Vestkyststien Tag 2: von Højer nach Ribe

Es ist Montag, der 14. Mai. Wir haben heute eine Strecke von ca. 70km vor uns, und die Gangschaltung am Fahrrad meines Lebensgefährten funktioniert nicht, na Prost! Trotzdem ist die Moral ganz gut. Wir packen früh ein und wollen unterwegs frühstücken. Auf dem Weg aus Højer raus sehe ich, dass das ein riesiges Hünengrab ist, und schaue es mir noch an:

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Hünengrab in Højer: ein Steinkreis mit ca. 15m Durchesser, in dem ein grasbewachsener Erdhügel aufgeschüttet ist. Der Eingangsstein ist verschlossen. 

Bei Emmerlev Klev kommen wir dem Meer wieder sehr nahe. Wir fahren zum Strandhotel, das ausgestorben da liegt, und setzen uns auf eine der Bänke am Wanderparkplatz, packen unseren Kocher aus und es gibt Porridge mit Bananen und Schokolade.

Ein Mann mit Gummistiefeln kommt vorbei und wandert am Watt entlang, er wird langsam immer kleiner und kleiner, so flach ist es hier, dass man ihn noch lange sieht.

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Die Bucht von Emmerlev: Hinter einem flachen Deich ist eine feuchte Wiesenlandschaft, die ins Wattenmeer ausläuft (gerade ist das Wasser da und das Watt nicht zu sehen), davor mein Fahrrad. 

Danach geht es nach Hjerpsted und weiter entlang einer Landstrasse, auf der zum Glück wenig Verkehr ist. Aber in Dänemark gibt es einen himmelweiten Unterschied zu Deutschland: Die Leute fahren so viel langsamer. Und sie fahren viel entspannter und rücksichtsvoller. Hier kann ich angstfrei auch mal an einer Landstraße entlangradeln.

In Badsbøl-Ballum geht es dann von der Straße weg und wir stoppen an der Kirche von Vesterende-Ballum, um unsere Wasserflaschen nachzufüllen. Es gibt Vogelhäuschen auf Stelzen, die gestaltet sind wie die Gebäude in der Gegend. Ich habe aber keins fotografiert.

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Flach, flach, flach und grün und Meer. 

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Noch mehr flach, flach und grün und Meer und ein paar Gebäude am Horizont. 

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Im Inneren der Kirche von Vesterende-Ballum sieht es nordisch maritim aus. die Holzbänke sind blau gestrichen, genauso wie die Chorempore, und von der Decke hängt ein kleines Segelschiffs-Modell. 

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weiß gekalkte Gemäuer kann man am Ausgang vom Kirchhof sehen, ein weiß gestrichenes Tor und grüne Hecken geben den Blick auf flache, grüne Wiesen und das Meer frei. Der Himmel ist knallblau. 

Nach der Pause bei der Kirche verläuft der Radweg direkt am dänischen Teil des Nationalparks Wattenmeer. Nur verläuft er an der Innenseite des Deichs, deswegen können wir die ganze Zeit das Meer nicht sehen. Außer, wenn ich auf den Deich klettere.

An den Deichen sind Schafweiden mit vielen, vielen kleinen Lämmchen, die mit hohen Stimmen niedlich blöken. Das bedeutet aber auch, dass der Radweg Dutzende von Zäunen und Gattern kreuzt, und wir oft absteigen müssen, um die Tore zu öffnen und dann wieder zu schließen. Es wird Mittag und immer wärmer.

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Flach, Grün und Meer… nur, dass dieses Foto vom Deich aus aufgenommen wurde. 

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Eines von vielen Gattern, wo wir ein Tor öffnen mussten, um durch zu fahren. Im Hinterland des Deiches sind Teiche mit Schilfwedeln. 

