Zero Waste Hate Post

Weil heute bei meiner “Zero Waste Challenge” im Januar Monatshygiene dran wäre, und das für mich kein Thema ist, habe ich gedacht, ich spreche mal was anderes an. Und zwar, warum mich diese Szene auch ganz schön nervt.

Ich mag ja den Begriff “Zero Waste” an sich schon nicht. Denn das ist mir zu hoch gesteckt. “Weniger Müll” wäre das, was ich tatsächlich mache. Egal.

TL; DR Was ich an Zero Waste wirklich hasse, ist diese auf Hochglanz polierte Szene, die ZW-Ikonen, die mit ihrem ignoranten, heteronormativen, wohlhabenden, weißen privilegierten Mittelklasse-ZeroWaste-Lifestyle durch die Welt trampeln und glauben, sie retten die selbige dadurch.

Ich will nicht Leuten vorwerfen, dass ihre Instagram Accounts zu poliert sind. Privat nervt es mich, wenn alle nur noch selbstoptimiert alles auf Hochglanz halten. Aber wenn Leute das machen wollen, meinetwegen.

Ich will Leuten auch nicht vorwerfen, dass sie gängigen Schönheitsidealen entsprechen und eine weiße, mittelständische Hetero-Kleinfamilie haben, deren “glückliches” Leben sie online promoten. Es muss ja auch Leute geben, die weiß, heterosexuell und mittelständisch sind und den Kleinfamilien-Lifestyle halt für sich optimal finden.

Aber was mich nervt, ist: Dass es immer die selben Ladies wie aus dem Magazin geschnitten sind, die zu Zero Waste Ikonen werden, und dass sie sich verhalten, als hätten sie überhaupt keinen Begriff von ihrer privilegierten Position. (Auch wenn ich es erfreulich finde, dass die deutsche Zero-Waste Ikone, Shia Su, diesen Klischeebildern mal nicht entspricht und ihre Posts auf ihrem Blog finde ich z.B. recht bodenständig. Yay.)

Was mich gerade genervt hat, ist: Ich stolperte über die Webseite von Bea Johnson, die US-Amerikanische ZW-Ikone, weil sie einen “Bulk Store Finder” hat, der oft verlinkt wird. Ok, gucke ich mich da mal um und las… über ihre “Speaking Tour” nach “Afrika“. Es ging eigentlich nach Südafrika, aber macht ja nix, Afrika ist ja ein Land. Kein Kontinent, gell.

Die ganze Zeit gehts im Artikel über die coolen Dinge, die sie da macht.. Drachenfliegen, Schnorcheln, Safari, Ballonfahren, Berge und Strände besichtigen.. in den luxuriösesten Resorts wohnen.. und über Zero Waste reden. Auf den Fotos sind die meisten Leute im Publikum weiß. Sie besucht eine Paralellgesellschaft und reflektiert darüber gar nicht. Auch nicht darüber, dass all die Luxus-Unternehmungen, die ihr kostenlos organisiert werden, eben auch einen Co2 Fußabdruck haben.

Sie trifft die “südafrikanische Zero-Waste Ikone”, ebenfalls eine weiße Frau aus England, die allerdings gar nicht in Südafrika, sondern in Sambia lebt. So sagt zumindest ihr eigener Blog. Aber egal, Afrika – ist eh alles das selbe, gell. Gemeinsam besuchen sie Unverpacktläden und fliegen mit Mini-Flugzeugen und Ballons herum und essen unverpackte Nüsse zusammen.

Sie gehen auch in ein Cafe, wo sich Johnson darüber auslässt, dass ihr Tee in einem Teebeutel kommt. Und dass sie daran arbeitet, dass Tee nicht mehr in Teebeuteln kommt. Seriously? Sie hat gerade ihr Co2 Budget der nächsten 6 Jahre mit Fliegen verballert und der Teebeutel ist jetzt das Problem?

Sehr schön und romantisch findet sie es, dass sie einen weiteren “Engel” treffen darf, eine weiße Frau, die eine Organisation hat, die sich für das Pflanzen von Bäumen und das Anpflanzen von Feldfrüchten “in Afrika” einsetzt. Sie darf mit einer schwarzen Gärtnerin in einer Township zusammen einen Baum pflanzen, die von der Organisation Geld zum Gärtnern bekommt.

Dass sie ständig weiße “Macherinnen” trifft und Schwarze Menschen, die “in Need” sind oder unterstützt werden von ihnen, und warum das so ist, wird gar nicht hinterfragt. Oder vielleicht war’s auch nicht so? in ihrem Artikel sieht es nur so aus. Sie war auf einem tollen Adventure-Speaking-Urlaub und trifft viele supertolle Weiße, die ganz doll den armen Schwarzen helfen und überhaupt auch sehr ökologisch leben.

Sie besucht in einer Township einen Laden, in dem die armen, mehrheitlich Schwarzen Einwohner_innen Wertstoffmüll abgeben können, den sie auf der Straße aufgesammelt haben, und dafür erhalten sie Punkte, mit denen sie gespendete Kleidung oder Haushaltsgegenstände dort kaufen können. Sie findet das klasse, so wird Müll eingesammelt und die Armen bekommen Dinge, die sie brauchen. Ich finde das eher entwürdigend. Oft haben Arme genug zu tun, um einfach nur über die Runden zu kommen, da wäre eine Kleiderkammer besser, die nicht erst verlangt, dass man rausgeht, um Müll zu sammeln.

Und das ist alles kein Zufall, das die Verhältnisse so sind. Die Reise von Bea Johnson ist ein ignorantes Durchjetten durch eine Welt, die von Europa aus kolonisiert und ausgebeutet worden ist, und immer noch ausgebeutet wird. Wo die Folgen davon verheerend sind und klar vor unseren Augen liegen, und das wird von ihr nicht nur ignoriert, sondern da wird noch fröhlich dran mitgemacht. 

Wir machen alle irgendwie mit, es ist unmöglich, dem System zu entkommen. Aber man könnte es wenigstens sehen. Wenigstens beim Namen nennen. Und versuchen, es im ganz Kleinen und hier und da ein wenig besser zu machen. 

Wenn ich sowas lese, schäme ich mich, ein müllvermeidendes Weißbrot zu sein. Können wir bitte, BITTE, ein wenig weiter denken als dass wir keinen Teebeutel benutzen? Ökologie nutzt gar nichts ohne soziale Gerechtigkeit. Dass das genau die Leute sind, die sich als “Experten” präsentieren und Vorträge auf der ganzen Welt halten.

Ich cringe so hart.

PS: Ich habe jetzt den Blogpost von Bea Johnson nicht haarklein analysiert, und bin selbst als weiße nicht die erfahrenste Person für Rassismus und weißprivilegiertes Verhalten, deshalb ist das nur so ein grober Eindruck. Ich finde nur, wir sollten nicht so tun, als gäbe es in der Zero-Waste-Community diese Ignoranzhaltungen nicht. Ich möchte gern meine weißen Privilegien sehen lernen, sie hinterfragen und zumindest 1 gute Verbündete für People of Color sein. Und da habe ich mich gehalten gefühlt, so was auch mal zu thematisieren.

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Rassismus ausüben ist okay, Rassismus kritisieren nicht: Girlfag-Guydyke-Forum, ade.

Es geht um das Girlfag-Guydyke-Forum hier, von dessen Besuch ich ausdrücklich abraten möchte.

Ich möchte später dazu noch ausführlicher bloggen.
Aber heute hat mir die Administration des Forums ein wunderbar anschauliches Beispiel geliefert, dass sie die Benennung von Rassismus als persönliche Beleidigung auffasst, und diese unterbindet, während der Rassismus selbst geduldet wird.

Bei Rassismus handelt es sich um die Benutzung des rassistischen Begriffes “N…” für Schwarze Menschen, für die Benutzung von Gebäcknamen, die Schwarze Menschen rassistisch bezeichnen und das Behaupten, es gäbe biologisch begründete “Rassen” von Menschen. Ich und eine andere Person haben interveniert, auch viel erklärt und Links gegeben, diskutiert, und nachdem erst versucht wurde, uns zu erklären, dass diese Dinge keinen Rassismus darstellen würden, wurde das Gespräch durch Themen sperren, dann löschen, und Androhung von Rauswurf, sollten wir dies nochmal tun, unterbunden.

