Meine 1. Critical Mass und der alltägliche Motorismus

CN für den Artikel: Gewalt, Tod, Victim Blaming, Übergriffe..

Critical Mass Vancouver 2007-06
Critical Mass Vancouver, Foto CC-BY-2.0 by Tavis Ford

Critical Mass (Linkliste, englisch) (wikia, deutsch) ist eine Aktionsform, wo sich Radfahrende die Strasse für eine kurze Zeit erobern. Von einigen Leuten habe ich gehört: Hä, was ist daran cool oder politisch?

Daran ist cool und politisch, dass es wenigstens für kurze Zeit aufbegehrt gegen den ständigen Motorismus. (Dieses Wort habe ich mir für den Artikel hier überlegt, um einen Begriff für den Zustand zu haben, damit ich nicht jedes Mal eine lange Erklärung schreiben muss). Motorismus ist (für diesen Text jetzt mal) die Machtverteilung auf der Strasse, der Zustand, dass die Strassen zuerst dem Fortkommen von Autos und grösseren Kalibern dienen, und dass alle anderen, die die Strassen benutzen, Benutzer_innen zweiter Klasse sind. Wer zu Fuss unterwegs ist, bekommt das zwar auch zu spüren, aber so richtig zu spüren bekomme ich es, wenn ich als Radfahrerin auf der Strasse mit Motorisierten unterwegs bin.

Krakow Critical Mass, June 2009
Critical Mass Krakow, photo by bartek, CC BY-NC 2.0

Übergriffe, Respektlosigkeit und gedankenlose Gefährdung

Radwege und Radstreifen werden nicht respektiert. Darauf wird oft geparkt (auch von der Polizei) oder sie als zusätzliche Fahrspur zum rechts abbiegen genutzt. Wenn du gezwungenermassen das Hindernis umfährst, wirst du oft von Motorisierten angehupt, genötigt und gefährdet.
Überhaupt werde ich als Radfahrerin oft genötigt und bewusst eng überholt, um mir klar zu machen, dass ich “weg soll von der Strasse”, dass ich störe, im Weg bin, dass ihr schnelleres Fortkommen wichtiger ist als meine körperliche Unversehrtheit, meine Sicherheit und letztendlich auch mein Leben.
Wenn es doch mal knallt, habe ich oft erlebt, dass Motorisierte sich mehr um Kratzer im Lack kümmern als um Verletzte oder um Menschen, die einen Schock haben. Fahrer_innenflucht wird von manchen nicht mal als solche wahrgenommen, wenn niemand blutet oder bewusstlos ist, ist “ja nichts passiert”.
Ich bin auch zweimal als Radfahrerin körperlich angegriffen worden, um es mir “zu zeigen”, beide Male hatte ich großes Glück. Die Täter waren beide Male Betrunkene, deren Reaktionsfähigkeit zu sehr herabgesetzt war, so dass ich entkommen konnte. Der eine Angriff war eindeutig gegen mich als Radfahrende gerichtet, wegen dem Radfahren, weil die Art und Weise, wie und wo ich fuhr, denjenigen nicht gepasst hat. (Obwohl es sie in keiner Weise beeinträchtigt oder berührt hat) Das andere Mal weiß ich es nicht, aber es kann sein.
Insgesamt erlebe ich Street Harrassment sehr massiv – aufgrund des Radfahrens.

Ein richtiger Knaller war ein Erlebnis in einer Winternacht. Der Radweg war vereist, verschneit, saugefährlich und unbenutzbar. ich fuhr auf der dreispurigen Prenzlauer Allee in Berlin auf der rechten Spur, die geräumt, enteist und sicher war. Ein Autofahrer, der ganz alleine nachts um drei die Strasse ebenfalls benutzte, fuhr an mir vorbei und öffnete ein Fenster, um mich wütend anzuschreien, dass ich gefälligst den Radweg benutzen soll. Dieses Erlebnis war für mich echt nicht schön, weil der Kerl zwei völlig leere Spuren für sich allein hatte und sich kein bischen in mich hineingedacht hatte, was es für mich heisst, über Eiswege zu schliddern. Nein, die Strasse mit mir zu teilen, das ist eine Zumutung für ihn gewesen. Immerhin hat er mich nicht physisch angegriffen. Aber da fühle ich mich immer so ungerecht behandelt und so mißachtet, und werde frustriert und wütend. Und diese Leute fühlen sich im Recht. Und glauben, ich wäre diejenige, die sie ins Unrecht setzt. Nicht zu fassen, aber das kommt öfter vor.

(Hier ist übrigens eine gute Gelegenheit, zum Vergleich die Nichtbeachtung durch Leute zu Fuß anzusprechen. Ich erlebe es sehr oft, das Leute auf Radwegen herumlatschen, oder vor Radelnden einfach über die Strasse gehen, oder sonst halt so tun, als wären Fahrradfahrende Luft. Das mag ja ein wenig nerven. Aber es gefährdet mich nicht. Das Schlimmste, was mir passiert, ist, dass ich halt 5 Minuten später am Ziel bin. Hier kann ich selber sehen, wie es ist, wenn du als “Stärkere” auf der Straße von “Schwächeren” ausgebremst wirst. Das ist absolut kein Grund, die Schwächeren zu gefährden oder ihnen gegenüber aggressiv zu werden.)

