Ich bin nix für Ungut. (Coming-Out für Heten)

Dieser Text ist eine Momentaufnahme aus einem sich noch im Fluss befindenden Prozess. Der inzwischen weitergegangen ist. In diesem Text springe ich hin und her zwischen meiner Gender Identität, meiner Sexualität, meiner sexuellen Orientierung, queerer Verortung und dem sicher und gar nicht sicher sein, was eigentlich los ist. Eigentlich sollte der Text anfänglich zum Thema “queere Heten” sein und ich wollte darin klar kriegen, was will ich, was bin ich eigentlich als Hetera, die mit Heteronormativität, heteronormativen Beziehungen, heteronormativer Sexualität, und heteronormativen Geschlechterrollen sehr wenig und mit queeren Theorien, queeren Infragestellungen und queerem Leben von Uneindeutigkeiten und Ausprobieren von Alternativen sehr viel anfangen kann. Dann kam ich durch Podcasts, Gespräche, und Austausch auf Twitter dazu, mehr den Finger drauf legen zu können, was “mit mir ist”. Weil Selbstfindungsprozesse während man der Lohnarbeit nachgeht, aber schwierig sind, wird dieser Text immer älter und älter, während ich mit Schlafnachholen, Haushalt und liegengebliebenen To Do’s beschäftigt bin – also mach ich mal einen Anlauf, ihn vielleicht doch in seiner Unfertigkeit und Nicht-Einfachheit raus zu hauen.

Bild

Ende der 90er Jahre saß ich mit einer lesbischen Mitstudentin lässig auf einem Bordstein in Berlin und wir redeten davon, dass wir es toll finden, braungebrannt und muskulös zu sein. Vor allem muskulös.

Seit ich von zuhause ausgezogen bin, habe ich den Anspruch gehabt, mein Fahrrad selbst reparieren zu können. (Mein Tip: Werft das “Einfälle statt Abfälle – Fahrrad reparieren” – Heft weg! Werft! Es! Weit! Weg!!) Auch wenn ich nicht so weit gekommen bin: Ich führe Fahrradwerkzeug mit und habe kettenölverschmierte Hände. In Fahrradgeschäften wirke ich, als könne ich mir selber helfen – was offenbar mit einer maskulinen Genderperformance einhergeht. Ich bin die Person, der die Mechaniker_innen sagen, wo der Kompressor steht und der freundlich das Werkzeug in die Hand gedrückt wird. Wenn es doch mal vorkam (in einer Zeit, als ich femininer aussah) dass mir nichts zugetraut wurde und mir mein Fahrrad helfend und nett gemeint aus der Hand genommen worden ist, stieg in mir immer große Wut auf.

Ich bin nah am Wasser gebaut und mir kommen sehr schnell die Tränen – was etwas ist, das ich ganz ganz schwer akzeptieren und lieben kann. (Es bleibt mir eh nix anderes übrig.) Ich fühle mich davon immer zurückgeworfen auf einen Platz, wo ich schwach und hilfsbedürftig wirke, etwas, was ich nicht bin und nicht sein will. Ich weine möglichst “wie ein Mann” – so mit runterlaufenden Tränen, aber ansonsten voller Ignoremodus – bitte mit ja keinem Zittern in der Stimme.

<– Insert irgendein beliebiges Kindheits-Tomboy Narrativ here –>

Mein ganzes Leben lang fühlte ich mich von heterosexuellen femininen Rollenvorstellungen nicht nur eingeschränkt, sondern auch als Mensch abgewertet. Hübsch sein. Gefallen wollen und gefällig sein. Beschützt werden wollen. Kinder haben wollen. Einen Mann glücklich machen. Gut im Bett sein. Schmerzende Schuhe und unpraktische Kleidung, Haltung bewahren, nicht zu viel essen, nicht zu laut lachen, die biologische Uhr ticken hören.  Horror.

