Schnaps zur Hand..?

..fragte Accalmie auf Twitter und verlinkte diesen Artikel von Che samt Kommentaren. 

In Kürze: Schon wieder ein Blogpost (ganz kurz) aus der Serie “Ich raffe Eure Gegensätze nicht”.

Naja, zunächst denke ich mir: blöd dass ich als prinzipielle Abstinenzlerin diesen Link angeklickt habe, ohauerha. Ich mag auch nicht wirklich gross was aufdröseln versuchen, dazu hab ich auch grad keine Energie übrig. Was mir aber so auffiel ist das da:

“Es sind ja eben solche akademisch-mittelschichtigen, die feministische Linguistik zwanghaft noch im breitesten Biertischgespräch gebrauchenden (und zugleich meine kurdischen und persischen Freund ausgrenzenden) StudentInnen gewesen, aus deren Gesellschaft ich damals geflüchtet bin, und zwar in die Gesellschaft von Geflüchteten hinein.” (Zitat Che, Direktlink dazu)

Schönes Wortspiel, aber davon abgesehen, und das schien mir so in mehreren Postings in verschiedenen Blogs und auch in der “Critical Whiteness Debatte” in Deutschland 2012 ein wenig so zu laufen: Es wird wieder mal so einsortiert in “Geflüchtete, die total locker und selbstironisch sind und die _echte Probleme_ haben und keine Zeit für so Pillepalle wie “Alltagsrassismus”” und “Critical Whiteness-Linke StudentInnen, die total verwöhnt und überakademisch mit _eingebildeten Problemen_ Pillepalle statt den _echten_ Rassismus (TM) thematisieren.”

Folgerichtig nennt Che dann auch die Leute, die er so kennt “realiter Diskriminierte” (die “Anderen” sind dann nur eingebildet diskriminiert).

Diese Unterscheidung sagt doch am meisten über diejenigen aus, die sie unbedingt machen müssen. Ich raffe sie nicht. Ich komme zu diesen Critical Whiteness-Geschichten nämlich andersrum als Che: Ich hatte mit Geflüchteten zu tun und Jahre mit Geflüchteten zusammengelebt, und durch die Perspektive, die bei mir dadurch ganz schön zurechtgerückt worden ist, komme ich ja dahin, in “kritischem Weißsein” und der Beschäftigung damit eine große Chance zu sehen.  So abstrus und akademisch-lebensfremd finde ich kritisches Weißsein gar nicht, im Gegenteil, ich befasse mich (leider sehr langsam und schleppend) gerade theoretisch damit und erinnere mich an Dinge, die Schwarze geflüchtete Freunde seinerzeit sagten, deren Tragweite ich damals noch nicht erfassen konnte, aber wo der Groschen jetzt, beim Theorie “nachbüffeln” erst so richtig fällt.

In dem Buch “Mythen, Masken und Subjekte. kritische Weißseinsforschung in Deutschland” gibt es den “vierstimmigen Prolog” der Herausgeberinnen, darunter “Ein Schwarzes Wissensarchiv” von Maureen Maisha Eggers. Darin schreibt sie, dass subalterne Schwarze Subjekte schon lange vor der “kritischen Weißseinsforschung” Weißsein erforscht und Wissen darüber gebildet und weitergegeben haben. Sie schreibt: “Schwarze Menschen haben Weiße immer ganz genau – wenn auch unauffällig (…) observiert, taxiert und analysiert”.

