Tag 2 die zweite und Tag 3 aufbruch

IMG_6542Hallo vom  dritten Tag der Tour. Das hier ist alles mit Diktierfunktion geschrieben. Gestern habe ich ungefähr 75 km gemacht.  Es ging aber sehr gut. Ich hatte etwas Regen, etwas Gegenwind, ein paar Steigungen aber ansonsten war alles schick.

Ich habe ganz schön lang geschlafen. Trotzdem war ich um 8:30 Uhr auf der Straße. Am dritten Tag ging es ziemlich schnell Steilberg auf. Ich fuhr dann auf eine Hohenwaldstraße ein paar Dörfer weiter. Leider habe ich heute starken Gegenwind.

 

Als ob die  bergetappe nicht reicht.  Jetzt bin ich gleich in Rudolstadt.

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Hier bin ich gestern in den Landkreis Saalfeld Rudolstadt gekommen.

Am Abend am Zeltplatz. Ich habe noch eine Skizze gemacht und war an der Saale spazieren.

Heute Morgen war es sonnig, als ich Kaffee getrunken habe. Dann ging es gleich Berg auf und ich kam zum Schloss Weißenburg.

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Sommer im April, Teil 2

Das ist die Fortsetzung von meinem Radtour-Blogeintrag. 

Tag zwei begann um 7 Uhr, als mein Wecker klingelte. Ich dachte, wenn ich mich um 7 Uhr wecke, schaffe ich es, um 9 Uhr auf dem Rad zu sitzen. Der Plan war, von dem Landprojekt in der Nähe von Wittstock in den Bereich des S-Bahn-Netzes von Berlin zu radeln, was laut der Routenplanung von Outdooractive.com eine Strecke von 116 km bedeutet. Erfahrungsgemäss sind die real gefahrenen Strecken etwas länger, bislang hatten wir immer 5 km mehr drauf pro 50km, wenn ein Fahrradcomputer mitloggte. Deswegen schätzte ich mein Pensum auf 120km. Und das ist viel. Sowas habe ich noch nie geschafft.

Deswegen also früh los fahren, damit ich genügend Pausen machen kann und mindestens 10 Stunden Zeit habe, bevor es dunkel wird, um die Strecke zu fahren.

Das Zelt und das Fahrrad stehen im Schatten eines Hügels und allerlei Gestrüpp, auf einer taubedeckten Wiese. weiter hinten scheint schon die Sonne auf die Bäume.

Als ich aus dem Zelt kroch, war die Sonne schon aufgegangen. Nur das Zelt stand im Schatten, was der Trocknung des Stoffes nicht dienlich ist. In kühlen Frühlingsnächten entsteht nicht wenig Kondenswasser innen am Außenzelt. Das ganze Außenzelt hing auch etwas durch, diese leichten Zelte müssten eigentlich bei Feuchtigkeit nachgespannt werden, das hatte ich aber trotz nächtlichen Harndrangs versäumt. Aber schlimm war es nicht, nach innen kam keine Feuchtigkeit.

Als ich in die Gemeinschaftstküche stiefelte, war eine riesen Kanne Espresso und aufgeschäumte Milch schon da. Paradiesisch! Nach dem Kaffee baute ich das Zelt ab, und zog mit allem Krempel und dem Fahrrad zum Seeufer um, von dort konnte ich auch dann starten. Aber vorher wollte ich mir Hirse mit Schokolade und Bananen zum Frühstück kochen.

Die Feuerstelle am See ist gerade etwas unordentlich mit Zweigen und Laub bedeckt. Dort habe ich trotzdem meinen kleinen Holzkocher aufgestellt, es ist ein ALB Wood Stove, den ich mir im lokalen Outdoorladen gekauft hatte. Gerade kocht ein Topf Hirse.

Die Feuerstelle am See war voller Äste und Laub, ich wollte aber nicht die Grasdecke unnötig beschädigen und habe mir daher ein Plätzchen freigeräumt. Dort stellte ich dann meinen Holzkocher auf. Es ist ein fertig gekaufter von ALB, kein Eigenbau. Das Anzünden geht sehr einfach: kleine Zweige und Laub reinstecken, dann ein wenig Papier dazwischen und ein Feuerzeug dran halten. Danach kann der Topf oben drauf, und das Nachlegen ist etwas schwieriger: Ich hatte es früher so gehalten, dass ich Zweige so klein gebrochen habe, dass sie in die winzige Brennkammer passten. Dadurch verstopfte sich diese und der Abzugeffekt des Kochers konnte nicht mehr so gut wirken.

Jetzt steckte ich die Zweige einfach vorne rein, ließ sie aber rausgucken, und wenn sie abgebrannt waren, schob ich sie einfach nach. dadurch blieb der Brennraum immer schön luftig und alles verbrannte ohne Rückstände.

Solche Kocher wurden ursprünglich von den amerikanischen Hobos (Landarbeiter*innen ohne festen Wohnsitz, die oft auf Güterzügen übers Land trampten) aus Dosen gebaut, und es gibt auch Bauanleitungen dafür. Ich habe mir einige durchgelesen und mich dann dafür entschieden, ein fertiges Teil teuer zu kaufen. (Das war allerdings letztes Jahr, als ich nicht so hohe Rechnungen unvorhergesehen auf mich zukommen hatte. Heute hätte ich vielleicht einen gebaut.)

Ich kochte gleich genug Hirse für 2 Mahlzeiten, so konnte ich noch auf der Fahrt etwas davon essen. Mein Frühstücksrezept ist ziemlich einfach: Hirse in Salzwasser gar kochen, dann Zartbitter Schokolade darin schmelzen und nach belieben Nüsse, Rosinen und Obst dazu werfen. Für mich war es “nur” ne Banane, sehr lecker, das.

Die Kochaktion dauerte dann doch etwas länger, und bis ich wirklich los kam, war es 10 Uhr. Gut, also insgesamt 10 Stunden Zeit, um die 120km zu fahren. Ich hatte eigentlich geplant, wenn ich nicht mehr konnte, in den Zug umzusteigen, aber mein Kollege erklärte mir, dass gerade auf dem entscheidenden letzten Stück am Wochenende immer gebaut wird und es Ersatzverkehr in Bussen gibt. Na Prost, also alles oder nichts!

Der Wald zwischen Wittstock und Rheinsberg

Mir wurde auf der Rückfahrt klar, wieso ich gestern so mühsam das letzte Stück gestrampelt hatte. Es war die ganze Zeit bergauf gegangen, obwohl der Weg optisch nicht so aussah. Jetzt sah es auch nicht so aus, als würde es bergab gehen, aber ich flitzte nur so durch den Wald und musste öfter sogar bremsen. Das brachte mich allerdings auch gut voran. Im Flecken Zechlin kaufte ich mir ein Stück Pflaumenkuchen für später, und stieg direkt wieder aufs Fahrrad. Kurz vor Rheinsberg machte ich dann noch eine Pause, ich hatte 25km diesmal in 1,5 Stunden geschafft. Schon wieder Hunger! Diesmal gab es Stullen mit Auberginen-Aufstrich und frischem Löwenzahn vom Wegrand.

Radtour-Essen

sommer im april-radtour: Brandenburg - unendliche Weiten. (Flachland)

In Rheinsberg fuhr ich diesmal gar nicht in die Stadt rein, sondern bog gleich wieder ab in Richtung Zechow. Am Flüsschen Rhin entlang führt ein Weg durch den Wald (allerdings sieht man den Fluß nie, und der Weg ist relativ langweilig), der mit nur wenigen Baumwurzelschäden befallen war. Ich war bis Zippelsförde in Gedanken versunken und machte dort eine Pause, um zu sinnieren, ob ich wirklich über Neuruppin und Kremmen fahren konnte, oder ob ich lieber über Lindow nach Oranienburg fahren sollte, was ca. 20km kürzer war. Mich etwas tollkühn fühlend entschied ich mich dann für Neuruppin.

Was ich nicht wußte: Rhin heißen hier viele Flüsse, es ist anscheinend ein ganzes Flußsystem, das so heißt. Ich war dem Rheinsberger Rhin gefolgt, und überquerte dann schon bald den Fluß Lindower Rhin, der mir bei Neuruppin wieder begegnen sollte, und dem ich bis Altfriesack folgen sollte, dann wurde er zum Kremmener Rhin und verlor sich dann im Ruppiner Kanal, der zur Havel bei Oranienburg führt. Wasser ist schon was faszinierendes! Wahrscheinlich habe ich jetzt die Hälfte falsch, ich habe das nur so von der Karte abgelesen..

Im Wald bei Zechow

Von Zippelsförde geht es dann eine Weile leicht bergauf nach Krangen und weiter nach Molchow. Die Sträucher am Wegrand hatten letztes Jahr, als wir schon mal hier geradelt waren, noch geblüht, dieses Jahr war ich ein klein wenig zu spät. Die Blüten waren schon abgefallen. In Molchow war die Brücke über den Fluß noch immer gesperrt, aber auf dem Dorfplatz hing eine Information, dass es einen privaten, kostenlosen Ruderboot-Service gibt. Ich war hin- und hergerissen. Sollte ich das machen, vielleicht kostet das viel Wartezeit, oder soll ich einfach über Altruppin ausweichen, denn der Weg ist ja noch weit?

