Das Schwierige mit den Dreadlocks von Weißen

(Notiz zum Inhalt) kommt zur Sprache: Gewalt + rassistische Verbrechen gg. die Menschheit. Was ich in dem Text zum Teil sage, schreiben Schwarze, People of Color und solidarische Weiße seit Jahrzehnten. Ich schreibe es also nicht, weil es neu ist, sondern weil ich ein winziger Teil der kritischen Masse sein will, die bewirkt, dass endlich zugehört wird. Auch der Text hier ist schon etwas länger im Entwurfe-Ordner gewesen, und jetzt ist der Zeitpunkt, ihn zu veröffentlichen, grade günstig, weil Ella und Jasna eine Diskussion über kulturelle Aneignung angestossen haben – ein sehr lesenswerter Text, da es auf deutsch einfach noch viel zu wenig zum Thema gibt: Kulturelle Aneignung und Alltagsrassismus im Fasching: warum ich meinen Kindern keine Indianerkostüme nähe.

Ich habe das Gefühl, wir müssen hierüber noch ganz viel reden. Ich habe den Eindruck, es gibt jetzt ein paar weiße Linke, die aus Gründen des Respekts vor der Geschichte von Dreadlocks aufhören, diese selber zu Tragen, aber dass gleichzeitig die meisten anderen weißen Linken/Alternativen darüber überhaupt nicht nachdenken.

Gleichzeitig fordern Gruppen von People of color, dass Weiße mit Dreadlocks (ich beschränke mich hier mal auf Dreads) aufhören, solche zu tragen und machen bekannt, dass das kulturelle Aneignung ist, wenn Weiße Dreads tragen. Aber, mein Eindruck, diese Gruppen sind klein und die weißen Linken sind viel mehr und im Großen und Ganzen halten die meisten Leute es nicht für nötig, sich irgendwie nach den Forderungen von ein paar wenigen Leuten zu richten. Vielleicht ist das so diese “Mehrheitsträgheit”, es gibt keine kritische Masse, die die allgemeine Sichtweise der Mehrheit zum kippen bringt, und deswegen schlunzt die Mehrheit behäbig auf dem Stand herum, den es halt grade gibt.

Gleichzeitig gibt es mega-unterschiedliche Wissensstände, die, glaub ich jedenfalls, dazu beitragen. Gerade in Deutschland sind bestimmte Dinge nicht gelaufen. Zum Beispiel gibt es ganz wenig Bildung der Mehrheitsbevölkerung über die Kolonialgeschichte, und zum anderen gibt es wenig Bildung über Maafa als etwas, das uns in Deutschland, als Europäer_innen, etwas angeht, was auch _unsere_ Geschichte ist und unsere Verantwortung. Es gibt ganz wenig Bewusstsein dafür, dass Maafa etwas ist, was durch Globalisierung und Kapitalismus fortgesetzt wird.

Wie oft hört mensch: “Das ist doch heute kein Thema mehr”. “Deutschland hatte eh kaum Kolonien”. “Das ist doch nur eine Sache, die in den USA Bedeutung hat”.

Ich weiß nicht, ob mehr Wissen über diese Geschichte und ihre Bedeutung für die heutigen politischen und wirtschaftlichen Machtverhältnisse helfen würde, sich als weiße Person über Dinge bewusster zu werden. Für mich persönlich ist es auf jeden Fall so ein Prozeß. Vor einigen Jahren habe ich selbst noch mein Haar in verfilzten Strähnen getragen. Ich liebte den Style sehr und mochte mich damit sehr, sehr, sehr. Umso schmerzlicher war das, als ich anfing, mitzukriegen, dass Dreads bei Weißen uncool sind, und auch darüber las, warum. Das sah ich alles ein und habe mich doch eine Weile lang nicht davon getrennt. Ich hab es verdrängt, mich mit mit Ausreden beruhigt (z.B. Schwarze Freund_innen, die meine Frisur cool fanden), und ich habe es prima ausgesessen – weiße Privilegien at play. … Zumindest kam ich in einen Zustand von Dissonanz, von Widersprüchlichkeit, von Unbequemlichkeit. Ich bin ganz froh, dass ich hier wenigstens die Widersprüchlichkeit beseitigt habe:  Inzwischen sind die Filzzöpfe ab und es lässt mich verschämt zusammenzucken, wenn Weiße sich Dreadlocks filzen und das feiern.

Also, Privilegien: Ich glaube nicht, dass allein Wissen und Sensibilisierung dazu führen wird, dass Weiße sich von ihren Filzhaaren verabschieden. Weil wir halt das Privileg haben, drauf zu pfeifen. Wahrscheinlich macht’s irgendwann nur der gute alte Gruppendruck, oder anders ausgedrückt: Es wird out und du machst dich zum Gespött, wenn du es immer noch nicht kapiert hast.

(In diesem Abschnitt gehts explizit und graphisch um das, was versklavten Menschen von Europäer_innen angetan wurde)

Es gibt einen Haufen gute Gründe, wieso sich die meisten Weißen das Tragen von Dreads klemmen sollten. In dem oben verlinkten Text über Dreadlocks und kulturelle Aneignung steht zum Beispiel, dass die verschleppten afrikanischen Menschen, als sie von den Schiffen heruntergezerrt wurden, verfilzte Haare hatten, die voller Blut, Exkremente, Urin und Schmutz waren, und dass dies von den Weißen “dreadful” genannt wurde (schrecklich) und die Locken “Dreadlocks”. Das ist schon eine Geschichte, die einem etwas Ehrfurcht gebieten sollte! Es gibt auch Gründe aus der jüngeren Geschichte, dass z.B. die Rastafaris diese Frisur als Empowerment trugen und als Zeichen des Widerstands, und dass das Tragen der Frisur als reines Modeaccessoire ihre politische Bedeutung verwäscht. Oder daß das weiße Privileg, die ganze Welt und alle darin befindlichen Kulturen als Selbstbedienungsladen benutzen zu können, einen Umgang erfordert, der überlegt und verantwortungsvoll und respektvoll ist. Und wenn schlicht genügend Schwarze sagen, sie hätten es gern, wenn Weiße das Tragen von Dreadlocks lassen würden, dann wäre es überlegt, verantwortungsvoll und respektvoll, es sein zu lassen.

*Pling* Hier ist er also, mein Standpunkt:

Trage keine Dreads, wenn du weiß bist, es sei denn, du hast dich sehr eingehend mit deren Geschichte, Black Power, Rastafarianismus, Critical Whiteness und Schwarzer Kritik daran beschäftigt. Hint: Ich kenne keine weiße Person, die danach mit lustiger Leichtigkeit noch ihre Filzlocken spazieren trug.

P.S. Liebe Grüsse aus der Welt der Widersprüche: Vieles, was ich tue, und viele Dinge, die ich benutze, sind nur deshalb für mich zugänglich oder nutzbar, weil sie durch gewaltsame Aneignung hierher kamen. Selbst wenn etwas nicht gewaltsam angeeignet wurde, sondern in einem freien Austausch in den Westen gebracht wurde, wie z.B. das moderne Yoga, wird die Art und Weise, wie Yoga heute gelehrt wird und wer darin repräsentiert wird, durch Strukturen von Aneignung und weißen Privilegien geformt. Mit der Zeit ist aus dem Yoga, was in den Westen vermittelt wurde, ein abgelöstes Konstrukt geworden, welches die Deutungshoheit über das, was Yoga ist, beansprucht und alle anderen Stimmen überdeckt.   Es gibt aus diesen Strukturen kein Entkommen, und ich bin davon keineswegs frei und kann auch nie davon frei sein. Die Kritik an kultureller Aneignung ist keine Kritik an kulturellem Austausch. Ich bejahe kulturellen Austausch sehr. Trotzdem wird jeder kulturelle Austausch, wo Menschen die Augen vor Privilegien und Machtstrukturen verschliessen, zwangsläufig von diesen Strukturen beeinflusst werden. Deshalb ist mir ein Bewusstsein dafür wichtig.

Zum Yoga machen habe ich hier schon mal etwas geschrieben. Ich zucke auch jedesmal verschämt zusammen, wenn ich von meiner eigenen Yogapraxis rede, weil ich mir bewusst bin, was ich damit für Repräsentationen verstärke und was damit wieder überdeckt wird, aber dafür habe ich keine wirkliche Lösung gefunden. Ich kann auch nicht jedesmal einen Riesendisclaimer machen, wie reflektiert ich versuche zu sein. Es bleibt kompliziert.

Ich danke fürs Lesen und bin offen für Kommentare. Bitte kein Derailing.

