Mein heutiger Stand zu Spiritualität, Magie und Esoterik

Im Missy Magazin gabs neulich einen Artikel über Spiritualität, den ich erst nicht lesen wollte, aber weil ich mich für Spiritualität erwärme und das in linken Kreisen oft nicht so gern gesehen wird, hab ich den Artikel dann doch gelesen. Er heißt “Mein Horoskop ist wichtiger als Deutschland” und ich fand ihn wirklich schlecht. Deswegen verlinke ich ihn auch nicht, googlen könnt ihr ja selbst.

Stichpunktartig, was ich schlecht fand: Es war einfach super inkonsistent, er ging nicht auf Kritik an Religiosität ein und würfelte dann Gegenargumente zusammen, die gegen was ganz anderes waren, begründete mit den Beispielen, die darin standen, nicht, wieso Spiritualität nun so was subversives sein soll, und stellte fest, dass a) nicht nur wohlhabende weiße Mittelschichts “Bonzen” sich mit Eso-Kram befassen und b) man das ja zum Spaß macht und sowieso nicht wirklich daran glaubt (sollte damit der Kritik entgegnet werden, dass Spiritualität/Esoterik irrational sei? Hm. es ist aber nach bestimmten Kriterien irrational und wissenschaftlich nicht reproduzier- und beweisbar..)

Ich weiß nicht, wieso etwas allein dadurch, dass es Mittelschichts-“Bonzen” tun, jetzt schlümm sein soll, bzw wieso etwas dadurch subversiv wird, dass es Marginalisierte machen. Als linksradikale Spiri-Tante hab ich mich mit Kritik an Esoterik und Spiritualität viel befasst, und mich langweilt es, wenn nur danach gegangen wird, wer’s macht. Das ist ein “Hitler war auch Vegetarier!” Niveau. Genauso langweilig ist es, wenn etwas angepriesen wird mit der Begründung, wer’s macht.

Interessant wird es für mich, wenn es darum geht, was sind denn die Inhalte von dieser und jener Spiritualität, wie sind die Geschichten davon, und was gibt es da auf dem Schirm zu haben. Und klar, kommt bei Inhalten und der Geschichte von Religionen und Ideen immer auch mit rein: wer macht was in welchem Zusammenhang und wie hat das Einfluß genommen?

Und wenn ich mich mit der Geschichte der westlichen Esoterik, ihren Inhalten, den verschiedenen Strömungen darin usw. eingehend beschäftige, muss ich leider sagen: gefühlt 90% davon ist ein bodenloses Faß mit Scheiße drin. Nicht nur sind große Teile gerade der neuheidnischen Gruppen schlicht und einfach Nazis oder rechts-offen, und in ihren Büchern stand schon vor 15 Jahren drin, was die Identitären heute vertreten, sondern z.B. auch eigentlich feministische Strömungen wie die “Neuen Hexen” bauen auf krass antisemitischen Grundannahmen auf, eine Geschichte, die die Szene imo nie wirklich aufgearbeitet hat. Das mag heute vielleicht etwas besser sein, aber ich bin noch mit den Büchern aus den 80er Jahren und “vor dem Internet” ins Thema rein gegangen, und das war sehr unschön.

Westliche Magie und Esoterik fußt größtenteils auf der Theosophie, einer Lehre aus dem 19. Jahrhundert, die sehr einflußreich in der damaligen “Szene” war und aus deren “Theosophischer Gesellschaft” der Orden “Golden Dawn” hervorgegangen ist, der wiederum sehr einflußreich auf magische Gruppen und Hexen war. Die Theosophie ist heute weniger bekannt als ihr Spin-Off, die Anthroposophie von Rudolf Steiner, aber aus ihr kommt die sog. “Wurzelrassenlehre”, die sich auch bei Steiner wiederfindet, und die annimmt, es gäbe verschiedene “Menschenrassen” die auf verschiedenen “spirituellen Entwicklungsstufen” wären. Ein weiteres Spin-Off-Projekt der rassistischen Theosophie war die Ariosophie, die der Nationalsozialistischen Rassen-Ideologie die Grundlage lieferte.

