Helmpflicht diskutieren.

Das Auto als kulturelles Symbol

Das hier zu beschreiben, würde völlig die Grenzen sprengen. Aber es ginge hier einfach noch weiter, mit dem Stellenwert, den “das Auto” in der Gesellschaft hat, wie das “den Führerschein machen” zum “normalen Lebensweg” in diesem Land dazugehört, wie Autos Statussymbole sind und benutzt werden, um Menschen einzuschüchtern, zu beeindrucken, Gewalt gegen andere Menschen auszuüben, wie die Gesellschaft tausende von Unfalltoten jährlich schlicht als Normalität hinnimmt und damit lebt, und was das eigentlich alles über uns und Autos aussagt.
Hier müsste auch geredet werden über die verinnerlichte Höherwertung von Autos, egal, ob wir selber (gerade) Auto fahren oder nicht. Und auch über die Konnotation von Radfahren als “Kindersache” (also, bevor mensch alt genug für den Führerschein ist), als “Hobby” oder als “kein richtiges fahren”. Letzteres zeigt sich sowohl darin, dass Radwege nicht wie Strassen behandelt werden, und darin, dass z.B. Betrunkene das Auto zwar stehen lassen, aber Radfahren tun sie dann sehr wohl noch.

Critical Mass Gent-juni 2015-24
Critical Mass – Gent (Belgien) 2015, Foto: Frank Furter, CC-BY-NC-ND-2.0

Es ist ja nicht alles schlecht

Ja, sicher, es gibt auch soviel Gutes. Die meisten Motorisierten fahren rücksichtsvoll. Ich kann auch mit einigen Menschen über das Radfahren reden, ohne dass sie mit Victim Blaming und Bagatellisierungen ankommen. Und zunehmend kriegt die Stadt es auch hin, grade bei neu konzipierten Strassen, Radfahrende besser einzuplanen und es für Alle sicherer zu machen. Leider seh ich keine Veränderung/Hoffnungen bei der Behandlung des Radfahrens durch Medien, und auch das Auto als Status- und sonstiges Symbol hat einfach diesen Stellenwert. Der nicht so leicht ins Wanken gerät.

Aber obwohl die Mehrheit sich okay verhält: Die paar, die es nicht tun, und das mangelnde Bewußtsein für diese Situation, und die wahrnehmbare öffentliche Ignoranz und das Wegsehen sind noch stark genug, um manchmal ganz schön genervt und gefrustet zu sein, vor allem, wenn du dir selber durch jahrelange Erfahrungen und Beschäftigung mit dem Thema ein Bewußtsein dafür geschaffen hast.
In diesem Aufruf der Kampfradler_innen ist eigentlich das meiste, was ich geschrieben habe, schon mal super gesagt worden. Und da schließe ich mich klar der Forderung an, dass schwächere im Verkehr berücksichtigt werden müssen. Das heisst für Radfahrende: Alle, die zu Fuß, mit dem Rollstuhl, Kinderwägen etc. unterwegs sind. Für Platz-da-Verhalten gegenüber Fußgänger_innen hab ich kein Verständnis!

Ein paar Worte zu den “bööösen Radler_innen”

Wie schon anklang: Auch Radler_innen sind manchmal nervig und manche sind leider gegen Schwächere rücksichtslos.
Da entsteht bei mir Scham und Ärger, aber auch der Gedanke, dass es “DIE Radfahrer_innen” eigentlich nicht gibt, und trotzdem das Verhalten jedes Arschlochs auf zwei Rädern auf ALLE von uns zurückfällt.
Radfahrer_innen können die oben genannten Besoffenen sein, die das Auto stehen lassen, aber denken, mit dem Rad wärs ja kein Problem, herumzufahren. Es können rücksichtslose Autofahrer_innen sein, die den Führerschein verloren haben und nun Rad fahren müssen, die Rücksichtslosigkeit ist dann ja nicht einfach weg. Statt Unmotorisierte terrorisieren sie dann halt die noch weniger “berittenen” Leute. Es können auch einfach Ungeübte sein, leider gibt es gesellschaftlich als Folge der “Minderwertigkeit” des Radfahrens auch keine Ansprüche und die Auffassung, du setzt dich aufs Rad und machst halt irgendwie los. Und das tun Leute dann eben auch.

Ich fuhr einmal früh morgens im Berufsverkehr Rad. Zu dieser Zeit sind die Betrunkenen, Touris und Unerfahrenen einfach nicht auf der Strasse. Was ich erlebte, war: Viele Leute nutzen das Rad. Die allermeisten tragen Helme. Sie fahren zügig, umsichtig und geben Zeichen. Es ist für mich eine richtige Freude, mit ihnen unterwegs zu sein.