Zur Schreibweise:

Ich habe hier eine Schreibweise aus dem Buch “Dies.: Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland” (Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (2009)) verwendet.
Ich schreibe “Schwarz” immer groß, um auf Schwarzes Empowerment hinzuweisen. Weiße benötigen kein Empowerment, weil sie eh schon privilegiert sind in unserer Gesellschaft, aber das Wort “weiß” wird auch hervorgehoben, und zwar durch kursive Buchstaben: Das dient dazu, klar zu machen, dass “Schwarz” und “weiß” keine natürlichen Verschiedenheiten bei Menschen sind, sondern rassistische gesellschaftliche Konstruktionen. Aus politischen Gründen werden also diese Begriffe benutzt, nicht, weil ich glaube, es gäbe tatsächlich “Rassen”.
(Vgl.: Maureen Maisha Eggers, Grada Kilomba, Peggy Piesche, Susan Arndt (2009): Konzeptionelle Überlegungen, in: Dies.: Mythen, Masken und Subjekte. Kritische Weißseinsforschung in Deutschland)
nen besseren Disclaimer zur Schreibweise gibts bei Laufmoos, hier:
http://laufmoos.de/?p=86

Nochmal die Links aus dem Text gesammelt: (Plus einen, auf den ich durch Diskussionen aufmerksam gemacht wurde. Dafür danke Nadi)


Why It Isn’t “Just Hair” Hair for So Many Black Women.

Kulturelle Aneignung und Alltagsrassismus im Fasching: warum ich meinen Kindern keine Indianerkostüme nähe.
Story Time: Dreadlocks and Cultural Appropriation
Maafa
Refugee Tribunal against Germany
Schwarze Widerstandssymbole auf weißen Köpfen
Die Politik Schwarzer Haare
Schwarzrund: Plüschsofa und Beton
Wurzelfrau – Haare, Menschliche Grenzen und Mixed People
Lichterkarussell: Wider dem weißen Wursthaar-Wahn
Dread Drama – Note-a-bear
“but the CELTS wore dreadlocks/tattoos/body mods!!!11!!1” – DYSAETHESIA AETHIOPICA

Aktuell, aus der Oscar-Nacht:

“Die Dreadlocks von Zendaya Coleman riechen nach Patschuli oder Weed”

30 thoughts on “Das Schwierige mit den Dreadlocks von Weißen

  1. Danke für den Artikel. Ich finde das Thema der kulturellen Aneignung unglaublich schwierig, so ganz allgemein, weil dabei in meinem Gefühl die Interessen von verschiedenen Nicht-Weißen aufeinanderstoßen. Grundsätzlich finde ich es richtig und wichtig, eben auf die Betroffenen zu hören – aber die sind keine homogene Gruppe.

    Du führst als Beispiel Yoga an – ich selbst habe eine ganze Weile lang Capoeira gemacht, das ist finde ich auch ein gutes Beispiel. Capoeira wurde in Brasilien von afrikanischen Sklaven entwickelt, u.A. weil das Kämpfen verboten war und sie es als Tanz ausgeben konnten. Capoeira ist etwas grundlegend Brasilianisches, Schwarzes. Es ist aus dem Widerstand gegen Sklaverei und Unterdrückung entstanden.

    Nun sind der Großteil aller Capoeira-Meister eben gebürtige Brasilianer und es gibt gefühlt einen sehr großen Respekt davor; Menschen fliegen von Europa nach Brasilien, um dort mehr Capoeira zu lernen und mit der dortigen Bevölkerung zu spielen (der Akt mit jemand anderem Capoeira zu machen, bezeichnet man als Spiel). Es ist auch selbstverständlich, dass Meister die für Events nach Europa kommen auf portugiesisch angesprochen werden, ab einem bestimmten Grad ist das lernen der Sprache absolut unerlässlich. Beim Spiel in der Gemeinschaft wird immer musiziert und es werden Lieder gesungen – natürlich auch alle portugiesisch. Alles in allem will ich ausdrücken: Capoeira ist deutlich weniger “verwestelt” als der Trendsport Yoga, nach persönlicher Erfahrung würde ich sagen sogar deutlich weniger als auf Tradition und Respekt beruhende Kampfsporte wie Kendo.

    Und obwohl das alles so ist, gibt es nun natürlich auch diejenigen brasilianischen Capoeiristas, die es total daneben finden, dass irgendjemand außer den Nachkommen der Sklaven (bzw. außerhalb einfach der Brasilianer) Capoeira macht – insbesondere europäische Weiße als ehemalige Unterdrücker! Und nun stehen sich Interessen der Brasilianer sehr diametral gegenüber: die einen wollen nämlich, dass sich das, wofür sie brennen, auf der Welt weiterverbreitet. Die Meister machen von Beruf her nix anderes und die mit denen ich gesprochen habe freuen sich sehr über die Möglichkeiten die Welt zu bereisen, “ihr” Ding weiterzugeben und dabei eben ihren Broterwerb zu haben (was weniger gut funktionieren würde, wenn sie nur in Brasilien lehren würden).

    Ich weiß nicht, wie anwendbar das Beispiel auf Dreadlocks ist – aber ich habe doch Bauchschmerzen, die Interessen dieser in beiden Fällen eklatanten Minderheit hier automatisch über die derjenigen zu stellen, die sich eine Weiterverbreitung ihrer Kultur wünschen. Ich denke das “wie” ist hier auf jeden Fall ganz entscheidend – zuletzt ging über Twitter irgendein Bild einer irgendwie christlich umbenannten Yoga-Art, damit das auch alles schön koscher ist. DAS geht definitiv zu weit, keine Frage. Aber was ist z.B. mit Krav Maga – was sich bei ganz vielen verschiedenen Kulturen und deren Kampfsport bedient hat, die Wurzeln in Muay Thai, Jujutsu und deren Kultur und Tradition vollkommen ausblendet? Ich weiß darauf keine Antwort; das eckt an ganz zentrale Fragen über kulturelle Urheberschaft an. Ich will nur sagen: ich finde das verdammt kompliziert, und ich habe bestimmt viele Dinge noch nicht verstanden. Aber ich bin skeptisch, ob das alles wirklich so superuncool sein muss, wenn diejenigen denen diese Kultur “gehört” zu einem Großteil der Meinung sind, dass sie diese durchaus mit Weißen teilen möchten/das okay finden.

    • Hallo Natanji, vielen Dank.

      Ich weiss so kaum etwas über Capoeira und fand das sehr spannend zu lesen.
      Bei Yoga, Capoeira, asiatischem Kampfsport oder auch Jazzmusik oder überhaupt Popmusik, und vielem anderen, handelt es sich um lernbare Traditionen. Das macht für mich einen Unterschied z.B. zu Dreadlocks, oder zu Punkerfrisuren, Federkopfschmuck, Bindis und Anderem, die durch Aneignung weiße Popkulturaccessoires, bzw. weiße Subkultur-Accessoires geworden sind, eigentlich nur Schmuck, oberflächlich und äusserlich. Da fällt es natürlich viel leichter, zu sagen: “Es ist eh nur äusserlich und oberflächlicher Schmuck für dich, für Andere/Marginalisierte bedeuten diese Dinge etwas, also lasst es als Privilegierte einfach.”

      Beim Yoga gehts mir ähnlich wie dir mit dem Capoeira, ich finde das viel komplizierter und ein einfaches “Weiße, Finger weg!” seh ich nicht als die Lösung an. Es sind ehrwürdige Traditionen und da gehen die Meinungen auseinander. Ich stelle genau wie du, ungern automatisch eine Meinung über eine andere. Beim Yoga gab und gibt es ja auch indische Lehrende, die die weltweite Verbreitung von Yoga befürworten, mit dem Argument, Yoga sei nun mal religions-, geschlechts- und klassenunabhängig. Ich weiß nicht viel über das “uralte Yoga”, aber habe mich eingelesen über das moderne Yoga, und auch den “Vater des modernen Yoga”, Krishnamacharya. Das war ein Gelehrter, der von den 1920er Jahren an wirkte, und dieser hat Yoga so gelehrt. An Männer*, an Frauen*, verschiedener Religionen und gesellschaftlicher Stellung. (Was anscheinend im Kundalini-Yoga gar nicht so ist, welches der “Gründer” stark mit seiner Religion, dem Sikhismus, verknüpft hat.) Auch nach Krishnamacharya wurde Yoga von Inder_innen weitergegeben an verschiedene, auch westliche, Schüler_innen.