Es wird immer wärmer, beziehungsweise: MIR wird es immer wärmer. Es gibt kaum schattige Stellen, und obwohl ich eine Baseballmütze trage, merke ich langsam, ich bekomme zu viele Sonnenstrahlen ab. Wer hätte gedacht, dass das Wetter SO GUT wird! Der Radweg verlässt den Deich um bei Brøns durchs Dorf zu führen. Dann geht es ein langweiliges, und ebenfalls sehr sonniges Stück an einer geraden Landstrasse entlang. Es herrscht leichter Gegenwind und mein Partner ermüdet, zumal er alles im 4. Gang fährt.

In Rejsby fahren wir endlich von der Landstrasse runter, und kurz nachdem wir das Dorf durchfahren haben, MUSS er an einem Picknicktisch eine Pause machen. Mir ist es dort zu sonnig. Aber er KANN nun mal nicht mehr. Ich hole seufzend das Tarp raus und versuche mir einen Sonnenschutz aufzuspannen, leider ist das nur bedingt von Nutzen.

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Ein Tarp auf einer sonnigen Wiese zwischen Zaunpfählen und dem Fahrrad aufgespannt. Darunter im Schatten sind Fahrradtaschen und was zu essen. 

Ein Sonnenstich ist, wie ich später nachlese, ein Hitzeschaden, und dabei geht es um langwellige Sonnenstrahlung, die vor allem Wärme erzeugt (im Infrarotbereich, wie diese Infrarotlampen). Und unter dem Tarp staut sich die Hitze auch ganz schön. Ich habe noch keinen Sonnenstich, aber ich merke, dass er nicht mehr weit ist. Ich nehme also meine Sachen und beschließe, mich in das unwegsame Gebüsch zu verziehen, das in der Nähe liegt. Es stellt sich heraus, dass in dessen Mitte ein gemütliches kleines Wäldchen ist, und weil Bäume so gut das Licht filtern und kühlen, ist es darin super angenehm!

Keine Ahnung, wieso ich nicht gleich drauf gekommen bin. Der Partner kommt auch noch in das Wäldchen, und wir verbringen eine Stunde im Schatten der niedrigen Bäume und Sträucher mit Lesen und Dösen.

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ein schattiges kleines Buschwäldchen bietet uns einen Platz zum pausieren. 

Dann führt der Radweg wieder runter zum Meer, und es wird wieder heiß. Aber jetzt ist es nur noch ein kurzes Stück bis Vester Vedsted. 7 Kilometer, um genau zu sein. Wir kommen am Traktorenshuttle-Service vorbei, wo man sich auf die kleine Insel Mandø fahren lassen kann. Auch das Wattenmeerzentrum lassen wir links liegen, leider.

Ich hätte es mir gerne angesehen, aber die Fahrradreparatur hat Priorität und deshalb wollen wir ohne Zwischenhalte nach Ribe.

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Am Meer steht ein Fahrrad in der grünen Wiese

In Ribe kommen wir gleich zu den “Cykeleksperten”, die Werkstatt, die das Internet empfiehlt. Sie liegt direkt an unserem Weg. Ich bemerke leichte Schwindelgefühle und weiß nicht genau, ob ich zuviel Sonne hatte oder ob ich was essen muss, aber ich fürchte, es war doch zuviel Sonne. Noch bin ich aber fahrtüchtig.

Bei den Cykeleksperten finden wir einen Mechaniker vor, der alle Hände voll zu tun hat und uns wieder wegschickt. Er könne sich das Rad noch nicht mal anschauen, weil er einfach keine Zeit hat. Für mich ist das völlig demoralisierend. Immerhin empfiehlt er uns eine andere Werkstatt, am anderen Ende von Ribe, im Industriegebiet nördlich der Altstadt. Wir rufen da an, und juhu! Sie sagen, wenn wir gleich vorbeikommen, nehmen sie sich sofort Zeit für uns.