Ich entschloß mich, dort anzurufen, schon allein wegen des coolen Erlebnisses. Am anderen Ende meldete sich das “River-Cafe” und leider, sagte ein freundlicher Mann, hätten sie gerade so viel zu tun, dass sie keine Zeit hätten, mich rüberzurudern. Okay, macht nichts, dafür werde ich dann schneller nach Neuruppin kommen. Hinter mir kamen noch zwei Spaziergänger*innen an, die zum Rivercafe wollten, aber wegen der zerstörten Brücke nicht konnten. Sie versuchten es auch nochmal telefonisch, vielleicht wären sie für Kundschaft dann doch gefahren (und hätten mich zusätzlich mitgenommen) aber die beiden hatten kein Netz. Es ist wirklich komisch, wie schlecht die Mobilfunk-Abdeckung in Brandenburg ist. Ich dachte, O2 wäre so schlecht, und Vodafone etwas besser, aber hier hatte ich mal mit o2 Netz und die mit Vodafone keines.

Der alternative Weg über Altruppin lief problemlos, und ich kam an einem riesigen Gelände mit riesigen Wohnkasernen vorbei, von dem die Hälfte leer stand. Die andere Hälfte wird als Schule genutzt. Auf der Webseite des OSZ fand ich folgende Info:

Die heute genutzten Gebäude in der Alt Ruppiner Allee sind Teil eines großen Gebäudekomplexes, welcher in den Jahren 1935/36 für die deutsche Wehrmacht als Panzerkaserne erbaut wurde. Diese Bestimmung behielt er bis 1945.

Nach der Zerschlagung des Faschismus wurde der Komplex durch die Rote Armee bezogen und war für die Bevölkerung nicht zugänglich. Mit der Wende wurde neben der Schließung des Flugplatzes auch die Räumung der Panzerkasernen zügig betrieben. Erste Überlegungen, die Kasernen als Wohnraum umzuwidmen, scheiterten an der Architektur der Unterkünfte.

In Neuruppin angekommen, verfuhr ich mich ein wenig und musste erst mal wieder auf den Radweg finden. Am Ruppiner See machte ich eine Pause mit Essen und Mastodon checken, und um ein paar Tourfotos zu posten.

Nachdem ich früher meine Radtouren auf Instagram gepostet und von dort automatisch nach Twitter weitergeschickt hatte, bin ich jetzt komplett zu Mastodon umgeschwenkt. Das ist ein Open-Source dezentrales Social Media Netzwerk, das ähnlich wie Twitter ein “Mikroblogging Service” ist. Hier findet ihr ein kleines Youtube-Video, was Mastodon ist. Klar, die “Großen” wie Instagram, Twitter und Facebook ignorieren solche kleinen, “DIY” Projekte standhaft, deshalb gibt es auch keinen Instagram-Mastodon-Crossposter.

Wegen des in Brandenburg kaum vorhandenen mobilen Internets musste ich meine Updates in Städten wie Rheinsberg und Neuruppin machen. Meine “Pocket Friends” auf Mastodon haben mich so super angefeuert auf diesem 120km-Tag!

Zwischen Neuruppin und Wustrau geht es über eine einsame Straße an schönen Alleen entlang.

Das erste Dorf nach Neuruppin war Wustrau, wo es eigentlich viel Kultur zu sehen gibt, aber ich war um 15 Uhr erst die Hälfte der Strecke gefahren, deshalb hielt ich nicht an, sondern fuhr durch. Aber vorher noch schnell ein Foto von den Bärlauchkolonien am Dorfeingang geknipst. Hier handelt es sich eigentlich nicht um Bärlauch, sondern um “Queerlauch” (Allium paradoxum), der schmale Blätter hat, aber auch ganz gut schmeckt. Ich hätte mir jetzt welchen für die nächste Pause pflücken können, aber wollte wirklich den Flow nutzen, in dem ich gerade war.

Am Ortseingang von Wustrau riecht es sehr lecker nach Knoblauch. Der Grund sind die Bärlauchfelder, die den ganzen Waldboden bedecken.

Von Wustrau nach Altfriesack war es dann nur noch ein Katzensprung. Nichtsahnend fuhr ich durchs Dorf und erfreute mich an den malerischen Häusern und der Schleuse, und dann stellte ich fest: Ich hatte den Radweg irgendwo verloren. Auf die Karte geguckt: Ah, eine Abkürzung durch den Wald. Die nehme ich.

Ja. tolle Idee.

Wirklich gut.

Fantastisch hast du das gemacht.

Ganz klasse.

Brandenburg besteht nämlich aus Sand. Es gibt im Wald sogar Wanderdünen. Oder überhaupt Dünen. Es kann sein, dass sandige Wege zu knietiefen Sandflächen werden. Und ich hatte das Vergnügen, nachdem ich ca. 1,5 km auf einem halbwegs befahrbaren Sandweg verbracht hatte, mein Fahrrad ca. 300 Meter durch eine Sanddüne zu zerren. Leider bewegen sich die Räder in so einem Sand kaum noch, und du ziehst das Rad eher durch den Sand als dass du es schiebst. Ja. Herrlich!
Und ohne Scheiss: Ich kann den Sand sogar auf dem Sattelitenbild von Google Maps sehen.

Ach, ach, eine Sanddüne mitten im Wald

Als ich auf der anderen Seite ankam, traf ich zwei andere Menschen, die einen hoffentlich besseren Weg gekommen waren, aber die auch Schwierigkeiten mit den sandigen Wegen hatten. Da ich diese Strecke 2017 schon mal gefahren war (Dieses Teilstück jedoch erfolgreich verdrängt hatte), konnte ich sie beruhigen, es sei gleich vorbei. Sie atmeten auf und folgten mir zu dieser netten, gepflasterten Fahrradstraße:

Ich war bei der Dünen-Aktion ziemlich ins Schwitzen gekommen, und meine Wasserflaschen waren fast leer. Aber zum Glück gab es das schicke “Golf in Wall”. ich fuhr als einziges unmotorisiertes Fahrzeug auf dem Parkplatz vor, stellte mich frech direkt vor den Club und steuerte auf zwei Golfende zu, die ihre Schläger an einem Wasserbecken abwuschen. Ich fragte, ob man das Wasser am Becken auch trinken könnte, und sie wußten das nicht, aber sagten mir dafür, dass die Toilette gleich hinter der Eingangstür zum Clubhaus gelegen ist. Dann ging es aufgetankt weiter über die Dörfer.

Am Goldclub in Wall habe ich meine Wasserflaschen aufgefüllt.

Achja. Was rein geht, muss auch wieder raus. Ich bin inzwischen auf Radtouren so froh, dass ich eine Stehpinkel-Hilfe habe. Für Menschen, deren Harnröhre nicht gerade in einem Penis endet, super cool – denn es ist bei uns gesellschaftlich akzeptiert, dass Menschen im Stehen völlig öffentlich pinkeln. Andere Methoden gehören weniger an die Öffentlichkeit. Ganz schön sexistisch. Aber ja, das kleine Pinkelstöckchen aus Plastik macht’s möglich, dass ich zwischen den Dörfern knallhart am Gebüsch am Strassenrand mich erleichtern kann und noch nicht mal eine Stelle meines Körpers entblößen muß.

radtour 21./22.4.2018kurz vor Kremmen überquerte ich den Ruppiner Kanal, an dessen Ufern viele Weidenbäume stehen.

Als nächstes kam ich nach Kremmen. Am Marktplatz machte ich noch eine kleine Pause und aß Schokolade und die restliche Hirse auf. Jetzt war ich nahe an der 100km-Marke. Und ich fing an, es zu merken. Der Hintern tat ein wenig weh, und die Beine waren ein wenig müde. Aber es ging. Ich verließ Kremmen durchs historische Scheunenviertel, das wie wahrscheinlich jeden Sonntag mit schönem Wetter, ein Treffpunkt für Biker geworden war. Dann radelte ich ohne viele Vorkomnisse durch die Dörfer und irgendwann tauchte Hennigsdorf, mein Ziel, auf der Radwegbeschilderung auf.

sommer im april-radtour

Ich machte noch eine letzte Pause etwa 5km vor Hennigsdorf, und erreichte die S-Bahn gerade, als die Sonne unterging, irgendwie so um 19 Uhr irgendwas. Also ungefähr 9 Stunden für 120km. Ich war ganz schön müde, aber auch stolz auf mich.

Mein Fazit ist trotz allem: Mehr als 100km am Tag zu fahren ist nichts für mich. Ich fahre, wenn ich auch mal anhalten und Fotos machen möchte, oder auch mal etwas in dieses Internet schreiben will, einfach nicht schnell genug. Und den kompletten Tag mit dem Zurücklegen der Strecke zu verbringen ist nichts für mich. Ich mag in der Sonne liegen, mir unterwegs einen Kaffee selber kochen, abends ein schönes Essen kochen, in Ruhe das Zeltlager auf- und abbauen, unterwegs vielleicht was ansehen, Ausstellungen und Infotafeln lesen… das geht bei diesem Pensum einfach nicht.

