Cycling in Berlin – engl/dt.

Dieses Video übers Radfahren in Berlin von Claudia Brückner fand ich super. Sie befasst sich mit schlechten Zuständen auf den STrassen und damit, dass Senat und Polizei nichts für Radfahrende tun, sondern fast nur Dinge gegen Radfahrende:

 

Cycling in Berlin. (Theory vs. Reality) from Claudia Brückner on Vimeo.

Anguckempfehlung!

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Meine 1. Critical Mass und der alltägliche Motorismus

CN für den Artikel: Gewalt, Tod, Victim Blaming, Übergriffe..

Critical Mass Vancouver 2007-06
Critical Mass Vancouver, Foto CC-BY-2.0 by Tavis Ford

Critical Mass (Linkliste, englisch) (wikia, deutsch) ist eine Aktionsform, wo sich Radfahrende die Strasse für eine kurze Zeit erobern. Von einigen Leuten habe ich gehört: Hä, was ist daran cool oder politisch?

Daran ist cool und politisch, dass es wenigstens für kurze Zeit aufbegehrt gegen den ständigen Motorismus. (Dieses Wort habe ich mir für den Artikel hier überlegt, um einen Begriff für den Zustand zu haben, damit ich nicht jedes Mal eine lange Erklärung schreiben muss). Motorismus ist (für diesen Text jetzt mal) die Machtverteilung auf der Strasse, der Zustand, dass die Strassen zuerst dem Fortkommen von Autos und grösseren Kalibern dienen, und dass alle anderen, die die Strassen benutzen, Benutzer_innen zweiter Klasse sind. Wer zu Fuss unterwegs ist, bekommt das zwar auch zu spüren, aber so richtig zu spüren bekomme ich es, wenn ich als Radfahrerin auf der Strasse mit Motorisierten unterwegs bin.

Krakow Critical Mass, June 2009
Critical Mass Krakow, photo by bartek, CC BY-NC 2.0

Übergriffe, Respektlosigkeit und gedankenlose Gefährdung

Radwege und Radstreifen werden nicht respektiert. Darauf wird oft geparkt (auch von der Polizei) oder sie als zusätzliche Fahrspur zum rechts abbiegen genutzt. Wenn du gezwungenermassen das Hindernis umfährst, wirst du oft von Motorisierten angehupt, genötigt und gefährdet.
Überhaupt werde ich als Radfahrerin oft genötigt und bewusst eng überholt, um mir klar zu machen, dass ich “weg soll von der Strasse”, dass ich störe, im Weg bin, dass ihr schnelleres Fortkommen wichtiger ist als meine körperliche Unversehrtheit, meine Sicherheit und letztendlich auch mein Leben.
Wenn es doch mal knallt, habe ich oft erlebt, dass Motorisierte sich mehr um Kratzer im Lack kümmern als um Verletzte oder um Menschen, die einen Schock haben. Fahrer_innenflucht wird von manchen nicht mal als solche wahrgenommen, wenn niemand blutet oder bewusstlos ist, ist “ja nichts passiert”.
Ich bin auch zweimal als Radfahrerin körperlich angegriffen worden, um es mir “zu zeigen”, beide Male hatte ich großes Glück. Die Täter waren beide Male Betrunkene, deren Reaktionsfähigkeit zu sehr herabgesetzt war, so dass ich entkommen konnte. Der eine Angriff war eindeutig gegen mich als Radfahrende gerichtet, wegen dem Radfahren, weil die Art und Weise, wie und wo ich fuhr, denjenigen nicht gepasst hat. (Obwohl es sie in keiner Weise beeinträchtigt oder berührt hat) Das andere Mal weiß ich es nicht, aber es kann sein.
Insgesamt erlebe ich Street Harrassment sehr massiv – aufgrund des Radfahrens.

Ein richtiger Knaller war ein Erlebnis in einer Winternacht. Der Radweg war vereist, verschneit, saugefährlich und unbenutzbar. ich fuhr auf der dreispurigen Prenzlauer Allee in Berlin auf der rechten Spur, die geräumt, enteist und sicher war. Ein Autofahrer, der ganz alleine nachts um drei die Strasse ebenfalls benutzte, fuhr an mir vorbei und öffnete ein Fenster, um mich wütend anzuschreien, dass ich gefälligst den Radweg benutzen soll. Dieses Erlebnis war für mich echt nicht schön, weil der Kerl zwei völlig leere Spuren für sich allein hatte und sich kein bischen in mich hineingedacht hatte, was es für mich heisst, über Eiswege zu schliddern. Nein, die Strasse mit mir zu teilen, das ist eine Zumutung für ihn gewesen. Immerhin hat er mich nicht physisch angegriffen. Aber da fühle ich mich immer so ungerecht behandelt und so mißachtet, und werde frustriert und wütend. Und diese Leute fühlen sich im Recht. Und glauben, ich wäre diejenige, die sie ins Unrecht setzt. Nicht zu fassen, aber das kommt öfter vor.

(Hier ist übrigens eine gute Gelegenheit, zum Vergleich die Nichtbeachtung durch Leute zu Fuß anzusprechen. Ich erlebe es sehr oft, das Leute auf Radwegen herumlatschen, oder vor Radelnden einfach über die Strasse gehen, oder sonst halt so tun, als wären Fahrradfahrende Luft. Das mag ja ein wenig nerven. Aber es gefährdet mich nicht. Das Schlimmste, was mir passiert, ist, dass ich halt 5 Minuten später am Ziel bin. Hier kann ich selber sehen, wie es ist, wenn du als “Stärkere” auf der Straße von “Schwächeren” ausgebremst wirst. Das ist absolut kein Grund, die Schwächeren zu gefährden oder ihnen gegenüber aggressiv zu werden.)

Critical Mass - stop and go
Critical Mass in Berlin-Kreuzberg, Foto: Alper Çuğun, CC-BY-2.0

Das Nicht-darüber-reden-können

Und wenn ich mit Menschen, die nicht selber viel Rad fahren, darüber spreche, werden mir die Regelverstösse von Radelnden vorgehalten. (Victim Blaming wie es im Buch steht). Als ob ein Regelverstoss so schwer wiegt wie die Gefährdung von Menschenleben. Und apropos Regelverstoss: Ich nutze meist Radwege, Radstreifen und Fahrradstrassen. Ich habe viel mehr Berührung mit anderen Radfahrenden als Motorisierte. Und ja, sie nerven mich manchmal, fahren ohne Handzeichen, oder sind ungeübt. Aber ich hatte wegen ihnen noch nie Todesangst. Ich werde von ihnen nicht genötigt oder aggressiv behandelt. Ich fahre vorausschauend, und wenn dann eine Person doch mal unvorhergesehen und ohne Handzeichen abbiegt, bremse ich und fahre eben seufzend und kopfschüttelnd weiter. Aber wirklich: so schlimm ist das auch wieder nicht.
Wenn für die ganzen Gefahren und Angriffe uns Radelnden nicht die Schuld gegeben wird, gibts ganz oft Victim-Blaming “light”: Aber Radfahrende sind so unsichtbar! (Sind sie witzigerweise für mich nicht, ich kann sie sehen). “Sie tragen keinen Helm!” (Fast wie: Der Rock war zu kurz). “Auf einer so und so gebauten Strasse komme ich an Radfahrer_innen nicht vorbei, wenn ich sie nicht eng überholen kann” (Und? An einem anderen Auto erst recht nicht?) “Radfahrende nerven mich” (Ja, und wieder: nerven ist was anderes als Todesangst. Komm damit klar. Mich nervt der Gestank und das Platzwegnehmen von Autos auch extrem).

Dann kommen noch die Debatten unter Radfahrenden dazu, wie es “richtig gemacht wird”, also – wie ich richtig fahre, dass ich möglichst nicht umgekachelt werde, was ich anziehen soll, oder wie ich fahren soll, damit wir endlich zu unserem Recht kommen und respektiert werden. Manchmal verlieren andere Radelnde auch aus den Augen, dass nicht Alle von uns den Mut oder die Kraft haben, sich jeden Tag den Platz auf der Strasse zu erobern, Motorisierte zum korrekten Verhalten zu “erziehen” und sich ständig dafür noch anhupen und anschreien zu lassen. Auch wenn ihr was anderes richtiger findet: Wir müssen alle mit der Situation und dem täglichen Motorismus klar kommen, und es ist okay, sich z.B. für die Nutzung strassenferner Radwege zu entscheiden.

Critical Mass London 5/09
CM London 2009 – Foto: Nico, CC-BY-NC-2.0

Von der Obrigkeit: Ignoranz und beschissene Behandlung

Dazu kommt die Verwaltung und die strukturelle Lenkung des Radverkehrs. Wenn ich für jedes Schild “Radfahrer absteigen” 5 Euro hätte! Wenn Baustellen sind, werden Radstreifen einfach überbaut, oft ohne Lösungsmöglichkeit, wohin. Oder es werden Situationen so gebaut oder konstruiert, dass ich nur unter großer Selbstgefährdung weiterfahren kann, Radwege werden plötzlich auf stark befahrende Schnellstrassen “geschubst”, ohne dass für die Motorisierten Zeichen oder Warnungen aufgebaut werden. Du musst sehen, wo du bleibst. Oder ganz oft werden Radfahrende einfach auf Gehwege umgeleitet, im Extremfall auf sehr stark benutzte Gehwege. Soll ich einfach in die Leute reinbrettern? Wo soll ich denn hin? Ich soll einfach verschwinden. Auf der Strasse ist für mich von der Stadt kein Platz vorgesehen. Und ich möchte keine zu Fuß gehenden Menschen belästigen, die haben auch zu wenig Platz in der Stadt. Was soll das.
Radwege und Radstreifen werden oft nicht mitgeräumt im Winter, wenn Radrouten unterbrochen werden, gibt es keine Umleitungsschilder (das ändert sich gerade punktuell) und es gibt zu wenig öffentliche Aufklärungskampagnen, die die motorisierte Bevölkerung informieren, was für Regeln sie gegenüber Radfahrenden einhalten müssen. Auch zu wenig Kampagnen gegen Fahrer_innenflucht oder für mehr Bewusstsein für die Wucht, die ein Auto nun mal entwickelt, und dass damit verantwortungsvoller umgegangen werden muss. Oder Kampagnen, die bewusst machen, wofür das Hupen eigentlich gedacht ist.
In Zeitungen wird manchmal radfahrfeindlich berichtet: Die Eltern eines totgefahrenen jungen Mannes hingen einen Zeitungsartikel an die Laterne bei seinem Unfallort aus, auf dem stand “der Radfahrer fuhr ohne Licht”. Mit einem dicken Marker hatten die Eltern dazu geschrieben: “Es war um diese Zeit noch nicht dunkel!!” Oft dreht sich der Diskurs in den Medien, wenn es um Fahrradunfälle geht, darum, Radfahrende zu mehr Vorsicht zu erziehen. Helmpflicht und so. (Nix gegen Helmpflicht, aber der Diskurs ist halt sehr einseitig). Als weiteres Beispiel hat der ADFC davon geschrieben, dass rücksichtsloses Verhalten gegenüber Radfahrenden statistisch die meisten Unfälle verursacht, während Staatsorgane (Verkehrsminister, z.B.) Radfahrende als Problem darstellen, sie z.B. “verrohte Kampfradler” nennen oder – wieder mal – lediglich über Helmpflicht diskutieren.

Das Auto als kulturelles Symbol

Das hier zu beschreiben, würde völlig die Grenzen sprengen. Aber es ginge hier einfach noch weiter, mit dem Stellenwert, den “das Auto” in der Gesellschaft hat, wie das “den Führerschein machen” zum “normalen Lebensweg” in diesem Land dazugehört, wie Autos Statussymbole sind und benutzt werden, um Menschen einzuschüchtern, zu beeindrucken, Gewalt gegen andere Menschen auszuüben, wie die Gesellschaft tausende von Unfalltoten jährlich schlicht als Normalität hinnimmt und damit lebt, und was das eigentlich alles über uns und Autos aussagt.
Hier müsste auch geredet werden über die verinnerlichte Höherwertung von Autos, egal, ob wir selber (gerade) Auto fahren oder nicht. Und auch über die Konnotation von Radfahren als “Kindersache” (also, bevor mensch alt genug für den Führerschein ist), als “Hobby” oder als “kein richtiges fahren”. Letzteres zeigt sich sowohl darin, dass Radwege nicht wie Strassen behandelt werden, und darin, dass z.B. Betrunkene das Auto zwar stehen lassen, aber Radfahren tun sie dann sehr wohl noch.

Critical Mass Gent-juni 2015-24
Critical Mass – Gent (Belgien) 2015, Foto: Frank Furter, CC-BY-NC-ND-2.0

Es ist ja nicht alles schlecht

Ja, sicher, es gibt auch soviel Gutes. Die meisten Motorisierten fahren rücksichtsvoll. Ich kann auch mit einigen Menschen über das Radfahren reden, ohne dass sie mit Victim Blaming und Bagatellisierungen ankommen. Und zunehmend kriegt die Stadt es auch hin, grade bei neu konzipierten Strassen, Radfahrende besser einzuplanen und es für Alle sicherer zu machen. Leider seh ich keine Veränderung/Hoffnungen bei der Behandlung des Radfahrens durch Medien, und auch das Auto als Status- und sonstiges Symbol hat einfach diesen Stellenwert. Der nicht so leicht ins Wanken gerät.

Aber obwohl die Mehrheit sich okay verhält: Die paar, die es nicht tun, und das mangelnde Bewußtsein für diese Situation, und die wahrnehmbare öffentliche Ignoranz und das Wegsehen sind noch stark genug, um manchmal ganz schön genervt und gefrustet zu sein, vor allem, wenn du dir selber durch jahrelange Erfahrungen und Beschäftigung mit dem Thema ein Bewußtsein dafür geschaffen hast.
In diesem Aufruf der Kampfradler_innen ist eigentlich das meiste, was ich geschrieben habe, schon mal super gesagt worden. Und da schließe ich mich klar der Forderung an, dass schwächere im Verkehr berücksichtigt werden müssen. Das heisst für Radfahrende: Alle, die zu Fuß, mit dem Rollstuhl, Kinderwägen etc. unterwegs sind. Für Platz-da-Verhalten gegenüber Fußgänger_innen hab ich kein Verständnis!

Ein paar Worte zu den “bööösen Radler_innen”

Wie schon anklang: Auch Radler_innen sind manchmal nervig und manche sind leider gegen Schwächere rücksichtslos.
Da entsteht bei mir Scham und Ärger, aber auch der Gedanke, dass es “DIE Radfahrer_innen” eigentlich nicht gibt, und trotzdem das Verhalten jedes Arschlochs auf zwei Rädern auf ALLE von uns zurückfällt.
Radfahrer_innen können die oben genannten Besoffenen sein, die das Auto stehen lassen, aber denken, mit dem Rad wärs ja kein Problem, herumzufahren. Es können rücksichtslose Autofahrer_innen sein, die den Führerschein verloren haben und nun Rad fahren müssen, die Rücksichtslosigkeit ist dann ja nicht einfach weg. Statt Unmotorisierte terrorisieren sie dann halt die noch weniger “berittenen” Leute. Es können auch einfach Ungeübte sein, leider gibt es gesellschaftlich als Folge der “Minderwertigkeit” des Radfahrens auch keine Ansprüche und die Auffassung, du setzt dich aufs Rad und machst halt irgendwie los. Und das tun Leute dann eben auch.

Ich fuhr einmal früh morgens im Berufsverkehr Rad. Zu dieser Zeit sind die Betrunkenen, Touris und Unerfahrenen einfach nicht auf der Strasse. Was ich erlebte, war: Viele Leute nutzen das Rad. Die allermeisten tragen Helme. Sie fahren zügig, umsichtig und geben Zeichen. Es ist für mich eine richtige Freude, mit ihnen unterwegs zu sein.

Fahrradfahren ernst nehmen und zu respektieren bedeutet für mich auch, es als etwas zu behandeln, was du lernen musst, und was mit Wissen und Regeln und Rücksichtnahme verbunden sein muss. Und eben nicht als sinnloses Freizeitvergnügen, wo alle machen, was sie wollen.

Es muss aber auch gesehen werden, dass auch geübte und rücksichtsvolle Radfahrende die Regeln oft brechen müssen, wenn sie überhaupt auf der Strasse existieren wollen. Eben weil die Stadt/die Verwaltung sie schlicht “wegdenkt” oder in unmögliche Richtungen umlenkt, oder einfach ein “Radfahrer absteigen” Schild hinnagelt. Manchmal finde ich es sicherer für mich und Fußgänger_innen, über bestimmte rote Ampeln zu fahren, aber das darf ich ja nicht offen sagen, und tun schon gar nicht.