Critical Mass - stop and go
Critical Mass in Berlin-Kreuzberg, Foto: Alper Çuğun, CC-BY-2.0

Das Nicht-darüber-reden-können

Und wenn ich mit Menschen, die nicht selber viel Rad fahren, darüber spreche, werden mir die Regelverstösse von Radelnden vorgehalten. (Victim Blaming wie es im Buch steht). Als ob ein Regelverstoss so schwer wiegt wie die Gefährdung von Menschenleben. Und apropos Regelverstoss: Ich nutze meist Radwege, Radstreifen und Fahrradstrassen. Ich habe viel mehr Berührung mit anderen Radfahrenden als Motorisierte. Und ja, sie nerven mich manchmal, fahren ohne Handzeichen, oder sind ungeübt. Aber ich hatte wegen ihnen noch nie Todesangst. Ich werde von ihnen nicht genötigt oder aggressiv behandelt. Ich fahre vorausschauend, und wenn dann eine Person doch mal unvorhergesehen und ohne Handzeichen abbiegt, bremse ich und fahre eben seufzend und kopfschüttelnd weiter. Aber wirklich: so schlimm ist das auch wieder nicht.
Wenn für die ganzen Gefahren und Angriffe uns Radelnden nicht die Schuld gegeben wird, gibts ganz oft Victim-Blaming “light”: Aber Radfahrende sind so unsichtbar! (Sind sie witzigerweise für mich nicht, ich kann sie sehen). “Sie tragen keinen Helm!” (Fast wie: Der Rock war zu kurz). “Auf einer so und so gebauten Strasse komme ich an Radfahrer_innen nicht vorbei, wenn ich sie nicht eng überholen kann” (Und? An einem anderen Auto erst recht nicht?) “Radfahrende nerven mich” (Ja, und wieder: nerven ist was anderes als Todesangst. Komm damit klar. Mich nervt der Gestank und das Platzwegnehmen von Autos auch extrem).

Dann kommen noch die Debatten unter Radfahrenden dazu, wie es “richtig gemacht wird”, also – wie ich richtig fahre, dass ich möglichst nicht umgekachelt werde, was ich anziehen soll, oder wie ich fahren soll, damit wir endlich zu unserem Recht kommen und respektiert werden. Manchmal verlieren andere Radelnde auch aus den Augen, dass nicht Alle von uns den Mut oder die Kraft haben, sich jeden Tag den Platz auf der Strasse zu erobern, Motorisierte zum korrekten Verhalten zu “erziehen” und sich ständig dafür noch anhupen und anschreien zu lassen. Auch wenn ihr was anderes richtiger findet: Wir müssen alle mit der Situation und dem täglichen Motorismus klar kommen, und es ist okay, sich z.B. für die Nutzung strassenferner Radwege zu entscheiden.

Critical Mass London 5/09
CM London 2009 – Foto: Nico, CC-BY-NC-2.0

Von der Obrigkeit: Ignoranz und beschissene Behandlung

Dazu kommt die Verwaltung und die strukturelle Lenkung des Radverkehrs. Wenn ich für jedes Schild “Radfahrer absteigen” 5 Euro hätte! Wenn Baustellen sind, werden Radstreifen einfach überbaut, oft ohne Lösungsmöglichkeit, wohin. Oder es werden Situationen so gebaut oder konstruiert, dass ich nur unter großer Selbstgefährdung weiterfahren kann, Radwege werden plötzlich auf stark befahrende Schnellstrassen “geschubst”, ohne dass für die Motorisierten Zeichen oder Warnungen aufgebaut werden. Du musst sehen, wo du bleibst. Oder ganz oft werden Radfahrende einfach auf Gehwege umgeleitet, im Extremfall auf sehr stark benutzte Gehwege. Soll ich einfach in die Leute reinbrettern? Wo soll ich denn hin? Ich soll einfach verschwinden. Auf der Strasse ist für mich von der Stadt kein Platz vorgesehen. Und ich möchte keine zu Fuß gehenden Menschen belästigen, die haben auch zu wenig Platz in der Stadt. Was soll das.
Radwege und Radstreifen werden oft nicht mitgeräumt im Winter, wenn Radrouten unterbrochen werden, gibt es keine Umleitungsschilder (das ändert sich gerade punktuell) und es gibt zu wenig öffentliche Aufklärungskampagnen, die die motorisierte Bevölkerung informieren, was für Regeln sie gegenüber Radfahrenden einhalten müssen. Auch zu wenig Kampagnen gegen Fahrer_innenflucht oder für mehr Bewusstsein für die Wucht, die ein Auto nun mal entwickelt, und dass damit verantwortungsvoller umgegangen werden muss. Oder Kampagnen, die bewusst machen, wofür das Hupen eigentlich gedacht ist.
In Zeitungen wird manchmal radfahrfeindlich berichtet: Die Eltern eines totgefahrenen jungen Mannes hingen einen Zeitungsartikel an die Laterne bei seinem Unfallort aus, auf dem stand “der Radfahrer fuhr ohne Licht”. Mit einem dicken Marker hatten die Eltern dazu geschrieben: “Es war um diese Zeit noch nicht dunkel!!” Oft dreht sich der Diskurs in den Medien, wenn es um Fahrradunfälle geht, darum, Radfahrende zu mehr Vorsicht zu erziehen. Helmpflicht und so. (Nix gegen Helmpflicht, aber der Diskurs ist halt sehr einseitig). Als weiteres Beispiel hat der ADFC davon geschrieben, dass rücksichtsloses Verhalten gegenüber Radfahrenden statistisch die meisten Unfälle verursacht, während Staatsorgane (Verkehrsminister, z.B.) Radfahrende als Problem darstellen, sie z.B. “verrohte Kampfradler” nennen oder – wieder mal – lediglich über Helmpflicht diskutieren.