Das ist vielleicht ein akademischer Text, und ich habe einige Sätze darin mehrmals lesen müssen, bis ich sie halbwegs verstanden habe, aber da gehts nicht um akademische Dinge, sondern um die Realität von Menschen, die sich in einer Gesellschaft befinden, wo Weiße Macht über sie haben. Ich lese diese Dinge und sehe darin die Vorgänge beschrieben und analysiert, die damals zwischen weißen Linken und Schwarzen Geflüchteten im scheinbar “Privaten” abgegangen sind. Und wie sich das anschliesst an Dinge, die ich von Schwarzen Menschen  gehört und gelesen habe, und wie das gar nicht zwei verschiedene Bereiche sind, der “alltägliche Rassismus” und die “realiter-Diskriminierung a la Che (=Diskriminierung von Geflüchteten)” und wie es vielleicht gar nix gebracht hätte, sich vor den “lästigen Diskursen” in die Gesellschaft von Geflüchteten zu flüchten, weil da die Diskurse genauso fällig sind. (Ich könnte mir heute noch bei dem Gedanken in den Arsch beissen, dass einige dieser weißen Linken bis heute noch denken, sie hätten den Geflüchteten damals doch gut geholfen und alles wäre chic gewesen. Letztendlich war der Kram nur innerhalb einer Mediation thematisierbar und diese hat auch nur bewirkt, dass ich den gelaufenen unbewussten Rassismus einmal kurz thematisieren durfte, ohne kollektiv in den Boden gematscht zu werden, bzw. die Mediatorin hat die aufkommende Empörungs-Stampede dann gestoppt. Aber geschnallt hat trotzdem keiner was.). Vielleicht stört die meisten auch nur ein bestimmter Kommunikationsstil oder eine bestimmte Szene-Umgangsweise. Aber Critical Whiteness ist weder ein Kommunikationsstil noch eine Szene-Subkultur und wenn, dann soll sich diese Szenesubkultur ein anderes Wort dafür suchen was sie macht.

Dann verlinke ich am Schluss die Texte, die vor dem von Che in der Reihenfolge kommen (und die eh jede_r kennt, nehm ich mal an) und die ich gut fand:

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Reflektion und Räume dafür

Die Idee ist offen für Alle, richtet sich aber speziell an weiße Leser_innen. An Alle, die Bock darauf haben, sich mit ihren Privilegien zu beschäftigen. Es geht um Selbsterkenntnis und Verständnis.

Worterklärungen:
* People/Person of Color = PoC = von Rassismuss betroffene Person/Menschen, Menschen, die nicht die sozialen Privilegien haben, die Weiße haben. Man kann auch “Mensch of Color, Leser_in of Color, Irgendwer of Color sagen. Es gibt noch kein deutsches Wort dafür, was sich eingebürgert hat).
* Critical Whitness = kritisches Weißsein = eine Theorie über Rassismus, welche die soziale Position untersucht, die vom Rassismus begünstigt wird.

Also ihr Lieben! Ich war neulich auf einem Critical Whiteness Workshop und da kam auch raus, dass es für das kritische Reflektieren (reflektieren = bedenken, überdenken, hinterfragen) von Weißsein und den dazugehörigen Privilegien wenig Raum im Leben der Teilnehmenden gab.
Vielleicht geht Euch das auch so?
Vielleicht weil ihr wenig Weiße persönlich kennt, die das Thema wichtig finden. Auch weil ihr nicht öffentlich den Raum für das Äussern von “white guilt” (= Schlagwort für “weiße Schuldgefühle”) einnehmen wollt um nicht Anderen, euren Leser_innen of Color z.B., damit auf die Nerven zu gehen. Vielleicht sich mal zu fragen, wieso bin ich als Weiße überhaupt motiviert, gegen Rassismus zu sein? Und alles so um das Thema herum.

Meine Überlegung wäre, das in einem nicht öffentlichen virtuellen Raum zu machen. Der Grund, warum nicht öffentlich: Um mit der Situation “Weiße haben blöde Fragen und Luxusproblemchen” (relativ gesehen) nicht öffentlich zu nerven und den Raum zum Thema Rassismus nicht damit übermässig einzunehmen.

