Vestkyststien Tag 2: von Højer nach Ribe

Es ist Montag, der 14. Mai. Wir haben heute eine Strecke von ca. 70km vor uns, und die Gangschaltung am Fahrrad meines Lebensgefährten funktioniert nicht, na Prost! Trotzdem ist die Moral ganz gut. Wir packen früh ein und wollen unterwegs frühstücken. Auf dem Weg aus Højer raus sehe ich, dass das ein riesiges Hünengrab ist, und schaue es mir noch an:

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Hünengrab in Højer: ein Steinkreis mit ca. 15m Durchesser, in dem ein grasbewachsener Erdhügel aufgeschüttet ist. Der Eingangsstein ist verschlossen. 

Bei Emmerlev Klev kommen wir dem Meer wieder sehr nahe. Wir fahren zum Strandhotel, das ausgestorben da liegt, und setzen uns auf eine der Bänke am Wanderparkplatz, packen unseren Kocher aus und es gibt Porridge mit Bananen und Schokolade.

Ein Mann mit Gummistiefeln kommt vorbei und wandert am Watt entlang, er wird langsam immer kleiner und kleiner, so flach ist es hier, dass man ihn noch lange sieht.

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Die Bucht von Emmerlev: Hinter einem flachen Deich ist eine feuchte Wiesenlandschaft, die ins Wattenmeer ausläuft (gerade ist das Wasser da und das Watt nicht zu sehen), davor mein Fahrrad. 

Danach geht es nach Hjerpsted und weiter entlang einer Landstrasse, auf der zum Glück wenig Verkehr ist. Aber in Dänemark gibt es einen himmelweiten Unterschied zu Deutschland: Die Leute fahren so viel langsamer. Und sie fahren viel entspannter und rücksichtsvoller. Hier kann ich angstfrei auch mal an einer Landstraße entlangradeln.

In Badsbøl-Ballum geht es dann von der Straße weg und wir stoppen an der Kirche von Vesterende-Ballum, um unsere Wasserflaschen nachzufüllen. Es gibt Vogelhäuschen auf Stelzen, die gestaltet sind wie die Gebäude in der Gegend. Ich habe aber keins fotografiert.

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Flach, flach, flach und grün und Meer. 

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Noch mehr flach, flach und grün und Meer und ein paar Gebäude am Horizont. 

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Im Inneren der Kirche von Vesterende-Ballum sieht es nordisch maritim aus. die Holzbänke sind blau gestrichen, genauso wie die Chorempore, und von der Decke hängt ein kleines Segelschiffs-Modell. 

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weiß gekalkte Gemäuer kann man am Ausgang vom Kirchhof sehen, ein weiß gestrichenes Tor und grüne Hecken geben den Blick auf flache, grüne Wiesen und das Meer frei. Der Himmel ist knallblau. 

Nach der Pause bei der Kirche verläuft der Radweg direkt am dänischen Teil des Nationalparks Wattenmeer. Nur verläuft er an der Innenseite des Deichs, deswegen können wir die ganze Zeit das Meer nicht sehen. Außer, wenn ich auf den Deich klettere.

An den Deichen sind Schafweiden mit vielen, vielen kleinen Lämmchen, die mit hohen Stimmen niedlich blöken. Das bedeutet aber auch, dass der Radweg Dutzende von Zäunen und Gattern kreuzt, und wir oft absteigen müssen, um die Tore zu öffnen und dann wieder zu schließen. Es wird Mittag und immer wärmer.

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Flach, Grün und Meer… nur, dass dieses Foto vom Deich aus aufgenommen wurde. 

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Eines von vielen Gattern, wo wir ein Tor öffnen mussten, um durch zu fahren. Im Hinterland des Deiches sind Teiche mit Schilfwedeln. 

Es wird immer wärmer, beziehungsweise: MIR wird es immer wärmer. Es gibt kaum schattige Stellen, und obwohl ich eine Baseballmütze trage, merke ich langsam, ich bekomme zu viele Sonnenstrahlen ab. Wer hätte gedacht, dass das Wetter SO GUT wird! Der Radweg verlässt den Deich um bei Brøns durchs Dorf zu führen. Dann geht es ein langweiliges, und ebenfalls sehr sonniges Stück an einer geraden Landstrasse entlang. Es herrscht leichter Gegenwind und mein Partner ermüdet, zumal er alles im 4. Gang fährt.

In Rejsby fahren wir endlich von der Landstrasse runter, und kurz nachdem wir das Dorf durchfahren haben, MUSS er an einem Picknicktisch eine Pause machen. Mir ist es dort zu sonnig. Aber er KANN nun mal nicht mehr. Ich hole seufzend das Tarp raus und versuche mir einen Sonnenschutz aufzuspannen, leider ist das nur bedingt von Nutzen.

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Ein Tarp auf einer sonnigen Wiese zwischen Zaunpfählen und dem Fahrrad aufgespannt. Darunter im Schatten sind Fahrradtaschen und was zu essen. 

Ein Sonnenstich ist, wie ich später nachlese, ein Hitzeschaden, und dabei geht es um langwellige Sonnenstrahlung, die vor allem Wärme erzeugt (im Infrarotbereich, wie diese Infrarotlampen). Und unter dem Tarp staut sich die Hitze auch ganz schön. Ich habe noch keinen Sonnenstich, aber ich merke, dass er nicht mehr weit ist. Ich nehme also meine Sachen und beschließe, mich in das unwegsame Gebüsch zu verziehen, das in der Nähe liegt. Es stellt sich heraus, dass in dessen Mitte ein gemütliches kleines Wäldchen ist, und weil Bäume so gut das Licht filtern und kühlen, ist es darin super angenehm!

Keine Ahnung, wieso ich nicht gleich drauf gekommen bin. Der Partner kommt auch noch in das Wäldchen, und wir verbringen eine Stunde im Schatten der niedrigen Bäume und Sträucher mit Lesen und Dösen.

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ein schattiges kleines Buschwäldchen bietet uns einen Platz zum pausieren. 

Dann führt der Radweg wieder runter zum Meer, und es wird wieder heiß. Aber jetzt ist es nur noch ein kurzes Stück bis Vester Vedsted. 7 Kilometer, um genau zu sein. Wir kommen am Traktorenshuttle-Service vorbei, wo man sich auf die kleine Insel Mandø fahren lassen kann. Auch das Wattenmeerzentrum lassen wir links liegen, leider.

Ich hätte es mir gerne angesehen, aber die Fahrradreparatur hat Priorität und deshalb wollen wir ohne Zwischenhalte nach Ribe.

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Am Meer steht ein Fahrrad in der grünen Wiese

In Ribe kommen wir gleich zu den “Cykeleksperten”, die Werkstatt, die das Internet empfiehlt. Sie liegt direkt an unserem Weg. Ich bemerke leichte Schwindelgefühle und weiß nicht genau, ob ich zuviel Sonne hatte oder ob ich was essen muss, aber ich fürchte, es war doch zuviel Sonne. Noch bin ich aber fahrtüchtig.

Bei den Cykeleksperten finden wir einen Mechaniker vor, der alle Hände voll zu tun hat und uns wieder wegschickt. Er könne sich das Rad noch nicht mal anschauen, weil er einfach keine Zeit hat. Für mich ist das völlig demoralisierend. Immerhin empfiehlt er uns eine andere Werkstatt, am anderen Ende von Ribe, im Industriegebiet nördlich der Altstadt. Wir rufen da an, und juhu! Sie sagen, wenn wir gleich vorbeikommen, nehmen sie sich sofort Zeit für uns.

Ribe ist eine wunderschöne alte Stadt, aber wir müssen ja zur Werkstatt und haben keine Zeit. Uns fällt noch ein, dass wir ja gar kein dänisches Geld haben, und heben einen Schwung Kronen von einer dänischen Bank ab. Dann geht es zur Werkstatt. Das Industriegebiet ist fast außerhalb, wie eine zweite Stadt, und als wir da sind, stehen wir vor einer großen Verkaufshalle mit angeschlossener Werkstatt: dem Ribe Cykellager. Wir gehen etwas schüchtern rein, und drinnen gibt es drei Reparaturstände, wo drei Menschen gleichzeitig arbeiten. Ein Mechaniker kommt auf uns zu, und sagt, “Hallo, wir haben telefoniert”. Dann nimmt er das Rad, das er gerade repariert, vom Reparaturstand ab, hängt sofort B’s Rad drauf und schaut sich das Malheur an.

Wie wir vermutet hatten, muss der Schalter am Lenker ersetzt werden, einen neuen Schaltzug bekommt das Fahrrad auch. In 20 Minuten ist alles geschafft, wir sind sehr dankbar und 450 Kronen leichter.

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In der Werkstatt des “Ribe Cykellager”.  Fahrräder stehen überall herum, und ein Rad hängt an einem Reparaturstand. 