Ich habe mich gestern mit diesem Beitrag aus dem Forum verabschiedet:

Das Posting vor der Veränderung durch die Administration

Das Posting vor der Veränderung durch die Administration. Der Text lautet: “Ich werde nicht in Räumen mitwirken, in denen meine Freund_innen sich aufgrund von nicht reflektiertem Rassismus nicht aufhalten könnten.
Das N-Wort ist ein rassistisches Gewaltwort, und ich sehe mir dessen Verwendung nicht tatenlos an.
Kritik ist nicht möglich. Also Tschö.”

Heute sehe ich, dass in meinem Beitrag herumeditiert wurde:

Beitrag nach dem Verändern durch die Administratorin

Beitrag nach dem Verändern durch die Administratorin: “Dieser Beitrag wurde moderiert:
Ich werde nicht in Räumen mitwirken, in denen meine Freund_innen sich aufgrund von nicht [zensiert] nicht aufhalten könnten.
Das [zensiert]Wort ist ein [zensiert] und ich sehe mir dessen Verwendung nicht tatenlos an.
Kritik ist nicht möglich. Also Tschö.
Grund für die Moderation:
Wieder einmal sind hier vorwürfe verwendet worden die ich so nicht tolerieren kann.
Wenn du dich nicht sowieso hiermit vertschüssen würdest, würde ich dich jetzt verwarnen. Wenn du deinen Account gelöscht haben möchtest, dann melde dich bitte.”

Typischer und krasser kann das Beispiel eigentlich nicht sein:
Die Administratorin löscht das “N”, während sie dieses Wort in voller Länge (an anderer Stelle) and ausschreibt.
Auch “nicht reflektierter Rassismus” ist für sie so schlimm, dass sie das löschen muss.

Ich werde sie nicht um Löschung meines Accounts bitten, die sollen mich schon selbst rauswerfen. (Ausserdem ist es evtl gut, mitzukriegen, was da noch so dazu geschrieben wird). Aber ich kann vor diesem Forum nur warnen: Es ist kein Raum, wo menschenfeindliches und abwertendes Verhalten und Sprechen kritisch gesehen wird, und die “Freiheit” des Sprechens wie man will nicht da endet, wo die Freiheit anderer Menschen beginnt.

Nachtrag: Durch Spit n’Glitter bin ich aufmerksam gemacht worden, dass ich in meinem Blogpost gar nicht den Antiromaismus, (durch Verwendung abwertender Begriffe gegen Roma), drin habe, der ebenfalls in der Diskussion vorkam. Das soll also hier nachträglich erwähnt sein. Es ging nicht nur um Gebäck, auch Schnitzel und Sauce wollten sich die Beteiligten nicht nehmen lassen..

Nachtrag 2: Ich schalte hier keine Kommentare frei, die rassistische Begriffe enthalten. Z.b. dieses Wort, dieses Wort und dieses Wort, oder diese Wörter. Danke fürs zur Kenntnis nehmen.

Nachtrag 3: Und da ist er, der Rauswurf:

lustiger screenshot

“Sie sind aus diesem Forum verbannt worden, bis 8.8. 2016. Aus folgendem Grund: Lügen über unser Forum verbreiten, unbelehrbar sein”.

LOL

Ich bin Charlie, aber ich will nicht Charlie sein.

Ich lebe in einem Land, in dem diese feindselige Stimmung herrscht, die die Menschen aufteilt in den “freien Westen” und die “Islamisten”. Die wird schon so lang geschürt. Schon so lang sitzen viele von uns zwischen den Stühlen. Einerseits lehne ich diesen überheblichen, sich selbst nicht hinterfragenden, islamfeindlichen Rassismus ab, der alle arabisch aussehenden Menschen zu rückständigen Feinden stilisiert, zum anderen lehne ich die fundamentalistischen Bewegungen ab, die Menschenrechte dort mit Füssen treten, wo immer sie genügend Macht dazu haben.

Es ist einfach nicht möglich, sich auf eine von zwei Seiten zu stellen, ohne sich unter “falschen Freunden” wiederzufinden. Schon die ganze Zeit bei dem Thema. Jetzt auch wieder. Und jetzt, das heisst: nach dem Mordanschlag auf die Redaktion des französischen Satire-Magazins Charlie Hebdo. Sich solidarisch zu Charlie Hebdo zu stellen, heisst, die teilweise echt scheiss rassistischen, sexistischen etc. Cartoons zu befürworten, die in diesem Magazin erschienen sind. Sich nicht solidarisch zu Charlie Hebdo zu stellen, stellt dich wiederum in eine Ecke mit Fanatikern und Autoritären, die meinen, ihre religiösen Gefühle über die Freiheit (und hier sogar das Leben) von Anderen hinweg durchdrücken zu dürfen.

Dabei gibts doch eigentlich eine ganz logische und einfache Reaktion: Für die Meinungsfreiheit zu sein, Punkt aus. Und das bedeutet, dass es okay gehen muss, über Charlie Hebdo zu sagen “das und das ist Rassismus und ich lehne das ab”. Ich finde es schon sehr bemerkenswert, wie im Namen der Freiheit die Freiheiten von Menschen anrüchig werden, ihre Meinung zu sagen – “sei für rassistische Cartoons, oder bist du etwa auch für die Terroristen?” Im Namen der Freiheit machst du dich verdächtig, wenn du nicht die selbe Meinung hast.. hallo? Wer nicht konform geht mit uns, ist gegen uns? Nein, so einfach geht das nicht.

Ich bin wirklich bestürzt über den Mord an den Zeichnern von Charlie Hebdo. (Und nicht zu vergessen die Menschen, die dabei waren und mit dem Anschlag zum Opfer fielen). Bestimmt waren das auch total nette Typen, und obwohl ich die Cartoons teilweise echt kacke finde, bin ich überzeugt, dass die Urheber dieser Cartoons nicht annähernd übel waren. Wenn es nur um die Menschen ginge, ich würde die ganze Zeit im “Je suis Charlie” Tshirt herumlaufen!
Die Leute von Charlie Hebdo waren wahrscheinlich genauso nette, linke Typen wie ich auch genügend kenne, die es eigentlich gut meinen und die gar nicht schnallen, dass sie gerade Anderen, die weitaus mehr Unterdrückung erfahren wie sie selber, grad auf die Füsse und ins Gesicht treten. Weil ist doch alles lustig und Satire und Kritik an Autoritäten und wir sind doch alle gegen die da oben. Weil so einfach ist es ja schliesslich (Ironiemodus). Es existieren ja auch (Ironiemodus) keinerlei Unterdrückungsachsen ausser der, die ein weißer linker Durchschnittstyp erlebt. (Und *-istische Strukturen begünstigen und erzeugen diese Blindheit und Ignoranz gegenüber Sexismus, Rassismus usw.)

Aber nur weil wohlmeinende linke Männer etwas als Satire gegen mächtige Fundis verstehen, wird es davon nicht weniger rassistisch. Gut gemeint heisst, nicht dass es auch gut ist. Die Menschen betrauern, und trotzdem ihre Publikation kritisch sehen, das ist für mich Meinungsfreiheit.

Nach diesem berühmten Zitat von Evelyn Beatrice Hall zu gehen, welches lautet:

“Ich verachte Ihre Meinung, aber ich gäbe mein Leben dafür, dass Sie sie sagen dürfen.”

Oder laut Elliot Higgins: (Via Hakan Tee)

“I defend your right to say stupid shit, but it’s still stupid shit.”

In diesem Sinne: Ich bin Charlie. Ich bin solidarisch mit den Ermordeten. Ihr Leben ist ausgelöscht und sie werden nie mehr mit anderen an einem Tisch sitzen und reden und dazu lernen können, darüber, wieso ihre Satire nicht, wie sie dachten, gegen die Mächtigen gerichtet war, sondern nach unten getreten hat.
Aber ich bin nicht Charlie, ich würde nicht diese Cartoons zeichnen, stattdessen sitz ich hier und ärgere mich, dass wieder einmal rassistische, (hetero-)sexistische und klassistische Cartoons viel zu unkritisch als das Sahnehäubchen der westlichen Meinungsfreiheit hingestellt werden.
Aber die Leute von Charlie können es jetzt nicht mehr anders oder besser machen, oder etwas daraus lernen. Jedes ausgelöschte Leben bedeutet so viel zerstörtes Potential. Das ist einfach nur endlos traurig. R.I.P., Jungs.

upload

U.A. zu dem Thema auch gelesen:

Die böse Welt und Netzfeminismus.