Was mir noch unklar ist, ist, wie das gewährleistet werden kann, dass das nicht kippt (und nicht z.B. Weiße anfangen, sich gegenseitig zu versichern ihr dominantes Verhalten wäre doch ganz ok.) Gut sind bestimmt Leuts mit Erfahrung mit dem Thema, die Lust darauf haben und dann “Stop” sagen.
Das Ganze würde auch sicher nicht schon sofort morgen entstehen. Wenn, dann eher im 1. Quartal 2013. Aber wir können ja jetzt schon überlegen ob und wie es überhaupt sinnvoll ist, so einen Raum zu schaffen.
Also analog zu ner kritischen Männergruppe, die sich mit Sexismus beschäftigt.

Mir fiel zuerst eine Mailingliste ein, z.b. eine Yahoo Group. Da ist die Frage, wer soll so eine Liste wie moderieren? Oder “Hangouts” wie bei google+? (habe ich noch nie ausprobiert). Was gibt es noch für “Social media” Möglichkeiten?
Was wäre nötig um sowas machen zu können?
Hat wer Interesse?
Dann kommentiert doch mal oder schreibt mir eine mail an distel (at) spiritvoices (dot) de.

Update am Samstag, den 27.10: Es hat sich niemand gemeldet, und ich denke, die berechtigte Skepsis ist einerseits zu gross und andererseits, ist dieser Beitrag auch eine unbedeutende Äusserung irgendwo im Internet und keiner liests ;-)) wenn ich so in die Statistik schaue, hatte dieser Eintrag auch nur knapp über 30 Views. Ich könnte ihn jetzt noch bischen bewerben (ich habe das einmal getwittert, sonst nix bislang) aber ich breche das nicht übers Knie. Zumal wenn, dann kann man das später immer noch tun. Das Thema läuft ja nicht weg. Und ich schätze auch, dass viele feministisch-antirassistische Blogger_innen zu weitaus besseren Reflektionsräumen, z.B. Seminaren an den Unis, Zugang haben oder hatten und das schon durch haben, das Thema. Ich mag auch nicht eine vielleicht schlechte Idee so forcieren. Ich hab das sehr zaghaft freigesetzt ins Netz, und wenn’s keinen Funken schlägt, dann war die Idee einfach nicht gut oder zur falschen Zeit am falschen Ort.

Update 2, am “Selbermachsonntag”: Dank Mädchenmannschaft klicken glaube ich, jetzt viele hier drauf. Ich möchte euch darauf hinweisen, dass ich nur konstruktive Kritik und Leute, die mit dem Thema respektvoll umgehen und/oder Interesse haben, freischalte. Trollerei + Dumme Sprüche gibbet nüscht, ok? Wir wollen hier das Thema “Hinterfragen” haben, da soll Platz sein für Unsicherheiten und Bedenken – ich hab keine Lust, meine Position hier gegen Angriffe durchfechten zu müssen, und das werde ich auch nicht tun, und auch niemand anderes soll das tun müssen.

Update 3, 30.10: Jetzt ist es genau eine Woche her, der Artikel hatte seine vielen, vielen Klicks (dank Mädchenmannschaft) und es besteht, so die Bilanz, kein Interesse an einer solchen Reflektion unter Weißen.(In dieser Form) Ich bedanke mich für die guten Kommentare und die Kritik an der Idee. Ich bin der Ansicht, dass es am besten ist, solche Reflektionen geschehen unter kompetenter Anleitung, zum Beispiel auf Workshops zu Rassismus. Ich bin aber nach wie vor der Ansicht, dass es gut ist, wenn Weiße ihre Privilegien auch ausserhalb von Workshops – im Alltag – reflektieren, gerade, wenn sie antirassistisch arbeiten wollen und nicht nur in einer Blase unter lauter Weißen sein und leben und arbeiten wollen. Dabei wünsche ich allen weißen Leser_innen viel Erfolg!

Critical Whiteness – jetzt erst recht.