Critical Mass September 2011 16
CM Magdeburg (Sachsen-Anhalt), Foto: Zeitfixierer, CC-BY-SA 2.0

Also: Critical Mass

Also, dann mal endlich zur Critical Mass.
Ich war auf meiner ersten Critical Mass!
Juhu!
Es war kalt, es war dunkel, es war November, aber geil!
Um 20:00 Uhr trafen sich alle auf dem Mariannenplatz in Berlin Kreuzberg, und irgendwann fuhren die ersten los und die ganze Sache kam in Bewegung. Ich hatte ausser auf ADFC Sternfahrten, nie an Raddemos oder Aktionen teilgenommen. Die CM ist, im Unterschied zu Demos, keine angemeldete Veranstaltung und es gibt auch keine Ordner_innen oder Veranstalter_innen, es ist ein Flashmob.
Das “Rowdy-Radel-Narrativ” steckt in mir selber ja auch etwas drin, so dass ich soooo begeistert war, als ich erlebte, wie glatt und gut es funktionierte, in einer Gruppe mit mehreren hundert Leuten radzufahren. Wir waren ja nicht nur langsam. Alle um mich herum fuhren so umsichtig und einfach sehr, sehr schön. Es war das Gefühl, dahinzufliegen (bei guter Musik). Die Strasse war unser.
An Kreuzungen fanden sich immer welche, die sich vor die Autos als Schutzspalier aufbauten, damit keiner einfach in die Gruppe reinbrettern kann.
Wir waren auch eine richtig schöne Lightshow. Viele hatten ihre Räder geschmückt und sich verkleidet, tolle Eigenbau-Räder waren da…

Was ich schade finde, ist, dass die Critical Mass und die Radfahrbewegung sehr weiß und sehr männlich ist, einfach von den Mehrheitsverhältnissen her. Während ich auf der Strasse täglich erlebe, dass Räder mehrheitlich von weniger Privilegierten benutzt werden: PoC, Frauen, Kinder.
Wenn ich überlege, warum das so ist, denke ich, dass Radfahren als “Lifestyle” statt als Notwendigkeit eher ein weiße-Männer-Ding ist. Die nicht so privilegierten Radler_innen haben vielleicht auch viel weniger Zeit, um aus dem Radfahren politischen Aktivismus zu machen. Die Fahrradfreakszene schreckt Leute mit billigen, alten Rädern oder mit dem City-Bike vom Aldi ab, und beim Fahrradschrauben triffst du oft auf sexistische Klischees. Und dann ist natürlich die alltägliche Dominanz weißer Menschen, die von Männern, die von Wohlhabenden und Kinderlosen auch in der Fahrradbewegung sichtbar und spürbar.

Ich möchte eigentlich nicht zwischen Feminismus und Fahrradbewegung wählen, wenn ich auf eine CM gehe. Ich möchte nicht meinen feministischen oder rassismuskritischen Blick abschalten, wenn ich auf der CM bin. Es tut aber auch weh, dass in den feministischen Kreisen in sozialen Netzwerken die Situation von Radfahrer_innen so wenig ein Thema ist. Dass mir in feministischen Kreisen das selbe Victim Blaming, die selbe Bagatellisierung und das selbe Wegsehen wie sonst auch entgegenkommt.

Das ist doch krass, oder?

Von den Mehrheitsverhältnissen abgesehen habe ich die CM aber nicht sexistisch oder anderweitig scheisse erlebt. Für die Dauer der Aktion oder wenigstens die 10km, die ich mitfuhr, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Ich habe sie so erlebt, dass diese gegenseitige Rücksichtnahme, das gegenseitige Empowerment und die Freude, dass wir uns durch unser Viele-Sein diese Fahrt ermöglichen, sehr überwiegt.
Ich fühlte mich so gut und frei auf der Strasse. Nicht machtlos, herumgeschubst und beschimpft.

Das war sicher nicht meine letzte CM!

critical mass
CM Berlin Juni 2015, Foto: gitti la mar, CC-BY-NC-ND-2.0

Ich bin nix für Ungut. (Coming-Out für Heten)

Dieser Text ist eine Momentaufnahme aus einem sich noch im Fluss befindenden Prozess. Der inzwischen weitergegangen ist. In diesem Text springe ich hin und her zwischen meiner Gender Identität, meiner Sexualität, meiner sexuellen Orientierung, queerer Verortung und dem sicher und gar nicht sicher sein, was eigentlich los ist. Eigentlich sollte der Text anfänglich zum Thema “queere Heten” sein und ich wollte darin klar kriegen, was will ich, was bin ich eigentlich als Hetera, die mit Heteronormativität, heteronormativen Beziehungen, heteronormativer Sexualität, und heteronormativen Geschlechterrollen sehr wenig und mit queeren Theorien, queeren Infragestellungen und queerem Leben von Uneindeutigkeiten und Ausprobieren von Alternativen sehr viel anfangen kann. Dann kam ich durch Podcasts, Gespräche, und Austausch auf Twitter dazu, mehr den Finger drauf legen zu können, was “mit mir ist”. Weil Selbstfindungsprozesse während man der Lohnarbeit nachgeht, aber schwierig sind, wird dieser Text immer älter und älter, während ich mit Schlafnachholen, Haushalt und liegengebliebenen To Do’s beschäftigt bin – also mach ich mal einen Anlauf, ihn vielleicht doch in seiner Unfertigkeit und Nicht-Einfachheit raus zu hauen.

Bild

Ende der 90er Jahre saß ich mit einer lesbischen Mitstudentin lässig auf einem Bordstein in Berlin und wir redeten davon, dass wir es toll finden, braungebrannt und muskulös zu sein. Vor allem muskulös.

Seit ich von zuhause ausgezogen bin, habe ich den Anspruch gehabt, mein Fahrrad selbst reparieren zu können. (Mein Tip: Werft das “Einfälle statt Abfälle – Fahrrad reparieren” – Heft weg! Werft! Es! Weit! Weg!!) Auch wenn ich nicht so weit gekommen bin: Ich führe Fahrradwerkzeug mit und habe kettenölverschmierte Hände. In Fahrradgeschäften wirke ich, als könne ich mir selber helfen – was offenbar mit einer maskulinen Genderperformance einhergeht. Ich bin die Person, der die Mechaniker_innen sagen, wo der Kompressor steht und der freundlich das Werkzeug in die Hand gedrückt wird. Wenn es doch mal vorkam (in einer Zeit, als ich femininer aussah) dass mir nichts zugetraut wurde und mir mein Fahrrad helfend und nett gemeint aus der Hand genommen worden ist, stieg in mir immer große Wut auf.

Ich bin nah am Wasser gebaut und mir kommen sehr schnell die Tränen – was etwas ist, das ich ganz ganz schwer akzeptieren und lieben kann. (Es bleibt mir eh nix anderes übrig.) Ich fühle mich davon immer zurückgeworfen auf einen Platz, wo ich schwach und hilfsbedürftig wirke, etwas, was ich nicht bin und nicht sein will. Ich weine möglichst “wie ein Mann” – so mit runterlaufenden Tränen, aber ansonsten voller Ignoremodus – bitte mit ja keinem Zittern in der Stimme.

<– Insert irgendein beliebiges Kindheits-Tomboy Narrativ here –>

Mein ganzes Leben lang fühlte ich mich von heterosexuellen femininen Rollenvorstellungen nicht nur eingeschränkt, sondern auch als Mensch abgewertet. Hübsch sein. Gefallen wollen und gefällig sein. Beschützt werden wollen. Kinder haben wollen. Einen Mann glücklich machen. Gut im Bett sein. Schmerzende Schuhe und unpraktische Kleidung, Haltung bewahren, nicht zu viel essen, nicht zu laut lachen, die biologische Uhr ticken hören.  Horror.

Es ist aber nicht nur der Wunsch, dem Sexismus durch Verweigern der weiblichen Rollenklischees ein Schnippchen zu schlagen. Zumal das eh nicht klappt. Als maskuline Frau erlebe ich andere Dinge als früher, als ich zumindest eindeutig als Frau gelesen wurde, aber ich erlebe längst kein männliches Privileg. Zwar wird mir nicht ins Mäntelchen geholfen (oder eine andere mir entmündigend erscheindene Behandlung), aber es wird mir dafür ganz oft irgendein Erlebnis oder eine Agenda  unterstellt, die zu meiner Entscheidung, nicht feminin zu sein, geführt haben muss/was ich damit erreichen möchte. Oder es wird mir eine Meinung, eine sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität unterstellt und das Ganze dann mehr oder weniger mit Toleranz behandelt.

Demnach ist es für mich so, dass maskulin sein/androgyn sein keinen Ausstieg aus dem sexistischen System ermöglicht. Es erlebt sich dann nur anders. Ich würde auch nicht sagen, dass das der Grund ist, wieso ich mich auf eine bestimmte Art und Weise ausdrücke (oder Gender performe). Ich bin nicht eine maskuline Frau, weil ich dann weniger Sexismus erlebe. Ich drücke mich so aus, weil ich mich selbst dann als zu mir selbst passend/stimmig/echt empfinde, wenn ich androgyn wirke. Ich mag Androgynität sehr. Ich finde maskuline Frauen* und feminine/queermaskuline Männer* sowie alle möglichen maskulinen Trans*menschen attraktiv und schön. Und ich empfinde mich selber als richtig und schön, wenn ich androgyn bin. Vielleicht würde ich sagen, ich fühle mich von queeren Maskulinitäten angezogen und ich identifiziere mich als eine Person, die gut mit queerer Maskulinität resoniert. Das und andere Dinge, die ich, weil ich nicht Single bin, nicht berechtigt bin, öffentlich zu diskutieren, würden mich lose ins Girlfag-Spektrum plazieren. (Link: Uli Meyer – “Almost Homosexual” – Schwule Frauen/ Schwule Transgender (GirlFags/Trans*Fags))

Ich identifiziere mich aber nicht als Agender/Genderqueer/Androgyn/Non-Binary. Ich identifiziere mich als Frau*.

In dem Text Why I’m still a Butch Lesbian  schreibt Lea DeLaria:

Not only do I dislike feeling pretty and prefer arguing to nurturing, I don’t even particularly like eating chocolate. Popular culture, and women themselves, often imply that I lack many of the most essential qualities of womanhood.

“die gesellschaftliche Kultur, auch Frauen selbst, geben mir oft zu verstehen, dass mir viele der grundlegendsten Qualitäten von Weiblichkeit fehlen”. This: Es ist nicht mein Problem, wenn ihr mich als Mann/männlich lest. Ich hab damit kein Problem. Ich habe aber auch kein Problem damit, mich als Frau zu identifizieren.

In our culture, the impulse to distance oneself from negatives associated with women and femininity is endemic. When we insult men, we do it by comparing them to women. When we compare women to men, we’re generally praising them. In fact, I’ve probably known more straight, cis-gendered women who’ve bragged about how they’re “one of the guys” than I’ve known lesbians.

Übersetzung: “In unserer Kultur ist der Impuls endemisch, sich von dem Negativen zu distanzieren, dass mit Frauen* und Feminität verbunden wird. Wenn wir Männer* beleidigen, geschieht das, indem wir sie mit Frauen* vergleichen. Wenn wir Frauen mit Männern vergleichen, dann üblicherweise um ihnen Anerkennung zu zollen. Tatsächlich habe ich wohl mehr heterosexuelle Cis-Frauen* getroffen, die damit angaben, “wie die Kerle” zu sein, als ich Lesben getroffen habe.”

Aus diesen Gründen bemühe ich mich aktiv darum, andere Frauen* und Feminität – auch wenn ich selbst einen anderen Genderausdruck habe als traditionelle Feminität – zu respektieren und mich eben nicht von ihnen abzugrenzen. Ja, ich habe das früher getan. Denn ich erleb(t)e Feminität als etwas, was mir ständig gegen meinen Willen aufgenötigt wurde, etwas, was mir alternativlos als Vorbild präsentiert wurde, etwas, das ich eben nicht bin und das mich eben nicht repräsentiert. Das war schmerzhaft und dagegen habe ich mich abgegrenzt, abgelehnt, rumgetrotzt – als es aktuell war.

Inzwischen bin ich 40 Jahre alt geworden, und spätestens in weiteren 10-15 Jahren wird mein Umfeld seine restlichen Erwartungen, dass ich noch einen Brutinstinkt entwickle, aufgeben müssen. Möglicherweise krieg ich das Unfruchtbarsein noch dieses Jahr schwarz auf weiß. Ich lebe langzeitmonogam mit einem Mann zusammen (nächstes Jahr 20 Jahre) und dadurch, daß meine Heterobeziehung länger hält als die meisten Heterobeziehungen, die ich kenne, führen sich Ratschläge, wie der Mann zu “halten” sei und dass ich so schliesslich keine Beziehung führen könnte, auch langsam selbst ad absurdum. Da hab ich also auch so langsam meine Ruhe.

Ich will solidarisch sein mit femininen Frauen*, ich will aktiv Feminität respektieren und aufwerten. Ich muss nicht mehr dagegen aufbegehren und kann inzwischen sehen, dass nicht Feminitäten es sind, die unterdrückend wirken, sondern nur deren Durchprügeln als Norm für Alle.

In queeren und/oder lesbischen Kulturen findet inzwischen ein sehr wünschenswertes Femme-Empowerment statt. Das macht im Kontext von Femme-Feindlichkeit und subkulturellen Normen, die maskulinere Weiblichkeiten als etwas normaleres setzen, auch viel Sinn. Aber auch bei heterosexuellen Feministinnen* ist es längst nicht so, dass es eine Latzhosen-Norm gäbe, und Feminität ist viel öfter anzutreffen, und wird auch, jedenfalls meiner Wahrnehmung nach, nicht mehr fälschlich als Symbol von Unterdrückung abgelehnt. Ich begrüsse das alles sehr!

Daran merke ich aber auch, dass mein Wunsch, Androgyn zu sein, eigentlich nichts mit dem Wunsch, der Abwertung zu entkommen, zu tun hat. Feminität bei Frauen* ist für mich nach wie vor einfach nichts, was mich anzieht, was mich sehr interessiert und was ich an mir selber haben möchte. Also auch jetzt nicht, wo es Empowerment und positive Beispiele für feminines Frau* sein in meinem Umfeld gibt. (Ich mag mal der Einfachheit halber female-to-femme aussen vor lassen, weil ich darüber auch noch zu wenig weiß, sorry).

Und was mich nachdenklich macht und auch stört: Es gibt nicht wirklich eine empowerende Selbstbezeichnung für Heteras, deren Genderperformance von der weiblichen heterosexuellen Norm dermassen abweicht. Dieses “endlich einen Namen haben für das, was eins die ganze Zeit erlebt” kenne ich in dieser Hinsicht nicht. (Nicht mehr; siehe das PS am Ende des Textes) Am ehesten fand ich mich in feministischen Vorbildern, und da wirklich in dieser “Latzhosen-Emanze” wieder. Aber die – es gibt sie inzwischen anscheinend gar nicht mehr. Vielleicht gab es sie gar nie, vielleicht war das immer ein Klischeebild, was als Abschreckung für “normale Frauen*” von den Medien geschaffen wurde. Fällt aus.

Es gibt auch Probleme damit, dieses Abweichen einfach unter dem Queer-Begriff mitlaufen zu lassen – obwohl es sicherlich laut einigen Definitionen völlig legitim wäre. Trotzdem ist für viele “queer” eben mit “nicht Hetero sein” verbunden, und wenn Queer für Heten überhaupt  geöffnet wird, dann lediglich für Heten, deren sexuelles Begehren oder deren Sexualität von der Norm abweicht (BDSM, Polyamorie, usw.) und nicht für Heten, die eine monogame Vanillesexualität leben. (Bei Licht betrachtet ist meine Sexualität nicht typisch heterosexuell, ich dachte immer, jegliche Sexualität zwischen Frauen* und Männern* sei zwangsläufig heterosexuell, und dachte halt, ich/wir hätten da halt “unser privates heterosexuelles Ding” gefunden – aber in dieser Ausgabe der Queerulantin über Girlfags und Guydykes (PDF Link) sprechen schwule Frauen z.B. davon, wie sie nicht heterosexuell begehrt werden wollen und nicht “als Frau” Sex haben wollen. Und da klingelt es ganz gewaltig bei mir.)

Also ja: ich bin halt die Hete. Punkt. Scheiss drauf, dass ich und mein Freund auf der Strasse für zwei schwule Männer gehalten werden. Egal, ob ich mich in der gängigen Definition von Cisgender nicht repräsentiert sehe, genauso wenig in der von Trans* oder Genderqueer. Dass ich mehrmals die Woche nicht als das Geschlecht gelesen werde, als das ich mich identifiziere.  Weil ich mich weigere, mich so zu geben, wie es die Gesellschaft Frauen* zugesteht. Wenn ich mit anderen Heteras rede und ich gefragt werde, wie wir verhüten, und ich ich überlege, nicht zu sagen, dass wir nicht verhüten, weil wir nichts praktizieren, was Verhütung erforderlich macht.

In meinem Lehrbetrieb nannte mich jemand – obwohl ich damals lange Haare trug – immer “Franz”, und ein anderer Kollege kommentierte quartalsmässig “She’s like men”, in meinem Meisterkurs tauschten die anderen Anwärter, während ich daneben saß, ihre Youporn-Links aus,  weil sie vergaßen, dass sie nicht in einer Männerrunde waren, und ich fühlte mich bei alledem zwar ein bischen befremdet, aber irgendwie auch stimmig.

Im Frühling/Sommer 2014 habe ich mich in meinem queeren Freundeskreis darüber mehrmals ausgetauscht, ob und wie es eigentlich einen Platz gibt für Menschen wie mich in der queeren Szene, ohne dass ich “nur Gasthete” bin. (Nicht, dass es damit ein Problem gäbe, wenn ich “nur Gasthete” wäre! Dazu später noch was.) Wir haben über unsere Annahmen und die Annahmen anderer geredet, z.B. weil einige auch Bi sind und mit Mann und Kindern in einer Kleinfamilie leben und deshalb inzwischen als “typische Hete” gelesen werden. Da ging es darum, wo eins hingehören kann und welche Vorurteile es in der queeren Szene so gibt. Diese Gespräche waren alle sehr gut, fand ich. Leider ergaben sie für mich immer erst mal so ein: “Ja, die anderen hatten immerhin schon mal homosexuelle Beziehungen und/oder sind wenigstens Poly. Du bist  eine untypische Hete, aber untypisch sind viele Menschen irgendwie. Du bist unterm Strich eine Hete.”