Wir fahren um einiges entspannter zum Shelterplatz in Ribe, den wir auch ohne Probleme finden. Ich hatte mir schon vor der Reise alles mit dem Satellitenbild von Google maps angeschaut, sonst wäre es wohl nicht so einfach gewesen. Auf dem Platz ist eine große runde Hütte mit Feuerstelle in der Mitte.

 

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Ich sitze am Shelterplatz im Gras und genieße einen Instant-Matcha-Latte im Schatten. 

Wir haben immer noch genug zu kochen von zuhause dabei, heute gibt es Weißkohl mit Tomaten und Bohnen aus der Dose. Dazu gab es dann noch Couscous. Das ist sehr praktisch, weil es so gut wie keine Kochzeit benötigt. Zumindest die Schnellkochvariante nicht. Ob es langsamer kochende Couscous-Sorten gibt? Mir ist noch nie eine untergekommen.

 

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Als die Sonne abends schwächer wird, baut B. das Zelt auf und richtet schon mal alles ein. 

Da wir jetzt heute schon die Reparatur hinter uns gebracht haben, beschließen wir, den dafür geplanten Extra Tag trotzdem zu verwenden, und morgen in Ribe eine Stadtbesichtigung zu machen, und dann in Esbjerg auch nochmal in der Stadt rumzubummeln. Anstatt zum Oksbøl Fjord zu fahren, werden wir dann einen Shelterplatz in der Nähe von Esbjerg ansteuern. Dadurch werden die nächsten zwei  Etappen etwas kürzer werden (und das wird sich noch als sehr günstig für uns herausstellen).

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Die Hütte in Ribe steht auf einer kreisrunden Waldlichtung. 

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Das Solarpanel bekommt auf dieser Tour viel zu tun, denn soviel Sonne hatten wir noch nie. 

Den Sonnenschutz abzuwaschen stellt echt eine Herausforderung dar. Ich verwende einen physikalischen Sonnenschutz von Alverde, der einen so kalkweiß macht. (Allerdings habe ich später wieder auf Chemie zurückgegriffen). Zum Abwaschen habe ich Lavaerde benutzt, das ist eine Wascherde, die komplett ohne Zusätze auskommt und deswegen kein Problem bei der Verwendung in der Natur ist. Und sie wäscht gut.

Als wir in den Schlafsack kriechen, ist es immer noch hell, das ist schon zu merken, dass wir hier weiter nördlich sind. Ich schlafe ziemlich sofort ein und schlafe auch diese Nacht wieder sehr gut.

 

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Nordseeküstenradweg in Dänemark (Vestkyststien) Teil 1

Jetzt ist wieder ein halber Monat vergangen, seit ich von der Radtour zurück bin. Es wird Zeit fürs Bloggen, sonst vergesse ich noch die Hälfte.

In Dänemark Radfahren und zelten ist für mich ein super praktischer Urlaub, weil es gut zu erreichen ist von Berlin aus, weil es ein sehr fahrradfreundliches Land ist und weil es ein sehr wander- und campingfreundliches Land ist. Und hiermit meine ich nicht nur die motorisierte Variante. Es gibt ein gutes Netz von Naturlagerplätzen, die für Wandernde kostenlos nutzbar sind, bei manchen fällt eine kleine Gebühr an. Und die Radwege sind gut ausgebaut und die Menschen sind freundlich und rücksichtsvoll gegenüber Radfahrenden. Wenn man wirklich alles selber auf dem Feuer oder Campingkocher macht, ist Dänemark auch nicht mal teuer.

Die Hinfahrt soll stressfrei sein, ein Intercity Zug, der ohne Umsteigen nach Niebüll in Nordfriesland durch fährt. Von da aus wollen wir die 30km nach Højer fahren, wo die Tour dann “so richtig” startet. Alles klappt auch ganz gut, ein freundlicher Schaffner zeigt uns unsere Fahrradplätze und hängt die Räder sogar noch in die Halterungen. Die sind so beschaffen, dass das gar nicht so einfach geht, also bin ich ihm schon sehr dankbar. Wir bekommen auch feine Sitzplätze. Und ich bekomme unterwegs Angst, als der Zug auf offener Strecke stehen bleibt und eine Durchsage “technische Probleme” erwähnt. Letztes Jahr mussten wir unsere Tour früher beginnen, weil der Zug komplett kaputt ging. Diesmal haben wir Glück: Sie starten das Computersystem neu (und machen das fortan alle 20 Minuten) und dann fährt der Zug wieder ein Stück weiter. Im nächsten großen Bahnhof hängen sie einen Diesellok davor und wir kommen später als geplant, aber immerhin, in Niebüll an.

Dort plagen wir uns über unausgeschilderte Umleitungen bzw. durch totalgesperrte, sich im Bau befindende Straßen, aber finden dann doch noch auf die Route. Es ist sonnig und heiß, und etwas windig. Wie flach das Land hier ist! Es ist eben wie eine Tischplatte. Der Duft von blühenden Rapsfeldern steigt uns in die Nase und ich kleistere mich brav mit Sonnenschutz ein.

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Unsere bepackten Räder und mein Tourmitfahrer vor dem Bahnhof in Niebüll. Das Wetter ist klasse, und da ist auch schon das Schild, das uns den Weg nach Højer weist.

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Endlich auf dem platten Land! Eine schmale, asphaltierte Strasse führt durch grüne Wiesen, und vorbei an blühenden Hecken. weiter hinten steht ein Fachwerkhaus.

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Es ist wirklich, wirklich flach. Eine Wiese, ein Ortsschild, ein paar Bäume und grüne Wiesen und ein gelbes Rapsfeld liegen vor uns.

Wir fahren ein Stück über Landstrassen, auf denen zum Glück wenig Autoverkehr ist. Denn Autoverkehr in Deutschland bedeutet oft (und das bekommen wir gelegentlich zu spüren) dass jedes 3. Auto wie ein Bolide an dir vorbeiböllert, als wollten die Insassen ein vorzeites Ableben riskieren und dabei noch jemanden mitnehmen. Es ist schon erstaunlich, wieviel Lärm ein Auto bei höheren Geschwindigkeiten erzeugen kann. Da läuft dein ganzes Leben vor dir ab, wenn du sie von hinten heranschießen hörst.

Links von uns sehen wir dann den Nordseedeich, und der Weg kommt ihm immer näher. Dann liegt auch schon die Grenze zu Dänemark vor uns, und wir gönnen uns im alten Zollhaus, das heute ein Cafe ist, große Tassen mit Kaffee und hausgemachte Kuchen. Die sind wirklich gut. Einkehren ist etwas, das in Dänemark unerschwinglich ist, deswegen hauen wir hier noch mal rein.

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In diesem Cafe im früheren Grenzkrug/der Zollstation gibt es mit weißen Tischtüchern bedeckte, gemütliche Tische und eine Bücherwand bis zur Decke hoch. Darauf steht ein Schild “offener Bücherschrank”.

Dann geht es über die Grenze. Früher lag hier ein Bauernhof, der bei der Ziehung dieser Grenze so ungünstig weg kam, dass der Bauer jeden Tag die Grenze übertreten musste, um aus dem Hof zu den Feldern zu kommen. Der war darüber nicht erfreut und ließ öfter mal den Schlagbaum offen stehen. Auf den Wiesen zwischen dem Deich und dem Meer tummeln sich unglaublich viele Schafe und Zugvögel.

 

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Der Deich und dahinter eine grüne Wiesenlandschaft, wo Schafe mit kleinen Lämmchen rumlaufen. Im Hintergrund sind noch Windräder und Büsche.

 

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Ein Asphaltweg führt über den Deich, vorbei an einem großen Bauernhof und vielen Weiden.

Kurz nach Überqueren der dänischen Grenze höre ich vor mir ein Fluchen, und es stellt sich heraus, dass die Gangschaltung meines Reisegefährten sich verabschiedet. Erst schaltet sie nur noch mit viel Glück, dann bleibt sie im 4. Gang stecken. (Immerhin der mittlere Gang). Nun fährt er Single-Speed.

Ich ärgere mich, weil wir die Räder vor der Tour immer zur Inspektion bringen. Trotzdem geht bei ihm jedes Jahr etwas grösseres kaputt, und jedes Mal gleich am ersten Tag. hmpf. Bei mir ist, seit ich die Werkstatt des Vertrauens gefunden habe, auf Tour nie mehr was kaputt gegangen. Gut, da ist natürlich auch Glück dabei, aber in dem Fall ist es einfach auch Vernachlässigung.

Der Wind wird immer stärker, je weiter der Nachmittag fortschreitet. Als wir die Vidå überqueren, bläst mich der Wind fast von der Brücke. Ich habe natürlich meinen Loopschal, den ich mir sonst über die Ohren gezogen hätte, zwar gesucht, aber nicht gefunden, sonst hätte ich ihn eingepackt.