Willkommen auf meinem lauschigen WordPress Blog! Ich nutze dieses selten oder kaum, aber dachte, jetzt kann ich das ja mal tun, weil mein twoday-blog nicht die Möglichkeit der Kommentarmoderation bietet und ich gerade bei Politthemen ein wenig mehr Kontrolle über das haben will, was in den Kommentaren abgesondert wird.

Es geht hier in Kürze darum, dass ich von einem Critical Whiteness Workshop erzähle, auf dem ich war, und mich über Diskussionen in der Linken ärgere, in denen dieses nützliche und fortschrittliche Konzept diskreditiert wird und Weißen Freifahrtscheine für zukünftige Ignoranz und Weiterentwicklungsresistenz ausgestellt werden. Insgesamt eher ein subjektiver, öffentlicher Tagebucheintrag als ein “ordentlicher Beitrag zur Diskussion”, aber für Letzteres fühle ich mich auch nicht unbedingt qualifiziert.

Ich finde ja, dass die Dinge sich wieder einmal schön zusammenfügen. Ich war Montag und Dienstag (also vorgestern und gestern) auf einem tollen Workshop zur Sensibilisierung für Rassismus und der kritischen Hinterfragung weißer Privilegien – oder auch anders gesagt: Auf einem Critical Whiteness Workshop/Training.

Anlässe gab es verschiedene, Gründe schon länger genug, und gerade wird das Konzept Critical Whiteness in der linken Szene auch diskutiert, und meist nicht immer schön. Als ich gestern vom Workshop kam, sah ich erst, dass Accalmie in “Stop!Talking” einen Artikel zur aktuellen Debatte geschrieben hatte und dass es auch bei momorulez dazu weiterging.

Ich hatte schon mal gebloggt zur Diskussion nach dem Noborder-Camp in Köln diesen Sommer (auf dem ich nicht war) und meinem Unmut darüber Ausdruck verliehen, dass ich den Eindruck habe, die linke Szene steigert sich mal wieder entlang von Befindlichkeiten von “Wer ist der/die bessere Aktivist_in” in Debatten rein, wo dann Critical Whiteness verzerrt dargestellt und als was benutzt wird, was die Theorie nicht ist und wofür sie nicht gedacht war.

Nun, da ich auf dem Workshop war und beruhigt sagen kann: Dort wurde CW so vermittelt und angewendet, wie es in der Theorie (jedenfalls dem bischen, was ich dazu schon gelesen hatte, nach) auch sein sollte und nicht, wie es gerüchtehalber in der linken Szene stattdessen angeblich läuft, mag ich ein bischen was dazu sagen und auch ein bischen Werbung für das Konzept machen.

Zuerst schnell zusammengefasst.. und sicher auch sehr verkürzt und polemisch: Viele weiß positionierte antirassistische Aktivist_innen finden scheinbar, dass Critical Whiteness und wie in der linken Szene damit umgegangen wird, essentialistisch ist und sie als Weiße unterdrückt, ihnen den Mund verbietet und sie so stark verunsichert, dass sie sich nicht mehr adäquat mit den “tatsächlichen” politischen Problemen des Rassismus beschäftigen können. Weil die Situation für die weißen und mehrheitsdeutschen Linken so furchtbar (Ironie) ist, haben viele sich auch ganz dolle gefreut, dass ein paar Formulierung gelöscht aufgrund eines Einwands in den Kommentaren, linke Theoretiker_innen, die selbst grösstenteils nicht weiß und mehrheitsdeutsch positioniert sind, in die Diskussion eingegriffen haben und in dem Artikel “Decolorise it!” aber auch in diesem Radiobeitrag und in diesem Interview in der Jungle World ihnen bescheinigt haben, wie schlimm das alles sei und wie viel besser alles wäre, wenn es, wie gehabt, einfach so weiterginge, dass jede_r sich da politisch engagiert wo die Person möchte und Fragen der eigenen Positionierung und der eigenen Privilegien dabei nicht so sehr stören, wie das jetzt angeblich der Fall ist. [Edit: der Artikel bescheinigt das nicht explizit, wird aber als so ne Art Freibrief-Bescheinigung instrumentalisiert..)