Nicht falsch verstehen: Ich steh gern dazu Hete zu sein. Ich steh auch dazu, Cis zu sein. Warum sollte ich meine diesbezüglichen Privilegien, die ich ja habe, verleugnen wollen? Bin für Awareness echt zu haben. Es ist nun mal Fakt, dass ich mit meiner Hetenbeziehung in normative Bilder passe, dass ich mich nicht überall erklären muss… Privilegien, ganz klar. Aber da sind diese Erfahrungen, da ist diese Orientierung, da ist dieses Selbstbild. Ich hätte halt einfach gerne einen Austausch dazu mit Menschen, denen es ähnlich geht.

Als ich dann vor kurzem mal öffentlich anfing, über queere Heten, das nirgends-reinpassen, und die Suche nach Begriffen twitterte, erlebte ich viel berechtigte Ängste, dass Heten sich Queerness und Selbstbezeichnungen von LGBT* aneignen könnten. Am Ende wurde über mich von einer Person in einigen Nonmentions hergezogen: als Diskriminierungsneiderin, Enthetungswünsche hegend und ich sei Trans*misogyn.

Meine Fresse, natürlich halte ich mich nicht für queer, weil ich mir die Haare kurz gemacht habe! Genau so wenig würde ich mich für eine Person of Color halten, weil meine Haut schnell bräunt und ich keine dt. Staatsbürgerschaft habe. OMG. oO

Ich halte mich für queer, weil ich gendermässig anders präsentiere als es das System von hetero-binär vorsieht, weil ich die Regeln dieses Systems nicht befolgen kann ohne mich die ganze Zeit zu verbiegen, weil meine Heterobeziehung und die darin stattfindende Sexualität fast komplett neu erarbeitet werden musste, weil ich mit den traditionellen heterosexuellen Gepflogenheiten nicht “kann”, weil das, was ich bei mir selbst in Punkto Gender/Sexualität vorfinde, als krank und behandlungsbedürftig galt oder noch gilt, (ich hab mich vor 20 Jahren dagegen entschieden, mich deshalb therapieren zu lassen), weil ich den Kram nicht erfinde um irgendwie besonders zu sein, sondern ich versuche meine Wege zu finden, in einem System das mir halt auch aufgezwungen wird, wie vielen anderen Menschen auch.

Ich muss nur eben Begriffe suchen für das, was ich bin/wie ich mich verorte. Und das ist schwierig.

Ich bin demisexuell, das ist eine Abstufung von Asexualität, die irgendwo zwischen Sexualität und Asexualität liegt. Es bedeutet, ich fühle mich zu Menschen hingezogen, zu denen vorher schon eine innige freundschaftliche Beziehung besteht. Neulich hatte ich mit einer Freundin* über heterosexuelle Männlichkeiten gechattet und dass hegemoniale Männlichkeitsnormen innige Freundschaften eigentlich ausschließen, und das einzige, was “erlaubt” ist, ist sowas wie eine sich ständig neu voneinander distanzierende Kumpanei. Alles Andere würde zu viel Nähe bedeuten. Als demisexuelle Person bedeutet das für mich, dass sich bei mir  Begehren, wenn schon, dann auf Männer* ausrichtet, die oft dadurch zu “Verrätern” an der herkömmlichen Männerrolle werden, dass sie Wärme und Nähe nach aussen zeigen, dass sie tiefer gehende Freundschaften eingehen und sich dafür auch nicht schämen. Die offen schwul sind und daher nicht die heterosexuelle Distanzkumpanei praktizieren müssen, oder heterosexuelle/bisexuelle Männer, die für schwul gehalten werden, genau weil sie an dem Punkt aus ihrer Rolle herausfallen.

Das ist ein Problem, weil ich schwule Männer* nicht nerven will, indem ich sie als Hete anschmachte, und ich verbrachte manche Freundschaften als Teenager damit, mir das bitteschön aktiv zu verkneifen. Und es ist dann wieder ein Glücksfall, denn es bringt mich mit “Genderrollen-Verrätern” zusammen, für die es weniger ein Skandal ist, wenn ausser diesem noch andere Rollenvorgaben unterlaufen werden.

Was mir als demisexueller Person eher fehlt, ist diese Begeisterung für Begehren und begehrt werden, ich finde z.B. manche schwule Subkulturen oft ziemlich sexualisiert, und das ist schon ein Faktor, wo ich denke: “Ich, Girlfag, never!” Mir geht ja manchmal schon das Ganze Begehren/Orientierungs/Sexualitäts-Gewichte in der Queerszene auf den Geist. Weil ich mit meinem Langzeitmonogamismus halt nicht mehr am Suchen bin. Es hat sich ausgesucht. (So die Göttin will. Ich kann die Zukunft natürlich nicht kennen.)

Bei Heterosexuellen, die sich mit queeren Themen noch gar nicht beschäftigt haben, ist es dann wieder so, wenn wir über Identifikation, Sexualität und Selbstfindung reden würden: Genausogut könnte ich mit Leuten von einem anderen Planeten reden. Ich mache es meistens gar nicht erst.

(…)

Hier könnte jetzt noch einiges stehen, aber ich mach hier mal einen Punkt und komme zum Ende, weil der ganze Text so unsortiert und unvollständig sein soll und darf, wie dieser ganze Nachdenk- und Orientierungsprozess ist und sein darf.

Ich will diesen Text trotzdem nicht schreiben ohne meine femininen (also hier, was gesellschaftlich als feminin zählt; irgendein Wort muss ich halt verwenden) Seiten hervorzukehren, weil ich es für maskuline/schwule Frauen* völlig okay finde, feminine Seiten zu haben. Genauso wie niemand darüber zu befinden hat, ob Grrrls/feminine Feministinnen oder Femmes Dinge mögen oder tun, die männlich konnotiert sind. So here goes: Ich stehe auf Körperpflegeprodukte (obwohl ich mich, ohne z.B. eine Gesichtsoperation oder Hautkrankheit überdecken zu wollen, nie schminken würde), mache gerne Asanas (körperliche Yoga-Übungen) was ja angeblich so ein Frauending sein soll, Handarbeiten, koche gerne, weine schnell, trage auch mal Röcke, habe einen weiblichen Habitus (wobei – hm… keine Ahnung??) und vieeeeeeeles mehr. Weil: Eine Androgynität/Maskulinität, bei der ich dieses ständig sich abgrenzende, ja kein bischen Sissyhafte, ja nicht feminine, einhalten muss, wäre für mich nämlich auch nichts wert. Ich bin nicht darauf aus, ein Mackerarschloch zu sein und dieses Konkurrenz/Schwanzvergleichsding ist mir viel zu anstrengend.

Also bin ich irgendwie, irgendwo auf dem Kontinuum schwule Frau*, maskuline halbqueere Hete, irgendwo so, verortet, oder halt auch nicht. Ich habe da noch viel nachzulesen und bin eigentlich ganz froh, diesen Text zu schreiben – weil ich mir nicht im Nachhinein alles so hinreden will, dass ich “besser reinpasse”. Ich will mir Worte aneignen, die bezeichnen was ich bin. Ich will nicht, dass Worte bestimmen sollen, womit ich konform zu gehen habe.

So, Bittschön. Das war mein Coming out als Nichts. Nichts für Ungut.

PS 1: Inzwischen ist es nicht mehr “Nichts”. Inzwischen klärt sich, dass ich mich eben irgendwo in die Richtung Girlfag/schwule Frau* verorten kann/werde/will. Als ich anfing mit dem Text, war das noch nicht so. Die Ereignisse, die sich dieses Jahr seit Wochen/Monaten entwickeln, überschlagen sich in dem Moment, wo ein Durchbruch zu Anderen stattfindet, die Ähnliches beschreiben wie ich das erlebe. Und dieser Moment war genau während der Entstehung des Textes. Ich lasse das “Nichts” noch stehen, aber es ist erkennbar, dass es veraltet und überholt ist.

PS 2: Zu „ALMOST HOMOSEXUAL“ – Schwule Frauen/ Schwule Transgender (GirlFags/Trans*Fags) von Uli Meyer – http://www.liminalis.de/artikel/Liminalis2007_meyer.pdf. Ich habe den in den Text schon reinverlinkt, aber erst nach Fertigstellung des meisten Textes hier gelesen. Ich möchte den Artikel sehr empfehlen, weil er super spannend ist und generell eine Menge über den ganzen Genderkram zu sagen hat.

DANKE an diejenigen, die den Text vorweg gelesen und Feedback dazu gegeben haben! <3 <3

Goodbye, Leslie.

Heute habe ich erfahren, dass Leslie Feinberg, feministische Transgender Aktivist*in und revolutionäre_ Kommunist*in, letzte Woche am Samstag gestorben ist.

Ich habe immer noch kein Buch von Leslie Feinberg gelesen, obwohl “Stone Butch Blues” seit ich weiß nicht wann auf der Zu-lesen-Liste steht. Vielleicht, weil ich eigentlich keine Romane lese (autobiographische aber dann wieder schon).
Trotzdem hat Leslie Feinberg mich sehr berührt und beeinflusst. Ich war 15 Jahre jünger als jetzt, ich war “herkömmliche Feministin” in einem Uni-Projekt über Frauenräume, in dem einige Leute über Gender*fuck, Trans*, etc Themen Bescheid wussten und in denen es die queerfeministische Fraktion gab und die “oldschool-Feminismus-Fraktion”. Also oldschool in dem Sinne, als dass sowas wie Sexismus und Gewalt gegen Frauen das Hauptthema dieser Gruppe war. Und die Unterdrückung und Ausschlüsse durch binäre Zweigeschlechtlichkeit das Thema der anderen Fraktion.
Wir waren es so angegangen, dass die “Genderfuck”-Gruppe Referate gehalten hat zum Thema Sexismus (weiss ich eigentlich gar nicht mehr so genau) und “wir” Referate zum Thema Transgender. Und damals “gab es ja nichts” – jedenfalls nicht die Vielfalt an Aktivistischen Kreisen, Texten und Ressourcen wie heute. (Vielleicht gab es damals auch genug, und wir waren bloss zu jung, zu hetero und zu privilegienblind, um uns zurecht zu finden!) Damals suchten wir also nach Stoff für unser Referat und fanden Leslie Feinberg.

Und in dieser Person fanden wir das, was wir dachten, wofür es sich zu kämpfen lohnt. Leslie Feinberg hat sich das ganze Leben lang als Sozialist_in gesehen, hat antikapitalische Kämpfe von Arbeiter_innen, antirassistische Kämpfe, Kämpfe gegen Sexismus und gegen Cissexismus als zusammengehörend gesehen. Das hatten wir noch nie in der Form vorher gehört. (also ja, zu jung, zu het, zu unerfahren..) Leslie Feinbergs Aktivismus war eine der Brücken zwischen unseren beiden Fraktionen, und ich habe seitdem danach gestrebt, sowohl gegen Sexismus als auch gegen Zwangsjacken aus Zweigeschlechtersystemen zu sein. Auch wenn mir das viele Jahre noch nicht gelang, das praktisch zu machen, und heute bin ich auch noch am Lernen. Auch wenn Intersektionalität erst noch später auf mein Tablett kam, war das, was da kam schon nicht mehr komplett neu. Ich erkannte wieder, was Leslie Feinberg damals vertreten hatte.

Vor ein paar Jahren habe ich gedacht “Guck mal was Leslie Feinberg eigentlich grad macht”. Auf Leslies Webseite fand ich heraus, dass Xier chronisch ziemlich krank ist. Hin und wieder checkte ich Leslies Seite, aber es war um sie_ihn still geworden, und ich glaube, manche jüngeren queer_trans_feministischen Leute kennen xien noch nicht mal.

Jedenfalls: Danke von meinem weißen cishetera-Herzen, Leslie Feinberg, für deine politische Arbeit. Ich rechne dich zu den spirituellen Ahn_innen und bin dankbar, dass wir auf deinen Schultern stehen mit dem, was wir heute bewegen wollen. Du hast bewirkt, dass ich etwas wichtiges geschnallt habe, damals.
Und ich werde dein Buch lese, versprochen.
Goodbye.
Sei gesegnet.

spaziergang feb14

Achja und PS: Es sind echt beschissene Backlash-Zeiten, es wird immer kälter.. und es ist noch ein kleines Stückchen kälter geworden ohne dich. Es wäre viel kälter, wenn es dich nie gegeben hätte. <3

Lies den Text, über den du reden willst. Es bietet sich einfach an.

/me wurde grade auf Facebook per PN in ein “Gespräch” zum letzten Blogeintrag hier reingezogen, was in etwa so lief (d.h. dieses Gespräch ist nicht wörtlich so gewesen, das folgende ist von mir erfunden und ähnelt wohl dem, was ich erlebt habe. Das ist aber egal, und wer das war, ist auch egal. Mir gehts um den Punkt, dass zu dem Thema Ernährung manchmal einfach keine Gespräche möglich sind):

X: “Du hast geschrieben, Paläo sei eine neue Diät.. und das ist komplett falsch”
Ich: “Nein, lies doch mal, da steht, es liegt momentan im Trend, und das bedeutet doch was anderes, ich hab also “neue Diät” gar nicht geschrieben. Lies doch bitte mal den Text.”
X: “Naja macht nichts, ich wollte dir ja nur sagen dass deine Vorurteile über das komplett falsch sind. Es stimmt gar nicht, dass Paläo neu ist, so wie du sagst. Das wars auch schon.”
Ich: “Äh, bitte? Ich habe doch eben gesagt, ich schreib gar nicht dass Paläo neu sei, HALLOOOOOO… ich schreib genaugenommen, es liegt “momentan im Trend”, und dass gilt völlig unabhängig davon, SEIT WANN ES PALÄO GIBT, lies doch bitte mal den Text.”
X: “Wenn du jetzt belanglose Begrifflichkeiten auf die Goldwaage legst, dann brauchen wir gar nicht weiter zu reden, da habe ich keinen Bock drauf”
Ich: “Ach so, du bestimmst, was von Belang ist und was nicht? Du schiebst mir Sachen unter, die ich nicht gesagt habe, und dass ich das richtig stelle, ist “Belanglos” und “Goldwaage”? Das ist unfair. Und genau wegen solchen Dingen habe ich die Kommentarfunktion unter dem Text deaktiviert.”
X: “Dann hör doch auf dich an Wörtern aufzuhängen! Du willst ja meine Argumente gar nicht hören! Mir ist eh von anderen Leuten abgeraten worden mit dir zu reden, weil du keine anderen Meinungen gelten lassen kannst. Deshalb wars das jetzt für mich. Tschüs!”

Leute. Bitte. LEST DEN SCHEISS TEXT! Das ist alles, was ich will. Ich weiss, Lesen ist total schwer und verstehen noch schwerer, aber es ist halt leider notwendig, wenn man eine Diskussion führen möchte.

Und zur Information: Wenn jemand etwas richtig stellt, weil er_sie falsch verstanden wurde, dann hört man zu und kanzelt es nicht als “Belanglosigkeit” ab.

Ausserdem dann mit einer “schweigenden Masse” zu kommen, die “alle finden, dass es nichts bringt mit dir zu reden, weil du nichts anderes gelten lässt als deine eigene Meinung” und die dich vor mir “gewarnt hätten” ist eine sehr unfaire Sprechweise.

Deshalb ist und bleibt die Kommentarfunktion unter dem Paläo Posting deaktiviert. Und bitte, wenn DU Paläo essen möchtest, dann tu das doch einfach und freu dich dran. Keiner verbietet dir das. Und wenn dir ein Text, der das Phänomen “Ernährungstrend” am Beispiel von Paläo-Ernährung (es gibt genug andere Beispiele) auf Abgrenzungen, Ausgrenzungen und Abwertungen hin betrachtet, den Appetit verdirbt, dann lies solche Texte eben nicht.
Denn genau das tue ich. Ich schreibe, dass mit diesen Trends oft Gruppen gemacht werden: Die eine ist schon weiter, die andere ist halt noch rückständiger. Ich schreibe, dass viele Menschen Schwierigkeiten damit haben, das zu machen, was anderen leichter möglich ist. Und dass viele Menschen eigentlich auch das, was andere gerne machen, nicht machen wollen – sondern etwas anderes machen wollen. Und dass das auch gültig und okay ist. Es gibt immer wieder Ernährungslehren, die einen Anspruch auf Allgemeingültigkeit haben, und die bestimmte Dinge ablehnen und Menschen abwerten, die der Lehre nicht folgen. Und das finde ich nicht gut.

That’s all.

Deal with it.

PS: Wenn alles mit Höflichkeit, Lächeln und guten Wünschen garniert ist, ist es dadurch nicht weniger verletzend oder weniger respektlos.

Calling for Community Care: a reflection on whiteness, privilege, connection and spirit.

Ich würde hier gerne noch auf einen Text hinweisen, der auch Teil der US-Selfcaredebatte ist, um die es hier letztes Jahr auch schon einmal ging. Ich möchte ihn empfehlen, weil ich in meinem Selfcaretext soviel geschrieben habe, warum ich Selfcare wichtig finde und was ich praktisch tue, und in meiner Entgegnung auf die Selfcarekritik von Steinmädchen alles, was mir dazu einfiel. Da komme ich nicht mehr weiter. Denn in der Diskussion, die jetzt weiter gelaufen ist, beziehen sich Steinmädchen und Denkwerkstatt nicht auf das, was ich geschrieben habe, sondern auf irgendwelche gefühlten Zustände, und sie lasen meine Texte auch sehr verkürzend und selektiv.