Das Auto als kulturelles Symbol

Das hier zu beschreiben, würde völlig die Grenzen sprengen. Aber es ginge hier einfach noch weiter, mit dem Stellenwert, den “das Auto” in der Gesellschaft hat, wie das “den Führerschein machen” zum “normalen Lebensweg” in diesem Land dazugehört, wie Autos Statussymbole sind und benutzt werden, um Menschen einzuschüchtern, zu beeindrucken, Gewalt gegen andere Menschen auszuüben, wie die Gesellschaft tausende von Unfalltoten jährlich schlicht als Normalität hinnimmt und damit lebt, und was das eigentlich alles über uns und Autos aussagt.
Hier müsste auch geredet werden über die verinnerlichte Höherwertung von Autos, egal, ob wir selber (gerade) Auto fahren oder nicht. Und auch über die Konnotation von Radfahren als “Kindersache” (also, bevor mensch alt genug für den Führerschein ist), als “Hobby” oder als “kein richtiges fahren”. Letzteres zeigt sich sowohl darin, dass Radwege nicht wie Strassen behandelt werden, und darin, dass z.B. Betrunkene das Auto zwar stehen lassen, aber Radfahren tun sie dann sehr wohl noch.

Critical Mass Gent-juni 2015-24
Critical Mass – Gent (Belgien) 2015, Foto: Frank Furter, CC-BY-NC-ND-2.0

Es ist ja nicht alles schlecht

Ja, sicher, es gibt auch soviel Gutes. Die meisten Motorisierten fahren rücksichtsvoll. Ich kann auch mit einigen Menschen über das Radfahren reden, ohne dass sie mit Victim Blaming und Bagatellisierungen ankommen. Und zunehmend kriegt die Stadt es auch hin, grade bei neu konzipierten Strassen, Radfahrende besser einzuplanen und es für Alle sicherer zu machen. Leider seh ich keine Veränderung/Hoffnungen bei der Behandlung des Radfahrens durch Medien, und auch das Auto als Status- und sonstiges Symbol hat einfach diesen Stellenwert. Der nicht so leicht ins Wanken gerät.

Aber obwohl die Mehrheit sich okay verhält: Die paar, die es nicht tun, und das mangelnde Bewußtsein für diese Situation, und die wahrnehmbare öffentliche Ignoranz und das Wegsehen sind noch stark genug, um manchmal ganz schön genervt und gefrustet zu sein, vor allem, wenn du dir selber durch jahrelange Erfahrungen und Beschäftigung mit dem Thema ein Bewußtsein dafür geschaffen hast.
In diesem Aufruf der Kampfradler_innen ist eigentlich das meiste, was ich geschrieben habe, schon mal super gesagt worden. Und da schließe ich mich klar der Forderung an, dass schwächere im Verkehr berücksichtigt werden müssen. Das heisst für Radfahrende: Alle, die zu Fuß, mit dem Rollstuhl, Kinderwägen etc. unterwegs sind. Für Platz-da-Verhalten gegenüber Fußgänger_innen hab ich kein Verständnis!

Ein paar Worte zu den “bööösen Radler_innen”

Wie schon anklang: Auch Radler_innen sind manchmal nervig und manche sind leider gegen Schwächere rücksichtslos.
Da entsteht bei mir Scham und Ärger, aber auch der Gedanke, dass es “DIE Radfahrer_innen” eigentlich nicht gibt, und trotzdem das Verhalten jedes Arschlochs auf zwei Rädern auf ALLE von uns zurückfällt.
Radfahrer_innen können die oben genannten Besoffenen sein, die das Auto stehen lassen, aber denken, mit dem Rad wärs ja kein Problem, herumzufahren. Es können rücksichtslose Autofahrer_innen sein, die den Führerschein verloren haben und nun Rad fahren müssen, die Rücksichtslosigkeit ist dann ja nicht einfach weg. Statt Unmotorisierte terrorisieren sie dann halt die noch weniger “berittenen” Leute. Es können auch einfach Ungeübte sein, leider gibt es gesellschaftlich als Folge der “Minderwertigkeit” des Radfahrens auch keine Ansprüche und die Auffassung, du setzt dich aufs Rad und machst halt irgendwie los. Und das tun Leute dann eben auch.

Ich fuhr einmal früh morgens im Berufsverkehr Rad. Zu dieser Zeit sind die Betrunkenen, Touris und Unerfahrenen einfach nicht auf der Strasse. Was ich erlebte, war: Viele Leute nutzen das Rad. Die allermeisten tragen Helme. Sie fahren zügig, umsichtig und geben Zeichen. Es ist für mich eine richtige Freude, mit ihnen unterwegs zu sein.

Fahrradfahren ernst nehmen und zu respektieren bedeutet für mich auch, es als etwas zu behandeln, was du lernen musst, und was mit Wissen und Regeln und Rücksichtnahme verbunden sein muss. Und eben nicht als sinnloses Freizeitvergnügen, wo alle machen, was sie wollen.

Es muss aber auch gesehen werden, dass auch geübte und rücksichtsvolle Radfahrende die Regeln oft brechen müssen, wenn sie überhaupt auf der Strasse existieren wollen. Eben weil die Stadt/die Verwaltung sie schlicht “wegdenkt” oder in unmögliche Richtungen umlenkt, oder einfach ein “Radfahrer absteigen” Schild hinnagelt. Manchmal finde ich es sicherer für mich und Fußgänger_innen, über bestimmte rote Ampeln zu fahren, aber das darf ich ja nicht offen sagen, und tun schon gar nicht.