Ribe ist eine wunderschöne alte Stadt, aber wir müssen ja zur Werkstatt und haben keine Zeit. Uns fällt noch ein, dass wir ja gar kein dänisches Geld haben, und heben einen Schwung Kronen von einer dänischen Bank ab. Dann geht es zur Werkstatt. Das Industriegebiet ist fast außerhalb, wie eine zweite Stadt, und als wir da sind, stehen wir vor einer großen Verkaufshalle mit angeschlossener Werkstatt: dem Ribe Cykellager. Wir gehen etwas schüchtern rein, und drinnen gibt es drei Reparaturstände, wo drei Menschen gleichzeitig arbeiten. Ein Mechaniker kommt auf uns zu, und sagt, “Hallo, wir haben telefoniert”. Dann nimmt er das Rad, das er gerade repariert, vom Reparaturstand ab, hängt sofort B’s Rad drauf und schaut sich das Malheur an.

Wie wir vermutet hatten, muss der Schalter am Lenker ersetzt werden, einen neuen Schaltzug bekommt das Fahrrad auch. In 20 Minuten ist alles geschafft, wir sind sehr dankbar und 450 Kronen leichter.

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In der Werkstatt des “Ribe Cykellager”.  Fahrräder stehen überall herum, und ein Rad hängt an einem Reparaturstand. 

Wir fahren um einiges entspannter zum Shelterplatz in Ribe, den wir auch ohne Probleme finden. Ich hatte mir schon vor der Reise alles mit dem Satellitenbild von Google maps angeschaut, sonst wäre es wohl nicht so einfach gewesen. Auf dem Platz ist eine große runde Hütte mit Feuerstelle in der Mitte.

 

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Ich sitze am Shelterplatz im Gras und genieße einen Instant-Matcha-Latte im Schatten. 

Wir haben immer noch genug zu kochen von zuhause dabei, heute gibt es Weißkohl mit Tomaten und Bohnen aus der Dose. Dazu gab es dann noch Couscous. Das ist sehr praktisch, weil es so gut wie keine Kochzeit benötigt. Zumindest die Schnellkochvariante nicht. Ob es langsamer kochende Couscous-Sorten gibt? Mir ist noch nie eine untergekommen.

 

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Als die Sonne abends schwächer wird, baut B. das Zelt auf und richtet schon mal alles ein. 

Da wir jetzt heute schon die Reparatur hinter uns gebracht haben, beschließen wir, den dafür geplanten Extra Tag trotzdem zu verwenden, und morgen in Ribe eine Stadtbesichtigung zu machen, und dann in Esbjerg auch nochmal in der Stadt rumzubummeln. Anstatt zum Oksbøl Fjord zu fahren, werden wir dann einen Shelterplatz in der Nähe von Esbjerg ansteuern. Dadurch werden die nächsten zwei  Etappen etwas kürzer werden (und das wird sich noch als sehr günstig für uns herausstellen).

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Die Hütte in Ribe steht auf einer kreisrunden Waldlichtung. 

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Das Solarpanel bekommt auf dieser Tour viel zu tun, denn soviel Sonne hatten wir noch nie. 

Den Sonnenschutz abzuwaschen stellt echt eine Herausforderung dar. Ich verwende einen physikalischen Sonnenschutz von Alverde, der einen so kalkweiß macht. (Allerdings habe ich später wieder auf Chemie zurückgegriffen). Zum Abwaschen habe ich Lavaerde benutzt, das ist eine Wascherde, die komplett ohne Zusätze auskommt und deswegen kein Problem bei der Verwendung in der Natur ist. Und sie wäscht gut.

Als wir in den Schlafsack kriechen, ist es immer noch hell, das ist schon zu merken, dass wir hier weiter nördlich sind. Ich schlafe ziemlich sofort ein und schlafe auch diese Nacht wieder sehr gut.

 

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Meine 1. Critical Mass und der alltägliche Motorismus

CN für den Artikel: Gewalt, Tod, Victim Blaming, Übergriffe..

Critical Mass Vancouver 2007-06
Critical Mass Vancouver, Foto CC-BY-2.0 by Tavis Ford

Critical Mass (Linkliste, englisch) (wikia, deutsch) ist eine Aktionsform, wo sich Radfahrende die Strasse für eine kurze Zeit erobern. Von einigen Leuten habe ich gehört: Hä, was ist daran cool oder politisch?