Also, ich dachte, vielleicht versuche ich es dann halt mit einem positiven Beispiel. Kritik an der Selbstfürsorge, wie ich sie für richtig und toll halte.
1. Sie macht keine Gegensätze auf zwischen Selfcare/Fürsorge und Aktivismus (als ob man das nicht beides tun könnte)
2. Sie würdigt Selbstfürsorge als wichtige Grundlage und fordert dann, dort aber nicht stehen zu bleiben, sondern fordert darauf aufbauend solidarisches Handeln – “Communities of Care” und Accountability.
3. Sie benennt das Problem mit Privilegien und dem falschen Glauben, der Individualismus wird alles schon richten, und benennt dass Selfcare und Privileg zusammenwirken können, so dass von privilegierter Seite aus nur noch Innenschau geschieht, ohne anderen Menschen zuzuhören. Sie geht darauf ein, dass Privileg Vereinzelung fördert, und dass Selfcare gemeinsam mit dieser Vereinzelung kontraproduktiv wirkt.
Ihr Fazit ist am Ende, dass Selbstfürsorge ergänzt werden sollte durch Gemeinschaft und Solidarität.
Und das ist eine Selfcarekritik wie ich sie öfter lesen möchte. Eine Reflektion von eigenen Privilegien, die zum ziehen der Konsequenzen ermuntert, wie ich sie mir für unsere Communities nur wünschen kann.
Deshalb wird dieser Text zur aktuellen Selfcarediskussion hier rebloggt.

moonlitmoth

This is a piece I’ve been meaning to write for a while. These words reflect my ongoing process of coming to terms with my privilege. These words have laid dormant, wrapped up in fear and pondering; caution and consideration. I have been endlessly nervous and unsure of myself in articulating these sentiments because I worry what people will think – what the unintended consequences of my words might be. The reality is though, that I am privileged. Really privileged. And I want to be more accountable for what that means.

To start, I think it’s important for me to position myself. I am a white, thin, cis-gendered, flexible, femme identified “yoga” teacher. I am a settler, living in Vancouver Canada. My family came here 3 generations ago from Scotland (father’s side) and the Ukraine (mother’s side). I attend university here and I come from a middle class family, with…

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Selfcarekritik und Praxis

Tl;dr: Ich hab gedacht, ich sondere nochmal was zu Selfcare ab, da ich mich letztens nicht so qualifiziert dafür fühlte, habe ich mehr meinen persönlichen Zugang geschildert. Jetzt möchte ich was zur Diskussion beitragen und vor allem auf die Kritik von Steinmädchen eingehen.

Mein grösstes Problem mit Selfcarekritik ist nach wie vor die Frage:
– Unklar bleibt: Welche Konsequenzen sollen Menschen daraus für ihr Leben und ihre aktivistischen Zusammenhänge ziehen?

Und dann noch:
– von Selbstfürsorge als Nachhaltigkeitspraxis wird verwechselt mit Selbstfürsorge als Krisenintervention.
– “Check your Privilege” ist beim Thema Selbstfürsorge nicht am Platz. Wer (nicht) gehört wird, ist vielmehr die Frage.
– Etwas, das “zu deinem Besten” getan wird, und dir aufgezwungen wird, ist Gewalt; deshalb kann es aber wirklich “zu deinem Besten” sein, wenn du die Möglichkeit hast, selbstbestimmt den gleichen Weg zu gehen. Es muss getrennt werden zwischen einer Methode und wer sie warum und an wem anwendet.
– die ökonomische Dimension wird zu wenig mitgedacht, und die Kritik an Selfcare richtet sich zu Unrecht an DIY-Selfcare-Texte, und an Individuen.

Selbstfürsorge ist keine Krisenintervention
(Ergänzender Link: Seit ich das schrieb, schrieb Jay im Virtual Retreat Center ebenfalls dazu: Was Selbstfürsorge für mich NICHT ist.)
Wenn das Haus brennt, dann wisch ich nicht den Boden, sondern dann muss die Feuerwehr ran. Genausowenig hilft mir meditieren, Yoga, Spazieren gehen, meine Bedürfnisse klar äussern, Tee trinken, Musik machen, malen… usw. wenn ich in einer Krise stecke. Weil diese Dinge zur “alltäglichen Pflege” gehören, wie Zähneputzen. (was btw ja auch nicht gegen schon vorhandene Kariesschäden hilft)
Was Steinmädchen schrieb, dass das Bedürfnis, “sich dringend die Kante zu geben, etwas anzuzünden oder jemanden zusammenzuschlagen” nicht zur Selbstfürsorge zählt, hängt damit zusammen. Selbstfürsorge ist für die Zeit da, wenn es mir entweder gut oder immerhin nicht besonders schlecht geht. Wenn es mir ganz Scheisse geht, dann (finde ich zumindest) ist der richtige Zeitpunkt da, mich auffangen zu lassen und sich andere um mich kümmern zu lassen.
Aber um beim Zähneputzenvergleich zu bleiben: Wenn es mir längerfristig schlecht geht, halte ich es für gut, trotzdem Selfcare zu betreiben, obwohl das allein nicht hilft. Es hilft nämlich auch nicht, wenn du der Krise noch die Dinge dazukommen, die eintreten, wenn ich meine alltäglichen Selfcaregewohnheiten nicht mehr mache: Rückenschmerzen, Vereinsamung, die Bude sieht aus wie Sau… als ich eine Depression hatte, hab ich mich gezwungen, regelmässig trotzdem raus zu gehen. Ich hatte zwar insgesamt leider wenig Spass an so gut wie allem, aber vielleicht wäre die Depri schlimmer gewesen, wäre ich nur drin gesessen. Ich weiß es im Nachhnein nicht und ich bin nicht scharf drauf, es herauszufinden.

Ich schreibe hier bewusst nichts vom “kämpferischen Feminismus”, weil ich die Einteilung in die zwei Wege “Selfcare oder kämpferischer Feminismus”, wie Steinmädchen sie aufzumachen scheint, sinnlos finde. Politische Kämpfe können Empowerment und Selbstfürsorge oder gegenseitige Hilfe/Bestärkung sein, müssen es aber nicht, und vor allem muss keine Person den Anspruch haben, politische Kämpfe hätten ihre einzige Form der Bestärkung zu sein! Nichts und niemand hindert mich daran, gleichzeitig sanft und selbstfürsorglich zu sein und kämpferisch feministisch.

Selbstfürsorge ist kein Platz für “Check your Privilege”; Trotzdem sind bestimmte Perspektiven zu wenig vertreten.
Warum für mich die Auseinandersetzung mit meinem Privilegiertsein in meiner Selfcare-Praxis nichts zu suchen hat, habe ich hier in meinem Text über meine persönliche Art der Selbstfürsorge schon beschrieben. Dem habe ich hier wenig hinzuzufügen. Besser wäre es meiner Meinung nach, wenn Selbstfürsorgekritik und die “praktische Selbstfürsorge” besser getrennt werden könnten, oder anders: Wenn Selbstfürsorgekritik zusammengehen könnte mit der Einsicht, dass trotz kritischer Punkte die Notwendigkeit für Selbstfürsorge weiter besteht und dass dem irgendwie Rechnung getragen werden muss. (Der Link führt zu einem Text von Moonlitmoth über White Privilege, Selfcare und Community Care, und stellt für mich ein positives Beispiel dar, wie Selfcare als ungenügend kritisiert, aber nicht abgelehnt wird. Und vor allem wie sinnvolle Konsequenzen für einen sozial gerechten Aktivismus aussehen könnten, und wie eine privilegierte Stellung mit der Selfcare-Idee zusammenwirkt)

Ich seh ein, dass einige von uns (und ich bin der typische Typ dafür) mehr Privilegien haben als andere, und mit weniger Gewalt dealen müssen als andere. Auch, sich eine “Bubble” schaffen zu können, in der weniger Mist passiert, ist nicht jeder Person in gleichem Maß möglich. An dieser Stelle verlinke ich den schon etwas älteren, aber daueraktuellen Text von Noah Sow: Hoffnung: Deine Mutter, der mir hier klar die Relationen aufzeigt zwischen dem, was ich erlebe und welchen Dingen ich ausgesetzt bin, und dem Terror, den sie erlebt, wenn sie einfach nur ihren Job machen möchte. Sie schreibt aber auch: “Wir können gerade nicht gewinnen”. Angesichts dessen muss sich mir die Frage stellen, wie ein Überleben trotzdem möglich ist. Wenn die Personen aufgeben oder eingehen, wer gewinnt denn dann?

Esme Grünwald hat hier den Punkt von Selfcare und Privileg auch so besprochen, wie ich es annehmen und verstehen kann:

“Wenn mein Aktivismus darin besteht jeden Tag verteidigen zu müssen, dass ich auch als Angehörige*r von Minderheiten die gleichen Dinge in der Öffentlichkeit tun darf wie andere, gibt es nur bedingt mal Pausen. Wenn ich hingegen Aktivismus hauptsächlich in meiner Organisation mache, das Thema aber für mich gelaufen ist, sobald ich nach Hause gehe – dann habe ich ganz andere Möglichkeiten mich auszuruhen. “Aktivismus oder Selbstfürsorge” kann man sich also nur wirklich fragen, wenn man ausreichend privilegiert ist.”

Aber wie oben schon gesagt: Aktivismus und Selbstfürsorge gehen für mich zusammen und stellen kein “oder” dar. Gerade bei Menschen, für die Aktivismus eben genau nicht gelaufen ist, wenn sie die Tür zu ihrer Organisation zumachen und ins “Private zurückkehren”, ist Selbstfürsorge ein wichtiges Thema. Sie bekommen keine Pause von ihrer eigenen Betroffenheit – aber trotzdem sind Pausen nötig, und niemand ausser ihnen selbst wird ihnen Pausen verschaffen. Menschen werden auf Selbstfürsorge im Prinzip zurückgeworfen, es bleibt ihnen nichts anderes übrig – und das zu bedenken, fehlt mir in der Selfcarekritik von Steinmädchen.

Was mich dazu bringt, dass Selfcare (wenn man danach z.B. bei Pinterest sucht) oft zu eintönig repräsentiert wird. Es sind meist weisse, schlanke Modelfrauen, die in Yogaposen oder mit einer Tasse Tee abgebildet sind und die bestimmte Wellness-Dinge tun. Neben einem Wasserfall herumstehen oder am Strand.

Dies steht in krassem Gegensatz dazu, wer
– Selfcare am meisten nötig hat
– in Selfcare am meisten Kompetenzen hat
– die krassesten, besten Texte (imho) zu Selfcare geschrieben hat.
Und das sind Personen, die krasser Mehrfachdiskriminierung ausgesetzt sind. Am berühmtesten ist das Zitat von Audre Lorde, eine Schwarze, lesbische Frau, die mit einer schweren Krankheit zu tun hatte, an der sie schliesslich auch starb:

“Caring for myself is not self-indulgence, it is self-preservation, and that is an act of political warfare.”

Das sind queere, trans* Personen of Color. Das sind PoC (People of Color = Selbstbezeichnung von Menschen, die kein “weisses Privileg” haben) die chronisch krank sind, das sind Arme im globalen Süden oder aus dem globalen Süden, die auf überlieferte Methoden zurückgreifen und sie kultivieren, weil sie im westlichen Gesundheitssystem keinen Platz bekommen und im Stich gelassen werden. Hier geht es ums nackte Überleben in einem System, welches von der systematischen Ausbeutung und Zerstörung bestimmter Gruppen von Menschen lebt. Selfcarekritik muss mindestens im Blick behalten, dass es hier eine Unterscheidung gibt und sie muss mindestens klar machen, auf wessen Selfcare sie sich bezieht.

– Hier sollten eine Menge Links stehen, zu Texten, die ich vor 4 Monaten las und super fand. Ich habe jetzt allerdings die Zeit nicht, alle Texte nochmal rauszusuchen, und ich habe auch nicht mehr in Erinnerung, ob und wo ich die aufgelistet habe.
Deshalb erstmal nur noch mal:

(sorry für die fehlenden links.)

Soviel erwarte ich an Solidarität gegenüber Menschen, denen es noch weitaus beschissener geht als mir und den meisten, die Kritik austeilen. (Und auch gegenüber z.B. Aktivist_innen, die sich von wenig Geld eine DIY Selfcare Praxis angeeignet haben, oder gegenüber Menschen, die schwerst körperlich schuften und die ohne bestimmte Selfcare Praxen nach 5 Jahren körperlich verschlissen wären.)
Wenn Selbstfürsorge im Zusammenhang mit Privilegien in der Kritik stehen soll, dann sollte es eher kritisiert werden, wenn weiße wohlhabende Menschen sich die Selbstfürsorgepraxen und -Texte von Trans*, queeren Personen und Frauen* of Color aneignen, sie dabei womöglich noch kommerzialisieren und als eigene Entwicklungen verkaufen, und die Erschaffer_innen selber nicht genügend repräsentiert und anerkannt sind.

Es ist zu deinem Besten!
Das Problem mit der Pathologisierung habe ich in meinem letzten Selfcare Text schon angeschnitten, und da wollte ich drauf hinaus, dass Selfcare nicht automatisch pathologisiert. Das Problem ist, dass etwas, was wirklich zu meinem Besten ist (z.B. Therapie, Entspannung, Selbstpflege) zu einem Akt der Gewalt wird, wenn es aufgezwungen wird. Dabei gibt es nicht nur den tatsächlichen Zwang mit Gewalt, sondern das stuft sich ab bis hin zu kaum bewusstem gesellschaftlichen Druck, einem bestimmten Bild einer fitten Person zu entsprechen.
Insofern kann ich die Kritik an dieser Stelle sehr gut verstehen. Was leider unbeachtet bleibt, ist aber, dass die selben Dinge, die einigen mit Gewalt oder Druck aufgenötigt werden, tatsächlich zu meinem Besten sein können, wenn ich selbstbestimmt damit umgehen kann/die Chance dazu habe.

Ich habe neulich auf Twitter gelesen, dass eine schrieb: “Meine Therapie ist nicht systemstützend. Meine Neurose ist systemstützend, weil sie mein Anpassungsmechanismus war. Meine Therapie hat mir die Kraft gegeben, unangepasst zu sein.”

Leider weiss ich nicht mehr, wer das gezwitschert hatte, und ich habe es auch nicht wiederfinden können. Ich bin mir selbst mit dem Thema sehr uneins, weil ja: Psychiatrie und das Ganze drumrum ist sicherlich ein gewalttätiges System. Trotzdem ist Leiden – und grad auch psychisches Leid – ja auch real. Der einzelne Mensch steckt dann in einer Zwickmühle und hat die Aufgabe, sich irgendwie mit dem eigenen Leiden auseinanderzusetzen und Heilung zu finden. Das kann dann geschehen in einem System, das helfen kann, das aber auch pathologisiert und gewaltförmig ist.

Ich war nie einem psychiatrischen System ausgesetzt. Ich habe mal eine Psychotherapie gemacht, mit der ich sehr Glück hatte, die mich ermächtigt und gestärkt hat.
Da ging es auch um Selfcaremethoden, wie Prioritäten, To-Do-Kram, Meditation, Entspannung, aber auch und vor allem um Klartext reden und Selbstbehauptung und dem Widerstehen und Umgehen mit Druck von Anderen/von Aussen.
Ich kann mir vorstellen, dass wenn sowas nicht so “gut” verläuft, und eben die gleichen Selfcaremethoden unter Vorzeichen von mehr Anpassung und mehr “Funktionieren” gelehrt werden, dass sie dann ein anderes “Gschmäckle” kriegen.

Fazit ist aber, für mich sind das alles erst mal “neutrale” Methoden, und erst ein Zusammenhang/ein System macht sie zu Werkzeugen von Befreiung oder eben auch Unterdrückung. Die Kritik war, so wie ich es verstanden habe: “Wie kannst du diese Methoden einfach so gut heissen, ohne zu bedenken, aus welchem System sie eigentlich kommen?”
Scheint mir legitim.
Mit bedenken scheint mir legitim.
“Wie kannst du diese Methoden gut heissen, obwohl du weisst, aus welch schlimmen System sie eigentlich kommen?” scheint mir nicht legitim. Das ist mir zu hart, da fehlt mir die Alternative. Ich bin mir aber nicht sicher, ob die Kritik so weit gehen wollte.

Entsprich dem Bild vom glücklichen, gesunden, fitten Menschen!

Das ist hiervon ein Unterthema. Was, wenn ich Selfcare mache auf gesellschaftlichen Druck hin, einer Norm zu entsprechen? Wenn ich mich besser ernähren will zum Beispiel, weil ich denke, ich bin zu fett? Oder wenn ich anfange zu meditieren, weil ich denke, ich bin zu gestresst und zu unglücklich?

Norm ist nicht gleich Norm, und ich finde als Beispiel gut, den Unterschied zu sehen zwischen: fett<3 sein (benutze ich als empowernden, positiven Begriff für eine bestimmte Körperform. Weil ich selbst nicht fett bin und mir den Begriff nicht so positiv aneignen kann wie Betroffene, hab ich mich entschieden, ein Herzchen-Zeichen dahinter zu machen, um das Wort "Fett" als etwas positives/schönes zu kennzeichnen) und gestresst sein. Fett<3 sein ist bei weitem nicht so schädlich, wie es propagiert wird. (Link zu dem Blog “dances with fat” wo es mehr Infos dazu gibt). Auch wenn ich noch so selbstbestimmt abnehme und zu den “glücklichen” 5% gehöre, die das niedrigere Gewicht beibehalten können, ändert das nichts dran, dass ich allein durch das Abnehmen kaum Gesundheitsboni bekomme. Ich werde da meine Zeit und Kraft reingesteckt haben und je nach Methode vielleicht noch meinen Körper geschädigt haben (Magenverkleinerung, Abnehmdrogen, Mangeldiäten). Hier finde ich es gut und sinnvoll, sich der Normierung zu verweigern und die Idee stark zu machen, dass Körper aller Grössen und Formen in Ordnung sind!