      Da, wie auch bei z.B. Jazzmusik oder anderen “weitergegebenen Traditionen” ist für mich der Weg nicht, wegzubleiben, weil es eine andere Kultur ist, sondern ich frag mich da, ob es möglich ist, so respektvoll wie möglich dabei zu sein und ob es möglich ist, z.B. Yoga zu dekolonisieren, ob es möglich ist, dass Weiße das lernen und ausüben ohne der Tradition zu schaden. Beim Yoga ist teilweise der Schaden schon da, inzwischen dominieren Weiße das Bild des Yoga. Und trotzdem wäre der Weg da “Dekolonisieren” statt Trennen, es gibt auch entsprechende Initiativen von Brown People, wo ich auch einfach als Weiße etwas zurücktreten und diese Forderungen und die Arbeit unterstützen kann.
      Capoeira müsste mensch wahrscheinlich (noch) nicht dekolonisieren, weil es gar nicht so “weißgewaschen” ist, wie Yoga. Da wärs eher so “weitermachen, aber aufmerksam sein und sich nach der afrobrasilianischen Community richten”.
      Da habe ich auch ein Beispiel von der Native American Association of Germany (NAAoG), über das Tanzen in trad. Gewändern durch Weiße auf ihren PowWows. Eine ganze Weile lang haben sie das gelehrt und auch gestattet, aber als es eine europäische PowWow-Bewegung gab, wo Weiße das ausschließlich taten und wo überhaupt keine Native Americans mehr anwesend waren, und wo das immer mehr überhand nahm, hat die NAAoG aufgehört, Weißen auf ihren PowWows dies zu gestatten. Einfach wegen Repräsentationsproblemen. Sie sagten “Hört mal, wir wissen, ihr habt Respekt und habt das ordentlich gelernt, ihr könnt mit den rituellen Gewändern und Gegenständen umgehen, aber leider müsst ihr jetzt ne Weile drauf verzichten”. Hier der Link: http://www.naaog.de/statements.html (runterscrollen zu “The NAAoG takes a stand – Only Native Americans will dance in regalia at NAAoG events”

      Manchmal gibts auch kein “richtig” oder “falsch”, das du so abgelöst von der konkreten Situation festmachen kannst, und kulturelle Aneignungs-Trends, wie z.B. diese Hobby-PowWows, zwingen dann alle dazu, darauf mit strikteren Regeln zu reagieren, die vorher eigentlich niemand wollte.
      Das könnte dem Capoeira irgendwann passieren, aber hoffen wollen wir es natürlich nicht!

      Ich hoffe, dass dieser Diskussionsbeitrag nun nicht zu konfus war.

      Nachtrag: Ich fand heute einen neuen Text, der sich genau damit befasst: http://www.decolonizingyoga.com/decolonize-yoga-practice/

  2. Anscheinend ist in asiatischen Kulturen (höre ich aus der wunderbaren Welt der Wirtschaft, wo man ja ein gewisses Problem mit Produktpiraterie hat) die Kopie und die Imitation nicht nur notwendig und völlig akzeptiert (der Schüler lernt zuerst nur durch das Kopieren und Imitieren des Meisters), sondern ein großes Zeichen von Respekt. Man würde ja nichts kopieren, das minderwertig ist oder schlecht funktioniert.
    Hier gilt Kopie und Imitation als viel problematischer, s. Urheberrecht, s. das Ideal des Genies, das aus sich selbst heraus das völlig Neue schafft und das Alte zur Seite wirft.
    Vielleicht sollte man mal diesen Blick anlegen – ich kenne die Wurzeln dessen, das ich kopiere oder imitiere, und ich kopiere oder imitiere mit großem Respekt. Alles andere scheint mir unrealistisch, da nicht klar ist, wo man einen Schlussstrich ziehen kann – Kulturen sind IMMER im Fluss, es wird kulturelles Wissen und kulturelle Traditionen weitergegeben seit es Menschen gibt, und ich kann nicht nicht aus fremden Kulturen übernehmen. Wenn ich das nicht dürfte, dürfte ich keine Nudeln und Tomaten essen, nicht rauchen, keine ungarische bestickte Bauernbluse tragen, keine Scones backen, nicht zum Konzert der irischen Folkband gehen, kein Yoga machen usw. usf. Man kann nur relativ wahllos auswählen, was man nicht übernimmt, aber für mich ergibt sich da kein schlüssiges Konzept, das sich sauber argumentieren lässt. Nicht mal der “Schwarze wollen, dass Weiße keine Dreadlocks tragen” -Ansatz funktioniert sauber, ich kenne mehrere Schwarze, denen das schnuppe ist. Es gibt sicher Inder, die nichts als Verachtung für mittelalterliche Amerikanerinnen übrighaben, die sich in der 250-Euro-Yogahose verbrezeln, gleichzeitig leben andere Inder von Yogaretreats in Goa und wieder andere Inder schreiben Bücher und geben Kurse über Yoga im Westen. Japaner ziehen sich Dirndl an und singen zu Weihnachten “Freude schöner Götterfunken”, und ich fühle mich dadurch auch nicht ausgebeutet – ich sehe es tatsächlich eher als Kompliment.
    In einer totalitären Welt könnte man das so regeln – jeder, der Yoga machen will, muss erst mal einen Ankreuztest machen, ob er sich mit der Geschichte und Tradition auseinandergesetzt hat – in einer liberalen Welt (die ich vorziehe) muss Platz für ein breites Spektrum vom Umgang mit fremden oder auch nur mehr halbfremden oder quasi eingebürgerten Traditionen geben – von “Tu ich nicht, da respektlos für mich” bis zu “Mach ich, weil fühlt sich für mich stimmig an” bis zu “Ich hab genau null Gehirnaktivität auf die Frage verschwendet, so what.”
    Meine Lieblingslösung ist die asiatische – wer sich aus dem Fundus des Fremden bedient (von der Nudel bis zu den Dreadlocks) sollte sich im Idealfall informieren, was er oder sie da tut. Und wenn er oder sie den Eindruck hat, er oder sie kann’s guten Gewissens vertreten – nur zu.

    • Ich finde, du hast das Thema verfehlt: Das Thema ist _überhaupt kein_ Urheberrechtsthema. Es könnte fast nicht weiter davon entfernt sein. Viele Leute betrachten es aber unter diesem “Copyright” Blickwinkel, vielleicht, weil es ihnen unter den kapitalistischen Verhältnissen, in denen wir leben, schwer fällt, die Sache anders zu betrachten.

      Das Thema bei der kulturellen Aneignung ist nicht “Imitation”, sondern Ausbeutung und Kulturpolitik. Du vergisst, dass Kolonialismus bedeutete, dass gleichzeitig die Kolonisierten ausgebeutet und ihre Schätze genommen wurden, während sie gezwungen wurden, von ihrer Kultur abzulassen und die Kultur und Religion der Kolonisatoren anzunehmen. (Yoga und Ayurveda waren in Indien zur britischen Kolonialherrschaft verboten, z.B.)

      Dies alles ausser acht zu lassen und stattdessen von “Copyright” zu reden ist ziemlich weit hergeholt.

      • Ich habe das Wort “Urheberrecht” einmal verwendet, um den westlichen Umgang mit der Übernahme von “Fremdem” einzugrenzen – und auf den Rest meines Posts bist Du ja nicht eingegangen, aber sei’s drum.
        Mein Hauptpunkt ist der – es lässst sich nicht ordentlich abgrenzen, wo Übernahme von “Fremdem” “legal” ist und wo Ausbeutung und Kolonialismus. Oder wo irgendwann einmal Ausbeutung und Kolonialismus eine Rolle spielte und man sich das als Grund gibt – völlig wahllos, anderes geht’s nämlich nicht, um irgendetwas nicht zu tun, obwohl man selbst an selbigem Kolonialismus nicht beteiligt war.
        Nimm noch mal das Yoga-Beispiel. Das machst Du, wohl wissend, dass es manche (!) Inder dafür kein Verständnis haben und das für Ausbeutung von Kulturgut halten. Du gewichtest also Dein Interesse an Yoga und die indischen Stimmen, die Yoga auch gerne im Westen sehen, als höher als die, die dafür kein Verständnis haben. Das ist eine rein individuelle, subjektive Entscheidung. Im Fall der Dreadlocks hast Du Dich anders entschieden und andere Stimmen höher gewichtet – wieder eine rein individuelle, subjektive Entscheidung, die nicht auf irgendwelchen objektiv nachvollziehbaren Kriterien beruht.
        Und nachdem ALLE nur so entscheiden können (auf der Basis ihres Wissens und der Auswahl von “Stimmen”, die sie halt zur Verfügung haben oder die sie plausibel finden), ist das zu wenig für eine stimmige Theorie. Alles sehr schick und postmodern, klar, aber einfach so schwammig, dass ich mich da nicht wiederfinde.
        Sehr oft scheint es nur darum zu gehen, dass man sich selbst als viel, viiiiiiel kulturell sensibler und weniger ausbeuterisch positioniert als der ignorante Rest um einen herum (“Was, du lässt dein Kind ein Indianerkostüm anziehen? Du Loser!”) – da schwingt mir ein bisschen zu viel “holier than thou”-Denken mit.