Es ist aber nicht nur der Wunsch, dem Sexismus durch Verweigern der weiblichen Rollenklischees ein Schnippchen zu schlagen. Zumal das eh nicht klappt. Als maskuline Frau erlebe ich andere Dinge als früher, als ich zumindest eindeutig als Frau gelesen wurde, aber ich erlebe längst kein männliches Privileg. Zwar wird mir nicht ins Mäntelchen geholfen (oder eine andere mir entmündigend erscheindene Behandlung), aber es wird mir dafür ganz oft irgendein Erlebnis oder eine Agenda  unterstellt, die zu meiner Entscheidung, nicht feminin zu sein, geführt haben muss/was ich damit erreichen möchte. Oder es wird mir eine Meinung, eine sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität unterstellt und das Ganze dann mehr oder weniger mit Toleranz behandelt.

Demnach ist es für mich so, dass maskulin sein/androgyn sein keinen Ausstieg aus dem sexistischen System ermöglicht. Es erlebt sich dann nur anders. Ich würde auch nicht sagen, dass das der Grund ist, wieso ich mich auf eine bestimmte Art und Weise ausdrücke (oder Gender performe). Ich bin nicht eine maskuline Frau, weil ich dann weniger Sexismus erlebe. Ich drücke mich so aus, weil ich mich selbst dann als zu mir selbst passend/stimmig/echt empfinde, wenn ich androgyn wirke. Ich mag Androgynität sehr. Ich finde maskuline Frauen* und feminine/queermaskuline Männer* sowie alle möglichen maskulinen Trans*menschen attraktiv und schön. Und ich empfinde mich selber als richtig und schön, wenn ich androgyn bin. Vielleicht würde ich sagen, ich fühle mich von queeren Maskulinitäten angezogen und ich identifiziere mich als eine Person, die gut mit queerer Maskulinität resoniert. Das und andere Dinge, die ich, weil ich nicht Single bin, nicht berechtigt bin, öffentlich zu diskutieren, würden mich lose ins Girlfag-Spektrum plazieren. (Link: Uli Meyer – “Almost Homosexual” – Schwule Frauen/ Schwule Transgender (GirlFags/Trans*Fags))

Ich identifiziere mich aber nicht als Agender/Genderqueer/Androgyn/Non-Binary. Ich identifiziere mich als Frau*.

In dem Text Why I’m still a Butch Lesbian  schreibt Lea DeLaria:

Not only do I dislike feeling pretty and prefer arguing to nurturing, I don’t even particularly like eating chocolate. Popular culture, and women themselves, often imply that I lack many of the most essential qualities of womanhood.

“die gesellschaftliche Kultur, auch Frauen selbst, geben mir oft zu verstehen, dass mir viele der grundlegendsten Qualitäten von Weiblichkeit fehlen”. This: Es ist nicht mein Problem, wenn ihr mich als Mann/männlich lest. Ich hab damit kein Problem. Ich habe aber auch kein Problem damit, mich als Frau zu identifizieren.

In our culture, the impulse to distance oneself from negatives associated with women and femininity is endemic. When we insult men, we do it by comparing them to women. When we compare women to men, we’re generally praising them. In fact, I’ve probably known more straight, cis-gendered women who’ve bragged about how they’re “one of the guys” than I’ve known lesbians.

Übersetzung: “In unserer Kultur ist der Impuls endemisch, sich von dem Negativen zu distanzieren, dass mit Frauen* und Feminität verbunden wird. Wenn wir Männer* beleidigen, geschieht das, indem wir sie mit Frauen* vergleichen. Wenn wir Frauen mit Männern vergleichen, dann üblicherweise um ihnen Anerkennung zu zollen. Tatsächlich habe ich wohl mehr heterosexuelle Cis-Frauen* getroffen, die damit angaben, “wie die Kerle” zu sein, als ich Lesben getroffen habe.”