Ich kann mir vorstellen, dass ich mit etwas Übung das auch ohne den Muskelkater danach schaffen könnte – sich das vorher gut einteilen und wie bei jeder längeren Strecke mit den Kräften haushalten kann ich offenbar – aber wozu sollte ich. Ich bin mit 60km am Tag ganz zufrieden!

Sonnenuntergang, mein Fahrrad in der S-Bahn

Ein freier Tag zuhause

Heute hätte ich einiges vorgehabt, aber nachdem die letzten paar Tage eher arbeitsreich waren, wollte ich den Morgen langsam angehen. Ich habe mir Kaffee mit meiner neuen Bialetti-Kaffeemaschine gekocht, die ich von einer Freundin zu treuen Händen geschenkt bekam – sie ist klasse!

Irgendwie vertrödelte ich dann den ganzen Morgen und frühen Nachmittag, ich wollte zu Globetrotter, einen Gutschein einlösen, ich wollte zu einem feministischen Sexshop und mir den mal anschauen (sämtliche Berlinbesuchende, die ich kenne, suchen den auf, und ich wohne hier und war noch nie drin..) ich wollte malen, Yoga machen, aufnehmen…

Stattdessen schaute ich Vlogs auf Youtube und stopfte meine Handschuhe. Ich habe mir vor Jahren Dreifingerhandschuhe gestrickt, die ich zum Radfahren im Winter benutze, und damit sie richtig warm sind, haben sie unter dem Gestrick noch ein Futter aus dünnem Fleece.

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Bild: So sahen die Handschuhe aus, als sie neu gestrickt waren

 

Ein Jahr später habe ich einen Handschuh verloren, und von dem grünen Garn (es war handgesponnen und handgefärbt von mir) war nichts mehr da. Also habe ich mir einen Handschuh aus einem völlig anderen Garn nachgemacht. Und fahre mit zwei verschiedenen Handschuhen herum, kein Problem!

Inzwischen haben sie schon viele Flickstellen, einfach von der Abnutzung, und das Futter musste ich auch nähen, da waren an einigen Stellen die Nähte aufgegangen.

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Ich stopfe meine Sachen gerne so, dass man das Verbesserte sieht. Ich finde es nämlich cool, sichtbare Ausbesserungen zu sehen.

Ansonsten habe ich einiges an meiner komplizierten Zopfsocke weitergestrickt, ein wenig Selfcareprogramm gemacht, etwas nicht soooo leckeres nach einer eigentlich gut klingenden Idee von dieser unsäglichen Chefkoch-Plattform gekocht, (leider auch Kommentare dazu gelesen.. aaargh dieser Lingo dort..) und widerwillig ein wenig Haushalt gemacht.

Aber das Beste ist: Morgen habe ich ja auch frei!

Juhu!

Schnödes Daily Geschwafel

Heute morgen war es wunderschön draußen. So sonnig! Meine Bude war in Wintersonne getaucht, ich konnte mich nur schwer aufraffen, zur Arbeit zu fahren.

Weil ich gerade alleine den Laden (zuhause) schmeiße, habe ich davor noch feststellen müssen, dass mein Mülleimer in der Küche ein biologischer Reaktor geworden ist, und Wärme und Dunst produziert. Klingt eklig, ist es auch. Im Alltag tragen wir den Müll regelmässig runter und es kommt gar nicht so weit, das Prozesse des Verrottens von Müll stattfinden, die dann aus dem Eimer ein kleines Kraftwerk machen. Aber weil ich selbst zu wenig Müll produziere, wird der Eimer ewig nicht voll und zack, Zustände wie im Kompostwerk! Less Waste hat auch so seine Tücken!

nach einem langen Tag ging ich auf dem Heimweg dann noch Aquarellblöcke für meinen Kunstkurs shoppen, und machte mir zuhause was zu Essen.

Die Katze ist außerdem nicht amüsiert davon, dass es lediglich Grünzeug gibt.

Warum kochst du so ein grünzeug?? #catsofinstagram #kadse #mastobubble #faserfriends

“Pfui! Nur Gemüse!”

Tagebuch: Ich lerne was über chronische Krankheiten

Blog-Reaktivierung die Hundertste bzw der Xte Versuch…

Ich habe viel zu tun und wenig Zeit, vieles hat sich nach Social Media verlagert, und das ist schade. Weil Bloggen dezentraler ist. Ich mag dezentrales eigentlich viel mehr als die “Riesen” wie Facebook, Google, Twitter und Co.

Deshalb bin ich auch fast nur noch auf Mastodon zu finden, eine Social Media Plattform, die dezentral ist und sich mit anderen dezentralen Open Source Plattformen wie Diaspora, Quitter und Socialhome vernetzen kann. Ich bin dort distelfliege @ witches.town und wer auf dieser queer-anarchistischen französisch gehosteten Instanz ebenfalls zuhause sein möchte, schaut mal hier nach: https://witches.town/

Auf Mastodon war es dann auch, dass mir ein Link reingereicht wurde zu einer Dokumentation über eine verbreitete, aber dafür relativ unbekannte chronische Krankheit: CFS/ME (Chronic Fatigue Syndrome/Myalgische Enzephalomyelitis). Die Dokumentation wurde von einer daran erkrankten Filmemacherin gedreht, und ganz viel davon hat sie aus dem Bett heraus gefilmt. Es ist ein spannender, politischer und sehr persönlicher Film und er heißt “Unrest”. Ich habe ihn mir für einen Euro auf einem  Mediendienst  ausgeliehen, im Januar wurde der Film auf Netflix gestreamed (ich weiß nicht, ob er dort noch läuft, wenn ja, und ihr das habt, gucken!) Die Webseite zum Film:

https://www.unrest.film/

Eine andere, seltenere chronische Krankheit, die mich seit einer Weile interessiert, weil ich selbst auf “dem Spektrum” bin, ist das Ehlers-Danlos-Syndrom. Das ist eine Bindegewebsstörung, die angeboren ist, und sich im Lauf der Zeit verschlimmert. Durch die eingeschränkte Funktion des Bindegewebes können die Gelenke überbeweglich sein, aber auch viele Organe betroffen sein, so vieles im Körper hängt vom Bindegewebe ab. Ich bin selbst hypermobil und erfülle oder erfüllte mal im Leben so ziemlich alle Punkte auf dieser Skala, die ermitteln soll, ob man hypermobil ist. (Dabei konnte ich dennoch nie einen Spagat machen ;)

Nicht alle Menschen, die hypermobil sind, bekommen dadurch Probleme, und nicht alle, die dadurch gesundheitliche Probleme haben, haben dadurch Ehlers-Danlos-Syndrom. Ich habe ein paar Probleme, die auf die Hypermobilität zurückgehen, zb viele Kniegelenksverletzungen, Arthrose, schnell überlastete Finger, Ellenbögen, Schultern (ich kann meine Schultergelenke auskugeln, wenn ich das möchte). Auch ein Schwachpunkt meines ehrenwerten Körpers ist die Verdauung, und das kann, so habe ich gelesen, mit der Hypermobilität zu tun haben.

Die hypermobile Form des Ehlers-Danlos-Syndrom ist allerdings am Ende des Spektrums von Hypermobilitätsproblemen, und Betroffene haben oft mit viel mehr zu tun als mit Arthrose und der Verdauung. Um mich über EDS zu informieren, habe ich mir ein paar Texte durchgelesen und auch Videos geschaut, und bin bei den Videotagebüchern von Christina Doherty hängen geblieben. Jetzt muss ich sie von vorne bis hinten durchgucken und fiebere immer mit, wie es ihr geht.. ihr Kanal auf Youtube ist hier:

Christina – Living with EDS auf Youtube

Ansonsten sind gerade die Ravellenics – die früheren “Knitting Olympics”   und ich versuche, in den zwei Wochen und paar Tagen, die das geht, eine Socke zu stricken. Ja, eine einzelne Socke. Sie hat ein Zopfmuster und viele Maschen, das dauert sehr sehr lang.

Außerdem mache ich ja dieses Jahr endlich wieder bei Lifebook mit, einem Online-Kunst-Kurs, und es macht mir großen Spaß.

#lifebook2018 hat heute wieder #quirkybirds im Gepäck!

Buchbinden: Das neue Hobby und ein paar nützliche Tutorials

Seit Anfang des Jahres habe ich ein neues Hobby. Buchbinden!
Ich fing sehr einfach an (hier ein Blogeintrag auf englisch zu meinem ersten Projekt) und dank etwas ausgefeilteren Youtube-Tutorials habe ich bald eine andere Methode verwendet und mich darin ein bischen geübt.

junk journal aus recycleten materialien mit einem einband aus einer Mehlverpackung

junk journal bild: ein selbst gebundenes notizbuch, das aufgefächert auf holzdielen steht.