Jedenfalls schreibt Accalmie, dass sie das beobachtet, dass viele Leute, die mit Rassismus-Vorwürfen konfrontiert waren, jetzt froh und erleichtert mit dem “Decolorise it”-Artikel winken und den triumphierend überall verlinken. Und weiter, dass da das Kind mit dem Bad ausgeschüttet wird – etwas, das ich genauso empfand. Ich habe mich ja erst seit kurzem mit kritischem Weißsein beschäftigt, aber ich bringe für das Thema gerade Enthusiasmus auf und möchte darüber was lernen, und nachdem ich versuchte, die Basics zu lernen und dann Texte in der aktuellen Debatte zu lesen, brachte ich das, was ich an Basics gelernt hatte, nicht zusammen mit dem, was in dem Artikel stand. Wovon redeten die? Zuerst, bei den ersten Jungle-World-Artikeln (den beiden oben verlinkten) dachte ich, es wäre einfach nur schlecht recherchiert, was Critical Whiteness ist. Und jetzt merke ich: Es ist nicht schlecht recherchiert. Wie Accalmie schrieb: Da wird verzerrt, simplifiziert und absichtlich falsch verstanden und dann das ganze Kind mit dem Bad ausgeschüttet. (Den Artikel will ich nicht auseinandernehmen, dazu fehlt mir zum einen zuviel Theoriewissen und zum anderen haben das Accalmie und Momorulez – Links siehe oben – ja schon gemacht.)

Dazu kommt, daß das Verzerren und übermässig Vereinfachen nicht nur auf einer Seite stattfand, und unterm Strich behauptet jede der beiden Seiten, der Ansatz der jeweils anderen Seite brächte die politische Sache, gegen Rassismus zu kämpfen, nicht voran.

Aber grade weil wir in einem von Rassismus strukturierten System leben, bewirkt es was anderes, wenn Weiße sagen, die Beschäftigung mit ihrem Weißsein diene der Sache nicht, als wenn PoC sagen, das Ignorieren von weißen Privilegien und rassistischen Strukturen diene der Sache nicht. Selbst wenn die Weißen das wirklich so meinen und es ihnen nur um die Sache ginge (und nicht um eine eigene Abwehrreaktion) würde sich das halt an rassistische Strukturen anschliessen, die eben die eigene privilegierte Position seit 500 Jahren ausblenden, da andocken und die Botschaft vermitteln: “Alltagsrassismus ist doch nur ein Nebenwiderspruch, befasst euch doch mit was Wichtigerem”. Das geht dann einfach durch die weiße machtvolle Position, von der aus gesprochen wird, direkt ins Derailing über.

Das wurde in dem Workshop auch besprochen, das Thema der Position von der aus gesprochen wird, oder: Wer sagt über wen was zu welchen Themen?
In dem Artikel “Decolorise it!” wird kritisiert, dass die Linke daraus zum Teil den Schluss gezogen hat, es dürfen nur noch PoC gegen Rassismus arbeiten und es dürfen nur noch Frauen feministisch sein, etc. (Das scheint beim Stichwort “Identitätspolitik” gemeint zu sein..) Jule Karakayali sagte in dem oben verlinkten Podcast/Radiobeitrag sowas wie, weil es bei vielen das Bedürfnis gibt, alles richtig machen zu wollen, und auch aus Machtverhältnissen “auszusteigen” und keinesfalls bei den “Bösen” zu sein, würden Leute vertreten, man dürfe als Nichtbetroffene gar nichts mehr zu einem Thema machen oder sagen.