Critical Mass September 2011 16
CM Magdeburg (Sachsen-Anhalt), Foto: Zeitfixierer, CC-BY-SA 2.0

Also: Critical Mass

Also, dann mal endlich zur Critical Mass.
Ich war auf meiner ersten Critical Mass!
Juhu!
Es war kalt, es war dunkel, es war November, aber geil!
Um 20:00 Uhr trafen sich alle auf dem Mariannenplatz in Berlin Kreuzberg, und irgendwann fuhren die ersten los und die ganze Sache kam in Bewegung. Ich hatte ausser auf ADFC Sternfahrten, nie an Raddemos oder Aktionen teilgenommen. Die CM ist, im Unterschied zu Demos, keine angemeldete Veranstaltung und es gibt auch keine Ordner_innen oder Veranstalter_innen, es ist ein Flashmob.
Das “Rowdy-Radel-Narrativ” steckt in mir selber ja auch etwas drin, so dass ich soooo begeistert war, als ich erlebte, wie glatt und gut es funktionierte, in einer Gruppe mit mehreren hundert Leuten radzufahren. Wir waren ja nicht nur langsam. Alle um mich herum fuhren so umsichtig und einfach sehr, sehr schön. Es war das Gefühl, dahinzufliegen (bei guter Musik). Die Strasse war unser.
An Kreuzungen fanden sich immer welche, die sich vor die Autos als Schutzspalier aufbauten, damit keiner einfach in die Gruppe reinbrettern kann.
Wir waren auch eine richtig schöne Lightshow. Viele hatten ihre Räder geschmückt und sich verkleidet, tolle Eigenbau-Räder waren da…

Was ich schade finde, ist, dass die Critical Mass und die Radfahrbewegung sehr weiß und sehr männlich ist, einfach von den Mehrheitsverhältnissen her. Während ich auf der Strasse täglich erlebe, dass Räder mehrheitlich von weniger Privilegierten benutzt werden: PoC, Frauen, Kinder.
Wenn ich überlege, warum das so ist, denke ich, dass Radfahren als “Lifestyle” statt als Notwendigkeit eher ein weiße-Männer-Ding ist. Die nicht so privilegierten Radler_innen haben vielleicht auch viel weniger Zeit, um aus dem Radfahren politischen Aktivismus zu machen. Die Fahrradfreakszene schreckt Leute mit billigen, alten Rädern oder mit dem City-Bike vom Aldi ab, und beim Fahrradschrauben triffst du oft auf sexistische Klischees. Und dann ist natürlich die alltägliche Dominanz weißer Menschen, die von Männern, die von Wohlhabenden und Kinderlosen auch in der Fahrradbewegung sichtbar und spürbar.

Ich möchte eigentlich nicht zwischen Feminismus und Fahrradbewegung wählen, wenn ich auf eine CM gehe. Ich möchte nicht meinen feministischen oder rassismuskritischen Blick abschalten, wenn ich auf der CM bin. Es tut aber auch weh, dass in den feministischen Kreisen in sozialen Netzwerken die Situation von Radfahrer_innen so wenig ein Thema ist. Dass mir in feministischen Kreisen das selbe Victim Blaming, die selbe Bagatellisierung und das selbe Wegsehen wie sonst auch entgegenkommt.

Das ist doch krass, oder?

Von den Mehrheitsverhältnissen abgesehen habe ich die CM aber nicht sexistisch oder anderweitig scheisse erlebt. Für die Dauer der Aktion oder wenigstens die 10km, die ich mitfuhr, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Ich habe sie so erlebt, dass diese gegenseitige Rücksichtnahme, das gegenseitige Empowerment und die Freude, dass wir uns durch unser Viele-Sein diese Fahrt ermöglichen, sehr überwiegt.
Ich fühlte mich so gut und frei auf der Strasse. Nicht machtlos, herumgeschubst und beschimpft.

Das war sicher nicht meine letzte CM!

critical mass
CM Berlin Juni 2015, Foto: gitti la mar, CC-BY-NC-ND-2.0

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Schnaps zur Hand..?

..fragte Accalmie auf Twitter und verlinkte diesen Artikel von Che samt Kommentaren. 

In Kürze: Schon wieder ein Blogpost (ganz kurz) aus der Serie “Ich raffe Eure Gegensätze nicht”.

Naja, zunächst denke ich mir: blöd dass ich als prinzipielle Abstinenzlerin diesen Link angeklickt habe, ohauerha. Ich mag auch nicht wirklich gross was aufdröseln versuchen, dazu hab ich auch grad keine Energie übrig. Was mir aber so auffiel ist das da:

“Es sind ja eben solche akademisch-mittelschichtigen, die feministische Linguistik zwanghaft noch im breitesten Biertischgespräch gebrauchenden (und zugleich meine kurdischen und persischen Freund ausgrenzenden) StudentInnen gewesen, aus deren Gesellschaft ich damals geflüchtet bin, und zwar in die Gesellschaft von Geflüchteten hinein.” (Zitat Che, Direktlink dazu)

Schönes Wortspiel, aber davon abgesehen, und das schien mir so in mehreren Postings in verschiedenen Blogs und auch in der “Critical Whiteness Debatte” in Deutschland 2012 ein wenig so zu laufen: Es wird wieder mal so einsortiert in “Geflüchtete, die total locker und selbstironisch sind und die _echte Probleme_ haben und keine Zeit für so Pillepalle wie “Alltagsrassismus”” und “Critical Whiteness-Linke StudentInnen, die total verwöhnt und überakademisch mit _eingebildeten Problemen_ Pillepalle statt den _echten_ Rassismus (TM) thematisieren.”

Folgerichtig nennt Che dann auch die Leute, die er so kennt “realiter Diskriminierte” (die “Anderen” sind dann nur eingebildet diskriminiert).