Gestresst sein, und hier meine ich chronischen, negativen Stress, der bewirkt, dass die körperliche Stressreaktion ständig unterschwellig abläuft, ist aber sehr wohl schädlich. Wenn ich es schaffe, weniger Stress zu haben, tut mir das (behaupte ich jetzt mal) immer gut, egal welchen Normen ich damit vielleicht entspreche. Es macht für mich deshalb keinen Sinn, Stressbewältigung abzulehnen, und es macht keinen Sinn, zu sagen: Alle Stresslevels sind okay und gut! Sind sie nämlich nicht.

Das Problem mit chronischem Stress ist nicht, ob ich mittels Selfcare etwas für mich tue oder nicht, sondern die gesellschaftliche Sichtweise auf Stress und das gesellschaftliche Schuld-auf-die-Einzelperson schieben _bei_ einem Zusammenbruch durch Stress.
Die Gesellschaft sagt, dass mein Leiden an Stress allein mein Problem sei (während ich z.b. unter Stress aufgrund von struktureller Diskriminierung leide).
Wer unter Stress zerbricht, ist halt zu schwach oder krank oder nicht gut genug.

Steinmädchen schreibt:

“In all diesen Selbstfürsorge-, Selfcare- und importierten Achtsamkeitsvorstellungen geht es um eine individuelle Problemlösung. Nebenbei wird das Problem oft erst geschaffen, dass dann gelöst werden muss, durch genormte Bedürfnisse und Konstruktionen von Wohlbefinden. Durch die Konstruktion von Krankheiten, die fröhlich reproduziert werden.”

Ich würde es zunächst nicht “Problemlösung” nennen. Stress, der z.B. durch Diskriminierung entsteht, löst sich nicht auf, wenn ich mich dem Selbsterhalt widme. Zweitens habe ich gerade von Stress geredet, um klar zu machen, dass eben nicht alles ein Konstrukt ist, dem ich genausogut auch _nicht_ entsprechen könnte und es ginge mir ebenso gut. Eben dies: Nicht alle dauerhaft bestehenden Stresslevels sind auch gleichermassen okay!

Dazu mal ein anderer Blickwinkel:

” Lorde’s reference to “political warfare” is a nod to the idea that rejecting self-care in the name of money, progress, success, or getting ahead is not a problem that only plagues individuals. This problem is encouraged by society—by where we place our values, how we talk about success, and how we shame those who don’t measure up. Stress is experienced by individuals, but the pressure to feel stress—just to prove that you are working “hard enough”—comes from a collective worldview that often rejects self-care and calls it selfishness. The individual is no longer important, because she is just a cog spinning in an ever-larger machine.”
Feminspire: On the radical act of selfcare von Brenna McCaffrey

(dt. grob übersetzt: Lordes Gebrauch des Begriffs “politische Kriegführung” bedeutet, dass das Zurückweisen von Selbstfürsorge in Namen von Geld, Fortschritt, Erfolg oder persönlichem Fortkommen kein Problem einzelner Individuen ist. Dieses Problem wird von der Gesellschaft gefördert – von unseren Werten, wie wir über Erfolg sprechen, und wie wir die Leute aburteilen und beschuldigen, die den Ansprüchen nicht gerecht werden. Stress wird von Individuen erlebt, aber der Druck, gestresst sein zu müssen – zu beweisen, dass du “hart genug arbeitest – kommt von einer kollektiven Weltsicht, die Selbstfürsorge zurückweist und sie Eigennutz nennt. Das Individuum ist nicht länger wichtig, weil es nur als Rädchen im Getriebe gesehen wird.”)

Sehr spannend ist, dass Brenda McCaffrey genau den Gegenteiligen Schluss aus dem Selfcarediskurs zieht als Steinmädchen. Für sie ist der Zwang zur Selbstoptimierung, zu immer mehr Leistung, genau das, was eben keine Selbstfürsorge ist, und Selbstfürsorge nimmt in den Blick, dass diese Ausbeutungsstrukturen kein individuelles Problem sind, sondern ein kollektives Problem. Selbstfürsorge aus dieser Sicht ist empowernd, weil sie die Einzelperson berechtigt und ermächtigt, eben dem Zwang zu Optimierung und Leistung ohne Pause und ohne Berücksichtigen der eigenen Bedürfnisse zu widerstehen.

Steinmädchen übt auch Kritik an diesem Leistungsdenken, unter der Überschrift “Ich bin Aktivistin, ich darf das”, aber es fehlt hier eine andere Möglichkeit; anstatt “ein legitimes Recht auf Selfcare für Alle” zu fordern, auch diejenigen, die aktivistisch aus Gründen keinen Finger rühren können, folgt einfach gar keine Konsequenz, bis auf diejenige, dass Aktivismus das Einzige ist, was empowert und dabei nicht das System stützt. Unterm Strich ist das eine Aufforderung zum Aktivismus bis die Batterie alle ist, und wenn sie überhaupt alle wird, dann ist der Aktivismus falsch gemacht worden oder er ist richtig durchgezogen worden, aber die Verhältnisse sind eben schuld daran.

Zur ökonomischen Dimension: Es wurde kritisiert, und zwar hier bei kleinerdrei, dass Selfcare ja wiederum dazu diene, “fit zu bleiben als Rädchen im Getriebe” (Jule) und “in einem Kacksystem in einer Kackposition weiter fit sein zu können“(Steinmädchen). Bezug genommen wurde da auf den Kommentar von Sturmfrau, in dem diese erzählt, eine Bekannte von ihr würde ihre Bedürfnisse nicht ausdrücken, hätte vor lauter Aufopferung ein Burnout Syndrom und Depressionen, und sie würde sich hin und wieder mit den landläufigen Selfcare-Methoden notversorgen damit sie irgendwie weiter machen kann mit ihrem Hausfrauendasein, Mann und Kinder versorgen.

Nicht nur wird dabei unterschlagen, dass es in den Selfcare-Texten in feministischen Blogs keine einzige Person vorschlägt, Selfcare solle das Laut-sein und das Aufbegehren, das für-sich-Eintreten ersetzen. Sondern es wird auch unsichtbar gemacht, dass bei mir und auch bei Anne neben den “üblichen” stillen und entspannenden Praxen (die möglicherweise überwiegen, wenn es Tips zu Selfcare gibt) auch laute, gesellige und “böse” Praktiken zur Sprache kamen. Ich habe z.B. explizit von “Nein sagen, Klartext reden” geschrieben. Das wird ignoriert. Dadurch habe ich den Eindruck, die Kritik schneidet sich die Realität auch gern so zu, dass sie ihre Gültigkeit nicht verliert. So funktioniert aber eine Diskussion nicht.

Aber das eigentliche Problem mit der ökonomischen Dimension ist, dass es am Problem vorbei geht, wenn das Verhalten Einzelner (Selfcare) in der Kritik steht. Das wäre, wie wenn ich sage: “Weil DU den Müll nicht trennst, geht der Planet kaputt, wenn JEDE Person den Müll trennen täte, dann wäre der Planet ökologisch geheilt”. Das ist aber Blödsinn, weil jegliches Konsum- und Abmilderungsverhalten einzelner Menschen das System nicht stürzen würden. Das war wenn ich mich nicht irre, der Hauptkritikpunkt des Öko-Anarchisten Murray Bookchin an bürgerlichen Ökobewegungen. Ändern tun nur ökologische Aktivitäten etwas, die gleichzeitig für soziale Gerechtigkeit und gegen den Kapitalismus kämpfen, und die mit dem Zusammenschluss von Menschen laufen, und die die Rechte der Armen im Blick haben.

Genauso würde ich sagen, sind individuelle Selfcare-Methoden oder Nicht-Methoden weder systemstützend noch systemzerstörend. Die Frage kann nicht sein: “Und – wenn du dann schön fit bist, biste dann wieder schön ein Rädchen im Getriebe?” sondern meines Erachstens wäre die ökonomische Dimension von Selfcare dahin zu sehen, was Selfcare für eine Rolle im gesamten Gesundheitssystem spielt. Wir müssten von 2-Klassen-Medizin reden und von der Privatisierung des Gesundheitssektors und wären dann wieder beim Neoliberalismus.
Klar ist es ein Problem, wenn die Verantwortung für das eigene Wohlbefinden wieder bei der einzelnen Person hängt und jede_r eben zusehen kann, wo sie bleiben! Ich sehe z.B. auch, dass meine Hausärzt_innenpraxis einen Haufen an Wellness- und Privatleistungen gegen Geld verkauft, weil der Gesundheitssektor immer mehr zum Markt wird, wo es halt um Profit geht. Klar, es gibt Selbstfürsorge-Propaganda, die einen Spa-Besuch und sonstige Dinge vorschlägt, die viel Geld kosten und die sich viele nicht leisten können. Aber die Diskussion bezog sich nicht auf Texte, die so waren. Hier ging es um die Selbstfürsorge von finanziell ziemlich benachteiligten Menschen, es ging um DIY Selfcare.

Ich finde es einen Schwachsinn, wenn z.B. eine Arbeiter_in, eine Person, die “Schwerstarbeit” macht und die finanziell grad so über die Runden kommt, gebasht wird, wenn sie Yoga macht und laufen geht, wäre das z.B. “privilegiert”. Während Selbstfürsorge und, wenn ihr so möchtet, “eigenständige Gesundheitspflege” immer mehr das Einzige ist, was Armen in einem privatisierten, auf Profit ausgerichteten Gesundheissystem noch übrig bleibt. DAS ist die verdammte ökonomische Dimension, wenn du mich fragst!

Kritik an Selfcare, die ökonomische Dimensionen ansieht, muss meiner Meinung nach ähnlich vorgehen, wie feministische Kritik an ungeschätzter und unentlohnter Repro-Arbeit. (Erklärung: Reproduktionsarbeit, wie putzen, kochen, Kinder erziehen) Ich glaube kaum, dass irgendwer fordert, Repro-Arbeit habe zu unterbleiben und wir sollten lieber im eigenen Dreck sitzend fasten und die Kinder nicht mehr betreuen. Da geht es um die Verteilung von Arbeit, darum, wer ausgebeutet wird und wer wirtschaftlich davon eigentlich Nachteile hat, dass die Arbeit so geteilt und verteilt wird.
Genauso dürfte ökonomische Kritik an Selbstfürsorge nicht so tun, als wäre Selbstfürsorge an sich schlecht, sondern sollte sich überlegen, wer sie aufgrund welcher ökonomischen Zwänge wie leistet und wie eigentlich Belastungen und Unterstützung, und Hilfe und Erholung verteilt und zugänglich sind. Es müsste um Sozialabbau und Privatisierung gehen.

Und wir müssten sehen, dass der Weg nicht ist, zu überlegen, ob Selfcare das System stützt oder nicht, denn Selfcare war nie dazu da, das System zu stürzen. Der Weg ist und bleibt, sich gemeinsam zu organisieren und sich Gerechtigkeit zu erkämpfen. Das ich sowas noch extra dazu sagen muss, finde ich eigentlich erschreckend.

Ganz davon abgesehen finde ich es erschreckend, wenn in der Kommentardiskussion auf kleinerdrei eine Frau, die sich für Mann und Kinder aufopfert und ihre Bedürfnisse nach hinten schiebt, als Beispiel genommen wird, wie Selfcare das System stützt, und das wird auch noch als Einbeziehen der ökonomischen Verhältnisse verkauft. Hallo? Schon mal überlegt, welche ökonomischen Faktoren beteiligt sind daran, dass viele Frauen sich für Mann und Kinder abrackern? Das ist 1970er Feminismus! Bekannt seit fast 50 Jahren! Schon vergessen? Wie beknackt ist das denn? Feministinnen* die ökonomische Verhältnisse in Zusammenhang mit Reproduktion ignorieren und unsichtbar machen, um zu kritisieren, dass ökonomische Verhältnisse nicht mitbedacht werden? Feministinnen, die es Frauen* ankreiden, wenn sie versuchen, in einem System, das sie ausnimmt, irgendwie klarzukommen und zu überleben? Thanks so much. Nicht.

Und wie eidechse hier schrieb:

Notiz:
-wir müssen neben “aktivismus”, “queer-feministischer notwendigkeit”, “burn out”, “depression” “selfcare” auch über “Lohnabhängigkeit” reden.

Ja, unglaublich aber wahr: Menschen machen sich nicht freudig fit zum funktionieren im System: Es bestehen Abhängkeiten. Darüber müssen wir auch reden!

Und das soll auch der Schluß dieses Textes sein.
Mich entsetzt an Selfcare-Kritik tatsächlich am meisten, dass ökonomische Abhängigkeiten und neoliberaler Sozialabbau so wenig, so gar nicht angegriffen werden, und statt dessen die Methoden von Leuten zerlegt werden, die innerhalb der immer kälter und härter werdenden ökonomischen Verhältnisse zu überleben versuchen.

—-

Anm: Ich schrieb diesen Text Mitte November 2013. Seitdem wurde weiteres geschrieben, weiter diskutiert, aber ohne mich. Ich bitte, die fehlenden Bezüge zu aktuellen Texten zu entschuldigen.
Ausserdem habe ich in der Diskussion des letzten Jahres oft das Gefühl gehabt, dass die “Selfcarekritik”, die ich hier kritisiere, eigentlich auf etwas anderes hinaus möchte, als das, was ich hier bespreche. Es ist mir nie gelungen, zu verstehen, auf was. Ich habe nur das verstanden, was ich verstanden habe. Darauf gründe ich hier meine Kritik. Inzwischen befasse ich mich mit anderen Themen und fühle mich unmotiviert, einen weiteren Versuch des Verstehens zu machen, der wahrscheinlich nur wieder scheitern würde. Deshalb bin ich auf diesen Text hin nur begrenzt fähig, eine tiefgehende Diskussion zu führen. Ich veröffentliche ihn heute trotzdem, damit er nicht noch ein halbes Jahr auf der Platte herumgammelt. Diskutiert ihn gerne, aber entschuldigt, wenn von mir vielleicht weniger kommt, als die “kämpferische” Form dieses Textes eigentlich nötig macht.

Selbstfürsorge – I did it my way!

Im Moment werden in der in der deutschsprachigen Bubble meiner Wenigkeit Texte zum Thema Selbstfürsorge/Selfcare geschrieben und diskutiert:

Während ich mich an der Diskussion auch ein bischen beteiligt habe, will ich mal einfach einen neuen Text in die Runde werfen, über Selbstfürsorge, wie sie mir gut tut und warum ich sie benötige. (Und auch versuchen, das Ganze in einen Zusammenhang zu stellen mit sonstigen politischen Verhältnissen.)
Lustigerweise wurde mir auch ein Link reingereicht zu einer Diskussion über Selfcare, die 2012 in der englischsprachigen Blogsophäre geführt wurde:

Zuerst mal ist es mir ganz wichtig zu sagen:
Wann deine Energie zu Ende ist oder wann es dir schlecht geht, oder wenn du meinst, du solltest etwas für dich tun oder dir etwas gönnen, dafür bist du selbst die kompetenteste Person! Selfcare ist, dass ich bestimme, was ich wann benötige, und die Verantwortung übernehme für mich selbst und mein Wohlbefinden.
In diesem Sinne ist Selfcare eine selbstermächtigende, proaktive Praxis.
Die Kompetenz und Verantwortung für mich gebe ich keinen Mediziner_innen ab, die sich um mich kümmern sollen (wobei ich natürlich jederzeit welche zu Rate ziehen kann, wenn ich das möchte). Ich erteile auch nicht anderen (politischen Projekten, den “schlimmen Verhältnissen”, anderen Aktivist_Innen etc) die Berechtigung, über meine Ressourcen zu verfügen und zu bestimmen, wann sie erschöpft sind und wann ich Regeneration brauche, sondern das beurteile ich selbst. (Wobei ich mich natürlich jederzeit mit Freund_innen, Kolleg_innen, Aktivist_innen dazu beraten kann).

Obwohl Selbstfürsorge in dieser Diskussion im Zusammenhang mit Polititk und Aktivismus steht, entstehen Belastungen nicht unbedingt nur durch Aktivismus, oder manchmal auch gar nicht durch Aktivismus. Bei mir ist es z.B. so, dass ich in einer Großstadt lebe, und dadurch Belastungen durch Lärm, Abgase, stressigem Strassenverkehr und so weiter ausgesetzt bin. Dann kommt die Lohnarbeit dazu, die körperlich, und manchmal psychisch auch anstrengend ist. Und dann kommen noch meine sehr, sehr vielen Interessen dazu, von denen ich irgendwie nichts aufgeben möchte. Zeitmanagement wird da zur Herausforderung. Ich mag soziale Netzwerke im Internet deshalb, weil ich da mal schnell mit Leuten kommunizieren kann. Auf der anderen Seite fressen sie total viel Zeit und das Facebook- und Twitter-checken und der ständige Zustrom von Informationen und Aktionen kann eine_n schon einsaugen und nicht so schnell wieder loslassen.
Also ist es eigentlich für mich auch viel das moderne, digitale Stadtleben, das mich manchmal gar nicht zur Ruhe kommen lässt, und es ist ja am Ende egal, wodurch das Bedürfnis nach Entspannung und Auftanken entsteht.
Wichtig ist mir, auf dieses Bedürfnis zu achten und mir selbst das zu geben, was ich in dem Moment brauche.