Wieder mal ist viel zu tun, und ich habe zum Bloggen auch gar keine Zeit. Deshalb blogge ich grad auch nicht wirklich. So Themenrelevant, irgendein schlauer Text – nope… Dies ist ein Laut-Nachdenken in Online-Tagebuch-Form. Kein durchgehendes Thema.

Heute war ich als Unterstützerin mit Mr. Distelfliege und vielen anderen Leuten bei einer Gerichtsverhandlung zur Prozessbeobachtung. Wir haben Präsenz gezeigt bei einer Verhandlung eines Falles einer rassistischen Gewalttat, bei der ein Schwarzer Berliner von einem Weißen ins Gleisbett eines U-Bahnhofs gestossen und mit einem Messer bedroht worden war. Vielleicht sollte ich nur sagen, dass der Angeklagte furchtbar dreist war, die Zeug_innen einfach nur wischiwaschi ausgesagt haben, nach dem Motto, es hätten sich halt 2 Typen gestritten und sie hätten abgewartet, ob die “das nicht unter sich klären würden”, statt einzuschreiten oder die Polizei anzurufen, und der Geschädigte als Nebenkläger unglaublich stark und äusserlich ruhig den Prozess bestritten hat und seine Aussage gemacht hat. Nachdem ich bei zwei anderen Gerichtsterminen nicht rein kam (einmal hatte ich meinen Pass vergessen, das andere Mal gab es weitaus mehr Unterstützer_innen als Plätze im Saal) hat es diesmal geklappt.

Vor dem Saal unterhielt ich mich mit anderen Unterstützer_innen darüber, dass alltäglicher Rassismus in Österreich von der Mehrheit  so betulich, unschuldig und naiv vor sich hingelebt wird, noch viel heftiger als in Deutschland. Ich kenne das ja nur aus zweiter Hand, aber es gibt da diese Doku auf Youtube, die echt nichts für schwache Nerven ist. (Der Link geht zu Teil 1, von da aus zu den anderen Teilen weiterklicken).  (Achja: Lest nicht die Kommentare. Ernsthaft.)

Am Montag diskutierte ich mit einem wohlmeinenden Bekannten (wir meinen es ja immer alle gut…!) darüber, dass die Refugees aus der Ohlauer-Schule endgültig rausfliegen sollen, und ihm fiel nichts Besseres dazu ein als daß in der B.Z. (so ein Berliner Bildzeitungs-ähnliches Blatt) gestanden hätte, wieviel Kriminalität von der Refugee Schule angeblich ausgegangen wäre und Leute tratschen darüber, dass die Lerndisziplin in dem Deutschkurs, den einige der Refugees in einer nahegelegenen Volkshochschule besuchen durften, nicht grad hoch gewesen sei. Leider fällt vielen weißen Deutschen nicht viel anderes zum Thema Refugee-Aktivismus in Berlin ein. Ich arbeite in der Nähe dieser Volkshochschule, und ich habe dann weiter nachgefragt und erfahren, dass die Lernbedingungen in jenem erwähnten Kurs sehr schwierig bis unmöglich gewesen seien. (Es gab keine gemeinsame Unterrichtssprache und ein paar Leute konnten auch nicht lesen oder schreiben.) Leider hab ich das Gefühl, ich war die einzige, die sowas mal nachfragt. Anderen kommt es nicht komisch vor, wenn die Refugees Aufenthaltsrecht, Sprachkurse und Arbeitsmöglichkeiten fordern und dann den Sprachkurs zum Teil nicht besuchen. Da reicht die Erklärung, die wären halt desinteressiert, den offensichtlichen Widerspruch aufzulösen? Es heisst doch immer, dass die berühmte andere Seite auch angehört werden sollte, bevor man sich ein Urteil erlaubt. Im Fall von Schwarzen, von Refugees, halten einige das wohl nicht für notwendig.

Und das, wo ich mich frage, wie wir eigentlich die ganze Zeit leben können mit dem Wissen, dass vor den Grenzen Europas täglich Menschen sterben, dass wir eine humanitäre Katastrophe hier vor der Tür haben und nichts tun und mit Frontex eine Privatarmee halten (als Europa jetzt) die Arme und Verfolgte bekämpft. Ich frage mich das und andere fragen sich zu dem Thema, wieso jemand in einem VHS Kurs auf sein Handy guckt und ob es der Person zusteht, als armer Mensch überhaupt ein Handy zu haben. Es frustet.

Und dann passierte es einer Freundin, dass die kürzlich auf einem Event war, wo ein alltagsrassistischer Vorfall war und sie versucht hat, jemand für den Event Verantwortliches zu finden, mit dem sie über eine für alle okaye Vorgehensweise reden kann, wie reagiert werden könnte – und die sich stattdessen dann wieder findet als das Gespött von Veranstaltungsleitung, anderen Besucher_innen und einem Sponsor. Fast schon österreichische Verhältnisse… die weißdeutsche Mehrheit versichert sich gegenseitig selbst wie toll und im Recht und wie okay sie doch sind, und die eine abweichende Stimme – jaja, das muss ja Überempfinlichkeit sein. Ich denke, sie schreibt irgendwann noch was dazu und dann verlinke ich das.

Alles in allem also echt wieder die böse Welt. Die böse Welt. Es ist echt unerträglich und trotzdem ertrage ich es, trotzdem wird weiter gefeiert und geselfcared und alles, weiter im Tagesgeschäft… seufz. Gestern habe ich einen Film gesehen darüber, ob die Deutschen in der Nazidiktatur vom Holocaust gewusst haben und ob sie dagegen hätten rebellieren können. Heute frage ich mich, wieso so wenige Leute aufstehen gegen das Sterben vor der Festung Europa.

Dann habe ich gestern in der Pause auf Arbeit einen Text auf Medienelite gelesen: Feminismus als Selbstinszenierung.  Ich hatte sehr gemischte Gefühle. Einerseits trifft es manches voll auf den Punkt, und ich könnte so viel unterschreiben. Andererseits finde ich der Artikel ist auch ne ganz schön krasse (Selbst)geisselung, weil einfach viel zu wenig Platz ist für die ganzen Zwischentöne und sehr hohe Ansprüche an die feministische Szene daraus sprechen. Klar gibt es dieses viele Mimimi und es rennen auch wirklich ein paar Leute auf Twitter rum, die Verantwortung abschieben, sich selbst zum hilflosen multidiskriminierten Wesen erklären und tatsächlich mehrfachdiskriminierte Menschen für ihr angebliches dominantes Verhalten am einen Tag in Grund und Boden stampfen, und am anderen Tag die selben Menschen für ihre Stärke loben. Also die feministische Untervariante von White Womens’ Tears. (bitte einfach googlen, das ist so ein feststehender Begriff dafür, dass weiße Frauen andere Menschen kontrollieren durch ihre Inszenierung von Hilflosigkeit und Ängsten).

Andererseits denke ich: Ja und? Natürlich findet all das statt. Wir sind Menschen und machen Fehler, und wir existieren in einem System, deren Machtstrukturen so und so sind und die haben wir kräftig mit verinnerlicht. Und schädigen andere und, wenn wir selber die Diskriminiertenkarte in der jeweiligen Struktur gezogen haben, mitunter uns selbst dadurch. Also wundert es mich halt kein bischen. Wir arbeiten dagegen an – aber das sitzt einfach sehr tief. Ich frage mich, ob der Text von Nadine nicht selber ein wenig an dem hohen Anspruch leidet, den sie kritisiert: dass wir aus diesen Strukturen bitte schon ausgebrochen sein sollen.

An der Stelle mag ich ja manchmal die Texte von Antje Schrupp. Hier “die schmerzhaften Debatten unter Feministinnen“. Weil sie oft das Drumherum beleuchtet. Wir kriegen Dinge nicht hin, ja. Aber kriegen die Anderen sie hin? Wie sieht denn die Kultur von Kritik und Auseinandersetzung so allgemein aus? Kann es sein, dass wir da vor Schwierigkeiten stehen, die schon lang vorher hätten absehbar sein können? Es ist nun mal nicht so, dass wir, bloss weil wir Feminismus gut und Diskriminierung scheisse finden, auf einmal in der Lage sind, anders mit allem umzugehen und verinnerlichte Muster abzuwerfen.