Diese Unterscheidung sagt doch am meisten über diejenigen aus, die sie unbedingt machen müssen. Ich raffe sie nicht. Ich komme zu diesen Critical Whiteness-Geschichten nämlich andersrum als Che: Ich hatte mit Geflüchteten zu tun und Jahre mit Geflüchteten zusammengelebt, und durch die Perspektive, die bei mir dadurch ganz schön zurechtgerückt worden ist, komme ich ja dahin, in “kritischem Weißsein” und der Beschäftigung damit eine große Chance zu sehen.  So abstrus und akademisch-lebensfremd finde ich kritisches Weißsein gar nicht, im Gegenteil, ich befasse mich (leider sehr langsam und schleppend) gerade theoretisch damit und erinnere mich an Dinge, die Schwarze geflüchtete Freunde seinerzeit sagten, deren Tragweite ich damals noch nicht erfassen konnte, aber wo der Groschen jetzt, beim Theorie “nachbüffeln” erst so richtig fällt.

In dem Buch “Mythen, Masken und Subjekte. kritische Weißseinsforschung in Deutschland” gibt es den “vierstimmigen Prolog” der Herausgeberinnen, darunter “Ein Schwarzes Wissensarchiv” von Maureen Maisha Eggers. Darin schreibt sie, dass subalterne Schwarze Subjekte schon lange vor der “kritischen Weißseinsforschung” Weißsein erforscht und Wissen darüber gebildet und weitergegeben haben. Sie schreibt: “Schwarze Menschen haben Weiße immer ganz genau – wenn auch unauffällig (…) observiert, taxiert und analysiert”.

Das ist vielleicht ein akademischer Text, und ich habe einige Sätze darin mehrmals lesen müssen, bis ich sie halbwegs verstanden habe, aber da gehts nicht um akademische Dinge, sondern um die Realität von Menschen, die sich in einer Gesellschaft befinden, wo Weiße Macht über sie haben. Ich lese diese Dinge und sehe darin die Vorgänge beschrieben und analysiert, die damals zwischen weißen Linken und Schwarzen Geflüchteten im scheinbar “Privaten” abgegangen sind. Und wie sich das anschliesst an Dinge, die ich von Schwarzen Menschen  gehört und gelesen habe, und wie das gar nicht zwei verschiedene Bereiche sind, der “alltägliche Rassismus” und die “realiter-Diskriminierung a la Che (=Diskriminierung von Geflüchteten)” und wie es vielleicht gar nix gebracht hätte, sich vor den “lästigen Diskursen” in die Gesellschaft von Geflüchteten zu flüchten, weil da die Diskurse genauso fällig sind. (Ich könnte mir heute noch bei dem Gedanken in den Arsch beissen, dass einige dieser weißen Linken bis heute noch denken, sie hätten den Geflüchteten damals doch gut geholfen und alles wäre chic gewesen. Letztendlich war der Kram nur innerhalb einer Mediation thematisierbar und diese hat auch nur bewirkt, dass ich den gelaufenen unbewussten Rassismus einmal kurz thematisieren durfte, ohne kollektiv in den Boden gematscht zu werden, bzw. die Mediatorin hat die aufkommende Empörungs-Stampede dann gestoppt. Aber geschnallt hat trotzdem keiner was.). Vielleicht stört die meisten auch nur ein bestimmter Kommunikationsstil oder eine bestimmte Szene-Umgangsweise. Aber Critical Whiteness ist weder ein Kommunikationsstil noch eine Szene-Subkultur und wenn, dann soll sich diese Szenesubkultur ein anderes Wort dafür suchen was sie macht.

Dann verlinke ich am Schluss die Texte, die vor dem von Che in der Reihenfolge kommen (und die eh jede_r kennt, nehm ich mal an) und die ich gut fand:

Was vom Aufschrei übrigblieb

#Aufschrei, die Twitter-Aktion. Ich bin live eines Nachts reingestolpert und fand das gut, ich habe mitgemacht und es war erschreckend, wieviel einer wieder einfiel an Erlebnissen mit Sexismus. Und auch, wie vielen Menschen (bewusst Menschen, da es nicht nur Frauen* waren) in meiner Timeline so viel einfiel. Wir tweeteten Erlebnisse und tweeteten uns gegenseitig Solitweets zu und fühlten uns einander verbunden, eine Nacht, einen Tag vielleicht noch war das toll.

Dann kam die Bekanntheit der Aktion, es ging in die Medien, es wurde wie zu erwarten war, furchtbar, und gleichzeitig kam auch der Backlash und ekelerregende Trollerei. In sexistischen Strukturen privilegierte Menschen (und das sind nun mal zumeist heterosexuelle Cis-Männer) jammerten und machten sich selbst zu den grössten Opfern, sie dürften ja nun nicht mehr Komplimente machen, sie wären wahnsinnig diskriminiert, die Schlampen würden es ja nur selber wollen, die armen Männer würden pauschal als Sexisten abgestempelt, und so weiter und so fort, ad Nauseam.Das war das eine. Die anderen, (zwar nicht so viele, aber leider genug, um bemerkbar zu sein) schleuderten einfach nur ihren Hass raus, ergingen sich in Gewaltfantasien.

Inzwischen kommt es mir vor, als sei das Thema Sexismusdiskussion total vermint: Mal was falsches gelesen, den falschen Link geklickt, und schon wieder erschreckende, enttäuschende und sehr ärgerliche Sachen gelesen, die sich ins Hirn gebrannt haben. Ich bemühe mich ja nun schon, nur in meiner eigenen feministisch orientierten Filterbubble zu bleiben und nur empowernde Texte und Beiträge aus dieser zu lesen. Die Mainstreamdebatte bekomme ich quasi nur gefiltert durch diese Beiträge mit, weil sich andere die Mühe machen, die Talkshows anzusehen, die Zeitungen zu lesen und dagegen anzuargumentieren. Und trotzdem schlägt immer mal wieder ungefiltert blanker Frauenhass oder total sorgloses gutgemeintes Derailing (Abwiegeln, Entgleisen) durch bis zu mir. Da ein Kommentar, hier ein Forumsbeitrag, dort eine Diskussion, wo sich Menschen z.B. ellenlang Gedanken machen, wie Komplimente gehen und wie man diese annimmt oder auch nicht. (Tach. Es geht nicht um Komplimente. Ging es nie. Gern geschehen.)