Daran ist cool und politisch, dass es wenigstens für kurze Zeit aufbegehrt gegen den ständigen Motorismus. (Dieses Wort habe ich mir für den Artikel hier überlegt, um einen Begriff für den Zustand zu haben, damit ich nicht jedes Mal eine lange Erklärung schreiben muss). Motorismus ist (für diesen Text jetzt mal) die Machtverteilung auf der Strasse, der Zustand, dass die Strassen zuerst dem Fortkommen von Autos und grösseren Kalibern dienen, und dass alle anderen, die die Strassen benutzen, Benutzer_innen zweiter Klasse sind. Wer zu Fuss unterwegs ist, bekommt das zwar auch zu spüren, aber so richtig zu spüren bekomme ich es, wenn ich als Radfahrerin auf der Strasse mit Motorisierten unterwegs bin.

Krakow Critical Mass, June 2009
Critical Mass Krakow, photo by bartek, CC BY-NC 2.0

Übergriffe, Respektlosigkeit und gedankenlose Gefährdung

Radwege und Radstreifen werden nicht respektiert. Darauf wird oft geparkt (auch von der Polizei) oder sie als zusätzliche Fahrspur zum rechts abbiegen genutzt. Wenn du gezwungenermassen das Hindernis umfährst, wirst du oft von Motorisierten angehupt, genötigt und gefährdet.
Überhaupt werde ich als Radfahrerin oft genötigt und bewusst eng überholt, um mir klar zu machen, dass ich “weg soll von der Strasse”, dass ich störe, im Weg bin, dass ihr schnelleres Fortkommen wichtiger ist als meine körperliche Unversehrtheit, meine Sicherheit und letztendlich auch mein Leben.
Wenn es doch mal knallt, habe ich oft erlebt, dass Motorisierte sich mehr um Kratzer im Lack kümmern als um Verletzte oder um Menschen, die einen Schock haben. Fahrer_innenflucht wird von manchen nicht mal als solche wahrgenommen, wenn niemand blutet oder bewusstlos ist, ist “ja nichts passiert”.
Ich bin auch zweimal als Radfahrerin körperlich angegriffen worden, um es mir “zu zeigen”, beide Male hatte ich großes Glück. Die Täter waren beide Male Betrunkene, deren Reaktionsfähigkeit zu sehr herabgesetzt war, so dass ich entkommen konnte. Der eine Angriff war eindeutig gegen mich als Radfahrende gerichtet, wegen dem Radfahren, weil die Art und Weise, wie und wo ich fuhr, denjenigen nicht gepasst hat. (Obwohl es sie in keiner Weise beeinträchtigt oder berührt hat) Das andere Mal weiß ich es nicht, aber es kann sein.
Insgesamt erlebe ich Street Harrassment sehr massiv – aufgrund des Radfahrens.

Ein richtiger Knaller war ein Erlebnis in einer Winternacht. Der Radweg war vereist, verschneit, saugefährlich und unbenutzbar. ich fuhr auf der dreispurigen Prenzlauer Allee in Berlin auf der rechten Spur, die geräumt, enteist und sicher war. Ein Autofahrer, der ganz alleine nachts um drei die Strasse ebenfalls benutzte, fuhr an mir vorbei und öffnete ein Fenster, um mich wütend anzuschreien, dass ich gefälligst den Radweg benutzen soll. Dieses Erlebnis war für mich echt nicht schön, weil der Kerl zwei völlig leere Spuren für sich allein hatte und sich kein bischen in mich hineingedacht hatte, was es für mich heisst, über Eiswege zu schliddern. Nein, die Strasse mit mir zu teilen, das ist eine Zumutung für ihn gewesen. Immerhin hat er mich nicht physisch angegriffen. Aber da fühle ich mich immer so ungerecht behandelt und so mißachtet, und werde frustriert und wütend. Und diese Leute fühlen sich im Recht. Und glauben, ich wäre diejenige, die sie ins Unrecht setzt. Nicht zu fassen, aber das kommt öfter vor.