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Der Fluß Vidå bei Højer wird vom Wind gepeitscht.

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Bei der alten Windmühle in Højer finden wir Trinkwasser, denn an unserem heutigen Lagerplatz gibt es keins. Die Mühle ist weiß gekalkt und hat hübsche Fenster mit ganz vielen winzigen Unterteilungen.

In Højer steuern wir erst mal die Kirche an, um Trinkwasser für die Übernachtung zu tanken. Am Lagerplatz gibt es nämlich keins. Doch die Kirchentoiletten sind gerade in Renovierung. Der nächste Versuch: die alte Windmühle von Højer. Die hat geschlossen, aber zwei ältere Damen sehen, wie wir suchend herumlaufen und fragen nach, ob sie helfen können. Wasser? Na klar. Hinten am Nebengebäude gibt es einen Wasserhahn, den zeigen sie uns und wir füllen unseren Wassersack auf.

Den Platz finden wir ohne Probleme, die Ladies beschreiben uns auch nochmal, wie wir am besten hin kommen. Es ist ein richtig schönes Shelterplätzchen am Rande eines großen Pfadfinderlagerplatzes. Der ist aber gerade leer.

Dann zur Diagnose der Gangschaltung: Wir schrauben den Gripshift Schalter am Lenker auf, wo wir schnell sehen, dass darin alles mehr oder weniger Matsch ist. Plastikteile sind verbogen, zernudelt oder verdreht,  und alles sitzt am falschen Platz, es ist auch gar nicht reparierbar.

B. schwört, dass er zur Not die ganze Tour im 4. Gang fährt. Aber weil das nicht so prickelnd ist, suchen wir Werkstätten. Die nächste ernstzunehmende Werkstatt, die auf unserem Weg liegt, ist in Ribe, 70km von hier. Falls es dort nicht klappt, müssen wir in Esbjerg unser Glück versuchen, die größte Stadt in der Gegend, wo es viele Werkstätten gibt.

statt im Shelter zu schlafen wird gezeltet, wegen der Mücken. Als das Zelt steht, machen wir noch einen Spaziergang durch die Wiesen. Dann machen wir ein Lagerfeuer am Shelterplatz und es gibt ein leckeres Abendessen, Nudeln mit Zucchini und Tomatensauce. Ich habe mir aus Spaß eine nur 6cm hohe Parmesanreibe gekauft, und sie funktioniert wirklich. Juhu, Parmesan auf Reisen!

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Abendessen vom Lagerfeuer: Pasta mit Gemüse und Tomatensauce.

Morgen brauchen wir dänisches Geld, mal schauen, ob wir es in Ribe umtauschen können.

Ich schlafe schon in der ersten Nacht wunderbar, was ungewöhnlich ist, weil früher musste ich mich immer ans Zelten 2 Tage gewöhnen. Aber hey, ich will darüber sicher nicht meckern!

 

 

Packing list (in english)

Sleeping

– Tent (I use a Hilleberg Nallo 3, it was expensive but it’s a fantastic tent. I love it and it never let me down.)
– Tarp (although the tent is spacious, I sometimes like to have an outdoor cooking space for bad weather conditions. I don’t like to cook over open flame in the expensive tent, also the cooking smell would stay in the tent overnight.. )
– a few patches to repair the tent (luckily I never needed them).
– sleeping mat
– sleeping bag
– footprint for the tent (we use a cheap one from the “baumarkt”)
– flashlight

Kitchen

– Stove and pots (we have a trangia stove and pots, I love this one very much)
– A bottle of methylated spirit (to fuel the stove)
– Spice roll (a friend made me one)
– Coffee whitener (I like coffee with milk but milk doesn’t work outdoors).
– Spoon (I don’t need any other cutlery)
– Cup
– Bowl
– Water bottles
– Pocket knife
– Coffee
– food
– “Kitchen Sink”, wich is a folding bucket that is the diameter of a CD when packed and 3 cm high. I thought I wouldn’t need it but it’s the best piece of gear ever.
– a water bag for staying overnight at a place without water, it can hold up to 10 litres, but it’s very light and small when rolled up.

Clothes

– 3 of each: Underwear, Socks, Tshirts (one that you wear, one that just got washed and is drying, and one that is dry)
– 1 pullover/Cardigan
– 1 Pants
– 1 Leggings
– 1 Flannel Shirt
– 1 knitted shawl
– 1 rain pants
– 1 rain jacket
– 1 cycling pants
– needles and thread for sewing
– (waterproof) shoes

Body care and cleaning

– ghassoul
– towel
– dishtowel
– toothbrush + toothpaste + dental floss
– Qtips
– tissues
– Bodylotion (my skin dries out a lot when I’m outside all the time!)
– nail clipper

Bike stuff

– tools for simple repairs
– patches for repairing the tube
– spare tube
– lube

for fun

– ebook reader
– charging cables
– solar panel for making your own energy
– powerbank
– camera
– knitting
– swimwear
– travel notebook, pens, and watercolors

first aid

– medications
– anti-tic and mosquito spray
– antiseptic
– some plasters and first aid kit
– sunscreen
– “seam grip” glue

Paperwork

– money
– Passport
– Tickets
– map(s)

Street Art Walk

Today I took my bike to the best favourite bike shop for a pre-tour-checkup, and because they had to do lots of things with it again, I decided to do some bookkeeping at work. after a few hours I was done with that and took a walk through Kreuzberg, taking pictures of street art.

Street Art: A 3D house installed on a house facade, it has a mouth with teeth and an eyeball and a sun on its tongue.

This is at Kottbusser Tor. I walked here many times, but I never noticed this 3D house sculpture that was installed there. It’s way above eye level, so you have to look up and around yourself to even notice it.
Below the sculpture was another, bigger piece of street art, a face. I had noticed the face earlier, but not the small 3D figures on its side!

a painted face with small white human figures on the side, they are three dimensional

I can’t really see what they are doing, they look like they climb up the facade of that house. the face seems to be “big brother” from the film “1984” made after George Orwell’s novel of the same name? No, I looked it up, it’s not that face.

This one is funny:

the infamous 1up Crew has made a huge piece on a nearby house and wrote on it: -Don't be gentle, it's a rental

at Prinzenstrasse, there is a car rental called “Robben und Wientjes”. It’s one of the most well-known car rental places, especially for moving house, because you can rent small trucks for a few bucks. They are called “‘ne Robbe” in Berlin, which means “seal” and a seal is also the logo of Robben and Wientjes. Now for the street art part: the infamous “1up Crew” has made a huge piece on a nearby house and wrote on it: “Don’t be gentle, it’s a rental”

a street traffic sign covered in lots of stickers

this is a traffic sign in front of “Robben”. Only you can’t see which sign it was, there are so many stickers on it. Stickers seem to be a completely new form of street art now. On this sign, there is even a sticker of a sheep. and a nautilus shell!

another sign full of stickers

a backyard of a modern building, done in concrete, with a large street art poster of a human with a hat, a beard and a textured pullover

more stickers.. one of them reads Fingerboarding ruined my life

Fingerboarding ruined my life!

street art may 2018
I like this picture of my reflection in a door at Aufbau Haus at Moritzplatz. I like the dark tunnel-like passage to the backyard, too.

I went to Modulor, which is an art supplies store at Moritzplatz, to buy a travel notebook for the upcoming cycling tour. I could bind a book myself, but I think I don’t have the time now. So I just bought one. it’s a nice book though, a semikolon notebook.

At Moritzplatz, you can also find the “Prinzessinnengärten”, urban gardens that are semi-professionally organized. they have lots of gardening and art space. And they put up a banner in solidarity with La ZAD:

la ZAD solidarity banner at Prinzessinnengärten

And they have this very artful wooden fence. Lots and lots of discarded wooden planks have been put together into a very textured, sulpted wall. it’s a pleasure to look at it.

sculpted wooden wall at Prinzessinnengärten

This following picture is also taken at Kotti. I don’t know who does these calligraphy like letters, but they show up on several places in berlin. And there are always some words written around the letters, they talk about freedom.

graffiti high up at kottbusser tor

And lastly, there is this artsy fartsy spraycan face on Kottbusser Damm:

street art may 2018

Sommer im April, Teil 2

Das ist die Fortsetzung von meinem Radtour-Blogeintrag. 

Tag zwei begann um 7 Uhr, als mein Wecker klingelte. Ich dachte, wenn ich mich um 7 Uhr wecke, schaffe ich es, um 9 Uhr auf dem Rad zu sitzen. Der Plan war, von dem Landprojekt in der Nähe von Wittstock in den Bereich des S-Bahn-Netzes von Berlin zu radeln, was laut der Routenplanung von Outdooractive.com eine Strecke von 116 km bedeutet. Erfahrungsgemäss sind die real gefahrenen Strecken etwas länger, bislang hatten wir immer 5 km mehr drauf pro 50km, wenn ein Fahrradcomputer mitloggte. Deswegen schätzte ich mein Pensum auf 120km. Und das ist viel. Sowas habe ich noch nie geschafft.