Aus diesen Gründen bemühe ich mich aktiv darum, andere Frauen* und Feminität – auch wenn ich selbst einen anderen Genderausdruck habe als traditionelle Feminität – zu respektieren und mich eben nicht von ihnen abzugrenzen. Ja, ich habe das früher getan. Denn ich erleb(t)e Feminität als etwas, was mir ständig gegen meinen Willen aufgenötigt wurde, etwas, was mir alternativlos als Vorbild präsentiert wurde, etwas, das ich eben nicht bin und das mich eben nicht repräsentiert. Das war schmerzhaft und dagegen habe ich mich abgegrenzt, abgelehnt, rumgetrotzt – als es aktuell war.

Inzwischen bin ich 40 Jahre alt geworden, und spätestens in weiteren 10-15 Jahren wird mein Umfeld seine restlichen Erwartungen, dass ich noch einen Brutinstinkt entwickle, aufgeben müssen. Möglicherweise krieg ich das Unfruchtbarsein noch dieses Jahr schwarz auf weiß. Ich lebe langzeitmonogam mit einem Mann zusammen (nächstes Jahr 20 Jahre) und dadurch, daß meine Heterobeziehung länger hält als die meisten Heterobeziehungen, die ich kenne, führen sich Ratschläge, wie der Mann zu “halten” sei und dass ich so schliesslich keine Beziehung führen könnte, auch langsam selbst ad absurdum. Da hab ich also auch so langsam meine Ruhe.

Ich will solidarisch sein mit femininen Frauen*, ich will aktiv Feminität respektieren und aufwerten. Ich muss nicht mehr dagegen aufbegehren und kann inzwischen sehen, dass nicht Feminitäten es sind, die unterdrückend wirken, sondern nur deren Durchprügeln als Norm für Alle.

In queeren und/oder lesbischen Kulturen findet inzwischen ein sehr wünschenswertes Femme-Empowerment statt. Das macht im Kontext von Femme-Feindlichkeit und subkulturellen Normen, die maskulinere Weiblichkeiten als etwas normaleres setzen, auch viel Sinn. Aber auch bei heterosexuellen Feministinnen* ist es längst nicht so, dass es eine Latzhosen-Norm gäbe, und Feminität ist viel öfter anzutreffen, und wird auch, jedenfalls meiner Wahrnehmung nach, nicht mehr fälschlich als Symbol von Unterdrückung abgelehnt. Ich begrüsse das alles sehr!

Daran merke ich aber auch, dass mein Wunsch, Androgyn zu sein, eigentlich nichts mit dem Wunsch, der Abwertung zu entkommen, zu tun hat. Feminität bei Frauen* ist für mich nach wie vor einfach nichts, was mich anzieht, was mich sehr interessiert und was ich an mir selber haben möchte. Also auch jetzt nicht, wo es Empowerment und positive Beispiele für feminines Frau* sein in meinem Umfeld gibt. (Ich mag mal der Einfachheit halber female-to-femme aussen vor lassen, weil ich darüber auch noch zu wenig weiß, sorry).

Und was mich nachdenklich macht und auch stört: Es gibt nicht wirklich eine empowerende Selbstbezeichnung für Heteras, deren Genderperformance von der weiblichen heterosexuellen Norm dermassen abweicht. Dieses “endlich einen Namen haben für das, was eins die ganze Zeit erlebt” kenne ich in dieser Hinsicht nicht. (Nicht mehr; siehe das PS am Ende des Textes) Am ehesten fand ich mich in feministischen Vorbildern, und da wirklich in dieser “Latzhosen-Emanze” wieder. Aber die – es gibt sie inzwischen anscheinend gar nicht mehr. Vielleicht gab es sie gar nie, vielleicht war das immer ein Klischeebild, was als Abschreckung für “normale Frauen*” von den Medien geschaffen wurde. Fällt aus.