(Hier ist übrigens eine gute Gelegenheit, zum Vergleich die Nichtbeachtung durch Leute zu Fuß anzusprechen. Ich erlebe es sehr oft, das Leute auf Radwegen herumlatschen, oder vor Radelnden einfach über die Strasse gehen, oder sonst halt so tun, als wären Fahrradfahrende Luft. Das mag ja ein wenig nerven. Aber es gefährdet mich nicht. Das Schlimmste, was mir passiert, ist, dass ich halt 5 Minuten später am Ziel bin. Hier kann ich selber sehen, wie es ist, wenn du als “Stärkere” auf der Straße von “Schwächeren” ausgebremst wirst. Das ist absolut kein Grund, die Schwächeren zu gefährden oder ihnen gegenüber aggressiv zu werden.)

Critical Mass - stop and go
Critical Mass in Berlin-Kreuzberg, Foto: Alper Çuğun, CC-BY-2.0

Das Nicht-darüber-reden-können

Und wenn ich mit Menschen, die nicht selber viel Rad fahren, darüber spreche, werden mir die Regelverstösse von Radelnden vorgehalten. (Victim Blaming wie es im Buch steht). Als ob ein Regelverstoss so schwer wiegt wie die Gefährdung von Menschenleben. Und apropos Regelverstoss: Ich nutze meist Radwege, Radstreifen und Fahrradstrassen. Ich habe viel mehr Berührung mit anderen Radfahrenden als Motorisierte. Und ja, sie nerven mich manchmal, fahren ohne Handzeichen, oder sind ungeübt. Aber ich hatte wegen ihnen noch nie Todesangst. Ich werde von ihnen nicht genötigt oder aggressiv behandelt. Ich fahre vorausschauend, und wenn dann eine Person doch mal unvorhergesehen und ohne Handzeichen abbiegt, bremse ich und fahre eben seufzend und kopfschüttelnd weiter. Aber wirklich: so schlimm ist das auch wieder nicht.
Wenn für die ganzen Gefahren und Angriffe uns Radelnden nicht die Schuld gegeben wird, gibts ganz oft Victim-Blaming “light”: Aber Radfahrende sind so unsichtbar! (Sind sie witzigerweise für mich nicht, ich kann sie sehen). “Sie tragen keinen Helm!” (Fast wie: Der Rock war zu kurz). “Auf einer so und so gebauten Strasse komme ich an Radfahrer_innen nicht vorbei, wenn ich sie nicht eng überholen kann” (Und? An einem anderen Auto erst recht nicht?) “Radfahrende nerven mich” (Ja, und wieder: nerven ist was anderes als Todesangst. Komm damit klar. Mich nervt der Gestank und das Platzwegnehmen von Autos auch extrem).

Dann kommen noch die Debatten unter Radfahrenden dazu, wie es “richtig gemacht wird”, also – wie ich richtig fahre, dass ich möglichst nicht umgekachelt werde, was ich anziehen soll, oder wie ich fahren soll, damit wir endlich zu unserem Recht kommen und respektiert werden. Manchmal verlieren andere Radelnde auch aus den Augen, dass nicht Alle von uns den Mut oder die Kraft haben, sich jeden Tag den Platz auf der Strasse zu erobern, Motorisierte zum korrekten Verhalten zu “erziehen” und sich ständig dafür noch anhupen und anschreien zu lassen. Auch wenn ihr was anderes richtiger findet: Wir müssen alle mit der Situation und dem täglichen Motorismus klar kommen, und es ist okay, sich z.B. für die Nutzung strassenferner Radwege zu entscheiden.