Deswegen also früh los fahren, damit ich genügend Pausen machen kann und mindestens 10 Stunden Zeit habe, bevor es dunkel wird, um die Strecke zu fahren.

Das Zelt und das Fahrrad stehen im Schatten eines Hügels und allerlei Gestrüpp, auf einer taubedeckten Wiese. weiter hinten scheint schon die Sonne auf die Bäume.

Als ich aus dem Zelt kroch, war die Sonne schon aufgegangen. Nur das Zelt stand im Schatten, was der Trocknung des Stoffes nicht dienlich ist. In kühlen Frühlingsnächten entsteht nicht wenig Kondenswasser innen am Außenzelt. Das ganze Außenzelt hing auch etwas durch, diese leichten Zelte müssten eigentlich bei Feuchtigkeit nachgespannt werden, das hatte ich aber trotz nächtlichen Harndrangs versäumt. Aber schlimm war es nicht, nach innen kam keine Feuchtigkeit.

Als ich in die Gemeinschaftstküche stiefelte, war eine riesen Kanne Espresso und aufgeschäumte Milch schon da. Paradiesisch! Nach dem Kaffee baute ich das Zelt ab, und zog mit allem Krempel und dem Fahrrad zum Seeufer um, von dort konnte ich auch dann starten. Aber vorher wollte ich mir Hirse mit Schokolade und Bananen zum Frühstück kochen.

Die Feuerstelle am See ist gerade etwas unordentlich mit Zweigen und Laub bedeckt. Dort habe ich trotzdem meinen kleinen Holzkocher aufgestellt, es ist ein ALB Wood Stove, den ich mir im lokalen Outdoorladen gekauft hatte. Gerade kocht ein Topf Hirse.

Die Feuerstelle am See war voller Äste und Laub, ich wollte aber nicht die Grasdecke unnötig beschädigen und habe mir daher ein Plätzchen freigeräumt. Dort stellte ich dann meinen Holzkocher auf. Es ist ein fertig gekaufter von ALB, kein Eigenbau. Das Anzünden geht sehr einfach: kleine Zweige und Laub reinstecken, dann ein wenig Papier dazwischen und ein Feuerzeug dran halten. Danach kann der Topf oben drauf, und das Nachlegen ist etwas schwieriger: Ich hatte es früher so gehalten, dass ich Zweige so klein gebrochen habe, dass sie in die winzige Brennkammer passten. Dadurch verstopfte sich diese und der Abzugeffekt des Kochers konnte nicht mehr so gut wirken.

Jetzt steckte ich die Zweige einfach vorne rein, ließ sie aber rausgucken, und wenn sie abgebrannt waren, schob ich sie einfach nach. dadurch blieb der Brennraum immer schön luftig und alles verbrannte ohne Rückstände.

Solche Kocher wurden ursprünglich von den amerikanischen Hobos (Landarbeiter*innen ohne festen Wohnsitz, die oft auf Güterzügen übers Land trampten) aus Dosen gebaut, und es gibt auch Bauanleitungen dafür. Ich habe mir einige durchgelesen und mich dann dafür entschieden, ein fertiges Teil teuer zu kaufen. (Das war allerdings letztes Jahr, als ich nicht so hohe Rechnungen unvorhergesehen auf mich zukommen hatte. Heute hätte ich vielleicht einen gebaut.)

Ich kochte gleich genug Hirse für 2 Mahlzeiten, so konnte ich noch auf der Fahrt etwas davon essen. Mein Frühstücksrezept ist ziemlich einfach: Hirse in Salzwasser gar kochen, dann Zartbitter Schokolade darin schmelzen und nach belieben Nüsse, Rosinen und Obst dazu werfen. Für mich war es “nur” ne Banane, sehr lecker, das.

Die Kochaktion dauerte dann doch etwas länger, und bis ich wirklich los kam, war es 10 Uhr. Gut, also insgesamt 10 Stunden Zeit, um die 120km zu fahren. Ich hatte eigentlich geplant, wenn ich nicht mehr konnte, in den Zug umzusteigen, aber mein Kollege erklärte mir, dass gerade auf dem entscheidenden letzten Stück am Wochenende immer gebaut wird und es Ersatzverkehr in Bussen gibt. Na Prost, also alles oder nichts!

Der Wald zwischen Wittstock und Rheinsberg

Mir wurde auf der Rückfahrt klar, wieso ich gestern so mühsam das letzte Stück gestrampelt hatte. Es war die ganze Zeit bergauf gegangen, obwohl der Weg optisch nicht so aussah. Jetzt sah es auch nicht so aus, als würde es bergab gehen, aber ich flitzte nur so durch den Wald und musste öfter sogar bremsen. Das brachte mich allerdings auch gut voran. Im Flecken Zechlin kaufte ich mir ein Stück Pflaumenkuchen für später, und stieg direkt wieder aufs Fahrrad. Kurz vor Rheinsberg machte ich dann noch eine Pause, ich hatte 25km diesmal in 1,5 Stunden geschafft. Schon wieder Hunger! Diesmal gab es Stullen mit Auberginen-Aufstrich und frischem Löwenzahn vom Wegrand.

Radtour-Essen

sommer im april-radtour: Brandenburg - unendliche Weiten. (Flachland)

In Rheinsberg fuhr ich diesmal gar nicht in die Stadt rein, sondern bog gleich wieder ab in Richtung Zechow. Am Flüsschen Rhin entlang führt ein Weg durch den Wald (allerdings sieht man den Fluß nie, und der Weg ist relativ langweilig), der mit nur wenigen Baumwurzelschäden befallen war. Ich war bis Zippelsförde in Gedanken versunken und machte dort eine Pause, um zu sinnieren, ob ich wirklich über Neuruppin und Kremmen fahren konnte, oder ob ich lieber über Lindow nach Oranienburg fahren sollte, was ca. 20km kürzer war. Mich etwas tollkühn fühlend entschied ich mich dann für Neuruppin.

Was ich nicht wußte: Rhin heißen hier viele Flüsse, es ist anscheinend ein ganzes Flußsystem, das so heißt. Ich war dem Rheinsberger Rhin gefolgt, und überquerte dann schon bald den Fluß Lindower Rhin, der mir bei Neuruppin wieder begegnen sollte, und dem ich bis Altfriesack folgen sollte, dann wurde er zum Kremmener Rhin und verlor sich dann im Ruppiner Kanal, der zur Havel bei Oranienburg führt. Wasser ist schon was faszinierendes! Wahrscheinlich habe ich jetzt die Hälfte falsch, ich habe das nur so von der Karte abgelesen..

Im Wald bei Zechow

Von Zippelsförde geht es dann eine Weile leicht bergauf nach Krangen und weiter nach Molchow. Die Sträucher am Wegrand hatten letztes Jahr, als wir schon mal hier geradelt waren, noch geblüht, dieses Jahr war ich ein klein wenig zu spät. Die Blüten waren schon abgefallen. In Molchow war die Brücke über den Fluß noch immer gesperrt, aber auf dem Dorfplatz hing eine Information, dass es einen privaten, kostenlosen Ruderboot-Service gibt. Ich war hin- und hergerissen. Sollte ich das machen, vielleicht kostet das viel Wartezeit, oder soll ich einfach über Altruppin ausweichen, denn der Weg ist ja noch weit?

Ich entschloß mich, dort anzurufen, schon allein wegen des coolen Erlebnisses. Am anderen Ende meldete sich das “River-Cafe” und leider, sagte ein freundlicher Mann, hätten sie gerade so viel zu tun, dass sie keine Zeit hätten, mich rüberzurudern. Okay, macht nichts, dafür werde ich dann schneller nach Neuruppin kommen. Hinter mir kamen noch zwei Spaziergänger*innen an, die zum Rivercafe wollten, aber wegen der zerstörten Brücke nicht konnten. Sie versuchten es auch nochmal telefonisch, vielleicht wären sie für Kundschaft dann doch gefahren (und hätten mich zusätzlich mitgenommen) aber die beiden hatten kein Netz. Es ist wirklich komisch, wie schlecht die Mobilfunk-Abdeckung in Brandenburg ist. Ich dachte, O2 wäre so schlecht, und Vodafone etwas besser, aber hier hatte ich mal mit o2 Netz und die mit Vodafone keines.

Der alternative Weg über Altruppin lief problemlos, und ich kam an einem riesigen Gelände mit riesigen Wohnkasernen vorbei, von dem die Hälfte leer stand. Die andere Hälfte wird als Schule genutzt. Auf der Webseite des OSZ fand ich folgende Info:

Die heute genutzten Gebäude in der Alt Ruppiner Allee sind Teil eines großen Gebäudekomplexes, welcher in den Jahren 1935/36 für die deutsche Wehrmacht als Panzerkaserne erbaut wurde. Diese Bestimmung behielt er bis 1945.