Eins finde ich auch sehr wichtig. Angesichts der bösen Welt, dem Netzaktivismus und all der Fails und Frustauslöser. Sich offline mit Leuten zu treffen, ob zum Aktivismus oder auch zum Diskutieren oder einfach bloss herumrelaxen, das bringts. Zum einen kommt vom blossen Petitionen online klicken nicht soviel rum als wenn sich Menschen auch konkret offline zusammentun und bemerkbar machen. Zum Anderen – die Gespräche, zusammen stricken, zusammen Blödsinn machen. Das ist toll. Internet und Offline-Leben ergänzen sich doch ganz gut in der Hinsicht.

Den Schuh zieh ich mir nicht an.

Das ist eine Antwort auf ein Zitat aus diesem Text von Steinmädchen “Warum ich nicht mehr zu Selbstfürsorge(kritik) bloggen werde”.

Hier das Zitat:

“Ich finde das selbst oft schwer, nur zu gern beantworte ich Fragen, Aussagen, Schwierigkeiten mit: „Scheiß Patriarchat“. Und dabei spreche ich wieder von weißen Feministinnen. Mich irritiert es, wenn weiße Feminstinnen mir kommunizieren: Siehst du, die Schwarzen Frauen sind mehrfachdiskriminiert und die sprechen auch von Selbstfürsorge! Und wieder einmal wird dasselbe Audre Lorde Zitat herangezogen um die eigenen Aussagen zu stützen.

Für mich ist die Schwarze Kritik und radikale Praxis der Selbstfürsorge und auch Selbstliebe nicht einfach übertragbar auf einen weiß-deutschen Raum. Es riecht zu sehr nach Aneignung. Es reicht nicht, ein schönes passendes Zitat rauszusuchen und den restlichen Teil der Praxis rauszulassen. In diesem Text von Rose Arellano spricht diese sich für Selbstliebe und Selbstfürsorge aus, als absolute Notwendigkeit im Kontext von internalisiertem Rassismus und der Gewöhnung an (sexualisierte) Gewalt. Dieser Text macht für mich wie einige andere (z.B. von bell hooks über (Selbst)Liebe) wirklich noch mal deutlich, wie unterschiedlich Texte verortet sind – und was ich darin zu suchen habe, nämlich als Teil eines rassistischen Systems. Was aus einer Situierung heraus radikal sein kann, kann aus einer anderen mehr Reproduktion als Herrschaftskritik sein. Daher ist es umso wichtiger, Verantwortung für sich zu übernehmen und zu prüfen, wann ich nur um mich kreise und statt Puder vielleicht auch mal mit einem Arschtritt umgehen kann.” (Steinmädchen. Link s.o.)

Auf diesen Abschnitt in dem Text von Steinmädchen möchte ich eingehen, weil ich denke, sie meint direkt mich und meinen Text, den ich vorgestern veröffentlicht habe.
Ja, ich habe “das selbe Audre Lorde Zitat” herangezogen.
Aber nicht, um meine Aussagen zu stützen, oder zu begründen, wieso ich meinen “weißen Arsch pudere”. Sondern es ging mir darum, dass Selfcarekritik oft vergisst, dass die am wenigsten privilegierten Menschen am meisten Selfcare nötig haben und auch am meisten kompetente Sachen dazu geschrieben haben.

Mir war nämlich nicht gleich automatisch klar, dass sich die Selfcarekritik von Steinmädchen selbstverständlich nur an weiße Feminist_innen im weißdeutschen Kontext richtet. Es stand auch nirgends explizit dran, meine ich. Ich bin auch nur eine einfache Bäckerin. Mir muss eins vielleicht auch manchmal Sachen vorbuchstabieren.

Also zunächst einmal: Erleichterung und Juppiehdu, dass die Kritik der Selfcare speziell weiße Feminist_innen meint und die Selbstfürsorge Schwarzer Feminist_innen davon ausgeklammert wird. Das finde ich gut. Hätte ich das gewusst! Hätt ich mir ne Stunde Tipperei gespart.

Aber dann: Ich bin da nicht richtig verstanden worden, wenn du (@Steinmädchen) schreibst, “es riecht nach Aneignung”. Ich würde mir inzwischen (denn ich bin ständig am lernen) niemals anmaßen, Audre Lordes Zitate über das Überleben in einem System, das Schwarze mit seinem strukturellen Rassismus nicht am Leben lassen will, auf mich selbst anzuwenden.

Das Fazit ist einfach: ein unausgesprochenes Meinen von Weißen, ohne dass es deutlich benannt wird, gerät einfach zu einer Aussage, die für Alle gelten will. (Das denk ich mir nicht aus, sondern das ist auch strukturell.)
Und das fand ich nicht gut, und deshalb habe ich zu einem Abschnitt ausgeholt, wo ich darauf aufmerksam machen wollte, dass es ausser weißem Selfcare-Blahblah auch etwas Anderes gibt. Und das finde ich nicht gut, wenn mir das hinterher als Aneignung im Mund herumgedreht wird!

Ich kann ja trotzdem mal über Positionierungen nachdenken. Ich fand in dem Text dazu einige Anregungen, aber er war mir insgesamt viel zu vielschichtig, um mir auch nur annähernd sicher zu sein, worauf es hinausläuft und was die Knackpunkte in dem Text eigentlich sind.
Und da stosse ich auch an eine Grenze, wo ich merke, ich kann mich an der Debatte nicht mehr “richtig” beteiligen. Wo die Verunsicherung, ich könne für eine solche Diskussion zu blöd und ungebildet sein, einfach zu gross wird.

Ich meine das durchaus ehrlich, was ich unter dem Text kommentiert hatte, dass ich mit ihm etwas anfangen kann. Ich werde darüber nachdenken. In meinem Kämmerlein. Ist ja auch wat schönes.

Schnaps zur Hand..?

..fragte Accalmie auf Twitter und verlinkte diesen Artikel von Che samt Kommentaren. 

In Kürze: Schon wieder ein Blogpost (ganz kurz) aus der Serie “Ich raffe Eure Gegensätze nicht”.

Naja, zunächst denke ich mir: blöd dass ich als prinzipielle Abstinenzlerin diesen Link angeklickt habe, ohauerha. Ich mag auch nicht wirklich gross was aufdröseln versuchen, dazu hab ich auch grad keine Energie übrig. Was mir aber so auffiel ist das da:

“Es sind ja eben solche akademisch-mittelschichtigen, die feministische Linguistik zwanghaft noch im breitesten Biertischgespräch gebrauchenden (und zugleich meine kurdischen und persischen Freund ausgrenzenden) StudentInnen gewesen, aus deren Gesellschaft ich damals geflüchtet bin, und zwar in die Gesellschaft von Geflüchteten hinein.” (Zitat Che, Direktlink dazu)

Schönes Wortspiel, aber davon abgesehen, und das schien mir so in mehreren Postings in verschiedenen Blogs und auch in der “Critical Whiteness Debatte” in Deutschland 2012 ein wenig so zu laufen: Es wird wieder mal so einsortiert in “Geflüchtete, die total locker und selbstironisch sind und die _echte Probleme_ haben und keine Zeit für so Pillepalle wie “Alltagsrassismus”” und “Critical Whiteness-Linke StudentInnen, die total verwöhnt und überakademisch mit _eingebildeten Problemen_ Pillepalle statt den _echten_ Rassismus (TM) thematisieren.”

Folgerichtig nennt Che dann auch die Leute, die er so kennt “realiter Diskriminierte” (die “Anderen” sind dann nur eingebildet diskriminiert).

Diese Unterscheidung sagt doch am meisten über diejenigen aus, die sie unbedingt machen müssen. Ich raffe sie nicht. Ich komme zu diesen Critical Whiteness-Geschichten nämlich andersrum als Che: Ich hatte mit Geflüchteten zu tun und Jahre mit Geflüchteten zusammengelebt, und durch die Perspektive, die bei mir dadurch ganz schön zurechtgerückt worden ist, komme ich ja dahin, in “kritischem Weißsein” und der Beschäftigung damit eine große Chance zu sehen.  So abstrus und akademisch-lebensfremd finde ich kritisches Weißsein gar nicht, im Gegenteil, ich befasse mich (leider sehr langsam und schleppend) gerade theoretisch damit und erinnere mich an Dinge, die Schwarze geflüchtete Freunde seinerzeit sagten, deren Tragweite ich damals noch nicht erfassen konnte, aber wo der Groschen jetzt, beim Theorie “nachbüffeln” erst so richtig fällt.