Hier ist der Link zum Junk Journal Tutorial auf Youtube:
Junk Journal Tutorial Kyra Pace
Nach meinem ersten Junkjournal habe ich auf Twitter den Tip bekommen, mir die zwei Buchbinde-Tutorials von Victörtchen anzuschauen:
1. Victörtchen: Fadenbindung Grundtechnik und Buchbinden Teil 1
2. Victörtchen: Buchcover binden Anleitung

Mit dem Buchcover war ich nicht so zufrieden, oft wurden meine Bücher dann nicht so wie ich wollte. Bei Ryuu habe ich dann auf Instagram ein super selbstgebundenes Buch gesehen, und wurde auf weitere gute Tutorials verwiesen:
1. Sea Lemon DIY Bookbinding Methods and Stitches (ganze Playlist)
2. Case binding a hardcover book – dieses Tutorial habe ich benutzt und super Ergebnisse bekommen. Ich habe mit Papier und nicht mit Stoff bezogen.
3. DIY Text Block Tutorial auch das habe ich benutzt, es ist aber weitgehend identisch mit dem Tutorial von Victörtchen. Ich habe allerdings das mit dem Teppichmesser und dem schleifen am Ende nicht erfolgreich hinbekommen: Es wurde eher grauslig und ich verschnitt meine Textblöcke Stück für Stück.

Was ich daher stattdessen mache: Ich schneide jede Signatur am Ende gerade, bevor ich den Textblock binde. Das führt zwar auch zu keiner perfekten Kante, aber einer, die sich gut durchblättern lässt. Und das reicht mir schon. Denn wenn eine Signatur aus 4 Blättern zusammengelegt wird, ragen die innersten Blätter immer ein wenig weiter aus dem Textblock als die äussersten Blätter. Das, finde ich, erschwert schönes Blättern. Wenn die Blätter immerhin dann alle gleichlang geschnitten sind, geht es besser.

Das war es eigentlich schon, ich habe noch ein Buchbinde-Lernbuch von Jules bekommen, welches ich aber noch nicht so weit durchgelesen habe :)

buchbinden: ein gelb-grünes selbstgebundenes Notizbuch

Meine 1. Critical Mass und der alltägliche Motorismus

CN für den Artikel: Gewalt, Tod, Victim Blaming, Übergriffe..

Critical Mass Vancouver 2007-06
Critical Mass Vancouver, Foto CC-BY-2.0 by Tavis Ford

Critical Mass (Linkliste, englisch) (wikia, deutsch) ist eine Aktionsform, wo sich Radfahrende die Strasse für eine kurze Zeit erobern. Von einigen Leuten habe ich gehört: Hä, was ist daran cool oder politisch?

Daran ist cool und politisch, dass es wenigstens für kurze Zeit aufbegehrt gegen den ständigen Motorismus. (Dieses Wort habe ich mir für den Artikel hier überlegt, um einen Begriff für den Zustand zu haben, damit ich nicht jedes Mal eine lange Erklärung schreiben muss). Motorismus ist (für diesen Text jetzt mal) die Machtverteilung auf der Strasse, der Zustand, dass die Strassen zuerst dem Fortkommen von Autos und grösseren Kalibern dienen, und dass alle anderen, die die Strassen benutzen, Benutzer_innen zweiter Klasse sind. Wer zu Fuss unterwegs ist, bekommt das zwar auch zu spüren, aber so richtig zu spüren bekomme ich es, wenn ich als Radfahrerin auf der Strasse mit Motorisierten unterwegs bin.

Krakow Critical Mass, June 2009
Critical Mass Krakow, photo by bartek, CC BY-NC 2.0

Übergriffe, Respektlosigkeit und gedankenlose Gefährdung

Radwege und Radstreifen werden nicht respektiert. Darauf wird oft geparkt (auch von der Polizei) oder sie als zusätzliche Fahrspur zum rechts abbiegen genutzt. Wenn du gezwungenermassen das Hindernis umfährst, wirst du oft von Motorisierten angehupt, genötigt und gefährdet.
Überhaupt werde ich als Radfahrerin oft genötigt und bewusst eng überholt, um mir klar zu machen, dass ich “weg soll von der Strasse”, dass ich störe, im Weg bin, dass ihr schnelleres Fortkommen wichtiger ist als meine körperliche Unversehrtheit, meine Sicherheit und letztendlich auch mein Leben.
Wenn es doch mal knallt, habe ich oft erlebt, dass Motorisierte sich mehr um Kratzer im Lack kümmern als um Verletzte oder um Menschen, die einen Schock haben. Fahrer_innenflucht wird von manchen nicht mal als solche wahrgenommen, wenn niemand blutet oder bewusstlos ist, ist “ja nichts passiert”.
Ich bin auch zweimal als Radfahrerin körperlich angegriffen worden, um es mir “zu zeigen”, beide Male hatte ich großes Glück. Die Täter waren beide Male Betrunkene, deren Reaktionsfähigkeit zu sehr herabgesetzt war, so dass ich entkommen konnte. Der eine Angriff war eindeutig gegen mich als Radfahrende gerichtet, wegen dem Radfahren, weil die Art und Weise, wie und wo ich fuhr, denjenigen nicht gepasst hat. (Obwohl es sie in keiner Weise beeinträchtigt oder berührt hat) Das andere Mal weiß ich es nicht, aber es kann sein.
Insgesamt erlebe ich Street Harrassment sehr massiv – aufgrund des Radfahrens.

Ein richtiger Knaller war ein Erlebnis in einer Winternacht. Der Radweg war vereist, verschneit, saugefährlich und unbenutzbar. ich fuhr auf der dreispurigen Prenzlauer Allee in Berlin auf der rechten Spur, die geräumt, enteist und sicher war. Ein Autofahrer, der ganz alleine nachts um drei die Strasse ebenfalls benutzte, fuhr an mir vorbei und öffnete ein Fenster, um mich wütend anzuschreien, dass ich gefälligst den Radweg benutzen soll. Dieses Erlebnis war für mich echt nicht schön, weil der Kerl zwei völlig leere Spuren für sich allein hatte und sich kein bischen in mich hineingedacht hatte, was es für mich heisst, über Eiswege zu schliddern. Nein, die Strasse mit mir zu teilen, das ist eine Zumutung für ihn gewesen. Immerhin hat er mich nicht physisch angegriffen. Aber da fühle ich mich immer so ungerecht behandelt und so mißachtet, und werde frustriert und wütend. Und diese Leute fühlen sich im Recht. Und glauben, ich wäre diejenige, die sie ins Unrecht setzt. Nicht zu fassen, aber das kommt öfter vor.

(Hier ist übrigens eine gute Gelegenheit, zum Vergleich die Nichtbeachtung durch Leute zu Fuß anzusprechen. Ich erlebe es sehr oft, das Leute auf Radwegen herumlatschen, oder vor Radelnden einfach über die Strasse gehen, oder sonst halt so tun, als wären Fahrradfahrende Luft. Das mag ja ein wenig nerven. Aber es gefährdet mich nicht. Das Schlimmste, was mir passiert, ist, dass ich halt 5 Minuten später am Ziel bin. Hier kann ich selber sehen, wie es ist, wenn du als “Stärkere” auf der Straße von “Schwächeren” ausgebremst wirst. Das ist absolut kein Grund, die Schwächeren zu gefährden oder ihnen gegenüber aggressiv zu werden.)

Critical Mass - stop and go
Critical Mass in Berlin-Kreuzberg, Foto: Alper Çuğun, CC-BY-2.0

Das Nicht-darüber-reden-können

Und wenn ich mit Menschen, die nicht selber viel Rad fahren, darüber spreche, werden mir die Regelverstösse von Radelnden vorgehalten. (Victim Blaming wie es im Buch steht). Als ob ein Regelverstoss so schwer wiegt wie die Gefährdung von Menschenleben. Und apropos Regelverstoss: Ich nutze meist Radwege, Radstreifen und Fahrradstrassen. Ich habe viel mehr Berührung mit anderen Radfahrenden als Motorisierte. Und ja, sie nerven mich manchmal, fahren ohne Handzeichen, oder sind ungeübt. Aber ich hatte wegen ihnen noch nie Todesangst. Ich werde von ihnen nicht genötigt oder aggressiv behandelt. Ich fahre vorausschauend, und wenn dann eine Person doch mal unvorhergesehen und ohne Handzeichen abbiegt, bremse ich und fahre eben seufzend und kopfschüttelnd weiter. Aber wirklich: so schlimm ist das auch wieder nicht.
Wenn für die ganzen Gefahren und Angriffe uns Radelnden nicht die Schuld gegeben wird, gibts ganz oft Victim-Blaming “light”: Aber Radfahrende sind so unsichtbar! (Sind sie witzigerweise für mich nicht, ich kann sie sehen). “Sie tragen keinen Helm!” (Fast wie: Der Rock war zu kurz). “Auf einer so und so gebauten Strasse komme ich an Radfahrer_innen nicht vorbei, wenn ich sie nicht eng überholen kann” (Und? An einem anderen Auto erst recht nicht?) “Radfahrende nerven mich” (Ja, und wieder: nerven ist was anderes als Todesangst. Komm damit klar. Mich nervt der Gestank und das Platzwegnehmen von Autos auch extrem).