Inzwischen habe ich auf die Diskussion echt keinen Bock mehr und ich habe das Gefühl, “wir” (also die von Sexismen Betroffenen) haben die Debatte verloren. Unsere Aufschrei-Tweets haben es zwar bis in die New York Times geschafft, aber im Inland macht sich Gottschalk noch lustig darüber, dass Brüderle ihm die “Last” abgenommen habe, der Creep der Nation zu sein. Hätte er die Scheiße einfach bleiben lassen, vor den Augen der “Fernsehnation” Frauen anzutatschen und aufs Unangenehmste sich an sie heranzuwanzen, hätte er die “Last” sofort los gehabt. Dazu wurde er ja nicht gezwungen.  Und dann bekundet er, dass er vor Frauen einen großen Grundrespekt hätte und damit sei nun alles gut. Oder die Radiokommentatorin, die einiges sagt, was echt okay ist, dann aber nivellierend meint, wir sollten einfach nur alle mal (Frauen seien ja genauso für Sexismus verantwortlich, jaja) wie Erwachsene blabla… und sie könne das Opfergejammer und die Empörung vieler Frauen nicht mehr hören, am Ende schäkert der männliche Moderator: “Vooorsicht, jetzt kommt ein Kompliment! Das hast du schööön gesagt!” – Das finden sicher die meisten sooo harmlos. Aber es sagt zweierlei aus: 1) Männer machten ja nur Komplimente, und Frauen behaupteten, das sei Sexismus, in Wirklichkeit gäbe es also diesen Alltagssexismus gar nicht bzw. Sexismus ist nur wenn es schlimme Gewaltverbrechen sind und 2) Das Thema sei lächerlich. Man kann sich getrost darüber lustig machen.  Anbei die Kommentatorin, die mehr oder weniger mitlachen muss, weil sie sonst ja die Spassbremse ist.

Unmöglich, dem auszuweichen. Soll ich es schade finden, dass es #Aufschrei überhaupt gab? Ich könnte ja nun sagen, jetzt weiß ich wenigstens, wo ich dran bin in diesem Land hinter dem Mond, aber das war ja vorher schon klar. Vorher zum Beispiel, als Sachsen-Anhalt Zwangs-HIV-Tests für Schwule, Obdachlose und People of Color plante. Da sagte eine Freund_in von mir: Deutschland ist nicht zur Demokratie fähig und sollte dringendst unter internationale Verwaltung gestellt werden. (Ist das eigentlich jetzt abgewendet oder…? Es gab keine Berichterstattung mehr dazu.)

Im Moment ist einfach viel Enttäuschung und Ärger da bei mir. Auch wegen all der “Kleinigkeiten” die an und für sich ja harmlos sind, wie dieser “Scherz” des Radioeins-Moderators, die aber darauf verweisen, wie sexistisch die ganze Gesellschaft und ihre Vereinbarungen darüber, was sich geziemt und was nicht, eigentlich ist.

Antje Schrupp ist da ja viel optimistischer und schreibt: “Mein Masseur, mit dem ich vorhin darüber sprach, findet die ganze Geschichte nach wie vor absurd und weiß nicht, worüber wir uns aufregen – aber er weiß jetzt zumindest, dass wir uns darüber aufregen.”

Mir reicht das aber nicht. Nein, mir reicht es nicht, dass die Mainstreamgesellschaft, wenn _mal_ das Thema Sexismus viral wird, nichts besseres dazu hinkriegt als Derailing, Gewitzel, Schmerzensmänner und die unterste Schublade von 1950 aufzuziehen und die ollen Kamellen rauszuholen und abzustauben. Na gut, aber ich habe ja auch erwartet, dass wenn sich z.b. Geflüchtete politisch einmischen und ihre Geschichten erzählen, dass die Mainstreamgesellschaft und die Politiker_innen was anderes dazu zu bieten haben als die ollen Ressentiments über die “Wirtschaftsflüchtlinge” und sagen: “Wenn es euch hier nicht gefällt, dann geht doch zurück”. Da ist die Situation ja auch so: Die Geflüchteten erreichen viele Menschen und viele denken zwar auch darüber nach, aber die politischen Konsequenzen werden an den entscheidenden Stellen nicht gezogen, die da wären, mal die eklatanten humanitären Mißstände in der EU anzugehen und daran zu arbeiten, diese zu beseitigen. Nicht mal die Lagerunterbringung ist bislang abgeschafft.

Gut, zurück zum Thema #Aufschrei.

Antje Schrupps Resumee ist:

Mag sein, dass sich manche nur ihrer Positionen vergewissert haben, aber ich bin fest davon überzeugt, dass die meisten sich “bewegt” haben. Und ich bin auch davon überzeugt, dass wir bei dem allen insgesamt ein Stückchen näher an das gerückt sind, was “richtig” und “gut” ist.

Hmja. Vielleicht sehe ich das auch zu pessimistisch. Vielleicht bin ich auch zu verärgert im Moment. Denn was ja wirklich bleibt, ist, dass dieser ganze Backlash und Frauenhass, das ganze Derailing nur in diesem Ausmass nötig war, weil das Ausmaß derer, die sich bei #Aufschrei zu Wort gemeldet haben, wirklich so hoch war. Wir waren einfach verdammt viele. Und wir haben es in die New York Times geschafft. Und internationale Zeitungen haben ja das geschrieben, was die Zeitungen in Biederschland unterschlagen haben, weil die Befindlichkeiten des weißen Hetenmanns an und für sich erstmal wichtiger waren. Vielleicht ist das ja auch was. Vielleicht sollte ich mich darüber auch einfach mal freuen.