Das soll alles nicht heißen, dass nun sämtliche spirituellen Leute Nazis seien, oder dass alle Ideen, die in der Esoterik vorkommen, problematisch wären. Aber ich finde schon, und das musste ich auch bei dem Missy-Artikel feststellen, dass Viele viel zu sorglos mit der Geschichte und den Inhalten von westlicher Esoterik umgehen. Denn inhaltlich sind die Theosophie und magische Orden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts für esoterisch-magische Strömungen sehr prägend gewesen. zum Beispiel Dinge wie Astrologie oder Tarotlegen. Sie sind zwar viel älter als die moderne westliche Esoterik, aber die zwei bekanntesten Tarots sind von Mitgliedern des Golden Dawn geschaffen worden: Das Rider-Waite Tarot und das Toth Tarot. Die Symbolik in diesen Tarots und die Lehre vom Tarotlegen ist nicht “irgendwie vom Mittelalter her” sondern hat ihre Wurzeln im Golden Dawn und der Theosophie.

Und von Dingen wie biologistisch-essentialistischen Geschlechterbildern, TERF-tum, Verschwörungstheorien und Ausbeutung von indigenen Kulturen hab ich noch gar nicht angefangen.  Ein “klar muß sowas kritisiert werden” reicht mir da nicht so ganz aus. Es ist zuviel, es ist zuviel überall, und es ist zu tief in den Ideen drin. Ich habe mich vor über 10 Jahren aus der “Spiri”Szene (in meinem Fall war das die feministische Spiritualität/Hexen) zurückgezogen, aber selbst in einem “maximal fortschrittlichen” Segment der Spiri-Szene kam ich immer noch in einem derartigen Übermaß mit regelrechten Nazis, rechtsoffenen und reaktionären Leuten, Ethnopluralist_innen und TERFs* in Kontakt, dass es mir heute noch davor graut. Ich war z.B. mal auf der Mailingliste von Zsusanna Budapest, wo sie Strichprobenkontrollen auf “echtes Frau-sein” durchführten.. Eine Frau aus meiner damaligen linksanarchistischen Spiri-Feiergruppe schloß sich später einer Nazi-Siedler-Sekte an und brach mit allem, auch ihrer Familie. Ein Typ, den ich über ein paar Ecken in der Magie-Szene traf, versuchte sich als Zuhälter für die weiblichen Mitglieder seines Ordens, und verkaufte denen das als “Erleuchtung”, aber zum Glück wurde da nichts draus..  bei einem magischen Grüppchen, dem eine Bekannte angehörte, landete mal unerkannt ein Hardcore-Nazi-Kader, also jemand mit wirklich Blut an den Händen.. zum Glück flog sie auf, aber puh…  ach ja, und in meinen Kreisen wurde auch zur Genüge der rechte heidnische Arun-Verlag und sein neurechter Besitzer verharmlost, “der ist doch kein Nazi, das war ne Jugendsünde” etc…  Ach ja, und auf einer feministisch-spirituellen Mailingliste, auf der ich war, flogen einer auch regelmässig Verschwörungstheorien um die Ohren..

Und ich hatte wirklich versucht, mich nur an die “Guten” und die “Linken” zu halten. Und ich traf auch “Gute” und “Linke”, es war ja nicht alles schlecht. Aber es war rein praktisch sehr sehr schwer, sich als dezidiert linke hexisch-magische Gruppe zu halten und abzugrenzen und sich auch ständig mit den Überschneidungen zur rechtsoffenen und “unpolitischen” Szene auseinanderzusetzen.

Das mag heute, nach vielen Jahren, vielleicht besser sein. Ich bezweifle es. Vielleicht kommt man auch um diese Verstrickungen auch zum Teil drum herum, indem man die komplette Esoterik/Magie Szene meidet und sich z.B. als Gleichgesinnte aus der queeren Szene zum Tarotlegen trifft. Möglicherweise ist die hexische/magische Szene z.B. in den USA auch progressiver als hier in Deutschland und dank Web 2.0 oder whatever kommt nun mehr davon rüber als früher.  Und von dem, was ich mitgekriegt habe, gibt es im Black Feminism und bei Queers of Color seit Jahrzehnten eigene, von der weißen westlichen Eso-Hexenszene eher unabhängige Spiritualitäts- und Magiepraxen, wo hoffentlich auch inzwischen mehr in Deutschland läuft als früher. Ich würde es allen, die sich als linke und fortschrittliche Menschen mit Spiritualität, Magie und Hexentum beschäftigen wollen, ehrlich wünschen, dass sie meine Erfahrungen gar nicht erst machen müssen.