Critical Mass London 5/09
CM London 2009 – Foto: Nico, CC-BY-NC-2.0

Von der Obrigkeit: Ignoranz und beschissene Behandlung

Dazu kommt die Verwaltung und die strukturelle Lenkung des Radverkehrs. Wenn ich für jedes Schild “Radfahrer absteigen” 5 Euro hätte! Wenn Baustellen sind, werden Radstreifen einfach überbaut, oft ohne Lösungsmöglichkeit, wohin. Oder es werden Situationen so gebaut oder konstruiert, dass ich nur unter großer Selbstgefährdung weiterfahren kann, Radwege werden plötzlich auf stark befahrende Schnellstrassen “geschubst”, ohne dass für die Motorisierten Zeichen oder Warnungen aufgebaut werden. Du musst sehen, wo du bleibst. Oder ganz oft werden Radfahrende einfach auf Gehwege umgeleitet, im Extremfall auf sehr stark benutzte Gehwege. Soll ich einfach in die Leute reinbrettern? Wo soll ich denn hin? Ich soll einfach verschwinden. Auf der Strasse ist für mich von der Stadt kein Platz vorgesehen. Und ich möchte keine zu Fuß gehenden Menschen belästigen, die haben auch zu wenig Platz in der Stadt. Was soll das.
Radwege und Radstreifen werden oft nicht mitgeräumt im Winter, wenn Radrouten unterbrochen werden, gibt es keine Umleitungsschilder (das ändert sich gerade punktuell) und es gibt zu wenig öffentliche Aufklärungskampagnen, die die motorisierte Bevölkerung informieren, was für Regeln sie gegenüber Radfahrenden einhalten müssen. Auch zu wenig Kampagnen gegen Fahrer_innenflucht oder für mehr Bewusstsein für die Wucht, die ein Auto nun mal entwickelt, und dass damit verantwortungsvoller umgegangen werden muss. Oder Kampagnen, die bewusst machen, wofür das Hupen eigentlich gedacht ist.
In Zeitungen wird manchmal radfahrfeindlich berichtet: Die Eltern eines totgefahrenen jungen Mannes hingen einen Zeitungsartikel an die Laterne bei seinem Unfallort aus, auf dem stand “der Radfahrer fuhr ohne Licht”. Mit einem dicken Marker hatten die Eltern dazu geschrieben: “Es war um diese Zeit noch nicht dunkel!!” Oft dreht sich der Diskurs in den Medien, wenn es um Fahrradunfälle geht, darum, Radfahrende zu mehr Vorsicht zu erziehen. Helmpflicht und so. (Nix gegen Helmpflicht, aber der Diskurs ist halt sehr einseitig). Als weiteres Beispiel hat der ADFC davon geschrieben, dass rücksichtsloses Verhalten gegenüber Radfahrenden statistisch die meisten Unfälle verursacht, während Staatsorgane (Verkehrsminister, z.B.) Radfahrende als Problem darstellen, sie z.B. “verrohte Kampfradler” nennen oder – wieder mal – lediglich über Helmpflicht diskutieren.

Das Auto als kulturelles Symbol

Das hier zu beschreiben, würde völlig die Grenzen sprengen. Aber es ginge hier einfach noch weiter, mit dem Stellenwert, den “das Auto” in der Gesellschaft hat, wie das “den Führerschein machen” zum “normalen Lebensweg” in diesem Land dazugehört, wie Autos Statussymbole sind und benutzt werden, um Menschen einzuschüchtern, zu beeindrucken, Gewalt gegen andere Menschen auszuüben, wie die Gesellschaft tausende von Unfalltoten jährlich schlicht als Normalität hinnimmt und damit lebt, und was das eigentlich alles über uns und Autos aussagt.
Hier müsste auch geredet werden über die verinnerlichte Höherwertung von Autos, egal, ob wir selber (gerade) Auto fahren oder nicht. Und auch über die Konnotation von Radfahren als “Kindersache” (also, bevor mensch alt genug für den Führerschein ist), als “Hobby” oder als “kein richtiges fahren”. Letzteres zeigt sich sowohl darin, dass Radwege nicht wie Strassen behandelt werden, und darin, dass z.B. Betrunkene das Auto zwar stehen lassen, aber Radfahren tun sie dann sehr wohl noch.