Es gibt auch Probleme damit, dieses Abweichen einfach unter dem Queer-Begriff mitlaufen zu lassen – obwohl es sicherlich laut einigen Definitionen völlig legitim wäre. Trotzdem ist für viele “queer” eben mit “nicht Hetero sein” verbunden, und wenn Queer für Heten überhaupt  geöffnet wird, dann lediglich für Heten, deren sexuelles Begehren oder deren Sexualität von der Norm abweicht (BDSM, Polyamorie, usw.) und nicht für Heten, die eine monogame Vanillesexualität leben. (Bei Licht betrachtet ist meine Sexualität nicht typisch heterosexuell, ich dachte immer, jegliche Sexualität zwischen Frauen* und Männern* sei zwangsläufig heterosexuell, und dachte halt, ich/wir hätten da halt “unser privates heterosexuelles Ding” gefunden – aber in dieser Ausgabe der Queerulantin über Girlfags und Guydykes (PDF Link) sprechen schwule Frauen z.B. davon, wie sie nicht heterosexuell begehrt werden wollen und nicht “als Frau” Sex haben wollen. Und da klingelt es ganz gewaltig bei mir.)

Also ja: ich bin halt die Hete. Punkt. Scheiss drauf, dass ich und mein Freund auf der Strasse für zwei schwule Männer gehalten werden. Egal, ob ich mich in der gängigen Definition von Cisgender nicht repräsentiert sehe, genauso wenig in der von Trans* oder Genderqueer. Dass ich mehrmals die Woche nicht als das Geschlecht gelesen werde, als das ich mich identifiziere.  Weil ich mich weigere, mich so zu geben, wie es die Gesellschaft Frauen* zugesteht. Wenn ich mit anderen Heteras rede und ich gefragt werde, wie wir verhüten, und ich ich überlege, nicht zu sagen, dass wir nicht verhüten, weil wir nichts praktizieren, was Verhütung erforderlich macht.

In meinem Lehrbetrieb nannte mich jemand – obwohl ich damals lange Haare trug – immer “Franz”, und ein anderer Kollege kommentierte quartalsmässig “She’s like men”, in meinem Meisterkurs tauschten die anderen Anwärter, während ich daneben saß, ihre Youporn-Links aus,  weil sie vergaßen, dass sie nicht in einer Männerrunde waren, und ich fühlte mich bei alledem zwar ein bischen befremdet, aber irgendwie auch stimmig.

Im Frühling/Sommer 2014 habe ich mich in meinem queeren Freundeskreis darüber mehrmals ausgetauscht, ob und wie es eigentlich einen Platz gibt für Menschen wie mich in der queeren Szene, ohne dass ich “nur Gasthete” bin. (Nicht, dass es damit ein Problem gäbe, wenn ich “nur Gasthete” wäre! Dazu später noch was.) Wir haben über unsere Annahmen und die Annahmen anderer geredet, z.B. weil einige auch Bi sind und mit Mann und Kindern in einer Kleinfamilie leben und deshalb inzwischen als “typische Hete” gelesen werden. Da ging es darum, wo eins hingehören kann und welche Vorurteile es in der queeren Szene so gibt. Diese Gespräche waren alle sehr gut, fand ich. Leider ergaben sie für mich immer erst mal so ein: “Ja, die anderen hatten immerhin schon mal homosexuelle Beziehungen und/oder sind wenigstens Poly. Du bist  eine untypische Hete, aber untypisch sind viele Menschen irgendwie. Du bist unterm Strich eine Hete.”

Nicht falsch verstehen: Ich steh gern dazu Hete zu sein. Ich steh auch dazu, Cis zu sein. Warum sollte ich meine diesbezüglichen Privilegien, die ich ja habe, verleugnen wollen? Bin für Awareness echt zu haben. Es ist nun mal Fakt, dass ich mit meiner Hetenbeziehung in normative Bilder passe, dass ich mich nicht überall erklären muss… Privilegien, ganz klar. Aber da sind diese Erfahrungen, da ist diese Orientierung, da ist dieses Selbstbild. Ich hätte halt einfach gerne einen Austausch dazu mit Menschen, denen es ähnlich geht.