Auf jeden Fall freue ich mich z.B. darüber, dass mein weißer Hetero-c#-Lebensgefährte, als er die #Aufschrei Tweets mitbekam, einen Solitweet für uns getwittert hat. Oder auch darüber, dass eine ehemalige Bekannte/Freundin, mit der die freundschaftliche Beziehung vor Jahren nicht im Guten zu Ende gegangen war, auf einmal bei Facebook sich zu Wort meldet und brillante feministische Kommentare schreibt. Oder dass mir gestern beim Treffen mit Freund_innen meine Freundin sagt: “Da haben auch viele ältere Frauen sich gemeldet in diesem Sammelblog, die schrieben, sie melden sich deshalb jetzt zum ersten Mal im Leben zu Wort” und wie wir dann gerührt waren. Oder wie schwule und queere Freund_innen sich ebenfalls zu Wort meldeten, obwohl die (bzw. Teile davon) feministische Szene oft gar nicht nett und solidarisch zur queeren Szene war und ist, wie trotzdem auch da eine Verbundenheit zu merken ist, weil es nicht nur wegen dem “herkömmlichen” Sexismus ist sondern weil es auch Heterosexismus und Cissexismus gibt. (Es gab leider auch viel Heteroprivilegiengedöns, wie Nadine feststellte).

Ein Wechselbad der Gefühle ist das also, was bei mir vom #Aufschrei übrigblieb.

Und ich muss wirklich allen sehr, sehr danken, die sich der Diskussion ausgesetzt und Einspruch erhoben haben, die empowernde Texte geschrieben haben, ihre Kraft und Zeit investiert haben, damit nicht #Aufschrei im privilegiengetränkten Mainstream absäuft. Und ich fand den Artikel von Antje Schrupp deshalb so gut, weil diese Metaperspektive und die vielen interessanten Gedanken darin eine_n wirklich vom Ärger über all die Zustände abbringt. Die mensch ansonsten permanent verdrängt und ausblendet, um sich die gute Laune zu bewahren.

Emotionale Betroffenheitsbefindlichkeit: “Wem sollen wir denn glauben?”

Es ist aber erst mal Linky-Zeit!

Momorulez hat wieder mit dem Saxophonspielen angefangen, und ich fühle mich durch die Saxophon-Dialoge fein motiviert, weiterzulernen. Ich frage mich, wann der Zeitpunkt kommt, an dem man sich nicht mehr als Anfänger_in fühlt. Bei mir ist es nach 2 Jahren noch nicht ganz so weit, aber ich habe auch 2012 viel um die Ohren gehabt und viel weniger spielen können, als ich mir das gewünscht hätte.

Ausserdem auch am selben Ort: Mal kurz was zu Zensur.         Nachdem sich Accalmie des Themas in On Censorship auf englisch schon angenommen hatte, und ich Accalmies Artikel auf Facebook gefühlte 20 Mal verlinkt hatte, kann ja ein weiterer nicht schaden.

Und das hier ist einfach nur der Hammer: Sprachpolizeiakademie  – muahahahaha…

Die Mädchenmannschaft und Andere dokumentierten einen Brief, der am Montag bei Facebook rumging und den eine 9jährige an die ZEIT geschrieben hatte, um sich über diese zu beschweren. Ich nehme an, ihr kennt den eh alle, falls nicht: Die Publikative hat dazu ein paar Hintergrundinfos und auch den Brief abgebildet.

Ich bin in der N-Wort-Diskussion dann doch noch mit einer Reaktion konfrontiert worden, die mich enttäuscht und gekränkt hat, in der ich quasi als fundamentalistische AntiRa-Taliban, welche alle, die ein Haar von ihrer “alternativlosen” Meinung abweichen würden, mit dem “Rassistenlabel” versehen würde. Ich habe mir neulich sagen lassen, dass das aber auch vielen anderen Menschen so ergeht, die das Thema Rassismus anschneiden. Sie sehen sich der empörten Reaktion gegenüber “WIE, du nennst mich einen RASSISTEN??!!!???”, obwohl man über das, was das Gegenüber angeblich ist oder nicht, gar nicht gesprochen hat. Neulich, das war gestern, und da sah ich mir dieses geniale Video mit einem kurzen und sehr interessanten Vortrag von Jay Smooth an. Darin geht es um Kommunikation über Rassismus und zwei gängige Falschauffassungen: 1: Wer rassistisch spricht/handelt, ist immer ein_e Rassist_in, und 2: Entweder man ist Rassist_in oder man ist komplett frei davon. Das Video ist so anschaulich und zieht so treffende Vergleiche. (auf Englisch). Den Link hatte ich in diesem Artikel bei Bühnenwatch gesehen. Welchen ich auch klasse fand und weiterempfehle.

Zum eigentlichen Thema. Wegen dem oben verlinkten Leserbrief von Ishema Kane haben unabhängig voneinander drei Menschen in Kommentaren auf verschiedenen Facebook-Konversationen, die ich mitverfolgte, gesagt, dass Ishema ja nur mit ihren individuellen Gefühlen argumentiert. Dass es gefährlich sei, das als Begründung heranzuziehen, warum mensch gegen rassistische Begriffe in Kinderbüchern sei. Denn wenn andere Kids of Color sich melden würden und schreiben würden, es störe sie keineswegs, wenn da das N-Wort steht, was denn dann?