In dem Buch “Mythen, Masken und Subjekte. kritische Weißseinsforschung in Deutschland” gibt es den “vierstimmigen Prolog” der Herausgeberinnen, darunter “Ein Schwarzes Wissensarchiv” von Maureen Maisha Eggers. Darin schreibt sie, dass subalterne Schwarze Subjekte schon lange vor der “kritischen Weißseinsforschung” Weißsein erforscht und Wissen darüber gebildet und weitergegeben haben. Sie schreibt: “Schwarze Menschen haben Weiße immer ganz genau – wenn auch unauffällig (…) observiert, taxiert und analysiert”.

Das ist vielleicht ein akademischer Text, und ich habe einige Sätze darin mehrmals lesen müssen, bis ich sie halbwegs verstanden habe, aber da gehts nicht um akademische Dinge, sondern um die Realität von Menschen, die sich in einer Gesellschaft befinden, wo Weiße Macht über sie haben. Ich lese diese Dinge und sehe darin die Vorgänge beschrieben und analysiert, die damals zwischen weißen Linken und Schwarzen Geflüchteten im scheinbar “Privaten” abgegangen sind. Und wie sich das anschliesst an Dinge, die ich von Schwarzen Menschen  gehört und gelesen habe, und wie das gar nicht zwei verschiedene Bereiche sind, der “alltägliche Rassismus” und die “realiter-Diskriminierung a la Che (=Diskriminierung von Geflüchteten)” und wie es vielleicht gar nix gebracht hätte, sich vor den “lästigen Diskursen” in die Gesellschaft von Geflüchteten zu flüchten, weil da die Diskurse genauso fällig sind. (Ich könnte mir heute noch bei dem Gedanken in den Arsch beissen, dass einige dieser weißen Linken bis heute noch denken, sie hätten den Geflüchteten damals doch gut geholfen und alles wäre chic gewesen. Letztendlich war der Kram nur innerhalb einer Mediation thematisierbar und diese hat auch nur bewirkt, dass ich den gelaufenen unbewussten Rassismus einmal kurz thematisieren durfte, ohne kollektiv in den Boden gematscht zu werden, bzw. die Mediatorin hat die aufkommende Empörungs-Stampede dann gestoppt. Aber geschnallt hat trotzdem keiner was.). Vielleicht stört die meisten auch nur ein bestimmter Kommunikationsstil oder eine bestimmte Szene-Umgangsweise. Aber Critical Whiteness ist weder ein Kommunikationsstil noch eine Szene-Subkultur und wenn, dann soll sich diese Szenesubkultur ein anderes Wort dafür suchen was sie macht.

Dann verlinke ich am Schluss die Texte, die vor dem von Che in der Reihenfolge kommen (und die eh jede_r kennt, nehm ich mal an) und die ich gut fand:

Critical Whiteness Leseliste

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Literatur vom Critical Whiteness Workshop, auf dem ich letzten Herbst war, für diejenigen, die’s interessiert. Lange lag sie in den Bergen meiner Papiere verschütt, und neulich fand ich sie wieder und habe sie abgetippt. Die Liste ist  von den Trainer_innen des Workshops zusammengestellt und nicht auf meinem Mist gewachsen, aber sie haben mir freundlicherweise erlaubt, diese Leseliste für Euch zu veröffentlichen.

  1. Mythen, Masken und Subjekte darin: der Artikel von Susan Arndt: Mythen des weißen Subjekts. Verleugnung und Hierarchisierung von Rassismus.
  2. Susan Arndt: Weißsein. Zur Genese eines Konzepts. In: Theorie und Praxis der Kulturwissenschaften. Culture. Discourse.History.
  3. Susan Arndt: Rassismus. In: Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache.
  4. Cavalli-Sforza, Luca + Francesco: Verschieden und doch gleich. Ein Genetiker entzieht dem Rassismus die Grundlage. (leider fand ich auf Anhieb nur den Amazonlink).
  5. Teun van Dijk: Discourse and the denial of racism, in: Discourse & Society 3, 87-118. (um an den Artikel zu kommen, muss man sich einen Zugang für 35$ kaufen, was ich wohl eher nicht tun werde für einen einzigen Artikel..
  6. Ruth Frankenberg: Introduction. In: Displacing Whiteness. Essys in Social and Cultural Criticism.
  7. bell hooks: Representation of Whiteness. In: Black Looks. Race and Representation.
  8. Antje Hornscheidt, Adibeli Nduka-Agwu: Der Zusammenhang zwischen Rassismus und Sprache. In: Rassismus auf gut deutsch.
  9. Judith H. Katz: White Awareness. Handbook for Anti-Racism-Training.
  10. Toni Morrison: Playing in the Dark.
  11. Peggy Piesche, Susan Arndt: Weißsein. Die Notwedigkeit kritischer Weißseinsforschung. In: Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache.
  12. Noah Sow: weiß. In: Wie Rassismus aus Wörtern spricht. (K)Erben des Kolonialismus im Wissensarchiv deutsche Sprache.
  13. Mark Terkessidis: Psychologie des Rassismus.
  14. UrsulaWachensorfer: Weiß-sein in Deutschland. In: AfrikaBilder. Studien zu Rassismus in Deutschland.
  15. Güler Arapi, Mitja Lück: Mädchenarbeit in der Migrationsgesellschaft.
  16. cyberNomads (hg): The Black Book. Deutschlands Häutungen.
  17. Stefan Gerbing, Rona Torenz: Kritische Weißseinsforschung und deutscher Kontext.
  18. Kien Nghi Ha, Nicola Samarai Al-Lauré, Sheila Mysorekar: re/visionen. Postkoloniale Perspektiven von People of Color auf Rassismus, Kulturpolitik und Widerstand in Deutschland.
  19. bell hooks: Sehnsucht und Widerstand. Kultur. Ethnie. Geschlecht.
  20. Gloria Joseph: Schwarzer Feminismus. Theorie und Politik afroamerikanischer Frauen.
  21. Grada Kilomba: Plantation Memories.
  22. Mitja Lück, Kevin Stützel: Zwischen Selbstreflektion und politischer Prasix, die kritische Reflektion von Weißsein in der antirassistischen Bildungsarbeit. In: Politische Bildung und Emanzipation.
  23. Paul Mecheril: Einführung in die Migrationspädagogik.
  24. Peggy McIntosh: White Privilege and Male Privilege. Wieder abgedruckt In: Critical Whiteness Studies. Looking behind the Mirror.
  25. Katharina Oguntoye, May Opitz, Dagmar Schultz: Farbe bekennen. Afro-deutsche Frauen auf den Spuren ihrer Geschichte.
  26. Ingmar Pech: Whiteness: akademischer Hype und praxisbezogene Ratlosigkeiten? In: Spurensicherung – Reflexion von Bildungsarbeit in der Einwanderungsgesellschaft.
  27. Noah Sow: Deutschland Schwarz Weiss. der alltägliche Rassismus.
  28. Hito Steyerl, Encarnación Gutiérez Rodríguez: Spricht die Subalterne deutsch? Migration und postkoloniale Kritik.
  29. Anja Weiß: Identitätspolitik ohne “passende” Identität? Zum Paradox eines weißen deutschen Antirassismus. In. Psychologie und Gesellschaftskritik, Jg. 23, Nr. 91
  30. Anja Weiß: Antirassistisches Engagement und strukturelle Dominanz. Was macht weißen Deutschen die Auseinandersetzung mit Rassismus so schwer? In: Suchbewegungen. Inerkulturelle Beratung und Therapie.
  31. Eske Wollrad: Weißsein im Widerspruch. Feministische Perspektiven auf Rassismus, Kultur und Religion.
  32. Susan Arndt: Die 101 wichtigsten Fragen: Rassismus (Link zu einer Besprechung bei Deutschlandradio Kultur)

One Billion Rising. Ihr wollt Kongo? Da habt ihr Kongo..

Triggerwarnung: Rassismus, Kolonialistische Verbrechen gegen die Menschheit.