        • Ich habe so und auf dieser Ebene keine Lust, zu diskutieren. Ist es wirklich so schwer für dich, zu verstehen, was bei kultureller Aneignung ein Problem ist, und warum? Für dich ist das alle so abstrakt, so “legal” oder “illegal”, so mit “Copyright” oder ohne, so mit Abhakliste oder ohne, es scheint für dich eine ganz, ganz trockene Theorie zu sein.

          Kannst du dir nicht nur einen klitzekleinen Moment vorstellen, dass es weiße Leute gibt, die sich mit dem Thema Kolonialismus und Rassismus beschäftigen und in ihrem Herzen Schmerz und Scham empfinden, und etwas tun wollen, um gegen Rassismus und postkoloniale Ausbeutung zu kämpfen? Das Thema Kolonialismus/Imperialismus und Rassismus ist so hart, ich verstehe manchmal wirklich diese lockere Distanziertheit nicht, die so viele im Angesicht dieses Themas an den Tag legen.

          Muss das Thema wirklich IMMER als ein Lifestyle von weißen Menschen, für die nur Weiße und die Meinung von anderen Weißen zählen, verhandelt werden, wo Schwarze, People of Color, Rroma wieder nur die Hintergrunddeko darstellen?

          Nein, muss es nicht. Ich halte diese Ebene nicht nur für off-topic, sondern für einen Teil des Problems.

  3. Deinen Text finde ich sehr angenehm zu lesen, weil er behutsam, unaufgeregt und abwägend vorgeht. An einer bestimmten Stelle fällt es mir aber aus einem prinzipiellen Grund sehr schwer, mitzugehen.

    Ich verstehe, dass es Menschen gibt, für die eine Frisur oder Atemgymnastik stark mit politischer, kultureller oder persönlicher Bedeutung aufgeladen ist, und die sich aus diesem Grund dafür oder dagegen entscheiden. Es nimmt aber nicht jeder andere Mensch, der diese Frisur trägt oder die Atemgymnastik praktiziert, eine Aussage über andere Menschen vor.

    Das Ziel linker Emanzipation ist für mich grundsätzlich immer Freiheit und Entfaltung jedes einzelnen Menschen, sofern sie nicht andere Menschen einschränkt. Die Idee des Privilegs führt den Blick manchmal in die falsche Richtung: Die Freiheit, eine beliebige Frisur zu tragen, schränkt niemanden ein. Wenn eine Gesellschaft manchen Menschen mehr Frisurvarianten, sexuelle Freiheit, Bildungschancen etc. zugesteht als anderen, so ist das Problem nicht das Privileg der einen, sondern die Beschränkung der anderen. Der Kampf sollte sich dann nicht gegen das Privileg richten, sondern für allgemeine Rechte. Eine oppressive Norm bekämpfe ich nicht, indem ich ihr eine andere oppressive Norm entgegensetze, sondern indem ich die individuelle Freiheit zur Norm mache.

    Die aktuelle Welle der Identitätspolitik empfinde ich an manchen Stellen als antiemanzipatorisch. Niemand hat das Recht, einem erwachsenen Menschen beliebiger Hautfarbe die Frisur vorzuschreiben. Wenn jemand z.B. aufgrund der verinnerlichten Kulturtradition von Kaiser Maximilian meint, eine bestimmte Haarlänge sei bei anderen Menschen nicht in Ordnung, dann irrt er sich genauso wie jemand, der das aufgrund der Kolonialgeschichte seiner Urgroßmutter findet. Wenn meine Identitätskonstruktion von der Emanzipation meines Gegenübers gekränkt ist, dann liegt das Problem nicht im Gegenüber.

    • Danke für den Kommentar.
      Im Prinzip finde ich das, was du schreibst, richtig. An dem einen Punkt: “Die Freiheit, eine beliebige Frisur zu tragen, schränkt niemanden ein.” hast du aber Unrecht.
      Zum einen handelt es sich bei unserem Diskurs nicht um einen “Freiheit einschränkenden Diskurs”. Niemand, weder ich, noch Schwarze oder PoC, haben die Macht oder die Möglichkeit, Frisuren wirklich zu untersagen oder irgendwelche Freiheiten bezüglich Frisuren einzuschränken. Und wäre dem so, dann müssten wir diese Diskussion nicht führen ;) weil dann die Machtposition der weißen Mehrheit, die den Schaden anrichtet, gar nicht gegeben wäre.
      Zweitens, es ist (die Links bitte anklicken und lesen) mit der Frisur der Dreadlocks Diskriminierung und Unfreiheit verbunden, d.h. Schwarze werden für die Struktur ihrer natürlichen Haare diskriminiert, sie sollen gefälligst ihre Haare wie Weiße tragen, um sich mehr “anzupassen”. Wenn die dominante Kultur Dreadlocks als Mode übernimmt, wird oft die ursprüngliche Bedeutung von Dreadlocks “überschrieben”. Das heisst, Schwarze werden zwar nach wie vor aufgrund ihrer Haare diskriminiert und exotisiert, aber das wird dann auch noch unsichtbar gemacht, weil “hey, Dreads sind doch heute cool und modisch” (nur, wenn Weiße sie tragen, aber das fällt ja ausser den Betroffenen niemandem auf).

      Mein Text und viele andere Texte auch zielen nicht auf eine gesetzliche Reglementierung ab (Thema “Freiheit, eine Frisur zu tragen”) sondern es geht um einen respektvollen Umgang mit Machtverhältnissen, um solidarisches Handeln und um Selbstverantwortung, die mit Privilegien einhergehen sollte. Und ich lege hier dar, wie für mich ein Selbstverantwortlicher Umgang in dem Fall Dreadlocks aussieht. Als Anarchistin habe ich das Thema immer wieder, dass ich daran glaube, dass Menschen in Freiheit, aus eigener Einsicht heraus, gut handeln können, ohne Andere zu verletzen.

      Menschen, die sich aufgrund konstanten geothert-werdens politisch zusammenschliessen, “Identitätspolitik” zu unterstellen, finde ich überhaupt sehr schwierig. Ich habe das so verstanden, dass Identitätspolitik von Butler z.B. kritisiert wurde, weil sie so viele Ausschlüsse produziert: Z.B. wenn in der LGBT* Bewegung nur weiße middle class Gays berücksichtigt werden und Trans* of Color unbeachtet an Aids sterben: DAS ist Identitätspolitik. Nicht, wenn Trans* of Color kritisieren, dass sie nie mitgedacht werden. Nicht vergessen, das. Ich finde es antiemanzipatorisch, wenn Ausgeschlossenen dafür, dass sie sich empowern und sichtbar machen, Identitätspolitik unterstellt wird. Identitätspolitik war ursprünglich eine Kritik von unten an “oben”, sie wird zur Zeit massiv umgedeutet in eine Kritik von oben nach unten. Das finde ich gefährlich. Es bringt diejenigen, die am meisten Diskriminierung erleben, noch mehr zum Schweigen.

      • Danke Dir für Deine freundliche Antwort! Verzeih, dass meine etwas länger wird…

        > Zum einen handelt es sich bei unserem Diskurs nicht um einen “Freiheit einschränkenden Diskurs”.

        Naja, doch, schon, oder? Es geht ja schließlich darum, was jemand darf oder nicht darf. Und sogar darum, dass es anscheinend ok ist, wenn die Umwelt versucht, diesbezüglich Macht und Druck auszuüben:

        > Wahrscheinlich macht’s irgendwann nur der gute alte Gruppendruck, oder anders ausgedrückt: Es wird out und du machst dich zum Gespött, wenn du es immer noch nicht kapiert hast.

        Das ist für mich das Gegenteil von Emanzipation. Ich ersetze einfach ein traditionelles oppressives Milieu durch ein alternatives oppressives Milieu. Der Anpassungsdruck bleibt bestehen. Ich kann mich gut daran erinnern, wie langhaarige Nichtfrauen in der Münchner U-Bahn von wildfremden Leuten angepflaumt wurden, weil ihre Frisur (nicht irgendwas, das sie jemandem getan hätten) irgendeinem Spießbürger respektlos vorkam. Mir erschien es damals falsch, zu verlangen: “wenn genügend X sagen, sie hätten es gern, wenn Y das Tragen von langen Haaren lassen würden, dann wäre es überlegt, verantwortungsvoll und respektvoll, es sein zu lassen.”

        > Und wenn schlicht genügend Schwarze sagen, sie hätten es gern, wenn Weiße das Tragen von Dreadlocks lassen würden, dann wäre es überlegt, verantwortungsvoll und respektvoll, es sein zu lassen.