Critical Mass Gent-juni 2015-24
Critical Mass – Gent (Belgien) 2015, Foto: Frank Furter, CC-BY-NC-ND-2.0

Es ist ja nicht alles schlecht

Ja, sicher, es gibt auch soviel Gutes. Die meisten Motorisierten fahren rücksichtsvoll. Ich kann auch mit einigen Menschen über das Radfahren reden, ohne dass sie mit Victim Blaming und Bagatellisierungen ankommen. Und zunehmend kriegt die Stadt es auch hin, grade bei neu konzipierten Strassen, Radfahrende besser einzuplanen und es für Alle sicherer zu machen. Leider seh ich keine Veränderung/Hoffnungen bei der Behandlung des Radfahrens durch Medien, und auch das Auto als Status- und sonstiges Symbol hat einfach diesen Stellenwert. Der nicht so leicht ins Wanken gerät.

Aber obwohl die Mehrheit sich okay verhält: Die paar, die es nicht tun, und das mangelnde Bewußtsein für diese Situation, und die wahrnehmbare öffentliche Ignoranz und das Wegsehen sind noch stark genug, um manchmal ganz schön genervt und gefrustet zu sein, vor allem, wenn du dir selber durch jahrelange Erfahrungen und Beschäftigung mit dem Thema ein Bewußtsein dafür geschaffen hast.
In diesem Aufruf der Kampfradler_innen ist eigentlich das meiste, was ich geschrieben habe, schon mal super gesagt worden. Und da schließe ich mich klar der Forderung an, dass schwächere im Verkehr berücksichtigt werden müssen. Das heisst für Radfahrende: Alle, die zu Fuß, mit dem Rollstuhl, Kinderwägen etc. unterwegs sind. Für Platz-da-Verhalten gegenüber Fußgänger_innen hab ich kein Verständnis!

Ein paar Worte zu den “bööösen Radler_innen”

Wie schon anklang: Auch Radler_innen sind manchmal nervig und manche sind leider gegen Schwächere rücksichtslos.
Da entsteht bei mir Scham und Ärger, aber auch der Gedanke, dass es “DIE Radfahrer_innen” eigentlich nicht gibt, und trotzdem das Verhalten jedes Arschlochs auf zwei Rädern auf ALLE von uns zurückfällt.
Radfahrer_innen können die oben genannten Besoffenen sein, die das Auto stehen lassen, aber denken, mit dem Rad wärs ja kein Problem, herumzufahren. Es können rücksichtslose Autofahrer_innen sein, die den Führerschein verloren haben und nun Rad fahren müssen, die Rücksichtslosigkeit ist dann ja nicht einfach weg. Statt Unmotorisierte terrorisieren sie dann halt die noch weniger “berittenen” Leute. Es können auch einfach Ungeübte sein, leider gibt es gesellschaftlich als Folge der “Minderwertigkeit” des Radfahrens auch keine Ansprüche und die Auffassung, du setzt dich aufs Rad und machst halt irgendwie los. Und das tun Leute dann eben auch.

Ich fuhr einmal früh morgens im Berufsverkehr Rad. Zu dieser Zeit sind die Betrunkenen, Touris und Unerfahrenen einfach nicht auf der Strasse. Was ich erlebte, war: Viele Leute nutzen das Rad. Die allermeisten tragen Helme. Sie fahren zügig, umsichtig und geben Zeichen. Es ist für mich eine richtige Freude, mit ihnen unterwegs zu sein.

Fahrradfahren ernst nehmen und zu respektieren bedeutet für mich auch, es als etwas zu behandeln, was du lernen musst, und was mit Wissen und Regeln und Rücksichtnahme verbunden sein muss. Und eben nicht als sinnloses Freizeitvergnügen, wo alle machen, was sie wollen.

Es muss aber auch gesehen werden, dass auch geübte und rücksichtsvolle Radfahrende die Regeln oft brechen müssen, wenn sie überhaupt auf der Strasse existieren wollen. Eben weil die Stadt/die Verwaltung sie schlicht “wegdenkt” oder in unmögliche Richtungen umlenkt, oder einfach ein “Radfahrer absteigen” Schild hinnagelt. Manchmal finde ich es sicherer für mich und Fußgänger_innen, über bestimmte rote Ampeln zu fahren, aber das darf ich ja nicht offen sagen, und tun schon gar nicht.