Gestern war ich bei einer kurzen, aber netten Tanzdemo am Brandenburger Tor in Berlin, der Stadt, in der ich wohne. Das Ganze war veranstaltet vom Mädchensportzentrum “Centre Talma” in Wittenau im Rahmen von One Billion Rising. Diese Kampagne gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen wurde von Eve Ensler initiiert, die den Auftakt des weltweiten Aktionstages in der DR Kongo mitgefeiert hat, um ein besonderes Zeichen zu setzen, weil im Ostkongo die Rate der sexuellen Gewalt gegen Frauen sehr, sehr hoch ist.

An der Kampagne gab es auch Kritik, so z.B. auch der Artikel “Why I won’t support One Billion Rising” von Natalie Gyte. Nadine Lantzsch hat gefragt, ob OBR nicht einfach nach dem gleichen Schema wie die Slutwalks 2011 abläuft und nicht auch an den selben Problemen krankt:

heute fiel mir auf, dass one billion rising eigentlich nur eine wiederholung der slutwalks ist, mit all ihren re_produzierten machtverhältnissen, ausschlüssen, diskriminierungen, un_sprechbar_machungen und ent_konzeptualisierungen. nur halt mit weniger wut.

Ich hatte die Diskussion um die Slutwalks 2012  ja mitgekriegt, und damals gab es das Argument “Aber es gibt auch einen Slutwalk im Kongo”.  (Slutwalks sind die “Schlampendemos” die 2011 weltweit stattfanden, nachdem ein Polizeioffizier in Toronto bei einem Vortrag Studentinnen sagte, sie sollten sich nicht wie “Sluts” – Schlampen – anziehen, um Vergewaltigungen zu vermeiden).

Anlässlich dessen habe ich mich letzten Herbst mit der Situation von Menschenrechten von Frauen im Ostkongo befasst. Ich kriege das Amnesty Magazin, da ist das auch regelmässig Thema. Im Osten des Kongo, in Nord-Kivu, die Hauptstadt ist Goma, ist seit vielen Jahren Krieg. In diesem Krieg wird Vergewaltigung als Kriegswaffe eingesetzt, von den Rebellengruppen und auch der offiziellen Armee. Nord-Kivu ist reich an Gold und Coltan. Coltan ist ein Erz, das zur Herstellung von Handys gebraucht wird. Die DR Kongo ist der weltweit zweitgrösste Lieferant von Coltan. 50% des weltweit abgebauten Coltans werden von einer Tochterfirma der Bayer AG aufgekauft. Quellen: Amnesty Magazin, Wikipedia

Das heisst ja nichts anderes, dass die Frauen, die in der DR Kongo vergewaltigt werden, für unsere Handys vergewaltigt werden. Bedroht mit Waffen, die wir ihnen liefern. Das Embargo wurde 2008 gelockert, und seit 2009 werden die Zustände immer schlimmer.

Aber das ist noch nicht alles. Der östliche Kongo grenzt an Ruanda und Burundi, und in den Bürgerkrieg sind jeweils oft Hutu- bzw. Tutsi-Milizen verwickelt, auch im Ostkongo. Was in diesem Zusammenhang interessant ist: Die Hutu bzw. Tutsi waren, auch laut Wikipedia, einmal Stände in der Gesellschaft des vorkolonialen ruandischen Königreichs. Es waren die Deutschen kolonialen Besatzer, die Hutu und Tutsi als “Rassen”, basierend auf der in Europa damals populären rassistischen Einteilung von Menschen in solche, interpretierten. Jahrzehntelang zementierten die Kolonialherrscher, erst Deutsche, dann Belgier, rassistisch Unterschiede zwischen Hutu und Tutsi, was bis heute nachwirkt. Darauf wies mich Momorulez bei Facebook hin, als ich dort schrieb, ich befasse mich gerade mit den Gründen für den Krieg im Ostkongo.

Daher habe ich beschlossen, etwas geschichtliche Nachhilfe zu nehmen über den Kongo in der Kolonialzeit und las die entsprechenden Wikipedia-Artikel. (Geschichtlich gesehen wurde mir und wahrscheinlich auch den meisten anderen hier in Deutschland zur Schule gegangenen Menschen, was den Kolonialismus angeht, so gut wie keine Bildung nahegebracht.) Was ich da fand, ist unvorstellbar: Zwischen 1888 und 1908, nachdem auf der berüchtigten Berliner Konferenz der belgische König Leopold den Kongo als persönliche Kolonie zugesprochen bekam, hat dieser in einem grausamen Ausbeutungsregime etwa die Hälfte der Gesamtbevölkerung umgebracht. Der Grund war Kautschuk – Leopold hatte 20 Jahre lang, bis neu angepflanzte Kautschukplantagen in Südamerika anfingen, sich zu rentieren, quasi ein weltweites Monopol. Er wurde zum zweitreichsten Mann der Welt. 10 Millionen Menschen mussten dafür sterben. Die halbe Bevölkerung des Landes!

Das Kolonialregime konnte die Zwangsarbeiter nicht einsperren oder in Ketten legen, weil sie zum Kautschukernten weite Strecken durch den Urwald wandern mussten. Also nahmen sie die Frauen und Kinder der kautschuksammelnden Männer in Geiselhaft. Vergewaltigungen waren an der Tagesordnung. Viele Frauen starben in Geiselhaft. Wenn nicht genug Kautschuk gebracht wurde oder die Männer sich verspäteten, wurden die Frauen getötet.

König Leopold wurde, als das rauskam, nicht bestraft, er musste lediglich seine private Leibkolonie dem belgischen Staat übergeben. Zu dem Zeitpunkt waren die Kautschukplantagen, die 20 Jahre zuvor angepflanzt worden waren, konkurrenzfähig geworden und es hätte sich für ihn eh nicht mehr gelohnt.

Heute erinnert sich scheinbar niemand in Europa mehr daran. Die Menschen aus dem Kongo werden sich aber sehr wohl dessen bewusst sein, und ich finde es einfach nur beschämend und furchtbar, dass europäische Völkermorde und Schreckensregime wie dieses so derartig verschwiegen und vergessen werden. Ich kann mir gar nicht vorstellen, was das für ein langwährendes gesellschaftliches Trauma darstellt, wenn eine Generation lang ein Regime wütet, das die halbe Bevölkerung vernichtet, Familien auseinanderreisst, den Kindern die Hände abhackt, die Frauen vergewaltigen lässt.
Dafür hat das Land nie irgendeine Entschädigung erhalten.

(Boah, mir steht das bis hier. Und ich bin noch nicht mal bei der Ära 1908-1960 angekommen, als der Kongo unter belgisch-staatlicher Kolonialherrschaft stand.)

So wie ich das verstehe, wurde die Gesellschaft im Kongo in der Kolonialzeit tiefgreifend zerstört und traumatisiert, danach noch weitere 50 Jahre ausgebeutet, danach die Selbstbestimmung durch die Freiheitsbewegung torpediert, indem einem Diktator geholfen wurde, sich an die Macht zu putschen, nur 5 Jahre nach dem Ende der Kolonialbesatzung. Noch schnell ein Link zu einem Artikel über die Ermordung Patrice Lumumbas.

Also, unterm Strich.. wer sich ein wenig für Kolonialverbrechen, afrikanische Geschichte und dergleichen interessiert, findet in dem Land ein Fass ohne Boden der europäischen Verbrechen, und ich muss keine Politikwissenschaft studieren um zu dem Schluss zu kommen, dass viele der heutigen Probleme im Kongo, auch die Menschenrechtssituation der Frauen im Kriegsgebiet, sehr viel damit zu tun haben.

Zur gleichen Zeit kommen Feministinnen aus Europa und den USA und erklären den kongolesischen, im Bürgerkrieg um Rohstoffe vergewaltigten Frauen, sie sollen aufstehen und tanzen, sich die Gewalt nicht mehr bieten lassen, wir seien doch alle im gleichen Boot, alle Frauen, weltweit, und jetzt tun wir uns zusammen. Ohne dass sich auf die Ursachen der sexuellen Gewalt auch nur kurz bezogen wird. Gleichmacherisch. Ich kann diejenigen verstehen, die da mitgemacht haben, weil jede Publicity im mächtigen Westen vielleicht Hoffnung bringt – es schauen einfach schon viel zuviele viel zu lange weg. Auf dem One-Billion-Rising Event sprach auch Dr. Denis Mukwege, der mit vielen Friedens- und Menschenrechtspreisen für seine Arbeit für vergewaltigte Frauen ausgezeichnet ist. September 2008 zitierte ihn das Amnesty Magazin:

“Was mich wundert, ist, dass alle Welt weiß, was hier passiert, und niemand etwas tut”, sagt Mukwege.