Nach der Zerschlagung des Faschismus wurde der Komplex durch die Rote Armee bezogen und war für die Bevölkerung nicht zugänglich. Mit der Wende wurde neben der Schließung des Flugplatzes auch die Räumung der Panzerkasernen zügig betrieben. Erste Überlegungen, die Kasernen als Wohnraum umzuwidmen, scheiterten an der Architektur der Unterkünfte.

In Neuruppin angekommen, verfuhr ich mich ein wenig und musste erst mal wieder auf den Radweg finden. Am Ruppiner See machte ich eine Pause mit Essen und Mastodon checken, und um ein paar Tourfotos zu posten.

Nachdem ich früher meine Radtouren auf Instagram gepostet und von dort automatisch nach Twitter weitergeschickt hatte, bin ich jetzt komplett zu Mastodon umgeschwenkt. Das ist ein Open-Source dezentrales Social Media Netzwerk, das ähnlich wie Twitter ein “Mikroblogging Service” ist. Hier findet ihr ein kleines Youtube-Video, was Mastodon ist. Klar, die “Großen” wie Instagram, Twitter und Facebook ignorieren solche kleinen, “DIY” Projekte standhaft, deshalb gibt es auch keinen Instagram-Mastodon-Crossposter.

Wegen des in Brandenburg kaum vorhandenen mobilen Internets musste ich meine Updates in Städten wie Rheinsberg und Neuruppin machen. Meine “Pocket Friends” auf Mastodon haben mich so super angefeuert auf diesem 120km-Tag!

Zwischen Neuruppin und Wustrau geht es über eine einsame Straße an schönen Alleen entlang.

Das erste Dorf nach Neuruppin war Wustrau, wo es eigentlich viel Kultur zu sehen gibt, aber ich war um 15 Uhr erst die Hälfte der Strecke gefahren, deshalb hielt ich nicht an, sondern fuhr durch. Aber vorher noch schnell ein Foto von den Bärlauchkolonien am Dorfeingang geknipst. Hier handelt es sich eigentlich nicht um Bärlauch, sondern um “Queerlauch” (Allium paradoxum), der schmale Blätter hat, aber auch ganz gut schmeckt. Ich hätte mir jetzt welchen für die nächste Pause pflücken können, aber wollte wirklich den Flow nutzen, in dem ich gerade war.

Am Ortseingang von Wustrau riecht es sehr lecker nach Knoblauch. Der Grund sind die Bärlauchfelder, die den ganzen Waldboden bedecken.

Von Wustrau nach Altfriesack war es dann nur noch ein Katzensprung. Nichtsahnend fuhr ich durchs Dorf und erfreute mich an den malerischen Häusern und der Schleuse, und dann stellte ich fest: Ich hatte den Radweg irgendwo verloren. Auf die Karte geguckt: Ah, eine Abkürzung durch den Wald. Die nehme ich.

Ja. tolle Idee.

Wirklich gut.

Fantastisch hast du das gemacht.

Ganz klasse.

Brandenburg besteht nämlich aus Sand. Es gibt im Wald sogar Wanderdünen. Oder überhaupt Dünen. Es kann sein, dass sandige Wege zu knietiefen Sandflächen werden. Und ich hatte das Vergnügen, nachdem ich ca. 1,5 km auf einem halbwegs befahrbaren Sandweg verbracht hatte, mein Fahrrad ca. 300 Meter durch eine Sanddüne zu zerren. Leider bewegen sich die Räder in so einem Sand kaum noch, und du ziehst das Rad eher durch den Sand als dass du es schiebst. Ja. Herrlich!
Und ohne Scheiss: Ich kann den Sand sogar auf dem Sattelitenbild von Google Maps sehen.

Ach, ach, eine Sanddüne mitten im Wald

Als ich auf der anderen Seite ankam, traf ich zwei andere Menschen, die einen hoffentlich besseren Weg gekommen waren, aber die auch Schwierigkeiten mit den sandigen Wegen hatten. Da ich diese Strecke 2017 schon mal gefahren war (Dieses Teilstück jedoch erfolgreich verdrängt hatte), konnte ich sie beruhigen, es sei gleich vorbei. Sie atmeten auf und folgten mir zu dieser netten, gepflasterten Fahrradstraße:

Ich war bei der Dünen-Aktion ziemlich ins Schwitzen gekommen, und meine Wasserflaschen waren fast leer. Aber zum Glück gab es das schicke “Golf in Wall”. ich fuhr als einziges unmotorisiertes Fahrzeug auf dem Parkplatz vor, stellte mich frech direkt vor den Club und steuerte auf zwei Golfende zu, die ihre Schläger an einem Wasserbecken abwuschen. Ich fragte, ob man das Wasser am Becken auch trinken könnte, und sie wußten das nicht, aber sagten mir dafür, dass die Toilette gleich hinter der Eingangstür zum Clubhaus gelegen ist. Dann ging es aufgetankt weiter über die Dörfer.

Am Goldclub in Wall habe ich meine Wasserflaschen aufgefüllt.

Achja. Was rein geht, muss auch wieder raus. Ich bin inzwischen auf Radtouren so froh, dass ich eine Stehpinkel-Hilfe habe. Für Menschen, deren Harnröhre nicht gerade in einem Penis endet, super cool – denn es ist bei uns gesellschaftlich akzeptiert, dass Menschen im Stehen völlig öffentlich pinkeln. Andere Methoden gehören weniger an die Öffentlichkeit. Ganz schön sexistisch. Aber ja, das kleine Pinkelstöckchen aus Plastik macht’s möglich, dass ich zwischen den Dörfern knallhart am Gebüsch am Strassenrand mich erleichtern kann und noch nicht mal eine Stelle meines Körpers entblößen muß.

radtour 21./22.4.2018kurz vor Kremmen überquerte ich den Ruppiner Kanal, an dessen Ufern viele Weidenbäume stehen.

Als nächstes kam ich nach Kremmen. Am Marktplatz machte ich noch eine kleine Pause und aß Schokolade und die restliche Hirse auf. Jetzt war ich nahe an der 100km-Marke. Und ich fing an, es zu merken. Der Hintern tat ein wenig weh, und die Beine waren ein wenig müde. Aber es ging. Ich verließ Kremmen durchs historische Scheunenviertel, das wie wahrscheinlich jeden Sonntag mit schönem Wetter, ein Treffpunkt für Biker geworden war. Dann radelte ich ohne viele Vorkomnisse durch die Dörfer und irgendwann tauchte Hennigsdorf, mein Ziel, auf der Radwegbeschilderung auf.

sommer im april-radtour

Ich machte noch eine letzte Pause etwa 5km vor Hennigsdorf, und erreichte die S-Bahn gerade, als die Sonne unterging, irgendwie so um 19 Uhr irgendwas. Also ungefähr 9 Stunden für 120km. Ich war ganz schön müde, aber auch stolz auf mich.

Mein Fazit ist trotz allem: Mehr als 100km am Tag zu fahren ist nichts für mich. Ich fahre, wenn ich auch mal anhalten und Fotos machen möchte, oder auch mal etwas in dieses Internet schreiben will, einfach nicht schnell genug. Und den kompletten Tag mit dem Zurücklegen der Strecke zu verbringen ist nichts für mich. Ich mag in der Sonne liegen, mir unterwegs einen Kaffee selber kochen, abends ein schönes Essen kochen, in Ruhe das Zeltlager auf- und abbauen, unterwegs vielleicht was ansehen, Ausstellungen und Infotafeln lesen… das geht bei diesem Pensum einfach nicht.

Ich kann mir vorstellen, dass ich mit etwas Übung das auch ohne den Muskelkater danach schaffen könnte – sich das vorher gut einteilen und wie bei jeder längeren Strecke mit den Kräften haushalten kann ich offenbar – aber wozu sollte ich. Ich bin mit 60km am Tag ganz zufrieden!

Sonnenuntergang, mein Fahrrad in der S-Bahn

Radtour. Sommer im April

Letztes Jahr hatte ich es Ende März und Anfang April geschafft, meine ersten Touren mit draußen schlafen zu machen, dieses Jahr war einfach viel zu tun, und deshalb habe ich bis zum vergangenen Wochenende (21./22.4.) warten müssen. Dafür war das beste Sommerwetter überhaupt! Ich verbrauchte viel Sonnencreme und holte mir am 2. Tag fast noch einen leichten Sonnenstich trotz Kopfbedeckung.

Wie fast immer auf meiner ersten Tour mit Übernachung: Ich vergesse Dinge. Diesmal vergaß ich einen Eßlöffel und ein langärmliges Shirt. Den Löffel bekam ich unterwegs geschenkt, das Shirt habe ich schändlich bei einem Billigbekleidungsriesen erworben. Sogar mit Kapuze.