Dabei helfen mir eine ganze Menge an Selfcare-Methoden. Es gibt akute Methoden (die ich anwende, wenn es mir gerade akut schlecht geht, und sonst eher nicht oder nur nach Lust und Laune) und dauerhafte, durchgehende Gewohnheiten, die ich mir zur Gewohnheit machen musste – weil, würde ich sie unterlassen, das bei mir gradewegs in die Selbstzerstörung führen würde.
Die “Gewohnheitsmässige Selbstfürsorge” würde ich auch “nachhaltigen Aktivismus” nennen, und sie als Teil einer politisch bedeutsamen Praxis ansehen. Nachhaltiger Aktivismus, weil ich dabei nicht von einer Aktion zur nächsten lebe und mich verausgabe, sondern so lebe, dass ich auch in vielen Jahren noch in der Lage bin, mein Leben als politisch interessierte und aktive Person zu leben.

Ständige Selbstfürsorge/Gewohnheiten:

Die allerwichtigste: Sei nicht alleine!
Du bist niemals allein. Auch wenn es so aussieht. Es sind bei den meisten politischen Themen noch andere am selben Thema am arbeiten. Du bist nicht allein, und du kannst dich mit Anderen zusammenschliessen, denen es so ähnlich geht wie dir. Wenn es nicht möglich ist, dass in deiner Community, deinem Wohnort, oder in deiner Region live mit Menschen zu tun, dann kann das Internet helfen, dich mit Menschen zusammenzutun, und ihr könnt euch gegenseitig bestärken und euch weiterhelfen.
Politisch aktiv und weiterdenkend zu sein, ist für mich auch immer nur möglich, weil ich genügend Menschen um mich habe, die mich darin bestärken und mit mir unterwegs sind. Beste Freund_innen, Kolleg_innen, die feministische Blogosphäre, die Twitteria.. <3

goodies
Nicht allein: Als ich mich mal tagelang in einer ermüdenden Rassismusdiskussion (erfolgreich btw, yay!) abgekämpft hatte, hatte Fröken von Horst mir dieses Päckchen geschickt und einen ermutigenden Brief. <3

Kontext: Die Held_in, die völlig alleine gegen das Böse auf der Welt sich märtyrer_innenhaft aufreibt, ist nicht nur ein super ungesundes Bild, sondern schliesst sich meiner Meinung nach an so einen weißen Held_innenkomplex dran. In dem weiße Menschen als Individuen behandelt werden, und Schwarze oder People of Color als Kollektiv. Es gibt so viele Erzählungen und Mythen über den weißen, einsamen Helden, während People of Color den Preis dafür zahlen, die gesichtslose, zu rettende “Masse” im Hintergrund zu sein. Ich habe selber Probleme damit, weil in meiner politischen Sozialisation oft von “Zivilcourage” die Rede war, und damit war meist gemeint, dass eine Person in ihrem Inneren mit sich ausmacht, gegen Unrecht einzuschreiten, und das dann auch ohne Rücksicht auf Gefahren heldenhaft tut. Auf den Gedanken zu kommen, dass ich vielleicht Hilfe gebrauchen könnte, um überhaupt festzustellen, dass etwas nicht stimmt und mensch was machen sollte, is nicht. Das musste alles so im Inneren mit der inneren Gerechtigkeitsintanz abgemacht werden. Und dann zu denken, sich zusammenzutun mit Anderen und sich gegenseitig zu helfen und Kraft zu geben? Wurde mir so nie vorgelebt oder beigebracht. Währenddessen feiern die Medien weiter die einsamen Held_innen, die sich im Alleingang opfern. Es gäbe viel Nützliches zu lernen von Communities (of color; oder Arbeiter_innen/Arbeitslosencommunities), die kollektives Handeln und gegenseitige Unterstützung höher bewerten und vorleben. Ich hatte einmal das Glück, mit einer Überlebenden des KZ Ravensbrück zu sprechen, und bei den Kommunistinnen dort gab es keine Einzelkämpferinnen-Kultur, und deshalb, erzählte sie, war sie damals in der Lage, selbst im Lager noch Widerstand zu leisten.

Slacktivism: Mit Vorsicht zu geniessen!
Slacktivism kommt von Slacker und Activism. (Slacker: Drückeberger/Faulpelz) Es bedeutet, nutzlose und kleine Handlungen zu vollziehen, um das eigene Gewissen zu beruhigen, wenn mensch von schlimmen Zuständen oder Ungerechtigkeiten erfährt. Ich finde die Kritik an Slacktivism teils übertrieben, aber was ich schädlich für mich finde, ist: Informationen “reinkriegen” (über soziale Netzwerke im Internet, aber auch in den Nachrichtenmedien) die von schrecklichen Zuständen und Ungerechtigkeiten berichten, aber den Eindruck machen, niemand könne dagegen etwas ausrichten. Gefühle von Ohnmacht und Verzweiflung sind die Folge. Maria Mies schreibt in “Globalisierung von unten” über das Internet als potentieller Motor von emanzipatorischen Bewegungen:

“Wer die geistige Gesundheit der Menschen erhalten will, muss ihre politische Handlungsfähigkeit erhalten. Sie müssen das Gefühl behalten, dass sie selbst etwas verändern können, dass sie nicht hilflose Opfer sind, dass es eine Alternative gibt. Das heisst, mit den neuen Informationen und Erkenntnissen muss eine Handlungsperspektive eröffnet werden. Diese Handlungsperspektive muss so gestaltet sein, dass sie Erfolg haben kann. Nichts motiviert mehr als Erfolg.
Das setzt ausserdem voraus, dass die Vermittlung von Informationen und Wissen gleichzeitig eine oder mehrere soziale Beziehungen herstellt oder reaktiviert. (..)
Wenn zu solchen positiven Beziehungen elektronische Kommunikationsmittel als Instrumente hinzukommen, können sie tatsächlich mit Gewinn in einer Bewegung genutzt werden. Die Instrumente und die Masse an Informationen allein bewegen jedoch noch nichts. Im Gegenteil, sie können zu Ohnmachtsgefühlen und Apathie führen.” (Globalisierung von unten. Der Kampf gegen die Herrschaft der Konzerne. Maria Mies 2002, S. 45)

Message
Informationen, die übers Netz verteilt werden allein sind nicht unbedingt hilfreich.

Mit welcher Art von Information ich es zu tun habe, und ob sie Handlungsperspektiven eröffnet oder nicht, kriege ich ziemlich schnell mit, wenn ich auf meine Gefühle achte. Wenn z.B. Aktivist_innen und Blogger_innen über schlimme Zustände schreiben, ist das für mich meist empowerend und nicht kräftezehrend. Denn ich sehe: Da sind Menschen präsent, die dem etwas entgegensetzen – und ich kann das möglicherweise auch tun.
Artikel, die in Richtung “Verschwörungstheorie” und Panikmache gehen, empfinde ich dagegen ganz klar als kräftezehrend und mir bringt es auch gefühlsmässig nix, mich dann zur “wissenden Elite” zählen zu dürfen – das elitäre Denken, das hinter Verschwörungstheorien steckt, bedeutet ja auch, dass die Vereinzelung und das allein sein gefeiert wird. Und genau das ist es ja, was mich eher entmutigt. Daher versuche ich, mich so weit als möglich von Verschwörungstheorien und Panikmache fern zu halten.

Körperarbeit und Bewegung

In einem Text, der Self Care kritisiert, nämlich “An End to Self Care” von B. Loewe, wurde z.B. gesagt, dass es ein Privileg sei, Zeit für beispielsweise Yoga zu haben. Dazu sage ich: So können nur Leute denken, deren Körper es ihnen verzeiht, mit Bewegungsmangel und Energieraubbau längere Zeit zu funktionieren. Sei es, weil sie noch jung sind. Sei es, weil sie keine langen, monotonen oder einseitig belastenden Tätigkeiten ausführen müssen. Oder wenn sie nicht lange sitzen oder nicht körperliche Schwerstarbeit leisten müssen.

Für mich kommt Bewegungsmangel nicht in Frage. Und es reicht auch nicht, irgendeine Art von Bewegung zu machen – ich muss zu dem, was ich für meinen Broterwerb mache, einen Ausgleich schaffen. Ich muss. Wenn ich dafür eigentlich keine Zeit habe, dann präsentiert sich mir 2-3 Wochen später die Rechnung in Form von Rückenschmerzen und Muskelverspannungen bis hin zu chronischen Entzündungen. Muskeln verhärten derartig, dass sie mir das Rückgrat verziehen. Also muss ich mir Zeit dafür eben nehmen, auch wenn das heisst, dass ich auf andere Dinge, die ich lieber gemacht hätte, verzichten muss.

Das vorweg. Dessen ungeachtet finde ich Körperarbeit und Bewegung auch deshalb soooo super, weil es eigentlich nur ganz wenige Einschränkungen gibt, und sich so gut wie alle Personen in allen möglichen Lebenslagen ihre Vorzüge erschliessen können. Es gibt gerade in bestimmten Sportszenen zwar viele Ausschlüsse, wie z.B. Fatshaming, schädliches Leistungsdenken, und kulturelle Aneignung, (Decolonizing Yoga ist z.B. eine Webseite, die sich mit diesen Themen beschäftigt) aber Körperarbeit ist am Ende etwas, was meine ganz eigene Sache ist. Mein Körper gehört mir (oder bin ich, je nachdem), und ich kann mich durch Bewegung und Körperarbeit mit meinen Selbstheilungskräften verbinden und auch ganz profan Körperkräfte/Beweglichkeit/Geschick aufbauen und mobilisieren. Das macht mir Spass und gibt mir auch ein gutes Gefühl.

Körperarbeit deshalb einer reichen, esoterisch interessierten, weißen Mittelklasse zu überlassen, weil einige Leute das für sich so angeeignet und kommerzialisiert haben, ist für mich selbstschädigend.

Für mich gibt es die Schwierigkeit, dass das, was ich mache, gelenkschonend sein muss, es darf nicht viel Geld kosten, und es darf nicht zuviel Zeit in Anspruch nehmen. Deshalb habe ich z.B. mit dem Schwimmen gehen aufgehört. Regelmässig kann ich mir das nur leisten, wenn ich in das verbilligte “Früh- und Spätschwimmen” in der Schwimmhalle gehe, Zeiten, zu denen ich in der Regel arbeite oder schlafe. Und selbst dann ist das Hinfahren, das Umziehen, das Schwimmen, das Trockenfönen und dann wieder umziehen und Heimfahren ein Zeitaufwand, der sich als unpraktikabel erwiesen hat. Im Sommer fahre ich zum nächsten Badesee auch eine halbe Stunde mit dem Rad, (Öffis sind zu teuer und brauchen eh genauso lang) und dann sind mit Umziehen/Abtrocknen und Fahrt eineinhalb Stunden schon mal weg, ohne dass ich einen Zug geschwommen bin. Ein anderes Problem ist, dass ich nur Rückenschwimmen oder Kraul machen sollte, wegen der Knie (und dem Rücken), ich aber Kraul nicht kann und in den vollen Bädern und Seen Rückenschwimmen dauernd zu Kollisionen führt. Bisher hatte ich einfach das Zeitfenster nicht, mir einen Erwachsenenschwimmkurs zu gönnen, um Kraulen zu lernen, und meine Versuche, es selber zu lernen, zogen sich etwas hin (einmal hat ein anderer Schwimmer sich erbarmt, der mein Gestrampel mit ansah, und mir ein paar hilfreiche Tips gegeben).

Praktikabel für mich: Walken/Laufen/Radfahren und Yoga/Rückensport. Letzteres habe ich 1.5 Jahre von der Kasse bezahlt bekommen, jetzt mache ich es zuhause und nutze ein Online-Yoga-Programm. Es ist zwar nicht kostenlos, aber ich finde, sehr gut gemacht, und ich kann mir das noch eher leisten als einen Live-Yoga-Kurs. Zumal die Yogakurse, die ausserhalb meiner Arbeitszeiten stattfinden, durch die Bank für Schwangere oder Mütter mit Kleinkindern konzipiert sind. Ausserdem bin ich gut darin, mir Dinge mit Hilfe von Lehrmaterial selber beizubringen.

Wie für den Punkt “Ernährung” gilt: Ich verschenke unglaublich viel an Kraft, Energie und Potential, wenn ich hier keine Selbstfürsorge betreibe. Es heisst nicht umsonst “use it or lose it”, was z.B. die Muskulatur angeht. (deutsch: Benutz es oder verlier es). Wenn du diesen Überschuss an Energie und Kraft sowieso hast, dein Körper in der Lage ist, deine Versäumnisse auszugleichen: Gut für dich! Wenn du mit deinen Kräften haushalten musst, willst die sie wahrscheinlich nicht verlieren, und dafür Schmerzen kassieren. Und solange es geht, ist Bewegung und Körperarbeit im Vergleich zu Krankenstand, Medikamenten und Operationen zugänglich, billig, unschädlich und heilend.

scheissegal mudra
Wohltuend für Körper und Geist: Spazieren gehen an der frischen Luft und Yoga. Hier das “Scheiss drauf Mudra” – diese Handhaltung hilft, Gedanken an unangenehme Zeitgenoss_innen in die Bahnen zu lenken, in die sie gehören.

Nein sagen, Klartext reden, Grenzen setzen.
…fällt mir auch schwer. Angst haben, anzuecken, dass Leute eine_n dann nicht mehr mögen könnten, oder beleidigt sind. Die meisten Lügen, die ich erzähle, sind nicht, weil ich anderen eine reinhauen will, sondern weil ich Streit vermeiden will oder Angst habe, dass andere durch unangenehme Wahrheiten beleidigt werden.
Nein sagen, und zu sich selbst zu stehen, ist für mich eine Selbstfürsorge, die erstmal anstrengend ist und Mut braucht, aber hinterher weniger Kraft verbraucht und sehr erleichternd ist. Und dies ist vielleicht die privilegierteste Praxis von Allen, aber ich weiss nicht, ob “Nein sagen” überhaupt so ein wichtiger Punkt für Leute ist, die das ohne weiteres können. Menschen, die es nicht ohne weiteres können, gerade wenn sie in marginalisierten Positionen stecken, wo ihnen “Neins” und deutliche Worte übel ausgelegt werden, sind die Menschen, von denen ich am meisten und das Beste über das Nein sagen gelesen und gehört habe.
Meine Wahrheit auszusprechen, bringt mir Selbstachtung und Selbstliebe, mich nicht verstellen zu müssen oder wenigstens nicht in allen Dingen verstellen zu müssen. Es wird immer Dinge geben, die ich nicht gefahrlos offen sagen kann, und da möchte ich nachsichtig und verzeihlich mit mir selber umgehen. Und es da eben tun, wo ich es schaffen kann – und mich darüber freuen, wenn es gelingt.

Ich habe eine Inspiration zum Nein-sagen:
Falls ihr Star Trek nicht kennt: Vulkanier sind so spitzohrige Aliens in einem Sci-Fi-Universum, denen man nachsagt, nicht lügen zu können. Spock redet Klartext und stellt sich notfalls auch vor Vorgesetzte hin und sagt “Nein”.

Eine andere Methode, Klartext zu reden, ist für mich, einzugestehen: “Ich habe einen Fehler gemacht; Ich habe meine Meinung geändert; Ich habe mich anders entschieden.” Das habe ich aus Dr. Zimbardos “Guide for resisting influence”. Zimbardo hat ein Buch geschrieben, das “der Lucifer Effect” heisst, (ich habe es nicht gelesen) und darin geht es um das Stanford Prison Experiment. Darin wurde erforscht, wie Gruppendruck und Machtgefälle in Gruppen aus Menschen Täter_ machen können, die anderen Menschen Gewalt antun. Bei “Resisting Influence” oder auf deutsch: “Beinflussung abwehren” geht es tatsächlich um die Held_innennummer – sich zur Not allein gegen die Mehrheit stellen, und die eigene Wahrheit auszusprechen.
Zwar siehe oben, der “weiße Helden_komplex” und so, aber manchmal kommt man um die Held_innennummer nicht drum herum.

Und bei dem Abwehren von Beeinflussung kann es wichtig sein, zum einen meiner eigenen Wahrheit treu zu bleiben, aber zum anderen durchaus meinen Standpunkt auch zu ändern: Es gibt Strategien der Beeinflussung, nachdem du zunächst von einer Position überzeugt wirst, und danach ein konsistentes Weiterführen des Weges, den du dann schon mal eingeschlagen hast, von dir verlangt wird – obwohl der eigentlich nicht mehr dem entspricht, was anfangs noch okay erschienen war. Und das ist dann der Moment, an dem es genauso gut und stark ist, zu sagen: “Ich habe einen Fehler gemacht/meine Meinung geändert” und aus dem Konstrukt auszusteigen.

Für mich war es wichtig zu verstehen, dass Klartext zu reden und Nein zu sagen eine nützliche und liebevolle Sache ist. Ich bin ziemlich harmoniesüchtig und möchte Leute nicht verletzen, aber wir kommen nirgendwo hin, wenn wir uns und anderen nicht die Chance geben, dass wir uns kennen lernen. Und anderen Grenzen zu setzen ist zwar furchtbar anstrengend, aber es ist am Ende freundlich, die anderen wissen zu lassen, wo ich selber stehe und wie sie mit mir umgehen sollen. Für mich ist es auch einfacher und weniger anstrengend, wenn andere sich trauen, ihren Standpunkt zu benennen und ihre Grenzen zu setzen.
Also übe ich das…

Was typischerweise passiert, ist, dass ich eine Grenze zunächst nicht setzen kann oder mich unklar verhalte, oder zu oft “Ja” sage, und dann später irgendwann merke, das tut mir gar nicht gut, da hab ich mich in etwas reinmanövriert. Danach Grenzen zu setzen wird immer schwerer, weil Leute von eine_r verlangen, konsistent zu handeln (siehe oben). “Warum hast du denn nicht früher/gleich etwas gesagt?”; “Jetzt ist es zu spät”, usw.
Dann klar zu sagen: “Ich habe meine Meinung geändert. Ich möchte das jetzt nicht mehr.” finde ich sehr, sehr empowernd. Überhaupt habe ich es in den letzten Monaten und Jahren sehr bekräftigend gefunden, Nein zu sagen, sich klarer zu positionieren und zu erleben, dass andere Menschen darauf positiv reagiert haben. Und wenn nicht, dass es immer gleichzeitig auch Leute gab, die das okay fanden und die mich okay fanden.