Ganz einfach: Nichts ist dann. Begründung:

Ich denke, dass hier diejenigen etwas mißverstehen. Ob jemand Anstoss an etwas nimmt, ist tatsächlich subjektiv. Das Anstoss nehmen war aber auch nie das Kriterium, denn sonst könnte ich auch mit etwas ankommen, das wirklich nur mir allein so geht, und fordern, das gehöre nun weg, weil es _mich_ stört. Angenommen, mich stört das Wort “Lehrer” und ich fordere jetzt, es zu entfernen oder zu ersetzen. “Da kann ja jeder kommen”. “Dürfen wir bald gar nix mehr sagen?” usw.

Nein, liebe Leute, beruhigt euch. Es ist gar nicht so. Denn es geht gar nicht darum, dass jetzt alles, was irgendjemanden stört und vielleicht sogar tief verletzt, entfernt wird aus Kinderbüchern. Es geht immer noch um Diskriminierung, um Benachteiligung von Menschen. Es geht darum, dass diskriminierende Inhalte in neueren Auflagen nicht mehr erscheinen sollen. Und diskriminierende Inhalte werden nicht dadurch besser oder weniger diskriminierend, dass sich einige Betroffene nicht an ihnen stören. Deshalb würde es auch keinen Unterschied machen, wenn ein anderes Schwarzes Kind einen Brief schreiben würde, in dem stünde “Mich stört das aber nicht”.

Diskriminierung abstellen zu wollen ist (u.A. auch für mich) erstrebenswert, unabhängig davon, ob Betroffene individuelle Workarounds gefunden haben, mit dieser umzugehen, oder nicht. Betroffene, die individuelle Workarounds gefunden haben und von anderen Betroffenen verlangen, sie sollten eben auch individuell Workarounds finden, (z.B. Kristina Schröder “Danke, emanzipiert sind wir selber”?) ändern an der Diskriminierung, der Struktur, ja nichts. Und ich finde es auch irgendwo ein bischen unsolidarisch gegenüber anderen Betroffenen.

Im Übrigen habe ich vor dem individuellen Workaround von Betroffenen Respekt, ich habe grundsätzlich Respekt vor der Leistung, sich innerhalb von diskriminierenden Strukturen zu behaupten, sich durchzubeissen, sich einen Platz zu erkämpfen, nicht den einzunehmen, auf den einen die Mehrheitsgesellschaft schubst. Wenn Menschen dafür einstehen, auf Betroffene, die sich beklagen, zu hören, wird ihnen oft geantwortet, sie reduzierten die Betroffenen zu “Opfern” und diejenigen, die sich da rausgekämpft haben, würden gar nicht anerkannt. Ich verstehe diese Zweiteilung von Betroffenen in “passive Opfer” und “mutige Macher_innen” nicht so recht: Wir müssen doch nicht einteilen in Menschen, die sich über Diskriminierung beklagen und “Opfer” sind und Menschen, die sich individuell aus einer Diskriminierungssituation erheben und sich erfolgreich freikämpfen, als das einzig wahre Rollenmodell. Das wäre “teile und herrsche” Politik. Das wäre auch wieder dem Opfer die Schuld geben, wieso beklagt es sich auch, wieso tut es denn nix? (das war Ironie) Dabei wird zudem nicht anerkannt, dass das Anklagen von Missständen eine sehr mutige und aktive Handlung ist, gerade in einer diskriminierenden Struktur, weil diese dazu geschaffen und erstellt wurde, eben diese Stimme, die sich zur Anklage erhebt, zum Schweigen zu bringen und lächerlich zu machen. Aber ich schweife ab.

Zurück zu dem “Anstoss nehmen” und der individuellen Befindlichkeit: In individuellen Gefühlen bildet sich natürlich auch ab, wenn man Diskriminierung erlebt. Natürlich sind Menschen sauer, wenn sie Diskriminierung ausgesetzt sind, was denn sonst?  Was Ishema als “es ist einfach nur sehr, sehr schrecklich” beschreibt, ist das aber nicht ihre persönliche “Empfindlichkeit”, sondern da geht es um die ganze Struktur der Abwertung, des Othering, mit dem Ishema gewaltsam auf einen bestimmten Platz verwiesen wird, indem man ihr in einem DER Kinderbücher (an denen in dieser Kultur hier kaum jemand vorbeikommt) das N-Wort hinknallt.

Gegen diese Diskriminierung sind wir, nicht dafür, dass alle, die sagen, sie stossen sich an irgendwas, das Recht haben, dass dem nachgegeben wird. Oder sogar, wenn Personen, die sich in einer privilegierten weißen Position befinden, sagen, sie stossen sich daran, dass sie als weiße sich mit dem Bild von Weißbroten konfrontiert sehen, o.Ä. Ein Weißbrot mag veräppeln, es ist möglicherweise auch nicht besonders nett. Aber es diskriminiert Weiße nicht. Dazu fehlt es an einer diskriminierenden Struktur weißen Menschen gegenüber.

Letzte Woche kam ein Blogeintrag raus, der sich auch genau mit dem Thema beschäftigte, eigentlich schon vorletzte Woche. “I don’t care if you’re offended” auf dem Blog von Scott Madin.

Diesen habe ich heute endlich gelesen und fand: Ja. Passt jetzt genau. Thank you, Scott Madin!

Anm: Ich habe in dem Text (möglicherweise nicht konsequent) die Worte “Schwarz(e)” und “weiß(e)” groß bzw. kursiv geschrieben, um zu irritieren, denn damit sind keine natürlichen, biologischen Kategorien gemeint, sondern soziale. Also, das soll heissen, dass die andere Schreibweise in Erinnerung rufen soll, dass Menschen diese Kategorien gezimmert haben. Das habe ich aus dem Buch “Mythen, Masken und Subjekte” (Kilomba, Eggers, Piesche, Arndt 2009)