Als ich dann vor kurzem mal öffentlich anfing, über queere Heten, das nirgends-reinpassen, und die Suche nach Begriffen twitterte, erlebte ich viel berechtigte Ängste, dass Heten sich Queerness und Selbstbezeichnungen von LGBT* aneignen könnten. Am Ende wurde über mich von einer Person in einigen Nonmentions hergezogen: als Diskriminierungsneiderin, Enthetungswünsche hegend und ich sei Trans*misogyn.

Meine Fresse, natürlich halte ich mich nicht für queer, weil ich mir die Haare kurz gemacht habe! Genau so wenig würde ich mich für eine Person of Color halten, weil meine Haut schnell bräunt und ich keine dt. Staatsbürgerschaft habe. OMG. oO

Ich halte mich für queer, weil ich gendermässig anders präsentiere als es das System von hetero-binär vorsieht, weil ich die Regeln dieses Systems nicht befolgen kann ohne mich die ganze Zeit zu verbiegen, weil meine Heterobeziehung und die darin stattfindende Sexualität fast komplett neu erarbeitet werden musste, weil ich mit den traditionellen heterosexuellen Gepflogenheiten nicht “kann”, weil das, was ich bei mir selbst in Punkto Gender/Sexualität vorfinde, als krank und behandlungsbedürftig galt oder noch gilt, (ich hab mich vor 20 Jahren dagegen entschieden, mich deshalb therapieren zu lassen), weil ich den Kram nicht erfinde um irgendwie besonders zu sein, sondern ich versuche meine Wege zu finden, in einem System das mir halt auch aufgezwungen wird, wie vielen anderen Menschen auch.

Ich muss nur eben Begriffe suchen für das, was ich bin/wie ich mich verorte. Und das ist schwierig.

Ich bin demisexuell, das ist eine Abstufung von Asexualität, die irgendwo zwischen Sexualität und Asexualität liegt. Es bedeutet, ich fühle mich zu Menschen hingezogen, zu denen vorher schon eine innige freundschaftliche Beziehung besteht. Neulich hatte ich mit einer Freundin* über heterosexuelle Männlichkeiten gechattet und dass hegemoniale Männlichkeitsnormen innige Freundschaften eigentlich ausschließen, und das einzige, was “erlaubt” ist, ist sowas wie eine sich ständig neu voneinander distanzierende Kumpanei. Alles Andere würde zu viel Nähe bedeuten. Als demisexuelle Person bedeutet das für mich, dass sich bei mir  Begehren, wenn schon, dann auf Männer* ausrichtet, die oft dadurch zu “Verrätern” an der herkömmlichen Männerrolle werden, dass sie Wärme und Nähe nach aussen zeigen, dass sie tiefer gehende Freundschaften eingehen und sich dafür auch nicht schämen. Die offen schwul sind und daher nicht die heterosexuelle Distanzkumpanei praktizieren müssen, oder heterosexuelle/bisexuelle Männer, die für schwul gehalten werden, genau weil sie an dem Punkt aus ihrer Rolle herausfallen.

Das ist ein Problem, weil ich schwule Männer* nicht nerven will, indem ich sie als Hete anschmachte, und ich verbrachte manche Freundschaften als Teenager damit, mir das bitteschön aktiv zu verkneifen. Und es ist dann wieder ein Glücksfall, denn es bringt mich mit “Genderrollen-Verrätern” zusammen, für die es weniger ein Skandal ist, wenn ausser diesem noch andere Rollenvorgaben unterlaufen werden.

Was mir als demisexueller Person eher fehlt, ist diese Begeisterung für Begehren und begehrt werden, ich finde z.B. manche schwule Subkulturen oft ziemlich sexualisiert, und das ist schon ein Faktor, wo ich denke: “Ich, Girlfag, never!” Mir geht ja manchmal schon das Ganze Begehren/Orientierungs/Sexualitäts-Gewichte in der Queerszene auf den Geist. Weil ich mit meinem Langzeitmonogamismus halt nicht mehr am Suchen bin. Es hat sich ausgesucht. (So die Göttin will. Ich kann die Zukunft natürlich nicht kennen.)