Dann kommen noch die Debatten unter Radfahrenden dazu, wie es “richtig gemacht wird”, also – wie ich richtig fahre, dass ich möglichst nicht umgekachelt werde, was ich anziehen soll, oder wie ich fahren soll, damit wir endlich zu unserem Recht kommen und respektiert werden. Manchmal verlieren andere Radelnde auch aus den Augen, dass nicht Alle von uns den Mut oder die Kraft haben, sich jeden Tag den Platz auf der Strasse zu erobern, Motorisierte zum korrekten Verhalten zu “erziehen” und sich ständig dafür noch anhupen und anschreien zu lassen. Auch wenn ihr was anderes richtiger findet: Wir müssen alle mit der Situation und dem täglichen Motorismus klar kommen, und es ist okay, sich z.B. für die Nutzung strassenferner Radwege zu entscheiden.

Critical Mass London 5/09
CM London 2009 – Foto: Nico, CC-BY-NC-2.0

Von der Obrigkeit: Ignoranz und beschissene Behandlung

Dazu kommt die Verwaltung und die strukturelle Lenkung des Radverkehrs. Wenn ich für jedes Schild “Radfahrer absteigen” 5 Euro hätte! Wenn Baustellen sind, werden Radstreifen einfach überbaut, oft ohne Lösungsmöglichkeit, wohin. Oder es werden Situationen so gebaut oder konstruiert, dass ich nur unter großer Selbstgefährdung weiterfahren kann, Radwege werden plötzlich auf stark befahrende Schnellstrassen “geschubst”, ohne dass für die Motorisierten Zeichen oder Warnungen aufgebaut werden. Du musst sehen, wo du bleibst. Oder ganz oft werden Radfahrende einfach auf Gehwege umgeleitet, im Extremfall auf sehr stark benutzte Gehwege. Soll ich einfach in die Leute reinbrettern? Wo soll ich denn hin? Ich soll einfach verschwinden. Auf der Strasse ist für mich von der Stadt kein Platz vorgesehen. Und ich möchte keine zu Fuß gehenden Menschen belästigen, die haben auch zu wenig Platz in der Stadt. Was soll das.
Radwege und Radstreifen werden oft nicht mitgeräumt im Winter, wenn Radrouten unterbrochen werden, gibt es keine Umleitungsschilder (das ändert sich gerade punktuell) und es gibt zu wenig öffentliche Aufklärungskampagnen, die die motorisierte Bevölkerung informieren, was für Regeln sie gegenüber Radfahrenden einhalten müssen. Auch zu wenig Kampagnen gegen Fahrer_innenflucht oder für mehr Bewusstsein für die Wucht, die ein Auto nun mal entwickelt, und dass damit verantwortungsvoller umgegangen werden muss. Oder Kampagnen, die bewusst machen, wofür das Hupen eigentlich gedacht ist.
In Zeitungen wird manchmal radfahrfeindlich berichtet: Die Eltern eines totgefahrenen jungen Mannes hingen einen Zeitungsartikel an die Laterne bei seinem Unfallort aus, auf dem stand “der Radfahrer fuhr ohne Licht”. Mit einem dicken Marker hatten die Eltern dazu geschrieben: “Es war um diese Zeit noch nicht dunkel!!” Oft dreht sich der Diskurs in den Medien, wenn es um Fahrradunfälle geht, darum, Radfahrende zu mehr Vorsicht zu erziehen. Helmpflicht und so. (Nix gegen Helmpflicht, aber der Diskurs ist halt sehr einseitig). Als weiteres Beispiel hat der ADFC davon geschrieben, dass rücksichtsloses Verhalten gegenüber Radfahrenden statistisch die meisten Unfälle verursacht, während Staatsorgane (Verkehrsminister, z.B.) Radfahrende als Problem darstellen, sie z.B. “verrohte Kampfradler” nennen oder – wieder mal – lediglich über Helmpflicht diskutieren.

Das Auto als kulturelles Symbol

Das hier zu beschreiben, würde völlig die Grenzen sprengen. Aber es ginge hier einfach noch weiter, mit dem Stellenwert, den “das Auto” in der Gesellschaft hat, wie das “den Führerschein machen” zum “normalen Lebensweg” in diesem Land dazugehört, wie Autos Statussymbole sind und benutzt werden, um Menschen einzuschüchtern, zu beeindrucken, Gewalt gegen andere Menschen auszuüben, wie die Gesellschaft tausende von Unfalltoten jährlich schlicht als Normalität hinnimmt und damit lebt, und was das eigentlich alles über uns und Autos aussagt.
Hier müsste auch geredet werden über die verinnerlichte Höherwertung von Autos, egal, ob wir selber (gerade) Auto fahren oder nicht. Und auch über die Konnotation von Radfahren als “Kindersache” (also, bevor mensch alt genug für den Führerschein ist), als “Hobby” oder als “kein richtiges fahren”. Letzteres zeigt sich sowohl darin, dass Radwege nicht wie Strassen behandelt werden, und darin, dass z.B. Betrunkene das Auto zwar stehen lassen, aber Radfahren tun sie dann sehr wohl noch.

Critical Mass Gent-juni 2015-24
Critical Mass – Gent (Belgien) 2015, Foto: Frank Furter, CC-BY-NC-ND-2.0

Es ist ja nicht alles schlecht

Ja, sicher, es gibt auch soviel Gutes. Die meisten Motorisierten fahren rücksichtsvoll. Ich kann auch mit einigen Menschen über das Radfahren reden, ohne dass sie mit Victim Blaming und Bagatellisierungen ankommen. Und zunehmend kriegt die Stadt es auch hin, grade bei neu konzipierten Strassen, Radfahrende besser einzuplanen und es für Alle sicherer zu machen. Leider seh ich keine Veränderung/Hoffnungen bei der Behandlung des Radfahrens durch Medien, und auch das Auto als Status- und sonstiges Symbol hat einfach diesen Stellenwert. Der nicht so leicht ins Wanken gerät.

Aber obwohl die Mehrheit sich okay verhält: Die paar, die es nicht tun, und das mangelnde Bewußtsein für diese Situation, und die wahrnehmbare öffentliche Ignoranz und das Wegsehen sind noch stark genug, um manchmal ganz schön genervt und gefrustet zu sein, vor allem, wenn du dir selber durch jahrelange Erfahrungen und Beschäftigung mit dem Thema ein Bewußtsein dafür geschaffen hast.
In diesem Aufruf der Kampfradler_innen ist eigentlich das meiste, was ich geschrieben habe, schon mal super gesagt worden. Und da schließe ich mich klar der Forderung an, dass schwächere im Verkehr berücksichtigt werden müssen. Das heisst für Radfahrende: Alle, die zu Fuß, mit dem Rollstuhl, Kinderwägen etc. unterwegs sind. Für Platz-da-Verhalten gegenüber Fußgänger_innen hab ich kein Verständnis!

Ein paar Worte zu den “bööösen Radler_innen”

Wie schon anklang: Auch Radler_innen sind manchmal nervig und manche sind leider gegen Schwächere rücksichtslos.
Da entsteht bei mir Scham und Ärger, aber auch der Gedanke, dass es “DIE Radfahrer_innen” eigentlich nicht gibt, und trotzdem das Verhalten jedes Arschlochs auf zwei Rädern auf ALLE von uns zurückfällt.
Radfahrer_innen können die oben genannten Besoffenen sein, die das Auto stehen lassen, aber denken, mit dem Rad wärs ja kein Problem, herumzufahren. Es können rücksichtslose Autofahrer_innen sein, die den Führerschein verloren haben und nun Rad fahren müssen, die Rücksichtslosigkeit ist dann ja nicht einfach weg. Statt Unmotorisierte terrorisieren sie dann halt die noch weniger “berittenen” Leute. Es können auch einfach Ungeübte sein, leider gibt es gesellschaftlich als Folge der “Minderwertigkeit” des Radfahrens auch keine Ansprüche und die Auffassung, du setzt dich aufs Rad und machst halt irgendwie los. Und das tun Leute dann eben auch.

Ich fuhr einmal früh morgens im Berufsverkehr Rad. Zu dieser Zeit sind die Betrunkenen, Touris und Unerfahrenen einfach nicht auf der Strasse. Was ich erlebte, war: Viele Leute nutzen das Rad. Die allermeisten tragen Helme. Sie fahren zügig, umsichtig und geben Zeichen. Es ist für mich eine richtige Freude, mit ihnen unterwegs zu sein.

Fahrradfahren ernst nehmen und zu respektieren bedeutet für mich auch, es als etwas zu behandeln, was du lernen musst, und was mit Wissen und Regeln und Rücksichtnahme verbunden sein muss. Und eben nicht als sinnloses Freizeitvergnügen, wo alle machen, was sie wollen.

Es muss aber auch gesehen werden, dass auch geübte und rücksichtsvolle Radfahrende die Regeln oft brechen müssen, wenn sie überhaupt auf der Strasse existieren wollen. Eben weil die Stadt/die Verwaltung sie schlicht “wegdenkt” oder in unmögliche Richtungen umlenkt, oder einfach ein “Radfahrer absteigen” Schild hinnagelt. Manchmal finde ich es sicherer für mich und Fußgänger_innen, über bestimmte rote Ampeln zu fahren, aber das darf ich ja nicht offen sagen, und tun schon gar nicht.