        Klar, die linksalternativen Jungmänner im München vor der Jahrtausendwende waren eine Minderheit. Die PoC sind in Deutschland eine Minderheit (zudem eine, die auf Ämtern, gegenüber der Polizei und vielen Menschen gegenüber rassistischer Diskriminierung ausgesetzt ist). Aber niemand interagiert mit der Gesellschaft als ganzes. Unsere Bezugspunkte sind stets einzelne Menschen. Menschen wie Du und ich suchen uns unsere Gruppen und Milieus zudem recht frei und bewußt aus. In unseren Interaktionszusammenhängen sind wir normalerweise keine Minderheiten, sondern Teil normaler menschlicher Gruppendynamik.

        > Identitätspolitik war ursprünglich eine Kritik von unten an “oben”, sie wird zur Zeit massiv umgedeutet in eine Kritik von oben nach unten.

        In den meisten Zusammenhängen gibt es kein _globales_ oben und unten, jedenfalls solang Du kein Privatflugzeug hast. Bis dahin ist vieles relativ. Auch in der linksalternativen Szene gibt es viele obens und untens.

        Macht ist etwas, das normalerweise nicht eine einzige, absolute Hierarchie definiert, sondern lokale Interaktionen strukturiert. Wenige Leute bestreiten, dass man es als Mensch mit schwarzer Hautfarbe schwerer hat, in den USA in eine bedeutende gesellschaftliche Position aufzusteigen. Aber dennoch kann man Präsident werden. Gruppenidentität, die über die echten Interaktionen hinausgeht, ist eine Fiktion, ist etwas, das man sich konstruiert.

        Ein Mensch, der küssende Schwule ablehnt, hat seine Gründe dafür: aus seiner Sicht ist er vielleicht mit Jesus verbunden, und er hat gelesen, dass Jesus Homosexualität unmoralisch findet. Die küssenden Schwulen bedrohen seine konstruierte Gruppennorm und damit seine Identität.

        Ein Mensch, der lange Haare bei Männern ablehnt, hat auch Gründe: er sieht sich vielleicht mit der Disziplin und Zuverlässigkeit des kaiserlichen Soldaten-, Bürger- und Beamtentums verbunden, und er hat gelesen, dass Verstöße gegen diese Disziplin zu gesellschaftlichem Verfall, Kriminalität und moralischer Verwahrlosung führen.

        Ein Mensch, der verfilzte Zöpfe bei Weißen ablehnt, hat ihre Gründe dafür: aus ihrer Sicht ist sie vielleicht mit versklavten Opfern des Kolonialismus verbunden, und sie hat gelesen, dass die Haartracht zum Anlaß für Unterdrückung und zum Symbol des Widerstandes wurde.

        Ich kann nicht ohne weiteres den Unterschied erkennen. Die PoC von heute sind keinem Sklavenschiff entstiegen, genausowenig wie ich von Napoleon überfallen oder von den Nazis ins Gefängnis geworfen wurde. Ich kann mir zwar aus der Geschichte meiner Vorfahren eine Identitätsfiktion basteln, aber ich habe kein Recht, dass andere sich aufgrund meiner Ideen so verhalten, dass diese Fiktion keine Kränkung erfährt.

        • Nur kurz, weil ich am Smartphone tippe:

          1. Es geht nicht um “dürfen”. Es geht erstmal um Empathie mit weniger privilegierten Menschen, und es geht um daraus folgende Bewertungen, die überhaupt nicht schlimm zu haben sind. Dass ich bestimmte Dinge falsch finde, und das äußere, ist keine Unterdrückung sondern freie Meinungsäußerung. Nehmen auch alle anderen von Gebrauch.

          Dein Vergleich hinkt, weil hinter dem Tragen von langen Haaren keine Oppression erkennbar ist. Es geht hier um *begründetes* Nein-Sagen ggü. Oppression und keinen verselbstständigten Normen ohne Sinn. Was völlig anderes!

          2. Ich finde es schlicht ekelhaft, wie du hier die Meinungen eines homophoben Christen gleichsetzt mit den Schwarzen, die gegen Dreadlocks-tragende Weiße sind. Natürlich sind Identitäten intersektional und sollten so gedacht werden, aber Christen sind keine gesellschaftlich unterdrückte Gruppe. Du blendest Machtstrukturen komplett aus und klar kommst du dann zu solch seltsamen Ergebnissen – aber das halte ich eben für nen Denkfehler.

          3. Es geht nicht um ein Recht auf Nichtkränkung. Herrgottnochmal, dir wurde doch schon auf dieses dämliche Argument geantwortet: natürlich können PoC das niemandem verbieten.

          Du hast das Recht, Dreadlocks zu tragen, aber ich hab ein Recht darauf das scheiße zu finden und dich dafür zu ächten. Dein Weltbild sagt: alles muss okay sein, aber in der Konsequenz werden genau damit eben Leute unterdrückt. Dann ist eine Oppression der Mehrheit gegenüber der Minderheit nämlich okay. Das blendest du aus.

        • Ich kann mich Natanji da anschliessen. Insgesamt gesehen ist es mir unverständlich, wie jemand “links” und “emanzipatorisch” sein kann, aber Machtverhältnisse gleichzeitig derartig ignoriert. Ich dachte, wir linken wären gegen Herrschaftsverhältnisse. Wie sollen die denn weichen, wenn sie dermassen ignoriert werden?

          Gruppendruck und Szeneinternes aushandeln ist kein Law-and-Order Diskurs. Die Freiheit von weißen Linken ist hier auch nicht das Thema. Wenn sie das Thema wäre, dann müsste ich schon lachen: Linke tragen diese Frisur, um sich über gesellschaftliche Konventionen hinweg zu setzen, sie wollen “Regeln brechen” wie “man aussehen darf”, aber bei einem klein wenig Gruppendruck in der Szene wird sofort über “meine eingeschränkte Freiheit” gesprochen. *schmunzel*
          Komisch, Gruppendruck gibt es doch immer in jeder Szene. Du kannst doch nicht im Ernst bei den Linken so rumlaufen, wie du willst? Da fügt man sich und nickt das bereitwillig ab, Ja, “coole Kids tragen kein Pali-Tuch”, selbstverständlich.. aber wenn es mal um ein Thema geht, wo das weiße Überlegenheitsdenken rausgefordert wird, sind haargenau die selben Abwehrreaktionen da wie bei konservativen Kreisen: “Das wird man ja wohl noch machen dürfen!” “Das sind ja Verboooote”.

          Das Thema ist hier aber vielmehr, dass die Frisur, die für viele weiße Linke protestlerisch und “anders” ist, für Schwarze Menschen ein “natural hairstyle” ist, d.h. was für Weiße sensationell und skandalös und exotisch ist, ist deren ganz gewöhnliches Haar! Das noch dazu, im Fall der Rastafari, mit einer spirituellen Bedeutung verbunden ist. Und hier geht es nicht um irgendeine Religion, sondern um eine afrodiasporische Religion, die immer schon, also schon im Ansatz, gegen das rassistische, ausbeuterische System gerichtet war. Es ist eine Religion, die Menschen ihre Wurzeln und ihren Stolz wieder gab, nachdem sie verschleppt und entmenschlicht worden waren. Ähnlich wie die Nation of Islam von Malcolm X und Muhammad Ali. (Da kann ich auch oft beobachten, wie Weiße meckern, dass die ja selber “auch rassistisch” gewesen seien, weil da oft gar kein Verständnis da ist für die Kraft, die das hat, wenn Menschen sich ihre Würde zurückholen, die ihnen genommen worden ist. Klar war die Nation of Islam anfangs z.T. echt kacke drauf, aufgrund dessen hatte sich Malcolm X von denen irgendwann auch losgesagt.. aber es war nun mal eine sehr wichtige, empowernde Gruppe, das ist einfach nicht von der Hand zu weisen.) Wenn jetzt Weiße hergehen und Schwarzes Empowerment für sich als reinen Modegag entdecken, dann muss gerade in linken Zusammenhängen echt die Frage erlaubt sein, inwiefern da die politischen Hausaufgaben gemacht worden sind und ob da ansatzweise ein bischen Bildung über die politischen Kämpfe der Schwarzen Brüder und Schwestern vorhanden ist. Als ich meine Dreadlocks hatte, war ich Teil einer fast rein weißen politischen Szene, in der es noch dazu eine starke hetero-männliche Dominanz gab. Wenn das immer so weiter gehen soll, bitte sehr – aber wenn linke Bewegungen sich mit den Herrschaftsstrukturen im Kleinen, die sie selber ja auch abbilden, befassen wollen und sich davon befreien wollen, dann sollte dafür auch ein geschärfter Blick da sein.