An der S-Bahnstation nahm der Ticketautomat keine Kartenzahlung an, und was ich nicht wusste: Er nahm Geldscheine nur dann an, wenn man den ganzen Vorgang abbricht und alle Details von vorne eintippt. Also wohin die Reise geht, an welchem Tag, und welche Karte man möchte, und das jeweils einzeln für mich und das Fahrrad. Deswegen tippte ich das alles zwei mal an einem Automaten ein, und dann noch zweimal an dem Nachbarautomaten, der auch die Karte nicht akzeptierte. Somit war ich schon mal spät dran für den Zug und konnte von Glück reden, dass ich ihn gerade noch erreicht habe.

Startpunkt war Fürstenberg/Havel. Es ging in die Nähe von Wittstock/Dosse, zu einem befreundeten Landprojekt. Wen die Route interessiert, hier ist sie zu finden, auf outdooractive.  Allerdings führt diese Route nach Lärz aus Datenschutzgründen, ich bin die letzten km anders gefahren. ;)

Irgendwie versäumte ich, zu frühstücken, aber habe das gleich hinter Fürstenberg an diesem netten Rastplatz nachgeholt:

Eine Sitzbank mit Dächlein an einem kleinen Rastplatz auf einem Hügel über Fürstenberg, im Hintergrund bestellt jemand sein Feld. Seitlich steht noch eine Tafel mit Informationen über das Ruppiner Seenland.

Kann ich mal sagen, dass ich die kleine neue Kamera mag? Es ist eine Sony RX-100. Die sind ja super teuer, deshalb habe ich das erste Modell genommen, das von 2012. Es ist inzwischen im Preis gesunken, kann aber viele Dinge nicht, die die “neuen” können. Aber sie kann Bilder. Und darauf kommt es an!

kleine Waldstrasse hinter Fürstenberg. blühende Sträucher und sonniges Wetter, so soll es sein!

Die Blümchen sind auch schon da. Buschwindröschen sind das, glaube ich.

Bis nach Rheinsberg bin ich dann ohne weitere Pausen durchgefahren, überwiegend auf Waldwegen. Bis nach Menz waren das schöne, asphaltierte Wege, manchmal an der Straße entlang. Manchmal flitzte ich zwischen blühenden Sträuchern nur so dahin. Danach wurde der Weg leider durch viele Baumwurzelaufbrüche sehr holprig, und ich ärgerte mich und fuhr langsam. Sehr langsam. Langsam die Hügel hoch, und langsam die Hügel runter. Eiszeit und Baumwurzeln formten dieses Stück Weg! Später wird es hier bestimmt viele Blaubeeren geben. Sie sind gerade am blühen.

ein sonniger Kiefernwald, auf dessen Boden viele Blaubeersträucher wachsen. Gerade blühen sie und duften nach den späteren Früchten.

Noch mehr Blaubeerblüten aus der Nähe

Durch Rheinsberg selbst bin ich schon öfter durchgefahren, da habe ich nichts spektakuläres gemacht. Ich wollte auch eher in der Natur abhängen, als mir städtische Sehenswürdigkeiten anzusehen. Ich war kurz beim Aldi, wo mir einfiel, dass ich das Öl zum kochen vergessen hatte. Und Öle gab es nur in riesigen Flaschen, viel zu viel für meine zweitägige Tour. Aber ganz ohne wollte ich dann auch nicht.. Gemüse nur kochen, nicht anbraten ist mir zu unaromatisch. Schließlich entschied ich mich für die Aldi-Hausmarke “Pflanzencreme”, was noch den Vorteil hat, dass sie sich außer zum Kochen auch als Brotaufstrich-Grundlage eignet! Dann gab es noch Schokolade und Bananen fürs Frühstück morgen, und ne Tube Tomatenmark. Sowas kann ja nie schaden.

Als ich schon wieder weiterfuhr, fiel mir auf, dass ich noch mehr Wasser hätte brauchen können, bei der Hitze waren meine zwei Trinkflaschen (1,75 Liter) schon bald leer. Ich hielt bei der Touristen-Information an, aber deren Toiletten waren mit Münzeinwurf, und das sah ich dann doch nicht ein. Weiter ging es am Schloß vorbei und wieder in den Wald rein. Bei Linow setzte ich mich an den See und war schon wieder hungrig. Also Mittagspicknick! Ich hatte für die ca. 25km nach Rheinsberg gute 3 Stunden gebraucht, da war mir etwas bange, ob ich bei diesem Schneckentempo eine Chance habe, morgen über 100km zu fahren. Eigentlich nein. Aber wir werden sehen, dachte ich.

Pause an einem kleinen See bei Linow.

Im Flecken Zechlin, das ein echt malerisches Dorf ist, gab es eine kleine Touristen-Info, und ein kleines Bad nebendran, wo ich meine Wasserflaschen nachfüllen und mein Tattoo waschen und eincremen konnte. Dann kam die sonnenschützende Tattoo-Stulpe wieder drauf (abgeschnittener Shirt-Ärmel) und es ging weiter durch wunderschöne Laubwälder.

Frühlingswald ist so schön, wenn es sonnig ist: Alles ist noch so hell, weil das Blätterdach noch nicht geschlossen ist. Aber es ist schon so grün!

Ein sonnendurchfluteter Laubwald mit jungen grünen Blättern und einem Weg, der sich durchschlängelt.

Dafür, dass die Strecke an so vielen Seen vorbeiführt, bekam ich kaum welche zu Gesicht. Dass manchmal mitten auf einem Feldweg ein Hinweisschild “Badestrand” herumstand, wies darauf hin. Vor ein paar Jahren bin ich mal von Fürstenberg nach Wittstock “obenrum” gefahren, und würde das auch eher empfehlen. Wegen besserer Wege und schönerer Gegend und mehr Seen sehen!

 

Um 17 Uhr ungefähr kam ich an, und hatte so noch den Spätnachmittag und Abend Zeit, auszuspannen. Ich besuchte ein Landprojekt, wo ein Kollege mitmacht. Ich hätte im Haus schlafen können, aber im Bett liegen kann ich in der Stadt auch. Deshalb bestand ich darauf, zu zelten. Das kleine Zelt baute ich aber erst in der Abenddämmerung auf, das ist so eine Angewohnheit, nach den letzten 3 Jahren Radtouren.

Dann noch ein wenig am Lagerfeuer sitzen, den Sternenhimmel bewundern, und sich dann ins Zelt zurückziehen. Ich hatte eine ruhige Ecke gesucht, auf einer Wiese neben der Schafsweide, und dank warmem Schlafsack wurde mir nachts auch nicht kalt. Das Einzige, was nervte: Die Thermarest-Matte (eine selbstaufblasende Luftmatratze, die ganz alten noch) war nicht so bequem wie die Luftmatratze, die ich im Sommer nutze, und beim auf-der-Seite-Liegen bekam ich ganz schön Schmerzen an den seitlichen Pomuskeln.. oder Oberschenkel, so ein Zwischending. Auf dem Rücken liegen geht gar nicht, da krieg ich Rückenschmerzen, haha.. Ist die Thermarest-Zeit vorbei? Muss ich jetzt diese neuen High-tech-Luftmatratzen nutzen, um noch zelten gehen zu können? Oder ist es Gewöhnungssache? Trotz allem, und trotz der Tatsache, dass das aufblasbare Kissen ein Riesenleck schlug und unbrauchbar wurde, habe ich insgesamt ganz gut geschlafen. Meine Strickjacke, in einen Packbeutel getan, ist genauso gut als Kissen. Wieder einen Ausrüstungsgegenstand eingespart!

Stay tuned für Teil 2.

Die erste Fahrradtour 2018

Leider ohne draußen schlafen, aber ich musste am nächsten Tag arbeiten, und an Osterwochenende sollte das Wetter sich wieder verschlechtern. Es sollte in den Naturpark Barnim nördlich von Karow/Buch gehen.

Statt mit der S-Bahn raufzufahren und dann loszuradeln, sind wir nach Karow gefahren, denn Bahnfahren ist stressig und teuer. Am Tag davor hatte ich eine Diskussion auf Twitter über die verschiedenen Geschwindigkeiten von Radfahrenden, und wie die geplante Infrastruktur die schnelleren nicht berücksichtigen würde. Die Diskussion war eher unschön, weil sich eine gefühlte Mehrheit von Rennrad-Kerls darüber empörte, dass die Langsamen dann wohl an schlechter Infra “schuld” seien, oder es zumindest versäumten, hohe Geschwindigkeiten in der Stadt als etwas zu betrachten, worauf irgendwer ein Anrecht hätte. Daran musste ich denken, als wir gemütlich durch Weißensee juckelten, am Orankesee und am faulen See vorbei. Und auch, als mein Freund mir zu verstehen gab, dass ihm der Naturpark Barnim doch zu weit sei. Der Arme war von Kopfschmerzen gebeutelt, und daher beschlossen wir, einfach bei Karow etwas durch die Landschaft zu bummeln, die Sonne zu genießen und dann wieder nach Hause zu fahren.