Critical Mass September 2011 16
CM Magdeburg (Sachsen-Anhalt), Foto: Zeitfixierer, CC-BY-SA 2.0

Also: Critical Mass

Also, dann mal endlich zur Critical Mass.
Ich war auf meiner ersten Critical Mass!
Juhu!
Es war kalt, es war dunkel, es war November, aber geil!
Um 20:00 Uhr trafen sich alle auf dem Mariannenplatz in Berlin Kreuzberg, und irgendwann fuhren die ersten los und die ganze Sache kam in Bewegung. Ich hatte ausser auf ADFC Sternfahrten, nie an Raddemos oder Aktionen teilgenommen. Die CM ist, im Unterschied zu Demos, keine angemeldete Veranstaltung und es gibt auch keine Ordner_innen oder Veranstalter_innen, es ist ein Flashmob.
Das “Rowdy-Radel-Narrativ” steckt in mir selber ja auch etwas drin, so dass ich soooo begeistert war, als ich erlebte, wie glatt und gut es funktionierte, in einer Gruppe mit mehreren hundert Leuten radzufahren. Wir waren ja nicht nur langsam. Alle um mich herum fuhren so umsichtig und einfach sehr, sehr schön. Es war das Gefühl, dahinzufliegen (bei guter Musik). Die Strasse war unser.
An Kreuzungen fanden sich immer welche, die sich vor die Autos als Schutzspalier aufbauten, damit keiner einfach in die Gruppe reinbrettern kann.
Wir waren auch eine richtig schöne Lightshow. Viele hatten ihre Räder geschmückt und sich verkleidet, tolle Eigenbau-Räder waren da…

Was ich schade finde, ist, dass die Critical Mass und die Radfahrbewegung sehr weiß und sehr männlich ist, einfach von den Mehrheitsverhältnissen her. Während ich auf der Strasse täglich erlebe, dass Räder mehrheitlich von weniger Privilegierten benutzt werden: PoC, Frauen, Kinder.
Wenn ich überlege, warum das so ist, denke ich, dass Radfahren als “Lifestyle” statt als Notwendigkeit eher ein weiße-Männer-Ding ist. Die nicht so privilegierten Radler_innen haben vielleicht auch viel weniger Zeit, um aus dem Radfahren politischen Aktivismus zu machen. Die Fahrradfreakszene schreckt Leute mit billigen, alten Rädern oder mit dem City-Bike vom Aldi ab, und beim Fahrradschrauben triffst du oft auf sexistische Klischees. Und dann ist natürlich die alltägliche Dominanz weißer Menschen, die von Männern, die von Wohlhabenden und Kinderlosen auch in der Fahrradbewegung sichtbar und spürbar.

Ich möchte eigentlich nicht zwischen Feminismus und Fahrradbewegung wählen, wenn ich auf eine CM gehe. Ich möchte nicht meinen feministischen oder rassismuskritischen Blick abschalten, wenn ich auf der CM bin. Es tut aber auch weh, dass in den feministischen Kreisen in sozialen Netzwerken die Situation von Radfahrer_innen so wenig ein Thema ist. Dass mir in feministischen Kreisen das selbe Victim Blaming, die selbe Bagatellisierung und das selbe Wegsehen wie sonst auch entgegenkommt.

Das ist doch krass, oder?

Von den Mehrheitsverhältnissen abgesehen habe ich die CM aber nicht sexistisch oder anderweitig scheisse erlebt. Für die Dauer der Aktion oder wenigstens die 10km, die ich mitfuhr, bevor ich mich auf den Heimweg machte. Ich habe sie so erlebt, dass diese gegenseitige Rücksichtnahme, das gegenseitige Empowerment und die Freude, dass wir uns durch unser Viele-Sein diese Fahrt ermöglichen, sehr überwiegt.
Ich fühlte mich so gut und frei auf der Strasse. Nicht machtlos, herumgeschubst und beschimpft.

Das war sicher nicht meine letzte CM!

critical mass
CM Berlin Juni 2015, Foto: gitti la mar, CC-BY-NC-ND-2.0

Ich bin nix für Ungut. (Coming-Out für Heten)

Dieser Text ist eine Momentaufnahme aus einem sich noch im Fluss befindenden Prozess. Der inzwischen weitergegangen ist. In diesem Text springe ich hin und her zwischen meiner Gender Identität, meiner Sexualität, meiner sexuellen Orientierung, queerer Verortung und dem sicher und gar nicht sicher sein, was eigentlich los ist. Eigentlich sollte der Text anfänglich zum Thema “queere Heten” sein und ich wollte darin klar kriegen, was will ich, was bin ich eigentlich als Hetera, die mit Heteronormativität, heteronormativen Beziehungen, heteronormativer Sexualität, und heteronormativen Geschlechterrollen sehr wenig und mit queeren Theorien, queeren Infragestellungen und queerem Leben von Uneindeutigkeiten und Ausprobieren von Alternativen sehr viel anfangen kann. Dann kam ich durch Podcasts, Gespräche, und Austausch auf Twitter dazu, mehr den Finger drauf legen zu können, was “mit mir ist”. Weil Selbstfindungsprozesse während man der Lohnarbeit nachgeht, aber schwierig sind, wird dieser Text immer älter und älter, während ich mit Schlafnachholen, Haushalt und liegengebliebenen To Do’s beschäftigt bin – also mach ich mal einen Anlauf, ihn vielleicht doch in seiner Unfertigkeit und Nicht-Einfachheit raus zu hauen.

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Ende der 90er Jahre saß ich mit einer lesbischen Mitstudentin lässig auf einem Bordstein in Berlin und wir redeten davon, dass wir es toll finden, braungebrannt und muskulös zu sein. Vor allem muskulös.

Seit ich von zuhause ausgezogen bin, habe ich den Anspruch gehabt, mein Fahrrad selbst reparieren zu können. (Mein Tip: Werft das “Einfälle statt Abfälle – Fahrrad reparieren” – Heft weg! Werft! Es! Weit! Weg!!) Auch wenn ich nicht so weit gekommen bin: Ich führe Fahrradwerkzeug mit und habe kettenölverschmierte Hände. In Fahrradgeschäften wirke ich, als könne ich mir selber helfen – was offenbar mit einer maskulinen Genderperformance einhergeht. Ich bin die Person, der die Mechaniker_innen sagen, wo der Kompressor steht und der freundlich das Werkzeug in die Hand gedrückt wird. Wenn es doch mal vorkam (in einer Zeit, als ich femininer aussah) dass mir nichts zugetraut wurde und mir mein Fahrrad helfend und nett gemeint aus der Hand genommen worden ist, stieg in mir immer große Wut auf.

Ich bin nah am Wasser gebaut und mir kommen sehr schnell die Tränen – was etwas ist, das ich ganz ganz schwer akzeptieren und lieben kann. (Es bleibt mir eh nix anderes übrig.) Ich fühle mich davon immer zurückgeworfen auf einen Platz, wo ich schwach und hilfsbedürftig wirke, etwas, was ich nicht bin und nicht sein will. Ich weine möglichst “wie ein Mann” – so mit runterlaufenden Tränen, aber ansonsten voller Ignoremodus – bitte mit ja keinem Zittern in der Stimme.

<– Insert irgendein beliebiges Kindheits-Tomboy Narrativ here –>

Mein ganzes Leben lang fühlte ich mich von heterosexuellen femininen Rollenvorstellungen nicht nur eingeschränkt, sondern auch als Mensch abgewertet. Hübsch sein. Gefallen wollen und gefällig sein. Beschützt werden wollen. Kinder haben wollen. Einen Mann glücklich machen. Gut im Bett sein. Schmerzende Schuhe und unpraktische Kleidung, Haltung bewahren, nicht zu viel essen, nicht zu laut lachen, die biologische Uhr ticken hören.  Horror.

Es ist aber nicht nur der Wunsch, dem Sexismus durch Verweigern der weiblichen Rollenklischees ein Schnippchen zu schlagen. Zumal das eh nicht klappt. Als maskuline Frau erlebe ich andere Dinge als früher, als ich zumindest eindeutig als Frau gelesen wurde, aber ich erlebe längst kein männliches Privileg. Zwar wird mir nicht ins Mäntelchen geholfen (oder eine andere mir entmündigend erscheindene Behandlung), aber es wird mir dafür ganz oft irgendein Erlebnis oder eine Agenda  unterstellt, die zu meiner Entscheidung, nicht feminin zu sein, geführt haben muss/was ich damit erreichen möchte. Oder es wird mir eine Meinung, eine sexuelle Orientierung oder Geschlechtsidentität unterstellt und das Ganze dann mehr oder weniger mit Toleranz behandelt.