          “Solang du kein Privatflugzeug hast” – sonst geht es noch?
          Natürlich gibt es in der linken Szene viele obens und untens: Da bilden sich Herrschaftsverhältnisse auch in unseren Strukturen ab: Sexismus, Heterosexismus, Rassismus, Ableismus, Klassismus… du tust ja grade so, als wäre die Macht zunächst mal denen mit dem Privatflugzeug in die Hand gegeben worden und beim Rest irgendwie nach dem Zufallsprinzip verstreut worden. (Hint: Dem ist aber nicht so.)

          Du sagst, dass Gruppenidentität eine Fiktion sei. Sie ist ja auch ein Konstrukt, aber du versuchst hier, die gesellschaftlichen Auswirkungen wegzureden, indem du sie als Fiktion und Konstrukt bezeichnest. Konstrukte und Fiktionen wirken aber und sind mitunter sehr rigide in ihren Auswirkungen. Dann versteigst du dich dazu, dass jede Identitäts-Fiktion irgendwie als Privatsache jeder einzelnen Person zu bewerten sei, und setzt die Identität eines konservativen, intoleranten Jesusgläubigen gleich mit einer empowernden Identität, die Menschen zu ihrer Menschlichkeit zurückverhilft, nachdem sie eben aufgrund dieser selben Identität bis zur physischen Vernichtung “geothert” worden waren. Ich finde das zudem noch ziemlich unverschämt, als Beispiel zu nehmen “ein Mensch lehnt Filzhaare bei Weißen ab, denn sie hat irgendwo gelesen, dass…” – so als wäre das total lebensfern. Du erschaffst hier die Erzählung, dass die Belange Schwarzer Menschen irgendeine Erzählung von irgendwo ganz weit weg sind, von der wir Weißen vielleicht “irgendwo mal lesen”. Das ist an und für sich schon sehr interessant. Und sehr bezeichnend.
          Es ist gerade deshalb sehr aktuell, das Thema, weil es für Schwarze Menschen eben nicht etwas ist, was man “gelesen hat” sondern deren tägliche Lebensrealität, dass sie ständig als fremd und nicht hierher passend geothert werden, dass sie für ihr Haar exotisiert werden, dass ihnen die ganze Palette rassistischen Handelns aufgedrückt wird, während sich das Gros der Mehrheitsgesellschaft noch nicht mal mit der eigenen kolonialen Vergangenheit befasst hat und noch nicht einmal Kenntnisse von den Traumata hat, die ihre Gesellschaft anderen Gesellschaften zugefügt hat. Schwarze Menschen sehen, wie weiße Personen mit eklatanten Bildungslücken hergehen und sich mal eben, auf die oberflächlichste Art und Weise, überall die Sahnehäubchen abpflücken, und wenn sie dafür kritisiert werden, was von “antiemanzipatorisch” und “meine Freiheit, ich kann doch tun was ich will”, von sich geben. Das ist nur peinlich, wirklich nur oberpeinlich!

          Noch dazu habe ich noch nie so eine verwässerte, wirklich zu gar nix mehr brauchbare Definition von “Identitätspolitik” gesehen, die nun wirklich von jeglicher Herrschaftskritik abgelöst worden ist. Gratulation….

          • > Es geht hier um *begründetes* Nein-Sagen ggü. Oppression und keinen verselbstständigten Normen ohne Sinn.

            Es gibt _immer_ ein Narrativ. Jeder, der einem anderem Menschen mit Verachtung und Intoleranz begegnet (“es ist mein gutes Recht, Dich zu ächten, wenn Du X tust”), hat dafür einen aus ihrer Sicht sehr guten, moralisch einwandfreien Grund. Die Ablehnung dieses Narrativs erscheint den meisten Menschen als “total lebensfern”. Es spielt keine Rolle, dass der andere, ablehnende Mensch die Welt ebenfalls seit 30, 40, 50 Jahren aufmerksam beobachtet, und dass der Mensch mit dem Narrativ in fünf Jahren was ganz anderes glauben wird. Schau mal, wie sich allein die dominanten Narrative in den verschiedenen linken Strömungen in den letzten Jahrzehnten verändert haben. Glaubst Du im Ernst, dass das einfach nur ausdrückt, wie sich die Menschen immer weiter in Richtung der Absoluten Wahrheit entwickeln?

            Ideologie ist ein bißchen wie Mundgeruch. Man bemerkt es nur bei anderen.

            Das entwertet Deine Position kein bißchen. Und: ich persönlich teile Deine Position sogar, d.h. ich würde selbst keine Dreadlocks tragen, aus ähnlichen Gründen wie Du (aber auch aus anderen). Mir geht es darum: wie gehe ich mit Menschen um, die meine Welterzählung nicht teilen?

            Aus meiner Sicht sind Machtunterschiede entweder in individuellen Persönlichkeitsmerkmalen (aufgrund von Sozialisation und teils auch Biologie) begründet, oder eben in ökonomischen Verhältnissen. Wenn mir jemand sagt, dass er die Frisurwahl für ungeeignet hält, ökonomische Verhältnisse oder Sozialisation zu beeinflussen, fällt mir kein triviales Gegenargument ein. Ich muß es aushalten können, wenn jemand anderes eine andere Begründung für seine Frisur hat als ich. Und zwar ohne die andere deshalb “zu ächten”.

            Es gibt Ungerechtigkeiten, die ich in meinem Leben trotz aller meiner Bemühungen nicht auflösen kann. Soziale Ungerechtigkeit, rassistische Tendenzen oder allgemeine Lieblosigkeit kann ich nicht an der Wurzel packen und ausreißen. Aber ich kann auf jedem Fall bestimmen wie ich mit anderen Menschen umgehe, und was dabei meine Richtschnur ist.

            Anarchie: I don’t think it means what you think it means.

            • nach wie vor sehr faszinierend, wie du das siehst, aber du liest, finde ich, machtstrukturen da rein, wo es dir beliebt, um deine position zu untermauern. das ist irgendwie die negative kehrseite von identitätspolitik: gesellschaftliche machtpositionen ganz ausser acht zu lassen. :/

              btw diesen schuh mit ideologie, autoritär, dass leute nun geächtet würden etc. ziehe ich mir nicht an, ich finde das sehr übertrieben und unrealistisch.
              wenn privilegierte leute mal n bischen druck kriegen, ist das deshalb, weil sie von alleine offenbar nicht klarkriegen, mit ihrem diskriminierenden verhalten aufzuhören. aber ich hab auch nur begrenzt zeit und lust diesem thema, wie ok es ist, druck auf linke zu machen, priorität zu geben. *schulterzuck* sooo schlimm ist das nicht, dass mensch da nun lang und breit rumheulen muss..

            • “Ich muß aushalten können” ist ein ziemlich beschissener Satz. Im Kampf gegen Oppression ist genau das eben *nicht* der Fall. Hör’ auf anderen vorzuschreiben wie sie mit Oppression umgehen, dass sie nicht wütend dabei sein dürfen, dass sie dabei nicht entscheiden *dürfen*, dass sie mit Menschen die eine bestimmte Praxis haben nichts zu tun haben wollen. Das ist echt nur typisch Weißes Mimimi, dass du ja auf gar keinen Fall mal negativ behandelt werden darfst, wenn es dir übertrieben vorkommt oder wasauchimmer.

              Damit meine ich nicht, dass ich mir eine großartige Ächtung *wünsche*, und auch distelfliege verstehe ich nicht so. Ich hab’s auch lieber mit Leuten zu diskutieren und meine Ablehnung verbal deutlich zu machen ohne gleich gesamte, komplexe Menschen abzusägen. Gleichzeitig wäre für mich der Fall klar: wenn sich auf ner linksemanzipierten Veranstaltung jemand mit Dreadlocks befindet und eine PoC sich darüber beschwert, dann hat diese Person ihre Haare zu verdecken oder den Raum zu verlassen. Punkt.

              Dass du meinst, dass hier Leute andere Begründungen “aushalten” müssen obwohl es nicht um die Begründung, sondern um die Praxis geht, finde ich ebenfalls daneben. Die Motivation ist persönlich natürlich wichtig und kann im empathischen Miteinander dazu führen, dass ich eher gewillt bin, einer anderen Person das durchgehen zu lassen – aber sie ist kein Schutzschild vor Ächtung. Wieso müssen mal wieder andere eine Frisur “aushalten”, aber dass Menschen aufgrund von *ebenso* gut begründeter und bekannter antidiskriminatorischen Kritik an dieser Frisur als nicht passend für einen Raum angesehen werden oder als Trampel oder Unterdrücker wahrgenommen werden, das muss dann dieser Mensch, dieser *Weiße*, anscheinend *nicht* aushalten? Makes no fucking sense.