Am Orankesee war einiges los, viele Leute waren unterwegs, um das Wetter zu nutzen. Die Wege waren naß, aber nicht zu matschig. Hinter dem Orankesee führt ein Schleichweg am Faulen See entlang, dann geht es über die Hansastrasse, durch eine Siedlung mit Einfamilienhäuschen, und dann wird’s schon ländlich.

Bei Malchow/Karow oben gibt es einige Parks, den See, und einen kleinen Bach, die Laake. Dort machten wir eine Pause, die Sonne kam raus und wärmte auch schon schön. Wir setzten uns auf den krummen Stamm einer riesigen Weide direkt am Wasser.  Ich hatte direkt vor der Radtour eine Frittata mit Kartoffeln und Zwiebeln gemacht, das ist so eine Art dickes Omelett. Als ich die aus der Fahrradtasche holte, war das Essen sogar noch warm. Ich hatte einen Wollschal um den Henkelmann gewickelt, der hatte es anscheinend gut warm gehalten. Die Gabeln hatten wir zuhause vergessen. Aber das machte nichts, mit dem Taschenmesser schnitzten wir uns schnell Stäbchen zum essen.

Wir folgten dem murmelnden, klaren Bach und kamen zum “Stadtrandpark neue Wiesen”. Auch hier waren Scharen unterwegs, um spazieren zu gehen. Die Hunde tollten über die Wiesen und schüttelten den Winter ab.

Wir fuhren Richtung Ahrensfelde, aber mein kopfschmerzgeplagter Radtourgefährte wollte dann doch nicht das Wuhletal runter fahren, und deshalb bogen wir recht bald wieder Richtung Marzahn ab. Wir fuhren an Grillplätzen vorbei und am Skatepark Wartenberg hatte die Stadt uns schon wieder.

Wir machten noch eine Pause und ich strickte ein wenig in der Sonne. Aber die Beschallung von Hiphop vom Skatepark her war uns dann doch zu stressig, nichts gegen Hiphop, aber wir wollten eigentlich mal raus und nicht die ständige Geräuschkulisse der Stadt um uns haben.

Abends viel mir ein, dass ich mich auf Mastodon  zum “Bike Cleanalong” verabredet hatte, und jetzt hatte mein Fahrrad es wirklich so richtig nötig. Die Ritzel und die Kette waren völlig verdreckt, so dass die Schaltung sogar manchmal etwas schwerfällig war. Also habe ich noch Putzlappen, heißes Wasser, Spüli, Fahrradreiniger und Öl geschnappt und habe mein Rad ein wenig sauber gemacht. Ich kriege das mit dem Antrieb reinigen nie so hin, dass es richtig sauber ist, aber zumindest so, dass der meiste Dreck verschwindet. Ausserdem leuchten jetzt die Reflektoren und Reflektorstreifen an den Reifen wieder.

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Krokusse beim Orankesee

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Radweg hinter Malchow mit Wiesen und noch kahlen Bäumen

 

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Weg nach Karow – ein sandiger Pfad gesäumt mit Bäumen

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die Laake bei Karow, ein Bach mit Weiden und grossen Steinen, auf denen man über den Bach gehen kann.

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Picknick: Wir hatten Kartoffelomelette dabei

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Besteck vergessen kein Problem mit Eßstäbchen aus Zweigen

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Selfie vor dem Bach

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Ich stricke in der Sonne sitzend an meiner Socke

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Mein heutiger Stand zu Spiritualität, Magie und Esoterik

Im Missy Magazin gabs neulich einen Artikel über Spiritualität, den ich erst nicht lesen wollte, aber weil ich mich für Spiritualität erwärme und das in linken Kreisen oft nicht so gern gesehen wird, hab ich den Artikel dann doch gelesen. Er heißt “Mein Horoskop ist wichtiger als Deutschland” und ich fand ihn wirklich schlecht. Deswegen verlinke ich ihn auch nicht, googlen könnt ihr ja selbst.

Stichpunktartig, was ich schlecht fand: Es war einfach super inkonsistent, er ging nicht auf Kritik an Religiosität ein und würfelte dann Gegenargumente zusammen, die gegen was ganz anderes waren, begründete mit den Beispielen, die darin standen, nicht, wieso Spiritualität nun so was subversives sein soll, und stellte fest, dass a) nicht nur wohlhabende weiße Mittelschichts “Bonzen” sich mit Eso-Kram befassen und b) man das ja zum Spaß macht und sowieso nicht wirklich daran glaubt (sollte damit der Kritik entgegnet werden, dass Spiritualität/Esoterik irrational sei? Hm. es ist aber nach bestimmten Kriterien irrational und wissenschaftlich nicht reproduzier- und beweisbar..)

Ich weiß nicht, wieso etwas allein dadurch, dass es Mittelschichts-“Bonzen” tun, jetzt schlümm sein soll, bzw wieso etwas dadurch subversiv wird, dass es Marginalisierte machen. Als linksradikale Spiri-Tante hab ich mich mit Kritik an Esoterik und Spiritualität viel befasst, und mich langweilt es, wenn nur danach gegangen wird, wer’s macht. Das ist ein “Hitler war auch Vegetarier!” Niveau. Genauso langweilig ist es, wenn etwas angepriesen wird mit der Begründung, wer’s macht.

Interessant wird es für mich, wenn es darum geht, was sind denn die Inhalte von dieser und jener Spiritualität, wie sind die Geschichten davon, und was gibt es da auf dem Schirm zu haben. Und klar, kommt bei Inhalten und der Geschichte von Religionen und Ideen immer auch mit rein: wer macht was in welchem Zusammenhang und wie hat das Einfluß genommen?

Und wenn ich mich mit der Geschichte der westlichen Esoterik, ihren Inhalten, den verschiedenen Strömungen darin usw. eingehend beschäftige, muss ich leider sagen: gefühlt 90% davon ist ein bodenloses Faß mit Scheiße drin. Nicht nur sind große Teile gerade der neuheidnischen Gruppen schlicht und einfach Nazis oder rechts-offen, und in ihren Büchern stand schon vor 15 Jahren drin, was die Identitären heute vertreten, sondern z.B. auch eigentlich feministische Strömungen wie die “Neuen Hexen” bauen auf krass antisemitischen Grundannahmen auf, eine Geschichte, die die Szene imo nie wirklich aufgearbeitet hat. Das mag heute vielleicht etwas besser sein, aber ich bin noch mit den Büchern aus den 80er Jahren und “vor dem Internet” ins Thema rein gegangen, und das war sehr unschön.

Westliche Magie und Esoterik fußt größtenteils auf der Theosophie, einer Lehre aus dem 19. Jahrhundert, die sehr einflußreich in der damaligen “Szene” war und aus deren “Theosophischer Gesellschaft” der Orden “Golden Dawn” hervorgegangen ist, der wiederum sehr einflußreich auf magische Gruppen und Hexen war. Die Theosophie ist heute weniger bekannt als ihr Spin-Off, die Anthroposophie von Rudolf Steiner, aber aus ihr kommt die sog. “Wurzelrassenlehre”, die sich auch bei Steiner wiederfindet, und die annimmt, es gäbe verschiedene “Menschenrassen” die auf verschiedenen “spirituellen Entwicklungsstufen” wären. Ein weiteres Spin-Off-Projekt der rassistischen Theosophie war die Ariosophie, die der Nationalsozialistischen Rassen-Ideologie die Grundlage lieferte.

Das soll alles nicht heißen, dass nun sämtliche spirituellen Leute Nazis seien, oder dass alle Ideen, die in der Esoterik vorkommen, problematisch wären. Aber ich finde schon, und das musste ich auch bei dem Missy-Artikel feststellen, dass Viele viel zu sorglos mit der Geschichte und den Inhalten von westlicher Esoterik umgehen. Denn inhaltlich sind die Theosophie und magische Orden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts für esoterisch-magische Strömungen sehr prägend gewesen. zum Beispiel Dinge wie Astrologie oder Tarotlegen. Sie sind zwar viel älter als die moderne westliche Esoterik, aber die zwei bekanntesten Tarots sind von Mitgliedern des Golden Dawn geschaffen worden: Das Rider-Waite Tarot und das Toth Tarot. Die Symbolik in diesen Tarots und die Lehre vom Tarotlegen ist nicht “irgendwie vom Mittelalter her” sondern hat ihre Wurzeln im Golden Dawn und der Theosophie.