Ich ging aus der Szene raus, nachdem ich mich gefühlt am 100.sten Masku-Magier*  abgekämpft, die 1000.ste N-Wort-Diskussion geführt, und die 10.000ste Rechtfertigung dafür geschrieben hatte, wieso ich heterosexuelle Reproduktion nicht als das Grundmotiv meiner Religiosität ansehen möchte (ich weiß sogar noch, wem gegenüber, sie sagte, das sei “unnatürlich”), und nachdem meine Spiri-Feiergruppe daran zerbrochen war, dass sich eine von uns (die später zu den Nazis ging) als TERF entpuppte.  Achja, und ne Wicca-Freundin sich aus starkem Interesse ein antifeministisches Buch bestellte… irgendwann war ich es sehr, sehr leid.

Mir ist meine frühere Spiritualität auch inzwischen fremd geworden, es kam einfach der Tag, da kam ich mit dem zugrundeliegenden Biologismus/Essentialismus von “weiblicher Spiritualität” nicht mehr klar. Jahrelang hatte ich mich daran ab- und drumherum gearbeitet, um mir das passend zu machen, fand auch hier und da mal was, in dem ich mich wiederfand, aber es passte einfach irgendwann immer weniger.

Was geblieben sind, sind ein paar Bruchstücke,  ein Gefühl dafür, dass es mit mir, meinem Leben und der Welt schon einen bestimmten Sinn hat, und etwas, ein bischen, Magie und Kommunikation mit Unsichtbarem. Ich halte das alles ziemlich für meine Privatsache.

Klar, hätte ich manchmal auch Lust, gegen pauschale Abwertungen von Religion und Spiritualität in der Linken zu protestieren. Aber nachdem ich mich in dieser Eso-Szene mal aufgehalten habe, verzichte ich lieber. Auch wenn ich Pauschalisierungen nicht mag, ab einer gewissen Bullshitquote mag ich mich für ein “not all Esos” einfach nicht mehr stark machen. Da gibt es Wichtigeres für mich.

Ansonsten… jedem Tierchen sein Pläsierchen. Wenn dir Spiritualität gut tut und du dich kritisch damit beschäftigst und dich vom rechten Bullshit fernhalten kannst, fein! Mach ich auch so! Cheers!

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* Fußnote – TERF ist eine Abkürzung für “Trans exclusionary radical feminist” und bezeichnet eine Hate group im Feminismus, die transfeindlich ist, trans Frauen nicht als Frauen anerkennt, Frau-Sein an physischen Merkmalen wie z.B. Gebärfähigkeit festmacht, und bis hin zu Gewalt und Terror die Menschenrechte und bürgerlichen Rechte von Trans Personen, vor allem Trans Frauen, negiert

*Masku-Magier: ein Magier, der Anhänger des Maskuli(ni)smus ist, einer antifeministischen Strömung, die zum Großteil aus Männern besteht. Die Maskul(in)isten finden, dass die Gleichberechtigung von Frauen zu weit gegangen sei, denn sie würde die Rechte von Männern, um die es vor 100 Jahren mal besser bestellt war, zuwider laufen.

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Vergeben, Vergessen – denk doch mal positiv!

Ich bekam heute auf Facebook ein Bild in meine Timeline hereingeströmt, das eigentlich ein Text war. Jemand hatte die Laune, ein bischen Allgemeinplätze schwafeln zu wollen und nun wird das Bild herumgeteilt.
Zitat aus dem Text:
“Gewidmet an Alle, die ein hartes Jahr hinter sich haben… Bewahre, was du hast… Vergiß, was dir wehtat… Kämpfe, für das was du willst… Schätze, was du hast… Vergib denen, die dir weh taten und genieße die, die dich lieben…” (Grammatik- und Interpunktionsfehler waren so).
Der kurze Text geht dann sinngemäss weiter, dass das Leben doch zu kurz sei um sich mit den schmerzvollen Momenten abzugeben, man solle doch für das Gute dankbar sein, sich von dem weniger guten lösen und einen Neubeginn machen.