              Und for the record, ich praktiziere das in meinem Bekanntenkreis mit sehr viel Empathie und bin auch mit einer Person mit Dreadlocks ganz gut befreundet. Ich bin auch mit Leuten befreundet die Drohen für die Bundeswehr programmieren und habe diesen mehrfach erklärt wie scheiße ich das von ihnen finde – es ist aber eben *mein* Ding, ob das für mich ein Freundschaftskündigungsgrund ist oder nicht, ich muss das mit mir selbst ausmachen.

              Niemand versucht hier zu begründen, warum man Weiße mit Dreadlocks zu hassen hat oder so ein Driss. Es geht darum, dass schwarze Stimmen aber gehört werden und auch relevant sein sollen, und den Umgang damit. Eine Atmsophäre zu schaffen, in denen die Kritik an Dreadlocks möglichst vielen Menschen bekannt ist, möglichst viele Weiße sich dagegen entscheiden, und in denen Weiße eben auch mal gesellschaftlichen Druck spüren dürfen – ein bisschen Druck, in ganz speziellen Räumen, der *nichts* ist im Vergleich zu dem, was Schwarze für ihr Haar andauernd im Alltag erleben und hinnehmen müssen, überall, und vielleicht dann eben *nicht* im Schutzraum auch noch rauf gestoßen werden wollen wie der weiße Anarcho-Macker das mal nebenbei so macht und dafür alle Komplimente der Welt kriegt, weil er halt weiß ist.

            • Gerade wurde mir auf Twitter reingereicht, dass eine junge Schwarze, die auf dem roten Teppich der Oscar-Verleihung mit Dreadlocks auftrat, von weißen Talkmasterinnen beleidigt wurde mit Sätzen wie “Die riecht bestimmt nach Patschuli” “Oder nach Gras”. Zendaya hat darauf eine für unser Thema hier sehr empowernde und tolle Antwort geschrieben, und ich habe das oben unter dem Text gerade noch verlinkt.

              Genau um solche Dinge geht es, ständig werden Schwarze wegen Afro-Haarstyles unangemessen behandelt. Die Talkmasterin begründete dann auch ihre Kommentare, anbei mit einer Entschuldigung, dass es mit Race nichts zu tun gehabt hätte, und sie den “Bohemian Chic” der Frisur kommentieren wollte. Nun, den “Bohemian” Ruf hat die Frisur aber durch die Aneignung von Weißen. Da find ich das krass und bezeichnend zu sehen, wie Weiße Dreadlocks als “Bohemian Chic” behandeln und für sich besetzen – und auf Schwarze fällt das dann zurück.

              Genau, ich habe das nicht als “Ächtungsaufruf” verstanden und ich bin froh, dass du mich auch nicht so verstanden hast. Ich habe den Text eigentlich deshalb geschrieben, WEIL ich für den Weg der Diskussion bin, und dagegen, dass wir in der linken Szene das am Einlass von Parties durch Türpolitik regeln müssen. Dein Beispiel mit dem Rausfliegen von einer Party – ich fürchte, dazu besteht in der weiß dominierten linken Szene einfach zu wenig Konsens. Das ist für die Schwarze/Person of Color total stressig, die bei der gegenwärtigen “Themenakzeptanzlage” riskiert, selbst rauszufliegen oder dass Aggressionen massiv gegen sie gerichtet werden. Ich glaube, sehr viele Leute sagen genau aus dem Grunde nämlich nichts und nehmen dies dann halt hin oder bleiben selbst weg. Ich kann mir nicht vorstellen, dass ich als Weiße, wenn ich solidarisch etwas sagen würde, damit irgendeinen Erfolg in linken Räumen hätte.
              Aber ich gehe ja kaum noch auf Parties und vielleicht haben sich Zeiten inzwischen etwas geändert, ich weiß es nicht..

              Ich schrieb “Dann regelt es nur noch der gute alte Gruppendruck” vornehmlich deshalb, weil ich Menschen dazu aufrufen will, vorher selber nachzudenken und selber sich zu reflektieren. Bevor es der besagte Gruppendruck letztendlich regeln muss. Genau, was du im letzten Absatz geschrieben hast: Genau das. Einfach dies.
              Ich denke auch, die für die zwei drei Weißen auch ein Plätzchen existiert, die Dreadlocks wirklich mit Bedacht tragen, weil sie z.B. zum Rastafarianismus konvertiert sind oder weil sie ein yogisches Gelübde abgelegt haben und den Weg indischer Asket_innen beschreiten. ja meine Güte – das wird sich in so einer kleinen Szene, wie sie bei Linken oft existiert, ja wohl rumsprechen können.
              Was ich einfach nicht möchte, ist, dass Dreadlocks trotz der fortwährenden Kritik Schwarzer und Menschen of Color weiterhin als “bohemian chic” Modeaccessoirce für Weiße in einer Szene durchgehen, die sich gegen Rassismus ausspricht. Wer gegen Rassismus ist, muss mindestens Schwarzen/People of Color zuhören.
              Ach, naja. Dein letzter Absatz sagt es einfach sehr sehr gut.
              Danke dafür.

  4. Pingback: Episode 111: übelst Grippe | Die urbane Spinnstube

  5. Pingback: Linkschau vom 2015-02-23 | stk

  6. Mein Standpunkt sind die Ideale der Aufklärung. Ich bin links, aber gegen Autoritarismus. Dazu gehört, dass dafür eintrete, dass Menschen keiner Ächtung ausgesetzt sind, wenn sie ihre Frisur, ihre Geschlechterrolle, den Ausdruck ihrer Sexualität oder sonstwas gestalten, solang dabei niemand anders physisch beeinträchtig wird. Dir steht, glaube ich, keinerlei Urteil über meine Privilegiensituation zu (Du kennst mich nicht), und kein Recht, andere Menschen für ihre Frisur zu ächten (Du kennst ihre Begründung nicht). Du hast das Recht, andere Menschen zu überzeugen, wenn Du mit ihren Standpunkten nicht übereinstimmst, oder sie zu bekämpfen, wenn sie Dir oder anderen Leid zufügen. Ich glaube wirklich, Du solltest Deinen Blognamen reparieren: Deine Position ist nicht anarchistisch, sondern Teil einer linksautoritären Strömung.

    • Du weißt nicht, was Ächtung überhaupt ist.
      Ich sage dir jetzt zum letzten Mal, dass ich mir den Schuh mit dem Autoritarismus, den du mir ständig hinstellst, nicht anziehe. Du hast es jetzt auch oft genug gesagt, und ich habe dir nur einen Rat gegeben, weil ich denke, deine Betrachtungen könnten dadurch gewinnen, dass du die Ebene Privileg/Unterdrückung mehr mit einbeziehst. Dass du nun gleich aufschreist, ich würde dich persönlich beurteilen, spricht ja Bände. Ich beurteile nicht deine persönliche Situation, sondern ich spreche darüber, an welchen Stellen deine Analyse meiner Ansicht nach fehlerhaft ist.

      Wenn dir mein Blogname nicht gefällt: Da ist die Tür.
      Und nimm deinen Schuh mit dem Linksautoritarismus wieder mit. Denn wie gesagt, mir passt er nicht.
      Tschö.

      P.S. weil es mir grade auffällt: Die “Ideale der Aufklärung” – dass du ausgerechnet damit ankommst, ist ja in einem rassismuskritischen Zusammenhang sehr, sehr witzig. Ich würde empfehlen, von Peggie Piesche zu lesen: “Der >>Fortschritt<< der Aufklärung"; in Mythen, Masken und Subjekte: kritische Weißseinsforschung in Deutschland.

      • Ich wollte Dich weder kränken noch provozieren. Es tut mir sehr leid, dass das anscheinend dennoch geschehen ist. Die Eskalation der Diskussion in den Bereich des empörten Sich-Nicht-Mehr-Verständigen-Wollen-Und-Können ist erstaunlich rapid: ich stehe Deinen Standpunkten sicherlich näher als ca. 95% der internetangeschlossenen Menschheit. Ist Dir eigentlich bewußt, dass Deine Filterbubble so weit “out there” ist, dass Anschlußfähigkeit, eine Verständigung und (und wirksame Weiterentwicklung der gemeinsamen Standpunkte) nur noch einem sehr kleinen Teil der Menschen möglich ist?
        (Selbstverständlich lass ich Dich künftig in Ruhe.)

    • Ganz ehrlich, was geht mit dir?
      Es gibt einen Unterschied zwischen Ächtung und Disagreement. Geächtet, und da verschiebt sich bei dir grad ne Ebene, werden Kulturen, die für die gleiche Aktion diskriminiert, möglicherweise sanktioniert werden, die ein weißer Mensch aus deren Kultur reißt und bedenkenlos jederzeit tun kann und vermutlich daraus noch Profit schlägt.