Vulcan_(3261574671)
In Ermangelung eines legal benutzbaren Bildes aus der Star Trek Filmindustrie: Dieser freundliche, mir unbekannte Vulkanier wurde von istolethetv aus Hong Kong fotografiert und unter einer cc-by 2.0 lizenz ins Netz gestellt.

Ernährung
Das ist das Gebiet, wo im Moment das meiste bei mir im Argen liegt. Gerade ist es zeitlich aber nicht drin, auch noch öfter leckere Dinge zu kochen, und viele Tage sehen so aus: Arbeit, heimkommen, Takeaway/Imbiss/oder schnell eine Stulle schmieren, essen, vor dem Internet absacken, pennen gehen.
Ich glaube aber daran, dass es auch sehr wichtig ist als Selfcare, sich zu verzeihen, wenn mensch nicht alles schafft. Sich nicht als schlecht oder ungenügend zu verurteilen, wenn ich nicht die perfekte, auf allen Gebieten punktende Feministin bin. Gerade beim Thema Ernährung gibt es viele, schon ins fanatische gehende Überzeugungen. Wie du es machen sollst, wird dir vorgeschrieben, und wenn du es nicht so machst, darfst du nicht mit Mitgefühl rechnen, wenn es dir dann schlecht geht. Und dadurch wird Ernährung ein Gebiet auf dem viele Menschen eher entkräftet und gegängelt werden, statt ermächtigt und geheilt. Trotzdem bietet gerade Essen (was ich ja sowieso machen muss) mir die Möglichkeit, mich relativ billig und effektiv zu stärken und zu heilen.

Ich würde, was Ernährung angeht, empfehlen, sich Konzepte von “Health at Every Size” anzusehen, die auf intuitives, genussvolles Essen und das Nutzen der Weisheit des eigenen Körpers setzen. Denn Druck auf sich selbst auszuüben empfinde ich als entkräftend und anstrengend, und ausserdem haben wissenschaftliche Studien ergeben, dass eingeschränktes, genussloses Essen aus rein gesundheitlichen Gründen bewirkt, dass ganz viele Nährstoffe gar nicht richtig aufgenommen werden. Wenns nicht schmeckt, tut’s auch nicht gut. (Info habe ich aus dem Buch “Health at Every Size” von Linda Bacon)
Noch 3 Links:
Bodylovewellness
Dances with Fat
Riotmango (Körper/Fett-positives Blog auf deutsch)

gemues1
Wenn ich doch mal koche, dann meist sehr gerne. Ich hab mir vorgenommen, wenigstens 1x im Monat Freund_innen einzuladen, damit wir uns gemeinsam bekochen. Das ist super schön und es ist einfach was Anderes, als sich nur übers Internet zu kontakten. Leider ist der Grund, warum wir uns meist übers Internet kontakten, der, dass wir dann keinen Aufwand haben und es vom heimischen Rechner aus geht. Und es ist nicht einfach, immer Termine zu finden, wo jede_r Zeit hat… sonst würde ich das bestimmt öfter machen.

Aktivismus und Spass dabei: Die “richtige” Politgruppe für mich.
Nicht immer war das so, aber in den letzten Politgruppen, in denen ich war, gab es eine lockere -vieles kann, nicht alles muss-Atmosphäre, es gab Spass und Gemeinschaft, und es machte auch Spass, etwas zu organisieren. Das war nicht immer so. Ich war auch mal in einer Antifa, wo sich die Leute gegenseitig ihre Zugänge zerredet haben, und so manche Diskussion in einem “es bringt ja alles nichts, aber wir machen aus Pflichtgefühl trotzdem weiter” endete. Dazu kam so ein Konkurrenzdenken wie “ich bin politischer als du/ich bin aktivistischer als du..”

Die Verhältnisse sind scheisse. Aber es endet nicht gut, wenn eine Gruppe sich die Schuld dafür gibt, dass die Verhältnisse sich nicht oder nicht schnell genug ändern. Ich wurde glücklicherweise von den meisten spassbefreiten Politmärtyrer_innen als “zu unpolitisch” abgelehnt und habe nie Zugang zu deren Gruppen bekommen. So blieb mir einiges erspart. Die schönsten Sachen, die ich mit machen durfte, waren Spassguerillasachen, oder mit Leuten auf Demos gehen, die nicht so verbissen und berufstraurig waren. (Nichts dagegen, wenn du traurig bist! Aber dir jede Freude verbieten, solange es Menschen auf dieser Welt schlecht geht, hilft niemandem!)

Auch mit meiner alten Amnestygruppe hatte ich eine gute Zeit, obwohl wir uns mit der Todesstrafe, mit Diktatur und Diktatoren usw. auseinandergesetzt haben, haben wir uns nicht runterziehen lassen, sondern halt unsere Aktionen gemacht und beim Aktiv sein miteinander Spass gehabt. Oder uns zusammen geärgert. Auf jeden Fall war es gut.

Ich kann mir jedoch nicht alle politischen Zusammenhänge aussuchen, z.B. wenn ich in einem Wohnprojekt lebe oder in einem selbstorganisierten Betrieb arbeite, hängen mein Dach über dem Kopf und mein Geld zum Leben davon ab. Das sind in meinem Leben auch die Bereiche, wo ich erschöpft werde und auch Auszeiten brauche. Ich glaube, bei der Kritik an Selbstfürsorge, wo sowohl in der englischsprachigen als auch in der deutschsprachigen Diskussion argumentiert wurde, dass mensch keine Pause vom Aktivismus braucht, sondern dass Aktivismus und Gemeinschaftssinn einer_einem Empowerment geben sollte, von dem man bittschön nie genug kriegen sollte, fällt eines unter den Tisch: Wenn du Abhängigkeiten von deinen politischen Zusammenhängen hast, oder dein Wohnen/Essen/Geldverdienen ins Spiel kommen, ist ein ganz anderes Konflitkpotential da. Da sind Ängste im Spiel. Menschen arbeiten sich aneinander ab, wenn es um “mehr” geht, wenn sie was zu verlieren haben. Manchmal erfordert das dann viel Arbeit und Nerven und Angst aushalten, es ist Mediation nötig, es sind Gruppendynamiken auszuhalten. Zwar ist es nicht der Aktivismus selbst, der schadet und erschöpft, aber Menschen verletzen und bekämpfen sich eben manchmal, auch in alternativen/politischen Zusammenhängen, und besonders, wenn dies Zusammenleben und Zusammenarbeiten beinhaltet. Das ist nicht schlimm und wohl überall so, aber es ist Selbstfürsorge, diese Anstregungen als solche anzuerkennen. So zu tun, als gäbe es solche Probleme im Aktivismus und in politischen Zusammenhängen nicht, halte ich für naiv.

Ausserdem kommen natürlich in allen Gruppen bestimmte *-Ismen vor. (Sexismus, Rassismus, usw.) Ich komme damit relativ gut klar, weil ich bestimmte Themen aus bestimmten Gruppen raus halte oder ausblende, sprich: Ich komme mit Verletzlichkeiten meistens dort an, wo ich erwarten kann, damit ernstgenommen zu werden. In meiner Amnestygruppe gab es z.B. eine sehr geringe Awareness zum Thema Sexismus und Homophobie. (Fand ich) Wir haben eine Kampagne gegen häusliche Gewalt nicht mitgemacht, weil die Gruppenmitglieder fanden, das sei eigentlich kein Menschenrechtsthema/kein Amnesty-Thema. Was ich sehr schade fand, aber ich konnte das auch nicht richtig vermitteln, warum es doch sehr wichtig und ein Amnestythema meiner Ansicht nach ist. Da merke ich, dass verdrängen/ausblenden auch eine ganz nützliche Eigenschaft ist, und ich merke, es ist toll, so eine Kombi zu haben aus Zusammenhängen, wo alle “Bedürfnisse” irgendwie abgedeckt sind. Wenn die Amnestygruppe meine einzige Kontaktmöglichkeit zu anderen Aktivist_innen gewesen wäre, dann hätte ich nämlich ganz schön viel alleinsein und Ärger verdauen müssen. Ich bin da als Bewohnerin einer Großstadt auch beglückt und beschenkt, da kann ich mir im Prinzip für jedes Interesse ein eigenes Grüppchen “halten”, aber auch da wirds dann zeitlich eng. Für Kontakt zu Leuten die viel Selbstreflektion und Bewusstsein über eigene Privilegien und Diskriminierung haben, nutze ich zur Zeit hauptsächlich das Internet.

Wenn es die Möglichkeit gibt, eine Aktivist_innengruppe zu haben, die du, wenn es dir nix taugt, auch wieder verlassen kannst (ohne dass gleich deine Lebensgrundlage wackelt) würde ich auf jeden Fall lustige, bestärkende Gruppen empfehlen. Wo es mehr ums Machen und ums gemeinsame Organisieren geht, als ums sich-runterziehen an der Schlechtigkeit der Verhältnisse oder die Demonstration, wer am meisten macht und am meisten Bewusstsein hat. Ich finde es wichtig, dass die Gruppe ihren Erfolg an Dingen misst, die sie auch selbst beeinflussen kann: Wir ist die Demo/Veranstaltung gelaufen, wie haben wir unser Anliegen rübergebracht? Und nicht: Wieso haben wir das System immer noch nicht umgekippt bekommen?

Rosa Rose Garten: Bau einer Kräuterschnecke
Auch wenn ich letztes Jahr gar keine Zeit dafür erübrigt habe: Rosa Rose, die politische urban Gardening Truppe meiner Träume! Es gibt bei Rosa Rose keinen Druck, so und so viel politisch zu “leisten”, mensch kann jederzeit auch “nur” ein bischen mitgärtnern, aber es gab immer gegenseitige Unterstützung bei Frust und es gab schöne gemeinsame Aktionen, Demos… <3
Ich fand es super, was die Rosen trotz dieses entspannten, drucklosen Umgangs miteinander immer wieder hinkriegen und veranstalten!

Meditation und Entspannung

Ich habe das bei der “ständigen Praxis/Gewohnheiten” aufgeführt, obwohl ich es leider nicht regelmässig mache, weil es mir im Akutfall nicht so gut hilft. Ich habe gehört, um sich mit Meditation entspannen und vom Gedankenkreiseln befreien zu können, benötigt es etwas Übung. Und die habe ich (noch) nicht.

Durch das regelmässige Yoga komme ich immer am Ende in den Genuss einer Kurzmeditation. Ich merke auch, dass es mir sehr gut tut, alle paar Tage eine Zeitspanne einfach nicht für irgendwas zu “nutzen” und sie mit “gar nichts” zu verbringen. Spazieren gehen finde ich z.B. sehr hilfreich, oder sich eine “Rückenentspannung” gönnen: Sich ca. eine halbe Stunde hinlegen, und die Beine so hochlagern, dass sie im rechten Winkel zum Körper sind und die Knie rechtwinklig gebeugt. Das soll bewirken, dass die Bandscheiben sich mit Flüssigkeit vollsaugen und wieder aufpumpen, weil sie jeden Tag in der aufrechten Haltung zusammengequetscht werden. Ich lege mich dann auf den Boden auf einen weichen Teppich und lege die Beine auf einen Stuhl.

Meditation finde ich auch deswegen gut, weil es eine Technik ist, die nichts an Zubehör benötigt und die überhaupt nichts kostet. Es gibt religiöse und völlig unreligiöse Formen zu meditieren. Ich persönlich verwende lieber diejenigen, die einen spirituellen Touch haben, und folge damit auch meinem Bedürfnis nach einer Verbindung mit etwas, das grösser und bedeutsamer ist als ich selbst. (das Universum, die Welt, ein kollektives Bewusstsein, ein höheres Wesen, für mich z.B. die Göttin… ) Aber das ist absolut kein Muss.

Was ich gerne als Entspannung/Meditation mache, und ganz gut tut, wenn ich nicht deprimiert bin, ist, mit einer Kamera rauszugehen und irgendwas festzuhalten, was mich gerade anspricht, anspringt, oder mir auffällt.

flickrunde
Gutes Wetter trägt für mich ja ungemein zu Achtsamkeit und Entspannung bei ;-)

Spiritualität
Ooooooooohweia. Ein ganz verrufenes Thema in der linken Szene. Spiritualität ist ja gleich Esoterik und das ist ja genau das selbe wie Faschismus ;)

Ich glaube, ich habe mir das nicht unbedingt ausgesucht, ob ich Spiritualität praktizieren will oder nicht. In meinem Leben hatte ich atheistische Phasen, in denen ich versuchte, davon auszugehen, dass es “nichts” gibt, was irgendwie als Göttlichkeit oder umfassendere Kraft anzusehen wäre, und es hat sich für mich als nicht machbar heraus gestellt. Vielleicht gibt es spirituelle und a-spirituelle Leute, so wie es sexuelle und a-sexuelle Leute gibt, und ich habe gemerkt, dass ich halt ein Bedürfnis nach Spiritualität habe und ich denke, es ist ok, dem nachzugehen. Ich habe oben geschrieben, dass ich zurechtkomme mit Politgruppen, die einige Sachen, die mir wichtig sind, nicht wichtig finden oder sogar dagegen sind. Vielleicht habe ich das dadurch gelernt, dass ich die spirituellen Bedürfnisse in Politgruppen schon immer ausblenden und verdrängen musste. Erst seit wenigen Jahren habe ich das Gefühl, dass ich beides miteinander verbinden kann – und dass die Leute dafür ein wenig offener sind und eine_ nicht sofort dafür auslachen oder rauswerfen. Trotzdem bin ich sehr zurückhaltend mit religiösen Themen, weil ich denke, sie sind eigentlich Privatsache, und ich möchte keine Person mit meinen Ansichten belasten oder ihnen etwas überstülpen.

In diesem Selfcare Text von Leah Lakshmi Piepzna-Samarashina erzählt sie zum Beispiel, dass sie zusammen zu einer Gerichtsverhandlung gingen und für die Person, die Repressionen ausgesetzt war, öffentlich gebetet haben und sich gegenseitig gestärkt haben. Das fand ich sehr schön. So etwas kann ich mir hier in Deutschland ganz schlecht vorstellen.

Für mich ist Spiritualität eine Kraftquelle, und sie hat für mich vor allem mit Verbundenheit zu tun.

  • Verbundenheit mit einer weiblichen Identität, die mir hilft damit klarzukommen, dass Weiblichkeit und Frau*sein in der Gesellschaft oft abgewertet und missachtet wird; ich personifiziere dies als Göttin, und als einzelne spezifische Göttinnen.
  • Verbundenheit mit anderen Lebewesen, Menschen, Tieren und Pflanzen, was ökologisches Engagement nicht zu einer Handlung aus Betroffenheit und Pflichtgefühl heraus macht, sondern zu einem Akt der Liebe meiner “Familie” aus Mitwesen gegenüber. Ich habe das Gefühl von einem Geben und Nehmen, dass ich nur zurückgebe, was mir an energetischer Unterstützung und Liebe gegeben wird.
  • Verbundenheit mit den Ahn_innen, und zwar sind das die familiären und die geistigen Ahn_innen. “Ahnen” klingt oft so faschomässig, und ich glaube, das ist auch ein Gebiet, das völlig zu Recht kritisch angegangen wird in Deutschland, wo unsere Altvorderen zwei Weltkriege vom Zaun gebrochen und einen beispiellosen Völkermord verübt haben. Trotzdem oder gerade deshalb gehört für mich ein verantwortungsbewusstes Verbunden sein mit Ahn_innen zur Spiritualität dazu, und das heisst, sich mit der Geschichte zu beschäftigen. Die nichtfamiliären Ahn_innen sind die Menschen, die das geschaffen haben, was mich heute umgibt, und was mich heute ausmacht. Wenn mensch so möchte, sind das die Ahn_innen, die mir nicht meine Gene weitergegeben haben, sondern nur die Ideen und das Wissen, was mir zur Verfügung steht. Diese Verbundenheit hilft mir, mein Leben in einem Zusammenhang von Geschichte zu sehen, mich einerseits klein zu fühlen im Vergleich zu all dem, was schon war, aber mich auch als Teil eines grösseren Ganzen zu fühlen, und mit dem, was wir haben, verantwortungsvoll umzugehen.

In der Praxis drückt sich Spiritualität für mich ganz verschieden aus. Meditation, Gebet, Gesang, Musik machen (vor allem Musik machen!), ritualisieren, und Feste mit anderen zusammen feiern. (Letzteres, seit ich meine Frauenritualgruppe nicht mehr habe, leider sehr sporadisch und selten, aber wenn, dann ist das immer schön).
Das ist auch etwas, was bei vielen Interessen und wenig Zeit eher wegfällt und ich merke immer dann, wenn ich mich doch mal entscheide, abends bei Kerzenschein ein leises, musikalisches Ritual zu machen, dass es mich total auftankt und mir super gut tut, mit meinen Geistern, der Göttin und dem ganzen Rest mal wieder kommuniziert zu haben.

Allein, dass ich das hier in diesen Text überhaupt reinschreibe, find ich schon erstaunlich und ein wenig abstrus. So getrennt habe ich früher das politische und das spirituelle gehalten.

wollefest201316
Mein Altar. Eine kleine Göttin habe ich aus Erde gemacht, die andere eine liebe Freundin aus Speckstein in ihrer Ergoteraphie.