Critical Mass September 2011 16
CM Magdeburg (Sachsen-Anhalt), Foto: Zeitfixierer, CC-BY-SA 2.0

Also: Critical Mass

Also, dann mal endlich zur Critical Mass.
Ich war auf meiner ersten Critical Mass!
Juhu!
Es war kalt, es war dunkel, es war November, aber geil!
Um 20:00 Uhr trafen sich alle auf dem Mariannenplatz in Berlin Kreuzberg, und irgendwann fuhren die ersten los und die ganze Sache kam in Bewegung. Ich hatte ausser auf ADFC Sternfahrten, nie an Raddemos oder Aktionen teilgenommen. Die CM ist, im Unterschied zu Demos, keine angemeldete Veranstaltung und es gibt auch keine Ordner_innen oder Veranstalter_innen, es ist ein Flashmob.
Das “Rowdy-Radel-Narrativ” steckt in mir selber ja auch etwas drin, so dass ich soooo begeistert war, als ich erlebte, wie glatt und gut es funktionierte, in einer Gruppe mit mehreren hundert Leuten radzufahren. Wir waren ja nicht nur langsam. Alle um mich herum fuhren so umsichtig und einfach sehr, sehr schön. Es war das Gefühl, dahinzufliegen (bei guter Musik). Die Strasse war unser.
An Kreuzungen fanden sich immer welche, die sich vor die Autos als Schutzspalier aufbauten, damit keiner einfach in die Gruppe reinbrettern kann.
Wir waren auch eine richtig schöne Lightshow. Viele hatten ihre Räder geschmückt und sich verkleidet, tolle Eigenbau-Räder waren da…

Was ich schade finde, ist, dass die Critical Mass und die Radfahrbewegung sehr weiß und sehr männlich ist, einfach von den Mehrheitsverhältnissen her. Während ich auf der Strasse täglich erlebe, dass Räder mehrheitlich von weniger Privilegierten benutzt werden: PoC, Frauen, Kinder.
Wenn ich überlege, warum das so ist, denke ich, dass Radfahren als “Lifestyle” statt als Notwendigkeit eher ein weiße-Männer-Ding ist. Die nicht so privilegierten Radler_innen haben vielleicht auch viel weniger Zeit, um aus dem Radfahren politischen Aktivismus zu machen. Die Fahrradfreakszene schreckt Leute mit billigen, alten Rädern oder mit dem City-Bike vom Aldi ab, und beim Fahrradschrauben triffst du oft auf sexistische Klischees. Und dann ist natürlich die alltägliche Dominanz weißer Menschen, die von Männern, die von Wohlhabenden und Kinderlosen auch in der Fahrradbewegung sichtbar und spürbar.

Ich möchte eigentlich nicht zwischen Feminismus und Fahrradbewegung wählen, wenn ich auf eine CM gehe. Ich möchte nicht meinen feministischen oder rassismuskritischen Blick abschalten, wenn ich auf der CM bin. Es tut aber auch weh, dass in den feministischen Kreisen in sozialen Netzwerken die Situation von Radfahrer_innen so wenig ein Thema ist. Dass mir in feministischen Kreisen das selbe Victim Blaming, die selbe Bagatellisierung und das selbe Wegsehen wie sonst auch entgegenkommt.

Das ist doch krass, oder?

Von den Mehrheitsverhältnissen abgesehen habe ich die CM aber nicht sexistisch oder anderweitig scheisse erlebt. Für die Dauer der Aktion oder wenigstens die 10km, die ich mitfuhr, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Ich habe sie so erlebt, dass diese gegenseitige Rücksichtnahme, das gegenseitige Empowerment und die Freude, dass wir uns durch unser Viele-Sein diese Fahrt ermöglichen, sehr überwiegt.
Ich fühlte mich so gut und frei auf der Strasse. Nicht machtlos, herumgeschubst und beschimpft.

Das war sicher nicht meine letzte CM!

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CM Berlin Juni 2015, Foto: gitti la mar, CC-BY-NC-ND-2.0