Ich kann aber auch verstehen, wenn es Aktivist_innen und Menschenrechtsverteidiger_innen im Kongo gibt, die sagen: Wie arrogant und geschichtsvergessen ist das denn? Wie in dem Artikel von Natalie Gyte erwähnt.

Ich war bei OBR, und ich finde es unterm Strich gut, dass überhaupt Öffentlichkeit geschaffen wird für Gewalt gegen Frauen* und Mädchen*. Aber ich habe durch diese “Wir Frauen – Weltweit” Aktionen, anlässlich der Kritik an ihnen, auch mal nur kurz über den Tellerrand geguckt und bin einfach nur entsetzt und beschämt deswegen, was an Verbrechen, die im Kolonialismus geschehen sind, mir schon bei diesem kurzen Blick entgegenkam – und wie sehr das hier in der weißen europäischen Gesellschaft beschönigt, verdrängt, verschwiegen bleibt.

Da gibt es noch viel zu tun.

Ich bin nur ein Mensch, eine Person, die nur wenig und seit kurzem darüber weiß, keine Expertin, sogar eklatant ungebildet, was diesen Teil der Geschichte angeht. Leider auch zu ungebildet, um Euch gute Links zu wirklichen Expert_innen zu geben. Was ich mir angelesen habe, kann man sich auch an einem Abend anlesen, wenn man entsprechend Wikipedia liest und bei Amnesty sucht. Daher kann das eigentlich nur eine Aufforderung an mich selber sein und an Leute, denen es so wie mir geht, dran zu bleiben, sich zu informieren, zuzuhören und das was geschehen ist, anzuerkennen und nicht zu vergessen und zu verschweigen wie bisher.

Emotionale Betroffenheitsbefindlichkeit: “Wem sollen wir denn glauben?”

Es ist aber erst mal Linky-Zeit!

Momorulez hat wieder mit dem Saxophonspielen angefangen, und ich fühle mich durch die Saxophon-Dialoge fein motiviert, weiterzulernen. Ich frage mich, wann der Zeitpunkt kommt, an dem man sich nicht mehr als Anfänger_in fühlt. Bei mir ist es nach 2 Jahren noch nicht ganz so weit, aber ich habe auch 2012 viel um die Ohren gehabt und viel weniger spielen können, als ich mir das gewünscht hätte.

Ausserdem auch am selben Ort: Mal kurz was zu Zensur.         Nachdem sich Accalmie des Themas in On Censorship auf englisch schon angenommen hatte, und ich Accalmies Artikel auf Facebook gefühlte 20 Mal verlinkt hatte, kann ja ein weiterer nicht schaden.

Und das hier ist einfach nur der Hammer: Sprachpolizeiakademie  – muahahahaha…

Die Mädchenmannschaft und Andere dokumentierten einen Brief, der am Montag bei Facebook rumging und den eine 9jährige an die ZEIT geschrieben hatte, um sich über diese zu beschweren. Ich nehme an, ihr kennt den eh alle, falls nicht: Die Publikative hat dazu ein paar Hintergrundinfos und auch den Brief abgebildet.

Ich bin in der N-Wort-Diskussion dann doch noch mit einer Reaktion konfrontiert worden, die mich enttäuscht und gekränkt hat, in der ich quasi als fundamentalistische AntiRa-Taliban, welche alle, die ein Haar von ihrer “alternativlosen” Meinung abweichen würden, mit dem “Rassistenlabel” versehen würde. Ich habe mir neulich sagen lassen, dass das aber auch vielen anderen Menschen so ergeht, die das Thema Rassismus anschneiden. Sie sehen sich der empörten Reaktion gegenüber “WIE, du nennst mich einen RASSISTEN??!!!???”, obwohl man über das, was das Gegenüber angeblich ist oder nicht, gar nicht gesprochen hat. Neulich, das war gestern, und da sah ich mir dieses geniale Video mit einem kurzen und sehr interessanten Vortrag von Jay Smooth an. Darin geht es um Kommunikation über Rassismus und zwei gängige Falschauffassungen: 1: Wer rassistisch spricht/handelt, ist immer ein_e Rassist_in, und 2: Entweder man ist Rassist_in oder man ist komplett frei davon. Das Video ist so anschaulich und zieht so treffende Vergleiche. (auf Englisch). Den Link hatte ich in diesem Artikel bei Bühnenwatch gesehen. Welchen ich auch klasse fand und weiterempfehle.

Zum eigentlichen Thema. Wegen dem oben verlinkten Leserbrief von Ishema Kane haben unabhängig voneinander drei Menschen in Kommentaren auf verschiedenen Facebook-Konversationen, die ich mitverfolgte, gesagt, dass Ishema ja nur mit ihren individuellen Gefühlen argumentiert. Dass es gefährlich sei, das als Begründung heranzuziehen, warum mensch gegen rassistische Begriffe in Kinderbüchern sei. Denn wenn andere Kids of Color sich melden würden und schreiben würden, es störe sie keineswegs, wenn da das N-Wort steht, was denn dann?

Ganz einfach: Nichts ist dann. Begründung:

Ich denke, dass hier diejenigen etwas mißverstehen. Ob jemand Anstoss an etwas nimmt, ist tatsächlich subjektiv. Das Anstoss nehmen war aber auch nie das Kriterium, denn sonst könnte ich auch mit etwas ankommen, das wirklich nur mir allein so geht, und fordern, das gehöre nun weg, weil es _mich_ stört. Angenommen, mich stört das Wort “Lehrer” und ich fordere jetzt, es zu entfernen oder zu ersetzen. “Da kann ja jeder kommen”. “Dürfen wir bald gar nix mehr sagen?” usw.

Nein, liebe Leute, beruhigt euch. Es ist gar nicht so. Denn es geht gar nicht darum, dass jetzt alles, was irgendjemanden stört und vielleicht sogar tief verletzt, entfernt wird aus Kinderbüchern. Es geht immer noch um Diskriminierung, um Benachteiligung von Menschen. Es geht darum, dass diskriminierende Inhalte in neueren Auflagen nicht mehr erscheinen sollen. Und diskriminierende Inhalte werden nicht dadurch besser oder weniger diskriminierend, dass sich einige Betroffene nicht an ihnen stören. Deshalb würde es auch keinen Unterschied machen, wenn ein anderes Schwarzes Kind einen Brief schreiben würde, in dem stünde “Mich stört das aber nicht”.

Diskriminierung abstellen zu wollen ist (u.A. auch für mich) erstrebenswert, unabhängig davon, ob Betroffene individuelle Workarounds gefunden haben, mit dieser umzugehen, oder nicht. Betroffene, die individuelle Workarounds gefunden haben und von anderen Betroffenen verlangen, sie sollten eben auch individuell Workarounds finden, (z.B. Kristina Schröder “Danke, emanzipiert sind wir selber”?) ändern an der Diskriminierung, der Struktur, ja nichts. Und ich finde es auch irgendwo ein bischen unsolidarisch gegenüber anderen Betroffenen.

Im Übrigen habe ich vor dem individuellen Workaround von Betroffenen Respekt, ich habe grundsätzlich Respekt vor der Leistung, sich innerhalb von diskriminierenden Strukturen zu behaupten, sich durchzubeissen, sich einen Platz zu erkämpfen, nicht den einzunehmen, auf den einen die Mehrheitsgesellschaft schubst. Wenn Menschen dafür einstehen, auf Betroffene, die sich beklagen, zu hören, wird ihnen oft geantwortet, sie reduzierten die Betroffenen zu “Opfern” und diejenigen, die sich da rausgekämpft haben, würden gar nicht anerkannt. Ich verstehe diese Zweiteilung von Betroffenen in “passive Opfer” und “mutige Macher_innen” nicht so recht: Wir müssen doch nicht einteilen in Menschen, die sich über Diskriminierung beklagen und “Opfer” sind und Menschen, die sich individuell aus einer Diskriminierungssituation erheben und sich erfolgreich freikämpfen, als das einzig wahre Rollenmodell. Das wäre “teile und herrsche” Politik. Das wäre auch wieder dem Opfer die Schuld geben, wieso beklagt es sich auch, wieso tut es denn nix? (das war Ironie) Dabei wird zudem nicht anerkannt, dass das Anklagen von Missständen eine sehr mutige und aktive Handlung ist, gerade in einer diskriminierenden Struktur, weil diese dazu geschaffen und erstellt wurde, eben diese Stimme, die sich zur Anklage erhebt, zum Schweigen zu bringen und lächerlich zu machen. Aber ich schweife ab.