Was aber gar nicht der Punkt ist, und das kam bei dem Workshop auch noch gut raus, dass es nicht um moralisieren, Schuld oder Beschuldigung geht, sondern um Selbsterkenntnis, Reflektion und ganz konkret auch um das Aushalten der Situation, selbst von einem rassistischen System zu profitieren, darin privilegiert zu sein. Es ist ja lang genug verschwiegen, ignoriert und ausgeblendet worden. Weiße nehmen das ja alles wahr, sie blenden es nur aktiv aus, wurde Grada Kilomba auf dem Workshop wiedergegeben.

Also auch das Anerkennen der Situation und der eigenen Position in der Machtstruktur ist im Prinzip eine rassismuskritische Arbeit oder ein Schritt darin. Dieses moralisierende “Ich will die bessere weiße Person sein” was die Autor_innen von “Decolorise it!” kritisieren, ist aber nicht im Critical Whiteness Konzept enthalten, im Gegenteil. Dort wird eben davor gewarnt, sich in weiße Schuld und weiße Moralbefindlichkeiten reinzusteigern, denn dann geht es wieder nur um Weiße und ihre Situation und nicht um das System Rassismus und wer darunter tatsächlich zu leiden hat.

Das ist für mich auf jeden Fall eine Überlegung, “soviel Zeit muß sein” heisst es – daß ich zwar gerne eine gute Verbündete für PoC sein möchte, dass ich aber das noch nicht bin und noch nicht in dem Maß sein kann, weil da noch Reflektionsprozesse ablaufen müssen, und vor allem, weil die Ergebnisse des Reflektionsprozesses einfach erstmal anerkannt und ausgehalten werden müssen.

Eigentlich klappt’s auch halbwegs, wenn ich z.b. an konkreten Aktionen gegen Rassismus beteiligt bin, oder wenn ich Menschen die von Rassismus negativ betroffen sind, bei deren Initiativen unterstützen kann. Da bin ich mit mir eh halbwegs zufrieden und kann mich auch zurücknehmen und es vermeiden, mich an PoC vorbei in den Vordergrund zu spielen und die oberwichtige weiße Person zu spielen. Die Situation, wo es ärgerlicherweise immer hakt und wo es immer blöd ist, ist, wenn Alltagsrassismus reproduziert wird und ich mich nicht traue, einzuschreiten oder laut zu werden oder überhaupt mich dann zu positionieren. Wenn z.b. in einer Runde Freundinnen eine weiße Frau einer Schwarzen Frau nicht nur ungefragt in die Haare fasst, sondern direkt nachdem die Schwarze Frau erzählt hat, wie schrecklich sie sowas findet. Da tatsächlich ein paar Rollenspiele zu machen um solche Situationen mal anders enden zu sehen, oder Sachen, die einem immer nachher einfallen, wie mans hätte machen sollen und können, einfach mal einzuüben, wäre toll gewesen, aber dazu hat die Zeit in dem 2tägigen Workshop nicht mehr gereicht.

Vielleicht gibt es nächstes Jahr einen Aufbau-Workshop, der war ja wirklich für die absoluten Basics. Oder das ist eigentlich ein anderes Workshopthema, nämlich eher für ein Zivilcourage/Antidiskriminierungstraining. Auf dem Workshop waren viele Teilnehmende aus der Bildungsarbeit, z.b. waren einige Diversity-Trainer_innen – und die hatten zu sowas zum Teil schon viel mehr Vorwissen als ich und hatten sowas auch schon mitgemacht.
Ich denke zwar man kann sagen: So Sachen sind doch selbstverständlich oder sollten es sein, das sollte man nicht erst wo üben müssen – aber ich glaube, das muss man eben schon. Wir haben gelernt “was man nicht sagt/macht” und das muss aktiv verlernt werden.