Bei Heterosexuellen, die sich mit queeren Themen noch gar nicht beschäftigt haben, ist es dann wieder so, wenn wir über Identifikation, Sexualität und Selbstfindung reden würden: Genausogut könnte ich mit Leuten von einem anderen Planeten reden. Ich mache es meistens gar nicht erst.

(…)

Hier könnte jetzt noch einiges stehen, aber ich mach hier mal einen Punkt und komme zum Ende, weil der ganze Text so unsortiert und unvollständig sein soll und darf, wie dieser ganze Nachdenk- und Orientierungsprozess ist und sein darf.

Ich will diesen Text trotzdem nicht schreiben ohne meine femininen (also hier, was gesellschaftlich als feminin zählt; irgendein Wort muss ich halt verwenden) Seiten hervorzukehren, weil ich es für maskuline/schwule Frauen* völlig okay finde, feminine Seiten zu haben. Genauso wie niemand darüber zu befinden hat, ob Grrrls/feminine Feministinnen oder Femmes Dinge mögen oder tun, die männlich konnotiert sind. So here goes: Ich stehe auf Körperpflegeprodukte (obwohl ich mich, ohne z.B. eine Gesichtsoperation oder Hautkrankheit überdecken zu wollen, nie schminken würde), mache gerne Asanas (körperliche Yoga-Übungen) was ja angeblich so ein Frauending sein soll, Handarbeiten, koche gerne, weine schnell, trage auch mal Röcke, habe einen weiblichen Habitus (wobei – hm… keine Ahnung??) und vieeeeeeeles mehr. Weil: Eine Androgynität/Maskulinität, bei der ich dieses ständig sich abgrenzende, ja kein bischen Sissyhafte, ja nicht feminine, einhalten muss, wäre für mich nämlich auch nichts wert. Ich bin nicht darauf aus, ein Mackerarschloch zu sein und dieses Konkurrenz/Schwanzvergleichsding ist mir viel zu anstrengend.

Also bin ich irgendwie, irgendwo auf dem Kontinuum schwule Frau*, maskuline halbqueere Hete, irgendwo so, verortet, oder halt auch nicht. Ich habe da noch viel nachzulesen und bin eigentlich ganz froh, diesen Text zu schreiben – weil ich mir nicht im Nachhinein alles so hinreden will, dass ich “besser reinpasse”. Ich will mir Worte aneignen, die bezeichnen was ich bin. Ich will nicht, dass Worte bestimmen sollen, womit ich konform zu gehen habe.

So, Bittschön. Das war mein Coming out als Nichts. Nichts für Ungut.

PS 1: Inzwischen ist es nicht mehr “Nichts”. Inzwischen klärt sich, dass ich mich eben irgendwo in die Richtung Girlfag/schwule Frau* verorten kann/werde/will. Als ich anfing mit dem Text, war das noch nicht so. Die Ereignisse, die sich dieses Jahr seit Wochen/Monaten entwickeln, überschlagen sich in dem Moment, wo ein Durchbruch zu Anderen stattfindet, die Ähnliches beschreiben wie ich das erlebe. Und dieser Moment war genau während der Entstehung des Textes. Ich lasse das “Nichts” noch stehen, aber es ist erkennbar, dass es veraltet und überholt ist.

PS 2: Zu „ALMOST HOMOSEXUAL“ – Schwule Frauen/ Schwule Transgender (GirlFags/Trans*Fags) von Uli Meyer – http://www.liminalis.de/artikel/Liminalis2007_meyer.pdf. Ich habe den in den Text schon reinverlinkt, aber erst nach Fertigstellung des meisten Textes hier gelesen. Ich möchte den Artikel sehr empfehlen, weil er super spannend ist und generell eine Menge über den ganzen Genderkram zu sagen hat.

DANKE an diejenigen, die den Text vorweg gelesen und Feedback dazu gegeben haben! <3 <3

Advertisements