Was der Autor dieser Zeilen leider vergisst: Leiden verschwindet nicht, wenn man aufgefordert wird, es zu vergessen.
Und es kommt für mich einer Selbstentwertung gleich, wenn ich denen, die mir “wehtaten” aus dem blauen Dunst heraus vergeben soll. Wer neulich meinen Text über Mobbing gelesen hat, kann sich vielleicht zusammenreimen, wie toll es ist, wenn Menschen, die “ein hartes Jahr hinter sich haben”, vielleicht schikaniert worden sind, vielleicht gemobbt worden sind, und denen in diesem Zuge ihnen ihr Schmerz abgesprochen worden ist und die Verletzungen unsichtbar gemacht worden sind, sich dann anhören müssen, sie sollten es vergessen. Und den Täter_innen (ich benutze jetzt mal das Wort) sollten sie vergeben.

Vergeben und Vergessen kann nur dann geschehen (ohne das man sich selbst damit der Unsichtbarmachung der Geschehnisse unterwirft und damit sich selbst Gewalt antut), wenn vorher Anerkennung und Erinnerung stattgefunden hat. Ich glaube, viele Menschen könnten vergeben und wollen es auch. Ich bin sehr versöhnlich und verzeihe gerne. Was ich nicht tue, ist vergeben und vergessen, wenn der Vorfall, den ich vergeben und vergessen “soll”, nicht anerkannt, totgeschwiegen, klein gemacht wurde oder meine Gefühle abgewiegelt wurden.

In diesem Fall ist das Vergeben und Vergessen eine Unterwerfung, ein klein beigeben.
Unrecht und Verletzungen, die unter den Teppich gekehrt wurden und wo die Betreffenden dann später angewanzt kommen, und so tun, als wäre alles in bester Ordnung und nie wäre je ein Wässerchen getrübt worden, stellen an mich eine große Herausforderung: Soll ich mit schweigen, gut Wetter machen, das Spiel mitspielen, als sei nichts passiert? Oder soll ich, nachdem ich ja sehe, die Personen möchten sich wieder in ein freundliches Verhältnis zu mir setzen, die Anerkennung und Erinnerung einfordern, deren Verweigerung mir unterm Strich mehr graue Haare gemacht hat als der Vorfall selbst?

Meistens ergibt es sich so, dass ich das Einfordern sein lasse. In den allermeisten Fällen hat sich das Verhältnis zu den Personen, die mich nicht nur verletzten, sondern die es hinterher auch nicht für nötig hielten, in eine Klärung und Versöhnung Zeit zu investieren, gewandelt. Meistens sind diese Menschen nicht mehr Teil meines Lebens, und es ist schlicht nicht wichtig genug, die Arbeit verspätet noch reinzustecken. Ich bin es in dem Fall nicht, die das Prädikat “zu unwichtig” verleiht, das “zu unwichtig” Siegel wurde dem Konflikt in dem Moment aufgedrückt, als es der anderen Person nicht wichtig genug war, über ihren Schatten zu springen und zu sagen: Sorry, war Kacke.

Als ein Mensch, der im Leben öfter mal erfahren hat, wie es ist, wenn einem die eigene Wahrnehmung, der eigene Schmerz abgesprochen wird, und die eigene Stimme zum verstummen gebracht wird, regelmässig abgewiegelt wird, während einem die eigenen Verfehlungen mit der Goldwaage und erbarmungsloser Unverzeihlichkeit aufs Brot geschmiert werden, bin ich auf diese Schlußstrich-Mentalität sehr, sehr schlecht zu sprechen.
Und nach dem einleitenden Satz “Gewidmet an alle, die ein hartes Jahr hinter sich haben” eine solche Abwiegelei und Aufforderung zum Vergeben und Vergessen zu lesen, da geht mir das Messer im Sack auf, echt.

Erinnerung an den eigenen Schmerz kann dann, wenn Andere diesen unsichtbar machen und herunterspielen, sehr empowernd sein. Anerkennung dessen, was geschehen ist, kann in einer Situation, wo es denen, die Scheiss gebaut haben, auf ein Totschweigen ankommt, sehr kraftvoll und stärkend sein.
Obwohl ich es nie gemacht habe – aber an dieser Stelle fällt mir ein Text ein, auch von Steinmädchen, zum Thema Selbstverletzung, in dem sie schreibt, dass es an selbstverletzenden Verhalten auch etwas gibt, was einem Menschen nützt, was nicht immer nur krank sein muss, sondern sogar eine Stärke sein kann. Das ist genau der Punkt “Empowerment durch Beschäftigung mit dem eigenen Schmerz”.