Je mehr ich so drüber grüble, umso eher denke ich, ist das Problem nicht, dass viele linke Weiße rassistische Situationen gar nicht bemerken – sondern mein Problem und vielleicht auch von anderen, ist, sich nicht zu trauen, sich aus dem Fenster zu lehnen. Klingt saudoof, aber ist halt so. Nach so einem Critical Whiteness Workshop kann es auch sein, und bei mir ist das durchaus auch so, dass man erstmal mit noch weniger Sicherheit rausgeht, als man reinkam. Der Gag ist, dass es auch mal was Positives ist, die eigene vermeintliche Sicherheit und den Zustand, die ganze Zeit die ganze Weis(s)heit mit Löffeln gefressen zu haben, aufzugeben. Ich kriege also mehr Handlungssspielraum und mehr Sicherheit zum Handeln nicht von solchen Reflektionsprozessen. Aber gar nicht mehr handeln und z.b. zu sagen “Also ich als Weiße kann ja eh nicht politisch zu Rassismus arbeiten” ist ja totaler Quatsch, denn die ganze Reflektion weißer Privilegien für Weiße dient ja unterm Strich dazu, dass PoC und Weiße politisch zusammenarbeiten können ohne daß PoC die ganze Zeit sich verbiegen müssen und retraumatisiert werden, sondern wenigstens mehr verstanden werden. Für mich ist das Fazit, was ich so mitgenommen habe, dass mir Handlungspower erwächst wenn ich anerkenne, dass Unsicherheit und Verunsicherung durchaus was Gutes ist, dass Reflektionsprozesse Zeit brauchen und dass es natürlich ist, und auch nichts Verwerfliches, wenn man zwischendrin mal scheisse baut – man kommt als Verbündete auch gar nicht umhin, Fehler zu machen, wie es hier bei “The Angry Black Woman” steht, aber man sollte offen sein für Kritik und sie dann auch annehmen.

[Edit da das scheinbar zwei Leute nicht verstanden haben: In dem folgenden Absatz geht es um etwas, was Ergebnis einer Selbstreflektion ist, es ist eine Erkenntnis über ein Problem meinerseits. Ich stelle hiermit fest, dass ich die erwähnte Überidentifikation, Selbstbeschuldigung und Speichelleckerei ablehne und meine Tendenzen dazu kritisch beobachte. Mir ist das völlig schleierhaft, wieso hier gelesen wird, ich hätte vom CW-Workhop gelernt, dass ich speichelleckend und unkritisch alles gut finden muss, was PoC sagen oder tun. Denn das steht da nicht.]

Ich neige selbst auch zum Moralisieren und zur Selbstbeschuldigung bei Kritik. Die Beschäftigung mit Critical Whiteness verleitet mich auch dazu, alles “richtig machen zu wollen”, mich z.T. mit PoC auch übermässig zu identifizieren und deren Kritik quasi fast schon speichelleckend aufzunehmen ;-)) aber das ist nicht das Problem der PoC, die Kritik anbringen, sondern mein ganz persönliches Problem. Es ist auch nicht das Problem des Critical Whiteness Ansatzes, sondern mein Problem. Die Kritik an weißen Positionen kann nichts dafür, wenn Weiße übermoralisierend und selbstgeißlerisch auf Kritik reagieren – genauso wenig wie wenn sie abwehrend und abwiegelnd auf Kritik reagieren und so tun, als wären die Kritiker_innen überempfindlich. Die Reaktion sagt ganz viel über die Leute selbst aus, und das ist ja auch Teil des Reflektionsprozesses, und auch Thema für Critical Whiteness, diese Prozesse anzugucken.

Probleme mit dem CW-Ansatz gibts natürlich auch, das ist beispielsweise, dass ja versucht wird, die Differenzen im rassistischen System zu betrachten und zu benennen, und dass man dafür das rassistische System ein stück weit anerkennen und übernehmen muss – also um z.b. die eigene Position als weiße Person zu reflektieren, übernimmt man ja zwangsläufig die Einteilung in weiß/PoC. Obwohl klar ist, dass diese Einteilung eine Fiktion und ein soziales Konstrukt ist, reproduziert man sie nicht irgendwo auch?
Wie soll man aber die Machtstruktur ansonsten beschreiben und angreifen? Das ist halt so bischen ein Dilemma und auch ein Punkt, an dem “Decolorise it!” auch berechtigt das CW-Konzept kritisiert. (Was auch eigentlich keiner abstreitet). Auf dem Workshop selbst wurde das auch problematisiert und die Teamer_innen waren für diese Frage auch offen und meinten dass klar ist, dass Critical Whiteness Studies sich auch selbst hinterfragt, und das fand ich gut.