Fahrradfahren ernst nehmen und zu respektieren bedeutet für mich auch, es als etwas zu behandeln, was du lernen musst, und was mit Wissen und Regeln und Rücksichtnahme verbunden sein muss. Und eben nicht als sinnloses Freizeitvergnügen, wo alle machen, was sie wollen.

Es muss aber auch gesehen werden, dass auch geübte und rücksichtsvolle Radfahrende die Regeln oft brechen müssen, wenn sie überhaupt auf der Strasse existieren wollen. Eben weil die Stadt/die Verwaltung sie schlicht “wegdenkt” oder in unmögliche Richtungen umlenkt, oder einfach ein “Radfahrer absteigen” Schild hinnagelt. Manchmal finde ich es sicherer für mich und Fußgänger_innen, über bestimmte rote Ampeln zu fahren, aber das darf ich ja nicht offen sagen, und tun schon gar nicht.

Critical Mass September 2011 16
CM Magdeburg (Sachsen-Anhalt), Foto: Zeitfixierer, CC-BY-SA 2.0

Also: Critical Mass

Also, dann mal endlich zur Critical Mass.
Ich war auf meiner ersten Critical Mass!
Juhu!
Es war kalt, es war dunkel, es war November, aber geil!
Um 20:00 Uhr trafen sich alle auf dem Mariannenplatz in Berlin Kreuzberg, und irgendwann fuhren die ersten los und die ganze Sache kam in Bewegung. Ich hatte ausser auf ADFC Sternfahrten, nie an Raddemos oder Aktionen teilgenommen. Die CM ist, im Unterschied zu Demos, keine angemeldete Veranstaltung und es gibt auch keine Ordner_innen oder Veranstalter_innen, es ist ein Flashmob.
Das “Rowdy-Radel-Narrativ” steckt in mir selber ja auch etwas drin, so dass ich soooo begeistert war, als ich erlebte, wie glatt und gut es funktionierte, in einer Gruppe mit mehreren hundert Leuten radzufahren. Wir waren ja nicht nur langsam. Alle um mich herum fuhren so umsichtig und einfach sehr, sehr schön. Es war das Gefühl, dahinzufliegen (bei guter Musik). Die Strasse war unser.
An Kreuzungen fanden sich immer welche, die sich vor die Autos als Schutzspalier aufbauten, damit keiner einfach in die Gruppe reinbrettern kann.
Wir waren auch eine richtig schöne Lightshow. Viele hatten ihre Räder geschmückt und sich verkleidet, tolle Eigenbau-Räder waren da…

Was ich schade finde, ist, dass die Critical Mass und die Radfahrbewegung sehr weiß und sehr männlich ist, einfach von den Mehrheitsverhältnissen her. Während ich auf der Strasse täglich erlebe, dass Räder mehrheitlich von weniger Privilegierten benutzt werden: PoC, Frauen, Kinder.
Wenn ich überlege, warum das so ist, denke ich, dass Radfahren als “Lifestyle” statt als Notwendigkeit eher ein weiße-Männer-Ding ist. Die nicht so privilegierten Radler_innen haben vielleicht auch viel weniger Zeit, um aus dem Radfahren politischen Aktivismus zu machen. Die Fahrradfreakszene schreckt Leute mit billigen, alten Rädern oder mit dem City-Bike vom Aldi ab, und beim Fahrradschrauben triffst du oft auf sexistische Klischees. Und dann ist natürlich die alltägliche Dominanz weißer Menschen, die von Männern, die von Wohlhabenden und Kinderlosen auch in der Fahrradbewegung sichtbar und spürbar.

Ich möchte eigentlich nicht zwischen Feminismus und Fahrradbewegung wählen, wenn ich auf eine CM gehe. Ich möchte nicht meinen feministischen oder rassismuskritischen Blick abschalten, wenn ich auf der CM bin. Es tut aber auch weh, dass in den feministischen Kreisen in sozialen Netzwerken die Situation von Radfahrer_innen so wenig ein Thema ist. Dass mir in feministischen Kreisen das selbe Victim Blaming, die selbe Bagatellisierung und das selbe Wegsehen wie sonst auch entgegenkommt.

Das ist doch krass, oder?

Von den Mehrheitsverhältnissen abgesehen habe ich die CM aber nicht sexistisch oder anderweitig scheisse erlebt. Für die Dauer der Aktion oder wenigstens die 10km, die ich mitfuhr, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Ich habe sie so erlebt, dass diese gegenseitige Rücksichtnahme, das gegenseitige Empowerment und die Freude, dass wir uns durch unser Viele-Sein diese Fahrt ermöglichen, sehr überwiegt.
Ich fühlte mich so gut und frei auf der Strasse. Nicht machtlos, herumgeschubst und beschimpft.

Das war sicher nicht meine letzte CM!

critical mass
CM Berlin Juni 2015, Foto: gitti la mar, CC-BY-NC-ND-2.0