      Und die Ansicht, dass Menschen sich zum Ausdruck bringen können sollten, so lange sie niemandem physisch schaden. I mean?! Bitte? Rassismus ist heute so tief verankert, dass er bei 90% der Bevölkerung Teil der Persönlichkeit geworden ist. Reflektieren wir das jetzt nicht mehr, weil die Meisten keinem eine reinhauen?

      Tipp: Fang doch mit der Aufklärung mal bei dir selber an, bevor du Ausbeutung mit deinem “Wir sind hier doch alle total cool mit Selbstentfaltung”- Schwachsinn legitimierst.

      Es ist nicht so, dass ich dir generell bei allem, was du gesagt hast widerspreche, aber das hier, das find ich grad einfach sehr simpel- gefährlich simpel und in der Folge inkonsequent.

  7. @Natanji: ähnliche Gedanken wie die Deinen zum Capoeira habe ich zum Flamenco, wo sich (nach derzeitigem Forschungsstand) die von den Rroma aus Indien mitgebrachten-Rhythmen und Melodien mit den in Spanien bereits vorhandenen vermischt haben. Da bin ich mir häufig unsicher, was ich als Nicht-Rroma noch übernehmen oder gar variieren darf. (Ich sage “nach derzeitigem Forschungsstand”, weil ich der Meinung bin, dass darüber das letzte Wort noch nicht gesprochen ist.)

    @allgemein (nur eine Nebenbemerkung): Die oben zitierte Ausrede der Talkmasterin finde ich genauso schlimm wie die ursprüngliche Äußerung. “Bohemian” kommt meines Wissens vom französischen “bohémien”. Eine der Bedeutungen von “bohémien” ist aber eine nicht gerade freundliche Fremdbezeichnung für Rroma.

  8. Pingback: Links | ringelmiez

  9. Pingback: Check mal deine Haare! | Elfenbeinbungalow

  10. “Gleichzeitig wäre für mich der Fall klar: wenn sich auf ner linksemanzipierten Veranstaltung jemand mit Dreadlocks befindet und eine PoC sich darüber beschwert, dann hat diese Person ihre Haare zu verdecken oder den Raum zu verlassen. Punkt.”

    Irgendwo stand dieser Satz und mir stellte sich folgende Frage: warum sollte sich dieser PoC darüber beschweren wie ich meine Haare trage, wenn er doch gar nicht weiß warum ich sie so trage. Warum wird davon ausgegangen, dass Dreads bei allen nur eine Modeerscheinung ist und nichts mit der persönlichen Lebenseinstellung zu tun hat. Es gibt viele Kulturen in denen Dreads getragen wurden, sogar europäische. Sogar europäische unterdrückte Kulturen. Ebenfalls eine Minderheit, welch von der Kirche überrannt wurde.
    Es ist deine Sache was du für dich als richtig erachtest, aber das tragen von Dreads nur auf diesen einen Gesichtspunkt zu beschränken, finde ich schon ein bisschen engstirnig.

    • Ja, das stimmt schon, dass das natürlich nie alles berücksichtigen kann, weswegen weiße Menschen Dreads tragen. Ich würde aber trotzdem darauf tippen, dass gerade diejenigen, die Dreads nicht als Modeerscheinung tragen, auf den angesprochenen Fall eher cool reagieren würden. Weil wenn dir selber was wichtiger ist als nur ne “Mode”, dann verstehst du eher, wenn es anderen auch wichtiger ist als nur ne Mode.

      Ich bin selber Teil einer sexuellen Minderheit, die aber nominell heterosexuell ist, also eine Cisgender Frau die auf Männer steht. Ich sehe mich selber aber als (zumindest teilweise) schwul. Ich bekam viel Ängste von LGBT* Leuten zu hören, Ängste vor den “Mode Queers”, also Heten, die sich wegen jedem Scheiss nun zu Queers erklären, die sich mühsam aufgebaute queere Räume aneignen und davon profitieren. Und ich sehe das so: Gerade WEIL ich queer BIN und das nicht aus “Mode” mache, verstehe ich diese Ängste und bedenke sie mit. Und wenn Leute nicht direkt hergehen und mir knallhart meine Identität absprechen, respektiere ich das und bewege mich mit Respekt in diesen Räumen. Im Gegenzug bekomme ich oft in Gesprächen mit LGBT* Personen zurückgemeldet, dass sie gerade daran auch merken, dass es bei mir nicht nur ums Äussere, um sich interessant machen, um die Mode geht.

      Ich weiß nicht, ob diese Metapher so verständlich ist.
      Persönlich würde ich lieber auf Aufklärung setzen und Diskussion, Diskussion, Diskussion.
      Ich hatte auch mal Dreads und habe mich mit den ganzen Erklären “es gibt viele Kulturen und auch europäische etc” befasst. Wenn ich ehrlich war, war dies aber weder der Antrieb wieso ich mir Dreads gefilzt hatte, noch war es für mich später von tieferer Bedeutung. Was ich schon tat, war, mich mit Rastafarianismus zu beschäftigen, die Geschichte davon, die Musik, die politische Botschaft. Vielleicht hat auch genau das dazu geführt, dass ich irgendwann nicht mehr vorgeschoben habe, “ach, es gab ja auch die Kelten”. Auf englisch gibt es den treffenden Ausdruck “it gave me pause”. Ich merkte, ich trage sie tatsächlich “nur” aus ästhetischen Gründen, und ich war angesichts der Ehrfurcht einflössenden Geschichte von Kämpfen und Kultur der Rastafari und Anderer immer weniger okay damit, mich da so in eine Reihe damit zu stellen.

      Deshalb ja, wenn sie den Leuten was bedeuten: Cool.
      Aber ehrlich sein, zu sich selbst.

      Ich bin inzwischen mit meinem Text auch nicht mehr zufrieden. Das Thema finde ich sehr schwierig. Ich verstehe nicht, wieso ein sich über den Hintergrund informieren und Reflektion oft nicht auszuwirken scheint.

      Einen recht coolen Artikel über Aneignung, der sich aber nciht auf kulturelle Aneignung, sondern auf subkulturelle Aneignung bezieht, finde ich Julia Seranos Essay “Considering Queer and Trans Appropriation”. http://juliaserano.blogspot.de/2013/10/considering-trans-and-queer.html

      Grütze Z.

  11. Ja, damit hast du vermutlich recht. Ich könnte jetzt behaupten, dass ich auf jeden Fall Respekt vor den Gefühlen meines Gegenübers hätte und die Dreads verdecken würde. Aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Es würde mir schon auch etwas auf die Art ankommen mit der mir das Anliegen vermittelt wird. Jemandem der mich anpöbelt werde ich weniger Respekt entgegen bringen als jemandem der mich sachlich darauf aufmerksam macht. Gegenseitiger Respekt wäre mir da wichtig.

    Ich gestehe, dass ich mich durch deine Worte im Text schon angegriffen gefühlt hatte. Nach dem ersten Mal lesen vor einigen Wochen hatte ich ein bisschen gegoogelt was da Oberhaupt dran ist. Dabei habe ich das Thema aber nur oberflächlich abgekratzt. Davor Haare ich mir so absolut keine Gedanken darüber gemacht. Wäre es tatsächlich so wie du geschrieben hast… Das Dreads nur in die schwarze Kultur gehören sollten aus deinen angegebenen Gründen… Wer weiss, ich hätte es mir vielleicht tatsächlich noch mal überlegt – meine Dreads sind nämlich erst 5 Wochen alt :o)
    Natürlich habe ich sie ebenfalls aus ästhetischen Gründen, aber nicht nur. Ich trage Dreads, weil sie zu mir gehören. Das klingt vielleicht seltsam, aber so empfinde ich es tatsächlich. Um sie machen zu lassen habe ich ca 15 Jahre gebraucht. Es war also bei weitem keine spontane Modeentscheidung.
    Das ist etwas das sich nur in meiner eigenen kleinen Welt ereignet hat, beeinflusst durch meine Lebenserfahrung, -Einstellung, sogar Spiritualität.
    Die politische Ebene auf der du dich bewegt.. Da kann ich nicht mitreden oder zumindest nicht fundiert mit dir darüber diskutieren. Offensichtlich bist du da viel belesener als ich :o)

    Bei letzterem muss ich dir aber eindeutig wiedersprechen: über Hintergründe informieren und (Selbst)Reflektion bringt immer was. Oft ist es aber nicht gleich sichtbar.

    • Danke für deine Offenheit.

      >Bei letzterem muss ich dir aber eindeutig wiedersprechen: über Hintergründe informieren und (Selbst)Reflektion bringt immer was. Oft ist es aber nicht gleich sichtbar.

      Dafür auch Danke, das fand ich gut. Auf jeden Fall. :)

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