Zurück zu dem “Anstoss nehmen” und der individuellen Befindlichkeit: In individuellen Gefühlen bildet sich natürlich auch ab, wenn man Diskriminierung erlebt. Natürlich sind Menschen sauer, wenn sie Diskriminierung ausgesetzt sind, was denn sonst?  Was Ishema als “es ist einfach nur sehr, sehr schrecklich” beschreibt, ist das aber nicht ihre persönliche “Empfindlichkeit”, sondern da geht es um die ganze Struktur der Abwertung, des Othering, mit dem Ishema gewaltsam auf einen bestimmten Platz verwiesen wird, indem man ihr in einem DER Kinderbücher (an denen in dieser Kultur hier kaum jemand vorbeikommt) das N-Wort hinknallt.

Gegen diese Diskriminierung sind wir, nicht dafür, dass alle, die sagen, sie stossen sich an irgendwas, das Recht haben, dass dem nachgegeben wird. Oder sogar, wenn Personen, die sich in einer privilegierten weißen Position befinden, sagen, sie stossen sich daran, dass sie als weiße sich mit dem Bild von Weißbroten konfrontiert sehen, o.Ä. Ein Weißbrot mag veräppeln, es ist möglicherweise auch nicht besonders nett. Aber es diskriminiert Weiße nicht. Dazu fehlt es an einer diskriminierenden Struktur weißen Menschen gegenüber.

Letzte Woche kam ein Blogeintrag raus, der sich auch genau mit dem Thema beschäftigte, eigentlich schon vorletzte Woche. “I don’t care if you’re offended” auf dem Blog von Scott Madin.

Diesen habe ich heute endlich gelesen und fand: Ja. Passt jetzt genau. Thank you, Scott Madin!

Anm: Ich habe in dem Text (möglicherweise nicht konsequent) die Worte “Schwarz(e)” und “weiß(e)” groß bzw. kursiv geschrieben, um zu irritieren, denn damit sind keine natürlichen, biologischen Kategorien gemeint, sondern soziale. Also, das soll heissen, dass die andere Schreibweise in Erinnerung rufen soll, dass Menschen diese Kategorien gezimmert haben. Das habe ich aus dem Buch “Mythen, Masken und Subjekte” (Kilomba, Eggers, Piesche, Arndt 2009)

Reflektion und Räume dafür

Die Idee ist offen für Alle, richtet sich aber speziell an weiße Leser_innen. An Alle, die Bock darauf haben, sich mit ihren Privilegien zu beschäftigen. Es geht um Selbsterkenntnis und Verständnis.

Worterklärungen:
* People/Person of Color = PoC = von Rassismuss betroffene Person/Menschen, Menschen, die nicht die sozialen Privilegien haben, die Weiße haben. Man kann auch “Mensch of Color, Leser_in of Color, Irgendwer of Color sagen. Es gibt noch kein deutsches Wort dafür, was sich eingebürgert hat).
* Critical Whitness = kritisches Weißsein = eine Theorie über Rassismus, welche die soziale Position untersucht, die vom Rassismus begünstigt wird.

Also ihr Lieben! Ich war neulich auf einem Critical Whiteness Workshop und da kam auch raus, dass es für das kritische Reflektieren (reflektieren = bedenken, überdenken, hinterfragen) von Weißsein und den dazugehörigen Privilegien wenig Raum im Leben der Teilnehmenden gab.
Vielleicht geht Euch das auch so?
Vielleicht weil ihr wenig Weiße persönlich kennt, die das Thema wichtig finden. Auch weil ihr nicht öffentlich den Raum für das Äussern von “white guilt” (= Schlagwort für “weiße Schuldgefühle”) einnehmen wollt um nicht Anderen, euren Leser_innen of Color z.B., damit auf die Nerven zu gehen. Vielleicht sich mal zu fragen, wieso bin ich als Weiße überhaupt motiviert, gegen Rassismus zu sein? Und alles so um das Thema herum.

Meine Überlegung wäre, das in einem nicht öffentlichen virtuellen Raum zu machen. Der Grund, warum nicht öffentlich: Um mit der Situation “Weiße haben blöde Fragen und Luxusproblemchen” (relativ gesehen) nicht öffentlich zu nerven und den Raum zum Thema Rassismus nicht damit übermässig einzunehmen.

Was mir noch unklar ist, ist, wie das gewährleistet werden kann, dass das nicht kippt (und nicht z.B. Weiße anfangen, sich gegenseitig zu versichern ihr dominantes Verhalten wäre doch ganz ok.) Gut sind bestimmt Leuts mit Erfahrung mit dem Thema, die Lust darauf haben und dann “Stop” sagen.
Das Ganze würde auch sicher nicht schon sofort morgen entstehen. Wenn, dann eher im 1. Quartal 2013. Aber wir können ja jetzt schon überlegen ob und wie es überhaupt sinnvoll ist, so einen Raum zu schaffen.
Also analog zu ner kritischen Männergruppe, die sich mit Sexismus beschäftigt.

Mir fiel zuerst eine Mailingliste ein, z.b. eine Yahoo Group. Da ist die Frage, wer soll so eine Liste wie moderieren? Oder “Hangouts” wie bei google+? (habe ich noch nie ausprobiert). Was gibt es noch für “Social media” Möglichkeiten?
Was wäre nötig um sowas machen zu können?
Hat wer Interesse?
Dann kommentiert doch mal oder schreibt mir eine mail an distel (at) spiritvoices (dot) de.

Update am Samstag, den 27.10: Es hat sich niemand gemeldet, und ich denke, die berechtigte Skepsis ist einerseits zu gross und andererseits, ist dieser Beitrag auch eine unbedeutende Äusserung irgendwo im Internet und keiner liests ;-)) wenn ich so in die Statistik schaue, hatte dieser Eintrag auch nur knapp über 30 Views. Ich könnte ihn jetzt noch bischen bewerben (ich habe das einmal getwittert, sonst nix bislang) aber ich breche das nicht übers Knie. Zumal wenn, dann kann man das später immer noch tun. Das Thema läuft ja nicht weg. Und ich schätze auch, dass viele feministisch-antirassistische Blogger_innen zu weitaus besseren Reflektionsräumen, z.B. Seminaren an den Unis, Zugang haben oder hatten und das schon durch haben, das Thema. Ich mag auch nicht eine vielleicht schlechte Idee so forcieren. Ich hab das sehr zaghaft freigesetzt ins Netz, und wenn’s keinen Funken schlägt, dann war die Idee einfach nicht gut oder zur falschen Zeit am falschen Ort.

Update 2, am “Selbermachsonntag”: Dank Mädchenmannschaft klicken glaube ich, jetzt viele hier drauf. Ich möchte euch darauf hinweisen, dass ich nur konstruktive Kritik und Leute, die mit dem Thema respektvoll umgehen und/oder Interesse haben, freischalte. Trollerei + Dumme Sprüche gibbet nüscht, ok? Wir wollen hier das Thema “Hinterfragen” haben, da soll Platz sein für Unsicherheiten und Bedenken – ich hab keine Lust, meine Position hier gegen Angriffe durchfechten zu müssen, und das werde ich auch nicht tun, und auch niemand anderes soll das tun müssen.

Update 3, 30.10: Jetzt ist es genau eine Woche her, der Artikel hatte seine vielen, vielen Klicks (dank Mädchenmannschaft) und es besteht, so die Bilanz, kein Interesse an einer solchen Reflektion unter Weißen.(In dieser Form) Ich bedanke mich für die guten Kommentare und die Kritik an der Idee. Ich bin der Ansicht, dass es am besten ist, solche Reflektionen geschehen unter kompetenter Anleitung, zum Beispiel auf Workshops zu Rassismus. Ich bin aber nach wie vor der Ansicht, dass es gut ist, wenn Weiße ihre Privilegien auch ausserhalb von Workshops – im Alltag – reflektieren, gerade, wenn sie antirassistisch arbeiten wollen und nicht nur in einer Blase unter lauter Weißen sein und leben und arbeiten wollen. Dabei wünsche ich allen weißen Leser_innen viel Erfolg!