Was aber nix daran ändert, dass in dem Artikel “Decolorise it!” einfach ein Freifahrtschein für die vermeintlichen “Opfer” der aktuellen Diskussion in der Linken (Weiße natürlich) ausgestellt wird, und ich möchte keinen solchen Freifahrtschein haben, im Gegenteil, ich bin dankbar dafür, dass ich in meinem Leben viele Anstösse erhalten habe, die weiße Position zu hinterfragen. Und diese Anstösse kamen zu einem sehr großen Teil (Über 90%, schätz ich mal) von PoC. Ob das Freund_innen waren, Kolleg_innen, Mitbewohner_innen, oder auch Teilnehmer_innen an Veranstaltungen, die sich der Öffentlichkeit ausgesetzt haben um Auseinandersetzungen einzufordern: Ich habe mich im Leben noch nie von “fanatischen” (siehe Artikel von Accalmie) PoC als “Weiße diffamiert” gesehen, ich kenne diese angeblichen fanatischen PoC nicht, die ach so identitätspolitisch drauf wären. Ich habe immer nur erlebt, dass diese Kritiken von PoC ihre Berechtigung hatten und Entwicklungs- und Lernaufgaben da waren für “uns” Weiße, an die ohne die Kritik und das Aufmerksammachen durch PoC nie einer rangegangen wäre.

In dem Workshop zu Critical Whiteness war es für mich mal eine neue Erfahrung, dass sich Weiße zusammensetzen und sich weiterbilden, reflektieren und das lernen, was Schwarze Theoretiker_innen so vom Stapel gelassen haben zu Rassismus und wie er funktioniert. Diese Räume wo ich mit anderen Weißen über Rassismus reden kann, ohne über die “Anderen” statt uns selbst und unsere Strukturen zu reden, habe ich sonst eigentlich nicht.
Der Workshop war für mich eine sehr bereichernde Erfahrung und als nächstes will ich was lesen:

Mythen, Masken, Subjekte – kritische Weißseinsforschung in Deutschland von Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche und Susan Arndt.

Ich bin auch nicht so ganz sicher, ob ich mit diesem Artikel selbst nicht schon wieder zuviel Raum eingenommen habe für meine eigenen Befindlichkeiten, als das hm.. angebracht wäre – aber andererseits denke ich, anhand der komischen Debatte über Critical Whiteness in der Linken wäre es angebracht als weiße Person dazu zu sagen, “CW – find ich voll ok”. Besser als gar nichts zu schreiben/sagen. Höre mir aber Kritik dazu gerne an..

Update: Es gibt einen Antwort-Artikel auf den “Decolorise it!” Artikel, auch in der AK, wo’s auch darum geht, bitte nicht gleich das CW-Konzept auf den Müll zu werfen.

Noch ein Update: Am 21. Oktober erschien bei “anders deutsch” der Artikel “Kritisch-weiße Fallen”, den ich gut fand. Weil darin auch nochmal steht, dass eben diese Selbstgeißelung und Beicht- und Büßerhaltung, zu denen manche so neigen, gar nicht nützlich sind und nicht weiterbringen. Ohne, daß gleich das ganze Konzept “kritisches Weißsein erforschen” verworfen und als Müll bezeichnet wird. Ich denke, dieser Artikel ist das, was “Decolorise it” hätte sein sollen – na, zum Glück gibt es ihn jetzt.