Demnach ist es für mich so, dass maskulin sein/androgyn sein keinen Ausstieg aus dem sexistischen System ermöglicht. Es erlebt sich dann nur anders. Ich würde auch nicht sagen, dass das der Grund ist, wieso ich mich auf eine bestimmte Art und Weise ausdrücke (oder Gender performe). Ich bin nicht eine maskuline Frau, weil ich dann weniger Sexismus erlebe. Ich drücke mich so aus, weil ich mich selbst dann als zu mir selbst passend/stimmig/echt empfinde, wenn ich androgyn wirke. Ich mag Androgynität sehr. Ich finde maskuline Frauen* und feminine/queermaskuline Männer* sowie alle möglichen maskulinen Trans*menschen attraktiv und schön. Und ich empfinde mich selber als richtig und schön, wenn ich androgyn bin. Vielleicht würde ich sagen, ich fühle mich von queeren Maskulinitäten angezogen und ich identifiziere mich als eine Person, die gut mit queerer Maskulinität resoniert. Das und andere Dinge, die ich, weil ich nicht Single bin, nicht berechtigt bin, öffentlich zu diskutieren, würden mich lose ins Girlfag-Spektrum plazieren. (Link: Uli Meyer – “Almost Homosexual” – Schwule Frauen/ Schwule Transgender (GirlFags/Trans*Fags))

Ich identifiziere mich aber nicht als Agender/Genderqueer/Androgyn/Non-Binary. Ich identifiziere mich als Frau*.

In dem Text Why I’m still a Butch Lesbian  schreibt Lea DeLaria:

Not only do I dislike feeling pretty and prefer arguing to nurturing, I don’t even particularly like eating chocolate. Popular culture, and women themselves, often imply that I lack many of the most essential qualities of womanhood.

“die gesellschaftliche Kultur, auch Frauen selbst, geben mir oft zu verstehen, dass mir viele der grundlegendsten Qualitäten von Weiblichkeit fehlen”. This: Es ist nicht mein Problem, wenn ihr mich als Mann/männlich lest. Ich hab damit kein Problem. Ich habe aber auch kein Problem damit, mich als Frau zu identifizieren.

In our culture, the impulse to distance oneself from negatives associated with women and femininity is endemic. When we insult men, we do it by comparing them to women. When we compare women to men, we’re generally praising them. In fact, I’ve probably known more straight, cis-gendered women who’ve bragged about how they’re “one of the guys” than I’ve known lesbians.

Übersetzung: “In unserer Kultur ist der Impuls endemisch, sich von dem Negativen zu distanzieren, dass mit Frauen* und Feminität verbunden wird. Wenn wir Männer* beleidigen, geschieht das, indem wir sie mit Frauen* vergleichen. Wenn wir Frauen mit Männern vergleichen, dann üblicherweise um ihnen Anerkennung zu zollen. Tatsächlich habe ich wohl mehr heterosexuelle Cis-Frauen* getroffen, die damit angaben, “wie die Kerle” zu sein, als ich Lesben getroffen habe.”

Aus diesen Gründen bemühe ich mich aktiv darum, andere Frauen* und Feminität – auch wenn ich selbst einen anderen Genderausdruck habe als traditionelle Feminität – zu respektieren und mich eben nicht von ihnen abzugrenzen. Ja, ich habe das früher getan. Denn ich erleb(t)e Feminität als etwas, was mir ständig gegen meinen Willen aufgenötigt wurde, etwas, was mir alternativlos als Vorbild präsentiert wurde, etwas, das ich eben nicht bin und das mich eben nicht repräsentiert. Das war schmerzhaft und dagegen habe ich mich abgegrenzt, abgelehnt, rumgetrotzt – als es aktuell war.

Inzwischen bin ich 40 Jahre alt geworden, und spätestens in weiteren 10-15 Jahren wird mein Umfeld seine restlichen Erwartungen, dass ich noch einen Brutinstinkt entwickle, aufgeben müssen. Möglicherweise krieg ich das Unfruchtbarsein noch dieses Jahr schwarz auf weiß. Ich lebe langzeitmonogam mit einem Mann zusammen (nächstes Jahr 20 Jahre) und dadurch, daß meine Heterobeziehung länger hält als die meisten Heterobeziehungen, die ich kenne, führen sich Ratschläge, wie der Mann zu “halten” sei und dass ich so schliesslich keine Beziehung führen könnte, auch langsam selbst ad absurdum. Da hab ich also auch so langsam meine Ruhe.

Ich will solidarisch sein mit femininen Frauen*, ich will aktiv Feminität respektieren und aufwerten. Ich muss nicht mehr dagegen aufbegehren und kann inzwischen sehen, dass nicht Feminitäten es sind, die unterdrückend wirken, sondern nur deren Durchprügeln als Norm für Alle.

In queeren und/oder lesbischen Kulturen findet inzwischen ein sehr wünschenswertes Femme-Empowerment statt. Das macht im Kontext von Femme-Feindlichkeit und subkulturellen Normen, die maskulinere Weiblichkeiten als etwas normaleres setzen, auch viel Sinn. Aber auch bei heterosexuellen Feministinnen* ist es längst nicht so, dass es eine Latzhosen-Norm gäbe, und Feminität ist viel öfter anzutreffen, und wird auch, jedenfalls meiner Wahrnehmung nach, nicht mehr fälschlich als Symbol von Unterdrückung abgelehnt. Ich begrüsse das alles sehr!

Daran merke ich aber auch, dass mein Wunsch, Androgyn zu sein, eigentlich nichts mit dem Wunsch, der Abwertung zu entkommen, zu tun hat. Feminität bei Frauen* ist für mich nach wie vor einfach nichts, was mich anzieht, was mich sehr interessiert und was ich an mir selber haben möchte. Also auch jetzt nicht, wo es Empowerment und positive Beispiele für feminines Frau* sein in meinem Umfeld gibt. (Ich mag mal der Einfachheit halber female-to-femme aussen vor lassen, weil ich darüber auch noch zu wenig weiß, sorry).

Und was mich nachdenklich macht und auch stört: Es gibt nicht wirklich eine empowerende Selbstbezeichnung für Heteras, deren Genderperformance von der weiblichen heterosexuellen Norm dermassen abweicht. Dieses “endlich einen Namen haben für das, was eins die ganze Zeit erlebt” kenne ich in dieser Hinsicht nicht. (Nicht mehr; siehe das PS am Ende des Textes) Am ehesten fand ich mich in feministischen Vorbildern, und da wirklich in dieser “Latzhosen-Emanze” wieder. Aber die – es gibt sie inzwischen anscheinend gar nicht mehr. Vielleicht gab es sie gar nie, vielleicht war das immer ein Klischeebild, was als Abschreckung für “normale Frauen*” von den Medien geschaffen wurde. Fällt aus.

Es gibt auch Probleme damit, dieses Abweichen einfach unter dem Queer-Begriff mitlaufen zu lassen – obwohl es sicherlich laut einigen Definitionen völlig legitim wäre. Trotzdem ist für viele “queer” eben mit “nicht Hetero sein” verbunden, und wenn Queer für Heten überhaupt  geöffnet wird, dann lediglich für Heten, deren sexuelles Begehren oder deren Sexualität von der Norm abweicht (BDSM, Polyamorie, usw.) und nicht für Heten, die eine monogame Vanillesexualität leben. (Bei Licht betrachtet ist meine Sexualität nicht typisch heterosexuell, ich dachte immer, jegliche Sexualität zwischen Frauen* und Männern* sei zwangsläufig heterosexuell, und dachte halt, ich/wir hätten da halt “unser privates heterosexuelles Ding” gefunden – aber in dieser Ausgabe der Queerulantin über Girlfags und Guydykes (PDF Link) sprechen schwule Frauen z.B. davon, wie sie nicht heterosexuell begehrt werden wollen und nicht “als Frau” Sex haben wollen. Und da klingelt es ganz gewaltig bei mir.)

Also ja: ich bin halt die Hete. Punkt. Scheiss drauf, dass ich und mein Freund auf der Strasse für zwei schwule Männer gehalten werden. Egal, ob ich mich in der gängigen Definition von Cisgender nicht repräsentiert sehe, genauso wenig in der von Trans* oder Genderqueer. Dass ich mehrmals die Woche nicht als das Geschlecht gelesen werde, als das ich mich identifiziere.  Weil ich mich weigere, mich so zu geben, wie es die Gesellschaft Frauen* zugesteht. Wenn ich mit anderen Heteras rede und ich gefragt werde, wie wir verhüten, und ich ich überlege, nicht zu sagen, dass wir nicht verhüten, weil wir nichts praktizieren, was Verhütung erforderlich macht.

In meinem Lehrbetrieb nannte mich jemand – obwohl ich damals lange Haare trug – immer “Franz”, und ein anderer Kollege kommentierte quartalsmässig “She’s like men”, in meinem Meisterkurs tauschten die anderen Anwärter, während ich daneben saß, ihre Youporn-Links aus,  weil sie vergaßen, dass sie nicht in einer Männerrunde waren, und ich fühlte mich bei alledem zwar ein bischen befremdet, aber irgendwie auch stimmig.