Oft argumentieren Leute damit, dass Vergeben und Vergessen gar nicht den anderen nützen soll, sondern einem selbst. Man soll es um seiner selbst willen tun. Es würde einem selbst gut tun, wenn man vergibt, das würde eine dann erst befreien von dem Ballast, und dann könne man erst einen neuen Anfang machen.
Ich weiss nicht, woher das kommt, aber nach meinen Erfahrungen stimmt das schlicht nicht. Es tut mir nicht gut, zu vergeben und zu vergessen. Denn es ist nicht nur das klein beigeben, das ich oben schrieb. Es ist auch ein sich selbst nicht ernst nehmen, ein sich selbst abwerten, es bedeutet, schlecht für sich selbst sorgen.

Sagst du deiner besten Freundin, die ein hartes Jahr hinter sich hatte: “Vergiss doch endlich mal das, was schlecht war. Du musst den Leuten vergeben, die dir weh taten, sei doch mal positiv und machs im nächsten Jahr besser.” Nein? Weil es arrogant und bevormundend ist, weil es ihr vorschreibt, wie sie sich zu fühlen hat, weil du lieber, wenn sie dir von dem, was schlecht war, erzählt, es anerkennst, Verständnis hast, und sie trösten willst? Schön, finde ich genau richtig. Geteiltes Leid ist halbes Leid, heisst es so schön – und das finde ich sehr wahr.
Aber wieso mit sich selbst nicht genauso liebevoll umgehen?

Eine andere Sache ist dieses notorische “positiv denken sollen”. Sieh doch mal das Schöne! Sei doch mal positiv!
Als ob eine solche Aufforderung je etwas anderes bewirkt hätte als das genaue Gegenteil. Meiner Erfahrung nach kann man 2jährige Kinder noch ganz gut von einem Schmerz ablenken, indem man vor ihnen mit einem bunten Spielzeug herumwedelt. Aber irgendwann hat sich das damit. Dann klappt das nicht mehr. Ich erlebe es so, dass gerade das sich selber anerkennen und das Schmerzvolle ernst nehmen dazu befähigt, auch das Schöne sehen und wertschätzen zu können. Weil das “Schöne sehen” dann nicht ein überzuckern dessen ist, was vorher unter den Teppich gekehrt worden ist.

Deshalb: Anerkennung und Erinnerung statt Vergeben und Vergessen.

Kleine Relativierung am Schluss: Ich bin nicht radikal für ein stetes Erinnern und Anerkennen. Ich finde, das “unter den Teppich kehren und vergessen können” hat manchmal Vorteile, und es gibt Situationen, wo es super ist, diese Fähigkeit zu haben. In der Situation zum Beispiel, wo man eindeutig keine Chance auf Anerkennung/Gerechtigkeit/Versöhnung bekommen wird, mit den betreffenden Personen aber weiterhin, jedenfalls eine Zeit lang, regelmässig umgehen muss. Dann kann man das schon mal unter den Teppich kehren und sich eine gewisse gute Laune bewahren. Ich muss mich zum Glück auch nicht andauernd in meinem Schmerz wälzen. Ich kann durchaus auch mal an was Schönes denken, den ganzen Mist ignorieren, die Schlechtigkeit der Welt ausblenden – und das ist auch gut so! (Besonders die Schlechtigkeit der Welt, die gehört, finde ich, regelmässig ignoriert, ausgeblendet, unter den Teppich gekehrt und dann zu guter Musik obendrauf rumgetanzt).
Manchmal, selten, habe ich das auch schon erlebt, dass eine Freundin mich verletzt, es gab nie eine Aussprache und trotzdem wächst irgendwann Gras drüber und man verträgt sich wieder gut. Ich mag Pauschalaussagen nicht und ich mag es nicht, wenn man laienpsychologisch was in die Gegend posaunt und so tut, als sei das in jedem Fall so. Manchmal ist die Zeit und die eigene Erfahrung auch zu begrenzt, um das bis ins Detail differenzieren zu können.
Deshalb ist dieses Posting mit der entsprechenden Relativierung und einem Körnchen Salz zu geniessen.

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