Auseinandersetzung mit Kritik

Selfcare und Klassismus.

Ich habe mein Leben so eingerichtet, dass ich genug Geld habe, aber eben nur dadurch, dass ich wenig Kosten habe, die ich andauernd bezahlen muss. (Also bis auf Miete, Telefon/Internet, Saxophonunterricht und die Online-Yoga-Videos.) Das spiegelt sich auch in meinen Selfcaresachen wieder. Ich kann das meiste davon mit wenig oder gar keinem Geld betreiben. Ich mache Yoga auf einer alten, billigen Gymnastikmatte in einer alten, schlabberigen Jogginghose, die ich mal *hüstel* bei jemandem ausgeliehen und vergessen hab zurückzugeben. Politgruppen gibt es in Fahrradreichweite genug und die Linken treffen sich ja wenn, dann meistens da, wo Getränke günstig sind oder wo es gar keinen Konsumzwang gibt. Internetkommunikation ist auch günstig und mein Spirikram kostet mich auch nichts, weil ich keiner Eso-Psycho-Gruppe angehöre, wo mensch teure Dinge oder Seminare kaufen muss. Hähä. Tatsächlich waren in meiner Ritualgruppe fast nur Frauen* die in prekären Verhältnissen lebten und heute noch kenne ich kaum Menschen, die es “dicke” haben..

Selfcare und Privilegien.

Ich weiss nicht genau, warum ich so empfindlich darauf reagiere, wenn das Thema auf Selfcare und Privilegien kommt. In den letzten Tagen habe ich darüber nachgedacht. Ich finde es als vielfach privilegierte Person wichtig, sich Unbequemlichkeiten auszusetzen, sich zurückzunehmen, die anderen reden zu lassen, den anderen zuzuhören, und sich nach dem zu richten, was die Leute, die weniger Privilegien haben, in politischen Kämpfen vormachen oder vorgeben.
Selfcare dreht sich aber nicht um sich zurücknehmen, sondern um sich wichtig nehmen. Es geht dabei um sich selbst zuhören. Die eigenen Bedürfnisse zu erfüllen. Sich von Unbequemlichkeiten mal zu erholen. Diese Dinge sind für mich kein Gegensatz, sondern eine gleichzeitige Sache. Wenn ich mich selber nicht pflege, kann ich auch nicht andere Menschen unterstützen und ein_e Verbündete sein.
Deswegen habe ich so grosse Widerstände, wenn ich beim Thema Selbstfürsorge ein “check your privilege” zu hören kriege.
Vielleicht sollte ich das auch besser trennen können, das Reden über Selbstfürsorge und die Praxis der Selbstfürsorge an sich; aber wenn aus dem Diskutieren irgendwann praktische Konsequenzen gezogen werden, was wären denn die praktischen Konsequenzen aus der Selfcarekritik?
Also mache ich das (ist vielleicht auch totaler Quatsch) so, dass ich das Bewusstmachen von Privilegien als wichtigen Teil vom politischen Aktivismus sehe, aber nicht in meiner Selbstfürsorgepraxis haben will. Denn Selbstfürsorge = Empowerment und Privilegien-Awareness ist für mich absichtlich kein Empowerment, sondern soll vielmehr in der ungerechtfertigt zugestandenen Machtposition verunsichern und hinterfragen und Macht abgeben.

Selfcare und Pathologisierung
Ich habe mich mit dem Gesundheitsdiskurs nicht so befasst. Es gibt aber, das seh ich ein, problematische Teile dessen – wie Steinmädchen auf Identitätskritik in einigen Texten schrieb, dass Menschen darin in Gesund/Krank, Abweichend/”Normal” eingeteilt werden.
Ich habe mal über Gesundheit ein tolles Buch gelesen. (Rückblickend gesagt ist es halt 1970er Spiri-Feminismus, mit allem, was das mit sich bringt!) Es heisst “HeilWeise” von Susun Weed. Darin beschreibt sie 3 Paradigmen von Gesundheit/Medizin. Die Wissenschaftliche Tradition, die Heroische Tradition und die Tradition der Weisen Frau. Die wissenschaftliche Tradition ist quasi das, was wir als “Schulmedizin” kennen, die heroische Tradition ist das, was viele als “Alternativmedizin” kennen. Ja, right – Weed beschreitet einen dritten Weg jenseits von Schul- UND Alternativmedizin. Ich würde Weeds “Tradition der Weisen Frau” als Selbstfürsorge-Tradition begreifen. Sie beschreibt diese Art des Heilens als unspektakulär, alltäglich, unsichtbar und lustig/spassig.
Was ich spannend an ihrem Angang fand: Sie kommt völlig ohne Pathologisierung aus. Selbst der Tod kann ein “Heilungserfolg” sein. Sie beschreibt auch ganz treffend die Normierungen und Abweichungen der wissenschaftlichen Tradition: “vertrau auf die Laborwerte!” und die Schuld/Sühne Muster der heroischen Tradition: “Ich bin krank, weil ich mich falsch verhalten habe, ich muss gereinigt und bestraft werden.”
Die (Selbst)fürsorge”tradition der Weisen Frau” könnte man zusammenfassen unter “ernähren, bemuttern, trösten, unterstützen”. “Krankheiten” sind keine Probleme, sondern gehören selbstverständlich zum Leben dazu und zu jeder einzigartigen Person.

Mir sympathisch: Weed bezeichnet _ihre_ Tradition nicht als DAS Ding, was “gegen alles” hilft. (sie sieht ihre Tradition überhaupt nicht als eine, die “gegen etwas” ist, sie kämpft auch nicht “gegen Krankheiten” und sieht überhaupt nichts als “Krankheit” an.) Weed sagt, es kann Sinn machen, Heilmethoden der wissenschaftlichen und heroischen Traditionen zu verwenden oder sich deren Heilmethoden zu unterziehen. Hätte ich z.B. Krebs, wäre es mir lieb, wenn mir jemand/ein Arzt (wiss. Tradition) Laborwerte abnehmen könnte, um festzustellen, ob die Therapie angeschlagen hat. Was meinen Rückensport angeht, sehe ich auch, dass ich für das Vernachlässigen dieser Dinge “bestraft” werde mit “Krankheit”(heroische Trad.), dass ich mich nach “Regeln” verhalten kann (also, z.B. Yoga machen) und dann bleibe ich “gesund” (also schmerzfrei).
Trotzdem ist mir die “Tradition der Weisen Frau” am symphatischsten, weil sie überhaupt nicht pathologisiert und weil sie so “stinknormal” ist, dass sie gar nicht als “Heilen” wahrgenommen wird. Selbstfürsorge eben. Es ist hier leider nicht genug Platz, um das alles auszubreiten und klar zu machen, was sie meint.
Nicht/nie jemanden als “krank” zu bezeichnen, gelingt mir ehrlich gesagt auch nicht. Aber ich möchte zu einer Selbstfürsorge finden, die nicht pathologisiert, und die offensiv zu den fürsorglichen/nährenden/mütterlichen Qualtitäten steht, die die “Tradition der Weisen Frau” ausmachen. Ja, diese Dinge wurden abgewertet. Ja, Menschen, denen ein weibliches Geschlecht zugewiesen wurde, wurden in diese Rollen hineingezwungen. Gesteh ich zu. Aber ich verzichte trotzdem nicht darauf, sondern versuche gleichzeitig im Kopf zu behalten, dass kein Mensch in diese Verhaltensweisen hineingepresst werden darf. Ohne jedoch die Verhaltensweisen selber aus dem Fenster zu werfen, abzuwerten oder als nicht-anwendbar zu verurteilen.

Fazit
It’s my Selfcare, and I cry if I want to.

Tour de Fleece Day 4
Die letzte_ kehrt die Flusen weg.

Auch kurz zu #Waagnis

Bäumchen hat heute angesprochen, dass bei der Aktion #Waagnis (Frauen werfen ihre Waagen weg als symbolischen Akt der Befreiung von Körper-gewichts-zwängen) Race und Class gar nicht mitgedacht wurden. Die “Fat Acceptance” Texte die es dieses Jahr z.B. viel gab (und die auch mich sehr inspiriert und gefreut haben, danke an alle die vor #waagnis schon am Thema dran waren dafür ) wurden auch komplett aussen vor gelassen und auch dafür gab es wie ich fand berechtigte Kritik.

Ich stehe der Aktion auch mit gemischten Gefühlen gegenüber. Einerseits finde ich es toll, denn diese Bilder wie ein Körper aussehen soll, ziehen sich ja durch die Gesellschaft komplett durch und wirken sich halt auch im normalgewichtigen, weißen, bürgerlichen Wesen aus. Also ist es okay, wenn dieses sich von diesen Normen befreien will.

Andererseits. Es gibt, wie Bäumchen ansprach, dann wirklich dieses Problem dass auf dem Gebiet der Ernährung Theorien wie Religionen in die Leute reingedroschen werden, und gebildet sein ist da eine Waffe, mit der man sich gegen dieses Predigen und die Fremdbestimmtheit wehren kann, die aber nicht jeder Mensch nutzen kann.

Dann stand bei Schizoanalyse (Link auch über Bäumchen)  etwas über die Gemüsefresserei und darüber, dass bei der ganzen “gesunden Ernährung” ganz viel bürgerliche Normen mit reinspielen. Ein Zitat aus dem Text:

Ein Freund von mir, auch Unterschichtenkind, hat das ernsthaft gemacht. Mit viel Arbeit und Anstrengung ging er immer wieder in den Supermarkt und kaufte Gemüsesorten, von denen wir beide nicht wussten wie sie heißen und googelte die passenden Rezepte dazu. Schaute Kochsendungen, um zu sehen, was von dem jeweiligen Gemüse geschält werden muss, bzw was der essbare Teil davon ist.

Ich selber habe da andere Erfahrungen, denn ich glaube, es gab ja mal in den 70er oder 80er Jahren (Ich rede hier von Westdeutschland), als ich Kind war, so eine lebensmittelpolitische Wende. Die Industrialisierung der Nahrung. Vor dieser “Wende” war es billiger (und damit wahrscheinlich typisch working class) aus einzelnen Zutaten Essen zuzubereiten und Gemüse war auch billiger als Fleisch. Danach war es billiger, Dosenfrass und industriell aufbereitete “nahrungsähnliche Substanzen” zu essen, weil die Lebensmittelindustrie “billige Stärkeprodukte” aus Mais, Weizen und Soja und Fetten zu allerlei Produkten aufbereitete, die gut aussahen und schmeckten aber wo eben in industrieller Landwirtschaft und riesigen Monokulturen gewonnene “Energiepflanzen” die “kleinbäuerliche Produktion” schlicht vom Markt weg konkurrierten. Und frisches Gemüse wurde teurer. Und diese kleinbäuerlich hergestellten Gemüse und “guten” Rohstoffe nur noch denen erschwinglich waren, die die Zeit, das Geld und die Bildung hatten sich diese trotzdem noch zu beschaffen. Dazu kam, dass der industrialisierte Frass auch schneller ging und Menschen, die sowieso durch Armut und harte körperliche Arbeit sehr belastet waren, die Kocherei und mühseligste Repro-Arbeit wenigstens ein bischen leichter hatten. Der Nachteil: Es ist halt kein Essen, sondern Müll, der uns billig angedreht wird. Zum Teil schlicht Abfall. Schweine- und Fischpulver, was in den Suppentüten verklappt wird, und und und… Aber das ist ein anderes Thema. Vor dieser “industriellen Wende” in der Lebensmittelbranche war es bei Armen und Arbeiter_innen einfach wohl noch gang und gäbe, sich mehr selbst zu versorgen, viel Gemüse zu essen, alles selbst zu kochen, einzukochen, also schlicht all das zu tun, was die “grünen Hipster*” heute für sich entdeckt haben. Meine Mutter ist z.B. eine, die aus der Zeit vor dieser “Wende” kommt und eine entsprechende Ess- und Selbstversorgerkultur lebt.

Übrigens reclaimen einige working class People of Color in den USA ihre ökologischen/selbstversorgerischen Wurzeln, zwei Beispiele möchte ich hier verlinken, bei dem 2. Text bitte unbedingt auch die Kommentare lesen:

Wenn da übrigens “poor people” gegen “white people” gesetzt wird, ist das für mich mal wieder ein Zeichen wie race und class meistens verschränkt sind und daher ist das für mich auch logisch, dass es so formuliert steht.

Unterm Strich hat der weiße Mittelstand sich das Thema “gesunde Ernährung” angeeignet, und ich finde das cool und richtig, wenn sich PoC (Abkürzung für People of Color) und/oder Arbeiter_innen/Menschen die der Armutsklasse angehören, sich melden und sagen: Öööh, so nicht, wir haben das aus Kostengründen und um unabhängig zu sein schon lange gemacht – das ist eben kein weißes Mittelklasse-Thema!

Anderes Beispiel, die Selbstanbau-Bewegung, urbanes Gärtnern, Kleingärten – das haben Frauen  aus der Türkei und Kurdistan in dem Dorf, in dem ich aufgewachsen bin die ganze Zeit gemacht. Als die zu Wohlstand gekommene deutsche Gesellschaft ihre Nutzgärten längst zu Ziergärten umfunktioniert hatte. Dieses gärtnerische und selbstverorgerische Wissen, das sehe ich aktuell auch in der Gemeinschaftsgartenbewegung in Berlin, ist in der weißdeutschen Bevölkerung verkümmert und migrantische Menschen haben es bewahrt und teilen es jetzt wieder, bekommen dafür aber weniger Anerkennung, als ihnen gebührt (finde ich). Lang und breitestens wird über bestimmte Gärten in den Medien berichtet, und über andere, wo viele Gärtner_innen mit türkischen, kurdischen und arabischen Wurzeln sind, wird weniger berichtet, aha. Es kann ja sein, dass viele aus Gründen auch wenig Bock drauf haben, mit den Medien zu reden, aber es entsteht halt faktisch ne Schieflage, was die Repräsentation angeht.

Ich finde es ja gut, wenn weiße gebildete Frauen ihre Waagen wegschmeissen. Vielleicht kommt als nächster Schritt, sich damit zu befassen, was eine gesunde Ernährung ohne zu hungern und ohne Diät eigentlich ist. Vielleicht kommt danach mal das Thema Ökologie auf, und woher die Nahrung, die so gesund ist, eigentlich stammt und warum es immer weniger davon gibt und die so teuer geworden ist. Dann lesen wir weißen Ladies erstmal davon in Büchern von weißen Kerlen, wie Michael Pollan – ist ja auch ein guter Anfang, aber es wäre schön, wenn dann noch weitergedacht würde und global gedacht. Weltagrarbericht und La Via Campesina fallen mir ein. Das erste ist eine wissenschaftliche Studie die zu dem Schluss kam, dass die Welt zu großen Teilen von kleinen und Kleinstbäuer_innen ernährt wird, dass soziale Strukturen und vor allem die Stellung von Frauen in ihren Communities essentiell sind dafür, ob eine Gemeinschaft hungert oder nicht – und wie nicht die traditionellen Gemeinschaften selbst sich zerstören, sondern durch Kolonialismus und Postkoloniale Ausbeutung zerstört wurden und werden. Das Zweite ist eine Kleinbäuer_innen und Landlosenorganisation, die inzwischen ein weltweites Netzwerk gebildet hat.

Dann hängt nämlich das Entsorgen der Waage am einen Ende einer langen Fahnenstange, an dessen anderen Ende andere Themen stehen, an dessen anderen Ende z.B. auch die Refugee Aktivistinnen* (zum Gendersternchen hab ich in der Kopfzeile eine Erklärung wie das gemeint ist)  stehen, die heute ihr “Refugee Tribunal against Germany” beginnen, und auf dem gibt es eine Veranstaltung/Demo die betitelt ist mit “We are here because you destroy our countries”.

Nachdem ich das Thema jetzt erfolgreich derailt habe ;-) und wir von Waagen komplett weggekommen sind hin zu Kolonialismus und Kleinbäuer_innen, würde ich dann gerne noch ein Waagenbild posten: Es ist eine Bäckereiwaage. Sie steht für Handwerk und von Hand produziertes Essen, denn mit dieser Art von Waage kann man recht schnell von Hand Teig abwiegen. Sie steht hier auch mit für eine Nahrung, wie sie “früher”, also vor der industriellen Lebensmittelrevolution + Monsanto und wie sie alle heissen, “normal” war, und die jetzt vielen armen Menschen nicht mehr zur Verfügung steht.. weil Handarbeit teuer geworden ist.

Handarbeit, handwerkliche Produktion und kleinbäuerlicher Anbau sind aber menschlich und das ist für mich genau dieses andere Ende des Themas, dass diese Dinge allen Menschen zur Verfügung stehen müssen. Für das Recht, sich selbstbestimmt zu ernähren! Für Ernährungssouveränität.

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Kleiner Nachtrag: Ich habe gleich viel tolles Feedback bei Twitter und Facebook bekommen (danke!!) und dabei wurde auch angesprochen, dass die Entwicklung in der DDR bedingt durch die existierende Tauschwirtschaft usw. anders war, dass z.B. auch immer gegärtnert und selbstversorgt wurde und für manche diese “Agrarindustriewende” bzw. “Ernährungswende” erst nach dem Ende der DDR auffallend sich in deren Leben niederschlug. Ich kann aufgrund meiner beschränkten Erfahrung (und hier wieder ein Repräsentationsproblem) nur die “Wessisicht” wiedergeben und es tut mir leid, dass das nicht gleich mitgedacht und kenntlich gemacht war.