Im Frühling/Sommer 2014 habe ich mich in meinem queeren Freundeskreis darüber mehrmals ausgetauscht, ob und wie es eigentlich einen Platz gibt für Menschen wie mich in der queeren Szene, ohne dass ich “nur Gasthete” bin. (Nicht, dass es damit ein Problem gäbe, wenn ich “nur Gasthete” wäre! Dazu später noch was.) Wir haben über unsere Annahmen und die Annahmen anderer geredet, z.B. weil einige auch Bi sind und mit Mann und Kindern in einer Kleinfamilie leben und deshalb inzwischen als “typische Hete” gelesen werden. Da ging es darum, wo eins hingehören kann und welche Vorurteile es in der queeren Szene so gibt. Diese Gespräche waren alle sehr gut, fand ich. Leider ergaben sie für mich immer erst mal so ein: “Ja, die anderen hatten immerhin schon mal homosexuelle Beziehungen und/oder sind wenigstens Poly. Du bist  eine untypische Hete, aber untypisch sind viele Menschen irgendwie. Du bist unterm Strich eine Hete.”

Nicht falsch verstehen: Ich steh gern dazu Hete zu sein. Ich steh auch dazu, Cis zu sein. Warum sollte ich meine diesbezüglichen Privilegien, die ich ja habe, verleugnen wollen? Bin für Awareness echt zu haben. Es ist nun mal Fakt, dass ich mit meiner Hetenbeziehung in normative Bilder passe, dass ich mich nicht überall erklären muss… Privilegien, ganz klar. Aber da sind diese Erfahrungen, da ist diese Orientierung, da ist dieses Selbstbild. Ich hätte halt einfach gerne einen Austausch dazu mit Menschen, denen es ähnlich geht.

Als ich dann vor kurzem mal öffentlich anfing, über queere Heten, das nirgends-reinpassen, und die Suche nach Begriffen twitterte, erlebte ich viel berechtigte Ängste, dass Heten sich Queerness und Selbstbezeichnungen von LGBT* aneignen könnten. Am Ende wurde über mich von einer Person in einigen Nonmentions hergezogen: als Diskriminierungsneiderin, Enthetungswünsche hegend und ich sei Trans*misogyn.

Meine Fresse, natürlich halte ich mich nicht für queer, weil ich mir die Haare kurz gemacht habe! Genau so wenig würde ich mich für eine Person of Color halten, weil meine Haut schnell bräunt und ich keine dt. Staatsbürgerschaft habe. OMG. oO

Ich halte mich für queer, weil ich gendermässig anders präsentiere als es das System von hetero-binär vorsieht, weil ich die Regeln dieses Systems nicht befolgen kann ohne mich die ganze Zeit zu verbiegen, weil meine Heterobeziehung und die darin stattfindende Sexualität fast komplett neu erarbeitet werden musste, weil ich mit den traditionellen heterosexuellen Gepflogenheiten nicht “kann”, weil das, was ich bei mir selbst in Punkto Gender/Sexualität vorfinde, als krank und behandlungsbedürftig galt oder noch gilt, (ich hab mich vor 20 Jahren dagegen entschieden, mich deshalb therapieren zu lassen), weil ich den Kram nicht erfinde um irgendwie besonders zu sein, sondern ich versuche meine Wege zu finden, in einem System das mir halt auch aufgezwungen wird, wie vielen anderen Menschen auch.

Ich muss nur eben Begriffe suchen für das, was ich bin/wie ich mich verorte. Und das ist schwierig.

Ich bin demisexuell, das ist eine Abstufung von Asexualität, die irgendwo zwischen Sexualität und Asexualität liegt. Es bedeutet, ich fühle mich zu Menschen hingezogen, zu denen vorher schon eine innige freundschaftliche Beziehung besteht. Neulich hatte ich mit einer Freundin* über heterosexuelle Männlichkeiten gechattet und dass hegemoniale Männlichkeitsnormen innige Freundschaften eigentlich ausschließen, und das einzige, was “erlaubt” ist, ist sowas wie eine sich ständig neu voneinander distanzierende Kumpanei. Alles Andere würde zu viel Nähe bedeuten. Als demisexuelle Person bedeutet das für mich, dass sich bei mir  Begehren, wenn schon, dann auf Männer* ausrichtet, die oft dadurch zu “Verrätern” an der herkömmlichen Männerrolle werden, dass sie Wärme und Nähe nach aussen zeigen, dass sie tiefer gehende Freundschaften eingehen und sich dafür auch nicht schämen. Die offen schwul sind und daher nicht die heterosexuelle Distanzkumpanei praktizieren müssen, oder heterosexuelle/bisexuelle Männer, die für schwul gehalten werden, genau weil sie an dem Punkt aus ihrer Rolle herausfallen.

Das ist ein Problem, weil ich schwule Männer* nicht nerven will, indem ich sie als Hete anschmachte, und ich verbrachte manche Freundschaften als Teenager damit, mir das bitteschön aktiv zu verkneifen. Und es ist dann wieder ein Glücksfall, denn es bringt mich mit “Genderrollen-Verrätern” zusammen, für die es weniger ein Skandal ist, wenn ausser diesem noch andere Rollenvorgaben unterlaufen werden.

Was mir als demisexueller Person eher fehlt, ist diese Begeisterung für Begehren und begehrt werden, ich finde z.B. manche schwule Subkulturen oft ziemlich sexualisiert, und das ist schon ein Faktor, wo ich denke: “Ich, Girlfag, never!” Mir geht ja manchmal schon das Ganze Begehren/Orientierungs/Sexualitäts-Gewichte in der Queerszene auf den Geist. Weil ich mit meinem Langzeitmonogamismus halt nicht mehr am Suchen bin. Es hat sich ausgesucht. (So die Göttin will. Ich kann die Zukunft natürlich nicht kennen.)

Bei Heterosexuellen, die sich mit queeren Themen noch gar nicht beschäftigt haben, ist es dann wieder so, wenn wir über Identifikation, Sexualität und Selbstfindung reden würden: Genausogut könnte ich mit Leuten von einem anderen Planeten reden. Ich mache es meistens gar nicht erst.

(…)

Hier könnte jetzt noch einiges stehen, aber ich mach hier mal einen Punkt und komme zum Ende, weil der ganze Text so unsortiert und unvollständig sein soll und darf, wie dieser ganze Nachdenk- und Orientierungsprozess ist und sein darf.

Ich will diesen Text trotzdem nicht schreiben ohne meine femininen (also hier, was gesellschaftlich als feminin zählt; irgendein Wort muss ich halt verwenden) Seiten hervorzukehren, weil ich es für maskuline/schwule Frauen* völlig okay finde, feminine Seiten zu haben. Genauso wie niemand darüber zu befinden hat, ob Grrrls/feminine Feministinnen oder Femmes Dinge mögen oder tun, die männlich konnotiert sind. So here goes: Ich stehe auf Körperpflegeprodukte (obwohl ich mich, ohne z.B. eine Gesichtsoperation oder Hautkrankheit überdecken zu wollen, nie schminken würde), mache gerne Asanas (körperliche Yoga-Übungen) was ja angeblich so ein Frauending sein soll, Handarbeiten, koche gerne, weine schnell, trage auch mal Röcke, habe einen weiblichen Habitus (wobei – hm… keine Ahnung??) und vieeeeeeeles mehr. Weil: Eine Androgynität/Maskulinität, bei der ich dieses ständig sich abgrenzende, ja kein bischen Sissyhafte, ja nicht feminine, einhalten muss, wäre für mich nämlich auch nichts wert. Ich bin nicht darauf aus, ein Mackerarschloch zu sein und dieses Konkurrenz/Schwanzvergleichsding ist mir viel zu anstrengend.

Also bin ich irgendwie, irgendwo auf dem Kontinuum schwule Frau*, maskuline halbqueere Hete, irgendwo so, verortet, oder halt auch nicht. Ich habe da noch viel nachzulesen und bin eigentlich ganz froh, diesen Text zu schreiben – weil ich mir nicht im Nachhinein alles so hinreden will, dass ich “besser reinpasse”. Ich will mir Worte aneignen, die bezeichnen was ich bin. Ich will nicht, dass Worte bestimmen sollen, womit ich konform zu gehen habe.

So, Bittschön. Das war mein Coming out als Nichts. Nichts für Ungut.

PS 1: Inzwischen ist es nicht mehr “Nichts”. Inzwischen klärt sich, dass ich mich eben irgendwo in die Richtung Girlfag/schwule Frau* verorten kann/werde/will. Als ich anfing mit dem Text, war das noch nicht so. Die Ereignisse, die sich dieses Jahr seit Wochen/Monaten entwickeln, überschlagen sich in dem Moment, wo ein Durchbruch zu Anderen stattfindet, die Ähnliches beschreiben wie ich das erlebe. Und dieser Moment war genau während der Entstehung des Textes. Ich lasse das “Nichts” noch stehen, aber es ist erkennbar, dass es veraltet und überholt ist.

PS 2: Zu „ALMOST HOMOSEXUAL“ – Schwule Frauen/ Schwule Transgender (GirlFags/Trans*Fags) von Uli Meyer – http://www.liminalis.de/artikel/Liminalis2007_meyer.pdf. Ich habe den in den Text schon reinverlinkt, aber erst nach Fertigstellung des meisten Textes hier gelesen. Ich möchte den Artikel sehr empfehlen, weil er super spannend ist und generell eine Menge über den ganzen Genderkram zu sagen hat.

DANKE an diejenigen, die den Text vorweg gelesen und Feedback dazu gegeben haben! <3 <3