Und von Dingen wie biologistisch-essentialistischen Geschlechterbildern, TERF-tum, Verschwörungstheorien und Ausbeutung von indigenen Kulturen hab ich noch gar nicht angefangen.  Ein “klar muß sowas kritisiert werden” reicht mir da nicht so ganz aus. Es ist zuviel, es ist zuviel überall, und es ist zu tief in den Ideen drin. Ich habe mich vor über 10 Jahren aus der “Spiri”Szene (in meinem Fall war das die feministische Spiritualität/Hexen) zurückgezogen, aber selbst in einem “maximal fortschrittlichen” Segment der Spiri-Szene kam ich immer noch in einem derartigen Übermaß mit regelrechten Nazis, rechtsoffenen und reaktionären Leuten, Ethnopluralist_innen und TERFs* in Kontakt, dass es mir heute noch davor graut. Ich war z.B. mal auf der Mailingliste von Zsusanna Budapest, wo sie Strichprobenkontrollen auf “echtes Frau-sein” durchführten.. Eine Frau aus meiner damaligen linksanarchistischen Spiri-Feiergruppe schloß sich später einer Nazi-Siedler-Sekte an und brach mit allem, auch ihrer Familie. Ein Typ, den ich über ein paar Ecken in der Magie-Szene traf, versuchte sich als Zuhälter für die weiblichen Mitglieder seines Ordens, und verkaufte denen das als “Erleuchtung”, aber zum Glück wurde da nichts draus..  bei einem magischen Grüppchen, dem eine Bekannte angehörte, landete mal unerkannt ein Hardcore-Nazi-Kader, also jemand mit wirklich Blut an den Händen.. zum Glück flog sie auf, aber puh…  ach ja, und in meinen Kreisen wurde auch zur Genüge der rechte heidnische Arun-Verlag und sein neurechter Besitzer verharmlost, “der ist doch kein Nazi, das war ne Jugendsünde” etc…  Ach ja, und auf einer feministisch-spirituellen Mailingliste, auf der ich war, flogen einer auch regelmässig Verschwörungstheorien um die Ohren..

Und ich hatte wirklich versucht, mich nur an die “Guten” und die “Linken” zu halten. Und ich traf auch “Gute” und “Linke”, es war ja nicht alles schlecht. Aber es war rein praktisch sehr sehr schwer, sich als dezidiert linke hexisch-magische Gruppe zu halten und abzugrenzen und sich auch ständig mit den Überschneidungen zur rechtsoffenen und “unpolitischen” Szene auseinanderzusetzen.

Das mag heute, nach vielen Jahren, vielleicht besser sein. Ich bezweifle es. Vielleicht kommt man auch um diese Verstrickungen auch zum Teil drum herum, indem man die komplette Esoterik/Magie Szene meidet und sich z.B. als Gleichgesinnte aus der queeren Szene zum Tarotlegen trifft. Möglicherweise ist die hexische/magische Szene z.B. in den USA auch progressiver als hier in Deutschland und dank Web 2.0 oder whatever kommt nun mehr davon rüber als früher.  Und von dem, was ich mitgekriegt habe, gibt es im Black Feminism und bei Queers of Color seit Jahrzehnten eigene, von der weißen westlichen Eso-Hexenszene eher unabhängige Spiritualitäts- und Magiepraxen, wo hoffentlich auch inzwischen mehr in Deutschland läuft als früher. Ich würde es allen, die sich als linke und fortschrittliche Menschen mit Spiritualität, Magie und Hexentum beschäftigen wollen, ehrlich wünschen, dass sie meine Erfahrungen gar nicht erst machen müssen.

Ich ging aus der Szene raus, nachdem ich mich gefühlt am 100.sten Masku-Magier*  abgekämpft, die 1000.ste N-Wort-Diskussion geführt, und die 10.000ste Rechtfertigung dafür geschrieben hatte, wieso ich heterosexuelle Reproduktion nicht als das Grundmotiv meiner Religiosität ansehen möchte (ich weiß sogar noch, wem gegenüber, sie sagte, das sei “unnatürlich”), und nachdem meine Spiri-Feiergruppe daran zerbrochen war, dass sich eine von uns (die später zu den Nazis ging) als TERF entpuppte.  Achja, und ne Wicca-Freundin sich aus starkem Interesse ein antifeministisches Buch bestellte… irgendwann war ich es sehr, sehr leid.

Mir ist meine frühere Spiritualität auch inzwischen fremd geworden, es kam einfach der Tag, da kam ich mit dem zugrundeliegenden Biologismus/Essentialismus von “weiblicher Spiritualität” nicht mehr klar. Jahrelang hatte ich mich daran ab- und drumherum gearbeitet, um mir das passend zu machen, fand auch hier und da mal was, in dem ich mich wiederfand, aber es passte einfach irgendwann immer weniger.

Was geblieben sind, sind ein paar Bruchstücke,  ein Gefühl dafür, dass es mit mir, meinem Leben und der Welt schon einen bestimmten Sinn hat, und etwas, ein bischen, Magie und Kommunikation mit Unsichtbarem. Ich halte das alles ziemlich für meine Privatsache.

Klar, hätte ich manchmal auch Lust, gegen pauschale Abwertungen von Religion und Spiritualität in der Linken zu protestieren. Aber nachdem ich mich in dieser Eso-Szene mal aufgehalten habe, verzichte ich lieber. Auch wenn ich Pauschalisierungen nicht mag, ab einer gewissen Bullshitquote mag ich mich für ein “not all Esos” einfach nicht mehr stark machen. Da gibt es Wichtigeres für mich.

Ansonsten… jedem Tierchen sein Pläsierchen. Wenn dir Spiritualität gut tut und du dich kritisch damit beschäftigst und dich vom rechten Bullshit fernhalten kannst, fein! Mach ich auch so! Cheers!

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* Fußnote – TERF ist eine Abkürzung für “Trans exclusionary radical feminist” und bezeichnet eine Hate group im Feminismus, die transfeindlich ist, trans Frauen nicht als Frauen anerkennt, Frau-Sein an physischen Merkmalen wie z.B. Gebärfähigkeit festmacht, und bis hin zu Gewalt und Terror die Menschenrechte und bürgerlichen Rechte von Trans Personen, vor allem Trans Frauen, negiert

*Masku-Magier: ein Magier, der Anhänger des Maskuli(ni)smus ist, einer antifeministischen Strömung, die zum Großteil aus Männern besteht. Die Maskul(in)isten finden, dass die Gleichberechtigung von Frauen zu weit gegangen sei, denn sie würde die Rechte von Männern, um die es vor 100 Jahren mal besser bestellt war, zuwider laufen.

Ein freier Tag zuhause

Heute hätte ich einiges vorgehabt, aber nachdem die letzten paar Tage eher arbeitsreich waren, wollte ich den Morgen langsam angehen. Ich habe mir Kaffee mit meiner neuen Bialetti-Kaffeemaschine gekocht, die ich von einer Freundin zu treuen Händen geschenkt bekam – sie ist klasse!

Irgendwie vertrödelte ich dann den ganzen Morgen und frühen Nachmittag, ich wollte zu Globetrotter, einen Gutschein einlösen, ich wollte zu einem feministischen Sexshop und mir den mal anschauen (sämtliche Berlinbesuchende, die ich kenne, suchen den auf, und ich wohne hier und war noch nie drin..) ich wollte malen, Yoga machen, aufnehmen…

Stattdessen schaute ich Vlogs auf Youtube und stopfte meine Handschuhe. Ich habe mir vor Jahren Dreifingerhandschuhe gestrickt, die ich zum Radfahren im Winter benutze, und damit sie richtig warm sind, haben sie unter dem Gestrick noch ein Futter aus dünnem Fleece.

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Bild: So sahen die Handschuhe aus, als sie neu gestrickt waren

 

Ein Jahr später habe ich einen Handschuh verloren, und von dem grünen Garn (es war handgesponnen und handgefärbt von mir) war nichts mehr da. Also habe ich mir einen Handschuh aus einem völlig anderen Garn nachgemacht. Und fahre mit zwei verschiedenen Handschuhen herum, kein Problem!

Inzwischen haben sie schon viele Flickstellen, einfach von der Abnutzung, und das Futter musste ich auch nähen, da waren an einigen Stellen die Nähte aufgegangen.

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Ich stopfe meine Sachen gerne so, dass man das Verbesserte sieht. Ich finde es nämlich cool, sichtbare Ausbesserungen zu sehen.

Ansonsten habe ich einiges an meiner komplizierten Zopfsocke weitergestrickt, ein wenig Selfcareprogramm gemacht, etwas nicht soooo leckeres nach einer eigentlich gut klingenden Idee von dieser unsäglichen Chefkoch-Plattform gekocht, (leider auch Kommentare dazu gelesen.. aaargh dieser Lingo dort..) und widerwillig ein wenig Haushalt gemacht.

Aber das Beste ist: Morgen habe ich ja auch frei!

Juhu!